~Dr.~ E.: Für die Flöhe ist das nicht so leicht zu sagen. Früher hat

man sie oft zu den Fliegen gestellt, weil ihre Maden und Puppen ganz

denen der Zweiflügler gleichen; neuerdings betrachtet man die Flöhe

lieber als eine besondere Ordnung für sich. Die Läuse hingegen gehören,

wie die Bettwanze, in die Ordnung der +Schnabelkerfe+, die durch ihren

Stechrüssel und den Mangel eines Puppenzustandes ausgezeichnet ist. Wir

hätten somit im ganzen schon fünf Ordnungen von Insekten aufgezählt,

die in unsern Wohnungen vertreten sind.

+Kurt+: O bitte, Vater, für +unser+ Haus könntest du doch höchstens von

vier sprechen, denn Wanzen haben wir nicht, und die andern lieblichen

Vertreter der Schnabelkerfe, die Läuse, werden uns hoffentlich für

immer fern bleiben.

~Dr.~ E.: Dennoch findet sich selbst in diesem Zimmer noch eine ganze

Anzahl von Schnabelkerfen, mit denen ich schon lange einen vergeblichen

Kampf kämpfe, und für deren Vernichtung ich euch sehr dankbar wäre.

+Fritz+: Hier im Zimmer? Da würden wir wohl vergeblich suchen.

[Sidenote: Blattläuse. Schildläuse. Ameisen]

~Dr.~ E.: Du brauchst dir morgen bei Tageslicht nur einmal die

verschiedenen Pflanzen am Fenster anzusehen. Ich will gar nicht

sprechen von den verschiedenen +Blattläusen+[105] an der Monatsrose,

den Fuchsien und Nelken[106], die namentlich im Sommer ihr Unwesen

treiben. Aber auch jetzt, mitten im Winter, sitzen überall am Oleander,

an den Palmen, am Feigenbaum, am Efeu die verschiedenen Sorten von

+Schildläusen+[107], welche mit ihrem langen Rüssel die Blätter

angestochen und sich so gewissermaßen vor Anker gelegt haben.

+Kurt+: Ach, sind das diese braunen flachen oder halbkugeligen Dinger,

die ganz fest auf den Blättern sitzen und gar nicht aussehen wie Tiere?

~Dr.~ E.: Ja, die meine ich. Wenn die Tiere noch jung und klein sind,

können sie noch ziemlich hurtig auf ihren Beinchen umherlaufen.

Bald aber werden sie plump und unbeholfen, setzen sich dauernd

fest und bekommen ihr schildförmiges Aussehen. Ihre Beinchen sind

dann im Verhältnis zum Körper so winzig, daß man sie nur mit einem

Vergrößerungsglase sehen kann.

+Fritz+: Was ist denn das für ein weißes Pulver, das man meist unter

dem Schilde findet?

~Dr.~ E.: Das sind ihre Eier. Die Weibchen sterben schließlich, nachdem

sie ihre Eier abgelegt, an der Stelle, wo sie sich festgesogen, und

bilden so noch im Tode ein Schirmdach für ihre Jungen. Das ist ein sehr

hübsches Beispiel für die mannigfache Art, in welcher die junge Brut

von den Eltern geschützt wird.

+Kurt+: Es bleiben nun noch die Ordnungen der Hautflügler, Netzflügler

und Schmetterlinge. Von diesen gibt’s doch keine in den Häusern?

~Dr.~ E.: In bezug auf die +Netzflügler+ kann man das wohl zugeben,

obgleich gerade die goldaugigen Florfliegen[108] im Hochsommer mit

Vorliebe an unsern Fensterscheiben sich tummeln. +Hautflügler+ gibt

es völlig genug, wenn auch nicht gerade in +unserer+ Wohnung. Wißt

ihr noch, wie wir im vergangenen Sommer die unbewohnte Villa in

Thüringen besuchten, was für ein seltsamer Anblick sich da in dem einen

Parterrezimmer bot?

+Fritz+: O, da wimmelte ja alles von geflügelten +Ameisen+. Ein ganzer

Schwarm war hereingebrochen und bedeckte nun Fußboden und Fensterbänke.

Das sah ganz merkwürdig aus.

+Kurt+: An die Ameisen hatte ich wirklich nicht gedacht; die sind

ja massenhaft in Tante Lottes Speisekammer. Es ist eine ganz kleine

hellgelbe Sorte, die schrecklich beißen kann.

