haben?« fragte sie zurück.
»Nein, ich dank' dir, Liebchen! Oder wollen wir sie zusammen
verspeisen, was meinst du?«
Wieder Kopfschütteln.
»Sieh mich einmal an, Erna!«
Das Kind hob gehorsam sein Gesichtchen empor -- es war sehr rot, und
die sonst leuchtenden Augen hatten einen stumpfen Blick.
»Friederike, was ist mit dem Kinde? Es sieht ja ganz verändert aus!«
Friederike strickte gleichmäßig an ihrem Strumpf weiter. »Ich finde
nicht, gnädiges Fräulein. Erna ist wie immer!«
»Hat sie denn in der Nacht gut geschlafen?«
»Sehr gut!«
»Aber sie scheint keinen Appetit zu haben!«
»Sie wird gestern Abend zu viel gegessen haben!«
Fräulein Hartwig wandte sich kopfschüttelnd von Friederike ab. Sie
hatte die gemessene, kaltherzige Art des Mädchens nie gemocht und auch
einmal zu der jungen Frau eine Bemerkung darüber gemacht. Diese hatte
bekümmert ausgesehen und in gedrücktem Ton erwidert, ihr Mann habe
Friederike gemietet, weil sie gute Zeugnisse besitze und ihm geeignet
scheine.
»Thut dir etwas weh, Liebling?«
»Die Stirn ein bissel!«
»Willst du zu Tante auf den Schoß?«
Erna nickte und ließ sich willenlos emporheben. Sie lehnte das Köpfchen
gegen Fräulein Charlottens Brust und schloß die Augen.
»Das ist doch kein gesunder Zustand bei einem Kinde, wie dies, das
sonst lauter Lust und Lachen ist und aus dem Laufen und Springen
nicht herauskommt! Wie heiß das Köpfchen sich anfühlt! Was meinst du,
Mäuschen, möchtest du denn in dein Bett?«
»Weiß nimmer.«
Charlotte sah sich ratlos um. Gerade kam wieder die Hauswirtin
eilfertig aus der Thür.
»Frau Eigener, auf einen Augenblick, bitte! Sagen Sie doch, giebt es
hier im Ort einen Arzt?«
»Wir haben schon einen, gnä' Fräul'n, aber der ist jetzt nach München,
da haben's ein Kongreß oder wie man's heißt. Vertreter hat er kein'
g'funden -- bei uns kommt halt selten was von Krankheit!«
»Und wo wäre der nächste Arzt zu finden?«
»Der nächst'? Drei starke Stund'n droben im G'birg. Haben gnä' Fräul'n
Schmerzen?«
»Ich nicht -- mir will scheinen, die Kleine ist krank!«
»O, die, das herzig' Hascherl! Was hast denn, Mädi, gelt? Wird sich
haben 's Magerl bissel überladen -- aber wegen dem brauchen gnä'
Fräul'n nicht sorgen: der Herr Papa sind ja selber ein Doktor! Und wann
er heut' Abend noch nicht da ist -- ich koch' halt mein Thee, mein'
Wurzenthee, der macht's Herzel wieder g'sund, der hilft für alles, 's
ist schon wahr -- für alles!«
Diese treuherzige Versicherung sollte sich nicht bewahrheiten. Das
Kind war matt und unlustig, weigerte sich, zu essen, gab kaum Antwort,
wenn man zu ihm sprach, und zeigte nur Neigung, sich niederzusetzen
und den Kopf anzulegen. Ab und zu öffnete es die heißen Augen und
sagte kläglich: »Mama!« Von Friederike wollte es nichts wissen, es
blieb beinahe den ganzen Tag bei Fräulein Charlotte. Den vielgerühmten
Thee, den Frau Eigener selbst heraufbrachte, trank es, auf Charlottens
freundliches Zureden, gehorsam aus, aber die kleinen Händchen fühlten
sich brennend heiß an, und der Blick blieb trübe.
Am anderen Morgen hatte sich der Zustand wenig geändert. Friederike
behauptete, die Kleine habe ganz gut geschlafen, und bestand darauf,
sie aufzunehmen und anzukleiden -- niemals würde Herr Doktor erlauben,
Erna wegen einer solchen Bagatelle im Bett zu halten. Charlotte
schüttelte stumm den Kopf dazu, sie wußte sich keinen Rat. Nach ihrer
Meinung war das Kind krank und bedurfte des Arztes -- vielleicht
aber war sie zu ängstlich, und es handelte sich wirklich nur um eine
Magenverstimmung, die ihre Zeit ausdauern mußte! -- Der schöne, goldene
Sommertag schlich so hin. Das alte Fräulein hatte keinen Genuß und
keine Ruhe bei ihrem interessanten Buch, sie mußte an das Kind denken.
Von ihrem Spaziergang kam sie viel rascher als sonst zurück -- die
Sorge um das Kind trieb sie heim. Das kleine Geschöpf saß im Garten,
den Kopf gegen Friederikes Kniee gelehnt, die Augen geschlossen. Auf
Fräulein Hartwigs Frage, warum das Mädchen die Kleine nicht auf den
Schoß nehme, hieß es: »Herr Doktor haben das verboten -- -- das
verweichlicht die Kinder!« -- Hier wurden die Vorschriften des Herrn
buchstäblich befolgt, das sah man zur Genüge. -- Als Erna die bekannte
Stimme hörte, schlug sie die Augen auf und murmelte wieder sehnsüchtig:
»Mama!« Ohne ein Wort weiter an Friederike zu richten, setzte sich
Charlotte neben sie auf die Bank, hob das Kind auf ihre Kniee und ließ
es sein Köpfchen gegen ihre Schulter legen. Erna seufzte erleichtert
auf, klammerte ihre heißen Fingerchen um Fräulein Hartwigs Hand und
blieb regungslos sitzen.
So kam endlich der Abend heran, und die Gebirgswanderer stellten sich
ein -- sichtlich sehr ermüdet und, wie es schien, ziemlich verstimmt.
Frau Rothe stützte sich offenbar schwer erschöpft auf ihres Mannes Arm
und erklärte, nichts mehr sehen und genießen zu wollen -- sie müsse nur
Ruhe, endlich Ruhe haben! Diesmal stimmte ihr der Landrat ohne weiteres
zu, augenscheinlich that ihm seine Frau leid, und er zeigte sich mit
den eigenmächtigen Dispositionen seines Freundes Schott heute nicht so
einverstanden wie sonst, denn sein Dank kam kurz und kühl heraus, und
sein schwerfälliger hinkender Gang bewies zur Genüge, daß auch ihm die
forcierte Fußtour schlecht bekommen war. Der Leutnant -- nicht mehr so
kokett und adrett anzusehen, wie am gestrigen Morgen -- wich nicht von
Melittas Seite und fragte immer wieder, ganz leise, damit es Schott nur
ja nicht hörte, ob die gnädigste Frau sich auch wirklich wohl fühle
-- die gnädigste Frau, das wisse er, könne ja außerordentlich viel
leisten und habe einen ganz ungewöhnlich starken Willen, eine geradezu
bewunderungswürdige Selbstbeherrschung -- aber die Gnädige sei so
blaß, und das wäre am Ende nur natürlich, denn diese Parforcetour --
anders könne man sie in der That nicht nennen -- hätte auch robustere
Konstitutionen als die einer Dame angreifen können. Immer wieder
antwortete die junge Frau, ihr sei ganz wohl, es dürfe sich niemand um
ihretwillen beunruhigen -- aber sie sprach schließlich ganz mechanisch
dasselbe und wartete nur im stillen ungeduldig darauf, daß die Fremden
endlich in ihr Hotel gingen -- es fiel ihr auf, daß ihr Töchterchen ihr
nicht, wie sonst, entgegengesprungen kam -- hatte Friederike denn heute
ausnahmsweise das Kind so früh zu Bett gebracht?
Doktor Schott stand mit seinem überlegenen Lächeln, sich den Bart
streichend, da, er schien an der ganzen übermüdeten Gesellschaft recht
seine Freude zu haben. Ihm fehlte nichts, er hielt sich aufrecht, wie
immer, die ganze Tour war ihm ein Kinderspiel gewesen. Lächerlich, was
das alles für weichliche, entnervte Menschen waren -- konnten nicht
einmal ein paar Berge ersteigen! Da war er aus anderem Stoff, er kannte
keine Nerven, hatte sich von früher Jugend an gehörig abgehärtet und
machte sich einfach lustig über die Geschichte von der verschiedenen
Beanlagung und körperlichen Differenz des Menschen. Sie sollten nur
vernünftig leben, den Körper gehörig stählen, dann würde man schon
sehen! Er hatte Medizin studiert und Naturheilkunde -- er mußte es doch
wahrhaftig wissen! Nun, seine eigene Frau würde er sich allmählich noch
zum Genossen heranziehen, sie war auf gutem Wege, das Klagen hatte sie
sich schon vollständig abgewöhnt, mit der Zeit würde sich noch die
Freudigkeit einfinden, die er vorläufig noch an ihr vermißte!
Er lächelte spöttisch auf das zusammengebrochene landrätliche Paar
herab und hatte sein Vergnügen daran, die beiden immer wieder durch
eine erneute Frage oder Beantwortung zurückzuhalten, sowie auch seine
Frau, der die Ungeduld aus den Augen sah. Der Leutnant war ins Haus
gestürzt und kam mit ein paar gefüllten Weingläsern heraus -- die Damen
müßten sich durchaus vorerst ein wenig stärken, seine Schwägerin habe
noch ein Stück zu gehen bis zu ihrem Hotel. Nach dem Doktor sah er
sich kein einziges Mal um, während er seinen Labetrunk austeilte; der
Mann war in seinen Augen roh und herzlos, ein paar harmlose Leute, die
die Gegend nicht kannten, so ohne weiteres in die Berge zu schleppen
und dann noch hier zu stehen und spöttische Mienen zu ziehen und so
unausstehlich maliziös zu lächeln! --
Endlich verabschiedete man sich voneinander -- Melitta hastete die
Treppenstufen empor und that, als hörte sie es nicht, daß ihr Mann in
zurechtweisendem Ton ihren Namen rief.
In dem kleinen Hausflur trat ihr Charlotte Hartwig entgegen.
