Das Jagdgeleit ward nun entlassen, es kehrte in die Stadt zurück; die
beiden Paare jedoch, gefolgt von einigen Dienern zu Pferd, wandten sich
von der Heerstraße und dem Flußufer ab nach Westen die Hügel hinan
dem schönen Walde zu, der jetzt der Guttenberger heißt, damals der
Königswald genannt wurde.
Sobald der kleine Zug wieder beisammen war, gab Minnegard ihrem
Zelter, aber auch dem Falben ihrer Genossin einen leichten Schlag mit
der Gerte, die ihr Fulko von einer Weide gebrochen: »Ei,« rief sie,
»gestrenge Edel, nun wollen wir sehen, welcher Reiterin Rößlein rascher
läuft: deren Herz schlägt auch wohl mutiger.« »Rascher das deine,
aber mutiger nicht!« erwiderte die Blonde ernst und schoß weit an ihr
vorüber. Sie wollte sichtlich allein sein; Hellmuth folgte ihr nicht;
er hielt den Hengst an und blieb so auch hinter dem anderen Paare
zurück.
Der steil ansteigende Weg ward bald so schmal, daß zwei Pferde nur
gerade zur Not nebeneinander Raum fanden. Dies machte sich Junker
Fulko zu nutze. Gar bald hatte er seinen Rappen dicht neben Minnegards
Weißrößlein gelenkt und nun wich er nicht mehr von ihrer Seite.
Geraume Zeit ritten sie, nur stumme Blicke tauschend, nebeneinander
hin, damit begnügt, Aug' in Auge zu senken. -- Da strauchelte das
Tier der Reiterin -- allzuwenig achtete sie des Weges! -- über eine
knorrige Wurzel, die den Pfad kreuzte: es drohte, auf die Vorderfüße
zu fallen und seine leichte Last vornüber zu schleudern. Mit raschem
Griff riß der Junker das Pferd empor und schob die Errötende in dem
Sattel zurecht. Sie war wohl ein wenig erschrocken: aber sie lächelte
schon wieder mit schalkhafter Fröhlichkeit: »Dank!« rief sie. »Waret
Ihr nicht an meiner Seite ... --« -- »O dürft' ich's immer sein!«
»Ausreden lassen!« schalt sie. »Waret Ihr nicht an meiner Seite,
hätte mich dies Unheil nicht bedroht.« -- »Wieso?« -- »Ei, dann hätte
ich wohl besser, zwischen den Ohren meines Rößleins durch, gerade
vor mich auf den Weg geschaut, wie mich Herr Bischof Heinrich, mein
geistlicher Reitlehrer und reisiger Beichtiger, gelehrt hat. Da Ihr
mich in Gefahr gebracht, mußtet Ihr mich freilich auch beschützen.«
-- »O könnt' ich Euch auf meinen Armen über alle Gefahren hinweg --
durch's Leben -- tragen.« -- »Gemach, Herr Ritter von Yvonne! Zunächst
müßtet Ihr mich dann tragen -- in das Kloster, das zu schmücken ich
bestimmt bin.« -- »Ihr seid noch nicht darin!« -- »Aber bald werd'
ich's sein.« -- »Arme Minnegard!« -- »Und armes Kloster!« -- »Man
kann Euch nicht zwingen.« »Ich zwinge mich selbst. War es doch der
letzte Wunsch meiner sterbenden Mutter. Meine Oheime, die Bischöfe von
Köln und von Würzburg, kennen diesen Wunsch und ...! Oder vielmehr,«
lächelte sie, -- »weshalb wähnt Ihr, daß es des Zwangs bedürfe? Warum
soll ich nicht gern eine Heilige werden?« »Weil's ein Frevel ist!«
brach der Junker los, »eine Sünde wider die Natur, die Euch holdes
Wunder, so wunder-anmutvoll geschaffen hat! O Minnegard, Ihr gleicht
an holdem Reiz, an blühender Schöne der Alpenrose, die Euerer wie
meiner grünen Heimat Berge schmückt. Ihr seid geboren, zu beglücken und
beglückt zu sein! Schon Euch anschauen ist wie heiße Qual, so heiße
Wonne, heiße Seligkeit! Und all dieser Reiz -- er soll verblühen? O
viel edle Dame! Ich sah einmal -- zu Paris war's -- in der Basilika