~Dr.~ E.: Dieses Beißen wird wohl mehr ein Stechen sein, da ich nach

deiner Beschreibung vermute, daß es sich um eine Art der Gattung

~Myrmíca~ handelt. Es nisten sich aber noch manche andere Arten in den

Häusern ein, die kaum wieder los zu werden sind. Am tollsten treiben

sie es ja freilich in den tropischen Ländern, wo man sich vor diesen

gefürchteten Feinden kaum zu schützen vermag.

+Hans+: Von den +Schmetterlingen+ hast du aber noch gar nichts gesagt.

+Kurt+: Na, denkst du vielleicht, daß dir die Zitronenfalter oder

Ligusterschwärmer in der Stube nur so um den Kopf rumfliegen sollen?

~Dr.~ E.: O, nicht so voreilig, mein Junge! Auch Schmetterlinge

haben wir in unserm Hause mehr als uns lieb ist. Du scheinst ganz

vergessen zu haben, warum wir neulich unser hübsches Rehfell dem Feuer

überliefert haben.

[Sidenote: Motten. Spinnen. Milben. Asseln. Würmer. Infusorien]

+Kurt+: Natürlich! Da habe ich wieder die verehrlichen +Motten+[109]

vergessen! Wer denkt aber auch daran, daß diese ekelhaften Würmer in

ihren Gehäusen Schmetterlinge werden!

~Dr.~ E.: Und doch sind diese sogenannten Würmer ganz richtige Raupen,

wie du dich leicht überzeugen kannst, wenn du einmal ihre Beine genauer

betrachtest.

+Kurt+: Aber das Gehäuse, das sie machen, --

~Dr.~ E.: Ist eine Gewohnheit, die sie mit vielen andern

Schmetterlingen, z.❰B. den sogenannten Sackträgern, teilen.

+Fritz+: Durch so ein Gehäuse müssen die Tiere doch im Wachsen riesig

beengt werden.

~Dr.~ E.: Das ist nicht so schlimm, da sie es beliebig erweitern

können. Das ist ein recht hübscher Versuch, den ihr vielleicht einmal

nachmacht. Man setzt die Tierchen zunächst auf blaues Tuch; dann

fertigen sie natürlich ein blaues Gehäuse. Bringt man sie dann auf

rotes Tuch, so hat nach einiger Zeit jede sich einen hübschen roten

Streifen eingeflickt und so ihre Wohnung erweitert.

+Kurt+: Die müssen ja dann aussehen wie Soldatenhosen! Aber wie ist

es denn nur möglich, daß die Mottenraupen von Tuch oder Federn leben

können?

~Dr.~ E.: Für unsereinen wäre das allerdings eine recht mangelhafte

Kost. Es müssen eben die Tiere eine ganz andere Fähigkeit der Verdauung

haben als wir. Ähnliches sahen wir ja schon bei den Totenkäfern, die

sich mit dem Holze hundertjähriger Kommoden begnügen, und schließlich

ist diese Erscheinung doch kaum wunderbarer, als wenn ein Pferd

monatelang mit Stroh und Häcksel allein seinen Hunger zu stillen vermag.

+Fritz+: Wenn man so alles zusammennimmt, so kommt doch eine ganz

stattliche Zahl von Tieren heraus, die mit uns zusammenwohnen.

~Dr.~ E.: Und doch haben wir bisher nur von den +Insekten+ unter

den Gliedertieren gesprochen. Jetzt wären noch die Spinnen, die

Tausendfüße und Krebse zu betrachten, sowie ferner die Würmer und die

übrigen niederen Tiere.

+Hans+: Ja, die +Hausspinne+[110] habe ich neulich auf dem Boden

gründlich kennengelernt.

~Dr.~ E.: Das ist nur eine Spinne von vielen. Daneben gibt es den

drolligen kleinen Bücherskorpion[111] in alten Folianten, der immer so

komisch mit seinen großen Scheren droht und rückwärts laufen kann, vor

allem aber die zahlreiche Gesellschaft der +Milben+[112], die am Käse,

im Mehl, an alten Backpflaumen zu finden sind. Selbst von unserm armen

Kanarienvogel, unserm Hänschen, würden wir wahrscheinlich verschiedene

Arten[113] absuchen können.

+Fritz+: Aber Krebse, Vater, und Würmer oder noch niedrigere Tiere?

