noch besser verstehen lerne. Ich glaube, wenn man ordentlich aufpaßt,
wird man noch viel häufiger merken, was er eigentlich will.
~Dr.~ E.: Ganz gewiß; und es soll mich freuen, wenn du mir später über
deine Entdeckungen Bericht erstattest. Ein guter Tierbeobachter wird
auch dereinst ein guter Menschenbeobachter. Das aber ist eine der
notwendigsten Fähigkeiten, wenn man im Leben und in der Welt vorwärts
kommen will.
[Illustration]
[Illustration]
Zwölfter Abend.
Höre, Fritz, sagt ~Dr.~ Ehrhardt, als die Knaben versammelt sind,
du könntest morgen früh auf dem Schulwege mal bei unserm Gärtner
vorgehen und ihn bitten, zu Mutters Geburtstag am Mittwoch noch einige
Blattpflanzen zu besorgen. Ich glaube, Mutter würde sich sehr darüber
freuen.
+Fritz+: Gern, Vater. Ist es ganz gleich, was für welche er aussucht?
~Dr.~ E.: Ich denke, wir können uns auf seinen Geschmack verlassen.
Er soll nur einige recht hübsche wählen, etwa ein Philodendron, eine
Acalea und ein paar Palmen.
[Sidenote: Blattpflanzen. Palmen]
+Kurt+: Was versteht man denn eigentlich unter „Blattpflanzen“; für
gewöhnlich haben doch +alle+ Pflanzen Blätter.
~Dr.~ E.: Das ist wohl etwas zu viel behauptet; an einem Champignon,
einer Flechte oder einem Algenfaden sollte es dir am Ende schwer
werden, Blätter nachzuweisen.
+Kurt+: Ja, die meine ich auch nicht. Ich denke an die Pflanzen, die
man in Blumentöpfen zieht.
~Dr.~ E.: Dann hast du freilich recht, und ich muß zugeben, daß der
Ausdruck „Blattpflanzen“ nicht sehr passend gewählt ist. Man bezeichnet
damit aber solche Gewächse, die ganz ausschließlich ihrer hübschen
+Blätter+ wegen gezogen werden.
+Kurt+: Das heißt wohl so viel, daß ihre Blüten +nicht+ hübsch sind?
~Dr.~ E.: Bei den meisten sind sie wenigstens unscheinbar, wie bei
unserm Efeu. Andre haben zwar ganz ansehnliche Blüten, aber sie kommen
nur selten oder gar nicht zur Entwicklung.
+Kurt+: Warum denn nicht?
[Sidenote: Palmen. Kokosnüsse]
~Dr.~ E. Weil sie ein wärmeres Klima verlangen und bei uns ein
kümmerliches Dasein führen. Denke an die Palmen in unsern Blumentöpfen.
Nach zehn, ja zwanzig Jahren sind es noch die reinen Zwerge, die gar
nicht ans Blühen denken; denn auch in ihrer Heimat müssen sie erst
zu mächtigen Bäumen werden, ehe sie zum erstenmal ihre gewaltigen
Blütenrispen entfalten.
+Fritz+: Hast du denn solche Palmen schon mal blühen sehen?
~Dr.~ E.: Oft genug, Fritz. Am schönsten natürlich auf meinen Reisen
nach Nordafrika und Ostindien, wo ja die Palmen als die eigentlichen
Charakterpflanzen des Landes erscheinen. Aber auch schon auf Madeira
und den Kanarischen Inseln ist das Klima günstig genug, um eine große
Anzahl Arten derselben im Freien zur vollen Entwicklung und zum
Blühen zu bringen. Selbst in Süditalien und Spanien gedeiht z.❰B.
die Dattelpalme[46] im Freien, und in dem berühmten, an 60000 Stämme
zählenden Palmenwalde von Elche in Südspanien bin ich einen ganzen Tag
mit Entzücken umhergewandert und habe mich an den hier zur völligen
Reife gelangenden Datteln gelabt. Eine andere Art, die sogenannte
Zwergpalme[47], findet sich in diesen Ländern an felsigen Hängen
sogar überall wild. -- In gut gehaltenen hohen Gewächshäusern wachsen
übrigens auch bei uns manche Palmen zu stattlichen Bäumen heran. So
erinnere ich mich, in dem wundervollen Palmenhause der berühmten Kew
gardens in London verschiedene Prachtexemplare in voller Blüte gesehen
zu haben.
