Gar früh am Tage -- wie heute noch bei unseren Bauern auf dem Lande --
begann dazumal auch in den Städten das Leben.
Mit Sonnenaufgang und den Vögelein erhob man sich vom Lager: um elf
Uhr pflegte das Mittagmahl gehalten zu werden: bald nach Einbruch der
Dunkelheit suchte man den Schlaf: die recht spärliche Beleuchtung der
Zimmer lud nicht dazu ein, Arbeit oder geselligen Verkehr im Hause in
die Dunkelheit zu verlängern.
So war denn auch an dem schönen Maientage, der auf Berengars rasche
Abreise folgte, das Leben in dem Städtlein früh erwacht. Bei der ersten
Hahnenkraht war diejenige Rotte der speertragenden Bürger, die für
diese Nacht die Reihepflicht der Wache an den Thoren, in den Türmen
und auf den bezinnten Mauern getroffen hatte, abgelöst worden von der
»Tagwacht«.
Und der »Morgengruß«, den, sobald die Sonne über die Höhen
emporgestiegen war, die Türmer weithin über die Holzdächer der kleinen
Siedelung aus ihren langen, gewundenen »Tuthörnern« schmettern ließen,
weckte überall in den wenigen schmalen Gassen, in den zahlreichen
»Höfen« der freien Plätze sofort rühriges Regen.
Die Runde der neu aufziehenden Wache bedurfte nicht langer Zeit, den
ganzen Umfang der Umwallung abzuschreiten Denn das liebe, liebliche
Würzburg war dazumal noch gar enge beschlossen: zählte doch die
Umwallung, eingerechnet die Geistlichen, die Mönche, die bischöflichen
Dienstmannen und die Reisigen des Grafen auf dem Marienberge, nicht
mehr als etwa viertausend Bewohner.
Der Archidiakon hatte recht, als er die Gestalt der Stadt einer
Bischofsmütze verglich. Denn sie bildete damals ein Fünfeck und dessen
Grundlage der von Süd nach Nord, dann nach Nordwest gerichtete Lauf des
Mains.
Eine Holzbrücke, wie bemerkt, gerade an der Stelle der heutigen schönen
und breiten Steinbrücke, bezeichnete ungefähr die Mitte der ganzen,
damals noch auf das rechte Ufer beschränkten Stadt: auf dem linken Ufer
lagerten sich an den Fuß der alten Feste, um ein paar Kapellen und ein
Kloster nur wenige Hütten armer Fischer. Die Siedelung auf dem rechten
Ufer hatte erst vor etwa achtzig Jahren Erdwälle, hier und da durch
steinerne Mauern verstärkt, und davor einen schützenden Graben erhalten
zur Abwehr der ungarischen Raubreiter, die wiederholt so weit westlich
gestreift und alles nicht ummauerte Land verbrannt und verheert hatten.
Damals hatte der bisher offene Flecken zugleich Stadtrecht empfangen;
aber auch die neue »Stadt« war unter der Amtsgewalt des Grafen des
Gaues, -- Waldsassen hieß er -- zu welchem sie gehörte, geblieben.
Die Brücke oder -- in ihrer Verlängerung -- der ihr im Osten gerade
gegenüberstehende Dom schied die Stadt in zwei ungefähr gleich große
Teile. Denn von der Brücke lief die Ringmauer mainaufwärts gen Süden,
wandte sich dann in scharfer Biegung nach Osten bis an den Zwinger, das
heißt den Zwingergraben, vor dem Wall, und bog von da nach Nordosten,
die Wiesen östlich außerhalb des Grabens belassend. Von dort zog sich
die Umwallung weiter gen Nordwesten, dann von Ost nach West, wandte
sich dem dermalen noch sogenannten »inneren« Graben entlang dem Flusse
zu und erreichte stromaufwärts von Nord nach Süd den Ort, von dem wir
ausgegangen: die Mainbrücke.
So war also die ganze damalige Stadt eingeschlossen durch die Grenzen,
die heute der Fluß im Westen, die Neubaugasse im Süden, die Kettengasse
und die Theaterstraße im Osten, der innere Graben im Norden bilden. Auf
dem linken, dem westlichen Ufer schaute von dem Marienberg die Burg des
Grafen, das »Castellum Virteburch«, weithin über Stadt und Gau.
Die von dem Fünfeck der Umwallung umhegten Häuser bildeten nun aber
sehr selten Straßen oder Gassen: waren es doch »Höfe«, ganz wie
die Siedelungen der Landsassen draußen vor den Thoren im Gau, fast
ausschließlich aus Holz aufgezimmert, nur etwa der Unterbau aus Stein:
die vornehmeren »Höfer« liebten es wohl hier, ein paar Platten des
wunderschönen fränkischen roten Sandsteins als Treppenstufen vor die
alsdann etwas erhöhte Thüre des Wohnhauses zu legen. Dies war aber --
ganz wie auf dem Lande draußen -- stets umfriedet von einem manneshohen
Hofzaun aus Pfahlwerk: der »Hofwehre«; das Hofthor mußte so weit
sein, daß die zweispännigen breiten Wirtschaftswagen bequem ein- und
ausfahren konnten. Denn Ackerbürger waren sie, diese ~burgenses~, und
die Anfänge von Handel und Gewerk noch sehr bescheiden. So lagen auch
innerhalb der Mauern weite Strecken von Wiesen, lagen Äcker, besonders
aber Gärten, in welchen Wein, Obst, Gemüse gepflegt wurden.
* * * * *
Alsbald nachdem bei Sonnenaufgang von der Zinne des Brückenturmes
der Thorwart seinen Morgengruß geschmettert, antwortete ein höchst
friedlicher Schall: auf dem Widderhorn blies der Gemeindehirte seine
Herde von blökenden Schafen und meckernden Ziegen zusammen. Er fing
damit an im Nordwesten der Stadt, hielt vor jedem Hof und wartete, bis
der Viehschalk die bereits aus der Stallthüre entlassenen und an dem
verschlossenen Hofthore sich drängenden Tiere aus diesem zu dem Hirten
hinausließ.
So zog er die Kreuz und die Quer an allen Höfen vorbei, bis er an das
»Südthor« gelangt war. Wie im Norden und im Osten zog sich auch im
Süden um die Stadt, hart vor Graben und Wall beginnend, ein breiter
Gürtel von Wiesen und Gärten innerhalb des »Pfahlhags«, den an
geeigneten Stellen ein paar Blockhäuser, aus festen Balken gefügt,
verstärkten; hier wohnten kleine Leute, die als Taglöhner, Gärtner,
Zeidler, Winzer, Fischer ihr Leben fristeten.
Gleich hinter den wenigen ärmlichen Lehmhütten und Holzhäuslein dieser
werdenden »Vorstadt« begann die weitgestreckte, bis zu dem »Acker des
Randahar« sich hinziehende »Allmännde«, das Gemeindegut der Stadt,
bestehend aus Weide, Wiese und buschigem Wald, von den »Burgensen«
besonders zur Weide für Rinder und Schafe verwendet; während manches
Borstentier mit grunzendem Wohlbehagen in den häufigen Pfützen sich
sielte, die, an Stelle von gepflasterten Straßen, Hof von Hof zu
trennen pflegten.