Resi knickste. »Ei ja freilich schon -- z' dienen!«

»Ich habe meinen Wagen vor einer Viertelstunde fortgeschickt und bin

das letzte Stückchen Weg durch den schönen Bergwald zu Fuß gekommen.

Auch habe ich meine Schwester gern überraschen wollen -- Sie werden sie

ja gut kennen -- Fräulein Charlotte Hartwig! Ich bin Professor Hartwig

aus Stettin -- können Sie mir sagen, wo -- --«

Weiter kam er nicht. Die steile Treppe herab flog eine weibliche,

weißgekleidete Gestalt mit offenem Blondhaar -- er hielt sie für ein

junges Mädchen -- umklammerte seine freie Linke mit ihren beiden

zitternden Händen und stammelte kaum verständlich: »Helfen Sie -- um

Gottes willen -- helfen Sie mir --«

»Meine Gnädigste -- mein Fräulein -- ich --«

»Aus Erbarmen! Helfen Sie -- um Ihrer Schwester willen, die mich liebt,

die ich liebe! Das Kind muß -- muß sterben, wenn nicht -- wenn nicht --

und es ist kein Arzt -- keiner ...« -- Sie fiel in ihrer Aufregung und

Verzweiflung vor ihm auf die Kniee, sie haschte nach seinen Händen, um

sie an die Lippen zu führen.

»Nicht doch -- um Himmels willen -- wo ist das Kind? Führen Sie mich!«

Professor Hartwig gab Schirm und Koffer an Resi ab.

»Tragen Sie das einstweilen fort, und sagen Sie, bitte, meiner

Schwester noch nichts, ich suche sie später auf. -- Diese Treppe

hinauf?«

»Ja!«

Resi sah den beiden, wie sie nebeneinander die Treppe hinaufstiegen,

mit offenem Munde nach. Diesmal faßte sie den festen Vorsatz, zu

schweigen.

Professor Hartwig warf einen kurzen prüfenden Blick auf seine

Begleiterin, er sprach kein Wort weiter. Im Krankenzimmer angekommen,

legte er seinen Hut auf das Fensterbrett und streifte die Handschuhe

ab. Dann trat er an das kleine Bett. -- »Wie lange ist das Kind schon

in diesem Zustand?«

Melitta schöpfte zitternd Atem. Die Stimme wollte ihr nicht gehorchen.

»Ich -- ich kann es nicht genau sagen. Wir hatten eine weite -- eine

weite Gebirgspartie unternommen, waren zwei Tage und eine Nacht

unterwegs. Als ich mein Kind verließ, war es gesund gewesen -- gestern

des Abends sagte mir Ihre Schwester, es wäre ihr bald -- bald nach

unserem Aufbruch verändert erschienen -- still und apathisch. Wir

fanden es in hohem Fieber!«

»Und es ist kein Arzt hier?«

»Er ist nach München zu einer Versammlung, und bis nach Leuten hinauf

sind es mehr als drei Stunden -- ein beschwerlicher Aufstieg ... in der

Nacht wollte ihn niemand unternehmen!«

»Haben Sie gar kein Mittel bei dem Kinde angewendet?« »Doch!« Die

junge Frau wurde rasch nacheinander rot und blaß. »Wir -- ich -- mein

Mann weiß einiges -- hat einige medizinische Kenntnisse -- wenigstens

interessiert er sich -- --«

»Gut also! Was haben Sie gegeben?«

»Zuerst ein weißes Pulver -- es sollte fieberstillend sein -- dann

diese Tropfen« -- sie nahm das Fläschchen vom Tisch und reichte es dem

Professor.

Dieser zog den Kork heraus, roch an dem Fläschchen, goß sich ein paar

Tropfen in einen bereit liegenden Theelöffel und kostete. Ohne etwas

Weiteres zu sagen, schloß er das Fläschchen wieder und setzte es

beiseit.

»Wollen Sie jetzt das Kind aus dem Bett heben, ich muß es genau

untersuchen. Haben Sie einen Thermometer zum Messen der Temperatur

hier? Gut. Bitte, setzen Sie sich hierher neben das Bett, ich gebe

Ihnen die Kleine auf den Schoß.« Er hatte gesehen, daß Melittas Hände

stark zitterten.

»Wenn -- wenn Erna bei Besinnung ist, wird sie sich nicht von Ihnen

berühren lassen -- sie wird sich sehr aufregen --«

»Ich hoffe nein! So, meine kleine Erna, komm zum Onkel Doktor -- er

bringt dich zu Mama!«

Die Kleine, mehr überrascht als erschrocken, hob ein wenig den schweren

Kopf und sah dem fremden Mann aus glanzlosen Augen ins Gesicht. Er

faßte sie sehr zart und behutsam an und hob sie so rasch und geschickt

aus dem Bett, daß man auf den ersten Blick den erfahrenen, geübten

Kinderarzt in ihm erkannte.

Die Untersuchung dauerte eine Weile. Professor Hartwig sprach kein Wort

dabei, hatte keinen Blick für die junge Frau, er verwandte kein Auge

von dem Kinde. Zuletzt fragte er die Kleine, wie sie heiße, welchen

Namen ihre Puppe habe; er wiederholte seine Frage einigemal mit einer

sehr sanften, sympathischen Stimme ... Erna starrte ihn aus trüben

Augen an und antwortete nicht.

Indessen öffnete sich seitwärts leise die Thür. Und Charlotte, die, ein

Paket wollener Tücher im Arm, über die Schwelle treten wollte, blieb

dort wie angewurzelt stehen. Sie glaubte, nach der halb durchwachten

Nacht eine Vision zu haben. Es war doch nicht möglich! Der Herr, der

dort neben Melitta stand, tief über das Kind gebeugt -- das war doch --

das mußte doch ihr Bruder Walter sein ... nun, das konnte doch nicht

... sie trat ein paar Schritte näher, und die Decken fielen sämtlich

auf die Erde.

