I.

Der Herr Bischof von Würzburg war nicht recht mit sich zufrieden.

Er sagte sich das, wie er an einem heißen Nachmittag in der Bücherei

auf und nieder wanderte. »Schon all diese Zeit her ist mir nicht

geheuer, seit ich Berengar entsendet habe; eigentlich doch mehr nur:

habe ziehen lassen. Und ich hab' ihm streng eingeschärft, noch nicht

abzuschließen mit den wilden Wenden. Ich scheue mich, sie in den Gau

hereinzurufen, am Ende gar in die Stadt einlassen zu müssen. Wenn diese

Heiden ...« Er blieb plötzlich stehen und griff mit der Hand an die

heiße Stirne.

»Ah bah,« fuhr er, wieder ausschreitend, fort, »ich habe doch schon oft

schlimmes Kriegsvolk in Zucht gehalten, werd' auch mit diesen fertig

werden. Der erste, der stiehlt, hängt. -- Es ist nicht das! -- Aber

gegen den Kaiser! Gegen den deutschen König! Gegen diesen Jüngling: --

er, seine Mutter, sein Vater haben mich mit Huld, mit Ehren überhäuft.

Undank wird er's nennen. Er -- und die Welt! Ich trotze dem lauten

Wort der ganzen Welt, wenn das stille Wort hier -- hier in der Brust

mich freispricht. Und es +muß+ mich freisprechen. Ich +muß+ Sankt

Burchhards Rechte wahren! -- Wäre doch Arn zurück mit der Entscheidung

des Papstes. -- Ja: die Entscheidung! Wäre ihre Stunde doch da! --

Inzwischen verzehrt mich die Ungeduld! -- Immer beten! -- Kann's nicht!

-- Und auch nicht immer lesen! -- Es ist so eng, so dumpf, so staubig

hier unter all den alten Pergamenten! -- Ich bin büchermüde. Menschen

will ich sehen! Hinaus ins Freie! Aber was draußen thun? Fechten darf

ich gar nicht mehr. Jagen soll ich nur zahm und selten. Der Bischof,

der Priester soll --! O Weh und Pein! Der Priester! Warum Priester,

warum? Ah falsches, treuloses Weib! Was hast du zu verantworten! Was

hast du angerichtet in mir, Verräterin!« Und er drückte die geballte

Faust vor das Auge.

»Der Priester, -- der Bischof -- was kann er thun draußen unter den

Menschen? Ihnen wohlthun! Ja, und das will ich! ›Seelsorge!‹ Schönes

Wort! ›Herzenssorge‹ wäre auch gar schön, aber wer auf Herzen baut --!

Ah was! Fort damit.

Geht es dir schlecht, soll's andern desto besser gehen! Hinaus,

Heinrich, und hilf, wo du kannst!«

Er stieß den halbgeschlossenen Laden auf und blickte über die Stadt hin

gegen den Main.

»Die Sonne geht zu Gold. Bald sinkt sie hinter die Buchenwipfel des

Königswaldes. -- Aber noch ist's Zeit genug, Gutes zu wirken, bevor der

Tag verronnen ist. Es kommt die Nacht, da niemand mehr wirken mag. Die

Nacht! Am Ende gar -- für diese Welt -- bald die ewige Nacht.«

Er schritt aus dem Büchersaal in das Vorgemach, dann auf den breiten

Gang, in welchen die Holztreppe mündete, stieg diese herab und wollte

sich der Hauptthüre zuwenden, die aus dem Bischofshause ins Freie -- in

der Richtung nach Westen, gegen die Brücke hin, -- führte.

Allein in der Mitte der Vorhalle ward er angerufen von einer Stimme,

die aus der Unterwelt emporzudringen schien. »Hezilo! Herr Graf! --

Hochwürdiger Herr Bischof, wollt' ich sagen.« -- »Du, Supfo? Was

soll's? Was willst du?«

Und er wandte sich zur Rechten, wo einige Stufen in die Keller des

Hauses hinunterführten. Auf der obersten derselben tauchte jetzt dort

eine behäbige drollige Gestalt auf, die aus lauter aufeinandergesetzten

Kugeln aufgebaut schien.

