»Was? Hier?« rief der Bischof unwillig. »Bei dem Hause des Geizhalses,
des Kornwucherers? Wenig erbaut bin ich vom Treiben dieses Renatus.«
»Nennt ihn doch nicht Renatus. Isaak heißt der Jud'.« -- »Er ist
getauft.« Supfo lachte. »Tauft ihn nochmal! -- deshalb führt' ich
Euch her! -- Aufs erstemal half's wenig, aber besser: laßt es ganz
bleiben! Wein kann man wassern, nicht Blut.« -- »Ich verbiete dir, so
von dem heiligen Sakrament zu sprechen.« -- »Verzeiht mir, Herr. Aber
ist's nicht so? Der Glaube wird danach -- vielleicht, vielleicht auch
nicht! -- geändert: aber das Geblüt? Wisset Ihr noch in Neapolis, der
schönen Stadt, des Herrn Kaisers Mohren aus Äthiopia? Die Welschen
hatten ihn bei ihrem Mummenschanz vor Aschermittwoch mit weißem
Mehlkleister überstrichen -- fingerdick! Aber sowie er schwitzte beim
Tanzen und Springen, da bröckelte die weiße Tünche ab von Stirne,
Wangen und Händen und allüberall kam die angeborne schwarze Haut wieder
zum Vorschein. Gedenkt Ihr's noch? Nun seht, gerade so steht's mit
dieses Juden Taufe. Wird der Mensch in ihm warm und rührt sich, --
bröckelt der Christ ab und der Jude kommt zum Vorschein. Da lob' ich
mir die Ungetauften: -- unter denen sind die Besten!« -- »Du sprichst
unchristlich. Die Taufe bringt ihnen das Heil.« -- »Ja, aber nur,
wenn sie daran glauben, wenn sie das Sakrament deshalb suchen. Wenn
sie's aber suchen, weil sie sich ihres Volkes schämen und lieber mit
den Christen die Juden placken wollen als sich mit den Juden von den
Christen placken zu lassen ...«
»Und geplackt müssen sie doch nun einmal werden, nicht, Supfo?«
lächelte der Bischof. -- »Gewiß, dafür sind's Juden. Sind ja das
›auserwählte Volk‹. So hat sie der Herr, nachdem sie seinem Sohn Gewalt
und Unrecht gethan, auserwählt, Gewalt und Unrecht zu leiden. Das ist
doch klar und höchst gerecht. Ihr Volk verleugnen diese Abtrünnigen
und Euch, Herr Bischof, lügen sie vor, sie glauben: Untreue und Lüge
aber bringt nicht Heil, sondern Schmach. Dagegen des Juden Mutter, --
das ist ein prächtig Weib! Seht, da tritt sie gerade hervor aus ihrem
Hofthor.« Vor der Außenthüre des ansehnlichen Holzhauses erschien eine
stattliche alte Frau mit edeln, vornehmen Zügen des tief gebräunten
Gesichtes. Sie trug die phantastische, kleidsame, weitfaltige Gewandung
der Orientalen. Ein gelbes Brusttuch von feinster Wolle verhüllte
den Oberleib, gelb waren auch die spitzen Schnabelschuhe, die aus
dem langen, dunkelblauen Rock hervorsahen; ein ganz enganliegendes,
turbanähnlich gebundenes Kopftuch von schwarzer Seide verbarg
sorgfältig jedes Haar der Witwe. Sie kreuzte ehrerbietig die Arme
über der Brust, neigte, gleich einer Palme, das hohe Haupt vornüber
und sprach mit niedergeschlagenen Augen: »Der Gott meiner Väter segne
dich und behüte dich, großgewaltiger und -- was siebenmal mehr ist!
