IX.

In einem dem Bischofshause benachbarten und dem Bistum gehörigen Hofe

hatte schon Herrn Heinrichs Oheim und Vorgänger Edel, unter der Obhut

der Frau Malwine, einer alten verwitweten Dienerin des Rothenburgschen

Hauses, geborgen; der jetzige Bischof hatte sie hier belassen und

Minnegard während ihres Besuches am Main bei seiner Schutzbefohlenen

-- ihrer Freundin -- untergebracht, bis die künftige Nonne in einem

Religiosenhause von frommen Schwestern am Nordthor in Empfang genommen

und für den Eintritt in ein eigentliches Kloster vorbereitet werden

sollte: das hatte ihr Herr Heinrich als nahe bevorstehend angekündigt.

Ziemlich trübselig daher erwartete sie an diesem Abend in der

schmuckarmen Kemenate des schmalen Holzhauses den Ohm zum Nachtmahle.

Statt seiner erschien der Kellerer mit einer Absage: »Der Herr Hezilo

ist von einem Rundgang ganz weich- und wehmütig nach Hause gekommen,«

meldete der Treue kopfschüttelnd. »Er hat als Abendspeisung nur trocken

Brot und Wasser bestellt; ich sollte es ihm in die Bücherei tragen.

Das Brot bracht' ich ihm ganz gehorsam. Das Wasser aber? Ich schickte

es ihm durch den Brunnenmeister und ließ ihm sagen, bischöflicher

Keller führe das Gewächs nicht! O das bedeutet wieder einmal eine zu

durchwachende Nacht! Er geht jetzt wieder auf und nieder, auf und

nieder, und summt dazu -- aber nicht ein Gebet! Die erste Zeile hab'

ich erlauscht: 's ist, glaub' ich, aus einem alten Liede, das der

Junker von Yvonne einmal vortrug:

›Nicht Feuer und nicht Gift im Blut --‹

aber das andere hab' ich nicht verstanden. -- Vielschöne Jungfrau

Minnegard,« rief er näher tretend, »ich sag' Euch: wenn das noch lange

so fortgeht, dann geht's nimmer lang so fort! Er schläft nicht mehr,

er ißt nicht -- das, glaub' ich, hat er nie gelernt -- er trinkt nicht

mehr! Und wenn nun vollends auch Ihr noch uns verlaßt! Dann weicht von

uns der letzte Sonnenstrahl. Über Euch und Eure Schalkheit hat er doch

noch manchmal gelächelt mit seinem lieben, feinen, sonst so traurigen

Mund. Wer sollte auch an Euch nicht seine helle Freude haben!«

»Ja, mein treues Supfolein,« seufzte das schöne Mädchen und trug von

dem säuberlich von ihrer Hand gedeckten Tisch des Bischofs silbernen

Teller und goldenen Becher hinweg und stellte sie, sich zierlich auf

den Zehen reckend -- »wie steht ihr alles so anmutig!« dachte Supfo

dabei -- auf das vorspringende Kruggesims an der lindengetäfelten

Wand. »Ich weiß es wohl, -- Ihr habt mich lieb gewonnen in Eurem treuen

Herzen und in Euren klugen Gedanken, -- soviel der Oheim und der Wein

Raum darin leer gelassen haben. Bitte, gießt ein wenig Öl aus jenem

Krüglein auf die Ampel -- aus Byzanz, Geschenk von Frau Theophano,

nicht wahr? Die hätt' ich gern gesehen. Denn ich meine immer ...! Nicht

wahr, sie war argschön?« -- »Schöner vielleicht sogar als Ihr, und das

heißt was! Aber nicht so anmutvoll. So mehr wie die marmornen Göttinnen

in Rom.« -- »Sie soll aber gar nicht von Stein gewesen sein, die üppige

junge Witwe, wenigstens nicht gegen ...! -- Ach, wer doch von Stein

wäre! Glaubt Ihr, herzgescheiter Mensch, ich gehe gern von Euch und

mit Vergnügen in das Kloster?« »Ist ein Schandfleck für alle deutsche

Jugendschaft!« schrie der Dicke und ward rot im Gesicht. »Hei, wär' ich

ein Junker wie wir hier zwei oder drei herumstolzieren haben: -- auf

dem Wege zu den Schmachtnonnen, ja noch hinter dem Klostergitter hervor

würd' ich Euch retten. Für Euch selbst und für ...« -- »Am Ende gar für

Euch selbst? Hört, Ihr werdet ganz gefährlich in Eurem Mitleid! Ich

rufe mir Aufsicht herbei -- und was für gestrenge! -- komm, Edel, komm

heraus. Erscheine, du Heilige, und hilf mir wider die Anläufe dieses

dicken Dämons. Wir armen Jungfräulein müssen wieder einmal allein zu

Abend speisen.« »Die?« flüsterte Supfo. »Ja, die vertreibt mich. Denn

Junker Hellmuth ist mir nah ans Herz gewachsen. +So+ blond, +so+ schön

und +so+ widervernünftig!« Und er verschwand.

Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus · 第 27 / 70 题