Da ward die in das Vorgemach -- nach Süden -- führende Thüre des Saales
geräuschlos geöffnet und ebenfalls in geistlichem, aber ganz schwarzem
Gewande trat ein wenige Jahre älterer Mann ein. Dicht an der Schwelle,
zwischen den dunkelgelben Thürvorhängen, blieb er stehen; demütig
neigte er tief das ganz glattgeschorene Haupt und mit leiser Stimme hob
er ehrerbietig an: »Hochehrwürdiger Herr Bischof, Ihr habt befohlen.«
Der Angeredete trachtete, seine lebhafte Erregung zu bändigen, zu
verbergen; er legte die aufgeraffte Urkunde ganz sacht auf den Tisch:
-- er suchte, vor denselben tretend, sie dem Blicke des Besuchers zu
entziehen. »Laß diese unterthänige Weise, Bruder Berengar«, sprach
er gütevoll. »Sind wir doch Kampfgesellen: du bist mein eifrigster
Mitstreiter.«
Der andere trat näher, langsamen Schrittes. Die starren Züge des
langen, hageren, gelbfahlen Gesichtes blieben unbeweglich, die schmalen
Lippen öffneten sich kaum, die tiefschwarzen Augen hielt er streng zu
Boden gerichtet, als er sanft erwiderte: »ich darf nicht anders. --
Euer Vorgänger, der hochselige Herr Bischof Bernwart, hat mir solches
Gebahren besonders auferlegt zur Buße für meine hochfärtige Überhebung.«
»Ja, ja,« lächelte Herr Heinrich -- und die freundliche Heitre stand
dem wohlgebildeten Antlitz, den feinen Zügen herzgewinnend gut, »Mein
gestrenger Oheim war ein stolzgemuter Herr« -- »Er durfte es sein. --
War er doch ein Graf von Rothenburg, -- wie Ihr.« Der Bischof zuckte
die Achseln: »Edle Geburt ist wertvoll.« »Ha, wirklich?« flüsterte der
Priester, aber ganz unhörbar. --
»Doch ist sie kein Verdienst. -- Aber er hatte dich im Verdacht,
Archidiakon«, -- und er hob mit lächelnder Drohung den Finger --
»erstens schon bei seinen Lebzeiten Bistum und Bischof beherrschen und
zweitens um jeden Preis sein Nachfolger werden zu wollen.« -- »Was
doch nur abermals ein Rothenburger werden sollte.« Ganz tonlos und
unterwürfig kam das aus den kaum geöffneten Lippen. Aber der Bischof
schüttelte lebhaft das Haupt und hob, schmerzlich berührt, in Abwehr
die Hand: »Da irrst du, Freund. -- Mein Oheim konnte nicht ahnen ...
War ich doch ein Kriegsmann! Ein Mann der Staatskunst ...« -- »Und
was für einer! In keiner Heerfahrt des Kaisers Otto des Roten und
des jungen Otto fehltet Ihr auf deutscher, wendischer und zumal auch
meiner italischen Heimaterde. Wie oft ginget Ihr als der Frau Kaiserin
Theophano Vertrauter in Gesandtschaft nach Rom, ja selbst nach Byzanz!«
»Also!« unterbrach Herr Heinrich, kopfschüttelnd. »Mein Ohm und ich
-- wir dachten wahrlich nicht daran, daß ich weltlicher, mit viel
Schlachtenblut befleckter Mann jemals geistlich, vollends Nachfolger
des heiligen Burchhard werden würde. Du -- Archidiakon, es ist wahr
-- hattest das nächste Anrecht auf diesen Stuhl.« -- »Kaiser Otto
der Junge dachte anders, weiser -- als er Euch -- noch nicht sehr
lange trugt Ihr geistlich Gewand -- das Bistum gab.« Der Rothenburger
seufzte: »Ja: +Er+ gab es mir.« Beschwichtigend fiel der Archidiakonus
ein: »Ihr seid vom Kapitel gewählt.« -- »Ja, ja, aber warum? Weil der
Kaiser es wünschte.« -- »Nachdem er und die Regentin so sehr überrascht
waren durch Euern Rücktritt aus der Welt.« »Sieh, Berengar,« fuhr