~Dr.~ E.: Selbst die wasserbewohnenden Krebse haben es fertiggebracht,

sich in den menschlichen Wohnungen anzusiedeln. Freilich zum Essen

würden sie euch wohl nicht recht passen; denn ich spreche von den

+Kellerasseln+.[114] +Würmer+ gibt es zunächst in den Blumentöpfen,

und zwar nicht bloß Regenwürmer, sondern weit häufiger die kleinen

weißlichen Formen, die man wohl geradezu als Blumentopfwürmer[115]

bezeichnet. Wenn Mutter uns ferner etwas alten Essig, etwa von

eingemachten Gurken, zur Verfügung stellen wollte, so würden wir sicher

darin einen mikroskopischen Wurm, das sogenannte Essigälchen[116],

in großen Mengen entdecken, und schließlich sind wir nicht einmal

sicher, ob nicht in unserm eignen Körper sich allerlei Eingeweidewürmer

auffinden ließen. -- In bezug auf die allerniedersten Tiere, die

sogenannten Infusorien, sind irgendwelche genaueren Angaben darüber,

was in unserm Hause zugegen ist, wohl schwerlich zu machen, da sie

nur in der Form von Keimen im Staube der Luft vorhanden sein dürften.

Wollen wir sie studieren, so müßten wir erst die günstigen Bedingungen

für deren Entwicklung herstellen.

+Kurt+: Also ungefähr so wie mit den Pilzkulturen?

~Dr.~ E.: Na, ein bißchen anders ist es schon, da die Infusorien im

Wasser leben. Man legt einfach Blätter, Heu oder ähnliche Stoffe

in eine Schale mit Wasser und läßt es eine Zeitlang stehen. Es

entwickelt sich dann bald ein reiches Leben der verschiedensten

mikroskopischen Tierchen, die eben nach dieser Methode, sie durch

Übergießen von Pflanzenstoffen mit Wasser hervorzuzaubern, den Namen

+„Aufguß“tierchen+ oder Infusorien erhalten haben. Wenn die Tage wieder

länger werden, wollen wir mal so einen Aufguß herstellen, und ihr sollt

dann selbst durch das Mikroskop beobachten, welch buntes Gewimmel

zierlichster Formen sich aus dem Staube unserer Zimmerluft entwickelt

hat.

[Illustration]

[Illustration]

Vierzehnter Abend.

Heute, Kinder, sagt ~Dr.~ Ehrhardt zu seinen Knaben, wird es wohl

zum letztenmal sein, daß wir in diesem Winter unser Plauderstündchen

abhalten. Am nächsten Sonntag bin ich verhindert, und in vierzehn Tagen

ist der Frühling hoffentlich schon so weit ins Land gezogen, daß wir

unsere Spaziergänge im Freien wieder aufnehmen können. Es ist doch ein

ander Ding, das Wirken und Walten der Natur dort draußen in Feld und

Flur, als hier im engen Studierzimmer zu beobachten.

+Fritz+: Ja, Vater, wir sehnen uns auch schon sehr danach. Weißt du

denn heute nicht noch etwas recht Interessantes zu erzählen?

~Dr.~ E.: Mir fällt gerade nichts ein. Aber vielleicht könntet +ihr+

einmal allerlei Fragen stellen über Dinge, die ihr beobachtet habt, und

die ihr nicht erklären könnt. Das würde einen ganz hübschen Abschluß

unserer naturwissenschaftlichen Durchforschung des Hauses geben.

+Kurt+: Ach ja, Vater! Ich weiß eine ganze Masse Fragen. Zuerst --

~Dr.~ E.: Halt, Kurt, das geht nicht so hastig. Vor einigen Wochen, bei

den Mineralien, habt ihr zuerst eure Weisheit vortragen dürfen. Heute,

meine ich, sollte deshalb mal Hans den Anfang machen. Drei Fragen kann

jeder sich ausdenken. Hoffentlich werde ich sie der Hauptsache nach

beantworten können.

[Sidenote: Pfefferminzplätzchen. Knistern des Tannenbaums]

+Hans+: Dann will ich gleich mit einer Frage anfangen, über die ich

mich neulich mit meinem Freunde Wilhelm gestritten habe. Woher kommt es

eigentlich, daß man immer solch luftiges Gefühl im Munde hat, wenn man

+Pfefferminzplätzchen+ gegessen hat?