Professor Hartwig blickte sich mit gerunzelter Stirn um. Als er seine

Schwester erkannte, erhellte sich sein Blick.

»Grüß' Gott, Lottchen! Was hast du da? Wollene Decken? Die nützen

nicht viel. Wenn du uns sobald wie möglich ein warmes Bad verschaffen

könntest -- -- --«

5.

Das alte Fräulein kam halb lachend, halb weinend heran.

»Walter -- mein Walter -- wie bist du hergekommen? Seit wann? --«

»Nicht jetzt, Lottchen -- später -- jetzt müssen wir das Kind

zurücklegen -- so!«

Mit überfließenden Augen sah die Schwester seinem Thun zu. Nicht der

eigene Vater konnte sein zärtlich geliebtes Kind sorgsamer betten, als

ihr teurer Walter es jetzt that.

»Ist eine Apotheke am Ort?«

»Ja!«

»Ich möchte etwas aufschreiben!«

Er schritt zum Tisch und strich im Vorübergehen liebkosend über die

Wange der Schwester, die ihn mit verklärten Blicken betrachtete.

»Das warme Bad -- du sorgst wohl dafür, Lottchen! Es muß achtundzwanzig

Grad mindestens haben -- besser noch neunundzwanzig! -- und verdeckt

heraufgebracht werden! Dann muß man Eis herbeischaffen -- ich denke,

das kann hier nicht so schwer sein, vielleicht hat sogar die Hausfrau

welches!«

»Ich -- ich werde nachfragen. Ach, Walter, was für ein Segen ist es

doch, daß du gekommen bist! Wenn du wüßtest -- --«

»Bitte, nichts mehr! Ich möchte ein wenig nachdenken.«

Er setzte sich, nahm die Feder zur Hand, die Melitta auf den Tisch

gelegt, und starrte mit gefurchten Brauen, wie in angestrengtem Sinnen,

vor sich hin. Die längst eingetauchte Feder schwebte immer noch

unschlüssig über dem Papier, ein sorgenvoller Zug, der das Gesicht des

Arztes um zehn Jahre älter erscheinen ließ, lag um Mund und Augen. Es

war totenstill im Zimmer.

Endlich fuhr die Feder in raschen Zügen über das Papier, dann reichte

er Friederike das Blatt hin.

»Bitte, gehen Sie sofort zur Apotheke, und warten Sie, bis die Medizin

fertig ist.«

Melitta war neben ihn getreten -- sie versuchte zu sprechen, es wollte

ihr nicht gelingen. Charlotte eilte auf sie zu und legte den Arm um sie.

»Ist -- ist große Gefahr vorhanden? Haben Sie noch Hoffnung?« kam es

endlich leise, leise von Melittas Lippen.

Er sah mitleidig in das süße, weiße Gesicht.

»Ich kann Ihnen nichts sagen -- wir müssen abwarten. Das Kind ist

schwerkrank, aber seine Natur scheint sehr widerstandsfähig zu sein.

Wir müssen alles thun, was in unsern Kräften steht, und versuchen,

möglichst ruhig zu sein. Ihnen, gnädige Frau, verordne ich vorerst ein

Glas Wein; ich hoffe, Sie gehorchen mir!«

»Ja!« sagte Melitta leise.

»Dann komm, Charlotte! Sobald das Bad fertig ist, bin ich wieder hier!«

Professor Hartwig verneigte sich leicht -- die junge Frau vergaß, den

Gruß zu erwidern. Mit einem ergreifenden Ausdruck von Glauben und

Vertrauen hingen ihre Augen an seinem Antlitz. -- --

»Mein Walter! Mein Walter!«

Draußen im Hausflur konnte sich's das alte Fräulein nicht versagen, den

Bruder zu umarmen und zu küssen -- eine Ceremonie, die er lächelnd,

mit guter Miene, über sich ergehen ließ. »Ich bin so glücklich, so

grenzenlos glücklich! Sage mir bloß, wie es gekommen ist, daß du kamst!«

»Hat ja Zeit, liebe Alte, wird alles werden! Vor allen Dingen: wie

heißt sie denn?«

»Wer? Ach so -- Melitta meinst du? Frau Doktor Schott aus Augsburg! Ist

sie nicht wunderschön?«

»Hm! Und was treibt der Mann?«

»Ach -- der! Komm hier in mein Zimmer, man könnte uns hören! Nach

meiner Ansicht treibt der Mann nichts als Dummheiten! Ein arroganter

Patron, ein Besserwisser, ein Mensch, der von allem wissen will --«

»So? Von Medizin versteht er aber nichts!«

»Er hat das Kind falsch behandelt, nicht wahr?« fragte Charlotte eifrig.

Ihr Bruder sah ihr sehr ernst ins Gesicht.

»Ich weiß, daß du schweigen kannst, Lotte -- und daß du es hier thust,

versteht sich von selbst! Ja denn! Das eine Mittel, das dieser Herr,

der sich so für Arzneikunde interessieren will, dem Kinde gegeben hat,

war harmlos -- weder wirksam noch schädlich -- mit dem zweiten sieht es

bedenklich aus!«

»Und du meinst -- was meinst du? Bleibt die Kleine am Leben? Muß sie

sterben?«

Der Professor schüttelte den Kopf.

