IX.

Alsbald waren nun die ersten Bäume des »Königswaldes« oben auf der

Hügelkrone erreicht: schlanke hochstämmige Buchen waren es meist

schon damals, wie sie heute an jenem schönen Fleck deutscher Erde den

Wanderer erfreuen.

Aber dazumal war der noch nicht durchforstete Urwald noch viel häufiger

und dichter mit Unterholz und Buschwerk bestanden: daher nisteten dort

viel zahlreicher als heute die Vögel, deren noch zwei Jahrhunderte

später Herr Walther sich erfreuen mochte. Als die kleine Schar die

Raststätte, eine runde Lichtung, erreicht hatte, auf welcher schon

während der Jagd vorausgesandte Diener über das weiche, hier in der

Waldeskühle noch vom Tau funkelnde Moos Decken gespreitet und Körbe

und Krüge für einen kurzen Weidmannsimbiß bereit gestellt hatten,

stiegen die beiden Paare von den Pferden und lagerten sich auf der

sammetweichen Waldwiese. Die Diener stellten das »Lägel« Wein, die

Zinnbecher und die mitgeführten Speisen zurecht und gingen dann mit den

Rossen seitab.

Freudig glitzerte die Morgensonne des schönen Maientages durch die

Wipfel der hohen Buchen und warf auf den Waldboden ein goldiggrün

Gegitter. Die Bienen, den Sonnenschein suchend, flogen häufig um den

Agelei und die großblumigen Blauglocken, die an hochaufgeschossenen

Stielen nickten. Würzigen Harzduft atmeten im Sonnenbrand die dunkeln

Tannen, die hin und wieder neben der milden »Frau Buche« wie ernste

waffentragende Kriegsmänner Wache zu halten schienen. Aus den dichten

Wipfellauben scholl bis herunter in der lauschenden jungen Paare Ohr

das kosige Girren und Gurren der Wildtaube und weither aus der Tiefe

des Buchwaldes klang der Goldamsel metallischer Ruf. Gar schön war's

und freudig auf der stillen, sonnigen Waldwiese.

Die warmblütige Tochter der Alpen empfand voll den Zauber des Ortes,

der Stunde: ihre fröhlichen hellbraunen Augen suchten den feurigen

Blick Fulkos: -- sie hatten nicht lang zu suchen: -- er lag im dichten

Gras zu ihren Füßen. Denn den beiden Fräulein war über das hoch aus dem

Boden ragende Wurzelgedräng einer breitstämmigen Buche als erhöhter

Sitz ein weicher Teppich aus Lombardenland gespreitet worden, so daß

die beiden Jünglinge tiefer lagerten.

Auch Edel spürte wohl, daß Hellmuths Auge unablässig nach dem ihren

suchte; doch unerbittbar hielt sie die langen Wimpern niedergesenkt,

und mußte sie dieselben aufschlagen, verstand sie es meisterlich,

seinen Blick zu vermeiden.

Fröhlich den blinkenden Zinnbecher schwenkend rief Minnegard: »Wie

wohlig ist's doch hier im Walde! Frisch, aber doch nicht kühl,

sonnenhell, aber nicht sengend! Und alles in Laub und Blumen so

jugendfroh! Das lieb' ich! Es scheint, -- in solcher Stunde -- das

Leben noch so leicht, so einfach selbstverständlich! Und doch! -- Was

mußte nicht alles geschehen, bis gerade wir vier Menschenkinder an

dieser Stelle, zu dieser Stunde zusammentrafen, zwei gute Gesellen,

zwei herzvertraute Gesellinnen!« Und sie griff mit der rundlichen

warmen Rechten nach Edels langen, schmalen, kühlen Fingern.

»Das ist noch nicht genug!« rief Fulko. »Auch jeder Gesell muß sich

eine Gesellin gewinnen; was meinst du, Freund?« Aber Hellmuth schwieg:

denn Edel runzelte die Stirn.

»Es ist so kurz erst,« begann die Braune aufs neue, »daß wir alle vier

zusammengetroffen sind in dem freundlichen Städtlein am gelben Main.

Wir wissen noch gar zu wenig voneinander. Wie wär' es, wenn wir hier

einander erzählten, was uns hergeführt und wie wir früher gelebt? Eine

Waldbeichte! Die Tauben da oben -- hörst du ihr zärtlich Gurren, Edel?

-- singen die Waldmesse dazu.« »Ja, beichten wir!« fiel Fulko bei.