Kugelform hatte das grüne Mützlein aus steifem Wolltuch, das, vorn

höher als hinten, etwas schief auf dem rundgeschorenen Grauhaar des

runden Kopfes saß. Aus dem ganz glattgeschorenen Gesicht traten

die stark geröteten Wangen halbkugelig hervor unter den runden

vergnügten Äugelein, die frisch und hell in die Welt schauten; unter

dem hellbraunen Schurzfell erhob sich ein Bäuchlein, das sich der

Kugelgestalt nach Kräften zu nähern trachtete und auch die roten

Wadenstrümpfe zwischen Knie und Knöchel hatten Mühe, ihren geschwellten

Inhalt zu bergen. Fröhlich, treuherzig und dabei recht gescheit, ja

schelmisch-witzig war der Ausdruck der angenehmen Züge: auch Herrn

Heinrich schien der Anblick zu vergnügen: heiter ward seine bewölkte

Stirne, während er auf die Antwort des dicken Männleins wartete. Diese

kam etwas langsam, denn der Rundliche hinkte ein wenig beim Ersteigen

der Stufen und schnaufte ganz gewaltig. »Uf! Heiß ist's im lieben

Würzburg im Brachmond sogar im kühlen Keller.« »Ja freilich,« drohte

der Bischof lächelnd, »wird dem Kellermeister warm, wenn er so fleißig

seines Amtes waltet -- im Vorkosten! Aber was willst du?« -- »Was ich

will? O Hezilo, lieber Herr, -- das krieg' ich doch nie wieder.« --

»Was ist's?« -- »Meinen Hezilo von ehemals möcht' ich wieder haben!

Den aus der guten Rothenburger Zeit. Hei wie wir jagten mit dem alten

Rado in dem waldgrünen Taubergrund! Den +Grafen+ Heinrich möcht' ich

wieder haben, den jagdfrohen, waffenfrohen, weinfrohen, frauenfrohen

...« Hier furchte der Bischof die hohe Stirn. »Den weltfrohen Liebling

von Jung und Alt, von Mann und Weib!« »Ja, Vielgetreuer,« seufzte Herr

Heinrich, »der ist gestorben und begraben! Lange schon!« -- »Ich weiß!

Ich weiß! Weiß auch den Todestag, die Todesstunde -- zu Pfingsten

war's. -- -- Hätt's nie von ihr geglaubt! Der arme Herr!« brummte er

unhörbar. »Schad' um Euch, Graf Hezilo! Was war's für eine Freude,

mit Euch leben im Frieden, und im Krieg erst recht! Wißt Ihr noch den

schlimmen Julitag von Squillace? Wetter und Strahl, dort in Kalabrien

war's doch noch heißer als hier am Main! Da Ihr -- Ihr allein den

Herrn Kaiser Ott den Jüngeren -- noch seh ich ihn vor mir in seinem

jugendlichen welligen roten Bart! -- vor der Gefangennehmung gerettet

habt? Sie glauben falsch, diese Saracenen, aber dreinschlagen thun sie

ganz richtig. Auf einmal waren sie da, wie vom Himmel heruntergeflogen,

unzählbar viele! Nichts sah man mehr -- vorn, hinten und links --

als ihre weißen Flattermäntel fliegen! Es war wie ein unabsehbar

Schneegestöber.«

»Ja,« fiel Herr Heinrich eifrig ein. »Und welch' ein furchtbar

Kampfesfeld für uns! Ich hatte treu davor gewarnt, von der breiten

alten Straße oben auf den Berghöhen herabzuziehen auf den Schmalpfad

unten an der See. Nun hatten wir's! Vorn und hinten die Araber zu

Roß: auf den Felsen aber zur Linken -- wie steil stiegen sie empor!

-- die arabischen Pfeilschützen zu Fuß, unsichtbar, unerreichbar: und

hart zur Rechten -- das brausende Meer, gierig, jeden Ausgleitenden

zu verschlingen.« »Wie viele starben damals,« fuhr Supfo fort, »des

Herrn Kaisers Entkommen zu decken! -- Wißt Ihr noch, wie er zuletzt

-- auf geliehenem Roß! -- in das Meer hineinsprang und schwimmend ein

Schifflein erreichte?« -- »Da fielen alle um ihn her, Herr Richari,

sein Lanzenträger, und die Markgrafen Berchtold und Günther, die

Grafen Udo, mein Vetter, Gebhard, Ezelin.« -- »Landulf von Capua und

Atenulf, die edeln Langobarden.« »Und sogar der alte ehrwürdige Herr

Bischof Heinrich von Augsburg kämpfte dort und starb für seinen Kaiser.

Beneidenswerter Tod für einen Bischof!« seufzte Herr Heinrich. -- »Da

lag sie hingestreckt, seine ganze Stechschar. Nur Einer daraus stand

noch aufrecht, seine Flucht zu decken. Aber zu Fuß, denn das eigne

Pferd hatte er dem Kaiser aufgedrängt, da dessen Rotroß, von Pfeilen

gespickt, unter ihm zusammengebrochen war. Und dieser, stets der

vorderste am Feind, im Weichen der letzte, der hieß -- Heinrich von

Rothenburg.« -- »Nein! der vorletzte hieß so. Denn der letzte, der den

Schild über mich hielt, der hieß Supfo, der von der Taubermühle. So

oft ich dich den linken Fuß ein wenig nachschleppen sehe, denk' ich

des Schwerthiebes, den du damals für mich aufgefangen.« »Bah,« lachte

Supfo, »der Heide, der den Hieb schlug, ist doch schlimmer daran. Zwar

schleppt er den Fuß nicht nach, aber auch den Kopf nicht mehr mit! --

Ja, das waren noch Zeiten! Achtzehn Jahre sind's nun bald! -- Aber

auch noch nach des Herrn Kaisers frühem Tode erging's uns gar gut. Wir

sonnten uns unter der warmen, -- recht warmen! -- Gnade der schönen

Kaiserwitwe. Weiß Sankt Kilian, Ihr und ich, wir beide regierten damals

die Frau Regentin samt dem heiligen römischen Reich!«

Herr Heinrich mußte lachen.

