Zweig mit vielen Blüten so völlig wie eine einzige Frucht aussehen kann.
~Dr.~ E.: Aber daß ein ganzer Blütenstand aus vielen Blüten wie eine
einzige +Blüte+ aussehen kann, hast du doch schon oft gehört.
+Kurt+: O gewiß! Das ist ja bei allen Korbblütlern so. Die
Sonnenblumen, Kamillen und Gänseblümchen zeigen das sehr schön.
~Dr.~ E.: Nun also! Außerdem haben wir ein sehr hübsches Beispiel
hierfür an einer unserer häufigsten Blattpflanzen. Seht nur hin, da
blüht sie ja!
+Fritz+: Ach, die +Kalla+![64] Ja, das haben wir mal in der Schule
gehabt. Das weiße Blatt der sogenannten Kallablüte ist nur ein
gefärbtes +Hochblatt+, und der gelbe Kolben, der da herausguckt, ist
ein ganzer Blüten+stand+ von vielen kleinen unscheinbaren Blüten.
~Dr.~ E.: Sehr schön, Fritz. Weißt du denn, wie man die Pflanzenfamilie
nennt, zu der unsere Kalla gehört?
+Fritz+: Ja, das ist die Familie der Arongewächse. Wir haben ja auch
in unsern Sümpfen eine Kalla-Art[65], die fast gerade so aussieht wie
die Topf-Kalla, und außerdem gibt es noch den Aronstab[66], der in den
Wäldern wächst und ein grünes Hochblatt hat.
~Dr.~ E.: Dann könntest du als dritten im Bunde noch den schilfartigen
Kalmus[67] nennen, der überall bei uns am Wasser sich findet. -- In
den Tropen haben übrigens die Arongewächse eine große Bedeutung, und
viele werden ihrer schönen Blätter wegen in Treibhäusern gezogen. Auch
unser Philodendron mit den seltsamen runden oder ovalen Löchern in den
Blättern ist ein Arongewächs.
+Kurt+: Gehören denn die +Begonien+ auch dazu?
[Sidenote: Begonien. Farne]
~Dr.~ E.: O, ganz und gar nicht. Die Begonien oder Schiefblätter bilden
eine ganz eigenartige Familie, die gar keine näheren Verwandten hat.
Ihr braucht euch die ganz ungewöhnlichen Blüten ja nur einmal genauer
anzusehen. Verraten will ich noch, daß sie wie bei den Palmen von
zweierlei Art sind, indem auch hier Staubgefäße und Stempel sich nicht
in derselben Blüte finden.
+Fritz+: Ist es denn wahr, Vater, daß man diese Pflanzen durch ein
einzelnes Blatt vermehren kann?
~Dr.~ E.: Allerdings. Man hat nur nötig, ein abgeschnittenes Blatt an
verschiedenen Stellen der saftigen Blattrippen einzuritzen und dann auf
feuchte Erde zu legen. An jeder Wundstelle wächst nach kurzer Zeit aus
dem Blatt ein junges Pflänzchen hervor.
+Fritz+: Ist denn das nicht was sehr Merkwürdiges?
~Dr.~ E.: Nun, so ganz vereinzelt ist diese Erscheinung nicht. Bei
manchen +Farnkräutern+[68], die häufig gezogen werden, könnt ihr sogar
sehen, wie scheinbar ganz ohne irgendwelche Veranlassung überall auf
dem Laube des Wedels junge Pflänzchen hervorknospen, die dann abfallen
und am Boden wurzeln.
+Kurt+: Kann man denn die Farnkräuter auch als Blattpflanzen bezeichnen?
~Dr.~ E.: Ich denke, diese doch wohl in erster Linie. Denn der Blüten
wegen wird doch die schwerlich jemand ziehen.
+Kurt+: Ja, das will ich glauben! Die haben doch nur so kleine schwarze
Tupfen auf den Blättern, in denen ja wohl die Samen stecken.
~Dr.~ E.: Wenigstens kann man dieses staubfeine Pulver, was da
herauskommt, insofern mit dem Samen vergleichen, als daraus junge
Pflänzchen sich entwickeln. In Wirklichkeit ist die Entwicklung eines
Farnkrautes freilich nicht so einfach, und ihr würdet euch schön
wundern, wenn ich euch seine ganze Lebensgeschichte erzählen wollte.