»Aber Ihr, schön Minnegard, macht den Anfang. Ihr habt gewiß von uns

vieren das meiste Unheil in der Welt angerichtet. Uns anderen wird's

dann leichter.« »Mein junges Leben,« lachte sie, die weißen Zähnlein

zeigend, »ist gar bald auserzählt. Geboren bin ich fern im schönen

Hochgebirg des Bayerlandes, wo, an den Schroffen des Wettersteins,

die Partnach schäumend durch die Felsen bricht, die Kanker murmelnd

durch die Büsche zieht, die Alpenrose bis herab zum Thalgrund blüht:

dort ragt ein altes Schloß seit grauer Zeit: -- des Werto Fels: das

ist mein Heimatthal, auf jener Burg stand meine Wiege. Früh starb die

gute Mutter, bald folgte ihr der Vater, Herr Werinher von Rothenburg,

des Königs Graf im Sundergau. Da ward mein Muntwalt sein Bruder, der

Herr Erzbischof Heribert von Köln; der ließ mich zu sich bringen an den

Rhein. Als ich den achtzehnten Winter vollendet hatte, teilte er mir

mit, der letzte Wunsch meiner Mutter habe mich dem Kloster bestimmt:

dieser Wunsch solle mir heilig sein. Ich erschrak! Thränen brachen

mir aus den Augen. Das Kloster, das mich aufnehmen soll, darf ich mir

wählen.«

»Gut, sagt mir's vorher. Ich steck's in Brand,« grollte Fulko leise.

»Ich erbat vor allem Aufschub. Und da der Oheim als Reichskanzler den

Herrn Kaiser auf unabsehbar lange Zeit nach Welschland über die Berge

zu begleiten hatte, gab er für immerdar die Vormundschaft über mich ab

an seinen jüngeren Bruder, den Herrn Bischof Heinrich, und sandte mich

hierher. +Diesen+ Oheim lob ich mir! Ist's ein Mann!«

»Ein Held ohnegleichen!« rief der wortkarge Hellmuth begeistert und

seine traurigen Augen blitzten dabei auf. »Eine Faust von Erz!« »Und

ein Herz von Gold!« ergänzte der Sänger, den Becher frisch füllend und

hebend. »Ich trinke auf sein Heil!« »Wir thun Bescheid,« fielen die

andern ein und selbst Edels strenge Züge wurden freundlich: sie stieß

mit dem frohen Paare an; Hellmuth machte gar nicht den Versuch, seinen

Pokal ihrer Trinkschale zu nähern. »Allein auch er,« seufzte Minnegard,

»hält es für Pflicht, dem letzten Wunsch der Mutter nachzuleben.« »Wäre

nur Frau Heilfriede nicht so fern,« meinte Edel, mitleidig auf die

Freundin blickend, »die vieledle Gräfin, die hilfreiche, die ratkluge.

Sie fände wohl Rat auch für deine Not!« -- »Ja, die vielgütige Frau.