»Kein Mensch auf der Welt sollte mich so gut kennen wie du --

und du thust es doch nicht! Nach meiner schon seit langen Jahren

festgehaltenen Meinung ist der Arzt ein Narr, der Leben und Tod

verspricht -- er hat sein Bestes zu thun und abzuwarten, ob die Natur

mithilft -- oder Gott, wenn du so willst! -- Und nun komm, wir wollen

das Bad bestellen!«

»Aber, mein guter Walter, wie müde mußt du sein. Du bist wohl gar

die Nacht durch gefahren? Nicht? Nun Gott sei Dank! Aber etwas zum

Frühstück mußt du doch haben!«

»Ich werde nachher frühstücken, verlaß dich ganz fest darauf! Jetzt

erst einmal das Bad!«

Drunten im Pensionat Klinger summte es durcheinander, wie in einem

Bienenschwarm. Unglaublich schnell hatte sich die Kunde verbreitet,

Professor Hartwig aus Stettin, des alten Fräuleins Bruder, sei

unerwartet angekommen und werde die Behandlung des kranken Kindes

übernehmen ... jetzt, da eben dieses kranken Kindes Vater den

beschwerlichen Weg über den Gebirgskamm machte, um den Doktor aus

Leuten herbeizuholen! Diese Thatsache fand eine sehr verschiedenartige

Aufnahme. Die einen meinten, es sei ein Segen, daß der fremde Arzt

gekommen -- die anderen, Fräulein Hesse obenan, nannten es eine

empörende Anmaßung von ihm, hier einzugreifen, da Doktor Schott doch

unfehlbar das richtige getroffen habe und weiter treffen werde.

Frau Eigener gehörte jedenfalls der ersten Partei an. Sie hatte in

ihrem Innern den pomphaften Doktor immer einer wenig schmeichelhaften

Kritik unterzogen und die junge Frau ebenso reizend als bedauernswert

gefunden -- jetzt stellte sie sich selbst, wie ihr ganzes Haus, dem

Geschwisterpaar Hartwig ohne weiteres zur Verfügung. Das Bad werde in

kürzester Frist bereit sein, es flamme den ganzen Tag ein tüchtiges

Feuer auf ihrem Herde, und ein paar große Kessel voll Wasser wären im

Nu heiß. Und Eis? Nun, natürlich hätte sie welches, ihr seliger Mann

hatte ihr noch den Eiskeller aufmauern lassen -- bei dem Fremdenverkehr

in ihrem Haus, und wenn sich alles frisch erhalten solle, müsse man das

ja haben ... ob das alles sei, was Herr Professor zu bestimmen hätte?

Ihr wäre nichts zu viel, wenn nur das Hascherl, das Herzerl, die Erna

wieder gesund werden möchte! --

Vorläufig sah es nicht danach aus. Das Bad zog eine schwere Erschöpfung

nach sich, die ersten Löffel Medizin blieben ohne jede Wirkung, und die

Eisblase wurde unaufhörlich von dem ruhelos umhergeworfenen Köpfchen

geschleudert. Professor Hartwig hatte die Kleine selbst gebadet.

»Lassen Sie mich nur machen!« sagte er mit seiner ruhigen Bestimmtheit,

und dann rief er die Mutter zu Handreichungen herbei, und sie setzten

sich zusammen an das kleine Bett und reichten die Medizin und hielten

abwechselnd die Eisblase fest und die Händchen, die immer wild nach

der Stirn fuhren, um das kalte kleine Bündel herunterzureißen. Wenn

der Professor nicht schon um des Kindes willen, das er für bedenklich

krank hielt, geblieben wäre -- -- um der Mutter willen hätte er es

thun müssen. Er machte keine neue Erfahrung an diesem Krankenbett;

oft schon hatte er es in seiner Praxis erlebt, daß von seiner

Persönlichkeit, seiner Art, sich zu geben, diese seltsam beruhigende,

sympathische Wirkung auf die Umgebung der Patienten überging, Pfleger

und Pflegerinnen wie unter einem wohlthätigen Einfluß standen, daß

seine Ruhe, seine Zuversicht sich ihnen mitteilte und ihnen selbst ihr

schweres Amt solchergestalt zehnfach erleichterte. -- So auch hier.

Diese junge Frau, die ihm in fiebernder Exaltation, mit beinahe irrem

Blick und Wesen vor kurzer Zeit entgegengestürzt war, deren Hände

derartig gebebt hatten, daß sie das Kind nicht halten konnten, die

die Worte mühsam hatte suchen müssen, um sich ihm nur verständlich

zu machen ... sie saß still und aufmerksam neben ihm, folgte jeder

seiner Bewegungen, verstand den leisesten Wink, störte ihn nicht mit

einem Ausruf, einer Frage ... und er hatte ihr doch noch kein einziges

aufmunterndes oder auch nur beruhigendes Wort sagen können! -- Seine

Macht über die Menschen, die sein Beruf ihm nahe brachte, war in seinen

Patientenkreisen beinahe sprichwörtlich geworden, und er hatte nicht

umhin gekonnt, sich darüber oft zu freuen -- -- aber noch nie hatte er

sich dessen so gefreut wie eben jetzt!

Seiner schlichten Art lief alles, was wie Übertreibung aussah,

schnurgerade zuwider, das wußten seine Bekannten und verschonten

ihn mit großem Lob und Danksagungen. Auch hier war freilich davon

keine Rede -- aber die ausdrucksvollen Augen der jungen blickten mit

einer so schwärmerischen Innigkeit und Verehrung zu ihm auf, daß ihm

dieselbe leicht zuviel hätte werden können. Bei ihr wurde sie ihm

nicht zuviel! Es waren so wunderschöne Augen! Und dann that ihm das

arme süße Geschöpf, nach allem, was ihm Charlotte in aller Eile ins

Ohr geflüstert hatte, auch rein menschlich leid ... schließlich war

man ja doch nicht nur Arzt und immer wieder nur Arzt ... man war

ja doch am Ende auch Mensch! Und als Mensch sah »man« auch, welch

herrliches seidenfeines Haar diese Frau hatte und welch einen schönen,

schmiegsamen Wuchs! -- Wenn er ihr das Kind doch retten könnte! --

Charlotte schlich dann und wann herein und sah die beiden nebeneinander

sitzen -- »Gott verzeih' mir's wie ein Ehepaar, das am Bettchen seines

Kindes wacht!« sagte sich das alte Fräulein in ihren Gedanken. »Wenn

_einer_ das liebe Kind durchbringen kann, dann ist _er_ es!« dachte sie

weiter. »Armes Geschöpfchen, was es wohl leiden muß! Aber er hat so

vielen geholfen, er hat ja so viel Geschick, ein so geniales Auge für

den Sitz der Krankheit! Wie anbetend Melitta ihn ansieht! Ja, aber auch

mein Walter! Gottlob nur, daß ihr Mann noch nicht kommt!«

Aber endlich kam er doch.