»Grüß' Sie Gott, liebste Frau Doktor -- wie gut, daß Sie wieder hier
sind! Soeben habe ich Ihre Kleine ins Bett gelegt, sie kommt mir schon
seit gestern nicht recht frisch vor -- nein, nein, Sie dürfen mich
nicht so erschrocken ansehen! Friederike meint ja, es sei überhaupt gar
nichts, und vielleicht hat sie auch recht, und ich bin zu ängstlich
-- sehen Sie, es sind nun schon gar zu viele Jahre her, seit ich bei
meinem Walter Kinderkrankheiten behandelt habe!«
Die junge Frau hatte gar nicht zu Ende gehört, sie ergriff Fräulein
Charlotte bei der Hand und zog sie hinter sich her in das Stübchen,
in dem Erna lag. Friederike saß mit dem Strickstrumpf programmmäßig
neben dem kleinen Bett und begrüßte ihre Herrin mit pflichtgemäßer
Höflichkeit.
»Das gnädige Fräulein hat angeordnet, daß Erna zu Bett soll -- ich habe
mir nicht erlauben können, dem gnädigen Fräulein zu widersprechen.
Erna hat gestern und heute sehr wenig gegessen und nicht viel Lust zum
Spielen gezeigt -- ich nehme an, sie hat sich den Magen verdorben!«
Melitta beugte sich tief über das Bettchen des Kindes, das in einem
unruhigen Halbschlaf lag.
»Der Atem kommt so stoßweise -- und wie heiß sie ist -- finden Sie
nicht?« flüsterte Melitta.
»Mir kommt das Kind verändert vor, und wenn es nach mir ginge, so
schickten Sie zum Arzt, und wäre es nur, um sich Beruhigung zu
verschaffen. Freilich wird das bis morgen bleiben müssen, denn der
hiesige Arzt ist in München, bis zum nächsten Flecken sind es mehr als
drei Stunden, und in einer kleinen halben Stunde ist es finster. Bin
ich aber einfältig!« unterbrach sich plötzlich Charlotte und zuckte,
wie in Geringschätzung ihrer selbst, die Achseln. »Da rede und rede ich
immer vom Arzt und vergesse ganz: Sie haben ja die beste Hilfe bei der
Hand -- Ihr Herr Gemahl ist ja Mediziner und wird sicher --«
Hier verwirrte sich die Rednerin von neuem, denn aus Melittas Augen
traf sie ein Blick, den sie sich nicht erklären konnte -- Furcht und
Widerspruch lag darin, und über allem ein leidenschaftlicher Schmerz,
wie er ein paarmal schon plötzlich und unvermittelt aus diesen schönen
Frauenaugen gesprochen hatte.
Man hörte einen festen Schritt auf der Treppe.
»Ich bitte, bleiben Sie!« flüsterte die junge Frau und faßte
Charlottens Hand noch fester. »Lassen Sie mich nicht allein -- ich
bitte Sie!«
»Aber mein liebes Kind --«
»O, ich bitte Sie!«
»Nun, wo steckt denn Erna?« fragte Doktor Schott noch an der Thür. »Ah,
Pardon -- ich wußte nicht, daß du hier Besuch empfängst, Melitta. Fehlt
dem Kinde etwas? Warum liegt es im Bett?«
»Erna hat entschieden hohes Fieber -- sie ist seit gestern --«
»Nun, wir werden ja sehen! Wie war es, Friederike?«
Das Mädchen wiederholte Wort für Wort ihre Anrede an die junge Frau.
»Wahrscheinlich ist es so, wie Sie sagen. Etwas überladener Magen,
weiter nichts! Diese übertriebene Ängstlichkeit hat gar keinen Sinn!
Wenn man Kinder bei jeder Gelegenheit gleich ins Bett stecken wollte,
hätte man nichts als eine Herde elender Schwächlinge!«
»Sie verzeihen, Herr Doktor!« sagte Charlotte ruhig. »Das Kind hatte
weder zum Umherlaufen noch zum Essen die geringste Lust, es schlief
fortwährend auf meinem Schoß ein. Offenbar ist ihm im Bett am
behaglichsten, es war, meiner Ansicht nach, die einzige Wohlthat, die
man ihm erweisen konnte!«
Der spöttische Zug in Doktor Schotts Gesicht trat stärker denn je
hervor.
»Mein gnädiges Fräulein« -- er betonte das Wort »Fräulein« besonders
scharf -- »Ihre sonstige Welt- und Menschenkenntnis in allen Ehren ...
allein auf dem Gebiet der Kinderkrankheiten dürfte Ihnen am Ende die
Erfahrung fehlen, und Sie verzeihen es mir daher, wenn ich mich Ihrer
Autorität nicht blindlings unterwerfe, sondern es vorziehe, mir als
Arzt ein eigenes Urteil zu bilden. -- Friederike -- die Lampe!«
Melitta war zusammengezuckt, wie wenn ein körperlicher Schmerz sie
träfe.
»Du thust Fräulein Hartwig großes Unrecht an, Udo! Sie hat sich unseres
Kindes so liebenswürdig, in bester Absicht angenommen -- -- wir sind
ihr nur Dank schuldig --«
»Bemühen Sie sich nicht weiter, liebe Frau Doktor!« Charlotte sprach
in demselben gelassenen Ton wie zuvor. »Es genügt mir, von _Ihnen_
verstanden zu werden; Sie wissen, wie herzlich lieb ich Sie und Ihre
Kleine gewonnen habe. Ihren Herrn Gemahl zu überzeugen, kann mir nicht
in den Sinn kommen, und, wenn ich offen sein darf -- es ist mir auch
nicht viel daran gelegen!«
Sie wandte sich zur Thür und hörte noch, wie Doktor Schott, als habe
sie gar nicht gesprochen, in geschäftsmäßiger Weise sagte: »Den
Thermometer, Friederike!«
4.
Die Ehegatten waren allein. Die junge Frau hatte finster die Brauen
gefurcht, ihr liebliches Gesicht sah überraschend ernst und streng aus.
Mit offenbarer Mühe unterdrückte sie eine Bemerkung, die ihr auf den
Lippen schwebte -- -- -- nein, sie mußte erst abwarten!
»Es scheint mir, Melitta,« begann Doktor Schott mit gedämpfter Stimme,
»als suchtest du in letzter Zeit geflissentlich etwas darin, meinen
sämtlichen Weisungen zuwiderzuhandeln. Ich habe dir gesagt, diese
altjüngferliche Weisheit, diese Hartmann oder wie die Person heißt, sei
mir unangenehm, und ich wünschte keinen Verkehr zwischen dir und ihr
-- die Folge davon ist, daß ich sie heute bei dir im Zimmer finde! Was
soll das bedeuten?«
»Einfach das, was ich dir schon oft gesagt habe: daß ich meine eigenen
Sympathien und Antipathien habe, wie du die deinen, und daß ich mich in
meinem Benehmen danach richten werde, ebenso, wie du es thust!«
»Das ist also offener Trotz!«
»Nennst du es Trotz gegen mich, wenn _du deinen_ Neigungen Raum giebst?«
»Ach -- ich und du! Glaubst du etwa, dieselbe Stellung einzunehmen,
dieselben Rechte zu haben, wie ich?«
»Als Mensch gegen Mensch genommen -- ganz gewiß!«
Doktor Schott hob mitleidig die Schultern.
»Du hast dir von all' dem dummen Zeug, das heutzutage geschrieben wird,
über allgemeine Menschenrechte und Frauenbewegung und Gleichstellung
der Geschlechter den Kopf verdrehen lassen. Kann es dir im Ernst
beikommen, dich mit _mir_ -- mit _mir_ -- in einen Kampf einzulassen?«
»Wenn du fortfährst, mich wie ein unmündiges Kind zu behandeln -- ja!«
»Nun gut!« Ein grausames Lächeln, das dies schöne Männerangesicht bös
entstellte, zuckte um des Doktors Lippen. »Wir wollen sehen, wer der
Stärkere ist und wer den Sieg behält!«
Sie hatten beide leise gesprochen -- Melittas Blick hatte keine Minute
aufgehört, angstvoll das Kind zu beobachten, das von einem schweren
Schlaf befangen dalag, hörbar atmete und die zu Fäustchen geballten
kleinen Hände mehrmals rasch öffnete und schloß.
Friederike brachte die Lampe und den Thermometer.
»Gut -- nun decken Sie das Kind ab, und heben Sie es in die Höhe.«
Die Kleine fuhr mit einem lauten Schrei empor, als das Mädchen sie
anrührte. Die junge Frau riß das Kind ungestüm aus Friederikes Armen,
nahm es auf den Schoß und wickelte es in die Bettdecke ein. Sie sprach
der Kleinen liebkosend und begütigend zu, aber ihre Lippen bebten, und
ihr Atem flog.
Der Doktor machte ein Ärmchen frei und hielt den Thermometer in die
Achselhöhle; als er ihn wieder hervorzog, las die Frau 40½ Grad. Sie
wandte sich um.
»Gehen Sie hinunter, Friederike, und fragen Sie Frau Eigener, ob es
nicht möglich wäre, noch heute einen Boten ins nächste Gebirgsdorf zum
Arzt zu schicken, damit er wenigstens morgen in aller Frühe hier sein
kann!«
»Friederike, Sie bleiben hier -- Sie werden diese Bestellung nicht
ausrichten!«
Über dem Körperchen des Kindes trafen die Augen der Gatten ineinander.
»Ich befehle es Ihnen -- Sie gehen hinaus, Friederike -- Sie werden
unten im kleinen Vorzimmer warten, bis Sie mich läuten hören!«
Es war Frau Melitta, die dies sagte -- mit einem Blick, mit einem Ton,
der keinen Widerspruch duldete. Das Mädchen warf noch einen fragenden
Blick auf den Doktor, dieser zuckte nur die Achseln, zog einen kleinen
Schlüssel aus der Westentasche und schloß ein Tischchen in der Nähe des
Fensters auf. Friederike ging geräuschlos aus dem Zimmer.
Melitta beugte sich tief über das leise klagende Kind, das sich mit
beiden Händchen fest an ihre Kleider klammerte.
»Nur ruhig sein, mein Liebchen, Mama ist da, Mama bleibt bei dir --
nein, nein, niemand darf Erna anrühren, niemand wird Erna etwas thun!
So leg' hier dein Köpfchen an -- was sagst du? Was soll Mama? Singen?«
»Ja, singen -- singen! Abend -- und -- Nacht!«
Die junge Frau holte einen tiefen Seufzer recht aus voller Brust. Am
Ende ... sie war die erste Mutter nicht, die am Bettchen ihres kranken
Kindes singen mußte:
»Guten Abend, gute Nacht,
Mit Rosen bedacht« -- --
Sehr umflort und gepreßt klang ihre weiche Stimme -- aber über das
heiße Kindergesichtchen ging es wie ein Lächeln.
