Kurt und Hans holen Karo, den Pudel, der bellend an seinem Herrn

emporspringt und von einem zum andern läuft, um seine Freude

auszudrücken.

Ach, du armes Tier, sagt Hans, der ihm den Strick abnimmt, dir werden

sie wohl übel mitgespielt haben. Komm mal her und laß dich ordentlich

abküssen.

[Sidenote: Liebkosungen des Hundes. Bandwurm]

Nicht doch, Hans, ruft der Vater strenge, laß diese Kindereien mit dem

Hunde. Freundlich sein und spielen könnt ihr mit ihm, soviel wie ihr

wollt; aber küssen oder das Gesicht belecken lassen, muß ich unter

allen Umständen verbieten.

+Hans+: Aber warum denn, Papa? Der Karo ist doch so ein gutes Tier!

~Dr.~ E.: Darauf kommt es in diesem Falle gar nicht an, ob der Hund

gut oder böse ist. Ich fürchte auch gar nicht, daß er dir einmal die

Nase abbeißt. Aber es gibt andere sehr ernste Gründe, welche jeden

verhindern sollten, sich von einem Hunde belecken zu lassen.

+Fritz+: Du meinst wohl, weil so ein Tier an allem herumschnuppert und

vieles frißt, was nicht gerade appetitlich ist?

~Dr.~ E.: Nein, die Sache ist viel schlimmer. Der Kuß von einem Hunde

kann unter Umständen schwere Krankheit, ja, selbst den Tod herbeiführen.

+Kurt+: Glaubst du denn, daß er +toll+ sein könnte?

[Sidenote: Hundebandwurm. Übertragung desselben]

~Dr.~ E.: O gewiß nicht. Das würde man ihm schon ansehen. Außerdem

hättet ihr in einem solchen Falle weit eher einen unvermuteten +Biß+

als Liebkosungen zu erwarten. -- Aber habt ihr denn noch nie etwas vom

+Bandwurm+ des Hundes gehört?

+Kurt+: Vom Hundebandwurm? Nein. Ich wußte nur, daß die +Menschen+

manchmal Bandwürmer haben. Einer aus unserer Klasse hat diesen Sommer

eine ordentliche Kur deshalb durchmachen müssen.

~Dr.~ E.: Und hast du eine Ahnung, wie dein Freund zu diesem

scheußlichen Tier gekommen ist?

+Kurt+: Ja, der Doktor hat gesagt, das käme von dem vielen rohen

gehackten Fleisch, das er nach dem Nervenfieber immer essen mußte.

~Dr.~ E.: Ohne Zweifel. Aber wie kann denn aus dem Fleisch ein Wurm

werden?

+Kurt+: Nun, der wird wohl schon als Junges in dem Fleisch gesessen

haben?

~Dr.~ E.: Meinst du? Wie soll denn so ein junger Wurm in das Fleisch

eines Ochsen geraten?

+Fritz+: O, das weiß ich, Vater! Im Fleisch der Ochsen und Kühe sitzen

keine Bandwürmer, sondern sogenannte +Finnen+, und wenn man diese mit

ißt, so bekommt man den Bandwurm.

~Dr.~ E.: Nun, das führt uns wenigstens etwas weiter. Was du da sagst,

hat seine volle Richtigkeit. Diese Finnen, welche man gar nicht so

selten zwischen den Fleischmassen des Rindviehs zerstreut findet,

erscheinen wie kleine, fast erbsengroße Bläschen, von deren Wand ein

winziges, kaum stecknadelkopfgroßes Knöpfchen ins Innere hineinragt.

Dieses kleine Knöpfchen, welches eben wegen seiner Kleinheit leicht dem

Hackmesser entgeht, ist das Gefährliche bei der Sache, denn aus ihm

entwickelt sich, wenn es in den Magen und Darm des Menschen gelangt,

die viele Meter lange Kette des erwachsenen Bandwurms.[40]

+Kurt+: Wie kann man denn so was beobachten?

~Dr.~ E.: Das ist natürlich nicht so leicht. Vermutet hat man es schon

seit alten Zeiten, da dieses kleine Knöpfchen in der Finne ganz genau

so aussah, wie der sogenannte +Kopf+ eines erwachsenen Bandwurms mit

seinen Saugnäpfen. Bewiesen aber wurde der Zusammenhang zwischen beiden

erst dadurch, daß einige Naturforscher sich nicht scheuten, absichtlich

rohe Finnen zu essen. Sie konnten so feststellen, daß in jedem Falle

nach dem Genuß derselben das Bandwurmleiden auftrat, ja, daß in der

Regel gerade so viel Bandwürmer im Menschen sich entwickelten, als

derselbe Finnen verschluckt hatte.

