Das Jagdgeleit bestand aus nur Einer »Rotte«: das heißt dem
Falkenmeister und drei Falkenieren; alle vier waren beritten;
die letzteren hielten abwechselnd den Falkenrahmen, eine leichte
viereckige Trage, aus weißem Holze zierlich geschnitzt, auf welcher
zwei Beizvögel, mit einer langen Kette unter dem Flügelbug und einer
kurzen um den rechten Lauf und Fang angefesselt, saßen: zierlich stand
den schlanken Vögeln die Falkenhaube, ein Käppchen von rotem Leder
aus Cordoba, oben mit weißen Federn, unten mit kleinen silbernen
Schellenkügelein geschmückt: ein schmales Lederriemchen hielt die
Haube, über Kopf und Augen gezogen, unter der Kehle festgeschnallt.
Den Berittenen folgten zu Fuß drei Hundekoppeler, von denen jeder zwei
Stöberhunde an der Koppelleine führte: mächtig zerrten sie vorwärts,
die starken, grauhaarigen, hochbeinigen Rüden aus Ungarland: aber
scharf erzogen, gaben sie bei aller Jagdgier nicht Laut.
»Was habt Ihr heute für Vögel auf den Rahmen gesetzt, Herr Fulko?«
fragte die Braunlockige, anmutvoll den Kopf und den breitrandigen
Hut nach ihrem Begleiter zurückwendend. »Geht es auf hohen oder auf
niederen Flug?« »Wer mit schön Minnegardis jagt -- und für sie,
-- denkt nur an hohen Flug,« erwiderte der Junker mit weicher,
wohllautender Stimme. »Die Falkeniere haben Reiher angesagt in den
Altwassern des Mains, nahe der Fähre bei den Höfen der Heitinge: sogar
einen --, nun, nicht vor der Jagd von der Strecke plaudern, sonst
verfällt sie dem +wilden+ Jäger! Heute wollen wir erproben, Freund
Hellmuth, ob des Herrn Bischofs isländischer Girofalk besser arbeitet
oder mein Wanderfalk: ich holte ihn, gerade flügge geworden, selbst
aus dem Horst auf dem Geiersberg im Spechteshart.«
»Deiner steigt besser und streicht gehorsamer zurück auf die Faust
zur Atzung,« antwortete der Blonde; trüb war, gedämpft der Ton seiner
Rede. »Ei ja,« rief Fulko, »er hat mir auch manch Federspiel zerzaust,
bis er's gehörig lernte. Der Isländer ist nicht gut abgetragen: denn
Freund Arn, der Jägermeister, der's besser als wir alle kann, ward
vom Herrn plötzlich verschickt, bevor der teure Vogel stoßreif war.
Aber nun, habt acht, Jungfrau Minnegardis! Die Stöberer springen ein.«
»Da platschen sie ins Röhricht,« rief das Mädchen, und setzte in
hellem Jagdeifer ihren Zelter in lustigen Trab. »Seht, schon müssen
die vordersten schwimmen: da ist's schon tief.« -- »Ja, ein altes
Weidmannswort scherzt: ›Reiher ist von höherem Stand denn Rüde‹.
Aber jetzt -- den Rahmen herbei!« Die Ritter lösten den Vögeln beide
Fesseln, nahmen sie von der Trage und setzten einen derselben je einem
der Fräulein, -- Minnegard den Wanderfalk, Edel den Isländer -- auf den
seidengestickten Handschuh der rechten Hand, so daß die scharfrandigen
Krallen den Zeigefinger fest umschlossen; die Kappen blieben noch
unbehoben.
Es war nun gar schön zu schauen, wie die beiden holden Reiterinnen in
raschem Trabe den Fluß entlang dahinflogen, mit wehenden Federn, Locken
und Mänteln, die stolzen Vögel auf dem anmutig gebogenen Handgelenk.
»Hört ihr?« rief Fulko. »Da schlagen die Stöberhunde den Reihergruß.
Lüpft die Kappen! Werft eure Vögel, edle Jägerinnen!« Die Mädchen
schnallten den Vögeln rasch die Kappenriemen ab, ließen die von dem
plötzlichen Lichteinfall Geblendeten noch einen Augenblick in den
Himmel schauen, wiesen ihnen dann Beute und Flug, sie in der Richtung
der rasch enteilenden Reiher in die Höhe hebend, und schnellten sie
mit kräftigem Schwunge des Gelenks in die Luft mit dem lauten Rufe:
»Holî! Holî!«
Sofort hatten die Falken das steigende Wild eräugt und stiegen nach,
pfeilschnell, mit gellendem Schrei, dem der kreischende Angstruf der
Reiher »krätsch! kraitsch!« antwortete. Beide Flüchtlinge blieben auf
dem linken Ufer und eilten flußaufwärts: die Berittenen hatten also
nur die nebenherziehende breite Heerstraße einzuhalten, so konnten sie
leicht folgen.
Herrlich war der Anblick der Flucht und der Verfolgung durch die Lüfte.
Zuerst entleerten die beiden Sumpfvögel die Kröpfe des Fraßes, ihren
Flug zu erleichtern: denn sie hatten mit Erfolg in dem Schilfwasser
gefischt, stets gegen die Sonne stehend und watend, damit der hinter
sie fallende Schatten die Fische nach vorn ihrem Schnabel zutreibe.
Dann legte jeder den langen kegelförmig zugespitzten Schnabel mit den
messerscharfen Schneiden auf den Kropf, streckte die langen Ständer
gerade hinter sich und sausend ging es nun in die Höhe, immer höher,
immer höher, dem Verfolger das Überfliegen unmöglich zu machen.
Denn der Falke konnte den viel größeren Feind nur zwingen, wenn
er ihn überstieg und dann von oben her schlug, ihm zwischen den
Flügelschultern und dem Ansatz des Halses den Haken des Schnabels mit
dem scharf ausgeschnittenen dreieckigen Zahn des Oberkiefers einhieb,
die beiden Fänge aber mit den kräftigen spitzen Krallen unter den
ausgespannten Flügeln -- vor deren Bug -- in den Rumpf schlug und so
schon durch den Druck von oben den keineswegs immer tödlich getroffenen
Reiher zum sausenden Sturz brachte; der Falkenier eilte dann herzu
und tötete oder fing den Verwundeten, während der Falke, wenn gut
abgetragen, auf die Hand der Herrin zurückstrich.
Aber nicht gerade aufwärts stiegen die Reiher, sondern
schraubenförmig, ähnlich den Lerchen, in immer höher und höher
gezogenen Ringen: der schwere Vogel konnte nicht senkrecht oder sehr
steil schräg fliegen, während der Falke schnurgerade, nur stets etwas
höher zielend als sein Gegner flog, auf diesen losstürmte.
Übrigens kamen diesmal die beiden Paare in den Lüften und demgemäß die
beiden Jägerpaare auf der Erde bald ziemlich weit auseinander. Edel
hatte ihren Vogel früher geworfen als Minnegard: derselbe ersah daher
den zuerst aufgestandenen grauen Reiher: dieser und sein Verfolger, der
Isländer, gewann rasch starken Vorsprung in die Höhe und in die Weite
vor dem Wanderfalk, der den zweiten etwas größeren Reiher -- weiß wie
Schnee leuchtete im Sonnenglast dessen Gefieder -- stets vom Wasser ab
nach dem Walde hin zu treiben suchte.