IV.

Rado, der graubärtige, hünenhaft lange und starkknochige Gemeindehirte,

kam nicht so rasch hinweg von den meisten Höfen als er wünschte: --

denn ihm war nur wohl draußen in Wald und Heide: in der Stadt, diesem

ummauerten Grabe, müsse er ersticken, schalt er.

Und er war ein Liebling der Leute, der Alte: Hausherr und Hausfrau,

Knecht und Magd, zumal aber die Kinder ließen ihn nicht leicht los ohne

ein paar Fragen. Er wußte gar so viel, so vielerlei, was sonst kein

Mensch mehr wußte: von Jagd und Fischfang und Viehzucht, von gesunden

und kranken Tieren. Das Wetter verstand er ganz genau vorher zu sagen,

manche meinten, geheimnisvoll nickend, weil er es selbst -- ein wenig

-- mache.

Und alte Geschichten vollends wußte er zu erzählen -- von seiner

verstorbenen Mutter her -- und Mären und Sagen, daß Kinder und Große

offenen Mundes lauschten; und Segen: Wundsegen, Jagdsegen, Kampfsegen,

Reisesegen, Biersegen, Viehsegen, Fischsegen -- in mannigfaltigster

Auswahl: seltsam nur, daß er sie alle plötzlich vergaß, trat in den

Kreis seiner Hörer ein »Geschorener«, wie er unwillig sagte. Herr

Heinrich schalt wohl oft darüber, aber er lächelte dazu und ließ

ihn gewähren: denn der Hüne war in jungen Jahren ein gar treuer und

trefflicher Waffenknecht der Rothenburger Grafen gewesen und hatte

-- so sagte man -- dem Vater Herrn Heinrichs das Leben gerettet in

Welschland.

Während nun der Hirt von Knecht und Magd und Kind an dem Hofthor

aufgehalten ward mit Frag' und Antwort, wartete der vorwärtsdrängenden

Herde gar oft -- und auch heut' -- ein anmutvolles Kind mit dicken,

langen, dunkelblonden Zöpfen, die durch die lebhafte Kleine stets in

Bewegung gehalten wurden, daß die hellblauen Bändlein an deren Enden

hin- und herflatterten. Sie zeigte weit über ihre vierzehn Jahre hinaus

voll und üppig entwickelte Formen, aber sie war so mutwillig und so

kindlich wie die springenden, bockenden Zicklein ihrer Herde.

Als der Alte aus dem letzten Hofe vor dem Thor der Sandvorstadt

zurückkam, fand er die Kleine aus vollem Halse lachend: lachend, daß

ihr aus den hellgrauen Augen die Thränen über die dicken, runden

Kinderbacken liefen. Sie hielt sich vor Lachen kaum aufrecht an dem

langen, gebogenen Schäferstab, den sie einstweilen dem Alten abgenommen

hatte.

»Was hast du, Fullrun?« fragte der. »Dich reiten wohl wieder die

Elben!« »Es ist zum Zerspringen!« keuchte sie, sich mit der umgewandten

Linken über die Augen fahrend. -- »Was?« -- »Schau ihm nur nach, Ohm!

Da -- links hin! -- humpelt er davon. Sieh nur, wie er ausschaut! Ganz

weiß vom trockenen Straßenstaub. Wie der Müller aus der Au! Nur nicht

so sauber!«

Der Alte reckte die hohe Gestalt und hielt die Hand vor die buschigen

Augenbrauen: denn die Morgensonne blendete von dort her: »Ei, das

ist ja Junker Blandinus, der Sohn des Dogen aus Venetia, der jüngst

erst ankam, Korn zu kaufen von dem Juden Renatus. Was hat der hier

-- in deiner Nähe wieder! -- gesucht?« Und er nahm ihr den Stab

aus der Hand und hob ihn drohend, daß sein langer Mantel, aus drei

Wolfsfellen zusammengenäht, von seinen Schultern zurückwallte. »Weiß

nicht, Ohm. Aber was er auch suchte: -- gefunden hat er was anderes.

