X.

»Halt an, Freund!« rief Fulko. »Du darfst nicht entweichen mit deiner

Lebensgeschichte. Beichte!« Hellmuth erwiderte nicht, er strich nur

das schlichte, kurze, dichte Blondhaar aus den heißen Schläfen.

»Jawohl,« pflichtete Minnegard bei und haschte ihn, da er wieder an ihr

vorüberstürmte, am braunen, lang nachflatternden Mantel. »Steht! Und

steht Rede!« »Ist bald geschehen,« erwiderte gelassen der Traurige.

»Heiße, wie ihr wisset, Hellmuth ...« -- »Trübmuth solltest du heißen!«

-- »-- vom hohen Horst. Fern, aus dem Lande der Ostfalen stammte der

Vater. Der trat in den Dienst Sankt Burchhards zu Würzburg. Als des

Bistums Dienstmann bin ich geboren und trage seit der Schwertleite

des Bistums Waffen. Das ist alles.« »Nein,« rief der Ritter von

Yvonne, »+wie+ du sie trugst, -- +das+ ist die Hauptsache. Noch zählst

du nicht dreißig Jahre und seit vierzehn Jahren hast du in keinem

Gefechte gefehlt auf deutscher, welscher, wendischer Erde, darin Sankt

Burchhards Fähnlein geflattert und jedesmal ... --« »Bist du nun

fertig, Lobposaune?« schalt der Sachse, kurz vor ihm Halt machend.

»O nein, noch lange nicht!« lachte der Provençale. »Denn du wirst

noch lange ruhmreich weiterkämpfen in Ernst und Spiel.« -- »Glaubst

du? In einem Spielkampfe spiel' ich nie mehr mit. Ich hab's gelobt.

Nur in den nächsten Ernstkampf, der bevorsteht, -- in den reit' ich

noch ein.« -- Und als er wieder fern von den anderen war auf seinem

hastigen Gang, fügte er bei: »und nimmermehr heraus!« -- »Und du,

schöne Edel, vielgestrenge Vetterin, -- willst du uns auch nicht mehr

Worte gönnen als dieser eiserne Rennespeer?« -- »Noch wenigere. Ihr

wißt, ich bin von der Spindelseite eine fern versippte Niftel der Herrn

von Rothenburg, aber aus Nordalbingien von der Eider stammen mir die

Ahnen, von den Markgrafen von Esesfeld. Weit von hier im Nordgau lag

meines Vaters Volkfried Lehen, nahe der Wendenmark. Sie brachen gar oft

ein, die wilden Berunzanen. Und einmal trafen ihre weitgeschleuderten

vergifteten Wurfdolche den Vater vor der Burg am Edelhag bei

Wolframsdorf ...«

»Ja, sind gar arg liebe Leute!« meinte Fulko, grimmig lachend.

»Sie drangen mit den Fliehenden in die Burg und verbrannten sie mit

meiner armen Mutter: -- Muthgard hieß sie, nach einer Ahnin -- und

allem, was darin lebte. Nur mich flüchtete, aus der Wiege mich reißend

und aus den Flammen, ein treuer Knecht in den Taubergau zu meinen

Gesippen nach Rothenburg. Dort und, seit Herr Heinrich Bischof ward,

hier, haben sie mich mit milder Hand geborgen. Die Heiligen werden es

den Gütigen vergelten!« -- Sie schwieg eine Weile. Dann fuhr sie, weich

geworden, fort, in das Ohr der Freundin flüsternd: »Du +sollst+ ins

Kloster, Liebe, und ich -- +will+.« Minnegard erschrak. »Du wolltest --

noch vor kurzem -- so wenig davon hören wie ich!« -- »Jetzt aber will

ich! Der Herr Bischof scheint -- -- anderes zu wünschen. Dürft' ich mit

dir tauschen! So wär' uns beiden geholfen.« »Aber wohl nicht allen,«

lächelte das Kind der Alpen, mit einem heiteren Blick auf Hellmuth.

Jedoch das Lächeln verflog ihr sofort, sowie sie Edels Auge, das sie

suchte, feindlich den Schritten des Junkers folgen fand. Sie trachtete

eifrig, das dunkle Gewölk solcher Stimmung zu verscheuchen: -- lachte

sie doch selbst so gern und hörte sie doch so gern andere fröhlich

lachen! --

»Nun,« rief sie mit ihrer glockenhellen Stimme, »Herr Fulko von

Yvonne, nun ist's an Euch. Da werden wir wohl viel mehr Worte und viel

weniger Wahrheit hören. Seid Ihr doch ein Sänger: -- oder wie sagt man

jetzt oft? -- ein Dichter!« -- »Gelogen ist nicht gedichtet, schönes

Fräulein. Ja, wer lügt, der ist kein Sänger. Und mein Wahlspruch

lautet: Wahre Schönheit ist schöne Wahrheit.« -- »Nicht ganz übel!