Dazu aber müßt ihr wohl noch ein wenig älter werden.
[Illustration]
[Illustration]
Dreizehnter Abend.
~Dr.~ E.: Na, Kurt, was hast du denn da Schönes in deiner Schachtel?
Das sieht ja ganz geheimnisvoll aus.
+Kurt+: Ja, denke nur, Vater, heute, wo wir doch noch im Februar sind,
habe ich den ersten Schmetterling gefangen. Nun muß es doch bald
Frühling werden.
~Dr.~ E.: Da bin ich doch wirklich neugierig. -- Ei, ein hübsches
lebendes Tagpfauenauge! Wo ist dir denn das in die Hände gefallen?
+Kurt+: Heute mittag war es, als ich auf dem Boden das eine Dachfenster
ein wenig öffnen wollte, weil die Sonne so schön schien. Da saß das
Tier an einem Dachbalken und klappte mit den Flügeln.
[Sidenote: Falter als Frühlingsbote. Winterschlaf]
~Dr.~ E.: Und wurde dann als Frühlingsbote von dir eingesperrt. --
Sollen wir denn nun nicht den Zeitungen Nachricht geben? Sonst kommen
dir am Ende andere zuvor und bringen dich um den Ruhm, das Nahen des
Lenzes zuerst entdeckt zu haben.
+Kurt+: Ich weiß nicht, Vater, warum du so ironisch bist. Ist es denn
nicht wahr, daß die Schmetterlinge durch ihr Auskriechen aus der
Puppe den Frühling anzeigen? In Schnee und Eis, und wenn alles kahl
ist, können sie doch nicht leben. Außerdem steht es ja auch in jedem
Frühjahr in der Zeitung, wenn die ersten Schmetterlinge beobachtet
werden.
~Dr.~ E.: Das letztere ist allerdings richtig, beweist aber in diesem
Falle weiter nichts, als daß weder die Einsender solcher Notizen,
noch die Redaktionen der Zeitungen sich in dem Besitz auch nur des
bescheidensten Schmetterlingsbüchleins befinden. Sonst würden sie
wissen, daß gerade diese Falter, die in den ersten sonnigen Tagen des
scheidenden Winters so häufig gefunden werden, wie der Fuchs, der
Zitronenfalter, das Tagpfauenauge und andere, durchaus nicht der Puppe
entschlüpft sind, sondern vom Herbst her an irgendeinem versteckten
Plätzchen +überwintert+ haben. Es sind Weibchen, die erst im kommenden
Frühling ihre Eier ablegen wollen, ehe sie sterben. Oft werden die
Tiere natürlich durch die wärmeren Strahlen der Sonne hervorgelockt;
häufig aber, und namentlich, wenn sie in unsern Häusern Unterschlupf
gefunden haben, sind sie einfach in ihrer Ruhe vorzeitig aufgestört
worden und werden nun für das Kommen des Frühlings verantwortlich
gemacht.
+Fritz+: Das ist mir auch neu, daß Schmetterlinge überwintern. Da
können sie doch keine Nahrung finden.
~Dr.~ E.: Die brauchen sie auch nicht. Sie verfallen eben in eine Art
Winterstarre oder Winterschlaf, wie viele andere Tiere. In der Schule
werdet ihr das wohl nur von dem Hamster, dem Murmeltier, dem Igel und
andern Säugetieren besprochen haben; bei den Insekten aber ist diese
Erscheinung jedenfalls noch viel allgemeiner verbreitet.
+Kurt+: Und wo findet man diese schlafenden Insekten?
~Dr.~ E.: Schade, daß augenblicklich wieder Schnee liegt. Sonst
könnten wir mal eine Winter-Exkursion auf Insekten unternehmen. Als
Knabe habe ich das fleißig betrieben und viel dabei gelernt. Es
war ein hochstämmiger Tannenwald mit dichtem Moospolster, zu dem
ich am liebsten meine Schritte lenkte. Da hättet ihr einmal sehen
sollen, was ich alles unter dem Moose, unter Laub und aus dem Innern
vermorschter Baumstämme hervorzaubern konnte. Nicht bloß Käfer aller
Art und Larven und Puppen waren da, sondern auch Wespen, Hummeln,
Schlupfwespen, Fliegen, Wanzen, Spinnen, Asseln und Tausendfüße, kurzum
die ganze bunte Gesellschaft des Sommers, und viele von ihnen hatten
sich niedliche Höhlen gegraben, in denen sie mit ihren erstarrten
Gliederchen ausruhten.