Es wurde ein rascher fester Tritt auf der Treppe hörbar, -- die junge

Frau fuhr zusammen und wurde sehr blaß, aber sie blieb am Bett des

Kindes sitzen. In der nächsten Minute stand Doktor Schott im Zimmer.

Der Professor hatte sich erhoben, die junge Frau that es ihm nach, sie

stand zwischen den beiden Männern, die in ihrer äußeren Erscheinung

einen starken Gegensatz bildeten. Hier der Mann der Wissenschaft,

der Gelehrte, stubenblaß, überarbeitet aussehend, den Kopf mit dem

um die Schläfen grau angeflogenen Haar etwas vorgeneigt, die hohe

Gestalt überschlank, schmächtig -- daneben der andere mit seinem

stolzen, kraftvollen Wuchs, der breiten Brust, dem schöngeschnittenen,

ausdrucksvollen Kopf, der luftgebräunten, frischen Farbe! Der

merkbarste Unterschied lag aber doch im Gepräge der beiden Gesichter

-- dieser gleichsam nach innen gekehrte Blick des Forschers, und

die selbstbewußte, alles in Besitz nehmenwollende Miene des Mannes,

der alles zu können, alles zu beurteilen meinte ... es gab ein

eigenartiges Bild, diese beiden nebeneinander zu sehen.

Doktor Schott mußte unten niemand vom Hauspersonal gesprochen haben

-- sichtlich traf ihn des Professors Anwesenheit ganz unerwartet. In

seiner hochmütigen Manier die Augenbrauen emporziehend, warf er einen

erstaunten Blick auf seine Frau, einen Blick, der bedeuten wollte: »Was

soll das heißen? Wie konntest du es wagen -- --«

Sie machte eine leichte Bewegung mit der Hand.

»Professor Hartwig, Fräulein Charlottes Bruder aus Stettin, hat

gütigst, auf meine Bitten, die Behandlung Ernas übernommen!«

»Ah!« Doktor Schott richtete sich noch straffer auf als bisher und

machte die knappste Verbeugung, deren er fähig war. »Nun sieh, mein

Kind, wie dir der Zufall zu Hilfe gekommen ist! Indessen ich oben

in Leuten erfahren mußte, daß der alte Gebirgsdoktor schon vor

Morgengrauen zu Wagen aufgebrochen war -- man wußte mir nicht zu sagen,

wohin -- und erst gegen Abend zurück erwartet wurde, sind deine heißen

Wünsche um einen auswärtigen Arzt erhört worden.«

»Ja,« unterbrach sie ihn, »Gott sei ewig dafür gedankt!«

Mit einem sarkastischen Zucken der Lippen wandte sich ihr Gatte von ihr

fort und dem Professor zu.

»Darf ich um Ihre Diagnose bitten, mein Herr?«

»Ich stehe zu Diensten,« sagte der Professor höflich, »vorausgesetzt,

daß es Sie nicht befremdet, in der Behandlung einen Weg eingeschlagen

zu sehen, der dem bisherigen total entgegengesetzt ist!«

Doktor Schott maß den Sprecher von Kopf bis Fuß mit einem funkelnden

Blick. Der Professor stand ruhig da, mit der Miene eines Mannes, dem

das Aussprechen seiner innersten Meinung etwas Selbstverständliches ist.

»Ich wäre begierig!« sagte der Doktor scharf.

»Liebe Charlotte,« wandte sich der Professor an seine Schwester, »du

gestattest wohl, daß wir zu dieser medizinischen Auseinandersetzung in

dein Stübchen hinübergehen -- ein Krankenzimmer ist dazu so ungeeignet

wie nur möglich. Ich hoffe, das Kind wird ruhig bleiben unterdessen!«

Mit einem geschickten Griff lockerte er das Kissen unter dem

fieberheißen Köpfchen auf und bettete es höher. Die junge Frau war sehr

bleich geworden und blickte ihn angstvoll fragend an -- auch Charlotte

sah beunruhigt aus. Der Professor sah ihnen beiden mit seinen klugen,

gütigen Augen ins Gesicht und schüttelte ein klein wenig den Kopf, als

wollte er versichern: »Keine Sorge!« Dann machte er eine Gebärde, um

Doktor Schott den Weg zu weisen; auf ein überhöflich betontes »Bitte!«

desselben, schritt er ruhig voran. Im nächsten Augenblick waren die

beiden Männer verschwunden.

