II.

Da ward die in das Vorgemach -- nach Süden -- führende Thüre des Saales

geräuschlos geöffnet und ebenfalls in geistlichem, aber ganz schwarzem

Gewande trat ein wenige Jahre älterer Mann ein. Dicht an der Schwelle,

zwischen den dunkelgelben Thürvorhängen, blieb er stehen; demütig

neigte er tief das ganz glattgeschorene Haupt und mit leiser Stimme hob

er ehrerbietig an: »Hochehrwürdiger Herr Bischof, Ihr habt befohlen.«

Der Angeredete trachtete, seine lebhafte Erregung zu bändigen, zu

verbergen; er legte die aufgeraffte Urkunde ganz sacht auf den Tisch:

-- er suchte, vor denselben tretend, sie dem Blicke des Besuchers zu

entziehen. »Laß diese unterthänige Weise, Bruder Berengar«, sprach

er gütevoll. »Sind wir doch Kampfgesellen: du bist mein eifrigster

Mitstreiter.«

Der andere trat näher, langsamen Schrittes. Die starren Züge des

langen, hageren, gelbfahlen Gesichtes blieben unbeweglich, die schmalen

Lippen öffneten sich kaum, die tiefschwarzen Augen hielt er streng zu

Boden gerichtet, als er sanft erwiderte: »ich darf nicht anders. --

Euer Vorgänger, der hochselige Herr Bischof Bernwart, hat mir solches

Gebahren besonders auferlegt zur Buße für meine hochfärtige Überhebung.«

»Ja, ja,« lächelte Herr Heinrich -- und die freundliche Heitre stand

dem wohlgebildeten Antlitz, den feinen Zügen herzgewinnend gut, »Mein

gestrenger Oheim war ein stolzgemuter Herr« -- »Er durfte es sein. --

War er doch ein Graf von Rothenburg, -- wie Ihr.« Der Bischof zuckte

die Achseln: »Edle Geburt ist wertvoll.« »Ha, wirklich?« flüsterte der

Priester, aber ganz unhörbar. --

»Doch ist sie kein Verdienst. -- Aber er hatte dich im Verdacht,

Archidiakon«, -- und er hob mit lächelnder Drohung den Finger --

»erstens schon bei seinen Lebzeiten Bistum und Bischof beherrschen und

zweitens um jeden Preis sein Nachfolger werden zu wollen.« -- »Was

doch nur abermals ein Rothenburger werden sollte.« Ganz tonlos und

unterwürfig kam das aus den kaum geöffneten Lippen. Aber der Bischof

schüttelte lebhaft das Haupt und hob, schmerzlich berührt, in Abwehr

die Hand: »Da irrst du, Freund. -- Mein Oheim konnte nicht ahnen ...

War ich doch ein Kriegsmann! Ein Mann der Staatskunst ...« -- »Und

was für einer! In keiner Heerfahrt des Kaisers Otto des Roten und

des jungen Otto fehltet Ihr auf deutscher, wendischer und zumal auch

meiner italischen Heimaterde. Wie oft ginget Ihr als der Frau Kaiserin

Theophano Vertrauter in Gesandtschaft nach Rom, ja selbst nach Byzanz!«

»Also!« unterbrach Herr Heinrich, kopfschüttelnd. »Mein Ohm und ich

-- wir dachten wahrlich nicht daran, daß ich weltlicher, mit viel

Schlachtenblut befleckter Mann jemals geistlich, vollends Nachfolger

des heiligen Burchhard werden würde. Du -- Archidiakon, es ist wahr

-- hattest das nächste Anrecht auf diesen Stuhl.« -- »Kaiser Otto

der Junge dachte anders, weiser -- als er Euch -- noch nicht sehr

lange trugt Ihr geistlich Gewand -- das Bistum gab.« Der Rothenburger

seufzte: »Ja: +Er+ gab es mir.« Beschwichtigend fiel der Archidiakonus

ein: »Ihr seid vom Kapitel gewählt.« -- »Ja, ja, aber warum? Weil der

Kaiser es wünschte.« -- »Nachdem er und die Regentin so sehr überrascht

waren durch Euern Rücktritt aus der Welt.« »Sieh, Berengar,« fuhr

der Bischof fort, »das ist es ja, was mir den Entschluß so schwer

macht. Er -- der König -- setzt mich in dies Würzburg, vertrauend, daß

ich sein Recht und seinen Vorteil hier nach Kräften wahre. Und nun

soll ich Stadt und Grafschaft ihm entreißen!« Der Archidiakon glitt

geräuschlos näher; scharf richtete er auf den Ringenden die dunkeln

Augen, die unter kohlschwarzen, streng regelmäßig geschwungenen

Brauen hervorblitzten. »Verzeiht,« sprach er ruhig, »Herr Bischof:

das ist nicht bischöflich geredet.« -- »Mag sein! Aber es ist ehrlich

gedacht: -- mit Gedanken treuer Lehenschaft.« -- »Ihr aber seid vor

allem Sankt Peters Vasall! Von ihm, nicht vom deutschen König oder

römischen Kaiser, tragt Ihr den Bischofstab zu Lehen. Sankt Peters und

Eures großen Vorgängers, Sankt Burchhards, Recht habt Ihr zu wahren,

auch gegen des Königs Vorteil. Und nicht im Recht, im Unrecht ist der

König! Gedenkt des Briefes Kaiser Karls! -- Scharf sah ich es, wie ich

eintrat: -- er hatte Euch gerade wieder beschäftigt! Diese ehrwürdige

Urkunde giebt Euch nicht nur das +Recht+, -- hört es, Herr Bischof! --

sie legt Euch die +Pflicht+ auf, in jenen Kampf einzutreten und nicht

zu rasten noch zu wanken, bis Ihr Gott erstritten habt, was Gottes ist.

Dem Kaiser bleibe, was des Kaisers ist.« -- »Dann bleibt ihm wenig

genug in Stadt und Gau!« -- »Gleichviel! Habt Ihr des Kaisers Sache zu

führen oder die der heiligen Kirche? Wollt Ihr, nachdem Ihr das gute,

klare Recht des Bistums entdeckt habt, es diesem Bistum vorenthalten --

aus Schwäche, aus Menschenfurcht?«

Unwillig fuhr der Bischof auf und griff an die Stelle, wo er einst im

Wehrgehäng das Schwert getragen hatte.

