Edel und Hellmuth sprengten an dem anderen Paare vorbei und hatten bald
Mühe, zu Pferd den raschen Fliegern zu folgen.
Lange vermochte der Isländer nicht, dem Feinde nachzukommen: endlich,
endlich aber hatte er ihn überstiegen -- etwa um sechs Fuß -- und
sofort stürzte er sich nun aus dieser Höhe auf seine Beute. Allein
blitzschnell hatte der Reiher den bisher abwärts auf dem Kropfe
getragenen starken, spitzen und langen Schnabel -- eine fürchterliche,
oft den Augen des Jägers sogar, der den wunden Vogel greifen will,
gefährliche Waffe -- senkrecht nach oben gekehrt: der Falke, der mit
voller Wucht herabstieß, spießte sich dabei die Brust auf wie auf
einem Speer, so daß die Spitze des Reiherschnabels ihm im Rücken
zwischen den Flügeln hervordrang. Der Sieger aber konnte sich nicht
von dem verendenden Feinde losmachen, nicht unter dem Drucke dieser
Last den Schnabel aus der Wunde reißen und so taumelte er denn, den
Rücken nach unten, sausend zur Erde. Kaum war er aufgefallen, --
zwischen der Straße und dem Fluß -- war Hellmuth schon zur Stelle,
Edel folgte. Der Junker sprang ab, riß den toten Falken von dem Reiher
los, faßte diesen mit der Rechten im Genick an beiden Fittigen und
warf ihn hoch in die Luft: »Geh!« rief er dem hastig Enteilenden nach.
»Du hast dich ritterlich gewehrt -- hast gesiegt: ich mag dich nicht
unritterlich erwürgen. -- Ich habe doch recht gethan?« fragte er zu
Edel hinaufblickend, die nun dicht hinter ihm auf dem schnaubenden
Falben hielt. »Gegen Reiher seid Ihr ritterlich,« erwiderte sie herb,
ohne eine Miene zu verziehen, wandte das Roß und ritt langsam zu dem
anderen Paare zurück.
Auch dessen Beize war ausgebeizt. Gar bald hatte der Wanderfalk den
großen, glänzendweißen Vogel überhöht, und ihn von dem Flusse, den er
nun überschreiten wollte, ab- und auf das linke Ufer zurückgedrängt:
auf den ersten Stoß gelang ihm das Schlagen: Reiher und Falk taumelten,
aber der Falke rittlings auf seiner Beute sitzend, auf die blumige
Wiese zur Rechten der Heerstraße. »Ruft ihn, ruft ihn rasch,« drängte
Fulko die Jägerin, während beide heransprengten. »Er verliert sonst
die Zucht und den Heimstrich.« »Hilô! Hilô!« rief Minnegardis freudig
und setzte in vollem Jagen über den breiten Graben auf die Wiese: ihre
schwarze Feder flog, ihre Locken flatterten. Entzückt folgte Fulko der
zierlichen Gestalt der mutigen Reiterin.
Gehorsam kam der kluge Vogel zurückgestrichen und ließ sich auf dem
Handgelenk der Herrin nieder: vergnügt die beiden Schwingen leicht
schlagend rief er ganz leise, -- nicht den gellenden Kampfschrei -- und
sah mit seinen nußbraunen Augen in Minnegardens Antlitz: ein Falkenier
brachte ihr eilig auf goldenem Stäblein ein Stück Rinderherz und hielt
ihr den Zügel, während der Vogel aus ihrer Linken behaglich und mit
leisem Dankrufe gierig kröpfte: dann ward er wieder gehaubt und auf die
Trage zurückgebracht.
Nicht eher doch hatte der Falke seinen Gefangenen freigegeben, bis
Fulko, vom Rosse gesprungen, denselben an beiden Schwingenknochen
gefaßt hatte; er hielt ihn nun der Jägerin hin, die sich anmutvoll
aus dem Sattel herabbeugte. »Welch herrlich Tier!« rief sie erfreut.