»Morgen früh -- wenn Gott will,
Wirst du wieder geweckt!«
Und noch einmal das Liedchen von Anfang und wieder von Anfang -- die
Kleine schien ruhiger zu werden, die Händchen griffen nicht mehr so
krampfhaft in das Kleid der Mutter.
Doktor Schott hatte ein Pulver in ein Glas mit Wasser geschüttet und
brachte es herbei.
»Was willst du ihr geben?«
»Natürlich etwas Fieberstillendes! Komm, Erna, sei ein gutes Kind --
trink!«
Aber Erna wollte nicht! Sie warf den Kopf hintenüber, preßte die Zähne
fest aufeinander und stieß mit den Händen nach dem Glase. Mehr als die
Hälfte des Inhalts ging verloren, und nur während das Kind zum Schreien
den Mund öffnete, gelang es, ihm etwas von der Flüssigkeit einzuflößen.
Es dauerte diesmal lange, ehe Erna sich beruhigte. Der Anblick ihres
Vaters schien sie ganz besonders aufzuregen, sie wurde erst still, als
er ganz beiseite trat, sie ihn nicht mehr sehen konnte und die Mama
ihr immer wieder sagte, Papa sei fortgegangen und werde nicht mehr
hereinkommen.
Die junge Frau wiegte leise das aufgeregte Kind in ihren Armen
hin und her, bettete das heiße Köpfchen bald so, bald so, sprach
leise und beschwichtigende Worte, bis endlich, endlich Erna wieder
einschlummerte. Die Mutter wagte es noch eine ganze Weile nicht, ihr
Kind in das kleine Bett zurückzulegen -- dann that sie es mit äußerster
Behutsamkeit, immer noch herabgeneigt, mit verhaltenem Atem lauschend.
Zuletzt wandte sie sich von dem Bettchen zurück zu ihrem Gatten und
winkte ihn in das Nebenzimmer.
»Ich werde jetzt selbst hinuntergehen und mit Frau Eigener wegen eines
Boten zum Arzt sprechen!«
Doktor Schott vertrat ihr den Weg.
»Du wirst nicht! Sei verständig, Melitta! Was hätte es für einen Zweck,
irgend einen ganz obskuren, ungebildeten Gebirgsarzt herzuholen, wenn
ich da bin und die Behandlung des Kindes übernehme?«
»Du hast es mir damals feierlich gelobt und mir dein Ehrenwort gegeben,
bei jedem ernsten Krankheitsfall einen Arzt zu Rate zu ziehen!«
»Arzt -- Arzt -- als ob ich keiner wäre!«
»Ist dies ein ernster Krankheitsfall oder nicht?«
»Wenn wir in einer großen Stadt wären, und ich könnte eine Kapazität
heranziehen --«
»Ist dies ein ernster Krankheitsfall oder nicht?«
»Mein Himmel, Melitta, dies ewige Fragen ist fürchterlich! Ich muß es
dir leider zugeben -- es _ist_ ein ernster Fall -- Erna scheint mir
bedenklich krank!«
Die junge Frau wankte und hielt sich mühsam aufrecht.
»Darum brauchen wir noch nicht zu verzweifeln. Das Kind hat eine
kräftige Konstitution, kann viel Widerstand leisten -- ist bisher nie
krank gewesen --«
»Das kann sein -- kann alles sein -- aber ich -- ich sterbe vor Angst!«
»Sei nicht so einfältig, mein Kind! Vor Angst ist noch niemals jemand
gestorben!«
»Ich kann nicht meine Worte wägen jetzt! Laß mir den Weg frei!«
»Du wünschest wirklich, daß ich irgend einen plumpen dörflichen Bader
zur Konsultation heranziehe und ihn »Herr Kollege« nenne?«
»Ich wünsche« -- Melittas Stimme klang fest und kalt, obgleich
die junge Frau am ganzen Körper zu zittern begann -- »daß du deine
persönlichen Ansichten und deine Eitelkeit bei dieser Gelegenheit ganz
aus dem Spiel läßt und nur an die Sache denkst, um die es sich handelt:
um das Leben des Kindes! Ich wünsche, daß du dein mir heilig und
teuer gegebenes Wort hältst, in jedem dringenden Krankheitsfall einen
approbierten Arzt um Rat zu fragen!«
»Soll ich aus deiner Betonung des _approbierten_ Arztes vielleicht
entnehmen, daß du es mir zum Vorwurf machst, mich nicht dem Humbug
eines Examens unterworfen zu haben?«
»Entnimm daraus, was du willst, aber halte dein Wort!«
»Traust du mir und meinem Wissen nicht zu, einen Fall wie diesen zu
übersehen?«
»Es handelt sich nicht um dein Wissen, sondern um meine Angst als
Mutter und um dein mir gegebenes Versprechen. Haltet ihr Männer euch
nur untereinander euer Ehrenwort -- und den Frauen gegenüber brecht ihr
es, wenn es euch so besser paßt?«
»Melitta, das ist eine schwere Beleidigung!«
»Beweise mir das später -- laß mich zur Thür!«
Sie wollte an ihm vorüber -- er faßte sie bei beiden Handgelenken und
hielt sie gewaltsam fest.
»Hör' mich an, Melitta -- du mußt mich anhören!«
Sie war gezwungen, ihm den Willen zu thun, sie hätte Stühle beiseite
rücken müssen, um an ihm vorüberzukommen; jede unvorsichtige Bewegung
konnte das Kind wecken. Der Blick aber, mit dem die junge Frau zu
ihrem Gatten emporsah, hätte diesen warnen müssen -- es war offene
Feindschaft darin, eine finstere Entschlossenheit, endlich ein Joch von
sich abzuschütteln, das sie nicht länger ertragen wollte und konnte.
Auch Doktor Schott sah erregt aus. In sein dunkles, edelgebildetes
Gesicht war eine jähe Röte gestiegen, auf der Stirn standen zwei tiefe
Furchen. Diejenige Eigenschaft in ihm, die seinem ganzen Wesen die
Richtung gab -- eine maßlose Eitelkeit! -- hatte einen empfindlichen
Stoß erhalten. Seine Frau hatte in der ersten Zeit ihrer Ehe wohl oft
widersprochen, sie hatte sich nicht willig in alles gefügt, es war zu
sehr heftigen Scenen gekommen. Allgemach aber hatte das aufgehört --
das schrieb er selbstverständlich seiner Konsequenz, seiner Energie
zu -- er war eben der Stärkere gewesen, er hatte ihr das nutzlose
»Räsonnieren« abgewöhnt. Daß sie in der Stille noch hundertmal
protestierte, daß sie mit eiserner Selbstbeherrschung schwieg, duldete
bis zum äußersten, um des Kindes willen -- dieser Gedanke war ihm
nie gekommen. Jetzt kam er ihm! Diese Frau, die ihn so schonungslos
kritisierte, so scharf beobachtete, war nicht zum Schweigen und
Nachgeben aufgelegt, hier, wo es sich um ihr wichtigstes, ihr Kind,
handelte. Zum erstenmal sagte er sich, daß das Kind vielleicht das
einzige Band sei, das diese Frau an ihn fesselte, und daß, wenn dieses
Band zerriß ...
Er nagte die Unterlippe und starrte mit brennenden Augen nach dem
kleinen Bett hinüber, zwischen dessen weißen Kissen das fieberglühende
Köpfchen lag.
»So sprich!« drängte Melitta ungeduldig -- ganz mechanisch rieb sie
ihre schmerzenden Handgelenke -- sie sah neben ihm weg nach der Thür.
»Du mahnst mich an mein Ehrenwort -- es ist wahr, ich gab es dir --
aber in welcher Situation? Du wirst kaum mehr wissen, _wie_ es damals
um dich stand --«
»O ja,« unterbrach sie ihn, »ich weiß noch alles -- alles!« Sie
schauderte in sich zusammen.
»Dein ganzes Sein war aus den Fugen, man mußte ernstlich für deinen
Verstand fürchten. Als du damals jenes -- -- jenes -- Versprechen
von mir fordertest, hielt ich mich, als Mensch sowohl, wie als
Arzt, für verpflichtet, es dir zu geben; ich hätte dir damals, um
dich einigermaßen zu beruhigen, _jedes_ Versprechen gegeben, das du
verlangtest!«
»Das will ich dir glauben! Es ist ja so leicht, Versprechungen zu
machen, wenn man nicht gesonnen ist, sie zu halten!«
»Es könnte eher die Rede davon sein, dies zu thun, ich sagte es dir
schon, wenn wir etwa in einer größeren Stadt --«
»Du hast mir dein Wort ohne jede Bedingung gegeben, ich verlange von
dir, daß du es hältst!«
»Melitta, ich bitte dich, bedenke: was würde man hier von mir sagen, in
welchem Licht stände ich vor den Leuten da? Man weiß hier allgemein,
daß ich Arzt bin --«
»Du bist kein Arzt, du hast Chemie studiert, hast als junger Mensch
von dreiundzwanzig Jahren den chemischen Doktor gemacht, und dann,
durch die Erbschaft deines Vetters unabhängig geworden, hast du in den
verschiedensten Wissenschaften herumdilettiert ...«
»Du nimmst das Wort zurück, Melitta!«
»Ich sehe keine Veranlassung dazu! Du hast auf vielen Gebieten
Studien gemacht, eifrige Studien, ich will es zugeben, aber um etwas
Tüchtiges zu leisten, gehört mehr als bloßes Theoretisieren: dir fehlt
die Erfahrung, ohne die man auf keinem Gebiet wirksam sein kann --
und diese Thatsache, die du in deiner blinden Selbstüberschätzung
geflissentlich ignoriert hast, hat meinem Knaben das Leben gekostet!«
Der Doktor war weiß geworden bis in die Lippen hinein, seine Hände
ballten sich, er trat ganz dicht an seine Frau heran. Sie wich nicht
zurück und sah ihm furchtlos in die Augen.
Es trat eine Pause ein.
