Rado, der graubärtige, hünenhaft lange und starkknochige Gemeindehirte,
kam nicht so rasch hinweg von den meisten Höfen als er wünschte: --
denn ihm war nur wohl draußen in Wald und Heide: in der Stadt, diesem
ummauerten Grabe, müsse er ersticken, schalt er.
Und er war ein Liebling der Leute, der Alte: Hausherr und Hausfrau,
Knecht und Magd, zumal aber die Kinder ließen ihn nicht leicht los ohne
ein paar Fragen. Er wußte gar so viel, so vielerlei, was sonst kein
Mensch mehr wußte: von Jagd und Fischfang und Viehzucht, von gesunden
und kranken Tieren. Das Wetter verstand er ganz genau vorher zu sagen,
manche meinten, geheimnisvoll nickend, weil er es selbst -- ein wenig
-- mache.
Und alte Geschichten vollends wußte er zu erzählen -- von seiner
verstorbenen Mutter her -- und Mären und Sagen, daß Kinder und Große
offenen Mundes lauschten; und Segen: Wundsegen, Jagdsegen, Kampfsegen,
Reisesegen, Biersegen, Viehsegen, Fischsegen -- in mannigfaltigster
Auswahl: seltsam nur, daß er sie alle plötzlich vergaß, trat in den
Kreis seiner Hörer ein »Geschorener«, wie er unwillig sagte. Herr
Heinrich schalt wohl oft darüber, aber er lächelte dazu und ließ
ihn gewähren: denn der Hüne war in jungen Jahren ein gar treuer und
trefflicher Waffenknecht der Rothenburger Grafen gewesen und hatte
-- so sagte man -- dem Vater Herrn Heinrichs das Leben gerettet in
Welschland.
Während nun der Hirt von Knecht und Magd und Kind an dem Hofthor
aufgehalten ward mit Frag' und Antwort, wartete der vorwärtsdrängenden
Herde gar oft -- und auch heut' -- ein anmutvolles Kind mit dicken,
langen, dunkelblonden Zöpfen, die durch die lebhafte Kleine stets in
Bewegung gehalten wurden, daß die hellblauen Bändlein an deren Enden
hin- und herflatterten. Sie zeigte weit über ihre vierzehn Jahre hinaus
voll und üppig entwickelte Formen, aber sie war so mutwillig und so
kindlich wie die springenden, bockenden Zicklein ihrer Herde.
Als der Alte aus dem letzten Hofe vor dem Thor der Sandvorstadt
zurückkam, fand er die Kleine aus vollem Halse lachend: lachend, daß
ihr aus den hellgrauen Augen die Thränen über die dicken, runden
Kinderbacken liefen. Sie hielt sich vor Lachen kaum aufrecht an dem
langen, gebogenen Schäferstab, den sie einstweilen dem Alten abgenommen
hatte.
»Was hast du, Fullrun?« fragte der. »Dich reiten wohl wieder die
Elben!« »Es ist zum Zerspringen!« keuchte sie, sich mit der umgewandten
Linken über die Augen fahrend. -- »Was?« -- »Schau ihm nur nach, Ohm!
Da -- links hin! -- humpelt er davon. Sieh nur, wie er ausschaut! Ganz
weiß vom trockenen Straßenstaub. Wie der Müller aus der Au! Nur nicht
so sauber!«
Der Alte reckte die hohe Gestalt und hielt die Hand vor die buschigen
Augenbrauen: denn die Morgensonne blendete von dort her: »Ei, das
ist ja Junker Blandinus, der Sohn des Dogen aus Venetia, der jüngst
erst ankam, Korn zu kaufen von dem Juden Renatus. Was hat der hier
-- in deiner Nähe wieder! -- gesucht?« Und er nahm ihr den Stab
aus der Hand und hob ihn drohend, daß sein langer Mantel, aus drei
Wolfsfellen zusammengenäht, von seinen Schultern zurückwallte. »Weiß
nicht, Ohm. Aber was er auch suchte: -- gefunden hat er was anderes.