der Bischof fort, »das ist es ja, was mir den Entschluß so schwer
macht. Er -- der König -- setzt mich in dies Würzburg, vertrauend, daß
ich sein Recht und seinen Vorteil hier nach Kräften wahre. Und nun
soll ich Stadt und Grafschaft ihm entreißen!« Der Archidiakon glitt
geräuschlos näher; scharf richtete er auf den Ringenden die dunkeln
Augen, die unter kohlschwarzen, streng regelmäßig geschwungenen
Brauen hervorblitzten. »Verzeiht,« sprach er ruhig, »Herr Bischof:
das ist nicht bischöflich geredet.« -- »Mag sein! Aber es ist ehrlich
gedacht: -- mit Gedanken treuer Lehenschaft.« -- »Ihr aber seid vor
allem Sankt Peters Vasall! Von ihm, nicht vom deutschen König oder
römischen Kaiser, tragt Ihr den Bischofstab zu Lehen. Sankt Peters und
Eures großen Vorgängers, Sankt Burchhards, Recht habt Ihr zu wahren,
auch gegen des Königs Vorteil. Und nicht im Recht, im Unrecht ist der
König! Gedenkt des Briefes Kaiser Karls! -- Scharf sah ich es, wie ich
eintrat: -- er hatte Euch gerade wieder beschäftigt! Diese ehrwürdige
Urkunde giebt Euch nicht nur das +Recht+, -- hört es, Herr Bischof! --
sie legt Euch die +Pflicht+ auf, in jenen Kampf einzutreten und nicht
zu rasten noch zu wanken, bis Ihr Gott erstritten habt, was Gottes ist.
Dem Kaiser bleibe, was des Kaisers ist.« -- »Dann bleibt ihm wenig
genug in Stadt und Gau!« -- »Gleichviel! Habt Ihr des Kaisers Sache zu
führen oder die der heiligen Kirche? Wollt Ihr, nachdem Ihr das gute,
klare Recht des Bistums entdeckt habt, es diesem Bistum vorenthalten --
aus Schwäche, aus Menschenfurcht?«
Unwillig fuhr der Bischof auf und griff an die Stelle, wo er einst im
Wehrgehäng das Schwert getragen hatte.
»Verzeiht: aus Liebe zu diesem Kaiserjüngling vorenthalten, was der
große Karl aus Ehrfurcht vor Sankt Kilian und Sankt Burchhard dem
Stuhle zugewandt? Erkennt Ihr nicht den Finger Gottes darin, daß er
Euch -- gerade +Euch!+ -- durch Zufall, -- sagen die Weltleute --
durch ein Wunder der Heiligen, ziemt uns Geistlichen zu sagen -- in
der Kämmerei, unter altem wertlosem Gerät und Gerümpel dieses kostbare
Pergament auffinden ließ?«
»Ja, es ist erstaunlich,« sprach Herr Heinrich nachdenksam, das Kinn
in die linke Hand schmiegend. »Ist wirklich wundersam! Unter Bischof
Dietho -- vor achtzig Jahren -- verbrennen mit dem damals erst seit
siebenundzwanzig Jahren vollendeten Dom -- hier, an der Stelle des
jetzigen, stand auch er -- in der Sakristei alle Urkunden des Bistums,
aber auch alle! So daß, als Bischof Burchhard der Jüngere, der wackere
Henneberger, vor etwa zwei Menschenaltern dies Gotteshaus hier neu
erbaute, auch nicht Eine Urkunde, nicht Ein Beweismittel für all
unsere Rechte vorhanden war: mußten alle vom König, von den Erben
der anderen Schenker und Verleiher neu ausgestellt werden -- auf
vieles Bitten meiner Vorgänger. Und nun muß ich vor wenigen Monaten
in einer alten Truhe der Kämmerei unter abgetragenen, zerschlissenen
Meßgewändern und angebrannten Altardecken dieses unschätzbare Kleinod
auffinden! Wie kann das aus der Bücherei oder aus dem Archiv dahin
geraten sein?«
Berengar zuckte die Achseln: »Wer soll das wissen? Vielleicht gelang
