IV.

»Was? Hier?« rief der Bischof unwillig. »Bei dem Hause des Geizhalses,

des Kornwucherers? Wenig erbaut bin ich vom Treiben dieses Renatus.«

»Nennt ihn doch nicht Renatus. Isaak heißt der Jud'.« -- »Er ist

getauft.« Supfo lachte. »Tauft ihn nochmal! -- deshalb führt' ich

Euch her! -- Aufs erstemal half's wenig, aber besser: laßt es ganz

bleiben! Wein kann man wassern, nicht Blut.« -- »Ich verbiete dir, so

von dem heiligen Sakrament zu sprechen.« -- »Verzeiht mir, Herr. Aber

ist's nicht so? Der Glaube wird danach -- vielleicht, vielleicht auch

nicht! -- geändert: aber das Geblüt? Wisset Ihr noch in Neapolis, der

schönen Stadt, des Herrn Kaisers Mohren aus Äthiopia? Die Welschen

hatten ihn bei ihrem Mummenschanz vor Aschermittwoch mit weißem

Mehlkleister überstrichen -- fingerdick! Aber sowie er schwitzte beim

Tanzen und Springen, da bröckelte die weiße Tünche ab von Stirne,

Wangen und Händen und allüberall kam die angeborne schwarze Haut wieder

zum Vorschein. Gedenkt Ihr's noch? Nun seht, gerade so steht's mit

dieses Juden Taufe. Wird der Mensch in ihm warm und rührt sich, --

bröckelt der Christ ab und der Jude kommt zum Vorschein. Da lob' ich

mir die Ungetauften: -- unter denen sind die Besten!« -- »Du sprichst

unchristlich. Die Taufe bringt ihnen das Heil.« -- »Ja, aber nur,

wenn sie daran glauben, wenn sie das Sakrament deshalb suchen. Wenn

sie's aber suchen, weil sie sich ihres Volkes schämen und lieber mit

den Christen die Juden placken wollen als sich mit den Juden von den

Christen placken zu lassen ...«

»Und geplackt müssen sie doch nun einmal werden, nicht, Supfo?«

lächelte der Bischof. -- »Gewiß, dafür sind's Juden. Sind ja das

›auserwählte Volk‹. So hat sie der Herr, nachdem sie seinem Sohn Gewalt

und Unrecht gethan, auserwählt, Gewalt und Unrecht zu leiden. Das ist

doch klar und höchst gerecht. Ihr Volk verleugnen diese Abtrünnigen

und Euch, Herr Bischof, lügen sie vor, sie glauben: Untreue und Lüge

aber bringt nicht Heil, sondern Schmach. Dagegen des Juden Mutter, --

das ist ein prächtig Weib! Seht, da tritt sie gerade hervor aus ihrem

Hofthor.« Vor der Außenthüre des ansehnlichen Holzhauses erschien eine

stattliche alte Frau mit edeln, vornehmen Zügen des tief gebräunten

Gesichtes. Sie trug die phantastische, kleidsame, weitfaltige Gewandung

der Orientalen. Ein gelbes Brusttuch von feinster Wolle verhüllte

den Oberleib, gelb waren auch die spitzen Schnabelschuhe, die aus

dem langen, dunkelblauen Rock hervorsahen; ein ganz enganliegendes,

turbanähnlich gebundenes Kopftuch von schwarzer Seide verbarg

sorgfältig jedes Haar der Witwe. Sie kreuzte ehrerbietig die Arme

über der Brust, neigte, gleich einer Palme, das hohe Haupt vornüber

und sprach mit niedergeschlagenen Augen: »Der Gott meiner Väter segne

dich und behüte dich, großgewaltiger und -- was siebenmal mehr ist!

