»Wie gut er ist!« flüsterte der Runde. »Und immer so allein! So
trübselig! Unter den verwünschten heiligen Pergamenten. Gott verzeih
mir's: ich wollte sie wären lauter Fässer voll Stein und Leisten!«
-- »Nun also! Was schreibt mein träger Bote?« -- »Vor allem, er ist
noch nicht in Rom. Der Brief ist geschrieben in einem Dörflein hinter
Florentia und erst vor einer halben Stunde brachte ihn ein Laienbruder
aus dem Sankt Gundberts Kloster zu Onoldesbach (dem mußt' ich doch den
Willkommbecher vom Fasse füllen!) dort, bei den guten Mönchen, liegt
Arns Reitknecht wund: er stürzte mit dem Gaul schon auf dem Brennerberg
und schleppte sich seither all den weiten Weg durch Bayerland und
Schwabenland bis in unser liebes Franken. Darum währte das so lang. Nun
hört, was der wilde Bayer schreibt: mir ist, ich seh' ihn vor mir und
hör' ihn! Die armen Welschen, die ihn angehen wollen! Der Riese steckt
zwei von ihnen, wie etwa Euer zwiebelgelber Berengar ist, unter jeden
Arm und trägt sie ins Wasser wie junge Katzen.
›Unsern huldvollen Gruß und geistlichen Segen zuvor ...‹« »Der
Unverschämte!« lachte der Bischof. -- »Unserem lieben und getreuen,
aber durstigen Supfo. ›Meinem gnädigen Herren, dem Bischof, hast du
sofort zu melden, daß nichts Entscheidendes zu melden ist.‹« -- »Noch
immer nicht! Ja freilich, wenn er erst bei Florenz ist!« -- »Verzeiht,
Herr Hezilo, der Brief ist ja viele Wochen alt: -- wegen des Boten, der
lange Zeit schon zu Wilten am Fuße des Brennerberges liegen bleiben
mußte: -- einstweilen muß der Bayer längst am Tiberstrom angelangt, ja
er kann schon bald wieder zurück sein! -- ›Dem hochehrwürdigen Herrn
Bischof -- oder wie ich lieber sage -- denn so durft' ich sagen in den
schönsten Jahren meines Lebens! -- dem tapfern Herrn Grafen also Gott
zum Gruß voraus. Aber dann gleich Weidmannsheil und Weinfreude vollauf!
Schon einige Male hab' ich ihm durch Boten Nachricht gesandt, wie
es mir ergangen auf meiner frommen Fahrt, zu der er mich unfrommen
Jägersmann auserkoren hat. Wundert mich nur, daß er mir nicht Rado,
den Heiden, mitgegeben hat als Begleiter. (Grüße mir den Alten und
er soll mir noch ein paar Stück Wild übriglassen im Grafenwald!)
Hat meine Aussendung Herrn Heinrich der heilige Geist eingegeben,
so war der gerade in sehr guter Laune. Denn mir geht's soweit ganz
gut. Lieber zwar ritt ich mit Junker Hellmuth auf die Wolfsjagd oder
säße mit dir, Freund Kugilo, in dem geheimen Kellerverschlag, wo du
Schlauer die Griechenweine birgst, und mit dem lustigen Junker Fulko:
-- grüß' ihn schön, und sag' ihm, ich habe zwischen Main und Arno keine
zweite Minnegard gesehen, ja keine, die würdig wäre, jener ersten
den Strumpf über den feinen Knöchel zu streifen.‹« »Ich werd' ihm!«
unterbrach heftig der Bischof. »Du unterfängst dich nicht, dem kecken
Provençalen ...! So weit ist das schon? Nun, warte Jungfräulein! Das
führt dich noch rascher ins Kloster.« Supfo wollte etwas einwenden,
aber dies zornige Antlitz vertrug jetzt kein Widerwort; so fuhr er
fort: »›Als daß ich hier im heißen Welschland erkunden soll, -- höchst
überflüssigerweise! -- ob nicht demnächst die Welt untergehen wird.
