»Von ... sich selbst!« rief Berengar noch heiß erregt, dann fuhr er
zusammen und erläuterte: »Von seinem wahren Heil -- das heißt: von der
Herrschaft der deutschen Könige.«
»Aber wie,« fiel Herr Heinrich, plötzlich stehenbleibend, ein, »wenn
all unser Planen und Trachten gar nicht mehr Zeit fände, sich zu
vollenden? Wenn es sündhaft, frevelhaft wäre, solch' irdischer Sorgen
zu pflegen, an Herrschaft über Stadt und Gau und an weltliche Macht
zu denken, während Stadt und Gau und Welt in wenigen Wochen ...?« Er
brach ab. Der Welsche lächelte; es zuckte wie Hohn über seine sonst so
starren Züge hin. »Ihr meint? Auch Ihr? Jene Weissagung -- aus meiner
Heimat kam sie über die Berge -- unheimlich -- wie der schwüle Südwind
... --« »Es ist der Glaube ja weit verbreitet,« sprach der Bischof
ernst. »Viel gelehrtere und viel frommere Männer als ich hegen keinen
Zweifel. Ich -- ich kann's noch nicht recht glauben. Entscheidend ist
mir der Ausspruch des Herrn Papstes. Und der, so schreibt man mir aus
Rom, schwankt hin und her.«
»Wie? Papst Sylvester? Er? Der große Gerbert von Reims, der Schüler der
Araber in Spanien, der Lehrer des Erdkreises, von fast übermenschlicher
Weisheit! Wenn der nicht daran glaubt, dann ...« -- »Ich sage Euch ja,
er soll zweifeln. Seine Auslegung der Schrift und der Väter führte ihn
nicht zur Bejahung.« -- »Nun also.« -- »Aber ein heiliger Einsiedler
-- den Namen erfuhr ich nicht -- soll stets wachsenden Glauben nicht
nur bei dem ganzen Volke in Welschland, auch bei dem tief gelehrten
Papste finden. Doch, wie dem sei! Ich muß der Kirche, des Oberhauptes
der Kirche Weisung einholen, nicht nur für meine Belehrung, sondern
darüber, wie ich mich als Bischof gegenüber meiner Gemeinde zu
verhalten habe.« »Mich würde der nahe Untergang herzlich wenig freuen,«
meinte Berengar spöttisch. »Noch gar viel hab' ich vor in der Welt.«
»Ist das ein Grund für den Himmelsherrn, sie noch zu erhalten, wenn das
Maß der Sünden voll? Ich fürchte sehr, solcher Wunsch, solch weltlich
Begehren ist auch für mich der letzte Grund, der, unbewußt in der
Tiefe der Seele wirkend und wühlend, mich abhält, daran zu glauben.
Und so hab' ich denn über die Alpen, nach Rom, an den Herrn Papst
einen ganz eigen gearteten Boten gesandt.« »Wen?« forschte Berengar
eifrig. »Es fehlt keiner aus unserem -- wollte sagen: Eurem Klerus.«
Der Bischof schwieg; ein heiteres Lächeln schwebte um seinen feinen
Mund. »Denn,« fuhr der Archidiakon eifrig fort, »es kommt oft sehr
auf den Boten an, welche Botschaft er heimbringt. Wenn einer von den
Schwarmgeistern, den Träumern, den geheimnisbrünstigen Priestern, wie
sie Kloster Cluny züchtet --« Herr Heinrich lachte. »Nun, hat keine
Gefahr! Ungefähr das Gegenteil von solcher Art hab' ich zur Kundschaft
ausgeschickt. Wenn +dieser+ Bote, der welt- und lebensfreudigste
Mann --« -- »Dann meint Ihr Arn aus Bayerland, Euren Jägermeister!