[Sidenote: Hausbewohner. Ratten. Dorfschwalbe]
+Kurt+: Ach bitte, Vater, das wollen wir doch einmal machen! -- Aber
ist es nicht interessant, daß dieses Pfauenauge sich gerade unsern
Hausboden als Zufluchtsort gewählt hat?
~Dr.~ E.: Ich finde das nicht so außergewöhnlich. Gibt es doch zahllose
andere Tiere, die auch gemerkt haben, einen wie prächtigen Unterschlupf
die Wohnungen der Menschen gewähren. Viele derselben fühlen sich ja so
wohl darin, daß sie kaum noch wo anders zu finden sind und wir sie gar
nicht wieder los werden können.
+Hans+: Ja, Papa, jeden Tag schlägt Doris in der Küche welche von den
großen, braunen Kakerlaken tot.
~Dr.~ E.: Das glaub’ ich. Die gehören auch zu dieser Sippschaft. Aber
sie sind eben nur ein Beispiel von vielen. Ich glaube kaum, daß es
unter den Landtieren -- Wassertiere verlangen ja andere Bedingungen --
irgendeine größere Gruppe gibt, aus der nicht einige Arten sich die
Wohnungen der Menschen zum Aufenthalt gewählt hätten.
+Kurt+: Also Wirbeltiere auch?
~Dr.~ E.: Na, Kurt, ich denke doch. Oder sollte Mama die Mausefalle nur
zum Vergnügen in ihrem Kleiderschranke aufgestellt haben?
+Kurt+: O weh! Da habe ich mich aber schön blamiert. An die Ratten und
Mäuse habe ich gar nicht gedacht.
~Dr.~ E.: Weißt du denn, wie viele Arten davon in unsern Häusern leben?
+Kurt+: Ich dachte, das wäre immer nur die Hausmaus und die Hausratte.
~Dr.~ E.: Nicht doch. Neben der +Hausmaus+[69] finden sich wenigstens
im Winter häufig noch die +Wald+maus[70] und die +Brand+maus[71],
denen es dann draußen zu ungemütlich wird. Von +Ratten+ aber müssen
wir gegenwärtig drei unterscheiden, die sich vollständig dem Menschen
angeschlossen haben: Die Hausratte[72], die Wanderratte[73] und die
ägyptische Ratte[74].
+Fritz+: Die ägyptische? Wie kommt denn die hierher?
~Dr.~ E.: Durch Wanderung, wie auch die beiden andern Arten. Es ist
nämlich eine höchst merkwürdige Geschichte mit den Ratten. Zuerst
hatten wir wahrscheinlich allein die +Hausratte+. Sie scheint aus
Persien zu stammen, muß aber schon im frühen Mittelalter nach
Europa gekommen sein. 1727, nach einem starken Erdbeben, soll dann
die +Wanderratte+ aus den kaspischen Ländern ihren großen Zug nach
Westen angetreten haben. Es wird berichtet, daß sie zunächst in
gewaltigen Scharen über die Wolga setzte, Rußland bevölkerte und
dann in wenigen Jahrzehnten nicht bloß ganz Europa, sondern fast die
ganze Erde eroberte. Doch erscheint es nach neueren Forschungen nicht
ausgeschlossen, daß sie auch schon vor jenem Wanderzuge in Europa
heimisch war. Da sie stärker und größer ist als die Hausratte, so muß
letztere in dem erbitterten Kampfe, den beide Arten um die Herrschaft
führen, überall zurückweichen. Nur in entlegenen Weilern und hie und
da in den oberen Stockwerken der Häuser, welche die Wanderratte nicht
liebt, fristet sie noch ein kümmerliches Dasein. In neuerer Zeit ist
nun namentlich in den südlicheren Ländern Europas auch der Wanderratte
ein Konkurrent erwachsen, nämlich die vorhin erwähnte +ägyptische
Ratte+ oder Dachratte, deren Ausbreitung nach Westen ebenfalls ziemlich
schnell vor sich zu gehen scheint. Auch bei uns hat sie sich schon hie
und da heimisch gemacht.
+Kurt+: Kann man denn die Arten leicht unterscheiden?