Er ist immer um die Wege, mit seinem seidenen Mäntelein und dem bunten

gezipfelten Wams. Wäre gar nicht so übel im Gesicht, putzte er sich

nicht so weibisch heraus. Kaum warst du im Hammerhof verschwunden, da

bog er flugs um die Ecke der Wirsinge und stand vor mir. ›Jungfrau

Fullrun!‹ flüsterte er in seinem welschen weichen Ton, ›segne Euch

Sankt Amor!‹ ›Ich heiße die runde Runel und mein Schutzheiliger heißt

Sankt Kilian!‹ rief ich. ›Wer ist Euch wohl der Liebste auf der Welt

nach Euren Gesippen?‹ fragte er und machte ganz verschwommene Augen.

›Schnufilo!‹ erwiderte ich rasch ohne Besinnen. Denn es ist ja auch

wahr. ›S--Se--ch? -- Schn--ufilo?‹ wiederholte er lispelnd. ›Wo ist

er? Ist er ein Ritter, daß ich ihn bestehen mag? Ich durchspeere ihn!‹

›Durchspeeren? -- Meinen Herzens-Schnufilo? Nun wartet! Komm!‹ schrie

ich ›faß, Schnuf, faß!‹ Und grimmig bellend sprang der herzige Schnuf

herzu und fuhr ihm an die Waden.

›Oh -- ~ohimè~ -- Eine ~bestia~? Ein ~monstro~!‹ Nun trat der

Schwarzkopf wieder näher: die dunkeln Locken -- 's ist wahr -- lassen

ihm nicht übel! Aber sein Haar stank süß von Salben! Ich hielt mir die

Nase zu! -- So!« Und sie machte es dem Alten vor: -- so drollig, daß

er lachen mußte. »Und wisperte: ›Wißt Ihr auch, schöne Runa, wie man

in Venetia küßt?‹ ›Nein,‹ sagte ich. ›Ich küsse überhaupt nur Schnuf

und Schnee.‹ ›S--ch--nee? Ist das auch so eine Beißbestia?‹ forschte

er, besorgt um sich blickend. ›Nein, hier mein Mailämmlein.‹ ›So will

ich Euch küssen lehren!‹ lächelte er und machte einen Schritt. Aber

-- o Sankt Kilian sei gepriesen! -- er trat, nur auf mich guckend --

auf das Ferkelein, das da -- nun wieder! -- in der Pfütze liegt. Laut

aufquiekend fuhr ihm das zwischen die langen Beine -- er stolperte

und fiel bäuchlings in den weißen Staub daneben. Nun fuhr auch Schnuf

ganz erbost wieder gegen ihn und zerriß ihm den langen erdbeerroten

Flattermantel. Fluchend sprang er auf und entwich eilfertig.«

»Kommt er wieder,« drohte Rado, »lehr' ich ihn, wie man im

Waldsassengau -- haut! -- Auf, Thorwart, auf mit dem Gitter!« -- Und

nun flüsterte er ganz andächtig, gen Himmel blickend:

»Unsern Ausgang

Geleite der graue

Wandrer, weise der Wege.

Die Wölfe wehr' er

Von Herde wie Hirt.«

»Hier, Giero, hier!« Er pfiff dem mächtigen grauen Hund: der trieb

in unablässigem Umkreisen die zerstreuten Schafe und Ziegen auf dem

weiten Platze rasch zusammen, so daß sie nun in guter Ordnung durch das

geöffnete Thor und dann über den an eisernen Ketten herabgelassenen

schmalen Steg über den Graben trippelten. Draußen begrüßte das kluge

Tier freudig in lustigen Sätzen und laut bellend die Freiheit.

Einverstanden klopfte ihm der Alte den Kopf. Fullrun folgte zuletzt;

sie trug über den geländerlosen Steg gar sorgsam auf ihrem vollen

linken Arm ein schneeweißes Lämmchen, das sie aus der blökenden Menge

gegriffen hatte: mit der Rechten hob sie den Saum ihres rotbraunen

Röckleins bis über den Knöchel des unbeschuhten Fußes: im Morgenwind

flog das krause kurze Haar an ihren Schläfen: mit vollen Zügen sog sie

den frischen Hauch des Morgens in die junge Brust.

Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus · 第 12 / 70 题