»Und du glaubst« -- seine Stimme klang heiser -- »irgend ein Charlatan,
der vor seinen Professoren die Prüfung bestanden hat und auf seinem
Schild den Titel »praktischer Arzt« führt, hätte unseren Knaben
gerettet?«
»Ich weiß das nicht -- Gott allein ist Herr über Leben und Tod ... ja,
Gott allein, ob du noch so verächtlich den Kopf dazu schüttelst! Die
klügsten, besten Ärzte werden oft daran erinnert -- es ist unrecht
von dir, sie Charlatane zu nennen, weil ihre Wissenschaft noch in
der Entwickelung begriffen ist und sie für viele Krankheiten noch
kein Heilmittel gefunden haben -- vielleicht auch nie eines finden
werden. Aber in all' dem Schmerz wünscht der Mensch das eine: sich
sagen zu können, er habe nichts versäumt, er habe alles das gethan,
was in seinen Kräften stand, und kein Vorwurf kann ihn treffen. Ich
aber mache mir Vorwürfe, Tag für Tag, nun schon seit mehr als einem
Jahr -- bittere, bittere Vorwürfe, daß ich nicht that, was einfach
meine Pflicht war gegen meinen Knaben! Weh' mir, daß ich ihn vor mir
sehe, beinahe jede Nacht im Traum, wie er seine kleinen Hände nach mir
ausstreckte und um Atem rang -- und wie er dann hintenüberfiel und
steif und leblos ausgestreckt blieb -- tot -- mein Glück, mein Stolz,
meine Zukunft! Und jetzt, da mein letztes auf dem Spiel steht, soll
ich fragen, wie die Leute sich alles zusammenreimen werden und welches
Licht auf dich fällt? Damals hab' ich auf den Knieen vor dir gelegen
und um Hilfe gefleht für mein Kind -- ich weiß es noch, daß ich, ehe
die lange und tiefe Ohnmacht sich über mich erbarmte, ohne Aufhören
geschrieen habe: »Ein Arzt! Ein Arzt!« Es war da freilich schon zu
spät, das Kind lag schon im Todeskampf. -- Jetzt werde ich nicht mehr
knieen vor dir und dich bitten -- ich erwarte von dir, daß du dein Wort
hältst -- erwarte es als mein gutes Recht!«
»Und wenn ich deinen Willen nicht erfüllen kann?«
»Setz' deine Worte anders! Du meinst, wenn du wortbrüchig wirst? Dann
bist du ehrlos in meinen Augen, und ich werde nicht eine Stunde länger
neben dir leben. Ich werde mein Kind nehmen und gehen!«
»Du willst es machen wie Ibsens Nora, für die sich deine überreizte
Phantasie --«
Sie war an ihm vorüber zur Thür gegangen und hatte die Hand auf dem
Drücker. Noch einmal wandte sie sich zu ihm zurück.
»Ich habe keine überreizte Phantasie, und hätte ich mir Ibsens Nora,
die ich freilich gut genug verstehe, zum Vorbild genommen, dann wäre
ich lange schon gegangen, denn ich weiß seit Jahren, daß unsere Seelen
einander fremd sind und sich nie zusammenfinden können. Aber dir
meine Kinder lassen, wie Nora es thut -- von ihnen fortgehen ... nein,
das konnte ich nicht! Ich habe Komödie vor fremden Leuten gespielt
und mehr gelitten innerlich, als du ahnst und jemals ahnen wirst ...
thust du mir dies letzte aber an, dann _kann_ ich nicht mehr neben dir
weiterleben!«
Die Augen flammten aus dem blassen, reizenden Gesicht heraus, die
Lippen waren dunkel gerötet. Seltsam und schön war die junge Frau in
dem malerischen Nationalkostüm der bayerischen Tracht, das sie auf der
Gletschertour getragen und noch nicht Zeit gefunden hatte, abzulegen.
Die zerzausten blonden Löckchen hingen ihr wirr in die schmale, feine
Stirn, ihre biegsame, elegante Gestalt trat plastisch hervor in
dem dunklen, knappen, mit Silberketten verschnürten Mieder und dem
hellgeblümten Brusttuch.
Doktor Schott fixierte das reizvolle Bild unter halbgesenkten Lidern;
um seine Lippen vibrierte es.
»Gut!« sagte er langsam, in einem völlig veränderten Ton. »Hab' denn
deinen Willen!«
Sie sah ihn mißtrauisch an, aber es war keine Zeit mehr zum Überlegen.
In der nächsten Sekunde stand sie in dem kleinen Hausflur, erschrocken,
zu bemerken, wie rasch die Dunkelheit eingefallen war. Das kleine
Flurlämpchen war noch nicht angezündet -- kaum sah man in dem matten
Dämmerlicht noch die Stufen der steilen Treppe, die nach unten führte.
Es dauerte eine Weile, bis Frau Eigener zu finden war. Soeben war
sie doch noch in der Leuteküche gewesen -- nein, in der Herrenküche!
Bewahre, Resi hatte sie in der Milchkammer gesehen -- da war sie
eben fort -- ob sie nicht im Vorratsraum steckte? Zuletzt kam sie
gemächlich, einen Leuchter mit brennender Kerze in der Hand, die
Kellertreppe heraufspaziert. Atemlos stürzte die junge Frau ihr
entgegen.
Frau Eigener sah sehr mitleidig und bekümmert drein, als sie hörte, um
was es sich handelte -- aber noch während Melitta sprach, schüttelte
sie bedauernd den Kopf.
»Heut' Abend noch? Und 'nauf bis Leuten? Aber nein, aber nein, um 's
Herrgotts willen, das ist ja rein unmöglich! Das ist ja ein Weg -- ja,
so ein Weg, da muß man beim Tag schon gut zusehen -- alleweil hoch
hinauf und steilzu, und g'fährliche Brucken hat's von Baumstämmen und
Wildbäch' und schlimme Stiegen -- und sehn's eben, Frau Doktorin, wen
sollt' ich schicken? Meine beiden Leut', wo sicher sind, der Alois und
der Pauli, die sind zur Stadt mit 's Getreid' -- und 's Peterle -- du
liebe Zeit, das ist noch so jung und so dumm, das könnt' ich nicht 'mal
beim Tag da hinaufkraxeln lass'n, und ich hab' die Verantwortung, 's
Peterle hat noch ein' Mutter und ist ihr einz'ger -- no, und von die
Weibsleut' kann gar schon nimmer die Red' sein, hinauf nach Leuten!«
»Aber -- aber ...« die junge Frau faßte flehentlich die Hände der
Hauswirtin ... »Jemand aus dem Dorf wird doch -- muß doch -- ich will
zahlen soviel wie« --
»Ja wär' schon ganz recht, Frau Doktorin, bei Nacht thut's keiner und
wenn's ihm wollten beid' Händ' voll Gold füllen. Schaun's auch, was
hätt's für Vernunft? Wer mit Vorsicht geht -- und die braucht's bei
so an Gebirgsweg! -- der wandert bei Nacht mit Latern' und allem gut
seine fünf, sechs Stund'n, und bei Tag thut sich's in drei! 's ist egal
dieselbe Zeit, und man hat kein' Angst auszusteh'n, daß sich selbiger
thut versteig'n oder 'nunterrutschen. Nu mein' ich _so_, Frau Doktorin:
allsowie 's Frührot dämmert, bloß ein Schimmer und ein Flimmer, geht's
Peterle los, da ist es um acht Uhr für's spätest' beim Medikus -- und
der hat ein Wägele und kann halt ein Stückl fahren, freilich bloß bis
zum nächsten Dörfl, aber Zeit sparen thut's doch -- und da is er eben
um halb Elf, hin zu Elf, da. Das ist das best', ist das einzigst',
was wir thun können, und thun will ich's und 's Peterle treiben, als
wenn mein eigenes Mädel daliegen und warten thät'! Und Frau Doktorin
müssen jetzt hübsch 'naufgehen und was bequemes auf sich ziehen, statt
dem Zeug, und ein festes, warmes Abendbrot müssen's essen -- ich
schick's nachher gleich 'nauf mit der Resi -- und 's Erna-Schätzel
wird 'leicht kaum so viel krank sein, Frau Doktorin sind so in Angst,
weil's bloß das eine haben -- aber 's Mäderl ist so rund und so schön
immer g'wesen, wie'n Apferl, das kommt wieder zuweg. Und der Herr
G'mahl, der Herr Doktor« -- hier stockte die zungenfertige Rede, Frau
Eigener machte große, runde Augen und schlug sich dann mit der flachen
Hand schallend auf den Mund. »Nu, dös is aber -- aber dös is kurios!
Der Herr Doktor sind doch _selber_ 'n Herr Doktor -- jetzt dieselbig'
Minut' fallt mir's ein! -- der muß doch am besten wissen, was 'm Kindl
fehlt, so grausam g'scheit, wie er thut -- wegen was wollen denn Frau
Doktorin den alten Medikus holen lassen aus Leuten?«
»Ist er kein tüchtiger Arzt? Haben Sie kein Zutrauen zu ihm?«
Frau Eigener kehrte die Handflächen nach außen.
»Ich kenn' ihn wenig, hab' ihn nie beim Krankenbett g'sehen -- wenn bei
uns eins siech g'wesen ist, haben wir unseren eigenen Herrn Doktor, der
in München jetzt ist, holen lassen -- der ist sehr brav und g'scheit!«
»Und die Leute? Was sagen die?«
»Heil'ger Vater Joseph -- die Leut'! Soviel Köpf', soviel Sinne! Der
sagt eins so und der zweit' anders -- und der dritt' wieder so! Mag
schon ein guter Herr sein -- aber eben alt doch und bissel für sein'
Bequemlichkeit und 's gute Leben!«
Die junge Frau seufzte aus tiefster Beklommenheit.
»Will denn der Herr G'mahl für G'walt ein' zweiten Arzt?«
Melitta blieb die direkte Antwort schuldig. Sie faßte noch einmal
bittend die beiden Hände der Frau und fragte mit Thränen in den Augen:
»Sie können nicht noch heute Abend schicken? Wirklich nicht?«
»Bei Nacht wahr und wahrhaftig nimmer, so bitterlich leid mir's ist!
's hat ka Sinn und ka Zweck, der Bot' braucht dieselbig' Zeit, wie wenn
er bei der Fruha geht, da verschwör' ich mein ewig's Heil dabei! 's ist
mir so herzlich leid -- bitte, bitte, nit weinen, Frau Doktorin!«
Die junge Frau senkte das Köpfchen und ging langsam, langsam wieder der
Treppe zu; es war, als hoffe sie, die Hauswirtin würde sie doch noch
einmal zurückrufen.
Aber das geschah nicht.
Auf der obersten Stufe stand Charlotte Hartwig und wartete. Sie legte
einen Arm um Melitta und zog sie sanft an sich. »Nicht wahr, mein
liebes Kind,« flüsterte sie, und ihre Stimme klang liebkosend und
weich, wie die einer Mutter, »Sie sind mir nicht böse über das, was
ich zuvor sagte, und Sie beurteilen mich nicht falsch, wenn ich jetzt
nicht mit Ihnen komme und Ihnen für die Nacht meine Dienste anbiete?