+Fritz+: Dann sind die Blüten wohl sehr hübsch?
~Dr.~ E.: Das kann man nicht gerade sagen; die einzelnen Blüten
sind sogar recht unscheinbar. Aber sie sind zu Hunderten und oft zu
Tausenden zu gewaltigen Rispen vereinigt, welche in riesigen Büscheln
oder Wedeln zwischen dem Schirmdach der Blätter sich herabsenken.
+Hans+: Und nachher werden das lauter Datteln oder Kokosnüsse?
~Dr.~ E.: O, beileibe nicht. Die große Mehrzahl der Blüten kann gar
keine Frucht ansetzen, denn sie enthalten nur Staubgefäße. Aus den
Blüten mit Stempeln entwickeln sich aber selbst bei einer reich
tragenden Kokospalme selten mehr als 100-150 Nüsse im Jahre. Bei
andern Palmenarten, wie der Dattel, bleibt die eine Hälfte aller
Bäume beständig ohne Früchte, da sie nur Staubgefäßblüten und keine
Stempelblüten besitzen. Beide Arten von Blüten sind hier also auf
verschiedene Stämme verteilt. Ein weiblicher Dattelbaum trägt dann
allerdings später meist mehrere tausend Früchte.
+Fritz+: Ich habe mich schon oft gewundert, daß die Pflanzen, die doch
zu derselben Familie der Palmen gehören, so verschiedene Früchte haben,
wie Kokosnuß[48] und Dattel. Die eine ist eine kopfgroße, harte Nuß mit
merkwürdiger Faserschicht um die holzige Schale, und die andere ist
außen so fleischig, daß man sie wie eine Pflaume essen kann.
~Dr.~ E.: Die Verschiedenheit ist doch nicht so groß, wie du denkst.
Der +Bau+ des Fruchtknotens ist bei allen Palmen der gleiche, und
nur in der spätern Ausbildung oder Entwicklung der einzelnen Teile
treten dann allerlei Besonderheiten auf. Daß die äußere Fruchtschale
das eine Mal holzig, das andere Mal fleischig wird, findet sich ja
beispielsweise auch bei unsern Nachtschattengewächsen: Der Stechapfel
hat eine trockene, aufspringende Kapselfrucht, die Kartoffel eine
Beere. Im innern Bau aber sind beide gleich.
+Fritz+: Was hat denn die dicke Faserschicht um die Kokosnuß für einen
Zweck?
~Dr.~ E.: Wenn ich dir nach der Anschauung recht vieler Menschen
antworten wollte, welche glauben, daß alles in der Natur nur für sie
da sei, so würde ich sagen: Damit der Mensch sich allerlei Flechtwerk,
Besen, Bürsten und Matten daraus machen könne. Der Botaniker aber
weiß, daß diese Faserschicht weiter nichts ist als ein rechter und
echter +Schwimmgürtel+, durch den die Nüsse befähigt sind, weite Reisen
zwischen den Inseln des Stillen Ozeans zu unternehmen. Die holzige
Schicht darunter verhindert dabei das Eindringen des schädlichen
Seewassers in den Kern, der sonst seine Keimkraft verlieren würde.
+Kurt+: Und die Milch, die im Kern ist?
~Dr.~ E.: Nun, wir haben ja neulich erst besprochen, daß im Innern
jedes Samens ein kleines Pflanzenkind schlummert --
+Kurt+: Ach, das ist großartig, daß die jungen Kokosnußpflänzchen auch
Milch bekommen, wie die Kinder!
~Dr.~ E.: Schön wär’s, Kurt. Nur schade, daß diese „Milch“ der
Hauptsache nach nichts weiter ist als reines Wasser, -- und von Wasser
pflegen Kinder doch nicht fett zu werden.
+Kurt+: Das ist wahr. Dann wird diese Milch den Pflänzchen wohl wenig
nützen.
~Dr.~ E.: Wenigstens nicht so, wie du dachtest. Dafür ist ja auch
die dicke Außenschicht des Kerns vorhanden, die ihr so gern eßt, und
in der eine Menge Nahrungsstoffe aufgespeichert sind, die von dem
Keimpflänzchen durch Anlagerung seiner Keimblätter an diese Schicht
nach und nach aufgezehrt werden. Trotzdem ist das Wasser im Innern
durchaus nicht überflüssig.