Es fällt ihr gar nicht ein. Sie schaut gar nicht danach aus! Zwar
wahr ist: je weiter man gen Mittag reitet, desto häufiger findet man
diesen dummen Wahn in den Köpfen der Leute und desto verbissener
und versessener sind sie darauf. Aber das macht nicht die größere
Weisheit, sondern die größere Hitze, bei der ja die klügsten Rüden, die
oft viel gescheiter sind als die Menschen, toll werden. In Augsburg
glaubte noch kein Mensch daran: -- nur ein paar Nonnen! -- in Bozen
schon viel mehr Leute, auch Weltliche: in Mailand ist noch kaum ein
Vernünftiger -- ausgenommen Herrn Heinrichs Bruder, der Herr Erzbischof
Kanzler Heribert: -- der sagte mir: er glaube es erst, wenn's der Herr
Papst befehle ...‹« Der Bischof nickte: »So schrieb mir Heribert, und
also halt' ich's auch.« Der Runde legte das Pergamentblatt nieder auf
seine Kniee und sah ihn an -- mit einem vielsagenden Lächeln. »So
-- --?« fragte er gedehnt. »So? -- Ich ... ich halt' es anders.« --
Rasch, wie um einer Frage zuvorzukommen, las er weiter. »›Vollends
aber in dieser sonst gar lieblichen Stadt Florentia! -- ich kenne sie
gut von früher! -- jedoch davon alsbald. Es ist mir also immer gut
gegangen, Freund Supfissimo, wie man dich hier zu Lande nennen würde,
abgesehen von der landesgebräuchlichen grausamen Hitze: die verträgt
mein zottiger Kopf und mein vollblütiger Leib gar schlecht. Denn siehst
du: die unsinnige Hitze macht unsinnigen Durst, der unsinnige Durst
macht ein Trinken, das auch nicht alle Tage sinnig bleibt und dann
macht das starke Trinken wieder noch stärkere Hitze und so geht es in
der Runde fort wie beim Rosenkranzbeten.
Zumal ich doch die edle Gottesgabe, die hier wächst -- fast schwarzrot
ist der starkduftende Feuerwein! -- wahrlich nicht wie diese
erbärmlichen Welschen mit sündhaftem Wasser verschänden werde. Nun,
und im Rausch giebt's dann manchmal einen gelinden Raufhandel. Denn
mich macht der Rausch nicht weinerlich, sondern minnegehrend wider
die Weiblein und kampfgehrend gegen die Mannsleut' --‹ Ich muß schon
sagen,« unterbrach sich der Dicke hier, »einen gar frommen Boten
habt Ihr an den heiligen Vater geschickt. Der wird eine Freude haben
an Arn aus Bayerland! -- ›Trittst du aus den kühlen, kellergleichen
Weingewölben auf den glutheißen, in grellstem Sonnenbrand bratenden
Marktplatz so einer welschen Stadt, dann glaubst du ohnehin, du stehst
mitten in einer sausenden Windmühle: so geschwind drehen sich Säulen
und Kirchen und Bettelbuben und Heiligenbilder und Cypressen und
Marktweiber um deinen armen Schädel. -- Nun, und da bin ich auch schon
manchmal einem schwarzlockigen, glutäugigen Mägdlein oder auch einer
Ehefrau -- man kann's doch nicht immer gleich erraten, zumal sie hier
ihre Ringhand mit Handschützen zudecken! -- nachgestolpert ... --‹«
Hier sah sich zur Abwechselung der Bischof zu einer Unterbrechung
veranlaßt: »Nun warte, Bayer! Geht die Welt +nicht+ unter, sollst du
mir fasten und dursten, daß dir die Üppigkeit vergeht.« »Hilft nicht.
Kommt nicht wieder!« meinte Supfo trocken und las weiter. »›Schon in
Verona, in Mailand hab' ich daher leider manchen Degenstoß auffangen
und zurückgeben müssen, wenn mir so ein neugieriger Vater, Bruder
oder wenig duldsamer Ehemann dabei in den Weg lief. Aber in dieser
schönen Stadt Florentia: -- das gab einen Spaß ohnegleichen! Schon
lange erzürnte mich, daß, je tiefer ich in das schöne Land hineinreite,
desto mehr die Hitze zu- und der Verstand abnimmt, so daß sie mir
achselzuckend ›barbarische Wildheit‹ an den Kopf werfen, weil ich an
jenes Gewäsch vom Weltende nicht glaube.