Gott weiß es, ich thäte es herzlich gern, und wer weiß, ob ich mich
Ihnen nicht doch ein wenig nützlich machen könnte; ... aber, wie die
Dinge liegen, ist es am Ende besser, ich bleibe in meinem Stübchen.
Meine Anwesenheit könnte die Situation vielleicht verschlimmern.
Sollte es sich aber ereignen, daß Sie allein sind und mich brauchen
können ... ich habe einen sehr leisen Schlaf und bin in fünf Minuten
bei Ihnen! Was meinen Sie?« -- Statt aller Antwort umfaßte Melitta das
alte Fräulein und drückte ihre frischen, weichen Lippen auf die welke
Wange. Es machte keinen Eindruck auf sie, daß sich die Thür geräuschlos
öffnete und ihr Mann heraussah. Er maß die beiden eng umschlungenen
Frauengestalten mit einem kalten, spöttischen Blick, aber Melitta ließ
Fräulein Charlotte nicht los, sie fragte nur mit gedämpfter Stimme:
»Ist Erna wieder wach?«
»Nein -- hast du mit Frau Eigener gesprochen?«
»Für heute ist es unmöglich, morgen mit dem frühesten will sie einen
Boten nach Leuten schicken!«
»Wie -- Sie wollen einen anderen Arzt zuziehen?« fragte Charlotte
erstaunt.
Doktor Schott zuckte zusammen und sah sie über die Schulter hochmütig
an, als wolle er fragen: was geht dich das an? während Melitta
erwiderte: »Ja, es geschieht auf meine Veranlassung!«
Offenbares Erstaunen spiegelte sich in Charlottens Mienen wieder --
wie kam ein so selbstherrlicher, geistesstolzer Mann wie Doktor Schott
dazu, einen alten, obskuren Gebirgsarzt zu Rate zu ziehen? Ohne ihrem
Befremden Worte zu verleihen, zog sich das alte Fräulein, mit einem
letzten Händedruck für Melitta, auf ihr Zimmer zurück.
Die junge Frau fand Erna, wie sie sie verlassen hatte: in unruhigem
Halbschlaf, den Kopf zwischen den Kissen hin- und herdrehend, die
Löckchen feucht und heiß um die Schläfen geklebt. Ab und zu lallte der
kleine, halboffene Mund einen einzelnen Laut, die Hände ballten sich,
lösten sich wieder, und der Atem ging kurz und laut.
Melitta hatte lange über das Bettchen geneigt gestanden, jetzt schlich
sie auf den Fußspitzen zum Nebenzimmer, dessen Thür sie offen ließ, um
die Kleider zu wechseln. Sie zog die Nadeln, die sie drückten, aus dem
Haar und war in dem weißen Morgenkleide mit dem offenen, seidenweichen
Blondhaar um die Schultern reizender denn je.
Es klopfte kaum hörbar an die Thür -- Resi brachte das Abendessen
herauf. Mit einem mitleidigen Seufzer blickte sie nach dem kleinen Bett
hinüber und ging rückwärts auf Strümpfen zur Thür hinaus. Das gesamte
Hauspersonal liebte Erna und schwärmte für die junge Frau.
»Möchtest du nicht etwas essen, Melitta?« fragte der Doktor. Sie
schüttelte stumm den Kopf und rückte ihren Stuhl dicht neben das
Kinderbett.
»Du solltest doch. Trink wenigstens ein Glas Wein!«
Erneutes Kopfschütteln ... dann, da er mit dem gefüllten Weinglas dicht
vor ihr stehen blieb und sie seine Beharrlichkeit, die sie oft bis zur
Verzweiflung getrieben, genügend kannte, setzte sie mit Überwindung das
Glas an die Lippen und gab es ihm geleert zurück. Noch immer blieb
er dicht vor ihr stehen und sah sie unverwandt an -- ihr stieg eine
fliegende Röte in das weiße Gesicht, und halb mechanisch griffen ihre
Hände in das offene Haar, um es zusammenzuflechten.
»Laß doch -- bitte -- laß!« sagte seine flüsternde Stimme. »Du bist am
schönsten so!« Seine Hand suchte die ihre zurückzuhalten und geriet in
das üppige, weiche Haar. Mit einem gestammelten Laut brachte er es an
seine Lippen.
Im Nu war Melitta auf den Füßen, in ihren Augen flammte es; sie wollte
reden, der Zorn raubte ihr die Sprache. Sie schüttelte ihr Haar, als
habe ein giftiges Tier es berührt. Das Kind in seinem Bettchen stöhnte
lauter. Es hatte jetzt die Augen groß offen und langte mit den Händen
nach dem dunklen Schatten, der sich an der Wand bewegte.
»Nicht das -- nicht das!«
»Was denn, Liebling, Herzblatt? Mama ist ja bei dir!«
»Fort das -- nicht das!«
»Tritt zurück!« sagte Melitta. »Du siehst es doch, sie ängstigt sich
vor dem Schatten!«
»Mama beten mit Erna!«
Die junge Frau faltete ihre Hände um die kleinen des Kindes.
»Hier knieen! Erna auch knieen!«
»Mein Kleines, du bist krank, du kannst leicht kalt werden!«
»Erna auch knieen!«
Melitta kniete und hielt das Kind aufrecht in ihren Armen; und nun
sagten sie zusammen langsam und feierlich die zwei kleinen Gebetchen
her, die Erna kannte. -- Aber zwischendurch lachte das Kind -- seine
Gedanken wanderten; es wollte seinen Puppenjungen haben, Hansei hieß
er, der den einen Arm verloren hatte -- Mama sollte Hansei bringen,
aber fortgehen sollte Mama nicht, nein -- Erna fing bitterlich an zu
weinen -- Mama sollte bleiben, und Hansei sollte kommen!
»Friederike ist doch da -- laß sie die Puppe suchen und herbringen!«
sagte die junge Frau, ohne sich umzuwenden. Aber bis Hansei gefunden
wurde, dachte Erna nicht mehr an ihn. Jetzt wollte sie Pferdchen
spielen mit Mamas langen Haaren, das sollten die Zügel sein. Mit beiden
Händen griff sie in die seidene Pracht und zerrte daran.
»Laß los, Erna, du thust Mama weh!« gebot ihr Vater in rauhem Ton mit
finsterblickenden Augen.
Das Kind warf sich hintenüber und fing zu schreien an.
»Sie hat mir nicht weh gethan -- und wenn ... als ob es darauf ankäme!
Ein krankes Kind, ein Kind, das phantasiert!«
»Papa fortgehen! Papa nimmer wiederkommen!«
»Nein, nein, mein Liebchen, er soll nicht kommen. -- So tritt doch
zurück, daß sie dich nicht mehr sieht!«
»Ernas Ball, der rote, kleine -- der so hupft!«
»Gleich, mein Herzblatt, Friederike soll ihn suchen!«
»Ernas Ball -- und Ernas Bilderbuch, vom Schäfchen und von -- und von
-- der Muh-Kuh!«
»Alles, alles soll das Kind haben!«
»Erna auf Mamas Schoß sitzen!«
Die Fieberunruhe packte und schüttelte das Kind gewaltig. Kaum hatte
Melitta es in die Decke gewickelt und auf ihre Kniee genommen, da
strebte es auch schon wieder ins Bett zurück -- dann war das Bett ein
kleiner Kahn, der auf dem Wasser fuhr, und Mama sollte ihn rudern und
Erna schaukeln ... aber tüchtig schaukeln, daß es spritzte! Und wo all
die Vögelchen herkamen, die bunten, die immerfort um den Kahn flogen!
Konnte Mama die denn nicht sehen? Aber sie kamen doch so dicht, so
dicht an Ernas Kopf heran, rote und grüne und blaue, auch goldene, und
wie sie sangen! Die Händchen griffen in die Luft, so hoch sie konnten,
und faßten wieder Melittas Haar und verstrickten sich darin -- jetzt
war es ein Netz, in dem Erna kleine silberne Fische fangen wollte --
dazu mußte sie doch ihr Netz auswerfen! Sie faßte das Haar mit aller
Kraft und schleuderte es von sich, daß es wie ein Goldschleier über das
weiße Bett gebreitet war.
Doktor Schott stand ganz zurück, so daß das kranke Kind ihn nicht sehen
konnte; auf seiner Stirn waren finstere Falten, sein Atem kam gepreßt.
Kaum konnte er dem Thun der beiden zusehen, es regte ihn namenlos
auf. Er hatte die Kleine wohl lieb, wenigstens meinte er so, wenn er
sich auch innerlich gestand, mit dem Sohn sei es anders gewesen. Den
hatte er seinen »Kronprinzen« genannt, mit dessen Erziehung hatte er
ein Meisterstück machen, hatte den Leuten zeigen wollen, wieviel, bei
vernünftiger Leitung, aus einem geistig wie körperlich gut beanlagten
Knaben werden könne. Das Töchterchen -- -- das blieb mehr der Frau
überlassen, obgleich er selbstverständlich dafür Sorge tragen wollte,
daß es die heutige verrückte Mädchenerziehung nicht bekommen dürfe
... in seinem Hause, unter seinen Augen mußte alles »rationell«
angefangen werden! -- Jetzt, seit einem Jahr, da Erna sein einziges
Kind geworden war, hielt der Doktor es für seine Pflicht, schärfer
zuzufassen -- Melitta verstand sich ja unglaublich schlecht auf die
Behandlung von Kindern, sie hatte es ihm schon bei dem Sohn schwer
genug gemacht, der allerdings in allen Stücken seiner Mutter Ebenbild
war und mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit an ihr hing, ebenso, wie
sie an ihm! Die leiblichen Mütter waren in des Doktors Augen die
ungeeignetsten Erzieherinnen der Welt für ihre Kinder, fortwährend
verloren sie das Ziel, um das es sich handelte, aus den Augen, begingen
eine Inkonsequenz um die andere und ließen sich immer nur von ihren
persönlichen Empfindungen leiten!
Auch jetzt wieder! Gewiß, das Kind war krank, das sah man ja, _sehr_
krank sogar -- aber mußte man ihm darum sklavisch jeden Willen thun?