»Verzeiht: aus Liebe zu diesem Kaiserjüngling vorenthalten, was der

große Karl aus Ehrfurcht vor Sankt Kilian und Sankt Burchhard dem

Stuhle zugewandt? Erkennt Ihr nicht den Finger Gottes darin, daß er

Euch -- gerade +Euch!+ -- durch Zufall, -- sagen die Weltleute --

durch ein Wunder der Heiligen, ziemt uns Geistlichen zu sagen -- in

der Kämmerei, unter altem wertlosem Gerät und Gerümpel dieses kostbare

Pergament auffinden ließ?«

»Ja, es ist erstaunlich,« sprach Herr Heinrich nachdenksam, das Kinn

in die linke Hand schmiegend. »Ist wirklich wundersam! Unter Bischof

Dietho -- vor achtzig Jahren -- verbrennen mit dem damals erst seit

siebenundzwanzig Jahren vollendeten Dom -- hier, an der Stelle des

jetzigen, stand auch er -- in der Sakristei alle Urkunden des Bistums,

aber auch alle! So daß, als Bischof Burchhard der Jüngere, der wackere

Henneberger, vor etwa zwei Menschenaltern dies Gotteshaus hier neu

erbaute, auch nicht Eine Urkunde, nicht Ein Beweismittel für all

unsere Rechte vorhanden war: mußten alle vom König, von den Erben

der anderen Schenker und Verleiher neu ausgestellt werden -- auf

vieles Bitten meiner Vorgänger. Und nun muß ich vor wenigen Monaten

in einer alten Truhe der Kämmerei unter abgetragenen, zerschlissenen

Meßgewändern und angebrannten Altardecken dieses unschätzbare Kleinod

auffinden! Wie kann das aus der Bücherei oder aus dem Archiv dahin

geraten sein?«

Berengar zuckte die Achseln: »Wer soll das wissen? Vielleicht gelang

einem der Brüder die Rettung dieses wertvollsten Stückes aus dem

brennenden Archiv: -- er selbst mag darüber umgekommen sein.« »Ja, ja,«

bestätigte der Bischof, »es sind mehrere bei dem Brand erstickt, und

zwar gerade auch -- in der Kanzlei -- der Protonotar, der dem ganzen

Urkundenwesen vorstand, der pflichtgetreue Bruder Skapelarius.« --

»Die Kämmerei lag auch damals im Erdgeschoß -- die Urkunde, in die

Altardecke gewickelt, kann von dem Kanzleifenster -- hier, im ersten

Stock -- in das offene Fenster der Kämmerei geworfen worden sein, als

der Protonotar, der sie retten wollte, erkannte, daß er selbst nicht

mehr zu entkommen vermöge.«

»Klingt ganz glaublich! -- Aber weshalb lassen die Heiligen die

wichtige Urkunde sechzig Jahre verborgen bleiben und sie auffinden

gerade durch +meine+ weltliche, schwertgewohnte, vom Schlachtenblut

befleckte Hand?« -- »Gerade darin erblickt und verehrt die weise Fügung

der Vorsehung.« -- »Wie meinst du das, Archidiakon?« »Heinrich von

Rothenburg,« erwiderte dieser feierlich, wieder leis einen Schritt

näher gleitend, »gebt der Wahrheit die Ehre, hier im Kämmerlein

vertrauter Zwiesprache: mehr vom Kriegsmann, als vom Geistlichen, mehr

vom Staatsmann, denn vom Priester, mehr vom rechts- und waffenkundigen

Grafen, als vom Bischof habt Ihr an Euch -- immer noch!« »Ja, leider,«

seufzte Herr Heinrich demütig, »immer noch!« »Weshalb -- vor fünfzehn

Jahren etwa -- der tapferste Graf über alles deutsche Land, die rechte

Hand der schönen Kaiserwitwe und Reichsregentin, Frau Theophano,

plötzlich das Schwert ablegte und Priester ward -- -- kein Mensch weiß

es ...« Er zögerte: er schien gespannt auf Auskunft zu warten. Allein

Herr Heinrich sprach nur leise zu sich selbst: »Aber Gott weiß es« und

drückte die schwermütigen Augen zu.

Der Welsche wartete noch eine Weile: da aber der andere beharrlich

schwieg, fuhr er fort: »Aus der Haut konntet Ihr eben nicht fahren,

wie aus der Brünne, auch nicht, als Ihr, nach kurzer Priesterzeit,

hier Bischof wurdet. Nach wie vor weilen Eure Gedanken noch häufiger

bei Recht und Gericht und weltlicher Wohlfahrt und weltlicher Gewalt,

denn bei Beten und Büßen und bei dem Jenseits.« »Leider!« wiederholte

Herr Heinrich betrübt. »Nein, nicht leider: zum Heile dieses Bistums!

Seht Ihr denn nicht? Deshalb eben führten die Heiligen Kaiser

Karls Verleihungsbrief gerade in +Eure+ starke Hand! +Euch+, Eurem

weltkundigen Sinn vertraute Sankt Burchhard, Eurer weltlichen Klugheit,

Eurer frischen Manneskraft seine Rechte an, nicht Euren Vorgängern,

meist mönchischen weltflüchtigen Psallierern. Der Bischof, nicht der

Graf, muß herrschen über diese Mainstadt und den Waldsassengau, darin

sie liegt. Vor allem über die Stadt! So wollte Kaiser Karl! So will

es Gott! Seht hier auf diesen Plan der Stadt« -- er wies auf eines

der Pergamente, die auf dem Tische ausgebreitet lagen -- ein langes

Jagdmesser war darüber gelegt, es auseinandergespreitet zu halten

-- »Ihr selbst habt ihn -- mit der Hand des kundigen Feldherrn --

entworfen: glaubt Ihr, es ist ohne Bedeutung, daß die Stadt ein Fünfeck

bildet, genau wie Eure Bischofsmütze, die dort liegt, Herr Heinrich?«

»Spiel des Zufalls!« erwiderte dieser. Aber der Einfall behagte ihm.