+Kurt+: Oh, daß die Pflanzen beim Keimen Wasser brauchen, weiß ich
schon. Deshalb muß man ja die Samen auch immer begießen, die man
gepflanzt hat. Aber warum die Kokosnüsse dies Wasser nun gleich bei
sich haben müssen, verstehe ich nicht recht.
~Dr.~ E.: Es scheint, als wenn das mit dem +Standort+ zusammenhängt,
an dem die Kokosnüsse keimen. Das ist der salzige Meeresstrand, und
da dürfte es für die junge Keimpflanze wichtig sein, daß sie zunächst
das von der Mutter mitgegebene süße Wasser beim Aufbau ihrer ersten
Blätter und Wurzeln verwenden kann, ehe sie zu dem für viele Pflanzen
so schädlichen Salzwasser ihre Zuflucht nehmen muß.
+Fritz+: Zu wunderbar, wie die Natur sich immer zu helfen weiß! -- Sag’
mal, wird nicht aus der dicken Außenschicht des Kerns, die man essen
kann, auch das Palmöl gewonnen?
~Dr.~ E.: Nein, Fritz. Da wirfst du zwei Dinge zusammen, die allerdings
in ihren Eigenschaften und ihrem Gebrauch ziemlich viel Ähnlichkeit
haben. Die Kerne der +Kokos+palme liefern zerschnitten die sogenannte
Kopra, einen wichtigen Handelsartikel Ostindiens und der Südsee.
Aus dieser wird +Kokosöl+ gewonnen. Das +Palmöl+ hingegen stammt
hauptsächlich von einer afrikanischen Palme, der +Ölpalme+[49]. Ihre
Früchte sind nicht größer als kleine Pflaumen und haben auch wie diese
ein saftiges Fruchtfleisch und einen festen Kern. Aus dem Fruchtfleisch
gewinnen bereits die Neger durch Kochen und Auspressen eine Menge Öl,
das fast wie Butter aussieht; die Kerne aber kommen als Palmkerne meist
nach Europa und werden hier ebenfalls auf Öl verarbeitet. -- Neben der
Ölpalme benutzt man auch noch eine Reihe anderer Arten zur Ölgewinnung.
+Kurt+: Gibt es denn so viele Palmenarten?
~Dr.~ E.: Jedenfalls mehr als du denkst. Es sind bereits über
achthundert verschiedene beschrieben worden.
+Kurt+: Das hätte ich nicht gedacht. Kennst du denn die alle?
~Dr.~ E.: O nein, mein Junge. Dazu gehört selbstverständlich ein
jahrelanges eingehendes Studium. Und an unsern paar Zimmer- und
Gewächshauspalmen kann man das überhaupt nicht lernen. Viele Arten sind
wohl noch nie in Kultur genommen, und die Mehrzahl der andern bringt
bei uns gerade die wichtigsten Merkmale, wie Stamm, Blüten und Früchte,
kaum je zur vollen Ausbildung.
+Fritz+: Sind denn die Stämme auch verschieden?
~Dr.~ E.: Gewiß. Für gewöhnlich gleicht der Palmstamm bekanntlich
einer einfachen, geraden Säule, an deren Ende die mächtigen Blätter
sich schirmförmig nach allen Seiten ausbreiten. Dieser Stamm kann nun
fast glatt oder geringelt sein, oder er ist dicht mit den Überresten
abgestorbener Blätter, ja auch wohl mit Dornenreihen besetzt. Bei
manchen Arten teilt sich der Stamm in eine Reihe von Ästen, deren
jeder eine Blattkrone trägt, wie bei der in Oberägypten so häufigen
Dumpalme[50], und noch wieder bei andern ist er ganz kurz und fast
unterirdisch.
+Kurt+: So sieht es ja immer bei unsern Zimmerpalmen aus. Einen
ordentlichen Palmenstamm habe ich noch nie gesehen.
~Dr.~ E.: Da wirst du wohl ein wenig im Irrtum sein. Oder solltest
du nie in deinem Leben die Bekanntschaft mit einem sehr nützlichen
Instrument gemacht haben, das man für gewöhnlich zum Rockausklopfen
braucht, manchmal sogar, wenn noch ein Junge in dem Rock drinsteckt?
+Kurt+: Du meinst den +Rohrstock+? Aber den habe ich nicht für einen
Palmenstamm gehalten. Er heißt ja auch „spanisches Rohr“, und Rohr oder
Schilf gehört doch zu den Gräsern.