~Dr.~ E.: Wenn man die Merkmale kennt, gewiß. Das kannst du ja aber in
jedem Zoologiebuche nachlesen, und wenn du wirklich einmal eine Ratte
gefangen haben solltest, so will ich dir bei der Bestimmung schon
helfen.
+Fritz+: Zu den +Vögeln+, die sich die Wohnungen der Menschen zunutze
gemacht, würdest du wohl den Sperling[75] und die Hausschwalbe[76]
rechnen?
~Dr.~ E.: Die jedenfalls. Es gibt aber noch manche andere, die mit
Vorliebe im Gemäuer nisten, wie das Hausrotschwänzchen[77], der
Mauersegler[78], die Dohlen[79] und Schleiereulen[80].
+Hans+: Aber die bauen ihre Nester doch nur außen dran und leben nicht
in den Wohnungen!
~Dr.~ E.: Das ist doch nicht immer der Fall. Es gibt sogar einen Vogel,
der bei uns niemals außen, sondern stets nur im Innern der Häuser,
namentlich der Ställe und Scheunen, baut; es ist die Rauch- oder
Dorfschwalbe[81], die eben wegen dieser Gewohnheit in manchen Gegenden
auch wohl Stallschwalbe genannt wird.
+Fritz+: Hat die nicht so einen langen Gabelschwanz?
~Dr.~ E.: Ja. Doch darfst du sie nicht mit dem Mauersegler verwechseln,
dessen Schwanz ebenfalls so lang gegabelt ist. Der Mauersegler, der
auch wohl Turmschwalbe genannt wird, obgleich er gar nicht zur Familie
der Schwalben gehört, ist weit größer und fast einfarbig schwarz,
die Rauchschwalbe hingegen hat eine kastanienbraune Kehle und eine
hellroströtliche Unterseite. Ihr könnt sie schon aus der Ferne von
unsern weißbäuchigen Stadtschwalben unterscheiden.
+Kurt+: Unter den +Reptilien+ und +Amphibien+ findet sich aber doch
sicher keine Art, die sich bei uns eingenistet hat.
~Dr.~ E.: Ich glaube, wenn unser Keller feucht wäre, wie dies ja häufig
auf dem Lande der Fall, würdest du bald ein paar Prachtexemplare
dickbäuchiger Kröten eingesammelt haben, die sich mit Vorliebe dort
einfinden. Reptilien freilich gibt es glücklicherweise in unsern
Häusern nicht, doch brauchtest du am Ende gar nicht so weit zu reisen,
um auch dieses Vergnügen haben zu können.
+Fritz+: Ja, ich weiß, daß in den Tropen die Reisenden oft dadurch
erschreckt werden, daß sich Schlangen in die Zimmer und selbst in die
Betten eingeschlichen haben. Das muß eine grauliche Überraschung sein.
~Dr.~ E.: O, so weit brauchten wir gar nicht zu reisen, um Reptilien
in den Wohnungen zu finden, und zwar nicht nur als zufällige Gäste,
sondern als ganz regelrechte Mitbewohner, die sich vollständig für das
Leben in den Häusern eingerichtet haben.
+Kurt+: Aber doch jedenfalls nicht in Europa?
[Sidenote: Geckos. Kakerlaken]
~Dr.~ E.: Doch, Kurt. Schon in Italien, Spanien oder Griechenland
kannst du die Bekanntschaft der sog. +Geckos+[82] machen. Überall
klettern sie des Abends mit ihren platten Scheibenfingern an den Wänden
umher oder sitzen in den Gardinen und glotzen einen mit ihren großen
Augen an.
+Kurt+: Sind denn die Tiere giftig?
~Dr.~ E.: Nein, es sind die harmlosesten Geschöpfe von der Welt. Aber
das abergläubische Volk hat eine heillose Angst vor ihnen, und ich
erinnere mich, daß die wohlbeleibte Gattin unseres Türhüters in Neapel
beinah in Ohnmacht sank, als ihr bei einer von mir veranstalteten
Jagd so ein Tierchen unversehens auf die nackten Schultern fiel. --
Doch nun wollen wir, wenn es euch Spaß macht, mal überlegen, was wir
denn an +wirbellosen+ Tieren in unserm Hause erwarten dürfen. Von
den Weichtieren, die ja der Mehrzahl nach dem Wasser angehören und
höchstens in einigen quabbeligen +Kellerschnecken+ vertreten sein
könnten, wollen wir absehen und uns gleich zu den Gliedertieren,
insbesondere zu den +Insekten+ wenden. -- Nun, Hans, was meinst du, wie
viele Ordnungen derselben werden wohl vertreten sein?