-- »+Ihr+ seid der Mann, des Bistums Recht zu wahren, mit scharfem

Wort und -- muß es sein -- mit scharfem Schwert. Sankt Burchhard,

Sankt Kilian, Sankt Petrus, ja Gott selber rufen Euch in diesen

heiligen Kampf. Heinrich von Rothenburg, der Mann ist ein Felon, der

irdischem Lehnsherrn die geschuldete Heerpflicht weigert: Heinrich von

Rothenburg, willst du sie dem himmlischen Lehnsherrn weigern?«

»Nein! Bei meinem Schwerte!« rief der Starke und seine grauen Augen

blitzten auf. »In solchem Lichte sah ich's noch nie. +Gott+ ruft zum

Streit. So will ich denn streiten bis zum Sieg oder -- Untergang! Ich

fürcht' ihn nicht, den Grafen Gerwalt!« »Gewiß nicht! Und« -- der

Welsche trat näher und flüsterte -- »jene Weissagung des arabischen

Magiers in Kalabrien, die Ihr mir vertraut -- wie war es doch?« »Ich

werde nicht sterben -- so las er in meiner rechten Hand -- bis ich mit

dieser Hand meinen schlimmsten Feind auf Erden erschlagen,« sprach Herr

Heinrich mit grimmiger Freude. »Nun also! Und das ist doch ohne Zweifel

--« »Graf Gerwalt!« nickte der Bischof.

»Aber,« fuhr Berengar fort, »es wird zum Waffenkampfe gar nicht kommen

müssen. Ihr werdet schon auf dem Wege Rechtens -- vor dem Reichstag

gewinnen. Sicher! +Das+ Gericht möchte ich sehen --« und hier flog ein

stolzes Lächeln um die schmalen, allzu schmalen Lippen des Lombarden

und seine schwarzen Augen funkelten -- »das Gericht möchte ich sehen,

welches gegen jene Urkunde Kaiser Karls irgend eine Einwendung gelten

lassen könnte.« »Allein,« warf der Bischof ein -- »warum haben

alle meine Vorgänger seit bald zwei Jahrhunderten das Recht aus der

Verleihung nicht geltend gemacht?«

Berengar zuckte die Achseln: »Wer kann solche Fragen beantworten?

Soviel steht fest: Graf Gerwalt, Euer schlimmster Feind ... --« »Der

Welsche weiß nicht,« flüsterte Herr Heinrich zu sich selbst, »wie sehr

sein Wort die Wahrheit trifft!« -- »Kannte die Urkunde nicht. Und groß

war sein Erstaunen, ja sein Zorn, als ich sie ihm -- wohlweislich nur

in Abschrift -- übersandte. Diese Urkunde ist unanfechtbar. Nicht

umsonst hab' ich Jahre um Jahre in der Rechtsschule zu Pavia geistlich

Recht, Lehenrecht, Landrecht gelernt bei den ersten Lehrern. Viele,

viele hundert Urkunden von Königen und Kaisern hab' ich eingesehen,

viele Dutzend hab' ich abgeschrieben, hab' ich selbst verfaßt im

Auftrag des Pfalzrichters daselbst. Erkennt Kaiser Otto unser Recht

nicht an, so rufen wir das Urteil des Reichsgerichts am Reichstage

an. Nach dem Rechte +muß+ es für uns ausfallen! Siegt aber in dem

barbarischen Reichstag dieser plumpen Deutschen -- verzeiht, aber

manchmal bricht das Blut Italiens in mir durch! -- die Scheu vor

dem Herrn König, so lebt noch ein anderer Richter, der uns -- das

heißt Sankt Kilian und Sankt Petrus! -- unzweifelhaft zu unserem

Recht verhelfen wird.« »Gott der Herr!« sprach der Bischof fromm.

»Der ist gar fern und unberechenbar! -- Nein, der Herr Papst zu Rom.

Nicht rasten will ich und nicht ruhen, bis wir gesiegt -- für Sankt

Burchhard. Und müßt' ich auf meinen Knieen im Sankt Peter dem heiligen

Vater Bann und Interdikt über König und Reich der Deutschen entwinden!«

»Nein! Nimmermehr!« rief der Rothenburger erschrocken. »Ich sollte den

Bann herabbeschwören auf des großen Otto Enkel, meines teuren Feldherrn

in so vielen Schlachten? Das Interdikt auf diese geliebte deutsche

Erde, auf dieses blühende Mainthal? Es ist nicht +deine+ Heimat,

Lombarde!«

»In die Hölle stoß' ich ganz Lombardenland, das abgefallene, um diesen

Sieg!« schrie der Welsche, fortgerissen von wilder Leidenschaft.

Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus · 第 9 / 70 题