Wie hat sie mir in Köln die Mutter ersetzt, solange ihr Gatte, Graf

Gerwalt, des Deutzgau's waltete.« -- »Hat sie doch sogar mich, die

Fremde, wie eine Tochter gehalten und gepflegt, als ich erkrankte,

während mich Herr Heinrich dorthin gesandt hatte, dich zu besuchen.«

-- »Und in hohem Ansehen stand sie bei dem Herrn Kanzler.« -- »Dagegen

hier sah ich sie noch nie im Bischofshof.« -- »Sie weilt ja nun

schon geraume Zeit mit ihrem Gemahl in Welschland.« »Und noch nicht

gar lange ist's her,« ergänzte Hellmuth, »daß Graf Gerwalt diesen,

den Waldsassengau, erhielt.« »Die heilige Gräfin, wie wir sie alle

nannten,« fuhr Minnegard fort, »sah wohl mein Widerstreben; ich

glaube, sie hat auch einmal bei Herrn Heribert für mich gesprochen

Aber ohne Erfolg! So werde ich denn --« und hier spielte schon

wieder ein schelmisch Lächeln um ihre Mundwinkel -- »in irgend einem

weltvergessenen Klösterlein dereinst als ›heilige Äbtissin‹ für euch

drei sündhafte Weltkinder beten. Vielleicht, Edel, läßt du dich dort

vor meinem Altare trauen.«

»Ich werde mich nie vermählen,« sprach diese gepreßt und sah scharf

in die Ferne. Gespannt folgten Hellmuths Augen diesem Blicke. »Oho!«

lachte der Ritter von Yvonne und warf den krausgelockten Kopf in

den Nacken. »So hat schon manch Jungfräulein gesprochen, das als

Urgroßmutter starb. Die eine +soll+ nicht heiraten, die andere +will+

nicht! Ja, soll die Welt aussterben? Zwingen muß man euch zu eurem

Glück, vielholde Thörinnen!« -- »Welcher Mann zwingt mich?« Scharf,

wie drohend flog die Frage aus Edels stolzen Lippen und ein blitzender

Zornesblick aus den hellgrauen Augen schoß auf Fulko. »Nicht ein Mann,

aber eine Frau, strenge Edel von Edelhag,« erwiderte der rasch: »Frau

Minne! Die ist doch noch mächtiger denn Euer Herzenstrotz.« »Und,«

forschte sie bitter, »giebt es wirklich kein anderes Glück als Liebe

und Ehe?« -- »Für das Weib -- nein!

Wenig weise wähn' ich das Weib,

Welches weigert der Liebe den Leib

Und süßem Sehnen die Seele:

Freudlos verblüht sie, darbend verdorrt sie,

Keinem zur Wonne, sich selber zum Weh!«

»Ich fand noch keinen,« sprach Edel laut und fest, »der meiner Liebe

wert.« Dabei wandte sie das stolze schöne Haupt und sah mit zürnenden

Augen Hellmuth voll in das Antlitz; es war der erste Blick, der ihm

heute ward. Der senkte demütig den Kopf: »Ihr werdet nie einen finden,«

sprach er leise, nickend. »Doch, doch!« rief der Junker von Yvonne.

»Herr Hellmuth vom hohen Horst, trauter Genoß, -- das war -- mit Urlaub

der herben Jungfrau dort sei es gesagt! -- das war herzlich thöricht

geredet. Verdienen zwar kann der Mensch die Liebe überhaupt nicht:

Lenz, Leben, Liebe, Sonnenschein

Kannst nicht als Recht verlangen:

Drum mußt du fein bescheiden sein

Und sie geschenkt empfangen.«

»Das ist hübsch,« rief Minnegard. »Ist gewiß provençalisch Gewächs?«

Der Sänger neigte sich höfisch und fuhr gegen Edel gewendet fort: »Aber

dieser Spruch gilt von Weib wie von Mann. Die anders dächte, der sagte

ich:

Der Starke ist der Schönheit wert

Und gleich der Rose gilt das Schwert.

Und dir, du junger Aar vom hohen Horst, du Sieger in fast so viel

Gefechten als du Jahre zählst: -- schon nennt man dich weit über

Frankenland hinaus bis zu den Wenden den Rennespeer, den Junker

Siegespeer! -- dir sag' ich: es lebt kein Mädchen noch so schön und

noch so stolz-gemut, dessen du nicht würdig wärest!« »Eia wohl!«

wollte Minnegard rufen, aber die Stimme versagte ihr: sie erschrak, so

zornig klang nun Edels Frage, die sie Hellmuth zuschleuderte wie einen

spitzen Speer: »Euer letzter Sieg, Herr Ritter, war der zu Worms im

Lanzenstechen -- nicht?« Er errötete über und über; er ließ das Haupt

noch tiefer auf die Brust sinken und erwiderte, ohne sie anzublicken:

»Ich habe seither keine Waffe mehr geschwungen.« »Ja, allen Heiligen

sei's geklagt!« schalt Fulko laut. »Ein Kopfhänger ist er seither

worden! Kein Mensch begreift, warum? Nach dem glänzendsten Siege, der

seit Menschengedenken in einem Stechen gewonnen ward, so erzählte der

Herr Bischof.« »Jawohl,« bestätigte Minnegard. »Auch mir rühmte der

Ohm -- weiß nicht, Herr von Yvonne, warum er uns beide damals zu Hause

sitzen ließ! -- den Sieg des ›Rennespeers‹. Du aber, Edel, -- erzähle

doch! -- du warst ja mit dem Herrn Bischof damals zu Worms.« »Jawohl,«

fiel Fulko ein. »Wart nicht Ihr es, edle Jungfrau, die damals den

Siegesdank zu reichen hatte?«

Die Frage blieb ohne Antwort. Denn ungestüm sprang Hellmuth auf. »Es

wird schwül im Walde!« rief er und ging mit langen Schritten auf und

nieder. Und zornig, schweigend, mit zusammengedrückten Lippen sah ihm

Edel nach.

Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus · 第 17 / 70 题