»Als der falsche Vetter von Bayerland sie verriet, ihren Knaben stahl,

das Reich an sich riß, viele, viele geistliche und weltliche Fürsten

abfielen von der vereinsamten Witwe und ihrem guten Recht, da habt Ihr

bei der vielschönen Griechin nahezu allein ausgeharrt, -- wie einst bei

ihrem Gatten in der Schlacht -- ein Turm in ringsher brandender Flut,

und habt endlich ihre Sache zum Siege durchgekämpft. Das war lustig.

Fast jede Woche ein Gefecht! Und jed' Gefecht ein Sieg. Und die Sieger

immer Ihr und Graf Gerwalt.«

Der Bischof schloß die Augen.

»Und in dem Hoflager der Regentin die edle, holde Jungfrau Heilfriede!

Wie oft hat sie nach erfochtenem Sieg Euch den Helm mit Eichenlaub

gekränzt! Euch oder Graf Gerwalt.«

»Was hast du von des Grafen Gerwalt Eheweib zu schwätzen?« -- Recht

unwillig war das gefragt. -- »Und wozu riefst du mich an?«

»Zu nichts Bösem wahrlich! Ich wollt' Euch bitten, den Lautertrunk vom

vorvorigen Herbst zu kosten: ich sag' Euch -- der ist fein geraten!«

-- »Ist mir nicht danach zu Mut. -- Mich rufen Pflichten.« Und er

wollte sich zur Thüre wenden, aber der Kellerer hielt ihn am langen

porphyrroten Bischofsgewande fest.

»Auch +das+ ist Pflicht, zu erproben, wie herrlich der milde

Himmelsherr Eurer müheschweren, klugen, ja weisen Arbeit gelohnt hat.

Viele Jahre sind's nun, seit Ihr, -- kaum waret Ihr hier eingesetzet

-- befohlen habt, auch die unwirtlichen Hügelhalden im Norden der

Stadt dem Weinbau zu gewinnen. Eitel Geröll und Gestein bis dahin! Den

›Stein‹ schalten die unzufriedenen Bauern den ganzen unnützen Berg,

auf dem nur ein paar Ziegen kletterten. Aber die liebe Mittagssonne

liegt darauf so lang und so heiß sie irgend kann! Die Blust der Trauben

verweht dort nie ein rauher Wind: -- des Berges hoher und breiter

Rücken schließt ihn aus. Schwer Geld hat's Euch gekostet, die edelsten

Rebschößlinge tief aus Welschland zu beziehen: -- den ersten habt Ihr

mit eigener Hand gepflanzt und gesegnet, und unverdrossen habt Ihr

all die Jahre lang bei dem müheharten Winzerwerk selbst mitgearbeitet

in Sommerbrand und in Herbstnebel. Zum erstenmal nun kelterten wir

vor zwei Jahren dies welsche Gewächs auf ostfränkischem Boden -- treu

und liebevoll, wie eines Liebchens, pflegte ich des Fasses! -- und

nun kommt in den Keller und schmeckt, genießt, was Ihr da Köstliches

geschafft. Es rollt wie flüssig Feuer durch die Adern. Noch späte Enkel

werden Euch drum danken.« -- »Ich hab' gelernt, der Menschen Dank

entsagen. Ich gehe, um ...« -- »Nein, Herr, bitte, bleibt nur noch ein

weniges. Ich ... ich habe Euch im Keller etwas mitteilen wollen: -- es

wäre gerade der rechte Ort dafür gewesen: auf einem Fäßlein sitzend

und von Weinduft umweht -- so muß man das lesen und anhören. Denn es

ist ...« er lachte herzlich. -- »Nun was ist's?« -- »Ein Brieflein

von Arn!« -- »Wie? Von Arn? Aus Welschland? Wohl gar aus Rom? Was? An

dich schreibt er und mich, der ich so schmerzlich auf Nachricht, auf

Entscheidung warte, mich läßt er ohne Kunde? Das ist ja ...« -- »Nein,

nein, Herr Graf, es ist kein Unrecht wider Euch: -- Ihr werdet's gleich

selbst einsehen: aber, bitte, laßt Euch einen Augenblick nieder -- dort

auf der Hallenbank.« -- »Ich nicht! Aber du! Dein Fuß! Verzeih mir,

Freund, daß ich dich so lange stehen ließ.« Und fürsorglich geleitete

er den Humpelnden an die Bank und ließ ihn auf dieselbe niedergleiten.

Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus · 第 19 / 70 题