-- Nun, so sagt uns denn auch schön die Wahrheit über -- Euch!

Nämlich! ...« -- Sie schwieg beharrlich. -- »Was will dies nämlich?«

-- »Nämlich: -- -- ich kam einmal in Euere Kammer! ...« -- »Nun?«

-- »Nämlich der Herr Bischof schickte mich: -- denn er wußte, Ihr

waret fern: -- mit den Junkern Hellmuth und Blandinus saßet Ihr, wie

gewöhnlich um die Mittagszeit, im schmalen Rebgarten des Hatharlin,

der den besten Wein verzapfen soll, unter seinen grünen Bäumen ...

--« -- »Weiß Dame Abonde, dort trinkt sich's gut mit fröhlichen

Gesellen!« »Der Herr Bischof, der selbst noch zuweilen die Laute

zupft wie in seinen Welttagen, gebot mir, Euere Citole zu holen. Oder

vielleicht auch« -- sie errötete -- »erbot ich mich dazu an Supfos des

Kellermeisters Statt. Denn längst war ich ein wenig neugierig, wie es

wohl bei ... Nun -- ich fand Euere große, große Truhe offen.« -- »Hab'

leider keine Ursach', sie zu schließen!« -- »Und fand -- bei Eurer

welschen Laute! -- gar sonderbare, mannigfaltige Herrlichkeiten. --

Beutestücke wohl? Siegeszeichen?« -- »Was meint Ihr da?« »Ei nun, welke

Blumen, darunter noch in der Welke gar schöne, mir unbekannte, wohl an

Durance und Garonne aufgeblüht, ganze oder auch in der Mitte geteilte

Schapel, seidene Bänder, buntfarbige Schleifen, goldene Knöpflein,

Ringlein und Spangen und allerlei solch' Zeug. Wenn +die+ erzählen

könnten, -- was würden wir da alles erfahren!« drohte sie mit dem

Zeigefinger.

»Daß Fulko von Yvonne mit Schwert und Laute durch gar manches Herren

Land geritten ist vom Pyrenäenberg bis über den Main, daß er in gar

mancher Schloßhalle und mancher Kemenate gesungen und unverdientes

Lob gewonnen, auch gar manch' üppige Frau, manch' schlanke Maid

gesehen und schön gefunden und ihr das auch vorgesungen, -- aber nur

Eine geliebt hat. Wollt Ihr deren Namen wissen, Jungfrau Minnegard?«

»Behüte! Mädchen sind nicht neugierig,« fiel sie hastig abwehrend ein,

aber sie lächelte und errötete. »Jedoch ein anderes wüßten wir gern

von Euch: Euer Wesen schillert zwiefach: seid Ihr ein Welscher oder

ein Deutscher?« -- »Beides, o wißbegieriges Fräulein. Ich verbinde

beider Völker Tugenden.« -- »Oder doch Laster! Aber erzählt!« -- »Mein

Vater war ein Neckarschwab; er kam auf einem Kriegszuge unter Kaiser

Ott dem Roten nach Frankreich: das schöne Land gefiel ihm: er blieb

nach dem Friedensschluß darin, nahm Lehen von Kaiser Otts treuem

Verbündeten, dem Grafen Gottfried vom Ardennerland, zog mit diesem in

allerlei Fehden tief in den Süden bis in die Provence und erstürmte

dort einmal das feste Schloß Yvonne, das hoch von steilem rotem Fels

durch Rebgelände niederschaut auf die wild schäumende Durance, nahm den

Burgherrn, Graf Eudo von Yvonne, gefangen und machte mit dem Graukopfe

wenig Umstände ...« »Pfui, wie unmenschlich!« schalt Minnegard. --

»Nun, das ist doch zuviel gesagt. Er that ihm gar nicht weh dabei, als

er ihn ... --« -- »Schweigt! Wie grausam!« -- »Zu seinem Schwiegervater

machte.« Da lachte die Braune hellauf und selbst das andere Paar konnte

sich des Lächelns nicht erwehren.

»Ja, das blieb nicht die einzige Unmenschlichkeit, die er ihm anthat.

Schon zehn Monate danach erhob er ihn -- aus lauter Ehrfurcht für sein

graues Haar! -- zu noch höherer Ehre, indem er ihn --« -- »Nun?« --

»Zu meinem Großvater machte. Meine Mutter aber, Frau Jolanthe, war die

wunderschönste Frau über all Septimanien, Aquitanien und Provence.

Noch jetzt ist sie gar hold zu schauen, wie Ihr bald selbst sehen und

gestehen werdet, Jungfrau Minnegard. Gott segne ihre lieben Augen.