~Dr.~ E.: Aus allem dem folgt weiter nichts, als daß die Leute, welche
zuerst die Pflanzen überseeischer Länder kennenlernten, eben nicht
immer Botaniker waren. Es gibt in der Tat zwei ganz verschiedene Dinge,
die beide mit dem Namen „spanisches Rohr“ belegt werden. Das eine ist
wirklich ein +Gras+[51], und zwar das größte, das wir in Europa haben,
denn es erreicht über doppelte Mannshöhe und hat einen bis armdicken,
sehr festen, fast holzigen Halm. Die bekannten, ineinander schiebbaren
Angelstöcke sind häufig aus diesem Gras gemacht, das in Südeuropa
weit verbreitet ist und zu allen möglichen Dingen verwendet wird. Das
andere spanische Rohr, auch Stuhlrohr oder Rotang[52] genannt, ist eine
ostindische +Palmen+gattung mit vielen Arten. Sie zeigen allerdings
in ihrem ganzen Aussehen etwas Grasartiges, haben sonst aber mit den
Gräsern nicht die geringste Verwandtschaft. Aus diesem Rotang werden
neben zahllosen andern Sachen namentlich auch unsere Rohrstühle
geflochten. Du sitzt also in diesem Augenblicke auf zerfaserten
Palmenstämmen, die du noch nie gesehen zu haben glaubtest.
+Fritz+: Aber wie unterscheidet sich denn das Schilfrohr von dem Rotang?
~Dr.~ E.: Natürlich so, wie sich überhaupt Palmen von Gräsern
unterscheiden. Sieh dir doch einmal den Querschnitt eines Rohrstocks
an und vergleiche ihn mit dem unseres Schilfrohrs. Ist denn das nicht
grundverschieden?
+Fritz+: Ja, das muß ich zugeben: Der Rohrstock ist ganz solide im
Innern; er zeigt lauter kleine Poren, wie mit Nadeln gestochen.
Ein Rohrhalm aber ist im Innern hohl und hat nur hie und da feste
Zwischenwände, die sogenannten Halmknoten.
~Dr.~ E.: Ich könnte dir außerdem erzählen, daß die Blätter des Rotang
ebenso wie die der meisten Palmen +gefiedert+ sind, während die Gräser
stets +einfache+, lineale Blätter haben. Nicht minder verschieden sind
dann Blütenbau und Früchte.
[Sidenote: Bambus]
+Hans+: Ist denn nun der Rohrstock dasselbe wie +Bambus+?
~Dr.~ E.: Nein, mein Hansel, da kommst du noch wieder mit einer
dritten Sorte von Pflanzen, die zu Stöcken verarbeitet werden. Die
Bambusgewächse[53] sind keine Palmen, sondern ebenfalls Gräser, wenn
auch von einer Höhe und Gewaltigkeit, von der wir uns kaum eine
Vorstellung machen können. Sie sind völlig baumartig, und einzelne
Arten erreichen eine Höhe bis zu vierzig Metern. Die undurchdringlichen
Dickichte Ostindiens, die sogenannten Dschungeln, bestehen vorwiegend
aus diesen Gräsern, welche bekanntlich so schnell emporschießen, daß
man dort im wahrsten Sinne des Wortes das Gras wachsen sehen kann.
Namentlich die knotigen Wurzelschößlinge, das sogenannte Pfefferrohr,
werden bei uns viel zu Schirmstöcken, Pfeifenrohren usw. verarbeitet.
+Fritz+: Kann man denn die Palmen nicht an den Blättern unterscheiden?
~Dr.~ E.: Bis zu einem gewissen Grade wohl. Im wesentlichen aber gibt
es nur zwei Hauptformen des Blattes: Das fächerförmige oder gefingerte,
und das gefiederte, wonach man dann gewöhnlich +Fächer+palmen und
+Fieder+palmen unterscheidet. Zu den Fächerpalmen gehören von
bekannteren Arten vornehmlich die echte Fächerpalme[54] Indiens und
die Zwergpalme[55] Südeuropas; zu den Fiederpalmen die Kokospalme[56],
Dattelpalme[57], Ölpalme[58], die echte Sagopalme[59] und die
Rotangpalme[60].
+Kurt+: Und die +Dracaenen+ in unserer Balkonstube, die doch auch so
einen schlanken geringelten Stamm haben mit einem Blattschirm am Ende,
gehören nicht zu den Palmen?