+Hans+: Brr! Papa, da möchte ich doch kein Naturforscher sein!

~Dr.~ E.: Das glaub’ ich dir, Hansel. Appetitlich ist ja so ein

Finnenbutterbrot gerade nicht. Wenn es sich aber darum handelt, die

Wissenschaft zu fördern, und wenn dadurch die Wege gefunden werden, wie

die Menschheit vor schweren Plagen beschützt werden kann, dann kommen

solche kleinen Bedenken für den echten Forscher nicht in Betracht.

Hoffentlich wirst du einst ebenso denken, wenn du größer bist.

+Kurt+: Aber wie kommen denn nun die Finnen in das Rindfleisch hinein?

~Dr.~ E.: Ein erwachsener Bandwurm bringt, wie die meisten Tiere, Eier

hervor, und zwar eine ungeheure Menge in jedem einzelnen Gliede. Die

Eier sind so klein, daß man sie mit bloßem Auge gar nicht sehen kann.

Gelangen nun einzelne Glieder des Bandwurms mit dem Kot nach außen, so

zerfallen sie allmählich; die Tausende von Eierchen aber, die in ihnen

waren und die vielleicht mit dem Dung auf das Feld gefahren werden,

zerstreuen sich in alle Winde, heften sich an Blatt und Kraut des

Ackers oder der Wiese und geraten so mit den Pflanzen in den Magen des

weidenden Viehes. Im Magen der Kuh kriecht alsbald aus dem Eichen ein

winzig kleines Geschöpf, das die Darmwand durchbohrt, von dem Blutstrom

der Adern bis in das Fleisch des Tieres geführt wird und hier zu einer

erbsengroßen Blase, also zu der vorhin erwähnten Finne auswächst.

+Fritz+: Was hat denn aber dies alles mit unserm Karo zu tun?

~Dr.~ E.: Nur Geduld, Fritz! Bisher haben wir allerdings nur von

dem Bandwurm gesprochen, der im Darm des +Menschen+ lebt und der in

seiner Jugend als sogenannte Finne im Fleisch des Rindes steckt. Wir

konnten jedenfalls daraus lernen, daß diese seltsamen Geschöpfe in

zwei einander sehr unähnlichen Zuständen auftreten, als rundliche,

erbsengroße +Finnenblase+, und als viele Meter lange +Bandwurmkette+.

Sodann ergab sich, daß beide Formen in +zwei ganz verschiedenen+

Tieren, nämlich im Rind und im Menschen, ihren Wohnsitz haben. Nun

aber kennt man eine ganze Menge solcher Bandwurmarten. Alle zeigen

dieselbe Erscheinung der beiden verschiedenen Formen von Finne und

Bandwurmkette, und alle sind in diesen beiden Zuständen auf zwei

verschiedene Wohntiere angewiesen.

+Kurt+: Dann hat also der Hund auch so eine Finne, die im Menschen zum

Bandwurm auswächst?

~Dr.~ E.: Nicht doch, Kurt; diesmal ist die Sache gerade umgekehrt. Im

+Hunde+, und zwar in dessen Darm lebt der +Bandwurm+[41], im +Menschen+

hingegen die dazu gehörige +Finne+.

+Fritz+: Ei, da bin ich aber doch neugierig, wie die zueinander

passen sollen! Wenn die Finne, die im Fleisch des Menschen sitzt,

zu einem Bandwurm im Hunde werden soll, so müßte doch der Hund das

Menschenfleisch erst fressen, gerade so, wie wir das rohe Beefsteak

essen!

~Dr.~ E.: Da hast du vollkommen recht, und ebenso sicher ist es

wohl, daß dieses Ereignis bei zivilisierten Völkern nicht eintreten

wird. Wir können daher von vornherein zugeben, daß alle Finnen des

Hundebandwurms, die in den Menschen gelangt sind, zugrunde gehen, ohne

zu ordentlichen Bandwürmern im Hunde auswachsen zu können. Aber die

Erscheinung verliert vieles von ihrer Seltsamkeit, wenn wir erfahren,

daß jene Finne im Körper der +Menschen+ nur ein +verirrter+ Gast ist.

