[Illustration]
Zehnter Abend.
+Fritz+: Heute habe ich aber mal ganz was Merkwürdiges gesehen, Vater!
~Dr.~ E.: Nun, was war denn das?
+Fritz+: An unserm Spiegel oben im Fremdenstübchen, aus dem ich für
Mutter etwas holen sollte, saß eine tote Fliege wie festgeklebt, und
ringsherum war es wie ein weißer Hauch, so daß ich noch im Scherz
zu Kurt sagte: Das sieht aus, als wenn die Fliege hier ihre Seele
ausgehaucht hat.
[Sidenote: Der Pilz der Stubenfliege. Sporen]
~Dr.~ E.: Wenn du das heute zum erstenmal gesehen hast, so glaube ich
schon, daß es dir verwunderlich war. Häufig genug ist sonst diese
Erscheinung, und wenn du darauf achten gelernt, wirst du sie in jedem
Herbst bei zahllosen toten Fliegen beobachten. Die armen Tiere fallen
eben in ganzen Scharen einem abscheulichen +Pilze+[19] zum Opfer.
+Kurt+: Einem Pilze? Das ist aber doch zu wunderbar!
~Dr.~ E.: Und warum scheint dir das so unglaublich?
+Kurt+: Erstens hätt’ ich nicht gedacht, daß es so kleine Pilze gibt,
die in einer Fliege Platz haben; und dann wußte ich nicht, daß Pilze
lebendige Tiere fressen können.
~Dr.~ E.: Was zunächst den letzten Punkt anlangt, so steht der Fall mit
unserer Fliege keineswegs vereinzelt da. Alle Pilze, ohne Ausnahme,
sind +Schmarotzer+, d.❰h. sie können nicht wie die übrigen Pflanzen
ihre Nahrung aus der Luft und dem Erdboden allein entnehmen, sondern
sie brauchen, ähnlich wie die Tiere, Stoffe aus dem +Pflanzen-+ oder
+Tierreiche+, um zu leben.
+Fritz+: Aber die Schwämme im Walde wachsen doch auf dem Erdboden!
~Dr.~ E.: Das ist nur scheinbar. In Wirklichkeit ziehen auch sie nicht
aus der Erde ihre Nahrung, sondern aus den faulenden und verwesenden
Pflanzenteilen, die im Waldboden stecken. Eine große Zahl von Pilzen
bewohnt aber +lebende+ Pflanzen, wo sie sich als mißfarbene Flecke
auf den Blättern bemerklich machen, und andere wieder schmarotzen auf
lebenden oder toten +Tieren+.
+Kurt+: Sind denn die großen schwarzen Flecke, die im Herbste fast auf
jedem abgefallenen Ahornblatte sitzen, vielleicht auch Pilze?
~Dr.~ E.: Gewiß! Und wenn du dir die Mühe nehmen wolltest, auch die
Blätter anderer Pflanzen zu betrachten, sowohl die grünen wie die
abgefallenen, so würdest du fast überall Pilze entdecken, die in Form
von kleinen schwarzen Pünktchen oder Strichen oder rotbraunen Näpfchen
daran sitzen. Wohl die meisten unserer einheimischen Pflanzen haben
ihre besonderen Pilzarten, so daß die Zahl der Pilze weit größer ist
als die der Blütenpflanzen.
+Fritz+: Aber schaden denn die den Pflanzen nicht?
~Dr.~ E.: Selbstverständlich! Viele dieser Pilze gehören zu den größten
Plagen der Landwirtschaft, wie der +Rost+ und +Brand+ des Getreides,
das +Mutterkorn+, der Pilz der +Kartoffelkrankheit+ und zahlreiche
andere.
+Kurt+: Ja, wenn das alles Pilze sind, so glaube ich schon, daß es so
kleine gibt, daß sie in einer Fliege Platz haben. Ich dachte natürlich
an die eßbaren Pilze im Walde. Hat denn der Pilz in der Fliege auch so
einen Hut, wie die Champignons und die Steinpilze?