~Dr.~ E.: Nein, die gehören in die Nähe des Spargels und der Maiblume.
Schon die einfachen, lanzettlich linealischen Blätter lassen auf den
ersten Blick erkennen, daß wir es nicht mit einer Palme zu tun haben.
+Fritz+: Warum heißen denn diese Pflanzen eigentlich „Drachenbäume“?
~Dracaena~ ist ja nur die lateinische Übersetzung.
[Sidenote: Drachenbäume. Harz]
~Dr.~ E.: Mit dem Namen „Drachenbäume“ belegt man eine ganze Reihe
von Pflanzen, von welchen ein dunkelblutrotes Harz, das sogenannte
„Drachenblut“, gewonnen wird. Dasselbe war früher in der Medizin hoch
geschätzt und wurde mit Gold aufgewogen, während es heute nur noch zu
Polituren, Firnissen usw. Verwendung findet. Das meiste Harz kommt von
einer ostindischen Palmenart, der Drachenpalme[61], in den Handel; auch
ein westindischer Baum mit Schmetterlingsblüten[62] liefert ziemlich
viel davon. Am berühmtesten aber war das Drachenblut einer ~Dracaena~
auf den Kanarischen Inseln, des seltsamen, fast vorsintflutlich
gestalteten +Drachenbaumes+[63], deren einer, von gewaltigem Umfange
und nach Alexander von Humboldts Schätzung viele tausend Jahre alt,
von den Ureinwohnern der Inseln, den tapfern Guanchen, als heilig
verehrt wurde. Er stand in dem Städtchen Orotava und ist erst in den
60er Jahren durch einen Sturm vernichtet worden. Von diesem kanarischen
Drachenbaum, der übrigens gewiß herzlich wenig Drachenblut lieferte,
hat die ganze Gruppe der Dracaenen, die ja zu den beliebtesten
Zimmerpflanzen gehört, ihren Namen erhalten.
+Kurt+: Inwiefern sind sie denn mit unserm Spargel verwandt?
~Dr.~ E.: Nun, du könntest sie auch als baumförmige Lilien bezeichnen.
Im Bau ihrer Blüten, die ja gar nicht so selten auch bei uns als
reichblütige violette Rispen zur Entwicklung kommen, gleichen sie ihnen
vollständig, und die Frucht ist wie beim Spargel und Maiglöckchen eine
dreisamige rote Beere.
+Fritz+: Was für einen Zweck hat denn eigentlich dieses Drachenblut in
der Pflanze?
~Dr.~ E.: Wie ich schon sagte, gehört das Drachenblut zu den +Harzen+,
die gleich den flüssigen Balsamen im Pflanzenreiche weit verbreitet
sind. Ich erinnere nur an das Harz unserer gewöhnlichen Kiefern und
Fichten. Was für eine Bedeutung diese Harze für die Pflanze haben, ist
wohl noch nicht ganz sicher festgestellt. Aller Wahrscheinlichkeit
nach handelt es sich um Stoffe, die bei den chemischen Vorgängen im
Innern der Pflanze als unbrauchbar ausgeschieden wurden und nun in
röhrenartigen Hohlräumen zwischen dem Gewebe, in den sogenannten
Harzgängen, sich ansammeln. In vielen Fällen indes erscheint die
reichliche Harzbildung geradezu als eine Krankheit. So kann man
bekanntlich das Holz unserer Tannen „kienig“, d.❰h. reich an Harzen
machen, wenn man sie verwundet.
+Fritz+: Wird denn nicht auf ähnliche Weise, ich meine durch Reißen von
Wunden in den Stamm, das Harz aus unsern Fichten gewonnen?
[Sidenote: Terpentin. Gummi. Kautschuk]
~Dr.~ E.: Allerdings. Was in den sogenannten Harzgängen unserer
Nadelhölzer zunächst vorhanden ist, heißt +Terpentinöl+ und ist
dünnflüssig. Nachdem es aber aus der Wunde herausgeflossen ist,
verändert es sich teilweise unter dem Einfluß der Luft, es „verharzt“
und wird zäher. Man erhält so den gewöhnlichen +Terpentin+, der demnach
als eine Mischung von Terpentinöl und Harz zu bezeichnen ist.
+Kurt+: Ist denn der Kirschgummi an unsern Pflaumen- und Kirschbäumen
auch durch eine Verwundung hervorgerufen?
