Anna: Ich verstehe dieses Wort nicht: »g_e_s_t_o_c_h_e_n.«

Otto: Anna, Sie wissen, der Dorn an der Rose sticht, und die Moskito

sticht auch und die Wespe und die Biene; und die Nadel sticht. Heute,

im Oktober, sticht keine Wespe, aber im August hat mich eine

gestochen, sehen Sie hier, an diesen Mittelfinger. Die Nadeln des

Tannenbaumes haben auch gestochen (ich steche, ich stach, ich habe

gestochen).

Alle: Nun verstehen wir alle Wörter!

* * * * *

Otto: So, nun wollen wir alle das Gedicht sagen; Sie, Bella und Anna,

und mein Bruder und ich -- alle, alle zusammen.

Alle: »Es ist ein Bäumlein gestanden im Wald

In gutem und schlechtem Wetter.

Das hat von unten bis oben

Nur Nadeln gehabt statt Blätter.

Die Nadeln haben gestochen,

Das Bäumlein hat gesprochen.«

Bella: Was hat das Bäumlein gesprochen? (ich spreche, ich sprach, ich

habe gesprochen.)

Otto: Alle meine Kameraden

Haben schöne Blätter an

Und ich habe nur Nadeln ..... Nadeln .....

und Nadeln ..... und ..... und .....

Louis: Nadeln ..... und ..... und .....?

Otto: Herr Meister, ich kann die andern Verse nicht sagen; ich habe

sie (= die Verse) vergessen (ich vergesse, ich vergaß, ich habe

vergessen). Helfen Sie mir, ich bitte!

Herr Meister: Ich kann nicht. Ich habe mein Buch nicht hier; und so

kann ich das Gedicht auch nicht sagen.

Louis: Aber ich will das Ende wissen.

Herr Meister: Louis, sagen Sie nicht: »I_c_h w_i_l_l«; das ist nicht

fein. Sagen Sie: »I_c_h m_ö_c_h_t_e das Ende wissen.« Das ist besser.

Louis: O, ich möchte das Ende wissen.

Otto: Ich kann Ihnen alles in Prosa erzählen (= sagen).

Alle: O, erzählen Sie es in Prosa! Erzählen Sie!

* * * * *

Otto: Das Bäumlein hat gesprochen: Ich will diese Nadeln nicht; nein,

ich will sie nicht; alle die anderen Bäume im Walde haben schöne

Blätter, und ich nicht. Ich will auch Blätter, und ich will bessere;

ich will Blätter von Gold. Und da kam (ich komme, ich kam, ich bin

gekommen) die Nacht; da ist das Bäumlein eingeschlafen und .....

Louis: Eingeschlafen? Was ist das?

Otto: Um elf Uhr in der Nacht gehst du (ich gehe, du gehst) in dein

Bett, und in fünf Minuten hörst du (ich höre, du hörst) nichts mehr

und siehst (ich sehe, du siehst) nichts mehr, und deine Augen sind

nicht mehr offen; nicht wahr, Louis?

Louis: Ja wohl, Otto, so ist es.

Otto: Du bist eingeschlafen; und dann schläfst du (ich schlafe, du

schläfst) sieben Stunden.

Louis: O ja, das ist wahr (= das ist so).

Otto: -- und am anderen Morgen ist es aufgewacht .....

Louis: Aufgewacht? Das Wort verstehe ich auch nicht.

Herr Meister: Das Bäumlein öffnete (ich öffne, ich öffnete, ich habe

geöffnet) die Augen.

Louis: Ich verstehe.

Otto: -- ist es aufgewacht und hatte Blätter von Gold. Da war es

reich. Blätter von Gold im Sonnenschein! Das war so schön. Und das

Bäumlein lachte, und es war so froh, und es sagte (ich sage, ich

sagte, ich habe gesagt): Ich bin das schönste Bäumlein im Walde! Und

dann war es Abend. Da kam ein Mann. Er sah (ich sehe, ich sah, ich

habe gesehen) das Gold und steckte alles, alles in seinen großen Sack

und in seine langen Taschen. Da hatte das Bäumlein keine Blätter mehr

und auch kein Gold; es war so arm!

Anna: O, das arme Bäumlein!

Louis: Da lachte das Bäumlein nicht!?

Otto: Nein, es lachte nicht; es war traurig und sagte: Heute Morgen

war ich voll mit goldenen Blättern und nun -- ach, ich will keine

goldenen Blätter, ich will Blätter von Glas. Und am nächsten Morgen

hatte (ich habe, ich hatte) das Bäumlein Blätter von Glas. Das Glas

glitzerte in der Sonne, und das Bäumlein sagte: Kein Baum im Walde

glitzert so. Da kommt der Sturm durch den Wald, und er kommt an die

Blätter von Glas; die Blätter von Glas fallen auf die Erde und in

einer Minute waren alle, alle zerbrochen.