Es wäre viel nützlicher gewesen, ihm ernst zuzureden, es vielleicht,
wenn das nichts half, tüchtig anzuschreien, es einzuschüchtern -- dann
hätte es ruhig gelegen und sich besser befunden. Es war eine Schwäche
von ihm, dem Vater, daß er diese Unvernunft ruhig mit ansah, nicht, wie
sonst, seinen Willen durchsetzte! Es war ihm eben nicht behaglich zu
Mut! Melittas Ton und Blick wollte ihm nicht aus dem Sinn, als sie ihm
vor einer Stunde zugerufen: »Dann bist du ehrlos in meinen Augen, und
ich werde nicht einen Tag länger neben dir leben. Ich werde mein Kind
nehmen und gehen!«
Nun, das waren große Worte, die weiter keine Bedeutung hatten! Damit
sind ja die Frauen so leicht bei der Hand! Ehrlos! Lächerlich! Weil
er nicht gesonnen war, sich der Kontrolle, der Bevormundung irgend
eines Dorfquacksalbers zu unterwerfen, sich zum Gespött der Leute
machen zu lassen! Und gehen! Ja, wohin denn? Ihre nächsten Angehörigen
waren tot, mit den entfernten Verwandten hatte sie keine Fühlung --
er hatte Sorge dafür getragen, er hatte sie gänzlich isoliert -- es
»ging« sich nicht so ohne weiteres für eine Frau, die kein eigenes
Vermögen besaß und, schön und verwöhnt wie sie war, vom wirklichen
Leben und seinen Anforderungen so gut wie nichts wußte. Er glaubte auch
keinen Augenblick ernstlich an solche Drohungen -- nur sah er, daß sie
jetzt maßlos erregt war und daß er nichts thun durfte, sie noch mehr
zu reizen. In ihren Augen hatte, als er ihr Haar küßte, ein Ausdruck
gelegen -- -- er konnte ihn mit nichts anderem bezeichnen als mit
Widerwillen. Und wenn ... Unsinn! Sie war außer sich vor Angst gewesen
damals um den Knaben -- sie war außer sich vor Angst jetzt um das
Mädchen -- doppelt weil es ihr letztes, ihr einziges Kind war! Frauen
aber, die Furcht und Erregung halb von Sinnen bringt, darf man für ihre
Blicke nicht verantwortlich machen, solche Blicke zählen nicht mit!
Und so sah denn Doktor Schott scheinbar ganz gelassen zu, wie seine
Frau das Kind aus dem Bettchen nahm und wieder hineinlegte -- und
nochmals aufnahm und von neuem in die Kissen bettete -- wie sie sich
geduldig das Haar von den kleinen Händen zerraufen ließ -- wie sie
niederkniete und betete, und die Puppe, den Ball, das Bilderbuch auf
die Bettdecke legte und zehnmal wieder aufhob, wenn die unruhigen
Händchen alles von sich schleuderten. Auch singen mußte Melitta von
neuem: »Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt!« Und die
Stimme war ihr so schwer von Thränen!
Friederike stand am Fußende des Bettes und wunderte sich in der Stille
über den Herrn Doktor. Der ließ doch sonst nicht mit sich spaßen, und
wenn Erna auch krank war -- lieber Gott, der kleine Siegmund war ebenso
krank gewesen, noch kränker sogar, und der Herr Doktor hatte alles
allein bestimmt und besorgt, niemand durfte an das Kind heran, und es
gab doch tüchtige Ärzte genug in Augsburg. Und hier wollte er dulden,
daß ein alter Doktor oben aus dem Gebirgsdorf, der wahrscheinlich
gar nichts verstand, kam und das Kind behandelte! Und er blieb
ganz gehorsam in dem breiten Schattenstreifen, den der große, alte
Kleiderschrank warf, stehen und ließ alles gehen, wie die junge Frau es
anordnete! Diese rief dann und wann Friederike zu einer Handreichung
heran -- ihren Mann rief sie kein einziges Mal! Sie schien es nicht zu
merken, daß er sie unausgesetzt beobachtete!
Wie sie doch schön war! Wie unter dem leichten, dünnen, in Hast
übergeworfenen Morgenkleid die biegsamen Formen der anmutigen Gestalt
so deutlich hervortraten! Wie das Haar, das sie so oft, als fiele
es ihr lästig, mit einer ungeduldigen Bewegung zurückschüttelte,
mattgolden schimmerte, und welch schwacher, lieblicher Duft davon
ausströmte! Und diese feine Linie des herabgeneigten Profils, die
schwarzen, aufwärts gebogenen Wimpern! Es brauchte kein Landrat Rothe
zu kommen und aufgeregt zu versichern: »Aber Freundchen, deine Frau
ist ja eine Schönheit, entzückend, wahr und wahrhaftig entzückend!« Es
durfte kein Leutnant Rothe dastehen und sie mit bewundernden Blicken
messen -- Udo Schott wußte genau, was er hatte, er war eitel _auf_ sie
und _für_ sie -- ihm trug und kleidete sie sich viel zu einfach, er
mußte ihr die kostbarsten Toiletten förmlich aufdrängen!
Indessen steigerte sich das Fieber bei Erna immer mehr -- kaum war sie
noch im Bett zu halten; sie wollte durchaus heraus und im Freien mit
Rino spielen. Das war doch Rino, der liebe, schöne Neufundländerhund
aus Augsburg, mit dem sie so gern tollte, der es immer geduldig litt,
daß sie sich auf ihm wälzte und seine langen, weichen Ohren um ihre
Händchen wand. Und wie er bellen und sie in wilden Sätzen umkreisen
konnte, wenn sie nach Hause kam! Zuweilen ritt sie auf ihm -- dann
schritt er langsam und gravitätisch einher -- warum ließ man sie denn
jetzt nicht auf Rino reiten? Und Erna weinte und warf sich ungestüm
zurück, und dann mit einemmal klammerte sie sich an ihre Mutter fest,
die Füße drehten sich umeinander, und das kleine Gesicht verzerrte sich
... es war ein Gehirnkrampf eingetreten.
Weiß wie ihr Kleid, zitternd am ganzen Körper hielt die junge Frau ihr
Kind fest, bis der Anfall vorüberging. Mit ihren warmen Lippen küßte
sie die kleinen, kalten Glieder, hauchte auf die zusammengekrampften
Hände und Füße und warf verzweifelte Blicke auf die kleine Wanduhr,
deren Pendel und Zeiger sich mit schauerlicher Langsamkeit
weiterbewegten. Kein Gedanke an das Grauen des Morgens! Tiefe, tiefe
Nacht. --
»Kannst du nicht helfen? Weißt du kein Mittel?« Melitta fragte es kaum
hörbar, mit bebenden Lippen, während das Kind ihr matt und erschöpft im
Arm lag.
»Gewiß, weiß ich! Wenn du mir die Behandlung überlassen willst« --
»Nur bis der Arzt kommt! Daß sich der Anfall nicht wiederholt!« -- --
Sie sah nicht seinen Gesichtsausdruck, nicht sein Achselzucken -- -- --
bei ihr ging jetzt alles unter in der bebenden Angst um das Kind. Ihm
allein wollte sie die Kleine nicht anvertrauen, aber so viel verstand
er doch von der Heilkunde, um ein Linderungsmittel zu finden, das
dafür sorgte, daß dieser entsetzliche Anfall nicht wiederkam ... so
war Melittas Gedankengang; sie folgte ihrem Gatten mit den Augen, als
er zu der kleinen Hausapotheke ging, die er auf Reisen immer mit sich
führte, und sie zählte angstvoll die dunkeln Tropfen, die er aus einem
Fläschchen in den halb mit Wasser gefüllten Löffel fallen ließ.
»Es kann ihr bestimmt nicht schaden -- nein?« flüsterte sie.
In seinen Augen flammte es auf.
»Du mußt wahrlich deiner Sinne nicht mächtig sein, um an mich ... an
_mich_ -- eine solche Frage stellen zu können!«
Sie wehrte seine Worte gleichsam mit einer gleichgültigen Handbewegung
ab. Was galt ihr jetzt die verletzte Eitelkeit, das gesteigerte
Selbstbewußtsein ihres Mannes -- hier, wo es sich um Leben und
Tod handelte? -- -- -- Das Kind war von dem Krampf so erschöpft,
daß es alles mit sich geschehen ließ. Die Mutter stützte das matt
zurückgesunkene Köpfchen und goß den Inhalt des Löffels in den
geöffneten Mund. Fürs erste hatten die Phantasien nachgelassen, aber
wie verändert war das kleine runde Gesicht!
Die nächste halbe Stunde schlich so hin, dann ging das Phantasieren von
neuem an, nur hatte es eine andere Gestalt angenommen. Erna erzählte
nicht mehr, was sie, nach ihrer Meinung, deutlich vor sich sah, wollte
kein Spielzeug, wünschte auch nicht mehr, daß Mama ihr vorsang oder
mit ihr betete ... sie hatte offenbar schreckliche Wahnvorstellungen,
sah Dinge, die ihr kindliches Gemüt aufs äußerste entsetzten, war aber
nicht imstande, sich darüber zu äußern oder um Hilfe zu bitten. Die
kleine Brust flog vor Angst, der Atem krachte, die weitgeöffneten Augen
sahen starr auf einen Punkt, und dazu stieß das kleine Geschöpf Schrei
auf Schrei aus, als wenn es gefoltert würde. Kein Zureden, kein Bitten
half, Erna kannte die Mutter und deren Stimme nicht mehr, sie stieß sie
mit aller Kraft von sich -- -- und da war auch der fürchterliche Krampf
wieder, der die Glieder starr und steif werden ließ und das Gesicht bis
zur Unkenntlichkeit verzerrte! Die Tropfen wurden von neuem gegeben,
aber sie thaten keine Wirkung, der Zustand blieb derselbe! --
Melitta kannte sich kaum vor Angst. Sie stürzte zum Fenster und riß den
Vorhang hoch, um zu sehen, ob sich kein Schimmer von Morgendämmerung
am Himmel zeige, sie warf sich neben dem kleinen Bett auf die Kniee und
stammelte unzusammenhängende Worte, halb Gebete, halb Drohungen: »Das
kann doch dein Wille nicht sein? Dies eine -- mein letztes -- was würde
mir bleiben, wenn ... Ist es nicht genug an dem einen? Du darfst es --
darfst es nicht geschehen lassen« -- --
Sie war taub für jeden Zuspruch -- was ihr Gatte zu ihr redete,
wurde überhaupt nicht von ihr verstanden! Sie zählte die halben, die
Viertelstunden an der Uhr -- es konnte doch nicht erst Drei geschlagen
haben, es mußte Vier gewesen sein! Und noch immer Nacht, noch immer
nicht hell! Ihre Lippen murmelten immer in Zwischenräumen: »Ein Arzt!
Ein Arzt! Es muß doch endlich ein Arzt kommen!« und der Fenstervorhang
durfte nicht mehr heruntergelassen werden, damit sie es sofort sah,
wenn der Tag kam! Draußen funkelten am nachtdunkeln Septemberhimmel die
Sterne, die Luft ging frisch und kühl!