Die +eigentlichen+ oder +regelmäßigen+ Träger der Hundebandwurmfinnen

sind das +Schwein+ und die +Wiederkäuer+, deren Fleisch ja doch häufig

genug den Hunden zur Nahrung dient.

+Fritz+: Das ist freilich etwas anderes. Aber nun ist mir immer noch

unklar, wie der Mensch solche Finnen des Hundebandwurms bekommen kann.

[Sidenote: Übertragung. Wirtswechsel der Bandwürmer]

~Dr.~ E.: Das macht sich jedenfalls viel leichter, als du zu glauben

scheinst. Zunächst ist hervorzuheben, daß der Bandwurm des Hundes im

Gegensatz zu seinem riesigen Vetter, dem Rinderbandwurm im Menschen,

ganz außerordentlich +klein+ ist. Er mißt nur einige Millimeter. Seine

wenigen Gliederchen sind jedoch jedenfalls dicht mit mikroskopischen

Eiern gefüllt, und gelangen wie gewöhnlich mit dem Kot nach außen.

Nun wißt ihr, daß ein Hund vor nichts Ekel empfindet, sondern alles

beschnuppert und alles beleckt. So kann es denn leicht geschehen,

daß eines von diesen eiergefüllten Gliederchen oder auch nur ein

kaum sichtbares Stückchen desselben an seiner Zunge hängen bleibt.

Wie dann dieses Stückchen in euren Mund gelangt, wenn ihr euch allzu

zärtlich mit dem Hund abgebt, will ich nicht weiter ausmalen. Genug, in

Hunderten und Tausenden von Fällen geschieht es tatsächlich so. Aus den

mikroskopischen Eierchen kriecht dann im Darm des Menschen wieder ein

ebenso mikroskopisches kleines rundes Tierchen, das nun in derselben

Weise wie die Rinderfinne in die Organe unseres Körpers gelangt.

+Kurt+: Aber ist denn das gar so schlimm, wenn wir nun wirklich ein

paar solche Finnen in unserem Fleisch sitzen haben?

~Dr.~ E.: Allerdings, und zwar aus verschiedenen Gründen. Erstens

ist die Finne, welche dem winzigen Hundebandwurm entstammt, durchaus

nicht so klein wie die Finne des Rindes, sondern sie kann sich zu

einer faust-, ja kopfgroßen Blase mit unzähligen Bandwurmköpfchen im

Innern entwickeln. Sodann aber sucht sie sich keineswegs immer die

Fleischmassen des Körpers zum Wohnsitz aus, sondern sie wählt vielfach

edlere Teile. Namentlich die Leber wird von ihr bevorzugt. Natürlich

wird durch eine solche Geschwulst, die häufig genug aus vielen

nebeneinander sitzenden oder auch ineinandergeschachtelten Blasen

besteht, ein großer Teil des betreffenden Organs völlig zerstört, und

oft kann nur eine kühne Operation vor dem sichern Tode retten.

+Kurt+: Hast du denn schon mal so etwas erlebt, Vater?

~Dr.~ E.: Leider, mein Sohn. Mir sind im Laufe der Jahre auch hier bei

uns eine ganze Reihe von Fällen bekannt geworden, die recht schlimm

waren. Häufiger noch ist allerdings dieses Leiden dort, wo die Menschen

in viel engerer Gemeinschaft mit den Hunden leben als bei uns. So ist

namentlich von Island bekannt, daß dort eine Menge Menschen an der

Finne des Hundebandwurms zugrunde gehen.

+Hans+: Nun will ich auch unsern Karo nicht mehr küssen!

~Dr.~ E.: Nein, mein Junge; es wäre doch zu traurig, wenn der Doktor

deinen Bauch aufschneiden und die halbe Leber herausholen müßte!

+Fritz+: Ist es denn aber nicht sehr merkwürdig, Vater, daß ein und

derselbe Bandwurm in der Jugend und im Alter in zwei ganz verschiedenen

Geschöpfen lebt? Ich meine, wenn der reife Bandwurm glücklich einmal

den für ihn günstigen Platz gefunden hat, also z.❰B. den Darm eines

Hundes, so wäre es doch für die Jungen viel vorteilhafter, wenn

sie gleich wieder an derselben Stelle zu ordentlichen Bandwürmern

auswachsen könnten? Bei diesem Verstreuen der Eier durch den Wind auf

Pflanzen, die dann erst wieder von andern Tieren gefressen werden

müssen, wird doch gewiß ein großer Teil dieser Eier nie in den Magen

irgendeines Tieres gelangen und daher einfach zugrunde gehen?