»Welch leuchtend Weiß! Nie sah ich seinesgleichen!« -- »Es ist ein
Silberreiher. Ich wollt' es nicht -- vor der Zeit! -- verkünden.
Aber ich hatte ihn gestern abend angeschlichen.« -- »Er ist -- wie
es scheint -- ganz unverletzt?« -- »Fast ganz. Nur wenig blutet hier
der Hals. Das hab' ich ihn gelehrt, den klugen Greif, am Federspiel:
-- für den Silbervogel! -- nur fangen, nicht morden!« -- »Oh! dann
wollen wir das edle Tier freilassen! Nicht?« -- »Gewiß: Ihr seid ja
seine Fängerin, nicht ich! Und ich: -- im voraus erriet ich Euer gütig
Herz.« Er griff in die kleine von Stricken geflochtene Jagdtasche,
die er am Wehrgurt trug. »Das mögt Ihr jetzt leicht sagen,« lächelte
sie. »Ich beweis es, Herrin!« gab er zur Antwort. -- »Wie? Was wollt
Ihr thun?« -- »Wie immer: Euren Willen -- Nur ein Andenken an diesen
frohen Morgen soll Euch Euer schöner Gefangener lassen. Seht Ihr die
beiden silberweißen Federn hier auf seinem Haupt?« -- »Wie stolz sie
wallen! Schaut, sie reichen noch weit über seinen Rücken.« -- »Wie
prächtig werden sie sich abheben von Eurem Jagdhut und von Eurem Haar.«
Er zog nun mit sanfter Gewalt dem Vogel die beiden Kopffedern aus und
überreichte sie der Jägerin, die sie freudig dankend nahm und sofort in
dem Goldring ihres Hutes befestigte. Sie schmückte sich so gern! Für
sich und für andere. Und jeder einfachste Schmuck ließ ihr so gut. Aber
nun vollends diese stolze fürstliche Zier!
»Ihr seht aus wie die Königin von Avalon, dem Feenland!« -- »Wenigstens
trägt keine Königin schöneren Schmuck.« -- »Und keine Kaiserin würdiger
denn Ihr.« -- »Dank! Recht von Herzen Dank!« -- »Aber nun wollen wir
ihm die Freiheit geben, dem Glücklichen, der Euch erfreuen und Euch
zieren durfte. -- Seht, lange hab' ich vorgedacht für diese Jagd.« Und
er zeigte ihr, was er aus der Netztasche hervorgeholt: es war eine
kleine, runde Goldplatte an einer länglichen, rohrartigen, innen hohlen
Schließe aus Silber: »Was hab' ich darauf ritzen lassen von Meister
Aaron, dem kundigen Goldschmied zu Frankfurt? Schon vor Wochen ritt ich
deshalb hinüber.«
Und das Mädchen las mit holdem Erröten:
»Mich fing die wunderschöne Minnegard
Und gab mich wieder frei:
Der Freiheit wenig Dank ihr ward:
Denn wen sie fing, die holde Fei,
Will, daß er ewig ihr Gefangner sei.«
»Ihr seid ein Schalk,« lächelte sie, »wie alle Sänger, aber ein
feiner.« -- »Und was +Ihr+ seid, -- das singen und sagen alle Sänger
der Erde nicht aus! -- Nun fliege, Reiher, und verkünde in allen Landen
vom Maine bis zum Jordan Minnegardens Schönheit!« Er hatte nun das
Silberröhrlein um den linken Ständer des Gefangenen zusammengedrückt,
die Schnalle geschlossen und gab ihn jetzt frei: der Reiher reckte sich
in die Höhe, hob den langen Hals, breitete dann die mächtigen Schwingen
aus, stieß vom Boden ab, hob sich und flog, mit lautem frohem Ruf der
Erlösung, schwirrend in die Höhe: bald war er im fernen Blau wie ein
schimmernd weiß Gewölk verschwunden.