+Hans+: Ich weiß ja gar nicht recht, was eine Ordnung ist und wieviel
es davon bei den Insekten gibt.
~Dr.~ E.: Dann entschuldige, lieber Hans. Ich dachte nicht dran, daß
ihr die Insekten in der Schule noch nicht durchgenommen habt. Aber Kurt
wird schon aushelfen.
+Kurt+: Was eine Ordnung ist, muß er aber doch wissen! Die Klasse
der Säugetiere wird ja auch zuerst in Ordnungen, dann in Familien
usw. eingeteilt. Von den Insekten haben wir, glaube ich, sieben
Ordnungen gehabt: Die Hautflügler, Käfer, Netzflügler, Geradflügler,
Schmetterlinge, Fliegen und Schnabelkerfe.
~Dr.~ E.: Damit wollen wir uns vorläufig begnügen. Kannst du mir denn
jetzt angeben, Hans, von welcher dieser Gruppe sich Arten in unserer
Wohnung finden könnten?
+Hans+: Ja, von den Käfern und von den Fliegen.
~Dr.~ E.: Welche Käfer meinst du denn?
+Hans+: Die Feuerkäfer oder Kakerlaken, die so viel in der Küche sind.
+Kurt+: Ach, das ist gediegen! Die Kakerlaken oder Schaben sind ja
gar keine Käfer, sondern Geradflügler, die mit den Heuschrecken
zusammengehören.
~Dr.~ E.: Und +warum+ sind es keine Käfer?
+Kurt+: Weil ihre Flügel nicht hornig, sondern häutig sind und vor
allem, weil sie keine ruhende Puppe haben wie die Käfer.
~Dr.~ E.: Gut, Kurt. Hast du denn schon einmal die Eier unserer
Kakerlaken gesehen?
+Fritz+: Sind das die großen braunen Dinger, die fast wie ein
Damentäschchen aussehen und manchmal in der Küche liegen? Ich meine,
ich hätte schon Tiere damit herumlaufen sehen.
~Dr.~ E.: Was du da gesehen hast, sind nicht die Eier selbst, sondern
höchst merkwürdige +Eikapseln+, wie sie sich nur bei wenigen Insekten
finden. Wenn man sie öffnet, sieht man eine ganze Menge Eier in ihnen,
zierlich in Reihen geordnet. Die Kapseln sind übrigens verschieden
geformt. Die, welche du beschrieben, gehören der großen dunkelbraunen
Kakerlake oder orientalischen Schabe[83] an, während die viel kleinere,
hellbraune deutsche Schabe[84] mehr flach rechteckige und in der Quere
geriefte Kapseln absetzt. Nach einiger Zeit springen diese Kapseln
auf und die winzig kleinen, ungeflügelten Tierchen kriechen aus ihrem
Gefängnis heraus.
+Kurt+: Neulich ist mir was sehr Schnurriges passiert. Da sah ich eine
ganz schneeweiße Schabe auf unserm Feuerherd. Ich sperrte sie in eine
Schachtel und wollte sie dir zeigen; als ich aber nach einigen Stunden
wieder nachsah, da war es eine gewöhnliche braune.
~Dr.~ E.: Da wirst du natürlich ein recht geistreiches Gesicht gemacht
haben! An sich aber ist die Sache höchst einfach, wenn wir wissen, daß
alle Insekten unmittelbar nach der Häutung zunächst ganz weiß sind, und
daß die Häutung und Färbung ihres Chitinpanzers erst im Verlauf der
nächsten Stunden erfolgt. Ein schwarzer Wasserkäfer, der aus seiner
Puppe kriecht, sieht anfangs gerade so weiß aus, wie deine Kakerlake.
-- Aber gibt es denn nun überhaupt keine +Käfer+ im Hause?
+Fritz+: O ja, die sogenannten Holzkäfer[85] in den alten Kommoden und
Schränken, die so runde Löcher bohren.