~Dr.~ E.: Es scheint ja fast, als wenn du recht hast, und als wenn

die Natur umständlicher zu Werke ginge, als es nötig wäre. Aber die

Sache hat doch einen bedenklichen Haken. Denke dir, es wäre wirklich

so, wie du es für zweckmäßig hältst. Dann würden also im Darm eines

Hundes neben dem alten Bandwurm bald Hunderte und Tausende von jungen

sich entwickeln. Auch diese brächten bald wieder Eier hervor, kein

Keim ginge verloren, und das Wurmparadies in diesem Hundedarm wäre

anscheinend fertig. Nun aber wird dem Hunde dabei natürlich immer

ungemütlicher, und selbst, wenn ihn seine Würmer nicht zu Tode quälen,

muß er doch eines schönen Tages ins Gras beißen. Er stirbt, wie eben

alle Tiere sterben, und was wird nun aus deiner ganzen Wurmherrlichkeit?

+Fritz+: Ja, wenn dann die Würmer nicht auswandern können, so müssen

sie wohl alle mit zugrunde gehen.

~Dr.~ E.: Das Auswandern würde wohl kaum etwas nützen, da eben ein

Bandwurm sich in der freien Natur nicht ernähren kann. Es ist also

tatsächlich so, daß von all den Tausenden von Würmern, welche sich

im Laufe der Zeit bei unserm Hunde entwickelt hätten, auch nicht ein

einziger mit dem Leben davon käme. Da aber nun sämtliche Hunde, die

z.❰B. heute auf der Erde leben, in etwa 20 Jahren gestorben sein

werden, so ist es klar, daß, wenn von keinem derselben während seines

Lebens ein Bandwurmkeim nach außen gelangte, wenn also auch kein

jüngerer Hund einen solchen in sich aufnehmen könnte, nach dieser Zeit

mit dem letzten von Würmern besetzten Hunde auch der letzte Bandwurm

zugrunde gehen würde. Das Geschlecht der Hundebandwürmer hätte dann

überhaupt zu bestehen aufgehört.

+Kurt+: Aber das wäre doch ganz famos, wenn diese scheußlichen Tiere

nicht mehr auf der Welt wären!

~Dr.~ E.: Von unserm Standpunkte aus gewiß. Aber die Natur richtet

sich durchaus nicht nach dem, was +wir+ wünschen. Ein jedes Geschöpf

ist -- ich habe das schon einmal, wie wir von den Spinnen sprachen,

hervorgehoben -- ebensogut zum Leben berechtigt, wie wir selbst. Wenn

wir daher die Einrichtungen in der Natur verstehen wollen, so müssen

wir fragen, nicht inwiefern sie für uns, sondern inwiefern sie für das

+betreffende Geschöpf+ zweckmäßig sind, für das sie bestehen.

+Fritz+: Daß die Eier des Bandwurms oder seine Jungen eine Gelegenheit

haben müssen, den alten Hund zu verlassen, sehe ich jetzt wohl ein;

aber warum können sie nicht gleich wieder in einen jungen Hund

gelangen, warum müssen sie erst in einem ganz andern Tier zur Finne

werden?

~Dr.~ E.: Diese Frage kann ich dir nur zum Teil beantworten. Es gibt

nämlich Eingeweidewürmer genug, deren Eier sofort nach der Auswanderung

sich in dem Darm derselben Tierart wieder zu reifen Würmern entwickeln,

wie beispielsweise unsere Spulwürmer[42] und die mit Recht so sehr

gefürchteten kleinen Madenwürmer[43] oder Pfriemenschwänze. Wenn

aber ein solcher Jugendzustand, wie ihn die Finne darstellt, einmal

vorhanden ist, so leuchtet ein, daß derselbe am vorteilhaftesten

in solchen Tieren sich entwickelt, welche dem Besitzer des reifen

Bandwurms zur +Nahrung+ dienen. Hunde pflegen sich gegenseitig nicht

aufzufressen. Eine Finne im Hundefleisch hätte also nur wenig Aussicht,

in den Darm eines Hundes zu gelangen, um dort zur Bandwurmkette

auszuwachsen. Das Schaf aber, das Rind, überhaupt die Pflanzenfresser

bilden die natürliche Nahrung der hundeartigen Raubtiere, und so sehen

wir auch hier wieder, daß unter den obwaltenden schwierigen Umständen

tatsächlich das Zweckmäßigste für die Erhaltung des Geschlechtes der

Bandwürmer geschehen ist.