»Gehen Sie hinunter zu Frau Eigener, Friederike, und kommen Sie nicht

früher herauf, als bis ich Sie rufe!« sagte Melitta wie mit einem

plötzlichen Entschluß. -- -- Und kaum hatte sich die Thür hinter dem

Mädchen geschlossen, da ergriff die junge Frau mit einer flehentlichen

Gebärde beide Hände des alten Fräuleins und sagte in dringendem,

unwiderstehlich bittendem Ton: »Nicht wahr, Sie haben mich lieb? Nur

ein wenig -- ein ganz klein wenig nur -- --«

»Nein!« sagte Charlotte, zog sie an sich und küßte sie. »Nicht ein

klein wenig! Sehr lieb -- -- von Herzen lieb!«

»Und wollen mir helfen?«

»Helfen? Wozu?«

Melitta schöpfte tief Atem. »Ich will von ihm fort -- für immer! Ich

kann nicht mehr bei ihm bleiben!«

»Kind, um Gottes willen, Sie wissen nicht, was Sie sprechen -- Sie

reden im Fieber --«

»Nein -- nein -- nein!« stieß die junge Frau in immer sich steigernder

Energie heraus. »Ich weiß recht gut -- und ich habe schon lange, so

lange mit mir gekämpft -- jetzt kann ich nicht mehr! Sie wissen ja

nicht ... aber Sie sollen wissen -- und wenn man uns jetzt nicht

ungestört läßt -- dann später --«

»Aber wie ist es nur möglich --«

»Hören Sie -- hören Sie nur, Sie sollen mich verstehen lernen!« Mit

ihren heißen, bebenden Händen umfaßte Melitta Fräulein Hartwigs

Rechte. »Hier, an Ernas Bett, meines einzigen Kindes, da werden Sie

mir doch glauben, daß ich nicht lüge, nichts beschönige! Ich habe

damals geglaubt, ihn zu lieben -- sogar _sehr_ zu lieben -- wie hätte

ich ihn sonst heiraten können? Denn so jung ich war -- kaum siebzehn

-- _das_ hätt' ich nie gethan, eine Ehe geschlossen um der Versorgung

willen! Und damals war er keine glänzende Partie -- Doktor der Chemie

und hatte keine Stelle, nur die Aussicht, bei einer großen Farbefabrik

angestellt zu werden. Und ich war eine arme, ganz arme Offizierstochter

aus Norddeutschland, und all' meine adligen Verwandten waren dagegen,

weil ich so jung und -- recht -- recht gefeiert war; sie glaubten, mir

werde sich viel Besseres bieten. Aber ich sah zu ihm auf und fand ihn

so schön und stolz, und daß er immer sagte, er wolle mich erziehen und

bilden -- auch das gefiel mir, ich war ja fast noch ein Kind, _er_ so

viel älter und klüger! Hätte er einen Beruf, eine feste Thätigkeit

gehabt, es hätte nicht so werden können, wie es nun kam! Aber so --

wir hatten eben geheiratet -- machte er eine große Erbschaft, ganz

unerwartet fiel sie ihm zu, und an demselben Tage noch, als er das

erfuhr, kündigte er seine Stelle auf, in deren Ausfüllung er von

Anbeginn nur einen seiner unwürdigen Sklavendienst gesehen hatte -- und

nun wollte er seine vielfache Begabung sich frei entfalten lassen, auf

allen Gebieten etwas leisten, jeder Wissenschaft gerecht werden -- ein

Universalmensch wollte er sein, das war seine Idee, sein Schlagwort!

Mir wäre ein bestimmter Beruf für ihn lieber gewesen, ich fragte ihn,

ob er nicht entweder Naturforscher oder Arzt oder Chemiker sein wolle

-- aber er wollte alles das sein und kaufte sich Bücher und hörte

Vorträge und lud sich solche Leute ins Haus, die ihm nur schmeichelten

und von seiner enormen Vielseitigkeit sprachen und ihn vermöge seiner

Eitelkeit enorm ausnutzten. Ich fing erst allmählich an, das zu

durchschauen -- -- still, hörten Sie nichts?«

Melitta, die bis dahin in einem rapiden, aufgeregten Flüsterton

gesprochen hatte und so im Fieber war, daß ihr nicht ein einziges Wort

fehlte, stockte hier plötzlich und schlich auf den Fußspitzen zur Thür,

die sie lautlos öffnete. Man hörte zuerst nichts, dann den Schall einer

gedämpften, gleichmäßig fortsprechenden Männerstimme, dazwischen ein

paar harte, herrische Laute.

Melitta schloß wieder sacht die Thür und kam zurück. Das Kind lag jetzt

still, die Händchen griffen nicht mehr nach dem Eisbeutel, sie tasteten

nur zuweilen unsicher auf dem Deckbett umher.

»Trotz all' dieser Studien,« fuhr die junge Frau in derselben heftigen

Weise fort, »blieb ihm doch viel freie Zeit, er konnte sich ja

alles nach seinem Belieben einrichten, und da er leidenschaftlich

in mich verliebt war« -- ihr ging ein Zittern durch den Körper, wie

sie dies sagte -- »so war er auch viel um mich und suchte mir das

abzugewöhnen, was ihm an mir mißfiel. Zunächst das Kirchengehen,

das Beten, den Glauben an Gott, was er alles Kinderei nannte --

überwundenen Standpunkt, Albernheit. Er las mir stundenlang Strauß und

Feuerbach vor, er zwang mich, das Gelesene mit ihm durchzusprechen, er

wollte, daß ich alles, was mir bis dahin verehrungswürdig und heilig

gewesen war, verspotten sollte. Ich sollte mir Rechenschaft von jeder

Empfindung ablegen, jede Sympathie oder Antipathie begründen, meine

»planlose« Begeisterung für alles, was Kunst und Schönheit hieß,

aufgeben, neue Lektüre, neuen Umgang wählen, meine alten Freunde,

die mich geistig nicht genügend förderten, beiseite lassen, auf die

Musik, die ich leidenschaftlich liebte, Verzicht leisten, da sie nur

eine unklare Gefühlsschwärmerei bei mir begünstige -- ich wäre bald,

bald völlig verzweifelt, hätte ich nicht die Kinder gehabt. Erna war

noch ganz klein, ich mußte mich damit begnügen, sie körperlich gut

zu verpflegen, aber mein Siegmund -- mein Junge -- --« Ein nasser

Dunst schwamm ihr vor den Augen, die Lippen zitterten ihr, die Worte

überstürzten sich mehr denn je, es war, als spräche ein fremdes Element

aus ihr, unaufhaltsam, die übervolle Seele lösend.