~Dr.~ E.: Ei, du Leckermäulchen, das ist nun eigentlich keine Frage,

die zum Hause gehört! Weißt du denn, was in den Pfefferminzplätzchen

enthalten ist?

+Hans+: Ja, Pfefferminze. Und das ist eine Pflanze.

~Dr.~ E.: Gewiß; aber die steckt natürlich nicht drin, sondern nur ein

Stoff, der aus dieser Pflanze gewonnen wurde.

+Fritz+: Das ist das Pfefferminzöl. Ich kann mir auch denken, woher das

erfrischende Gefühl beim Essen der Pfefferminzplätzchen kommt.

~Dr.~ E.: Nun?

+Fritz+: Das Pfefferminzöl gehört doch wahrscheinlich zu den

sogenannten ätherischen Ölen, die alle leicht verdunsten, wenn sie

der Luft ausgesetzt sind. Durch schnelle Verdunstung aber entsteht

Kälte, wie man leicht beobachten kann, wenn man sich etwa ein paar

Tropfen Äther auf die Hand gießt. Ich glaube darum, daß es sich bei den

Pfefferminzplätzchen einfach um eine Kälteempfindung handelt.

+Kurt+: Wie kann denn aber durch bloßes Verdunsten +Kälte+ entstehen?

~Dr.~ E.: Das dürfte wohl nicht allzu schwer zu erklären sein. Wir

wissen, daß beim Übergang der flüssigen Körper in den gasförmigen

Zustand unter allen Umständen Wärme nötig ist. Unter einem offenen

Kessel mit Wasser kann ich so viel heizen, wie ich will, das

Thermometer steigt nicht über 100 Grad, weil die ganze Wärme,

welche durch die Feuerung entsteht, zur Verwandlung des flüssigen

Wassers in Dampf verbraucht wird. Hat nun eine Flüssigkeit das

Bestreben, in die Gasform überzugehen, ohne daß wir ihr Wärme von

außen zuführen, so nimmt sie dieselbe aus der Umgebung, vor allem

also aus den Gegenständen, mit denen sie in Berührung ist. Diese

werden dadurch kühler, und man spricht dann von einer durch das

Verdampfen der Flüssigkeit hervorgerufenen Kälte oder kurz von einer

+Verdunstungskälte+.

+Kurt+: Also deshalb ist es auch so erfrischend, wenn man durch einen

Zerstäuber mit Kölnisch Wasser angeblasen wird? Das macht da auch die

Verdunstungskälte?

~Dr.~ E.: Gewiß. Du hättest auch daran denken können, wie kühl und

erfrischend die Luft nach einem Gewitterregen ist, und wie wir im

Hochsommer die Dielen besprengen, um größere Kühle zu erzeugen. --

Ob aber gerade bei den Pfefferminzplätzchen die von Fritz gegebene

Erklärung richtig ist, scheint mir doch sehr zweifelhaft.

+Fritz+: Und warum das?

~Dr.~ E.: Vor allem, weil das Pfefferminzöl durchaus nicht so flüchtig

ist, wie du annimmst. Ein Tropfen davon, der Luft ausgesetzt, bleibt

lange Zeit unverändert und verdunstet keineswegs so im Handumdrehen,

wie der Äther.

+Fritz+: Aber wie willst du die Wirkung des Öls +dann+ erklären?

~Dr.~ E.: Wirklich +erklären+ kann ich sie nicht. So viel aber ist

wohl sicher, daß es sich hierbei ganz allein um eine besondere, dem

Pfefferminzöl und dem in ihm enthaltenen Kampfer zukommende Wirkung auf

unsere +Geschmacksnerven+ handelt. Wir haben durch diese Stoffe die

+Empfindung+ der Kälte etwa in derselben Weise, wie wir beim Genuß des

Pfeffers diejenige des +Brennens+ haben.

+Hans+: Ach, wenn es weiter nichts ist --! Das hätte ich mir viel

wunderbarer vorgestellt. -- Dann habe ich eine andere Frage, über

unsern +Tannenbaum+. Als wir den nach Weihnachten verbrannten, da gab

es ein fortwährendes Geknatter und Gepuffe, als wenn lauter Patronen

drin gesteckt hätten. Woher mag das wohl gekommen sein? Es wurde einem

ordentlich angst dabei.