+Kurt+: Aber es kann doch immer nur ein großer Zufall sein, daß so ein

Bandwurmei oder mehrere in eine Kuh geraten!

~Dr.~ E.: Das ist es auch. Aber wie ich schon sagte, ist die Zahl der

von einem einzigen Bandwurm hervorgebrachten Eier eine so ungeheure,

daß es auf ein paar Hunderttausend nicht ankommt. Wenn von vielen,

vielen Tausenden nur eines ans Ziel, d.❰h. in den Körper eines

Wiederkäuers und von da wieder in den Magen eines Hundes gelangt,

so ist die Erhaltung der Art gesichert. Zudem sind die Beziehungen

zwischen den beiden Tierarten, welche Finne und Bandwurm in stetem

Wechsel aufeinander übertragen, in vielen Fällen weit inniger, als

zwischen Kühen und Hunden.

+Fritz+: Wie meinst du das „inniger?“

~Dr.~ E.: Nun, ich denke, zwischen Fuchs und Hase z.❰B. besteht

eine solche engere Beziehung. Der Fuchs frißt jedenfalls in seinem

Leben eine ganze Menge Hasen, und diese wieder leben in denselben

Waldrevieren, fressen die Kräuter, über welche die Bandwurmeier aus dem

Kot des Fuchses durch den Wind zerstreut sind. Noch interessanter ist

die Wechselbeziehung zwischen unserm Hunde und der winzigen Hundelaus,

die auf seinem Körper lebt. Die Hundelaus beherbergt eine Finne, und

der Hund, der sie von seinem Fell wegbeißt, bekommt davon einen ganz

gehörigen Bandwurm.[44]

+Kurt+: Dann hat also der Hund verschiedene Bandwurmarten?

~Dr.~ E.: O ja, eine ganze Anzahl. Einer ist sogar darunter, der dem

Menschen jährlich Millionen kostet.

+Kurt+: Wieso denn? Sterben die Hunde davon?

~Dr.~ E.: Die Hunde nicht, wohl aber die Träger der Finnen, die Schafe!

[Sidenote: Drehkrankheit der Schafe]

+Fritz+: Ach, da denkst du wohl an den Wurm, der die Drehkrankheit

verursacht?

~Dr.~ E.: Freilich, Fritz! Hast du schon mal davon gehört?

+Fritz+: Ja, das ist eine große Blase, die im Gehirn der Schafe sitzt

und sie ganz blödsinnig macht, so daß sie sich immer auf einem Beine

drehen.

~Dr.~ E.: Gewiß. Und diese hühnereigroße Blase im Schafsgehirn ist

nichts als die Finne eines Bandwurms[45], der später als lange Kette im

Darm des Hundes lebt.

+Hans+: Aber wovon weiß man denn, daß ein Schaf blödsinnig ist? Können

die denn noch dümmer werden, als sie schon sind?