»Er war anders als Erna, äußerlich, wie im Wesen« -- Charlotte nickte

-- sie erriet, er hatte die Blonde, sonnige Schönheit seiner Mutter

geerbt, er war ihr Herzenskind, ihr Liebling gewesen! -- »Alle, die ihn

sahen, staunten, wie gut und rasch er sich entwickelte, körperlich,

wie geistig -- er liebte mich zärtlich, er war mein Stolz, mein Trost,

meine Hoffnung. Was alles hab' ich für ihn geplant, von der Zukunft

erwartet! Nichts war mir zu groß und zu kühn gedacht für mein schönes,

begabtes Kind -- ich weiß nicht, ob sich alles erfüllt hätte -- ach,

ich glaube es doch -- was glaubt eine Mutter nicht! Es geschah alles,

alles, um mir auch diese Freude zu nehmen, eine stille, verzehrende

Eifersucht auf das Kind entstand, fügte mir tausend Kränkungen

zu, suchte mir den Knaben zu entziehen, meinen Einfluß auf ihn zu

untergraben, ... das war umsonst, alles umsonst! An dieses Kindes

unerschütterlicher Liebe zu mir scheiterte Zorn und Strafe, Verbot und

Bestechung, sie war die Sonne in meinem Leben! Und dann wurde mein

süßes Kind krank, ganz plötzlich, er, bis dahin ein Bild von Kraft

und Schönheit, und noch nie eine Stunde krank gewesen -- und ich sah

es gleich, es war große Gefahr da! Auch er sah das und that alles,

was er konnte; auf seine Art liebte er das Kind, ebenso, wie er sich

einbildet, mich zu lieben, aber auf eine Weise, die -- die ... genug!

-- Als alle angewandten Mittel nichts halfen, die Gefahr stieg und

stieg, da wollte ich einen zweiten Arzt dazu haben, aber er litt es

nicht! Er sagte, er könne die Krankheit deutlich übersehen, er wisse

genau, wie man sie bekämpfen müsse, er dulde keine fremde Einmischung

-- und wie ich auch flehte und bat -- er setzte seinen Willen durch.

Und dann starb mein Knabe -- wie ein Licht losch es aus, sein süßes

Leben -- und ich ... ich ... nein, ich kann es Ihnen nicht und

kann es keinem schildern, was ich litt! Sich sagen zu müssen, dies

geliebte Leben hätte gerettet werden können, wenn nicht Eitelkeit und

Hochmut an ihm zum Mörder geworden wären -- -- still, sagen Sie nichts

dagegen! Sie können mich hierin nicht verstehen und niemand kann es!

Ich weiß, Sie werden mir sagen, auch der zweite und dritte Arzt hätte

möglicherweise mir meinen Sohn nicht erhalten können, ... dann hätte

ich mich unter Gottes schwere Hand gebeugt und mir gesagt, ich that

alles, nach meinem besten Wissen, was uns armen Menschen gegeben ist,

ein furchtbares Schicksal abzuwenden! Aber so! Ich war schwach gewesen,

ich hatte nachgegeben -- und wenn ich es hundertmal erfahren hatte

bisher, daß in ewiger Nachgiebigkeit mein einziges Heil lag, wollte

ich nicht unwiderruflich mein Joch abwerfen ... diesmal, dies eine Mal

hätte ich nicht nachgeben dürfen! Daß ich nicht wahnsinnig geworden bin

damals -- daß ich meinen Verstand behielt!«

Die junge Frau grub die beiden Hände in ihr volles Haar und ließ sie

dann langsam sinken.

»Aber ich hatte ja noch ein Kind, für das ich leben mußte, und mit

einem heiligen Eidschwur' hab' ich mir's gelobt, für dies einzige,

letzte, wenn es not that, das zu thun, was ich für das verstorbene

nicht gewagt hatte. -- Wir lebten also weiter, vor der Welt scheinbar

sehr gut und harmonisch, für mein Empfinden in einer sich oft bis

zur Unerträglichkeit steigernden Qual. Ich konnte ihm den Tod des

Kindes nicht vergessen und nicht vergeben, meine Seele wußte lange

schon nichts mehr von der seinen, meine Denk- und Empfindungsart

entfernte sich mit jedem Tage mehr von der seinigen, ich war innerlich

verzweifelt, alles in mir rang nach Selbständigkeit, nach eigenem

Fassen und Festhalten, ... und dabei ... ihm gehören müssen, diese

Leidenschaft zu dulden« -- --

Wieder ging der Schauder über sie hin, daß ihre ganze Gestalt sich

schüttelte.

»Und jetzt dies noch -- dies letzte -- dies gebrochene Wort -- eine

Behandlung, die ein unmündiges Kind kaum ertragen könnte, wieviel

weniger eine verzweifelte Mutter, ... nein, nein, ich kann es nicht

länger tragen. Gott selbst zeigt mir den Weg, er hat mir Ihren

herrlichen Bruder geschickt, der mein Kind retten wird, er hat mir

_Sie_ geschickt, und Sie werden mir helfen!«

Charlotte trocknete sich die überfließenden Augen.

»Mein Liebling, mein armes Herz, wie gern -- wenn ich nur kann! Was

wollen Sie --«

Wieder horchte die junge Frau mit verhaltenem Atem nach der Thür hin;

es blieb alles ruhig.

»Sehen Sie,« begann sie in fliegender Hast aufs neue und drückte

Fräulein Charlottes Hand mit aller Kraft, »ich habe ja oft schon

gedacht, ich ertrage es nicht länger und wie ich es anfangen würde,

für mich und Erna zu sorgen, wenn ich fortginge. Ich habe ein kleines

Kapital von einem Onkel meines verstorbenen Vaters geerbt, über das

ich frei verfügen kann. Es sind nur ein paar tausend Mark, aber damit

kann ich ein oder ein paar Jahre hindurch ein Konservatorium besuchen

und Musik studieren, für die ich immer viel Begabung und Neigung gehabt

habe. Reicht mein Können nicht zur Konzertspielerin aus, so hoffe ich

bestimmt, ich werde Klavierunterricht erteilen können -- ich will gern

und freudig arbeiten, nichts soll mir zu viel und zu schwer sein, wenn

ich mit allem Luxus, der mich jetzt umgiebt, zugleich alle Fesseln von

mir werfen und frei sein -- -- frei sein kann -- --«

Die Brust dehnte sich ihr, sie sprach und blickte wie im Rausch. Dem

alten Fräulein schnürte sich angstvoll das Herz zusammen.

