In einem dem Bischofshause benachbarten und dem Bistum gehörigen Hofe
hatte schon Herrn Heinrichs Oheim und Vorgänger Edel, unter der Obhut
der Frau Malwine, einer alten verwitweten Dienerin des Rothenburgschen
Hauses, geborgen; der jetzige Bischof hatte sie hier belassen und
Minnegard während ihres Besuches am Main bei seiner Schutzbefohlenen
-- ihrer Freundin -- untergebracht, bis die künftige Nonne in einem
Religiosenhause von frommen Schwestern am Nordthor in Empfang genommen
und für den Eintritt in ein eigentliches Kloster vorbereitet werden
sollte: das hatte ihr Herr Heinrich als nahe bevorstehend angekündigt.
Ziemlich trübselig daher erwartete sie an diesem Abend in der
schmuckarmen Kemenate des schmalen Holzhauses den Ohm zum Nachtmahle.
Statt seiner erschien der Kellerer mit einer Absage: »Der Herr Hezilo
ist von einem Rundgang ganz weich- und wehmütig nach Hause gekommen,«
meldete der Treue kopfschüttelnd. »Er hat als Abendspeisung nur trocken
Brot und Wasser bestellt; ich sollte es ihm in die Bücherei tragen.
Das Brot bracht' ich ihm ganz gehorsam. Das Wasser aber? Ich schickte
es ihm durch den Brunnenmeister und ließ ihm sagen, bischöflicher
Keller führe das Gewächs nicht! O das bedeutet wieder einmal eine zu
durchwachende Nacht! Er geht jetzt wieder auf und nieder, auf und
nieder, und summt dazu -- aber nicht ein Gebet! Die erste Zeile hab'
ich erlauscht: 's ist, glaub' ich, aus einem alten Liede, das der
Junker von Yvonne einmal vortrug:
›Nicht Feuer und nicht Gift im Blut --‹
aber das andere hab' ich nicht verstanden. -- Vielschöne Jungfrau
Minnegard,« rief er näher tretend, »ich sag' Euch: wenn das noch lange
so fortgeht, dann geht's nimmer lang so fort! Er schläft nicht mehr,
er ißt nicht -- das, glaub' ich, hat er nie gelernt -- er trinkt nicht
mehr! Und wenn nun vollends auch Ihr noch uns verlaßt! Dann weicht von
uns der letzte Sonnenstrahl. Über Euch und Eure Schalkheit hat er doch
noch manchmal gelächelt mit seinem lieben, feinen, sonst so traurigen
Mund. Wer sollte auch an Euch nicht seine helle Freude haben!«
»Ja, mein treues Supfolein,« seufzte das schöne Mädchen und trug von
dem säuberlich von ihrer Hand gedeckten Tisch des Bischofs silbernen
Teller und goldenen Becher hinweg und stellte sie, sich zierlich auf
den Zehen reckend -- »wie steht ihr alles so anmutig!« dachte Supfo
dabei -- auf das vorspringende Kruggesims an der lindengetäfelten
Wand. »Ich weiß es wohl, -- Ihr habt mich lieb gewonnen in Eurem treuen
Herzen und in Euren klugen Gedanken, -- soviel der Oheim und der Wein
Raum darin leer gelassen haben. Bitte, gießt ein wenig Öl aus jenem
Krüglein auf die Ampel -- aus Byzanz, Geschenk von Frau Theophano,
nicht wahr? Die hätt' ich gern gesehen. Denn ich meine immer ...! Nicht
wahr, sie war argschön?« -- »Schöner vielleicht sogar als Ihr, und das
heißt was! Aber nicht so anmutvoll. So mehr wie die marmornen Göttinnen
in Rom.« -- »Sie soll aber gar nicht von Stein gewesen sein, die üppige
junge Witwe, wenigstens nicht gegen ...! -- Ach, wer doch von Stein
wäre! Glaubt Ihr, herzgescheiter Mensch, ich gehe gern von Euch und
mit Vergnügen in das Kloster?« »Ist ein Schandfleck für alle deutsche
Jugendschaft!« schrie der Dicke und ward rot im Gesicht. »Hei, wär' ich
ein Junker wie wir hier zwei oder drei herumstolzieren haben: -- auf
dem Wege zu den Schmachtnonnen, ja noch hinter dem Klostergitter hervor
würd' ich Euch retten. Für Euch selbst und für ...« -- »Am Ende gar für
Euch selbst? Hört, Ihr werdet ganz gefährlich in Eurem Mitleid! Ich
rufe mir Aufsicht herbei -- und was für gestrenge! -- komm, Edel, komm
heraus. Erscheine, du Heilige, und hilf mir wider die Anläufe dieses
dicken Dämons. Wir armen Jungfräulein müssen wieder einmal allein zu
Abend speisen.« »Die?« flüsterte Supfo. »Ja, die vertreibt mich. Denn
Junker Hellmuth ist mir nah ans Herz gewachsen. +So+ blond, +so+ schön
und +so+ widervernünftig!« Und er verschwand.