~Dr.~ E.: Es ist ja wohl wahr, daß alle unsere Haustiere, soweit sie

nicht Gefährten des Menschen wurden, wie der Hund und das Pferd, im

Laufe der Jahrtausende geistig recht beschränkt geworden sind. Der

Mensch hat ihnen ja alle die Sorgen abgenommen, welche das Denkvermögen

der wilden Tiere immer aufs neue anregen. Der Mensch ist es, welcher

für ihre Nahrung sorgt, sie vor Feinden und Gefahr beschützt, ihnen

Obdach und Lager bereitet. So mußten denn unsere Haustiere, der Esel,

das Rind, das Schwein und Schaf im Laufe der Zeit völlig verdummen. Sie

sind uns ein warnendes Beispiel dafür, daß ein bequemes, sorgenloses

Leben den Geist lähmt, und daß dessen Kräfte nur im Kampfe um das

tägliche Brot zur vollen Entfaltung gelangen können. Trotz alledem ist

ein geistig gesundes Schaf noch sehr wohl von einem blödsinnigen zu

unterscheiden. Der stiere Blick, die eigentümlichen Drehbewegungen um

ein fest aufgestemmtes Vorder- und Hinterbein, das Hin- und Hertaumeln

und andere Erscheinungen, welche die oft völlige Bewußtlosigkeit des

Tieres verraten, lehren uns auf den ersten Blick, daß wir es mit einem

kranken Schafe zu tun haben. Wundern kann uns das übrigens nicht, denn

wenn ein großer Teil des Gehirns zerstört ist, muß es natürlich auch

mit dem Verstande zu Ende gehen.

+Kurt+: Aber ich denke, die Tiere haben überhaupt keinen Verstand.

~Dr.~ E.: Das ist eine Ansicht, die allerdings ziemlich verbreitet

ist und noch aus der Zeit stammt, wo der Mensch in seiner Überhebung

die Kluft zwischen sich und dem Tier für viel größer hielt, als sie

in Wirklichkeit ist. Von denen aber, welche die Handlungen der Tiere

vorurteilsfrei beobachten, zweifelt wohl schwerlich jemand daran, daß

das Empfinden sowohl wie das Denken bei den höheren Tieren recht wohl

entwickelt ist.

+Fritz+: Daß unser Karo Freude empfinden kann, haben wir ja erst vorhin

deutlich genug gesehen. Das kann man nicht bezweifeln. Ebenso merkt

man es ganz genau, wenn er bös und zornig ist, oder wenn er Furcht hat.

Ich denke aber, sein Handeln ist doch wohl weniger überlegt und bewußt,

als vielmehr durch den Instinkt geleitet.

[Sidenote: Instinkt. Verstand der Tiere]

~Dr.~ E.: Mit diesem unglücklichen Wort „Instinkt“ wird sehr viel Unfug

getrieben. Man versteht ja darunter zweckmäßige Handlungen, die nicht

durch Überlegung oder Erfahrung veranlaßt sein können, bei denen also

gewissermaßen unbewußt von dem Tiere das Richtige getroffen wird. Ganz

gewiß gibt es solche Handlungen bei den Tieren, wir brauchen nur etwa

an den Nestbau der Vögel oder an die Kunstfertigkeiten der Insekten

zu denken. Ebenso sicher aber ist, daß bei den höheren Tieren diese

instinktiven Handlungen mehr und mehr zurücktreten und durch bewußte,

auf eigenem Nachdenken beruhende ersetzt werden. Ganz verschwunden

ist übrigens der Instinkt auch beim Menschen nicht. Namentlich bei

Naturvölkern hat man in dieser Hinsicht sehr interessante Beobachtungen

gemacht.

+Kurt+: Daß ein Hund denken kann, das glaube ich auch ganz gewiß. Als

ich gestern zur Schule ging, stand vor einem Hause ein Hundewagen mit

einem großen Ziehhund davor. Der Herr kam aus dem Hause zurück, ohne

daß der Hund es bemerkte, und wollte den Wagen rückwärtsziehen. Der

Hund aber stemmte sich mit aller Macht dagegen, weil er es für nicht

in der Ordnung hielt, daß der Wagen zurückrollte. Als aber der Herr

nach vorn gegangen war und sich dem Hunde gezeigt hatte, half er sofort

selbst eifrig mit, den Wagen zurückzuziehen.

~Dr.~ E.: Siehst du, Fritz, da hat Kurt ein sehr niedliches Stück

wirklicher Überlegung eines Hundes beobachtet, wobei von Instinkt

gar keine Rede sein kann. Zunächst haben wir das Pflichtbewußtsein,

welches dem Tiere sagte, daß der Wagen da bleiben müsse, wo sein Herr

ihn hingestellt. Daher der Widerstand, als der Wagen aus einem ihm

unerklärlichen Grunde nach hinten rollt. Dann sofort beim Erscheinen

des Herrn ein Begreifen der ganzen Sachlage, ein Verstehen der Absicht

seines Herrn, die nun alsbald nach besten Kräften unterstützt wird.