-- großgütiger Herr Bischof. Und er lohne dir, daß du bist ebensogut

als du bist gewaltig.« »Mit der großen Gewalt, Sarah,« erwiderte der

Gelobte, »ist das so schwach bestellt wie -- leider! -- mit der Güte.«

»Laßt Euch nicht irren, kluge und schöne Frau!« fiel Supfo ein. »Wären

wir nur so fröhlich, als wir gut sind.« »Unnütze Reden!« verwies der

Bischof. »Jawohl,« sprach die Greisin mit sanfter, wohllautender

Stimme und schlug die langen, schwarzen Wimpern auf: -- die schönen

dunkelbraunen Augen leuchteten immer noch -- »unnütz, denn man +kennt+

Eures Herzens Güte! Mein Eheherr Manasse, -- lang ruhet er, gesegnet

sei sein Gedächtnis für und für und sein Name sei nicht vergessen in

Israel! -- oft hat er es uns geschildert, Isaak, unserm Sohn, und mir,

wann wir saßen in Frieden vor den brennenden Leuchtern und aßen vom

Passahlamm und Ruhe waltete im Haus und ringsum im Lande und Sicherheit

in der Stadt. ›Die Ruhe‹ -- hat er gesagt, -- ›und die Sicherheit

verdanken wir nach Gott dem Herrn dem Mann, der da ist wie ein Turm

der Stärke und ein Streitwagen von Erz, dem Löwen von Rothenburg. Der

Graf ist fern, denn leer steht da oben die Grafenburg der Gewalt. Er

steuert -- der Bischof -- dem Raub auf den Handelsstraßen und auf dem

Flusse und er hat die bösen Buben gebändigt, die schlimme Rotte, die

da plündern wollte mein Frachtschiff auf dem Main und einbrachen mit

Beilen in das Haus unsres Friedens. Der Engel des Herrn ist mit diesem

Bischof der Christen!‹ Und so hab' ich mich gewöhnt zu Euch, starker

und guter und weiser Herr, emporzuschauen alle Zeit als zu einem Helfer

in der Not. Und so bin ich hinausgeeilt aus meinem Witwengemach, wie

ich von fern Euch kommen sah des Weges und stehe hier vor der Thüre

meines Hauses, eine alte, kummervolle Frau, und greife Euren Mantel und

lasse Euch nicht, bis Ihr mir habt geholfen in meinem großen Leid!«

Und sie glitt langsam vor ihm nieder auf beide Kniee und haschte sein

weites Obergewand mit ihrer magern Hand und küßte demütig dessen Saum.

»Steht auf, alte Frau,« mahnte der Kellermeister, sie aufrichtend, »wir

mögen das nicht leiden. Sagt kurz, was oder wer Euch quält.«

»Es ist,« sprach sie, sich erhebend, aber den Saum nicht aus der Hand

lassend, »Isaak, mein Sohn, mein einzig Kind. Was oder wer sonst könnte

mich auch quälen auf der Welt? Hab' ich doch auf Erden nichts als ihn.

Und ach! ihn hab' ich nicht mehr, seit ... Nun, seit er die Taufe

nahm zu Mainz.« Der Bischof furchte die Brauen: »Daran, Jüdin, that

er recht. Aber er wußte wohl, weshalb er nicht von mir das Sakrament

erbat, sondern zu Mainz, wo Herr Erzbischof Willigis nicht so viel

von ihm weiß wie wir leider hier von ihm wissen. Ich hätte ihm zur

Bedingung gemacht -- vorher -- ein Gelübde, daß er nun auch innerlich

den Christen anziehe und von sich werfe seinen jüdischen Wucher und

Geiz.« »Jüdischer Wucher und Geiz!« stöhnte die alte Frau und ein so

schmerzlicher, vorwurfsreicher Blick der dunkeln Rehaugen traf Herrn

Heinrich, daß er leicht errötete und rasch einfiel: »Ich weiß, was

Ihr sagen wollt. Euer Gatte -- Manasse -- hat in der großen Kornnot

aus seinen Speichern die verhungernden Christen in allen Städten

und Dörfern am Main gespeist von Staffelstein bis Mainz. Er war ein

Wohlthäter der Armen: -- Gott möge ihm die Strafe seiner Verstocktheit

mildern, Sankt Burchhard und Sankt Kilian mögen für ihn bitten, wie

ich, deren unwürdiger Nachfolger, es dankbaren Herzens gar oft thue.

Aber Euer Sohn ist ein ...« -- »Herr, er ist krank, glaubet mir. Er

ist besessen von übeln Geistern! Wir haben ja zu eigen soviel Güter

der Erde, -- der Herr hatte gesegnet meines Manasse Redlichkeit und

Fleiß! -- daß wir wahrlich nicht sorgen müßten um unsere Lebsucht.

Aber -- es ist wahr -- er ist so ... sparsam, mein armer Isaak, daß

er sich nicht gönnet eine Neige Weines am Sabbath des Herrn!« »Und

Euch, scheint's,« schalt Supfo zornig, die hagere Gestalt musternd,

»Euch, seiner alten Mutter, auch an den andern Tagen keinen Bissen

Fleisch.« -- »Vollends aber seit ein paar Tagen ist er ganz krank im

Gehirn und wirr in seinen sonst so klugen, scharfen Gedanken. Denn er

ist gar scharf, mein geliebter Isaak.« »Wir wissen's!« bestätigte der

Kellerer. »Allzuscharf! Möchte seine Seele nicht sehen! Muß voller

Scharten sein!« -- »Seit wann, arme Frau?« forschte der Bischof voll

Mitgefühls. Ihn jammerte um die leidende Mutter und es ergriff ihn,

über das ehrwürdige, schöne Gesicht langsam zwei große Thränen rinnen

zu sehen. -- »Seit das Gerede überhandnimmt unter den Burgensen hier

und seinen Geschäftskunden in andern Städten, die Welt werde demnächst

untergehen. Das hat ihm ganz verstört die Gedanken. Er kann nicht

mehr schlafen seitdem. Und immerfort, in der eifrigsten Arbeit, im

Rechnen sogar oder wann er wiegt auf seiner Wage die Goldmünzen des

Herrn Kaisers -- wobei ihn sonst nichts störte, ja nicht einmal

Blitzschlag ins Haus des Nachbars Hesso: er wog ruhig fort. Jetzt

spricht er dabei mit sich selbst wirre Worte und unterbricht sich und

rechnet falsch -- der Isaak! -- und stiert vor sich hin und stöhnt:

›wenn's wahr ist, bin ich ein Narr gewesen vom Knaben an und Narretei

war all' mein Thun, mein Raffen, Listen, Geizen! Wenn's wahr ist --

wüßt' ich's nur! -- noch heute werd' ich ein Schlemmer, ein Fresser,

ein Säufer wie diese ...‹« »Diese Deutschen, sagte er wohl,« ergänzte

scharfsinnig, aber grimmig, der Kellerer. -- »›Ein Spieler werd' ich,

ein Kleiderthor, und halte mir Jagdrosse und Eberhunde und Reiherfalken

und ... anderes! Ob's wahr ist!‹ stöhnt er dann wieder und rauft sich

Haar und Bart, ›ob's wahr ist?‹ -- So quält er mich, -- aber was liegt

an mir! -- so quält er sich selbst, meines Manasse Sohn, er quält sich

Nacht und Tag mit Grübeln. Jetzt ist er fortgeritten gen Frankfurt,

einzuheimsen den Gewinn von einem großen, großen Geschäft, das er hat

gemacht in Goldkörnern, Silberbarren und edlem Gestein! Aber, o wehe

wehe geschrieen! Es hat ihn nicht gefreut das reiche Geschäft! Und wie

er mir vorrechnet den Gewinn, verrechnet er sich wieder! Zu seinem

Schaden verrechnet er sich, der Isaak! Das war noch nie! Wie muß er

sein ungesund! Und warum verrechnet er sich? Weil er mitten drin immer

wieder stutzt und fragt: ›ob's wahr ist? Ob's wohl wahr ist?‹ Und als

er steigen will auf das Pferd zu reiten nach dem Gewinn, steigt er

daneben statt in den Bügel, weil er gen Himmel schaut und fragt ›ob's

wohl wahr ist?‹ Und er findet und findet nicht Ruhe, bis er's weiß, so

oder so. Ich bin eine unweise Frau, ich kann's ihm nicht sagen. Und es

kann ja sein, daß es geht zu Ende: denn oft hat es gelesen Manasse aus

den Rollen, daß die Welt wird einmal vergehen und Elias wiederkommen

im feurigen Wagen. Aber Ihr, Herr Bischof, guter Mann und weiser,

Ihr kennet die Schriften, Ihr wisset viel. So sagt nur ja oder nein,

daß ich beruhige meinen wirren Sohn, wann er wird wiederkommen, und

beschwichte sein fiebernd Gehirn!«

Und wieder wollte sich die Weinende vor ihm niederwerfen. Er hielt sie

fest am Arm und sprach: »Frau, Ihr thut mir leid in der Seele! +Ihr+:

-- merkt! -- nicht Euer Sohn, den auch die letzten Dinge der Menschheit

nur schwanken lassen zwischen dem alten sündhaften Wucher oder neuem

sündhaften Sinnentaumel! Pfui über den Juden und schade um das

vergeudete Taufwasser! -- Höret denn, gute Frau, -- +Ihr+ wäret würdig

christlicher Gemeinschaft! -- Ich selbst habe davon keine Wissenschaft.

Allein ich habe das Haupt der Christenheit befragt: bald muß der

Bescheid eintreffen. Dann werd ich ihn allem Volke dieser Stadt, dieses

Bistums, verkünden. Bis dahin aber sagt Euerm Sohn: ›der Herr Christus

hat nicht Freude an denen, die da nehmen die Taufe, aber nicht lassen

vom Wucher. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: man kann nicht Gott

dienen und dem Mammon‹. Das hat der Herr schon Eurem Volke offenbart:

-- aber mit dieser Offenbarung hat er von allen seinen Worten den

wenigsten Glauben gefunden in Israel. Ihr jedoch, gute Sarah, Euch rate

ich: nehmet die Taufe. An Euch werden die Heiligen Freude erleben! Mag

das Gericht nun nahe sein oder fern: rettet Euere unsterbliche Seele!«

Und er löste mit sanfter Gewalt sein Gewand aus der Hand der Greisin,

die es immer noch festgehalten hatte, und schritt hinweg von ihr mit

gütigem Nicken des Kopfes.

Die alte Frau sah ihm lange nach. Dann sprach sie, kopfschüttelnd und

mit der Hand über die Augen wischend: »Ich glaube es nicht, daß wir

Kinder Israel verdammt sind. Wäre es aber so: -- lieber mit Manasse in

der Hölle, als mit Isaak im Himmel der Christen. Ich will beten für uns

und für die Christen -- für den armen Isaak und für den guten Bischof

-- zum Gott meiner Väter!«

Und sie schritt langsam zurück in den Hof.

Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus · 第 22 / 70 题