Er bewegte ein wenig die Hand. »Das ist nicht nötig!«

»Nun eben, siehst du! Und wenn er sie nicht freiwillig losläßt ... sie

ist imstande, ihn böswillig zu verlassen, um einen Scheidungsgrund zu

haben -- und unüberwindliche Abneigung kommt gleichfalls ins Spiel --

aus dem Kinde macht er sich nichts, meint sie, und ich glaube, sie hat

recht. Wie könnte er sonst das arme Geschöpfchen so hart behandeln?

Wäre Erna ein Junge, dächte er vielleicht anders, aber so ...«

»Und was sagtest du, wollte sie anfangen? Musik? War es nicht so?«

»Ja! Sie scheint sehr musikalisch zu sein, sie erwähnte einmal früher,

wie weit sie in ihrem Studium gekommen, was sie alles gespielt

und auswendig gewußt habe -- Chopinsche Impromptus und Schumanns

Phantasiestücke und Bachsche Fugen -- sie hat heimlich doch immer

fortstudiert. Nun möchte sie auf ein Konservatorium, von da entweder in

den Konzertsaal oder an irgend ein Institut als Lehrerin -- so hab' ich

sie verstanden. Was willst du sagen?«

Der Professor nahm seine Schnitzelei wieder auf.

»Ich meine, es -- es -- wäre noch nicht das schlechteste, wenn sie --

falls alles so kommt, weißt du -- nach Stettin herüberkäme. Ich könnte

ihr doch da ... ich meine, wir könnten ihr doch da -- erheblich von

Nutzen sein -- wenn sie doch, wie du meinst, nicht viel Anhang hat in

der Welt und er, dieser -- dieser -- Mensch, sie so absichtlich von

allem Verkehr isoliert hat! Ich -- in meinem Patientenkreis -- mir wär

es ein Leichtes, sie da einzuführen, zu mir haben die Leute wirklich

viel Vertrauen -- und eine Dame, für die ich mich warm interessiere ...«

»Ja, Walter, interessierst du dich denn warm für sie?«

Er ließ das Messer unter den Tisch fallen, bückte sich danach, ließ

nunmehr die Äpfelschale fallen und bückte sich noch einmal -- er war

von dem mehrmaligen Bücken ganz rot im Gesicht geworden.

»Warum soll ich nicht, Lottchen?« fragte er herausfordernd. »Findest

du etwas dabei, wenn ich mich für eine Dame, die so -- so tapfer und

-- und energisch sich benimmt und am Krankenbett so gut zu brauchen

und die Mutter eines so -- so -- niedlichen kleinen Mädchens ist, die

außerdem ein so schweres Schicksal hat ... wenn ich mich für die

interessiere?«

Fräulein Charlotte lächelte.

»Gott bewahre, nein, Walter, ich finde nichts dabei! Interessiere du

dich in Gottes Namen. Aber weißt du, was deine Patienten sagen werden,

wenn du ihnen diese musikalische Kraft zuführst? Sie werden weder

denken, daß diese Dame sich so tapfer und energisch benimmt, noch

daß sie am Krankenbett zu brauchen ist, weder daß sie ein niedliches

Töchterchen und ein schweres Schicksal hat -- sondern -- sie werden

einfach sagen --«

»Was denn, Lottchen?«

»Sie werden einfach sagen: sie ist eine reizende junge Frau, und unser

lieber Hausarzt, Professor Hartwig, hat sich in sie verliebt!«

Der Professor klopfte ein paarmal mit der flachen Hand auf den Tisch

und goß sich dann, trotz seines vorherigen Protestes, in aller

Geschwindigkeit ein frisches Glas Wein ein -- alles, ohne zu sprechen.

Als er das Glas zum Munde führen wollte, hielt Charlotte ihm die Hand

fest. In ihren Augen glänzte es feucht.

»Hätten die Leute recht, wenn sie so sagten, Walter?«

Seine klugen, guten Augen gaben Antwort, indes sein Mund stumm blieb.

Da goß sie sich ebenfalls mit etwas zitternder Hand ein Glas Wein ein

und stieß es mit hellem Klang an das seine.

»Sie heißt Melitta!« sagte sie dazu.