Richtig! Er fehlt seit Wochen!« -- »Wenn +der+ in Welschland dazu
bekehrt wird, an den Untergang der Welt zu glauben --« »Arn? Ja dann,«
lächelte der Lombarde, »dann muß sie vorher schon halb untergegangen
sein. Einstweilen aber: -- ruhet nicht, handelt, Herr Bischof. Die
Zeit ist günstig; der Mann, der von Amts wegen ebenso berufen ist für
den Kaiser, wie +Ihr+ für Sankt Burchhard zu handeln -- der Graf des
Gaues, ist fern -- man sagt, in Italien. Wenigstens seine Reisigen und
Vasallen alle hat der König nach Rom entboten: der Marienberg da drüben
ist fast unbesetzt: ein rascher Handstreich und -- aber --« er stockte
und sprach leiser zu sich selbst -- »es scheint beinah, Er -- der
andere -- hat recht.« Herr Heinrich stutzte. »Wer? -- Was zischelt Ihr
da?« -- »Ich? -- Oh nichts!«
»Doch! Ich hörte genug, um mehr hören zu müssen! +Wer+ hat recht?«
Drohend, ahnungsvoll trat er näher. -- »Nicht doch,« wich der Welsche
aus. »Lasset ab, Herr! Nicht gerne nenn' ich Euch diesen Namen. Er
pflegt Euch zu ergrimmen!« »Graf Gerwalt!« rief Herr Heinrich und
seine Augen blitzten. »Dacht' ich's doch! Was -- was hat er gewagt,
von mir zu sagen?« »Es wird Euch erbittern!« warnte Berengar. »Oh
nein,« knirschte der Bischof und zerbrach mit der starken Rechten die
Armlehne von Eichenholz des hohen Stuhles, den er ergriffen, »ich bin
ja ganz ruhig! -- -- Was hat er ...?« -- »Nun -- vor seiner Abreise --
er war ja nur ein paar Tage auf der Burg -- an der Brücke war's -- der
Zollwart erhob den Zoll von den Mainschelchen, welche den Fluß zu Berg
getreidelt wurden und meinte --: ›Nun wird der Zoll, wie jedes Gefäll
in der Stadt, bald nicht mehr in des Herrn Grafen Jagdranzen, in des
Herrn Bischofs Kirchenbüchse wird er wandern.‹ Da lachte der Graf,
wie er zu Pferde stieg, -- er und sein Jagdtroß sperrten mir den Weg
über die Brücke -- und meinte: ›Bah, es wird gehen wie immer zwischen
uns. Wo ich gegen ihn vortrete--‹« -- »Nun? Was ...?« -- »›Tritt der
Rothenburger zurück‹« »Ah, ah, ah!« schrie der Gepeinigte auf, wie von
einer Natter gebissen. »+Das+ hat er gesagt? Er soll sich irren! Graf
Gerwalt liebt es zwar, an sich zu reißen, was nicht ihm, -- was mir
gehört: aber doch nur, wenn ich fern, wenn ich wehrlos bin gegen ihn.
Doch Sankt Burchhards Recht soll er mir nicht entreißen. Und wehrlos?
Noch bin ich's zwar -- nicht lange mehr will ich's sein! -- Wo ...?« Er
schritt, hastig, heiß erregt, durch den Saal. »Wo stehen die Wenden? Du
weißt: die Söldner, von denen wir sprachen?«
Der Archidiakon war nun dicht an den Tisch getreten: er legte beide
Hände auf die hohe Lehne des Eichenstuhles und hielt sich fest daran:
er drückte darauf, während seine Augen wachsam jedem Schritte, jeder
Miene des Erbitterten folgten. »Mainaufwärts, wenige Tagemärsche.
Noch auf deutscher Erde, aber nahe der böhmischen Mark. Sie sind von
Markgraf Eckhard von Meißen -- nach tapferen Diensten -- entlassen.
Ihr Führer, Zwentibold, verhandelt um neuen Dienst mit Herzog Boleslav
von Polen. Kommt der zum Abschluß, dann ziehen sie nach dem fernen
Osten ... --« -- »Nichts da! Wir müssen sie an der Hand, zur Verfügung
bereit haben. -- Noch diese Nacht muß an sie ein geheimer Bote -- ein
verlässiger Mann ... wen schicken wir?« Berengar folgte dem Gange des
Bischofs durch die Halle: »Ich will gehen: ich selbst,« sagte er mit
leiser, aber fester Stimme. -- »Du wolltest? Es ist halsgefährlich!«
Berengar zuckte die Achseln: »Ich trage dieses Haupt nur für Sankt
Burchhard und für Euch.« -- »Gut! Dank! ... Aber höre! -- Noch nicht
fest abschließen! -- Ich bin jetzt -- ein wenig -- erregt! In der
Hitze soll man nichts beschließen. -- Nichts übereilen« -- »Aber auch
nichts versäumen soll man! Die Söldner sind viel umworben. Auch der
Magdeburger Erzbischof, Herr Gisiler, will sie dingen ...« -- »Die
Wenden sollen warten! ... Nur noch kurze Zeit!« -- »Das thun sie nicht
-- ohne Wartegeld.« -- »Freilich! Freilich! und die Kammer ist ...?«
-- »Leer. Nur der fällige Betrag für die Armen -- das Drittel der
Einkünfte ...« -- »Nein! Nichts da! Kein Schilling davon! Aber -- wie
steht es denn mit dem Gelde für meine Bauten in der neuen Vorstadt?«
-- »+Euerer+ Vorstadt: auf dem Sande?« -- »Jawohl! Das Waisenhaus und
die Klosterschule ... freilich: der Verschlag, in dem jetzt beide
untergebracht sind -- recht elend ist er. Aber bah! -- Menschenalter
hindurch hat es genügen müssen: -- bessere ich es, ist's mein eigenstes
Werk. Drängt sich mir nun Notwendigeres vor, so ...! Die Waisen, die
Schüler können warten: die Wenden, -- du hast recht -- die warten
nicht. Nimm das Geld für meine Bauten in der Sandvorstadt. Bezahle
Zwentibold die Wartezeit.« -- »Es wird nicht reichen.« -- »So nimm die
Summe für das geplante Siechenhaus bei Sankt Andreas überm Main dazu.
Aber eile.« -- »Ihr sollt mit meinem Eifer zufrieden sein.« Er stand
schon in den Vorhängen der Thüre. -- »Aber noch nicht abschließen: nur
Wartegeld! hörst du?« Die Vorhänge rauschten. -- Ohne Erwiderung war
Berengar verschwunden.