Und endlich! Die leuchtende Pracht droben fing an, zu erblassen,
die schwarzen Schatten wurden grau, in unbestimmten, verschwommenen
Umrissen begann es zu dämmern -- der erste vereinzelte Hahnruf ließ
sich hören.
Sie wollte selbst hinunter, den Boten wecken, ihm Eile einschärfen,
ihm Geld geben -- aber eben war wieder ein Anfall gewesen, schlimmer
als zuvor, das Kind lag im Arm der Mutter in einem leichten Halbschlaf
-- oder war es nur völlige Erschöpfung? -- Sie wagte es nicht, sich zu
rühren. Ihr Gatte flüsterte ihr zu, er selbst wolle gehen, den Boten
ein Stück begleiten, sie könne sich mit eigenen Augen überzeugen, in
zehn Minuten spätestens werde sie beide vom Fenster aus fortgehen
sehen. Sie nickte zu allem, es war ihr lieb, daß sie mit dem Kinde
allein blieb, seine Gegenwart regte sie nur noch mehr auf.
Sie hörte ihn die knarrende Treppe hinuntergehen, hörte unten im
Hause Thüren öffnen und schließen, es war ihr auch, als vernehme
sie gedämpfte Stimmen. Das Kind regte sich in ihren Armen, sie wagte
kaum zu atmen, sie winkte Friederike, zum Fenster zu gehen. Schon sah
die Morgendämmerung durch die Glasscheiben, die Lampe brannte wie in
einem trüben Dunstkreis, von unten herauf tönte Hundegebell und ein
beschwichtigender Zuruf -- das Leben des Tages erwachte.
Friederike machte am Fenster ein Zeichen -- es litt Melitta nicht
länger -- sie mußte sehen, selbst sehen. Leicht, wie eine Flaumfeder,
ließ sie das Kind in die Kissen zurückgleiten und schlich auf
den Fußspitzen zum Fenster. Da sah sie im fahlen Zwielicht, das
vor Sonnenaufgang herrscht, zwei männliche Gestalten zum Hofthor
hinausschreiten -- die größere Gestalt wandte sich nach dem Fenster
zurück, hob grüßend den Hut und winkte mit der Hand; die kleinere sah
sich nicht um. Zwanzig -- dreißig Schritte, und die beiden Wanderer
waren in dem jetzt mit Macht aufqualmenden Frühnebel verschwunden. --
Die junge Frau am Fenster atmete auf, tief, tief, wie wenn die
Bergeslast auf ihrer angstbeklommenen Seele ein klein wenig leichter
geworden wäre. -- Wieviel Stunden jetzt noch? -- Drei Stunden zum
Aufstieg, zwei mindestens, allermindestens für den Abstieg ... im
allergünstigsten Fall konnten sie in fünf Stunden hier sein! Würde ihr
Mann die ganze Tour mit dem Boten zugleich machen? Mochte er immer!
Helfen konnte er hier nicht, und er mußte es ja sehen, daß er ihr
vollkommen überflüssig war -- -- wenn nicht schlimmer noch als das!
Wieder mit ihm am Krankenbett eines Kindes, das ihm und ihr gehörte!
Die Erinnerung packte die junge Frau wie mit schaudernden Händen und
schüttelte sie wie ein Laub im Winde! Was hatte sie leiden müssen --
was litt sie wieder! --
Draußen bebten die Bäume im Morgenhauch! Jenes Säuseln und Raunen,
das das Nahen der Sonne verkündet, strich feierlich durch die Wipfel,
die Nebel ballten sich zusammen und rollten sich auf, nur die
Gebirgshäupter steckten noch tief in ihren dichten Schleierhüllen. Der
Nachtthau fiel in schweren Tropfen von den Blättern, und nun flog ein
unsicheres, rosiges Dämmerlicht um die Baumkronen, zuckte stärker auf,
vertiefte sich zu strahlendem Rot, goß eine verschwenderische Fülle
strömenden Goldes über die erwachende Welt ... die Sonne! -- -- Ihr
siegender Strahl traf auch in das kleine Krankenstübchen, erzitterte
wider in funkelnden Thränen, die rasch und unaufhaltsam aus den Augen
der jungen Frau herabtropften. Sie hatte nicht weinen können, solange
ihr Mann neben ihr stand! Aber jetzt! Alles, was sie vom Leben noch
erwarten durfte, verkörperte sich in dem Kinde! Für sich selbst hoffte
sie nichts mehr -- aber für Erna, mit Erna zu hoffen, zu kämpfen, zu
leiden, das war der Zweck ihres Daseins -- ihr einziger! Wurde er ihr
genommen ... sie konnte den Gedanken nicht zu Ende denken! Wie oft
hatte sie in wehmütig-süßen Zukunftsträumen auf das zu ihren Füßen
spielende Kind herabgesehen! Wie mußte es schön sein, eine Tochter
neben sich aufwachsen zu sehen, sich nach und nach eine Freundin in ihr
heranzuziehen, die Teilnahme, Verständnis hat auch für die Dinge, die
unausgesprochen bleiben müssen, selbst zwischen den Nächststehenden!
Welch eine Quelle des Trostes -- -- Ein neuer Krampfanfall des Kindes
schnitt jäh und schrecklich den Gedankengang seiner Mutter entzwei! --
Wer hat nicht schon ein geliebtes Wesen müssen leiden sehen, machtlos,
Abhilfe zu schaffen? Wer kennt nicht den Jammer, der uns das Herz
in der Brust gleichsam umwendet, den Jammer menschlicher Ohnmacht
gegenüber dem Tode, der seine eisige Hand nach unserem Liebsten
ausstreckt? Und nun ein Kind, ein wehrloses, kleines Geschöpf, das
mit den Augen flehentlich um Hilfe bittet, das es nicht anders kennt,
nicht anders erwartet, als daß die Mutter ihm beisteht, wie sie bisher
alle Last und Mühe bereitwillig auf sich genommen! Ein Herz, so ganz
erfüllt von Liebe -- ein Wille, so stark, daß er einer Welt Trotz
bieten möchte, ein Opfermut, dem nichts -- nichts zu schwer fiele ...
und machtlos -- machtlos!! --
Charlotte Hartwig hatte an der Thür gelauscht und kam nun leise
herein -- sie fand das Kind verändert und entstellt, die junge Frau
verzweifelt. Sie schickte Friederike hinunter und ließ Decken und
Tücher wärmen, das Kind darin einzuwickeln; es wollte ihr nichts
anderes einfallen -- sie stand diesem Fall ratlos gegenüber -- mit dem
Bruder hatte sie ähnliches nie durchgemacht, und er, seitdem er Arzt
war, sprach mit ihr niemals über seine ärztliche Thätigkeit, über die
Mittel, die er etwa anwandte und deren Erfolge; es gehörte dies zu
seinen Grundsätzen ... der Arzt dürfe seinen Beruf nicht noch in seine
Familie tragen, um seiner selbst und der Angehörigen willen! --
Das alte Fräulein hielt ihre junge Freundin im Arm und sprach mit
ihrer weichen Stimme gute, warme Worte zu ihr -- aber hörte, verstand
sie Melitta auch? Immer derselbe starre, abwesende Blick, dasselbe
einförmige Kopfschütteln, das heftige Zittern, das den schlanken
Körper durchlief! Wahrlich, ein Anblick zum Erbarmen! -- -- -- Die
warmen Decken schienen dem Kinde wohlzuthun, es streckte sich darin
aus, dehnte die kleinen Glieder, bekam einen Hauch von Farbe in das
arme, bleiche Gesichtchen; die nächste Stunde verging ohne Anfall.
Eine strahlende Morgensonne lachte zum Fenster herein, draußen vor den
Scheiben glitzerten die im Frühwind sanft bewegten Blätter der Bäume
vom frischen Morgenthau, die Vögel lärmten in den Zweigen, ein herber
Duft stieg von der Erde auf.
Die zwei Frauen saßen still neben dem Bettchen, Friederike machte sich
leise im Nebenzimmer zu schaffen. Noch zwei gute Stunden, dann konnte
der Arzt da sein! --
Resi schlich sich mit einem Tablett herein, auf dem zugedeckte Teller
und einladend dampfende Kännchen und Tassen standen -- Frau Eigener
habe sie heraufgeschickt und ihr verboten, bei Strafe der Entlassung,
früher herunterzukommen, als bis sie mit ihren eigenen Augen gesehen
habe, daß Frau Doktor esse und trinke. Für Fräulein Hartwig habe sie
drüben in Fräuleins Zimmer alles zurechtgestellt. -- -- -- Alles dies
wurde mehr pantomimisch als mit Worten ausgedrückt -- die junge Frau
weigerte sich anfangs standhaft, etwas zu sich zu nehmen, endlich
setzte sie die Tasse an die Lippen, bat aber nun ihrerseits Fräulein
Charlotte, in ihr Zimmer zu gehen und ihr Frühstück zu genießen ...
thäte sie das nicht, so werde auch sie -- Melitta -- keinen Bissen mehr
essen. Das alte Fräulein stand eine kleine Weile zögernd da, zuletzt
gab sie nach, deutete an, sie werde bald wieder da sein und ging leise
über den schmalen Korridor in ihr Stübchen. -- Eben goß sie sich die
zweite Tasse des ungewöhnlich starken und heißen Kaffees ein, als die
Thür sich sacht öffnete und Resi auf der Schwelle erschien.
»Was ist?« fuhr Charlotte erschreckt auf. »Hat Erna wieder -- --«
»Nix und gar nix is!« winkte Resi ab und kam näher heran. »Die Frau
Doktorin trinkt ganz brav ihr' Kaffee, und's Kindl schlaft -- -- oder
wenigstens liegt's da, als wenn's schlaft! Wegen dem können gnä'
Fräul'n in Ruh' weiter frühstück'n! 's is bloß« -- -- offenbar hatte
Resi etwas auf dem Herzen, sie fältete an ihrem Schürzensaum, hustete
ein paarmal kurz hinter der vorgehaltenen Hand und trat unschlüssig von
einem Fuß auf den anderen.
»Ja, Resi, was giebt es denn? Wollen Sie mir etwas sagen?«
»Das möcht' i schon -- gnä' Fräul'n sind gar so viel klug und doch auch
alt eben, da weiß ma' schon, was ma' zu thun hat! Unserer Frau -- was
d' Frau Eigener is -- trau' i mir's nimmer z' sagen, i weiß nimmer, was
das abgeben thät!«
»Haben Sie einen Schatz, Resi?« fragte Fräulein Charlotte mit einem
halben Lächeln.