Ein leichtes Rauschen von Frauenkleidern wurde vor der Thür hörbar,

leise, leise klopfte es an.

Der Professor fuhr empor, wie wenn man ihn bei einem Verbrechen ertappt

hätte.

»Um Gottes willen, Lottchen!« flüsterte er in Hast. »Kein Wort --

keinen Laut von dem, was ich eben -- was du eben -- es ist ja noch

alles im Monde, man weiß ja nicht -- es ist so über mich gekommen --

alles, wie ein Traum --«

Die Schwester nickte ihm beruhigend und herzlich zu.

»Auf mich kannst du dich verlassen -- ich denke, das wissen wir! --

Herein!«

Auf der Schwelle stand Melitta, die Augen leuchteten ihr groß und

glückselig, um den süßen Mund bebte es.

»Ach, Sie verzeihen mir gewiß -- bitte, bitte! Aber ich mußte kommen

und es Ihnen sagen: soeben ist Erna aufgewacht, und sie hat mich

erkannt und ist ganz bei Besinnung! Das ist doch gewiß ein gutes

Zeichen, und ich muß, ich muß Ihnen jetzt endlich danken!«

Leicht, leicht, wie von ihrem dankbaren Glück auf Flügeln getragen, kam

sie herbei und nahm des Professors Rechte in ihre beiden Hände.

»Solange ich lebe, will ich Ihnen das nicht vergessen, was Sie heute

gethan haben, und solange ich lebe, will ich Ihnen dafür danken!«

Seine Schwester verstand den eigentümlichen Blick zu deuten, mit dem er

auf die blonde, schöne Frau hinsah. »Ich werde dich beim Wort nehmen!«

stand in diesem Blick zu lesen. Im übrigen aber verriet nichts an ihm

die plötzliche Wandlung in seinem Innern, diese rasche Liebe, die dem

gesetzten, verständigen Arzt beim ersten Begegnen gekommen war. Sie war

die Frau eines anderen, noch hatte sich nicht das mindeste in Bezug auf

die Lösung dieses Bundes entschieden, noch konnte niemand wissen, ob in

Melittas Herzen neben der begeisterten Dankbarkeit für den Retter in

der Not irgend ein persönliches wärmeres Gefühl sich regte ... so blieb

der Professor streng sachlich, fragte, ob Erna noch im Schweiß liege

und ob Aussicht vorhanden sei, daß sie bald von neuem einschlafe -- am

Ende erklärte er, selbst nachsehen zu wollen und ging den beiden Damen

voraus in das Krankenzimmer.

Melitta zögerte einen Augenblick, ehe sie ihm folgte. Sie zog aus ihrer

Kleidertasche einen zusammengelegten Zettel, den sie in Charlottens

Hand drückte -- ein Knabe hätte ihn vor einer halben Stunde gebracht.

Es stand folgendes darauf zu lesen: »Ich halte es für das beste,

angesichts deines nichtachtenden, mich vor diesen fremden Leuten total

kompromittierenden Wesens, ähnlichen Vorkommnissen, wie denjenigen von

heute früh, durch mein einstweiliges Fernbleiben vorzubeugen. Ich bin

im »schwarzen Lamm« zu finden, falls Ernas Zustand sich verschlimmert

und du meiner bedarfst. Im anderen Fall bitte ich, mich erst dann zu

benachrichtigen, wenn ich sicher bin, Professor Hartwig nicht mehr

in deiner Umgebung anzutreffen, da dieser Herr sich erlaubt hat,

mir Dinge zu sagen, die mir ein nochmaliges Zusammentreffen mit ihm

nicht wünschenswert erscheinen lassen. Was dein heutiges Benehmen mir

gegenüber betrifft, so bin ich bereit, es mit deiner, wie damals, als

Siegmund starb, bis zur Sinnlosigkeit gesteigerten Angst und Aufregung

entschuldigen zu wollen, falls du diese Thatsache mir gegenüber ohne

weiteres einräumst und meine Verzeihung dafür erbittest. Daß ähnliches

sich niemals wiederholt, soll fortan meine Sorge sein!

Die Glücklichen · 第 6 / 11 题