VI.

Das Jagdgeleit bestand aus nur Einer »Rotte«: das heißt dem

Falkenmeister und drei Falkenieren; alle vier waren beritten;

die letzteren hielten abwechselnd den Falkenrahmen, eine leichte

viereckige Trage, aus weißem Holze zierlich geschnitzt, auf welcher

zwei Beizvögel, mit einer langen Kette unter dem Flügelbug und einer

kurzen um den rechten Lauf und Fang angefesselt, saßen: zierlich stand

den schlanken Vögeln die Falkenhaube, ein Käppchen von rotem Leder

aus Cordoba, oben mit weißen Federn, unten mit kleinen silbernen

Schellenkügelein geschmückt: ein schmales Lederriemchen hielt die

Haube, über Kopf und Augen gezogen, unter der Kehle festgeschnallt.

Den Berittenen folgten zu Fuß drei Hundekoppeler, von denen jeder zwei

Stöberhunde an der Koppelleine führte: mächtig zerrten sie vorwärts,

die starken, grauhaarigen, hochbeinigen Rüden aus Ungarland: aber

scharf erzogen, gaben sie bei aller Jagdgier nicht Laut.

»Was habt Ihr heute für Vögel auf den Rahmen gesetzt, Herr Fulko?«

fragte die Braunlockige, anmutvoll den Kopf und den breitrandigen

Hut nach ihrem Begleiter zurückwendend. »Geht es auf hohen oder auf

niederen Flug?« »Wer mit schön Minnegardis jagt -- und für sie,

-- denkt nur an hohen Flug,« erwiderte der Junker mit weicher,

wohllautender Stimme. »Die Falkeniere haben Reiher angesagt in den

Altwassern des Mains, nahe der Fähre bei den Höfen der Heitinge: sogar

einen --, nun, nicht vor der Jagd von der Strecke plaudern, sonst

verfällt sie dem +wilden+ Jäger! Heute wollen wir erproben, Freund

Hellmuth, ob des Herrn Bischofs isländischer Girofalk besser arbeitet

oder mein Wanderfalk: ich holte ihn, gerade flügge geworden, selbst

aus dem Horst auf dem Geiersberg im Spechteshart.«

»Deiner steigt besser und streicht gehorsamer zurück auf die Faust

zur Atzung,« antwortete der Blonde; trüb war, gedämpft der Ton seiner

Rede. »Ei ja,« rief Fulko, »er hat mir auch manch Federspiel zerzaust,

bis er's gehörig lernte. Der Isländer ist nicht gut abgetragen: denn

Freund Arn, der Jägermeister, der's besser als wir alle kann, ward

vom Herrn plötzlich verschickt, bevor der teure Vogel stoßreif war.

Aber nun, habt acht, Jungfrau Minnegardis! Die Stöberer springen ein.«

»Da platschen sie ins Röhricht,« rief das Mädchen, und setzte in

hellem Jagdeifer ihren Zelter in lustigen Trab. »Seht, schon müssen

die vordersten schwimmen: da ist's schon tief.« -- »Ja, ein altes

Weidmannswort scherzt: ›Reiher ist von höherem Stand denn Rüde‹.

Aber jetzt -- den Rahmen herbei!« Die Ritter lösten den Vögeln beide

Fesseln, nahmen sie von der Trage und setzten einen derselben je einem

der Fräulein, -- Minnegard den Wanderfalk, Edel den Isländer -- auf den

seidengestickten Handschuh der rechten Hand, so daß die scharfrandigen

Krallen den Zeigefinger fest umschlossen; die Kappen blieben noch

unbehoben.

Es war nun gar schön zu schauen, wie die beiden holden Reiterinnen in

raschem Trabe den Fluß entlang dahinflogen, mit wehenden Federn, Locken

und Mänteln, die stolzen Vögel auf dem anmutig gebogenen Handgelenk.

»Hört ihr?« rief Fulko. »Da schlagen die Stöberhunde den Reihergruß.

Lüpft die Kappen! Werft eure Vögel, edle Jägerinnen!« Die Mädchen

schnallten den Vögeln rasch die Kappenriemen ab, ließen die von dem

plötzlichen Lichteinfall Geblendeten noch einen Augenblick in den

Himmel schauen, wiesen ihnen dann Beute und Flug, sie in der Richtung

der rasch enteilenden Reiher in die Höhe hebend, und schnellten sie

mit kräftigem Schwunge des Gelenks in die Luft mit dem lauten Rufe:

»Holî! Holî!«

Sofort hatten die Falken das steigende Wild eräugt und stiegen nach,

pfeilschnell, mit gellendem Schrei, dem der kreischende Angstruf der

Reiher »krätsch! kraitsch!« antwortete. Beide Flüchtlinge blieben auf

dem linken Ufer und eilten flußaufwärts: die Berittenen hatten also

nur die nebenherziehende breite Heerstraße einzuhalten, so konnten sie

leicht folgen.

Herrlich war der Anblick der Flucht und der Verfolgung durch die Lüfte.

Zuerst entleerten die beiden Sumpfvögel die Kröpfe des Fraßes, ihren

Flug zu erleichtern: denn sie hatten mit Erfolg in dem Schilfwasser

gefischt, stets gegen die Sonne stehend und watend, damit der hinter

sie fallende Schatten die Fische nach vorn ihrem Schnabel zutreibe.

Dann legte jeder den langen kegelförmig zugespitzten Schnabel mit den

messerscharfen Schneiden auf den Kropf, streckte die langen Ständer

gerade hinter sich und sausend ging es nun in die Höhe, immer höher,

immer höher, dem Verfolger das Überfliegen unmöglich zu machen.

Denn der Falke konnte den viel größeren Feind nur zwingen, wenn

er ihn überstieg und dann von oben her schlug, ihm zwischen den

Flügelschultern und dem Ansatz des Halses den Haken des Schnabels mit

dem scharf ausgeschnittenen dreieckigen Zahn des Oberkiefers einhieb,

die beiden Fänge aber mit den kräftigen spitzen Krallen unter den

ausgespannten Flügeln -- vor deren Bug -- in den Rumpf schlug und so

schon durch den Druck von oben den keineswegs immer tödlich getroffenen

Reiher zum sausenden Sturz brachte; der Falkenier eilte dann herzu

und tötete oder fing den Verwundeten, während der Falke, wenn gut

abgetragen, auf die Hand der Herrin zurückstrich.

Aber nicht gerade aufwärts stiegen die Reiher, sondern

schraubenförmig, ähnlich den Lerchen, in immer höher und höher

gezogenen Ringen: der schwere Vogel konnte nicht senkrecht oder sehr

steil schräg fliegen, während der Falke schnurgerade, nur stets etwas

höher zielend als sein Gegner flog, auf diesen losstürmte.

Übrigens kamen diesmal die beiden Paare in den Lüften und demgemäß die

beiden Jägerpaare auf der Erde bald ziemlich weit auseinander. Edel

hatte ihren Vogel früher geworfen als Minnegard: derselbe ersah daher

den zuerst aufgestandenen grauen Reiher: dieser und sein Verfolger, der

Isländer, gewann rasch starken Vorsprung in die Höhe und in die Weite

vor dem Wanderfalk, der den zweiten etwas größeren Reiher -- weiß wie

Schnee leuchtete im Sonnenglast dessen Gefieder -- stets vom Wasser ab

nach dem Walde hin zu treiben suchte.

Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus · 第 14 / 70 题