Von dem Hofe des Kaufmanns hinweg übernahm zunächst Herr Heinrich die
Führung des Rundganges. Er wollte nach dem Stand der neuen Bauten
sehen in der Vorstadt vor dem Südthor »auf dem Sande«, die er als
sein eigenstes wohlthätiges Werk betrieb; vor allem den großen Bau
des Klosters und der Kirche -- nur diese war bereits vollendet -- die
er dort den Apostelfürsten Sankt Peter, Sankt Paul und dem frühest
berufenen Blutzeugen: Sankt Stephan, zu Ehren gestiftet hatte.
Schwer fiel es dem Bauherrn aufs Herz, als er sich jenseit des Thores
der Baustätte näherte, von der her sonst, weithin vernehmbar, der
fröhliche Klang des Beilschlags, der Reihengesang der Arbeiter,
der Befehlsruf der Werkmeister ihn begrüßte, daß statt dessen eine
Grabesstille waltete.
In die Luft hinauf stiegen die hohen Gerüste: -- aber sie waren
leer, verlassen; sie schienen zu trauern; die halbfertigen Holzwände
sahen wie vom Feinde zerstört aus. Nur ein einsamer Mann schlich, die
Verödung betrachtend, über den leeren Bauplatz; als er den Bischof
von weitem erkannte, wollte er hinter einem großen Bretterhaufen
verschwinden. Aber Herr Heinrich hatte ihn erkannt und rief ihn an:
»Hallo! Haltet an, Hesso! Was lauft Ihr vor Eurem Bauherrn davon,
Werkmeister?«
Der Angerufene, eine starke stattliche Männergestalt mit treuen Augen
in dem gebräunten Gesicht, machte Halt, zog ehrerbietig, aber mißmutig
den kurzrandigen Filzhut und erwiderte trübselig: »Werkmeister ohne
Werk: -- Bauherr ohne Bau.« Verstimmt und verdüstert entgegnete der
Bischof: »Nun -- eine kurze Unterbrechung! Wird soviel nicht schaden!
Bald dürft Ihr wieder hauen und hämmern lassen hier, Meister Hesso.«
Der Mann zuckte die breiten Achseln. »Schade! Wir waren so gut im
Zuge. Die Arbeiter willig und geschickt. Nun haben sich die besten
schon verlaufen. Und der Bau des neuen Münsters zu Sankt Johannis
Ehren und des Stiftes in der Nordvorstadt, der Hochvorstadt, des
Siechenhauses und des Waisenhauses und der Schule! Alles unterbrochen!
Warum? Weil kein Geld in der Kammer sei, log der verfluchte Welsche.
Aber am gleichen Tage hatte er Speere, Sturmhauben, Brünnen für
die bischöflichen Dienstmannen gekauft und bar bezahlt bei dem
Waffenschmied Gericho im Eisenhof! Als er nun mit seinen Lügen hier auf
das Gerüst trat und die Arbeiter ablohnte und fortwies, -- gern hätt'
ich ihn im Namen und zu Ehren der heiligen Petrus, Paulus und Stephanus
herabgeworfen von den Balken« -- »Geduld! sag' ich Euch. Ihr müßt
warten.«
»+Ich+ kann warten. Aber die Waisen, die Schulknaben in dem feuchten
Loch am Main und die Siechen, die nun auf den Gassen im Stroh liegen?
Die können nicht warten, Herr Bischof. Jedoch Speere und Brünnen für
die bischöflichen Dienstmannen: -- das eilte wohl! Uns bedroht ringsum
kein Feind weit und breit!« »Hört doch auf,« mahnte Supfo. »Ihr seht
-- Ihr sagt da ...« -- »Ich sehe, der Herr Bischof zürnt, aber ich
sage die Wahrheit! Und das Schlimmste ist -- die Armen!« »Wieso?«
grollte Herr Heinrich. »Ihr Teil ward nicht angetastet.« -- »Nein,
aber durch die plötzliche Einstellung all dieser -- sechs -- großen
Bauten haben doch recht viele Brot und Lohn verloren. Wohl waren
viele Bauleute Unfreie des Stifts -- allein gar mancher kleine Freie
fand doch auch bei der Arbeit Lohn und Brot für Weib und Kind. Die
hungern nun! Sind aus der Stadt gelaufen, rotten sich zusammen im Gau,
stehlen und rauben.« »Wie Wetter Gottes fahr' ich unter sie,« rief Herr
Heinrich. »Ich will sie! Wenn der Graf des Waldsassengaus schläft ...«
-- »Er schläft nicht, der wackere Herr Gerwalt, aber er ist fern, in
Welschland. Wißt Ihr das nicht, Herr Bischof?« »Die Bauten werden bald
wieder aufgenommen, sagt das den Leuten. Und den Gauräubern sollen
meine Ritter Hellmuth und Fulko den fehlenden Herrn Grafen mehr als
ersetzen, das gelob' ich.« Unmutig schritt er davon, ziellos, weiter
gen Süden.
»Nichts für ungut, Herr Bischof!« rief ihm der Werkmeister nach.