~Dr.~ E.: Wenn er noch sehr frisch war, hättet ihr ihn auch lieber

nicht in den Herd stecken sollen; es sind schon öfter Unfälle dadurch

hervorgerufen, indem der ganze Herd oder Ofen zersprengt wurde. -- Hast

du denn schon einmal beobachtet, was geschieht, wenn man ein Stück

nasses Holz ins Feuer legt?

+Hans+: Ja, dann knistert und knackt es auch immer.

~Dr.~ E.: Und kann mir einer von euch sagen, worin das wohl seinen

Grund haben mag?

+Fritz+: Ich denke mir, das Wasser, das im Innern des nassen Holzes

steckt, wird sich durch die Hitze in Dampf verwandeln, und wenn der

keinen Ausweg findet, so platzt er eben das Holz auseinander.

~Dr.~ E.: Siehst du, Hans, das ist in der Tat die Ursache für das

Knistern des nassen Holzes. Man muß nur wissen, daß jede Flüssigkeit,

welche sich in Dampf verwandelt, einen ungeheuer viel +größern Raum+

einzunehmen strebt als vorher, und daß diese Spannung oder dieser

Druck, den das eingeengte Gas nun nach allen Richtungen ausübt,

ganz gewaltig werden kann. Unsere Dampfmaschinen beruhen ja auf

dieser Erscheinung; die Kraft, die sie äußern, ist nichts als das

Ausdehnungsbestreben des eingesperrten Wasserdampfes.

+Hans+: Ach so, das ist die Geschichte von dem zugeschraubten Kochtopf;

die hat uns Herr ~Dr.~ Müller schon mal klargemacht. Aber ist denn in

den Tannenzweigen so viel Wasser?

~Dr.~ E.: Nein. In den Tannenzweigen ist es auch nicht Wasser, das

sich in Dampf verwandelt, sondern +Terpentinöl+, von dem wir ja

schon neulich einmal sprachen, als von den Harzen die Rede war. Es

verwandelt sich erst bei viel höherer Temperatur in Dampf, als Wasser;

dieser Dampf aber ist brennbar und gibt, mit Luft gemischt, wie alle

brennbaren Gase ein explosives Gemenge. So können denn unter gewissen

Umständen kleine Explosionen durch das Verbrennen eines harzreichen

Tannenbaumes zustande kommen.

+Kurt+: Dann rührt es wohl auch von diesem Terpentinöl her, daß die

Nadeln so puffen, wenn sie einem Tannenbaumlichte zu nahe kommen?

~Dr.~ E.: Ja. Das Licht verwandelt zunächst durch seine Hitze das Öl in

den Nadeln in Gas. Ist dann die Nadel an einer Stelle durchgebrannt,

so strömt das Gas heraus, und zwar mit einer solchen Gewalt, daß die

Flamme des Lichtes auf Augenblicke in spitzen Stichflammen nach den

Seiten hinausschießt, wie wir das ja noch am letzten Weihnachtsabend

beobachtet haben. -- Doch nun bin ich neugierig, Hans, was du dir als

Frage Nr. 3 ausgedacht hast.

[Sidenote: Wetterhäuschen. Wetterbilder]

+Hans+: Als drittes möchte ich wohl wissen, wie eigentlich unser

kleines +Wetterhäuschen+ am Fenster eingerichtet ist. Ich dachte immer,

das wäre nur ein Scherz, daß bei schlechtem Wetter der Mann mit dem

Schirm, bei gutem die Frau herauskäme. Aber ich habe öfter gesehen, daß

es wahrhaftig so stimmt. Heute früh z.❰B., wo es so regnete, war die

Frau ganz hineingekrochen und der Mann weit draußen. Solche Holzpuppen

können doch aber unmöglich ein Gefühl dafür haben, was für Wetter ist.