»Und Sie meinen, _er_ -- Ihr Mann -- werde Sie gutwillig gehen lassen?«

»Nicht gutwillig -- nein! Aber kann er mich bei sich halten, wenn ich

gehen will?«

»Und das Kind -- wird er Ihnen das Kind lassen, falls -- --«

Charlotte war im Begriff, zu sagen: »Falls es am Leben bleibt« -- sie

unterdrückte das und setzte stockend hinzu: »Falls es zur Trennung

kommt?«

»Er liebt das Kind nicht -- sein Herz hängt nicht an ihm, ebensowenig,

wie an mir. Was ihn so an mich fesselt, ist -- ist -- nicht Liebe in

dem Sinn, wie Sie und ich Liebe auffassen. Wäre ich nicht mehr jung

und gut aussehend ... keinen Augenblick würde er sich besinnen, mich

von sich gehen zu lassen, denn ich bin ihm mit der Zeit eine immer

unbequemere Frau geworden. Die Liebe, mit der eins das andere stützt

und veredelt und immer tiefer verstehen lernt, die kennt er nicht und

wird sie nie kennen.«

Draußen vom Flur her klang eine Thür, es kamen Schritte näher.

»Ich darf auf Sie zählen, nicht wahr?« flüsterte Melitta in fliegender

Hast, während sie Charlottes Hand ergriff und, ehe diese es zu hindern

vermochte, an die heißen Lippen führte. »Sie werden mich nicht

mißverstehen und, wenn ich Sie bitte, mir eine hilfreiche Hand zu

reichen, dann werden Sie mich nicht von sich stoßen!«

Die alte Dame konnte nur bestätigend nicken und sich rasch die Thränen

aus den Augen wischen -- zum Antworten blieb ihr keine Zeit mehr.

Sie sah mit einem Blick, daß die beiden Herren keine friedliche

Auseinandersetzung gehabt hatten -- freilich hätte sich das voraussagen

lassen können. Des Doktors stark gerötetes Gesicht war finster wie

eine Gewitterwolke anzusehen, und den Ausdruck in ihres Walters

Mienen kannte die Schwester ganz genau -- diese leicht vorgeschobene

Unterlippe, diesen geraden, festen Blick, der deutlicher als tausend

Worte sagte: »was ich einmal für richtig erkenne, davon lasse ich nicht

-- das setze ich durch!«

»Sie verzeihen, gnädige Frau,« begann der Professor jetzt mit seiner

tiefen, gedämpften Stimme, »wir haben Sie lange warten lassen, Sie

werden sich beunruhigt haben. Ihr Herr Gemahl und ich hatten eine

ausführliche Auseinandersetzung, die bedauerlicherweise dennoch zu

keinem Resultat geführt hat. Herr Doktor Schott ist mit den von mir

getroffenen Maßregeln in keiner Weise einverstanden und wünscht eine

total veränderte Behandlungsweise einzuschlagen ...«

»Ich wünsche, in diesem speciellen Fall, _dir_ die Entscheidung zu

überlassen!« fiel der Doktor dem Redenden ins Wort. »Ich darf dich wohl

nicht an meine jahrelangen eifrigen Studien auf medizinischem Gebiet,

sowie an den Umstand erinnern, daß ich die Konstitution und Beanlagung

unseres Kindes von seinem ersten Tag her kenne, mithin in der Lage bin,

ein eingehenderes Urteil darüber zu fällen als ein Fremder, der es vor

zwei Stunden zum erstenmal gesehen hat.«

Die junge Frau sah ihm ruhig ins Gesicht.

»Ich wünsche, daß Herr Professor Hartwig die Behandlung des Kindes in

seinem Sinn weiterführt -- ich bitte ihn darum!«

»Melitta -- es ist nicht möglich, daß -- du könntest in der That --«

»Ich bitte Herrn Professor Hartwig, die Behandlung des Kindes in seinem

Sinn weiterzuführen!« wiederholte sie noch einmal deutlich und fest.

»Soll das heißen, daß du mich in den Augen dieses Herrn und seiner

Schwester für einen Ignoranten erklärst, daß du mir nicht zutraust,

diesen Fall zu übersehen?«

»Ich will dir meine Meinung darüber später sagen, es wundert mich,

daß das noch notwendig ist, nach dem, was vorangegangen. Du hast in

dieser Sache mir die Entscheidung überlassen ... dies _ist_ meine

Entscheidung! -- Ob wir Erna die Medizin eingeben, Herr Professor? Zeit

wäre es dazu, aber es scheint mir, sie schläft jetzt!«

Ohne sich nur noch nach ihrem Gatten umzuwenden, trat Melitta neben

Hartwig und blickte vertrauensvoll mit ihren sprechenden Augen zu ihm

auf.

»Es wird kein gesunder Schlaf sein, mehr ein Hindämmern, aber selbst

wenn sie schliefe: die Medizin ist zu wichtig, wir müssen sie geben!«

Hartwigs Stimme klang ganz ruhig, er war anscheinend nur bei dem

kranken Kinde, nur bei seinem Beruf. Aber Charlotte mußte wohl noch

etwas anderes aus den sachlich klingenden Worten herausgehört haben,

sie musterte den Bruder verstohlen mit einem aufmerksam prüfenden Blick.