Er ist immer um die Wege, mit seinem seidenen Mäntelein und dem bunten
gezipfelten Wams. Wäre gar nicht so übel im Gesicht, putzte er sich
nicht so weibisch heraus. Kaum warst du im Hammerhof verschwunden, da
bog er flugs um die Ecke der Wirsinge und stand vor mir. ›Jungfrau
Fullrun!‹ flüsterte er in seinem welschen weichen Ton, ›segne Euch
Sankt Amor!‹ ›Ich heiße die runde Runel und mein Schutzheiliger heißt
Sankt Kilian!‹ rief ich. ›Wer ist Euch wohl der Liebste auf der Welt
nach Euren Gesippen?‹ fragte er und machte ganz verschwommene Augen.
›Schnufilo!‹ erwiderte ich rasch ohne Besinnen. Denn es ist ja auch
wahr. ›S--Se--ch? -- Schn--ufilo?‹ wiederholte er lispelnd. ›Wo ist
er? Ist er ein Ritter, daß ich ihn bestehen mag? Ich durchspeere ihn!‹
›Durchspeeren? -- Meinen Herzens-Schnufilo? Nun wartet! Komm!‹ schrie
ich ›faß, Schnuf, faß!‹ Und grimmig bellend sprang der herzige Schnuf
herzu und fuhr ihm an die Waden.
›Oh -- ~ohimè~ -- Eine ~bestia~? Ein ~monstro~!‹ Nun trat der
Schwarzkopf wieder näher: die dunkeln Locken -- 's ist wahr -- lassen
ihm nicht übel! Aber sein Haar stank süß von Salben! Ich hielt mir die
Nase zu! -- So!« Und sie machte es dem Alten vor: -- so drollig, daß
er lachen mußte. »Und wisperte: ›Wißt Ihr auch, schöne Runa, wie man
in Venetia küßt?‹ ›Nein,‹ sagte ich. ›Ich küsse überhaupt nur Schnuf
und Schnee.‹ ›S--ch--nee? Ist das auch so eine Beißbestia?‹ forschte
er, besorgt um sich blickend. ›Nein, hier mein Mailämmlein.‹ ›So will
ich Euch küssen lehren!‹ lächelte er und machte einen Schritt. Aber
-- o Sankt Kilian sei gepriesen! -- er trat, nur auf mich guckend --
auf das Ferkelein, das da -- nun wieder! -- in der Pfütze liegt. Laut
aufquiekend fuhr ihm das zwischen die langen Beine -- er stolperte
und fiel bäuchlings in den weißen Staub daneben. Nun fuhr auch Schnuf
ganz erbost wieder gegen ihn und zerriß ihm den langen erdbeerroten
Flattermantel. Fluchend sprang er auf und entwich eilfertig.«
»Kommt er wieder,« drohte Rado, »lehr' ich ihn, wie man im
Waldsassengau -- haut! -- Auf, Thorwart, auf mit dem Gitter!« -- Und
nun flüsterte er ganz andächtig, gen Himmel blickend:
»Unsern Ausgang
Geleite der graue
Wandrer, weise der Wege.
Die Wölfe wehr' er
Von Herde wie Hirt.«
»Hier, Giero, hier!« Er pfiff dem mächtigen grauen Hund: der trieb
in unablässigem Umkreisen die zerstreuten Schafe und Ziegen auf dem
weiten Platze rasch zusammen, so daß sie nun in guter Ordnung durch das
geöffnete Thor und dann über den an eisernen Ketten herabgelassenen
schmalen Steg über den Graben trippelten. Draußen begrüßte das kluge
Tier freudig in lustigen Sätzen und laut bellend die Freiheit.
Einverstanden klopfte ihm der Alte den Kopf. Fullrun folgte zuletzt;
sie trug über den geländerlosen Steg gar sorgsam auf ihrem vollen
linken Arm ein schneeweißes Lämmchen, das sie aus der blökenden Menge
gegriffen hatte: mit der Rechten hob sie den Saum ihres rotbraunen
Röckleins bis über den Knöchel des unbeschuhten Fußes: im Morgenwind
flog das krause kurze Haar an ihren Schläfen: mit vollen Zügen sog sie
den frischen Hauch des Morgens in die junge Brust.