Rüstig ausschreitend hatten beide bald das Pfahlbürgerhüttlein erreicht.
Der starke Wolfshund vor dem Zaun schlug an, wie sie sich von Osten her
dem kleinen Nebenpförtlein näherten: gleich darauf stob eilfertig zu
dem großen Hofthor ein Reiter hinaus und verschwand alsbald gen Süden
im Staube der Straße. Herr Heinrich schaute ihm merksam nach: er hielt
die Hand vor die Augen: denn die jetzt wagrecht einfallenden Strahlen
der Sonne blendeten ungeachtet des Schattenhutes; er sah nur den Mantel
des Reiters noch flattern. »Ich meine fast, das war -- auf seinem
braunen Hengst -- mein Junker Hellmuth. Was hat der hier zu suchen?«
Der Kellerer machte sein ahnungslosestes Gesicht: -- der Frager sah ihm
nämlich scharf in die Augen. »Nun? Du weißt doch sonst gar viel von ihm
-- steckst immer mit ihm zusammen und mit dem lustigen Provençalen.«
»Das macht: der steckt gern bei meinem Lauterwein,« schmunzelte Supfo.
»Aber Junker Hellmuth ... Kaum trinkt er noch! Und lachen hab' ich ihn
schon seit unser lieben Frauen Verkündigung nicht mehr hören.« »Was
sucht der hier?« wiederholte Herr Heinrich, nachdenklich. »Schon einmal
traf ich ihn hier um die Wege. -- Heda, halt, Rado!« rief er dem Hirten
im grauen Wolfsmantel zu, der des nahenden Bischofs offenbar ansichtig
geworden und gleichwohl beflissen war, durch eine schmale Lücke im
Zaun zu entweichen. Er pfiff seinem großen Hund und enteilte gar
hastig. »Komm, Giero!« rief er alsdann, diesem über den zottigen Kopf
streichend, wie das Tier auf der Straße in mächtigen Sätzen neben ihm
her sprang, »wir gehn zu Walde, zur alten Esche ... zu unserm wahren
Herrn! Seit der Held von Rothenburg ein Geschorener geworden! ...«
Der Bischof schüttelte das Haupt: »er entläuft dem Hirten seiner Seele!
In der Schlacht entlief er nie. Damals folgte er mir blind.« »Und würde
Euch auch heute gerne folgen in die Schlacht: -- viel leichter denn in
den Beichtstuhl!« meinte der Runde und schloß das Zaunpförtlein hinter
dem Bischof.
Gegenüber der Verwahrlosung und Unreinlichkeit, in welcher die
Häuser der geringeren Leute fast ausnahmslos lagen, berührte in
diesem bescheidenen Höflein das Auge gar wohlthätig die Reinlichkeit
und Wohlgepflegtheit des ganzen Anwesens. Die Wiesenfläche vor
dem Wohnhäuschen war durchschnitten von säuberlich mit rotem Sand
bestreuten Wegen: daneben zeigten sich in dem Gras ausgeschnitten --
regelmäßig mit der Schnur gezogen -- bald längliche, bald kreisrunde
Beete, in welchen Blumen, oft auch nicht deutscher Heimat, glänzten und
dufteten, während an dem gen Mittag gekehrten Holzzaun Spalierbäume
von Edelfrüchten, sorgfältig aufgebunden und liebevoll gewartet,
nebeneinander in Reih' und Glied standen.
Wohlgefällig wies Herr Heinrich seinen Begleiter darauf hin: »Welcher
Fleiß! Welche Reinlichkeit! Leider selten bei unsern Gauleuten!« »Ja,
ja,« nickte der Kellermeister. »Auch ganz leidlichen Wein züchtet der
alte Wartold ... für einen Laien in der edeln Winzerei. Ein ungleich
Brüderpaar. Der Gärtner gerade so sanft, friedlich, fromm ...« -- »Als
Rado der Jäger -- denn er jagt, fürcht' ich, mehr die Wölfe als er die
Schafe hütet! -- wild und rauh und unfromm. Muß einmal den Archidiakon
über ihn schicken. Der ist schärfer als ich. Mich erweicht immer das
Gedenken an die alte Zeit. Aber Berengar mag ihn ...« -- »Laßt den
beiseite, lieber Herr. Der treibt die Leute leichter aus der Kirche
denn hinein.«