~Dr.~ E.: Diese letzte große Wahrheit wird dir wohl niemand bestreiten

wollen. Aber auch deine Beobachtung, daß die Wetterfiguren sich so

selten irren, ist vollkommen zutreffend, wenn sie auch nicht sowohl das

Wetter selbst anzeigen, als vielmehr den Gehalt der +Feuchtigkeit+,

der in der Luft ist, und der allerdings in vielen Fällen einen Schluß

darüber erlaubt, ob Regen zu erwarten ist oder nicht. Die innere

Einrichtung eines Wetterhäuschens ist nun so einfach wie möglich. Sie

besteht der Hauptsache nach aus einer senkrecht hängenden, gewöhnlichen

Darmsaite, an deren unterem Ende das Querholz mit den beiden Figuren

befestigt ist. Diese Saite hat mit vielen andern Stoffen, z.❰B. mit den

menschlichen Haaren, die Eigenschaft gemein, gegen die Feuchtigkeit

der Luft sehr empfindlich zu sein, sie aufzunehmen und sich dabei um

sich selbst zu drehen. Bei großer Feuchtigkeit dreht sie sich mehr

zusammen, bei trockenem Wetter dreht sie sich etwas auf, ganz ähnlich,

wie ich etwa die Strähnen eines Bindfadens durch Drehen lockern oder

fester aneinanderlegen kann. Da nun, wie gesagt, das Querhölzchen unten

mit der Saite fest verbunden ist, so muß es mit seinen Figuren ihren

Drehungen folgen, und es wird daher je nachdem die Frau oder der Mann

aus dem Häuschen hervortreten.

+Hans+: Ach, das hätte ich mir auch wieder viel wunderbarer gedacht!

~Dr.~ E.: Du siehst, es kommt oft nur darauf an, daß eine einfache

Sache ein bißchen niedlich zurecht gemacht wird, um uns völlig

überraschend zu erscheinen. Daß die Wäscheleinen bei feuchter

Witterung ganz straff sind, bei trockener hingegen schlaff werden, hast

du gewiß hundertmal beobachtet, ohne es weiter auffallend zu finden.

Im Grunde genommen aber ist das dieselbe Erscheinung, die dir an den

Wetterhäuschen so geheimnisvoll und unerklärlich war. -- Doch nun

wollen wir hören, was Kurt zu fragen hat.

+Kurt+: Da wir gerade von dem Wetterhäuschen gesprochen haben, so

möchte ich mal nach den merkwürdigen Wetter+bildern+ fragen, die ich

neulich im Schaufenster gesehen habe. Es war eine Landschaft, die

ursprünglich blau aussieht, bei feuchter Witterung aber immer mehr

rot wird, so daß man einfach aus der Farbe des Bildes auf gutes oder

schlechtes Wetter schließen kann.

[Sidenote: Kobaltsalze. Zündhölzchen]

~Dr.~ E.: Auch hier handelt es sich ganz allein um den größern oder

geringern Feuchtigkeitsgehalt der Luft, der durch die Bilder angezeigt

wird. Die ganze Erscheinung beruht darauf, daß gewisse Stoffe, vor

allem die Salze mancher Schwermetalle, an der Luft Feuchtigkeit

anziehen und dann eine andere Farbe annehmen, als sie im wasserfreien

Zustande haben. Ihr wißt z.❰B., daß ein Stück Kupfervitriol blau

aussieht. Erhitze ich es in einer Schale, so daß das Wasser entweicht,

so verwandelt es sich in ein weißes Pulver, das aber sofort wieder blau

wird, sowie ich etwas Wasser darauf gieße. Ähnlich verhält es sich

mit den Salzen des Eisens, welche den feuchten Lehm gelb färben; wird

er gebrannt, so erhalten wir die roten Ziegelsteine. Viel schöner und

leichter zeigen solche Farbenveränderungen die +Kobalt+salze, welche im

trockenen Zustande blau, im feuchten schön rosa aussehen. Sie sind es

auch, welche den von dir beobachteten Farbenwechsel der Wetterbilder

hervorrufen und auch sonst zu allerlei niedlichen Spielereien benutzt

werden.

+Kurt+: Was läßt sich denn noch weiter damit machen?

~Dr.~ E.: Eine Anwendung kann ich euch gleich einmal vorführen, da

ich wohl noch etwas aufgelöstes Kobaltsalz in meinem Schranke habe.

-- Seht hier die Lösung, die ich einfach dadurch herstellte, daß ich

ein Stückchen Kobaltsalz in Wasser tat. Sie sieht schwach rosa aus.

Wenn ich nun auf dieses weiße Papier damit etwa den Namen „Kurt“

schreibe, und lasse es ein wenig trocknen, so sind die blassen, fast

wie mit reinem Wasser geschriebenen Schriftzüge gar nicht wahrzunehmen.