-- großgütiger Herr Bischof. Und er lohne dir, daß du bist ebensogut
als du bist gewaltig.« »Mit der großen Gewalt, Sarah,« erwiderte der
Gelobte, »ist das so schwach bestellt wie -- leider! -- mit der Güte.«
»Laßt Euch nicht irren, kluge und schöne Frau!« fiel Supfo ein. »Wären
wir nur so fröhlich, als wir gut sind.« »Unnütze Reden!« verwies der
Bischof. »Jawohl,« sprach die Greisin mit sanfter, wohllautender
Stimme und schlug die langen, schwarzen Wimpern auf: -- die schönen
dunkelbraunen Augen leuchteten immer noch -- »unnütz, denn man +kennt+
Eures Herzens Güte! Mein Eheherr Manasse, -- lang ruhet er, gesegnet
sei sein Gedächtnis für und für und sein Name sei nicht vergessen in
Israel! -- oft hat er es uns geschildert, Isaak, unserm Sohn, und mir,
wann wir saßen in Frieden vor den brennenden Leuchtern und aßen vom
Passahlamm und Ruhe waltete im Haus und ringsum im Lande und Sicherheit
in der Stadt. ›Die Ruhe‹ -- hat er gesagt, -- ›und die Sicherheit
verdanken wir nach Gott dem Herrn dem Mann, der da ist wie ein Turm
der Stärke und ein Streitwagen von Erz, dem Löwen von Rothenburg. Der
Graf ist fern, denn leer steht da oben die Grafenburg der Gewalt. Er
steuert -- der Bischof -- dem Raub auf den Handelsstraßen und auf dem
Flusse und er hat die bösen Buben gebändigt, die schlimme Rotte, die
da plündern wollte mein Frachtschiff auf dem Main und einbrachen mit
Beilen in das Haus unsres Friedens. Der Engel des Herrn ist mit diesem
Bischof der Christen!‹ Und so hab' ich mich gewöhnt zu Euch, starker
und guter und weiser Herr, emporzuschauen alle Zeit als zu einem Helfer
in der Not. Und so bin ich hinausgeeilt aus meinem Witwengemach, wie
ich von fern Euch kommen sah des Weges und stehe hier vor der Thüre
meines Hauses, eine alte, kummervolle Frau, und greife Euren Mantel und
lasse Euch nicht, bis Ihr mir habt geholfen in meinem großen Leid!«
Und sie glitt langsam vor ihm nieder auf beide Kniee und haschte sein
weites Obergewand mit ihrer magern Hand und küßte demütig dessen Saum.
»Steht auf, alte Frau,« mahnte der Kellermeister, sie aufrichtend, »wir
mögen das nicht leiden. Sagt kurz, was oder wer Euch quält.«
»Es ist,« sprach sie, sich erhebend, aber den Saum nicht aus der Hand
lassend, »Isaak, mein Sohn, mein einzig Kind. Was oder wer sonst könnte
mich auch quälen auf der Welt? Hab' ich doch auf Erden nichts als ihn.
Und ach! ihn hab' ich nicht mehr, seit ... Nun, seit er die Taufe
nahm zu Mainz.« Der Bischof furchte die Brauen: »Daran, Jüdin, that
er recht. Aber er wußte wohl, weshalb er nicht von mir das Sakrament
erbat, sondern zu Mainz, wo Herr Erzbischof Willigis nicht so viel
von ihm weiß wie wir leider hier von ihm wissen. Ich hätte ihm zur
Bedingung gemacht -- vorher -- ein Gelübde, daß er nun auch innerlich
den Christen anziehe und von sich werfe seinen jüdischen Wucher und
Geiz.« »Jüdischer Wucher und Geiz!« stöhnte die alte Frau und ein so
schmerzlicher, vorwurfsreicher Blick der dunkeln Rehaugen traf Herrn
Heinrich, daß er leicht errötete und rasch einfiel: »Ich weiß, was
Ihr sagen wollt. Euer Gatte -- Manasse -- hat in der großen Kornnot
aus seinen Speichern die verhungernden Christen in allen Städten
und Dörfern am Main gespeist von Staffelstein bis Mainz. Er war ein
Wohlthäter der Armen: -- Gott möge ihm die Strafe seiner Verstocktheit
mildern, Sankt Burchhard und Sankt Kilian mögen für ihn bitten, wie
ich, deren unwürdiger Nachfolger, es dankbaren Herzens gar oft thue.
Aber Euer Sohn ist ein ...« -- »Herr, er ist krank, glaubet mir. Er
ist besessen von übeln Geistern! Wir haben ja zu eigen soviel Güter
der Erde, -- der Herr hatte gesegnet meines Manasse Redlichkeit und
Fleiß! -- daß wir wahrlich nicht sorgen müßten um unsere Lebsucht.