»Dann wäre ich wohl hier am Bett meines Kindes vollkommen überflüssig!«

bemerkte Doktor Schott bitter.

Es antwortete ihm niemand. Melitta und der Professor waren um das Kind

bemüht, das die Medizin nicht gutwillig nehmen wollte; die Mutter hielt

es im Arm und redete ihm sanft zu, der Arzt benutzte einen Augenblick,

bog Ernas Kopf zurück und goß ihr geschickt den Inhalt des Löffels in

den Mund.

»Das wäre geschehen!« sagte er tief aufatmend. »Nun wollen wir einmal

stark die Füße frottieren. Liebe Charlotte, bitte, die Bürste, die dort

liegt, und du könntest gleich hierhertreten und die Kleine halten,

sie wird nicht gutwillig still liegen. Nein, du mußt an dieser Seite

stehen, und sieh nur zu, daß die Eisblase an ihrer Stelle bleibt.

Wollen Sie die Füße frei machen, gnädige Frau!«

Hinter den drei emsig Beschäftigten wurde eine Thür geschlossen. Keiner

von ihnen wandte den Kopf zurück.

6.

Es war etwa zwei Stunden später.

Erna hatte noch mehrmals Medizin bekommen, danach war endlich etwas

Schweiß eingetreten, was der Arzt sehnlichst gewünscht hatte, und sie

schlief jetzt wirklich. Ihre Mutter ebenfalls zum Schlafen zu bewegen

war völlig nutzlos, sie lächelte nur immer, schüttelte stumm den

Kopf und rührte sich nicht von ihrem Sessel neben dem kleinen Bett.

Man mußte sie gewähren lassen. Keinen Augenblick schien ihr mehr der

Gedanke zu kommen, daß für ihr Kind noch Gefahr sei, daß es ihr doch

noch entrissen werden könne. Als sei mit Professor Hartwig die Hilfe,

die Rettung in Person über ihre Schwelle getreten, so zuversichtlich,

so gläubig blickte sie zu ihm empor. Er hatte ihr noch kein erlösendes

Wort gesagt, nur angedeutet, daß er mit dem bisherigen Verlauf der

Krankheit nicht unzufrieden sei, daß die Medizin gute Wirkung zu haben

scheine ... Melitta war sichtlich damit beruhigt.

Von Doktor Schott hatte man nichts weiter seitdem gesehen. Ob er

seine Freunde im »schwarzen Lamm« aufgesucht oder einen weiteren Gang

angetreten hatte -- niemand wußte es zu sagen.

In Charlotte Hartwigs Stübchen saß diese neben ihrem Bruder auf

dem braunen Ledersofa vor einem sehr reichhaltigen und einladenden

Frühstück. Die besorgte Schwester nötigte ihren Walter unausgesetzt zum

Zulangen.

»Es ist doch nicht möglich, daß du schon satt sein kannst -- du wirst

überhungert haben, das ist das Ganze. So iß doch wenigstens noch eine

Kleinigkeit!«

»Keinen Bissen mehr, Lottchen, ich bin tüchtig dabei gewesen, und hab'

mir's redlich schmecken lassen -- jetzt muß ich aber endlich die Waffen

strecken!«

»Aber noch einen Schluck Wein!«

Der Professor deckte die Hand über sein Glas.

»Ich habe eine reichliche halbe Flasche getrunken, das ist mehr wie

genug. Mit Essen und Trinken hab' ich dir nun deinen Willen gethan --

jetzt thu' du mir den meinen!«

»Aber natürlich, Walter -- wenn ich nur weiß -- --«

»Du weißt nicht? Hast du mir nicht zuvor versprochen, mir ganz

ausführlich alles zu erzählen, was du über diese -- diese Leute -- dies

Ehepaar meine ich -- und ihr Verhältnis zu einander weißt?«

»Ja so! Soll ich von Anfang an ausholen?«

»Bitte!«

»Und wird dich das auch nicht ermüden?«

»Du bist komisch, Lottchen! Wenn ich dich extra um eine Sache

ersuche --«

»Sonst sagst du doch immer gleich, ich erzähle viel zu weitläufig!«

»Heute werde ich das nicht sagen!«

Und er sagte es auch nicht, trotzdem Fräulein Charlotte in der That

weitläufig erzählte. Ohne sie ein einziges Mal zu unterbrechen, die

Augen gesenkt, mit einem Tischmesser emsig an einer Äpfelschale

herumschnitzelnd, hörte er alles mit an, von dem ersten Auftreten

des Ehepaars Schott, von Fräulein Hesses und der übrigen Pensionäre

Bezeichnung »die Glücklichen,« der Scene, die Charlotte damals im

Garten belauscht, der Unterredung, die sie mit der jungen Frau gehabt,

bis zu Ernas Erkrankung -- Resis Bericht über des Doktors Auftrag an

Peterl und endlich Melittas Beichte an Charlotte. Als dies letzte zur

Sprache kam, legte der Professor das Messer und die Äpfelschale weg und

sah seiner Schwester gespannt ins Gesicht.

»Also das sagte sie? Und ganz bestimmt? Sie will fort von ihm -- --

meinst du, daß sie es durchsetzt?«

»Ich müßte mich gewaltig irren, wenn nicht! Das ist ja kein

Mißverständnis und kein Zerwürfnis von heute -- das arbeitet schon

jahrelang in ihr, und die jetzigen Erlebnisse haben eben das Maß voll

gemacht. Wenn sie Resis Erzählung mit angehört hat -- und sie hat es,

meinen Kopf zum Pfande! -- dann war das eben der Tropfen, der das volle

Gefäß zum Überlaufen brachte. Und überhaupt ... ich habe sie beobachtet

und es mehr als einmal wahrgenommen -- sie hat ein Grauen vor ihm!

Seine Leidenschaft widert sie nur noch an -- ich kann dir das nicht so

sagen --«

Die Glücklichen · 第 5 / 11 题