Bella: Der böse, böse Wind!

* * * * *

Otto: Da war das Bäumlein wieder traurig und es sagte: Ich will keine

Blätter von Glas und keine von Gold; ich möchte grüne Blätter, wie

alle die anderen Bäume hier im Walde. Und wieder ist es eingeschlafen

am Abend, und wieder ist es aufgewacht am Morgen und da hatte es grüne

Blätter. Da kam die Ziege.

Louis: Die Ziege? Was ist eine Ziege?

Otto: Das kann ich dir sagen, Louis. Du trinkst Milch im Kaffee, nicht

wahr?

Louis: Nein, Otto, nicht ich; ich trinke keinen Kaffee und keinen

Thee, aber mein Vater trinkt Kaffee und Milch.

Otto: Und wir haben die Milch von .....?

Louis: Von ..... von dem Milchmanne.

Otto: Nun ja, Louis, von dem Milchmanne! Von wem hat der Milchmann die

Milch?

Louis: Von der K..... K.....

Otto: Das ist recht, Louis! Von der Kuh. Die Kuh giebt[III-6] uns Milch und

Butter. Die Ziege giebt uns auch Milch; die Ziege ist kleiner als die

Kuh.

Louis: Die Ziege ist eine kleine Kuh, nicht wahr?

Otto: O nein, Louis, nein. Höre! Die Kuh macht: Muh! muh! und die

Ziege macht: Mä.....e..... e.....e!

Louis: Otto, du machst sehr gut mä.....e..... e.....e.....; so gut

kann ich es nicht. Ich verstehe dich (= Otto). Die Ziege ist kleiner

als die Kuh, und sie ist größer als das ..... das .....

Otto: Größer als was?

Louis: Größer als das ..... das ..... das ..... O, ich kann es nicht

sagen.

Otto: Hat es Federn, wie die Henne?

Louis: Nein.

Otto: Hat es Haare, wie die Ziege?

Louis: Nein; es hat keine Haare, wie die Ziege, und keine Federn, wie

die Henne.

Otto: Es hat keine Haare und keine Federn. Was hat es?

Louis: O, du weißt (= verstehst), was ich meine!

Herr Meister: Hat es Wolle?

Louis: Ja, es hat Wolle und macht: Blä! blä! blä!

Otto: Ah, du meinst ein Lamm.

Louis: Ja, ein Lamm.

Herr Meister: Ein Lamm ist jung, und wenn das Lamm alt ist, so ist es

ein Schaf.

* * * * *

Otto: Da kam die Ziege und sah die grünen Blätter. Das Bäumlein war

so jung, und die Blätter so frisch, und die Ziege so hungrig, und da

nahm (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen) sie alle Blätter. Da

sagte das Bäumlein: Ich will keine Blätter mehr, keine Blätter von

Gold und keine von Glas und auch keine grünen Blätter. Ich möchte

meine Nadeln wieder haben! Und am Abend ist das Bäumlein wieder

eingeschlafen, und am Morgen ist es wieder aufgewacht, und da -- da

lacht es (ich lache, ich lachte, ich habe gelacht), und die andern

Bäume im Walde lachen auch. Warum denn? Das Bäumlein hatte wieder (ich

habe, ich hatte, ich habe gehabt) alle seine Nadeln. Und das war gut!

Verstehst du alles, Louis?

Louis: Ich verstehe alles.

Otto: Haben Sie mich auch verstanden, Anna?

Anna: O ja! sehr gut.

Otto: Und Sie, Bella?

Bella: Ich auch. Sie sprechen so gut deutsch, Otto.

Otto: Im Gedicht ist alles schöner, als in Prosa.

Bella: Ich werde (= will) es lesen.

Anna: Ich werde es (= das Gedicht) meiner kleinen Schwester zu Hause

erzählen.

Herr Meister: Ah! Rückert hat dieses Gedicht auch für seine kleine

Schwester geschrieben (ich schreibe, ich schrieb, ich habe

geschrieben).

Anna: Erst will das Bäumlein Blätter von Gold, dann von Silber

und .....

Louis: Nein, Anna; nicht von Silber; von Glas.

Anna: ... von Glas und dann grüne Blätter, und zuletzt will es seine

Nadeln wieder. Nicht wahr, Herr Meister?

Herr Meister: Ja, so ist es. Das Bäumlein ist nicht zufrieden, oft

will es das eine, oft das andere.

Anna: So ist meine kleine Schwester Julie auch. Heute Morgen sagte

sie: Ach, wann kommt der Winter? Und ist der Winter da, so sagt sie:

Ach, wann kommt der Sommer?