[Sidenote: Totenkäfer. Geradflügler. Fliegen]
+Kurt+: Sind das dieselben, die ein so sonderbares Ticken verursachen,
daß man sie als Totenuhren bezeichnet?
~Dr.~ E.: Ja. Abergläubische Menschen haben in dem Klopfen, das diese
Tierchen mit der Stirn gegen das Holz ausführen, und das man namentlich
in stiller Nacht deutlich vernehmen kann, ein Zeichen des herannahenden
Todes erblicken wollen. In Wirklichkeit ist es, wenn ich mich so
ausdrücken darf, ein Lockruf, mit Hilfe dessen die Liebespärchen sich
zueinander finden.
+Fritz+: Gibt es nicht auch noch eine andere Art Totenkäfer?
~Dr.~ E.: Ja, das sind große, ganz schwarze Tiere[86], die aber
in unsern Wohnungen ziemlich selten sind. Ihr Hervorkriechen aus
irgendeinem Winkel soll ebenfalls den Tod anzeigen. Weit häufiger sind
die verschiedenen Arten der Speckkäfer[87], die Pelz-[88], Brot-[89]
und Mehlkäfer[90], die ihr hauptsächlich in Küche und Speisekammer zu
suchen habt. Aus alten Vorräten von Graupen, Erbsen, Linsen usw. würde
Mutter euch wahrscheinlich ebenfalls allerlei Käfer[91] zur Verfügung
stellen können, die aber meist erst zum Vorschein kommen, wenn man jene
Früchte in Wasser einweicht.
+Kurt+: Dann wären also die Käfer sehr reichlich in den Wohnungen
vertreten?
~Dr.~ E.: Gewiß, sie bilden ja auch ohnehin die artenreichste Gruppe
der Insekten. Neben ihnen machen sich jedoch auch die Geradflügler in
mancherlei Formen bemerkbar.
+Fritz+: Das waren aber doch bloß die zwei Arten Kakerlaken.
~Dr.~ E.: Diesen zweien könnten wir zunächst wohl noch eine dritte
Art anreihen, die freilich aus Amerika stammt, jetzt aber namentlich
in unsern Hafenstädten schon ziemlich verbreitet ist, nämlich die
große amerikanische Schabe, ~Periplanéta americána~. Sodann wollen
wir die Heimchen[92] nicht vergessen, die bei jedem Bäcker zu finden
sind und sich durch ihr lautes eintöniges „Cri-cri“ bemerkbar machen.
In alten Büchern leben die winzigen Staub- oder Bücherläuse[93], die
sich als nahe Verwandte der berüchtigten Termiten darstellen, auf
unseren Blumentöpfen verschiedene Arten von Springschwänzen[94],
die man wenigstens früher auch zu den Geradflüglern rechnete,
während in der Speisekammer und zwischen altem Gerümpel das flinke
Silberfischchen[95] sich tummelt, dessen flügelloser Körper über und
über mit silberglänzenden Schuppen gepanzert ist.
+Kurt+: Das ist ja eine bunte Gesellschaft. -- Dann wird es auch wohl
verschiedene Sorten von +Fliegen+ bei uns geben.
~Dr.~ E.: Im Winter wohl schwerlich; da müssen wir uns eben mit den
paar übriggebliebenen Stubenfliegen[96] behelfen. Im Sommer freilich
ist das anders. Die großen blauen Brummer[97], die ich als Junge
immer für die Männchen der Stubenfliege hielt, kennt ihr ja; ebenso
die rotäugige Schmeißfliege[98] mit dem schachbrettartig gemusterten
Hinterleib. Eine Art, die fast ebenso aussieht wie unsere Stubenfliege,
nur ein wenig kleiner ist und einen hellern Bauch hat, ärgert uns durch
ihre furchtbare Unverschämtheit, mit der sie sich immer wieder gerade
auf unsere Stirn setzt, auch wenn wir sie zehnmal weggejagt haben. Es
ist die Hundsfliege, ~Déxia canína~. Wieder eine andere, die Stech-
oder Blindfliege[99], ebenfalls einer kleinen Stubenfliege gleichend,
quält Mensch und Vieh nicht wenig, denn sie vermag ganz empfindlich zu
stechen. Daneben gibt es noch eine größere Zahl, die mehr gelegentlich
in unsern Zimmern und an den Fensterscheiben sich herumtreiben.