»Aber nehmt sie bald wieder auf, Eure Bauwerke: sind gott- und
menschen-gefällig.« »Gott und Menschen gefällig,« wiederholte der
Enteilende bei sich. »Jawohl. Zweifellos. Und das Werk, dem ich diese
Bauten geopfert, wird den Menschen nicht gefallen. Und Gott? --«
Erregt hastete er weiter, immer gerade aus nach Süden. Der treue
Supfo hatte mit seinen klugen Augen schon bei den ersten Worten des
Baumeisters das Gewölk gesehen, das aufstieg auf der hohen Stirne
Herrn Heinrichs. »Auch hinter diesem Unheil steckt,« brummte er, »--
wie hinter allem! -- Berengar. Ich muß den Herrn auf andere Gedanken
bringen. -- Ei sieh da!« rief er. »Was verschwindet da so fluchteilig,
links, hinter dem Buschwerk, vor dem Graben? Ich meine, ich kenne
sie, diese fliegenden Zöpfe mit den roten Bändern! Da könntet Ihr
schon wieder ein gutes Werk thun, Herr Bischof Heinzelein!« -- »War
der Bursche, der nach dem Maine zu davonstob, nicht Gericho, ehedem
meines Hellmuth Waffenträger, jetzt Waffenschmied in dem Eisenhof?«
-- »Jawohl! Und das hübsche runde Kind, das da entsprang, das war die
braune Rosbertha, die Tochter des Bezzo, der da ein Gärtlein hat und
eine kleine Verzapfung östlich vom Südthor.« -- »Hm! Was thaten die
beiden da drüben?« -- »Ei, was werden sie groß gethan haben? Dort
ist ja der Ziehbrunnen des Wolfilo. Gericho hat wohl dem zarten Kind
geholfen, den schweren Eimer heraufzuwinden.« »Du mußt deinen Bischof
nicht anlügen, Supfilo,« lächelte Herr Heinrich. »Zumal ich als junger
Knab' zu Rothenburg auch wohl einmal hinter einem Ziehbrunnen stand.
Der Eimer wartete schon ganz ruhig auf dem Brunnenrand. Aber der
Bursche stand immer noch bei ihr hinter der Brunnenmauer. Recht nah
stand er. Und hielt sie, glaub' ich, an der Hand.«
»Nun ja, soll er das arme Kind etwa in den Brunnen stürzen lassen?«
Herr Heinrich mußte doch wieder lachen. »Und welch' gut Werk hätte
ich hier zu thun? Das Mägdlein verwarnen, den Burschen schelten --?«
-- »Bewahre! Hilft so wenig wie bei Arn!« -- »Und dem Vater Bezzo die
Augen aufthun.« -- »Ja freilich! Aber nicht darüber, daß die beiden
jungen Leute sich gern haben, -- so dumm, das nicht zu sehen, ist
der Bezzo auch nicht! -- sondern darüber, daß es sündhaft ist, das
frische junge Blut, statt es dem hübschen tapfern Gericho zu geben,
dem alten Stedilo zu verkuppeln, dem reichen Büttner, nur weil er
fromm und reich ist, der dicke. Er hat nämlich nicht eine thatfreudige
Frömmigkeit an sich, sondern eine feige, sozusagen eine muffige! Und
nicht eine liebliche Rundlichkeit hat er: wie ... nun wie sie Sankt
Urban seinen Lieblingen gewährt, sondern sozusagen: eine aufgedunsene,
eine Wanstigkeit. Ihr solltet ... --« -- »Supfilo, ich bin nicht junger
Minne Feind und Verfolger. Nein, mich freut's, wenn treue junge Liebe
siegt, -- wenn solche wirklich lebt, außer in Fulkos Liedern! Aber du
kannst doch wirklich deinem Bischof nicht das gute Werk auflegen, junge
Maide wider väterliche Muntschaft aufzustacheln!« -- »Das wäre hier gar
nicht mehr nötig. Nur ein wenig -- stützen. Aber ich vertraue, der Alte
lernt noch rechtzeitig frisches Mark und feiges Fett unterscheiden.«
-- -- »Er sah schon wieder recht ernst darein,« sagte er nach einem
raschen Blick der hellen runden Augen zu sich selbst. »Ich darf ihn
nicht ins Grübeln versinken lassen --« Er spähte ziemlich ratlos umher:
da fiel sein Blick auf einen Schwirreflug von weißen Tauben, die jetzt,
bei stärker einbrechender Dämmerung des Brachmondtages, aus den nahen
Feldern nach ihrer Heimstätte flüchteten. Die lag in dem spitzen,
hochragenden Giebel eines alten braunen, vielfach mit Moos geflickten
Strohdaches: rechts, westlich von der großen Straße, die damals
schon wie heute auf dem östlichen Mainufer flußaufwärts nach Süden
führte. Dort fielen sie ein: blendend blitzte dabei in den letzten
Sonnenstrahlen ihr helles Gefieder. --
»Dorthin!« dachte der Treue. »Frau Ute! Und Wartold mit seinen Blumen!
Das wird ihm gut thun. Und sie -- das liebe, schlimme Kind! Und ein
wenig Ärger über den andern? -- Ei was, wird ihm auch gut thun, so ein
gesunder streitbarer Ärger. -- Und im geheimen mag er den Alten doch
ganz gut leiden -- noch aus der alten, das heißt der jungen, fröhlichen
Zeit.« Er begann nun: »Ihr solltet doch wieder einmal einsprechen da,
-- da vorn mein' ich, wo die Tauben einfielen, bei der alten Mutter
Ute. Trägt ihr hartes Los so fromm! Aber manchmal ein wenig Trost thut
ihr doch recht wohl.« -- »Ja! -- Und ein paar Worte Christentums können
nicht schaden in dem alten Hirtenhaus. Dem Heidenhaus! Ist die letzte
Trutzburg der halb vergessenen Unholde, an welche die Leute hier zu
Lande glaubten, bevor Sankt Kilian sie erleuchtete. Wohl, laß uns in
Rados Haus gehen. Dort braucht's wirklich Seelsorge!« »Wenn der Alte
still hält dazu,« dachte Supfo. Aber er sagte es nicht.