Herr Meister: Ihre Schwester Julie ist, wie die Menschen so oft sind

-- unzufrieden.

Otto: Ist u_n_z_u_f_r_i_e_d_e_n dasselbe wie »nicht

z_u_f_r_i_e_d_e_n«?

Herr Meister: Ja, Otto. Die S_i_l_b_e »u_n« vor einem Wort ist

»n_i_c_h_t.«

Otto: Das ist im Englischen auch so; {unhappy} ist {not happy};

{unkind} ist {not kind}.

* * * * *

Bella: Ich bin auch oft unzufrieden, wie Julie; ich sagte auch oft im

Winter: Wann kommt der schöne Sommer?

Otto: Glauben (= denken) Sie, der Sommer ist besser, als der Winter?

Bella: O, viel besser!

Anna: Ich glaube, der Winter ist besser und schöner. Im Winter kann

man in das Theater gehen, in die Oper, in das Konzert und auf den

Ball; am fünfundzwanzigsten Dezember sind die Weihnachten (=

Christtage), und am ersten Januar haben wir Neujahr. Der Winter, o,

der Winter ist so schön!

Louis: Ja, Weihnachten ist ein schönes Fest; ich denke auch so, Anna!

Im Winter kann ich auf das Eis gehen und kann in meinem Hause sitzen

bei meiner Lampe; ich kann schöne Bücher lesen; aber im Sommer, im

warmen Sommer, kann ich das nicht.

Bella: Und Sie, Otto? Sie denken so wie ich! Nicht wahr? O, bitte,

sagen Sie: Ja. Bitte, bitte.

Otto: Bella, Sie sind meine Freundin; das ist auch Fräulein Anna. Sage

ich: Der Winter ist besser, so spreche ich gegen die eine Freundin;

sage ich: Der Sommer ist besser, so spreche ich gegen die andere. Was

kann ich hier thun? Halt! ich weiß. Herr Meister, was kommt n_a_c_h dem

Sommer und ist v_o_r dem Winter?

Herr Meister: Der Herbst. Der Herbst ist zwischen Sommer und Winter.

Otto: Gut; so sage ich: Der Herbst ist am besten; er ist besser, als

der warme Sommer, und besser, als der kalte Winter. Und im Herbste, --

o, da haben wir {Thanksgivingday}! meine Freundinnen, ja,

{Thanksgivingday}! Da haben wir ein Türkischhuhn[III-7] (= Henne). Ja, der

Herbst ist am schönsten!

Bella: Otto! Sie sprechen nicht für mich; gut! ich werde s_e_l_b_s_t

für mich sprechen. Und ich sage: Der Sommer ist besser; er ist besser,

als der Winter und besser, als der Herbst. Ich weiß, der Winter hat

Theater, Konzert und Ball. Das ist sehr schön, o, ja! und schön ist

es auch im Kreise (= im Zirkel) von Freunden beim Feuer zu sitzen;

aber ich denke nicht an mich allein. Hunderte und Tausende von

Menschen sind im Winter oft in bitterer Kälte auf der Straße; sie

haben kein Haus, kein Brot, und sind so hungrig. O nein, nein! Preiset

nicht den Winter, den harten, harten Winter! Denken Sie nicht auch so,

Herr Meister?

* * * * *

Herr Meister: Mein Fräulein; Sie sprechen so gegen den Winter, daß ich

denken muß, wie Sie: Ja, der Sommer ist schöner und besser, als der

Winter; das ist: Hier in New York. Aber in Deutschland, in Deutschland

ist der Frühling schöner als der Winter, schöner als der Sommer und

schöner als der Herbst. Ah, meine Freunde, ich finde nicht die Worte,

Ihnen zu sagen, was der deutsche Frühling ist! Da müssen Sie die

Gedichte lesen von Heine, von Goethe, von Schiller, von Rückert.

Otto, wissen Sie, wer der deutsche Dichter des Frühlings ist?

Otto: Nein, das weiß ich nicht. Ich kenne Thomsons {"Seasons,"} aber

das ist nicht Deutsch; es ist Englisch.

Herr Meister: {"The Seasons"} ist ein gutes Gedicht. Der deutsche

Dichter des Frühlings ist Ewald von Kleist. Von den deutschen

Dichtern: Schiller, Goethe, Heine, Rückert etc. spreche ich noch oft

mit Ihnen. Heute kann ich nicht mehr. Adieu, meine Freunde!

Alle: Adieu, Herr Meister!

[Herr Meister geht.]

* * * * *

Anna: Das war heute schön.

Bella: Bitte, Otto, sagen Sie ein anderes Gedicht.

Studien und Plaudereien. First Series · 第 16 / 55 题