III.

Gar früh am Tage -- wie heute noch bei unseren Bauern auf dem Lande --

begann dazumal auch in den Städten das Leben.

Mit Sonnenaufgang und den Vögelein erhob man sich vom Lager: um elf

Uhr pflegte das Mittagmahl gehalten zu werden: bald nach Einbruch der

Dunkelheit suchte man den Schlaf: die recht spärliche Beleuchtung der

Zimmer lud nicht dazu ein, Arbeit oder geselligen Verkehr im Hause in

die Dunkelheit zu verlängern.

So war denn auch an dem schönen Maientage, der auf Berengars rasche

Abreise folgte, das Leben in dem Städtlein früh erwacht. Bei der ersten

Hahnenkraht war diejenige Rotte der speertragenden Bürger, die für

diese Nacht die Reihepflicht der Wache an den Thoren, in den Türmen

und auf den bezinnten Mauern getroffen hatte, abgelöst worden von der

»Tagwacht«.

Und der »Morgengruß«, den, sobald die Sonne über die Höhen

emporgestiegen war, die Türmer weithin über die Holzdächer der kleinen

Siedelung aus ihren langen, gewundenen »Tuthörnern« schmettern ließen,

weckte überall in den wenigen schmalen Gassen, in den zahlreichen

»Höfen« der freien Plätze sofort rühriges Regen.

Die Runde der neu aufziehenden Wache bedurfte nicht langer Zeit, den

ganzen Umfang der Umwallung abzuschreiten Denn das liebe, liebliche

Würzburg war dazumal noch gar enge beschlossen: zählte doch die

Umwallung, eingerechnet die Geistlichen, die Mönche, die bischöflichen

Dienstmannen und die Reisigen des Grafen auf dem Marienberge, nicht

mehr als etwa viertausend Bewohner.

Der Archidiakon hatte recht, als er die Gestalt der Stadt einer

Bischofsmütze verglich. Denn sie bildete damals ein Fünfeck und dessen

Grundlage der von Süd nach Nord, dann nach Nordwest gerichtete Lauf des

Mains.

Eine Holzbrücke, wie bemerkt, gerade an der Stelle der heutigen schönen

und breiten Steinbrücke, bezeichnete ungefähr die Mitte der ganzen,

damals noch auf das rechte Ufer beschränkten Stadt: auf dem linken Ufer

lagerten sich an den Fuß der alten Feste, um ein paar Kapellen und ein

Kloster nur wenige Hütten armer Fischer. Die Siedelung auf dem rechten

Ufer hatte erst vor etwa achtzig Jahren Erdwälle, hier und da durch

steinerne Mauern verstärkt, und davor einen schützenden Graben erhalten

zur Abwehr der ungarischen Raubreiter, die wiederholt so weit westlich

gestreift und alles nicht ummauerte Land verbrannt und verheert hatten.

Damals hatte der bisher offene Flecken zugleich Stadtrecht empfangen;

aber auch die neue »Stadt« war unter der Amtsgewalt des Grafen des

Gaues, -- Waldsassen hieß er -- zu welchem sie gehörte, geblieben.

Die Brücke oder -- in ihrer Verlängerung -- der ihr im Osten gerade

gegenüberstehende Dom schied die Stadt in zwei ungefähr gleich große

Teile. Denn von der Brücke lief die Ringmauer mainaufwärts gen Süden,

wandte sich dann in scharfer Biegung nach Osten bis an den Zwinger, das

heißt den Zwingergraben, vor dem Wall, und bog von da nach Nordosten,

die Wiesen östlich außerhalb des Grabens belassend. Von dort zog sich

die Umwallung weiter gen Nordwesten, dann von Ost nach West, wandte

sich dem dermalen noch sogenannten »inneren« Graben entlang dem Flusse

zu und erreichte stromaufwärts von Nord nach Süd den Ort, von dem wir

ausgegangen: die Mainbrücke.

So war also die ganze damalige Stadt eingeschlossen durch die Grenzen,

die heute der Fluß im Westen, die Neubaugasse im Süden, die Kettengasse

und die Theaterstraße im Osten, der innere Graben im Norden bilden. Auf

dem linken, dem westlichen Ufer schaute von dem Marienberg die Burg des

Grafen, das »Castellum Virteburch«, weithin über Stadt und Gau.

Die von dem Fünfeck der Umwallung umhegten Häuser bildeten nun aber

sehr selten Straßen oder Gassen: waren es doch »Höfe«, ganz wie

die Siedelungen der Landsassen draußen vor den Thoren im Gau, fast

ausschließlich aus Holz aufgezimmert, nur etwa der Unterbau aus Stein:

die vornehmeren »Höfer« liebten es wohl hier, ein paar Platten des

wunderschönen fränkischen roten Sandsteins als Treppenstufen vor die

alsdann etwas erhöhte Thüre des Wohnhauses zu legen. Dies war aber --

ganz wie auf dem Lande draußen -- stets umfriedet von einem manneshohen

Hofzaun aus Pfahlwerk: der »Hofwehre«; das Hofthor mußte so weit

sein, daß die zweispännigen breiten Wirtschaftswagen bequem ein- und

ausfahren konnten. Denn Ackerbürger waren sie, diese ~burgenses~, und

die Anfänge von Handel und Gewerk noch sehr bescheiden. So lagen auch

innerhalb der Mauern weite Strecken von Wiesen, lagen Äcker, besonders

aber Gärten, in welchen Wein, Obst, Gemüse gepflegt wurden.

* * * * *

Alsbald nachdem bei Sonnenaufgang von der Zinne des Brückenturmes

der Thorwart seinen Morgengruß geschmettert, antwortete ein höchst

friedlicher Schall: auf dem Widderhorn blies der Gemeindehirte seine

Herde von blökenden Schafen und meckernden Ziegen zusammen. Er fing

damit an im Nordwesten der Stadt, hielt vor jedem Hof und wartete, bis

der Viehschalk die bereits aus der Stallthüre entlassenen und an dem

verschlossenen Hofthore sich drängenden Tiere aus diesem zu dem Hirten

hinausließ.

So zog er die Kreuz und die Quer an allen Höfen vorbei, bis er an das

»Südthor« gelangt war. Wie im Norden und im Osten zog sich auch im

Süden um die Stadt, hart vor Graben und Wall beginnend, ein breiter

Gürtel von Wiesen und Gärten innerhalb des »Pfahlhags«, den an

geeigneten Stellen ein paar Blockhäuser, aus festen Balken gefügt,

verstärkten; hier wohnten kleine Leute, die als Taglöhner, Gärtner,

Zeidler, Winzer, Fischer ihr Leben fristeten.

Gleich hinter den wenigen ärmlichen Lehmhütten und Holzhäuslein dieser

werdenden »Vorstadt« begann die weitgestreckte, bis zu dem »Acker des

Randahar« sich hinziehende »Allmännde«, das Gemeindegut der Stadt,

bestehend aus Weide, Wiese und buschigem Wald, von den »Burgensen«

besonders zur Weide für Rinder und Schafe verwendet; während manches

Borstentier mit grunzendem Wohlbehagen in den häufigen Pfützen sich

sielte, die, an Stelle von gepflasterten Straßen, Hof von Hof zu

trennen pflegten.

Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus · 第 11 / 70 题