+Fritz+: Kommen nicht aus den Käsemaden auch Fliegen?
~Dr.~ E.: Ja, die hätte ich bald vergessen. Ihr könnt sogar zwei ganz
verschiedene Arten aus dem Käse züchten. Die Maden der einen sind
glatt und zeichnen sich durch ihre famosen Sprünge aus. Das ist die
echte Käsefliege, ~Pióphila cásei~. Etwas seltener findet man eine
zweite Sorte bestachelter bräunlicher Maden, welche einer sogenannten
Blumenfliege, der ~Anthomýia caniculáris~ angehören.
[Sidenote: Mücken. Flöhe. Wanzen. Läuse]
+Hans+: Im Hochsommer kommen ja auch die +Mücken+ in unsere
Schlafstuben.
~Dr.~ E.: Sehr richtig, Hansel! Die haben es allerdings wohl weniger
auf unsere Wohnungen, als auf +uns selbst+ abgesehen, indem sie einfach
den Menschen gerade für gut genug halten, um mit seinem kostbaren Blut
ihren Appetit zu stillen. Wir in unserm kühlern Deutschland sind ja
am Ende noch nicht so übel dran, wenn es auch gerade keine angenehme
Musik ist, die uns von so einem halben Dutzend dieser Quälgeister
beim Einschlafen vorgemacht wird. Wie geradezu unleidlich diese Plage
indes in den Tropen wird, wenn die Moskito-Schwärme in solchen Scharen
anrücken, daß man, wie Alexander v. Humboldt sagt, seinen Namen mit dem
Stock hineinschreiben kann, davon werdet ihr ja wohl schon gehört haben.
+Fritz+: O, natürlich; das steht ja öfter in den Reisebeschreibungen.
Ich habe aber neulich gelesen, daß diese Tiere durch ihren Stich auch
das böse Sumpffieber verursachen, das ja wohl an vielen Orten in den
Tropen herrscht.
~Dr.~ E.: Ganz recht; es handelt sich hierbei um verschiedene Arten der
Mückengattung ~Anópheles~, die beim Stechen zugleich mit ihrem Speichel
einen höchst gefährlichen, nur bei starker Vergrößerung sichtbaren
Schmarotzer, das sogenannte ~Plasmódium~, in unser Blut einführen,
wodurch dann die gefürchtete Malaria-Krankheit entsteht. Tausende von
Menschen gehen alljährlich an diesem Fieber zugrunde, und schon in
Italien sind weite Landstrecken -- denkt etwa an die Campagna und die
Pontinischen Sümpfe -- durch diese Plage fast unbewohnbar gemacht.
+Fritz+: Dagegen sind ja dann die andern Blutsauger in unsern Wohnungen
noch harmlos zu nennen!
~Dr.~ E.: Die andern Blutsauger? Welche Tiere meinst du denn damit?
+Fritz+: Ich denke an die Flöhe, die Bettwanzen und die Läuse, von
denen es ja wohl auch noch wieder verschiedene Sorten gibt.
~Dr.~ E.: Nun, hoffentlich kennst du diese Tiere nicht alle aus eigener
Erfahrung! -- Die +Bettwanze+[100] ist, sozusagen, einzig in ihrer
Art; sie hat im Hause keine näheren Verwandten. Von +Flöhen+ leben
zwei Arten auf dem Menschen, der echte Menschenfloh[101] und der ihm
nahestehende, etwas größere Hundefloh.[102] Von +Läusen+ endlich gibt
es drei Sorten, die den Herrn der Schöpfung heimsuchen. Von diesen sind
die Kopf-[103] und die Kleiderlaus[104] am bekanntesten.
+Kurt+: Aber die kommen doch wohl nur bei ganz unreinlichen Menschen
vor?
~Dr.~ E.: Für gewöhnlich ja. Es gibt aber Verhältnisse, unter denen
auch der Reinlichste sich ihrer kaum erwehren kann, wie im Kriege, wo
die Kleider eben nicht nach Belieben zu wechseln sind. In tropischen
Ländern, wie z.❰B. in Brasilien, sind übrigens die Kopfläuse selbst in
feineren Familien durchaus an der Tagesordnung.
+Hans+: Da möcht’ ich dann nicht zu Besuch sein. -- Zu welchen Insekten
gehören denn die Flöhe und die Läuse?