~Dr.~ E.: Ja. So wie es eine Harzkrankheit gibt, so gibt es bei
manchen Pflanzen auch eine +Gummi+krankheit. Aus beiden aber weiß der
Mensch Vorteil zu ziehen. Denn wie er das Harz einsammelt, um allerlei
nützliche Stoffe daraus zu machen, wie Terpentin und Kolophonium, so
benutzt er auch das Gummi verschiedener Pflanzenarten zu mannigfachen
Zwecken.
+Kurt+: Oh, Radiergummi und Gummibälle haben wir ja sogar hier im Hause.
~Dr.~ E.: Nein, Kurt, an die habe ich zunächst nicht gedacht; die
gehören in ein ganz anderes Kapitel. Ich hatte in erster Linie das
+Gummiarabikum+ im Auge, das ihr ja aber auch kennt. Es fließt in ganz
ähnlicher Weise wie unser Kirschgummi aus der Rinde afrikanischer
Akazien oder Mimosen heraus, um bald an der Luft zu spröden,
glasglänzenden Stücken zu erhärten. In Wasser gelöst liefert es dann
ein vorzügliches Klebmittel.
+Kurt+: Aber unser Radiergummi stammt doch auch von einer Pflanze?
~Dr.~ E.: Allerdings, und sogar von einer, die wir hier im Zimmer haben.
+Fritz+: Du meinst doch nicht unsern +Gummibaum+?
~Dr.~ E.: Und warum sollte ich den nicht meinen?
+Fritz+: Ich habe doch nie auch nur die geringste Spur Gummi an ihm
bemerkt.
~Dr.~ E.: Das will ich wohl glauben. Denn hier handelt es sich auch
nicht um eine Krankheit, wie bei den Kirschbäumen und Mimosen, bei
denen das Gummi aus einer Wunde nach außen tritt. Beim Gummibaum gehört
die Bildung des Gummis ebenso zu den regelmäßigen Lebensvorgängen, wie
bei den Tannen die Bildung des Harzes in den Harzröhrchen. Wir müssen
also das Gummi im Innern der Pflanze suchen.
+Kurt+: Da wäre ich aber doch riesig neugierig!
~Dr.~ E.: Nun, ich denke, ein Blatt können wir schon opfern. Bringt mal
den Baum her. -- So, jetzt habe ich den Blattstiel durchgeschnitten.
Seht ihr etwas?
+Fritz+: Ich sehe weiter nichts, als einen Tropfen weißen Milchsaft,
wie ihn auch die Wolfsmilch hat.
~Dr.~ E.: Und gerade dieser weiße Milchsaft ist der Saft, aus dem eure
Gummibälle gemacht werden.
+Kurt+: Ach, das ist gediegen! Ein Gummiball aus Milch klingt ja wie
die reinste Zauberei!
~Dr.~ E.: Und doch ist die Sache ziemlich einfach. Vorhin habe ich
euch erzählt, daß das flüssige Terpentinöl der Tanne an der Luft sich
verändert und zu festem Harz wird. Ähnlich ergeht es diesem weißen
Milchsaft; er +gerinnt+ an der Luft und bildet dann eine ungemein zähe,
elastische Masse.
+Fritz+: Aber das Gummi sieht doch dunkel aus, und dieser Milchsaft ist
weiß!
~Dr.~ E.: Das ist wohl nicht allzuschwer zu erklären, wenn wir an
die Zubereitungsarten denken. Die einfachste, im Innern Afrikas
gebräuchliche ist die, daß die Eingeborenen ihren Körper mit dem
Milchsaft beschmieren, ihn hier eintrocknen lassen und dann die zähe
dünne Schicht auf Stäbchen wickeln. Sollte er dabei wohl so ganz sauber
bleiben? In andern Gegenden wird der eingesammelte Milchsaft auf sog.
Formhölzer gestrichen oder in Pfannen geräuchert und erscheint dadurch
später ebenfalls dunkel gefärbt, doch kommen auch weiße oder gelbe
Sorten in den Handel.
+Kurt+: Ich dachte gar nicht, daß es verschiedene Sorten gäbe.
~Dr.~ E.: Das Gummielastikum oder Kautschuk ist ein sehr verbreiteter
Körper. Man kennt nicht weniger als 30 verschiedene Baumarten, aus
denen es gewonnen wird. Freilich ist ja die Verwendung des Kautschuks
auch so mannigfach und namentlich in jüngster Zeit so massenhaft, daß
kaum genug davon beschafft werden kann.