einem der Brüder die Rettung dieses wertvollsten Stückes aus dem
brennenden Archiv: -- er selbst mag darüber umgekommen sein.« »Ja, ja,«
bestätigte der Bischof, »es sind mehrere bei dem Brand erstickt, und
zwar gerade auch -- in der Kanzlei -- der Protonotar, der dem ganzen
Urkundenwesen vorstand, der pflichtgetreue Bruder Skapelarius.« --
»Die Kämmerei lag auch damals im Erdgeschoß -- die Urkunde, in die
Altardecke gewickelt, kann von dem Kanzleifenster -- hier, im ersten
Stock -- in das offene Fenster der Kämmerei geworfen worden sein, als
der Protonotar, der sie retten wollte, erkannte, daß er selbst nicht
mehr zu entkommen vermöge.«
»Klingt ganz glaublich! -- Aber weshalb lassen die Heiligen die
wichtige Urkunde sechzig Jahre verborgen bleiben und sie auffinden
gerade durch +meine+ weltliche, schwertgewohnte, vom Schlachtenblut
befleckte Hand?« -- »Gerade darin erblickt und verehrt die weise Fügung
der Vorsehung.« -- »Wie meinst du das, Archidiakon?« »Heinrich von
Rothenburg,« erwiderte dieser feierlich, wieder leis einen Schritt
näher gleitend, »gebt der Wahrheit die Ehre, hier im Kämmerlein
vertrauter Zwiesprache: mehr vom Kriegsmann, als vom Geistlichen, mehr
vom Staatsmann, denn vom Priester, mehr vom rechts- und waffenkundigen
Grafen, als vom Bischof habt Ihr an Euch -- immer noch!« »Ja, leider,«
seufzte Herr Heinrich demütig, »immer noch!« »Weshalb -- vor fünfzehn
Jahren etwa -- der tapferste Graf über alles deutsche Land, die rechte
Hand der schönen Kaiserwitwe und Reichsregentin, Frau Theophano,
plötzlich das Schwert ablegte und Priester ward -- -- kein Mensch weiß
es ...« Er zögerte: er schien gespannt auf Auskunft zu warten. Allein
Herr Heinrich sprach nur leise zu sich selbst: »Aber Gott weiß es« und
drückte die schwermütigen Augen zu.
Der Welsche wartete noch eine Weile: da aber der andere beharrlich
schwieg, fuhr er fort: »Aus der Haut konntet Ihr eben nicht fahren,
wie aus der Brünne, auch nicht, als Ihr, nach kurzer Priesterzeit,
hier Bischof wurdet. Nach wie vor weilen Eure Gedanken noch häufiger
bei Recht und Gericht und weltlicher Wohlfahrt und weltlicher Gewalt,
denn bei Beten und Büßen und bei dem Jenseits.« »Leider!« wiederholte
Herr Heinrich betrübt. »Nein, nicht leider: zum Heile dieses Bistums!
Seht Ihr denn nicht? Deshalb eben führten die Heiligen Kaiser
Karls Verleihungsbrief gerade in +Eure+ starke Hand! +Euch+, Eurem
weltkundigen Sinn vertraute Sankt Burchhard, Eurer weltlichen Klugheit,
Eurer frischen Manneskraft seine Rechte an, nicht Euren Vorgängern,
meist mönchischen weltflüchtigen Psallierern. Der Bischof, nicht der
Graf, muß herrschen über diese Mainstadt und den Waldsassengau, darin
sie liegt. Vor allem über die Stadt! So wollte Kaiser Karl! So will
es Gott! Seht hier auf diesen Plan der Stadt« -- er wies auf eines
der Pergamente, die auf dem Tische ausgebreitet lagen -- ein langes
Jagdmesser war darüber gelegt, es auseinandergespreitet zu halten
-- »Ihr selbst habt ihn -- mit der Hand des kundigen Feldherrn --
entworfen: glaubt Ihr, es ist ohne Bedeutung, daß die Stadt ein Fünfeck
bildet, genau wie Eure Bischofsmütze, die dort liegt, Herr Heinrich?«
»Spiel des Zufalls!« erwiderte dieser. Aber der Einfall behagte ihm.
