An demselben Morgen trabte, nachdem die Frühmesse in dem Dom zu Ende,
ein bunter Reiterzug den freien Platz hinab auf die Mainbrücke zu.
Die Hengste der Männer und auch zwei zeltende Paßgänger für Frauen --
mit zierlich gegitterten hohen Seitenwänden an den weichen Sätteln
aus spanischem Leder -- waren neben der Kirche von mehreren Knappen
in Bereitschaft gehalten worden. Als das gemeine Volk aus den
weitgeöffneten schön geschmiedeten Doppelthüren und über die vier roten
Sandsteinstufen des Eingangs hinab sich verstreut hatte, wurden die
Pferde dicht an die kniehohen »Roßsteine« geführt, die, an dem Dom,
wie an gar manchem Eckgebäude angebracht, das Aufsteigen und Absteigen
reitender Damen erleichterten.
Ein schlanker Jüngling von nicht allzuhohem, aber zierlichem Wuchs und
von auffallend anmutvoller Haltung geleitete gar höfisch, nur an den
Fingerspitzen ihren hellgelben Reithandschuh berührend, ein schönes
junges Mädchen die Stufen des Domes hinab. Das veilchenfarbene Barett,
geschmückt mit dem weißen Gefieder der Silbermöwe, stand gut zu dem
dunkelbraunen dichten Gelock des jungen Ritters mit dem etwas helleren
Bart, der überall das feine Gesicht umrahmte. Das enganliegende
Wams, von gleicher Farbe wie das Barett, zeigte vorteilhaft die
geschmeidigen, wohlgestalteten Glieder: die zarten Gelenke der Hände
und der Knöchel schienen nicht deutsche oder doch nicht ungemischt
deutsche Abkunft zu bekunden.
Lebhaft sprach er zu der jungen Dame, feurig blickte er ihr -- und
recht nah! -- in die großen Augen von hellstem sonnig goldenem Braun,
welche unter blonden, nicht allzustarken Brauen hervor freundlich
und freudig in die schöne Welt hineinleuchteten. Ihre Wangen waren
hold wie vom Flaum des Pfirsichs überzogen: die frischen, ein wenig
aufgeworfenen Lippen lächelten gar gern und zeigten dann zierlich
gereiht die weißesten Zähnlein. Ein Reiterhut von weißem weichstem Filz
mit sehr breitem Rand und schwarzer Feder wiegte sich keck auf dem ganz
hellbraunen, aber leicht von einem roten Schimmer durchleuchteten Haar.
Gar anmutvoll war die Bewegung ihrer schmalen langen Hand, mit der
sie das weitflutende weiße Wollkleid aufhob, wie die feinknöcheligen
Füßlein über die Steinstufen vorsichtig hinabglitten. Herzhaft lehnte
sie dabei den vollen warmen Arm auf den des Ritters; der führte sie an
den weißen iberischen Zelter mit hellrotem Sattel- und Zaumzeug, der,
ungeduldig harrend, mit dem rechten Vorderhuf gescharrt hatte und nun,
die schöne Herrin erkennend, sie freudig begrüßend laut wieherte.
Der Junker hielt ihr beim Aufsteigen die Hand unter den Schuh und
umspannte dabei den feinen Knöchel erheblich fester, als die Sicherheit
der Reiterin gerade würde erheischt haben. Diese zürnte aber nicht,
sondern sowie sie sich sicher im Sattelsitz fühlte, neigte sie ihm das
wunderschöne Antlitz zu in gar holdseligem Lächeln: er erglühte vor
Glück über soviel Huld, seine dunkelgrauen Augen blitzten und freudig
schwang er sich auf seinen feurigen friesischen Rapphengst.
Hinter diesem Paar schritt langsam ein zweites die Domstufen hinab:
gleich jung, gleich schön, aber in ganz anderer Haltung und Stimmung,
so schien es. --
Zwar der Ritter, dessen blondes Haar dicht aus der ehernen Sturmhaube
quoll, ließ die blauen Augen gar sehnend ruhen auf dem schmalen,
blassen, nur ganz zart rosig überhauchten Antlitz der Dame; aber
diese preßte den kleinen, stolzen Mund fest zusammen, schlug die
Augen unerbittlich nieder und furchte streng die Brauen, deren tief
dunkelbraune Farbe scharf abstach von dem fast weißgelben Geriesel
ihres gewellten Haares, das unter der himmelblauen runden Seidenkappe
hervor auf den gleichfarbigen langen Mantel frei, gelöst, flutete;
dieser Gegensatz der fast schwarzen Brauen zu dem weißblonden Haar
verlieh dem höchst vornehmen, edeln, aber marmorkalten Antlitz
eigenartig fesselnden Reiz: wer diese stolzen, feinen Züge einmal
geschaut, -- er mußte ihrer gedenken für und für. Die ganze schlanke
hohe Schilfgestalt schien ein schönes, aber herbes Rätsel; man
mußte nachgrübelnd fragen, welch Geheimnis das junge Herz so streng
verschlossen hüte? Denn die hellgrauen Augen, die sie selten aufschlug,
schienen auch dann nicht in die Welt, schienen nach innen zu schauen,
fest entschlossen, um keinen Preis zu verraten, was sie in diesen
Tiefen erblickten.
Schweigend, sinnend, zögernd, wie widerstrebend, schritt sie nun die
Stufen hinab: sie waren noch feucht vom Morgentau: -- sie glitt ein
wenig aus: -- der Jüngling hielt ihr rasch den rechten Arm hin: aber
sie achtete dessen nicht: noch schärfer die langgestreckten Brauen
furchend richtete sie sich -- allein -- rasch auf zu ihrer vollen
Höhe, schritt sicheren Fußes fürbaß und winkte, auf der letzten Stufe
angelangt, einen grauhaarigen Knappen herbei: der mußte ihr auf den
Rücken ihres Falben helfen. Dem Jüngling klirrte laut Schuppenbrünne,
Wehrgut und Schwertknauf aneinander, wie er sich nun hastig auf das
starke Streitroß schwang, einen braunen Flanderer schwersten Schlages.
Die beiden Junker ritten jetzt an die Seite der beiden Edelfräulein und
nun ging's in raschem Trab hinab an die Brücke: -- deren Thor ward von
den Wächtern ehrerbietig aufgethan: -- nun über die dröhnenden Balken
und drüben aufwärts auf dem linken Ufer, wo sich der Leinpfad zum
Schleppen für die Mainschelche hinzog.
Ein Holzverhack sperrte den schmalen Weg zwischen dem Fluß zur Linken
und dem steil abfallenden Felsen des Marienbergs zur Rechten: jenseit
eines engen Durchlasses in dem Verhack wartete der beiden Paare
ein Häuflein von Jägern mit Pferden, Hunden und Falken: denn der
Falkenjagd, der Reiherbeize galt dieser Morgenritt.