der heiligen Genoveva -- hinter einem Gegitter von Golddraht auf dem
Seitenaltar schöne, wirklich wunderschöne vollblühende Blumen: Lilien,
Rosen, Krokus, -- auch eine Alpenrose war darunter! -- Staunend trat
ich näher: denn draußen lagen fußhoch Eis und Schnee: allein ach! meine
Freude schwand! Gemacht waren sie, diese armen Blumen, aus Flitter,
aus Lappen, auf Draht gezogen, seelenlos, duftlos: -- vielmehr ging
ein Geruch von Staub, von dumpfem Moder von ihnen aus! -- Das, o holde
Alpenrose, ist die Nonne! Und +Ihr+ solltet also vertrocknen? Diese
leuchtenden Augen sollten nicht Liebe strahlen? Diese roten, weißen,
weichen Lippen ...« -- »Hört auf, Herr Fulko von Yvonne! Vernähmen es
die Leute, sie dächten, Ihr wüßtet drum, ob meine Lippen weich oder
hart. Und davon wißt Ihr doch so wenig wie ...« -- »Ach ja! wie Ihr von
meiner heißen Liebe!« -- »Ei, meint Ihr? Ich glaube, davon weiß ich
doch ein wenig mehr!«
Und sie schaute ihn dabei so freundlich an und sie lächelte dabei so
hold, daß er, kühn gemacht durch soviel Huld, fortgerissen von soviel
Liebreiz seine verlangenden Lippen sehr nah unter ihren breitrandigen
Jagdhut wagte. »Oho, Reitersmann!« rief sie, sich weit von ihm
abbeugend. »Jetzt, -- so scheint's -- seid +Ihr+ gestolpert -- sehr
stark sogar! Gemach! Sind das die gepriesenen Sitten der Provence? Oder
sind's die Sitten in Poetenland? Man sagt, die Sänger brauchen den Mund
mehr zum Singen denn zum Beten, mehr zum Trinken denn zum Singen und
noch mehr als zum Trinken zum -- nun, zu was anderem! Ihr pflückt wohl
jedes Röslein an Eurem Wege?« -- »O Minnegard, wer kann Euch sehen und
noch nach anderem Reiz begehren? Und Küssen ohne Liebe: -- das ist
niederträchtig!«
Sein Auge blitzte in edlem Zorn, Glut schoß ihm in die Wangen: er ließ
ihm sehr schön, dieser heilige Zorn der Reinheit. Sie sah zu ihm empor
mit warmem Blick. »Dank Euch, Herr Fulko! Das war ein schönes Wort. Nie
werd' ich's Euch vergessen! Ihr seid ... Doch nein! Wozu braucht Ihr
zu wissen, wie Ihr seid? Könnt' Euch am Ende eitel machen! Und unter
Euern vielen, wimmelnd vielen Fehlern hab' ich die Eitelkeit -- noch!
-- nicht entdeckt. Nicht mal auf Eure Liedkunst seid Ihr eitel. Und
das gehört doch sonst wohl zum Dichter wie zum Pfau das Radschlagen?
Ihr geizt mit Eurer Kunst. Man muß Euch überlisten, sollt Ihr singen!
Deshalb hab' ich Euren Waffenträger bestochen, -- ich verhieß ihm ein
Küßlein meiner Zofe: (denn sie lieben sich!) -- heute unter seinem
Mantel versteckt Eure kleine welsche -- wie sagtet Ihr jüngst? Die
Citole! -- mitzunehmen. Seht Ihr ihn dort hinten reiten? Da guckt
an seinem Halse das blaue Tragband hervor. Sind wir im Waldesgrunde
gelagert, dann, Herr Sänger von Yvonne, singt Ihr uns ein Lied. Nicht
wahr? Ich bitte!« -- »+Ihr+ -- +mich+ -- bitten? O vielsüße ...!« --
»Gemach! Ihr sprecht zu einer künftigen Äbtissin. Singt Ihr uns?« --
»Gern. Aber -- den anderen nicht. Dir, dir allein!« Verweisend hob sie
den Zeigefinger. »Man sagt: ›Euch, Jungfrau Minnegardis.‹ -- Ein altes
Lied? Das ich schon kenne?« -- »Nein. Ein neues.« -- »Wann gedichtet?«
»Noch gar nicht!« -- »Ja, wie wollt Ihr dann Euer Wort lösen?« -- »Wie?
O Herrin:
Lieg' ich nun bald im Moos zu deinen Füßen,
In deines Auges Himmel will ich schaun:
Begeistrung wird mir in die Seele taun,
Aus meinem Lied dein eigner Reiz dich grüßen!«