Heil mir: ich hab' sie niemals im Leben weinen machen.« -- »Das -- das

war ein hübsches Wort -- das beste, was ich noch von Euch gehört. Aber

was schwatzt Ihr da von Sehen? Wie sollte Eure Frau Mutter an den Main

kommen?« -- »Aber +Ihr+ kommt -- sicher! -- an die Durance. -- -- Der

Vater sandte mich schon früh von Yvonne an die Lehnhöfe zu Orleans,

zu Paris, zu Givet: -- denn ein Junker, meinte er, wird nirgends

schlechter erzogen als daheim. Von Givet aus geleitete ich unseren

Lehnsherrn, Graf Gottfried, zu dem jungen Kaiser, der damals noch in

Deutschland weilte, erhielt Urlaub, unsere schwäbischen Gesippen am

Neckar zu besuchen, ward auf dem Rückwege hier von Bischof Heinrich,

altem Waffenbruder meines Vaters, väterlich aufgenommen und ... --«

»Und es scheint Euch hier nicht übel zu behagen,« meinte Minnegard.

»Schon recht lange erfreut Ihr den Main und uns durch Euren Anblick.«

»Der Bischof hat ihn gar lieb gewonnen, den Schalk,« sprach Hellmuth,

die Hand auf des Freundes Schulter legend, »wie wir alle. Wir lassen

ihn gar nicht wieder fort.« -- »Ja, ich lasse mich erbitten, noch zu

bleiben. Denn ich muß dabei sein, wenn Jungfrau Minnegard den Schleier

nimmt. Ganz notwendig muß ich dabei sein.« »Wie schadenfroh!« schalt

diese. -- »Ich meine ja nicht den +Nonnenschleier+: -- den +anderen+

meine ich!« flüsterte er ihr ins Ohr, sich so nahe vorbeugend, daß sein

braun Gelock ihre Wange streifte. »Jetzt ist's Zeit, aufzubrechen,«

rief sie. »Es wird immer heißer hier im Walde.«

Hellmuth und Edel sprangen hastig auf: sie fanden das Beisammen kaum zu

tragen; sie schritten dem Rastorte der Rosse zu. Aber dem anderen Paare

schien's nun nicht so zu eilen: -- auch dem Mädchen auf einmal nicht.

»Ihr habt noch ein Wort einzulösen,« mahnte sie, ruhig sitzen bleibend.

-- »Ich weiß: ein Lied!« -- »Nun wird es zu Tage kommen, daß Ihr gar

nicht, wie Ihr geprahlt, aus dem Stegreif dichten +könnt+.« -- »Doch!

Aber -- wenn's Euch dann nur auch gefällt. Ihr müßt's dann nehmen, wie

mir's aus der Seele bricht. Und bei mir heißt's: Feuer in die Leier

oder Leier ins Feuer.«

»Nur zu! Fangt nur an. Ich fürchte mich nicht vor dem Feuer. Ich

gleiche der Schwalbe: die Kälte verscheucht mich, die Wärme zieht mich

an. Da! Nehmt!« Sie reichte ihm die kleine, zierliche, welsche Laute,

die sie schon vorher neben sich bereitgelegt hatte. Er strich einmal

über die Saiten, hob das schöne Gesicht in recht bedrohliche Nähe zu

dem ihrigen, sah ihr tief, suchend, in die haselbraunen Augen und hob

an:

»Zu deinen Füßen lieg ich hier

Und schau' dir in die Augen:

O könnt' ich all dein Wesen mir

Heiß in die Seele saugen!

Du trägst empor zu Sternenhöhn

Die glanzbeglückten Sinne:

Du bist so schön, so zauberschön,

So wonnig wie Frau Minne.

Streifst mein Barett nur an dein Kleid,

Durchrieselt mich's wie Feuer:

Du meine Qual und Seligkeit,

Du mehr als Gott mir teuer!

Man sagt, bald wird die Welt verwehn

In Brand und Funkenstieben:

Doch nicht in Glut kann untergehn

Mein noch viel heißres Lieben.

Die Liebe, die ich -- unerkannt! --

Fühl' hier im Herzen schlagen,

Sie wird dich durch den Weltenbrand,

Ein Flammenmantel, tragen!«

Bei der letzten Zeile sprangen beide, heiß bewegt, auf: die Laute flog

in das Moos, und wer weiß, was das Rotkehlchen, welches neugierig aus

der Weißdornhecke auf das Paar hervorguckte, würde zu sehen bekommen

haben, -- hätten nicht gerade in diesem Augenblick die Diener den

Zelter des Fräuleins herangeführt.

Zweites Buch.

Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus · 第 18 / 70 题