Hatt' ich mich da in meiner Herberge den ganzen Abend herumgestritten
mit zwei edlen Florentinern und zwei Mönchen von Cluny -- die nicht
zu trinken, sondern zu bekehren in die Weinherbergen gingen, tranken
zwar doch bei der Bekehrung, aber ich mehr als alle vier! -- und als
der eine Pfaff boshaft wurde und von ›dummen Deutschen‹ und ›groben
Bayern‹ sprach, erklärte ich, ihn hinausthun zu müssen: -- und zwar,
weil's näher sei, zum Fenster: -- es war nämlich im Erdgeschoß und
nicht gar zu hoch -- und da ich es ihm einmal versprochen, ließ ich
ihn auch nicht lange warten. Sein Genosse entwich kreischend durch
die Thüre. Aber da die beiden florentinischen Valvassori dem andern
helfen wollten, hatte ich sie diesem vorausschicken müssen. Nun, so was
bringt das Blut in leise Wallung. Und wie ich nun den Schlaf suchen
will auf meinem elenden Lager -- ungleich weniger Strohhalme denn Flöhe
barg der Sack, der also richtiger ein Floh- denn ein Strohsack würde
geheißen haben, von anderem Getier, nicht so groß wie Skorpione, aber
viel häufiger, zu schweigen! -- da ertoset ein unglaublich Heulen und
Winseln auf dem weiten Platz vor meinem Fenster, als ob tausend Teufel
tausend alte Weiber zwackten. Ich springe mit einem Salzachfluch ans
Fenster und seh' im Mondschein und im Licht von düster rotflammenden
Pechfackeln einen langen, langmächtigen Zug von Pfaffen und Laien und
Männern und Weibern und Kindern und gewaffneten Valvassoren und schön
geputzten Edelfrauen und zerlumpten Bettlern, alles einträchtiglich
nebeneinander, und all das wälzt sich, betend und singend, gegen die
alte Basilika mir gegenüber. Und trugen eine Menge Wachskerzen und
Fackeln und Kreuze und Bandièren und Heiligenbilder: und heulten aus
eitel Furcht vor dem nahenden Tod und Teufel und Weltgericht, daß es
die Steine erbarmte; oder doch die Hunde von Florenz, denn die heulten
mit gottsjämmerlich. Und scholl's da durcheinander auf Latein und auf
Welsch und sangen: ›Wehe! Reue! Buße! Besserung! Glaube! Der Diabolus
droht. Das Weltgericht! Und vorher geht umher der Antichrist.‹
Gute Nacht, Schlaf! sagte ich. Flöh' im Stroh, vor dem Fenster Weiber,
Hunde, Pfaffen heulend um die Wette -- mir ward's zuviel. Gut' Nacht,
Florentia, denk' ich. In hellem Zorn lauf' ich hinunter in den Stall
-- ziehe meinen Hengst heraus -- den Reitknecht hatte ich schon
vorausgeschickt nach Germinianum: denn der hatte -- er ist aus Passau
und ein wenig grob! -- mit dem Wirte einen unerheblichen Raufhandel
gehabt: -- drei Zähne, aber nur florentinische! -- Und will auf und
davonreiten noch in der Nacht. Suche aber den Wirt, weil ich die
Zeche immer zahle, wie hoch sie sei. Alles leer! Wirt und Wirtin und
Kammermagd und Stallknecht: -- alle halfen wohl da draußen das Ende
der Welt herbeiheulen. Und wie ich durch all die kleinen engen Kammern
laufe -- (in wahren Mauslöchern hausen sie, diese Welschen! Warum?
Liegen immer auf der Straße) ... Jetzt weiß ich aber nicht mehr, wie
ich den langen Satz angefangen habe, denn auch hier in Germinianum ist
der Wein ziemlich stark: ich mußte ihn sogar auch in die Tinte träufen
(~atramento~ sagen sie hier), und ist immer im Eintrocknen, wegen Hitze
der Natur und Seltenheit des Schreibens ... also hier geht es mit den
Worten nicht ganz zusammen, wohl weil die Tinte -- nicht ich! -- des
Weines allzuviel getrunken, aber du wirst es schon verstehen -- also
daher finde ich keine Seele. Aber in einer Gewandkammer, in die der
Mond voll hineinscheint, wär' ich schier erschrocken. Denn da hing
einer. An einem Thürhaken. Sah aus wie der leibhaftige Teufel, etwa wie
ihn die Buben bei uns am Ostersonntag auf der Bleichwiese vor der Stadt
verbrennen im Osterfeuer. Schwarze Tarnkappe mit zwei Gemshörnern,
schwarze Kapuze, glühendrote Augen, rote Zunge, lang heraushängend
aus bleckenden weißen Beißzähnen -- Fledermausflügel an den Schultern
-- langer schwarzer Mantel, der die ganze Gestalt verhüllt -- eine
zweizinkige Feuergabel lehnte daneben. Die Welschen haben solche
Mummerei im Hornung. Ein lustiger Gesell hatte wohl für manchen
vertrunkenen Krug Chlavintowein den kostbaren Seidenmantel als Pfand
zurückgelassen. Die Verlarvung sehen und laut aufschreien vor Spaß war
eins bei mir! Flugs stak ich drin: vom Hirn bis zum Knöchel der Teufel.