»O mein -- gnä' Fräul'n -- wie's aber auch fragen! Nu freili hab' i
ein'! Wie wär's denn bestellt mit unserein', wenn's _kein_ Schatz
hätt'! Und das weiß auch d' Frau -- wegen dem is' nimmer!«
»Also weswegen sonst?«
»Ja -- das is« -- Resi nahm einen förmlichen Anlauf, um sprechen zu
können -- »i bin heut' in aller Herrgottsfruha aufg'standen und bin zum
Ziehbrunnen 'gangen wegen kalt' Wasser, war schier noch stickdunkel
-- gnä' Fräul'n werden wissen, wo der Brunnen liegt, ganz dicht unter
grüne Bäum', g'rad' so umstellt, daß ka' Mensch ein'sehen kann, wenn
er nit hat was z'schaffen selber am Ziehbrunnen. Und da, wie i den
Eimer will heben, da hab' i g'hört, wie der Herr Doktor hat zum Peterl
g'redt, leis' g'nug, ob der Peterl auch schweigen könnt' -- und wie der
hat »Ja« g'sagt -- und wahr is schon, der Peterl kann's Maul halten,
bei uns im Haus heißt man's alleweil »der Stumme!« -- da hat der
Herr Doktor ihm Geld 'geben und hat g'sagt, er braucht nimmer gehen
bis Leuten, 's wär bloß so Spiel -- oder wie -- für d' junge Frau,
weil die sich so viel verängst'gen thät'. Aber kein' fremden Doktor
braucht's nimmer, und er allein könnt's Kindl g'sund machen und woll's
auch g'sund machen, er wüßt' eben mehr als zehn so Dorfärzt' z'sammen.
Und's Peterl sollt' eben gehen und e paar Stund' fortbleiben und sagen,
er wär' droben g'wesen, und der Herr Doktor sei schon fortg'wesen
-- -- und das sollt' a G'heim's bleiben, kein Mensch dürft' nicht
kein Sterbenswörtl davon wissen -- und später, wenn's Kindl g'sund
daherspräng', woll' er's selber der Gnäd'gen sag'n ... aber für jetzt
sei das g'fehlt: sie _woll'_ e' zweit'n Arzt, und er woll'n _nicht_ --
und weil sie so anstellig wär' -- so wild, hat er g'moant, vor Furcht
-- d'rum müßt' man 's eben anlüg'n -- und er wollt' auch so thun, als
wär' er droben ... ja, ja, um Gott's will'n -- was bedeut' denn das?«
Hinter Resi, die eifrig auf Fräulein Charlotte einsprach, hatte sich
die Thür aufgethan ... Melitta stand im Rahmen derselben. Hatte sie
Resis Bericht gehört oder nicht? Sie war erschreckend blaß, ihre
großen Augen hatten einen seltsamen Ausdruck. Sie sprach kein Wort, sie
sah nur Fräulein Charlotte an.
»Steht es mit Erna schlechter?«
»Ja!« sagte die junge Frau tonlos. »Sie hat eben wieder einen Anfall
gehabt!«
»Um Gottes willen! Ich komme sofort!«
Das alte Fräulein lief in ihrer raschen Bereitwilligkeit beinahe Resi
um, die mit herabhängenden Armen, einen Ausdruck hilflosen Schreckens
im Gesicht, gleich einer ertappten Sünderin dastand. Jetzt aber galt es
nur das Kind, das starr und steif in Friederikens Armen lag, die Zähne
fest aufeinandergebissen, die Lippen bläulich-weiß, die Augen nach oben
gekehrt.
»Wir wollen noch einmal die Decken wärmen!« sagte Charlotte, mit
Thränen in den Augen auf das gequälte kleine Geschöpf blickend. »Warten
Sie, ich gehe selbst und sage es Frau Eigener, ich bleibe dabei, bis
die Sachen durchwärmt sind, Sie können sich auf mich verlassen! Es
schien mir doch, als thäte die Wärme unserem armen Liebling gut!«
Melitta nickte ein paarmal, ohne ein Wort zu erwidern. Fräulein Hartwig
sah sie in großer Besorgnis an -- -- wenn sie doch nur um Gottes willen
Resis unglückselige Erzählung nicht mit angehört hätte! Und wenn der
alte Gebirgsdoktor wirklich kein sehr gescheiter Arzt war und Doktor
Schott mehr, zehnmal mehr wußte, als er ... die junge Frau wartete auf
diesen Arzt wie auf den Heiland, sie brachte ihm Glauben und Vertrauen
entgegen -- -- und, vor allen Dingen, ihr ohnehin schwer erschüttertes
Verhältnis zu ihrem Gatten würde einen bedenklichen Stoß erleiden,
wenn sie erfuhr, wie eigenmächtig er in dieser Angelegenheit gehandelt
hatte. Wer konnte wissen, wie lange die Frau in dem kleinen Korridor
vor der Thür gestanden -- wieviel oder wie wenig sie von Resis Bericht
vernommen hatte! Durfte man sie danach fragen -- sich in eine so
unendlich peinliche Sache mischen? --
Fräulein Charlotte entschied bei sich diese Frage mit »Nein,« und
suchte nochmals ihre junge Freundin mit der Versicherung zu beruhigen,
sie selbst werde das Erwärmen der Decken beaufsichtigen. -- Melitta
nickte wieder nur, ohne zu sprechen.
Um zur Küche zu gelangen, mußte Charlotte die Runde um das ganze Haus
machen. Als sie eben in die halbgeöffnete Thür hineinschlüpfen wollte,
wurde sie von Fräulein Rosa Hesse festgehalten, die eben in kleidsamer
Morgentoilette die Stufen der Veranda herabkam -- sie hätte gehört, die
kleine Erna Schott sei erkrankt -- merkwürdig, daß den »Glücklichen«
hier, während der Sommerfrische, ein solches Malheur passieren müsse!
-- und der Doktor sei schon vor mehreren Stunden, mit Peterl als
Führer, hinauf nach Leuten gegangen, um den Gebirgsarzt zu holen, auf
Wunsch seiner Frau! _Das_ sei noch ein Mann! Da sähe man wieder den
eklatantesten Beweis für das ideale Verhältnis der »Glücklichen!«
Sicherlich würde das so bald kein Mann thun -- zu einem ganz obskuren,
vielleicht sogar sträflich unwissenden Gebirgsdoktor zu gehen, bloß auf
Verlangen der Frau, wenn man selbst ein eminent bedeutender Arzt sei ...
»Woher wissen Sie, daß Doktor Schott ein eminent bedeutender Arzt ist?«
konnte Fräulein Charlotte nicht umhin, zu fragen.
Die schöngeistige Dame sah halb geringschätzig, halb beleidigt drein.
»Woher ich das weiß? Aber, mein Himmel, das weiß doch hier ein jeder!«
»So?« sagte Fräulein Hartwig trocken.
»Ja -- natürlich! Ein Mann, wie dieser, von solcher Begabung, solchem
Wissen, muß ja ein bedeutender Arzt sein -- er ist auf allen Gebieten
zu Hause, so auch auf diesem. -- Sie scheinen große Eile zu haben,
verehrtes Fräulein.«
»In der That!« warf Charlotte ein.
»Wie geht es denn jetzt dem Kinde?«
»Schlecht! Es liegt in Krämpfen!«
»O, o -- wie schrecklich! Und der Vater nicht da! Wie blind muß er
diese Frau lieben, daß er jetzt das Kind allein läßt, um nur ihren
Ideen zu folgen! Was haben Sie denn in der Küche zu thun?«
»Frau Eigener eine Bestellung zu machen!«
»So komme ich mit Ihnen! Ich weiß gar nicht, wo Resi heute steckt!
Sonst hat sie mir um diese Zeit schon lange meinen Kakao gebracht --
ich trinke nämlich des Morgens immer Kakao, ich halte das für weit
bekömmlicher als Kaffee, und meine Gesundheit ist ein wenig zart.«
Mit Fräulein Rosa Hesse im Schlepptau betrat Charlotte die Küche und
fragte nach Frau Eigener. Dieselbe mußte aus der Vorratsstube geholt
werden -- sie war ganz Teilnahme und Bereitwilligkeit ... wenn gnä'
Fräul'n ein fünf, sechs Minuten warten wollten, dann könnte sie die
Decken schon mitgeben. Damit wischte sie eilfertig einen Küchenstuhl ab
-- »bitte, sich nur zu setzen!«
Unterdessen war Resi langsam, Schritt vor Schritt setzend, aus Fräulein
Hartwigs Zimmer gekommen und stieg jetzt ebenso bedächtig die Treppe
hinunter. Ihr ahnte nichts Gutes. Wenn die Frau Doktor die ganze
Geschichte, die sie, die Resi, dem alten Fräulein erzählt, mit angehört
hatte -- und warum sollte sie das nicht gethan haben? -- dann konnte
das unangenehme Dinge nach sich ziehen! Für nichts und wieder nichts
hatte der Herr Doktor den Peterl wohl nicht immer von neuem beschworen,
reinen Mund zu halten und ihm Geld noch extra dafür gegeben -- gefallen
hatte es ihr, der Resi, gar nicht, daß der Herr Doktor so sein Spiel
trieb mit der jungen Frau; Resi fand, wenn er ihr's versprochen hatte,
den Leutener Arzt zu holen, so mußte er ihn eben holen, ob ihn das
nun ärgerte oder nicht. Sie hatte ein ziemlich hartes Urteil für des
Doktors Handlungsweise, und sie sagte sich, daß des Doktors eigene
Frau, die Mutter des kranken Kindes, noch ein ganz anderes Urteil
fällen dürfte als sie, das einfältige Zimmermädel. O je, o je, das
konnte noch eine böse Geschichte geben! Hätte bloß die junge Frau
nichts gehört. Aber sie hatte so »wüste« Augen gehabt -- zehn gegen
eins zu wetten, ihr war kein Wort entgangen! --
In ihre trübseligen Gedanken über die Folgen ihrer Schwatzhaftigkeit
verloren, fuhr Resi erschreckt zusammen, als sie sich am Fuß der Treppe
von einer fremden Männerstimme angeredet hörte. Vor ihr stand ein Herr
im Reiseanzug, er hatte eine etwas lässige Haltung, ein blondbärtiges,
stubenblasses Gesicht und sehr kluge und gute Augen. In der Hand trug
er einen Schirm und einen kleinen Koffer.
»Guten Morgen, Fräulein! Um Verzeihung -- dies ist doch Pensionat
Klinger?«