-- »+Ihr+ seid der Mann, des Bistums Recht zu wahren, mit scharfem
Wort und -- muß es sein -- mit scharfem Schwert. Sankt Burchhard,
Sankt Kilian, Sankt Petrus, ja Gott selber rufen Euch in diesen
heiligen Kampf. Heinrich von Rothenburg, der Mann ist ein Felon, der
irdischem Lehnsherrn die geschuldete Heerpflicht weigert: Heinrich von
Rothenburg, willst du sie dem himmlischen Lehnsherrn weigern?«
»Nein! Bei meinem Schwerte!« rief der Starke und seine grauen Augen
blitzten auf. »In solchem Lichte sah ich's noch nie. +Gott+ ruft zum
Streit. So will ich denn streiten bis zum Sieg oder -- Untergang! Ich
fürcht' ihn nicht, den Grafen Gerwalt!« »Gewiß nicht! Und« -- der
Welsche trat näher und flüsterte -- »jene Weissagung des arabischen
Magiers in Kalabrien, die Ihr mir vertraut -- wie war es doch?« »Ich
werde nicht sterben -- so las er in meiner rechten Hand -- bis ich mit
dieser Hand meinen schlimmsten Feind auf Erden erschlagen,« sprach Herr
Heinrich mit grimmiger Freude. »Nun also! Und das ist doch ohne Zweifel
--« »Graf Gerwalt!« nickte der Bischof.
»Aber,« fuhr Berengar fort, »es wird zum Waffenkampfe gar nicht kommen
müssen. Ihr werdet schon auf dem Wege Rechtens -- vor dem Reichstag
gewinnen. Sicher! +Das+ Gericht möchte ich sehen --« und hier flog ein
stolzes Lächeln um die schmalen, allzu schmalen Lippen des Lombarden
und seine schwarzen Augen funkelten -- »das Gericht möchte ich sehen,
welches gegen jene Urkunde Kaiser Karls irgend eine Einwendung gelten
lassen könnte.« »Allein,« warf der Bischof ein -- »warum haben
alle meine Vorgänger seit bald zwei Jahrhunderten das Recht aus der
Verleihung nicht geltend gemacht?«
Berengar zuckte die Achseln: »Wer kann solche Fragen beantworten?
Soviel steht fest: Graf Gerwalt, Euer schlimmster Feind ... --« »Der
Welsche weiß nicht,« flüsterte Herr Heinrich zu sich selbst, »wie sehr
sein Wort die Wahrheit trifft!« -- »Kannte die Urkunde nicht. Und groß
war sein Erstaunen, ja sein Zorn, als ich sie ihm -- wohlweislich nur
in Abschrift -- übersandte. Diese Urkunde ist unanfechtbar. Nicht
umsonst hab' ich Jahre um Jahre in der Rechtsschule zu Pavia geistlich
Recht, Lehenrecht, Landrecht gelernt bei den ersten Lehrern. Viele,
viele hundert Urkunden von Königen und Kaisern hab' ich eingesehen,
viele Dutzend hab' ich abgeschrieben, hab' ich selbst verfaßt im
Auftrag des Pfalzrichters daselbst. Erkennt Kaiser Otto unser Recht
nicht an, so rufen wir das Urteil des Reichsgerichts am Reichstage
an. Nach dem Rechte +muß+ es für uns ausfallen! Siegt aber in dem
barbarischen Reichstag dieser plumpen Deutschen -- verzeiht, aber
manchmal bricht das Blut Italiens in mir durch! -- die Scheu vor
dem Herrn König, so lebt noch ein anderer Richter, der uns -- das
heißt Sankt Kilian und Sankt Petrus! -- unzweifelhaft zu unserem
Recht verhelfen wird.« »Gott der Herr!« sprach der Bischof fromm.
»Der ist gar fern und unberechenbar! -- Nein, der Herr Papst zu Rom.
Nicht rasten will ich und nicht ruhen, bis wir gesiegt -- für Sankt
Burchhard. Und müßt' ich auf meinen Knieen im Sankt Peter dem heiligen
Vater Bann und Interdikt über König und Reich der Deutschen entwinden!«
»Nein! Nimmermehr!« rief der Rothenburger erschrocken. »Ich sollte den
Bann herabbeschwören auf des großen Otto Enkel, meines teuren Feldherrn
in so vielen Schlachten? Das Interdikt auf diese geliebte deutsche
Erde, auf dieses blühende Mainthal? Es ist nicht +deine+ Heimat,
Lombarde!«
»In die Hölle stoß' ich ganz Lombardenland, das abgefallene, um diesen
Sieg!« schrie der Welsche, fortgerissen von wilder Leidenschaft.