+Hans+: Ach ja, die Gummischuhe werden auch daraus gemacht und die
Gummireifen der Automobile und Fahrräder!
~Dr.~ E.: Ja, mein Junge, und noch viele andere Dinge, von denen du dir
wohl nichts träumen läßt. Hätte der Chemiker keine Gummischläuche und
Gummikorke, es wäre schlimm mit seinen Experimenten bestellt. In der
Medizin werden zahlreiche Geräte aus Gummi angefertigt, in der Physik
leistet es als Nichtleiter der Elektrizität ganz hervorragende Dienste.
Ja, auch Trinkgefäße, Kämme, Knöpfe, Hörrohre und Musikinstrumente
werden aus diesem Stoffe angefertigt.
+Fritz+: Aber Kämme und Knöpfe müssen doch hart sein!
~Dr.~ E.: Das sind sie auch. Der Kautschuk hat eben unter vielen andern
Vorzügen die wunderbare Eigenschaft, zusammen mit Schwefel eine feste,
hornartige Masse zu bilden, die ganz so wie Horn oder Holz mit Säge,
Hobel und auf der Drehbank verarbeitet werden kann.
+Kurt+: Das hätte ich doch nicht gedacht, daß unser langweiliger
Gummibaum so nützlich wäre. Nun möchte ich auch wissen, was er denn
eigentlich für Blüten hat.
~Dr.~ E.: Bei uns wird er dir den Gefallen wohl nicht tun und blühen.
Aber dicht neben ihm steht zufällig ein ganz naher Verwandter, an dem
kannst du am Ende die Blüten studieren.
+Kurt+: Da steht bloß ein +Feigenbaum+; ist der etwa mit ihm verwandt?
[Sidenote: Feigenbaum]
~Dr.~ E.: Freilich. Beide gehören sogar zu derselben Gattung. Der
Feigenbaum führt den lateinischen Namen ~Fícus cárica~, während der
Gummibaum als ~Fícus elástica~ bezeichnet wird.
+Kurt+: Schade! Unser Feigenbaum hat gar keine Blüten mehr; er hat nur
noch Früchte.
~Dr.~ E.: Sollte das wirklich wahr sein?
+Fritz+: Ja, Vater, das ist eine wunderbare Geschichte mit dem
Feigenbaum. Ich habe schon so oft aufgepaßt und wollte einmal die
Blüten sehen. Aber ich hab’s nie beobachten können; es waren immer
schon ganz kleine Feigen.
~Dr.~ E.: Das scheint mir allerdings sehr merkwürdig! Hast du denn
schon mal eine Feige aufgeschnitten?
+Fritz+: Nein, das nicht; ich durfte ja keine abpflücken.
~Dr.~ E.: Nun, so will ich’s dir jetzt erlauben. Da, nimm diese hier,
die schon fast ausgewachsen, aber noch grün ist.
+Fritz+, nachdem er die Feige der Länge nach durchgeschnitten: Ih, die
ist ja inwendig ganz hohl?
~Dr.~ E.: Und weiter bemerkst du nichts?
+Fritz+: Ja, es sieht fast aus, als wenn ein Loch an der Spitze nach
außen führt, das nur durch ein paar kleine Blättchen verschlossen wird.
Der Hohlraum selbst aber ist mit merkwürdigen kleinen gestielten Keulen
ausgekleidet. Das können doch nur die Samen sein.
~Dr.~ E.: Wenn die Feige eine +Frucht+ wäre, wie du glaubst, so hättest
du recht. In Wirklichkeit aber sind alle diese kleinen Keulen im Innern
weiter nichts, als ebensoviele +Blüten+, in denen sich später je eine
kleine harte Frucht, ein sogenanntes Nüßchen, ausbildet.
+Fritz+: Aber das ist ja kaum zu begreifen, Vater!
~Dr.~ E.: Ja, seltsam genug ist die Sache. Die Feige ist eben keine
Frucht, sondern ein hohler +Blütenstiel+. Während nun bei andern
Pflanzen die Blüten, etwa zu einer Ähre vereinigt, +außen+ an diesem
Blütenstiel sitzen, sind sie bei der Feige in das +Innere+ desselben
versenkt und bilden so die Auskleidung seiner weiten, bauchigen Höhlung.