Flugs auch saß ich auf meinem schwarzen Gaul und, die Zackengabel
schwingend, jage ich, was das Roß nur laufen kann, schreiend, wie auf
einer Salzburger Hochzeit, plötzlich in den heulenden Zug. Von der
Seite her kam ich: ganz ungesehen, bis ich mitten drin war unter den
heulenden und zähneklappernden Weibern und Pfaffen. Da schrie ich in
meinem besten Florentinisch: ›Ja! Ja! Der Teufel! Der Teufel! Ihr habt
ihn gerufen. Jetzt kommt er, euch holen!‹ O Supfo mein! Hättest du das
mitangesehen! Du hättest dir das Bäuchlein gehalten vor Lachen! Hättest
du den Schrecken gesehen, den ich, der Eine Mann, der verachtete
Barbar aus Deutschland, all diesen überklugen, feingeistigen Welschen
einjagte. Auseinander stoben sie wie ein Flug Sperlinge, darein der
Habicht stößt.
Männer wie Weiber, Ritter wie Pfaffen, die Kerzen, die Fackeln,
die Kreuze, die Fahnen warfen sie weg, über den Haufen rannten sie
sich, alles drängte, die Kirche, den rettenden Altar mit seinen
Heiligenknochen zu gewinnen. ›Der Teufel! Der Diabolo! Der Antichrist!
Der Dämon!‹ schrieen sie durcheinander. ›Gleich greift er mich. Er hat
mich schon.‹
So sprengte ich zwei-, dreimal von links nach rechts und von rechts
nach links quer durch den langen Zug, der in seinen Windungen sich
mehrfach über den weiten Marktplatz hin dehnte. Und nicht einer hatte
den Mut zu stehen, meinem Gaul in den Zügel zu fallen. Nachdem ich,
der Eine Salzburger, etwa zweitausend Florentiner in die Flucht der
Todesangst gejagt, sprengte ich davon, und riß mir, als ich an das
römische Thor gelangt war, die Teufelslarve ab. Hier ward ich eine
kleine Weile aufgehalten. Der Thorwart hatte meine Entmummung gesehen
und leider kannte mich der Mann von meiner letzten Fahrt durch Florenz:
und nicht gerade von meiner tugendlichsten Seite: denn er hatte
damals eine Nichte gehabt, eine dralle Dirne von üppigem Wuchs und
Wesen. Der unchristlich lang nachtragende Oheim stürzt also, sobald
er mich erkennt, auf den Platz vor dem Thore mit gefälltem Speere:
›Halt,‹ schreit er, ›ruchloser Arn, du trägst mit Recht des Teufels
Gewand.‹ Und wirklich mußte ich ihm erst den Speer aus der Hand und die
Sturmhaube vom Kopfe schlagen, bevor ich an ihm vorbei ins Freie jagen
konnte. Die Zeche blieb -- zu meinem großen Kummer! -- unbezahlt: ein
halbes Brot, ein Käse und siebzehn Krüge Wein. Der Teufel, für den sie
mich genommen, mag sie zahlen, kommt er einmal wirklich nach Florenz.
Nun Gott befohlen, Supfo. Trinke den Griechenwein nicht allen allein
aus, bevor ich wieder zurück bin. Ich komme durstiger aus diesem Lande
der Heiligen heim als ich hineingeritten. Noch heute geht's nach Rom
weiter. Ich freue mich auf den heiligen Vater. Aber noch viel mehr auf
die unheiligen Römerinnen, die stolzbusigen, wie man sie nennt, und
auf den Wein der Campagnatrauben. Das soll der feurigste sein. Gegeben
in einer Taverna zu Germinianum, wo es auch wieder Flöhe hat. Aber es
sind doch andere. Es grüßt dich Arn von der Salzach, Jägermeister zu
Würzburg und Teufel zu Florenz.‹«