Aber -- es ist wahr -- er ist so ... sparsam, mein armer Isaak, daß
er sich nicht gönnet eine Neige Weines am Sabbath des Herrn!« »Und
Euch, scheint's,« schalt Supfo zornig, die hagere Gestalt musternd,
»Euch, seiner alten Mutter, auch an den andern Tagen keinen Bissen
Fleisch.« -- »Vollends aber seit ein paar Tagen ist er ganz krank im
Gehirn und wirr in seinen sonst so klugen, scharfen Gedanken. Denn er
ist gar scharf, mein geliebter Isaak.« »Wir wissen's!« bestätigte der
Kellerer. »Allzuscharf! Möchte seine Seele nicht sehen! Muß voller
Scharten sein!« -- »Seit wann, arme Frau?« forschte der Bischof voll
Mitgefühls. Ihn jammerte um die leidende Mutter und es ergriff ihn,
über das ehrwürdige, schöne Gesicht langsam zwei große Thränen rinnen
zu sehen. -- »Seit das Gerede überhandnimmt unter den Burgensen hier
und seinen Geschäftskunden in andern Städten, die Welt werde demnächst
untergehen. Das hat ihm ganz verstört die Gedanken. Er kann nicht
mehr schlafen seitdem. Und immerfort, in der eifrigsten Arbeit, im
Rechnen sogar oder wann er wiegt auf seiner Wage die Goldmünzen des
Herrn Kaisers -- wobei ihn sonst nichts störte, ja nicht einmal
Blitzschlag ins Haus des Nachbars Hesso: er wog ruhig fort. Jetzt
spricht er dabei mit sich selbst wirre Worte und unterbricht sich und
rechnet falsch -- der Isaak! -- und stiert vor sich hin und stöhnt:
›wenn's wahr ist, bin ich ein Narr gewesen vom Knaben an und Narretei
war all' mein Thun, mein Raffen, Listen, Geizen! Wenn's wahr ist --
wüßt' ich's nur! -- noch heute werd' ich ein Schlemmer, ein Fresser,
ein Säufer wie diese ...‹« »Diese Deutschen, sagte er wohl,« ergänzte
scharfsinnig, aber grimmig, der Kellerer. -- »›Ein Spieler werd' ich,
ein Kleiderthor, und halte mir Jagdrosse und Eberhunde und Reiherfalken
und ... anderes! Ob's wahr ist!‹ stöhnt er dann wieder und rauft sich
Haar und Bart, ›ob's wahr ist?‹ -- So quält er mich, -- aber was liegt
an mir! -- so quält er sich selbst, meines Manasse Sohn, er quält sich
Nacht und Tag mit Grübeln. Jetzt ist er fortgeritten gen Frankfurt,
einzuheimsen den Gewinn von einem großen, großen Geschäft, das er hat
gemacht in Goldkörnern, Silberbarren und edlem Gestein! Aber, o wehe
wehe geschrieen! Es hat ihn nicht gefreut das reiche Geschäft! Und wie
er mir vorrechnet den Gewinn, verrechnet er sich wieder! Zu seinem
Schaden verrechnet er sich, der Isaak! Das war noch nie! Wie muß er
sein ungesund! Und warum verrechnet er sich? Weil er mitten drin immer
wieder stutzt und fragt: ›ob's wahr ist? Ob's wohl wahr ist?‹ Und als
er steigen will auf das Pferd zu reiten nach dem Gewinn, steigt er
daneben statt in den Bügel, weil er gen Himmel schaut und fragt ›ob's
wohl wahr ist?‹ Und er findet und findet nicht Ruhe, bis er's weiß, so
oder so. Ich bin eine unweise Frau, ich kann's ihm nicht sagen. Und es
kann ja sein, daß es geht zu Ende: denn oft hat es gelesen Manasse aus
den Rollen, daß die Welt wird einmal vergehen und Elias wiederkommen
im feurigen Wagen. Aber Ihr, Herr Bischof, guter Mann und weiser,
Ihr kennet die Schriften, Ihr wisset viel. So sagt nur ja oder nein,
daß ich beruhige meinen wirren Sohn, wann er wird wiederkommen, und
beschwichte sein fiebernd Gehirn!«
Und wieder wollte sich die Weinende vor ihm niederwerfen. Er hielt sie
fest am Arm und sprach: »Frau, Ihr thut mir leid in der Seele! +Ihr+:
-- merkt! -- nicht Euer Sohn, den auch die letzten Dinge der Menschheit
nur schwanken lassen zwischen dem alten sündhaften Wucher oder neuem
sündhaften Sinnentaumel! Pfui über den Juden und schade um das
vergeudete Taufwasser! -- Höret denn, gute Frau, -- +Ihr+ wäret würdig
christlicher Gemeinschaft! -- Ich selbst habe davon keine Wissenschaft.
Allein ich habe das Haupt der Christenheit befragt: bald muß der
Bescheid eintreffen. Dann werd ich ihn allem Volke dieser Stadt, dieses
Bistums, verkünden. Bis dahin aber sagt Euerm Sohn: ›der Herr Christus
hat nicht Freude an denen, die da nehmen die Taufe, aber nicht lassen
vom Wucher. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: man kann nicht Gott
dienen und dem Mammon‹. Das hat der Herr schon Eurem Volke offenbart:
-- aber mit dieser Offenbarung hat er von allen seinen Worten den
wenigsten Glauben gefunden in Israel. Ihr jedoch, gute Sarah, Euch rate
ich: nehmet die Taufe. An Euch werden die Heiligen Freude erleben! Mag
das Gericht nun nahe sein oder fern: rettet Euere unsterbliche Seele!«
Und er löste mit sanfter Gewalt sein Gewand aus der Hand der Greisin,
die es immer noch festgehalten hatte, und schritt hinweg von ihr mit
gütigem Nicken des Kopfes.
Die alte Frau sah ihm lange nach. Dann sprach sie, kopfschüttelnd und
mit der Hand über die Augen wischend: »Ich glaube es nicht, daß wir
Kinder Israel verdammt sind. Wäre es aber so: -- lieber mit Manasse in
der Hölle, als mit Isaak im Himmel der Christen. Ich will beten für uns
und für die Christen -- für den armen Isaak und für den guten Bischof
-- zum Gott meiner Väter!«
Und sie schritt langsam zurück in den Hof.