Halte ich nun aber das Papier einen Augenblick über die warme Lampe,

so entweicht alle Feuchtigkeit aus dem Kobaltsalz, es wird dadurch

tiefblau und die Schrift tritt jetzt, wie ihr seht, deutlich hervor.

+Kurt+: Ei, das kann man ja als Geheimschrift gebrauchen!

~Dr.~ E.: Freilich, Kurt! Und die schönsten Bilder kann man damit

malen, die nach unserm Belieben verschwinden und auch wieder

erscheinen. -- Nun aber zur zweiten Frage.

+Kurt+: Kannst du mir denn sagen, Vater, warum man die +schwedischen

Streichhölzer+ bloß an der Schachtel anzünden kann und nicht überall,

wie die gewöhnlichen?

~Dr.~ E.: Das ist für jeden, der ein wenig von Chemie versteht, leicht

zu erklären. Man muß nur wissen, daß es zwei ganz verschiedene Formen

des Phosphors gibt, den gewöhnlichen, der an der Luft raucht, sehr

giftig ist und sich leicht von selbst entzündet, und den sogenannten

roten oder amorphen, der ein unschädliches rotbraunes Pulver

darstellt, das erst bei einer Temperatur von über 300 Grad verbrennt,

mit chlorsaurem Kali jedoch, dem bekannten Gurgel-Salz, ein leicht

entzündliches Gemenge gibt. Die gewöhnlichen Schwefelhölzer enthalten

nun vorn in ihrem Köpfchen neben andern Stoffen auch eine Quantität

+gewöhnlichen+ Phosphors, dessen Eigenschaften durch Beimengungen, wie

Gummi, Bleiverbindungen usw. zwar abgeschwächt, aber nicht aufgehoben

sind. Bei jeder durch Reibung hervorgerufenen Temperaturerhöhung fängt

daher ein solches Streichhölzchen an zu brennen. Die schwedischen

Sicherheitszündhölzer hingegen enthalten in ihrem Köpfchen nicht

Phosphor, sondern als wichtigsten Bestandteil chlorsaures Kali, das

sich für gewöhnlich nicht durch Reiben entzünden läßt. Werden sie aber

an der Reibfläche der Schachtel angestrichen, die zum Teil aus +rotem

Phosphor+ besteht, so entflammen sie, weil eben beide Stoffe hierbei

zu jenem leicht entzündlichen Gemenge vereinigt werden. -- Übrigens

gelingt es bei einigen Versuchen auch, die Sicherheitszündhölzchen

etwa an einer Glasscheibe oder an andern glatten Flächen zu entzünden,

da viele Gemische, die chlorsaures Kali enthalten, schon allein durch

ihre starke Reibung entflammt werden. So enthielten beispielsweise die

ältesten Reibhölzer, die in den Handel gebracht wurden, gar keinen

Phosphor, sondern nur chlorsaures Kali und Schwefelantimon. Sie

wurden durch kräftiges Hindurchziehen durch Sandpapier zur Entzündung

gebracht.

+Fritz+: Na, das muß schön umständlich gewesen sein. Das war wohl zu

der Zeit, wo man das Pulver auf der Gewehrpfanne noch mit der Lunte

oder mit dem Feuerstein anbrennen mußte?

~Dr.~ E.: Ei behüte, Fritz! Wo denkst du hin! Du scheinst ja gar

nicht zu wissen, daß die Zündhölzer erst in den 30er Jahren des 19.

Jahrhunderts erfunden wurden. Vorher mußte man sich der Hauptsache nach

mit Stahl, Stein und Feuerschwamm behelfen, und das Feueranmachen war

damals gar keine so leichte Sache wie heutzutage.

+Kurt+: Dann werden sich aber die Menschen gefreut haben, wie das mit

einem Male durch die Phosphorzündhölzchen so schön leicht ging.

~Dr.~ E.: Vielleicht wäre es so gewesen, wenn die ersten Fabrikate

gleich eine ähnliche Vollkommenheit besessen hätten, wie die jetzigen.

Zunächst aber erschienen sie wegen ihrer leichten Entzündbarkeit als

ziemlich feuergefährlich, und die Folge war, daß sie jahrelang in

vielen Staaten polizeilich verboten wurden. -- Doch das führt uns zu

weit. Es wird Zeit, Kurt, daß du deine dritte Frage zum besten gibst.

[Sidenote: Sonnenstäubchen. Brausepulver]

Naturstudien im Hause · 第 14 / 16 段