Ich glaube nicht, daß ein Mensch in diesem Falle anders hätte handeln

können. Doch, es gibt ja Hunderte von Beispielen, wo Hunde durchaus

darüber klar waren, daß ihr Herr in dringender Gefahr, wo sie Kinder

aus dem Wasser gezogen, Hilfe herbeigerufen, Übeltäter zur Entdeckung

gebracht und was sonst noch für kluge, überlegte Handlungen begangen

haben. Jeder Hundefreund weiß, wie das Verständnis des Hundes für die

menschlichen Verhältnisse ein ganz überraschendes ist. Auch das so oft

zu beobachtende Träumen der Hunde beweist, daß sie selbst im Schlafe

lebhafte Vorstellungen haben.

+Fritz+: Das will ich auch alles gern zugeben. Aber ich glaube

doch, daß das Denken der Tiere sich sehr weit von dem der Menschen

unterscheidet. Ich meine, daß ein Hund z.❰B. keinen verallgemeinerten

oder abstrakten Begriff fassen kann.

~Dr.~ E.: Mit dem Philosophieren wird es freilich wohl gute Wege

haben. Daß die Tiere aber auch allgemeine Begriffe bilden, scheint

mir kaum zweifelhaft. Die Vorstellung „Bettler“ hat so ziemlich jeder

Hund und richtet danach sein Verhalten, auch wenn er den betreffenden

Menschen zum erstenmal sieht. Ebenso wird er wohl Begriffe wie

„Wald“, „schönes Wetter“, „Zufriedenheit“ aus seiner Erfahrung sich

aufbauen. Wie weit indes diese Fähigkeit der Verallgemeinerung geht,

ist schwer zu entscheiden. Um so weniger aber sind wir berechtigt,

eine +grundsätzliche+ Verschiedenheit des Denkvermögens bei Tieren

und Menschen anzunehmen. In bezug auf +Ausbildungsfähigkeit+, das

unterliegt gewiß keinem Zweifel, stehen die geistigen Kräfte des Hundes

tief unter den unsrigen; dennoch dürfen wir nicht vergessen, daß es

auch Menschenrassen gibt, die nicht bis drei zählen können, und denen

die Fähigkeit, allgemeine Begriffe zu bilden, fast völlig mangelt.

[Sidenote: Sprache]

+Fritz+: Aber diese wilden Völkerschaften haben doch eine aus Worten

zusammengesetzte +Sprache+!

~Dr.~ E.: Ja, da hast du recht. Und die artikulierte Sprache ist auch

wohl in geistiger Hinsicht der bedeutsamste Unterschied zwischen

uns und den Tieren. Seine Gefühle und seine Wünsche durch Laute

auszudrücken, ist ja auch der Hund imstande, so daß selbst der Mensch

aus dem verschiedenartigen Bellen, Knurren, Heulen, Jaulen erkennt,

was er empfindet; aber es fehlt doch die Wortbildung, und was jener

amerikanische Professor unlängst von der Sprache der Affen berichtet

hat, bedarf doch wohl noch weiterer Bestätigung. Derselbe behauptet

nämlich, von den verschiedenen Affen, die er in zoologischen Gärten

und in der freien Natur beobachtete, nach und nach über fünfzig Laute

vernommen zu haben, die fast wortartig klingen und ganz bestimmte

Dinge, wie „Nasses“, „Futter“, „Gefahr“ und so fort ausdrücken sollen.

Unmöglich wäre eine solche Spezialisierung der Laute ja nicht, aber

vorläufig haben wir wohl kaum Grund, die Affen in bezug auf das

Vermögen, sich verständlich zu machen, auf eine viel höhere Stufe zu

stellen, als unsere Hunde.

+Fritz+: Wäre es denn denkbar, daß die Sprache beim Menschen sich auch

erst ganz allmählich aus einzelnen Lauten entwickelt hat, so etwa, wie

es der Professor von den heutigen Affen behauptet?

~Dr.~ E.: Das ist nicht nur möglich, sondern nach den Ergebnissen der

Sprachforschung so gut wie gewiß. Noch heute erkennen wir selbst in den

vollkommensten Sprachen an zahlreichen Worten, daß sie ursprünglich

Naturlaute waren. Wie sehr aber die Sprache sich im Laufe der Kultur

entwickelt hat, das zeigt sich klar, wenn man die außerordentliche

Wortarmut der wilden Völker in Betracht zieht. Viele derselben kommen

nicht über ein paar Hundert Vokabeln hinaus.

Naturstudien im Hause · 第 11 / 16 段