~Dr.~ E.: Nein, Kurt. Eine so feste, dicke Masse, wie die sogenannten
Hutpilze, bilden nur wenige. Die meisten bestehen aus äußerst zarten
Fäden, die man kaum mit bloßem Auge sehen kann.
+Kurt+: Ach richtig! Beim Schimmel habe ich auch schon manchmal diese
feinen Fäden bemerkt.
~Dr.~ E.: Schön, ganz ähnliche, nur noch viel feinere Fäden durchziehen
nun auch den ganzen Fliegenkörper und wachsen schließlich überall
zwischen den Körperringen heraus, wenn die Krankheit überhand nimmt.
+Fritz+: Und was ist der weiße Hauch, der sich rings um die Fliege
bildet?
~Dr.~ E.: Wenn wir diesen Hauch unter das Mikroskop legen, so erkennen
wir, daß er aus lauter ganz winzigen Kügelchen besteht, die man als
„+Sporen+“ bezeichnet und die gleichsam die Früchte des Pilzes sind.
Wenn ihr z.❰B. einen ausgewachsenen Champignon oder Pfefferling auf
weißes Papier legt und schüttelt oder eine Zeitlang liegen laßt, so
findet ihr später gerade so ein aus Kügelchen bestehendes Pulver,
aus dem neue Pilze werden können. Sie fallen beim Champignon von den
strahligen Fächern ab, die an der Unterseite des Hutes sitzen; beim
Bovist aber, der bekanntlich so stark stäubt, wenn man darauf tritt,
sitzen sie im Innern und gelangen erst durch ein Loch an der Spitze
nach außen.
+Kurt+: Es wundert mich aber doch, wie so ein Pilz gerade in unsere
Wohnung kommt, und dort die arme Fliege überfallen konnte.
~Dr.~ E.: Das ist nicht so schwer zu verstehen, wenn man weiß, daß
jene kleinen Sporen zu Milliarden in der Luft herumfliegen, und daß
wir keinen Ort der Erde kennen, wo die Luft nicht solche Pilzkeime
verschiedenster Art enthalten würde. Auch unsere Wohnungen sind
reich genug daran, und ich bin überzeugt, daß wir aus unserem Hause
mindestens ein Dutzend Pilzarten mit Leichtigkeit zusammenbringen
könnten, ohne sie vorher gesäet zu haben.
+Fritz+: Ih, das möchte ich doch mal sehen, wo du die Pilze herzaubern
willst.
~Dr.~ E.: Schön, Fritz, den Beweis will ich dir bald liefern. Du mußt
mir nur für jede Art ein paar Tage Zeit lassen, damit die Pilze sich
so entwickeln können, daß man sie erkennt, oder besser, da ihr sie
selbst doch meist nicht sehen werdet, bis wir an den Wirkungen auf ihr
Vorhandensein schließen müssen. Ich beginne mit den vollkommensten
Pilzen, die es gibt, mit den +Hut+pilzen. Ich will hoffen, daß wir
keinen im Hause haben, möglich wäre es aber immerhin.
+Fritz+: Ja, ich weiß wohl, daß man Champignons im Keller züchten kann;
in unserm aber wachsen gewiß keine.
~Dr.~ E.: An den denke ich auch gar nicht. Es handelt sich um einen
Hutpilz, der nur sehr selten einen Hut bildet, sondern meist als
faserig-schwammige Masse auftritt, und dessen Erscheinen einem Hauswirt
graue Haare machen kann.
+Fritz+: Ach, dann meinst du wohl den +Hausschwamm+[20], der die
Stubendielen und Balken der Häuser zerstört?!
~Dr.~ E.: Geraten, Fritz! Das wäre also schon Pilz Nr. 1, der unten im
Holzwerk des Kellers sehr wohl bei uns hausen könnte. Aber wir wollen
ihn lieber gar nicht mitrechnen und nur solche zählen, die sicher da
sind.
+Kurt+: Da können wir ja als Nr. 1 den +Schimmel+ nehmen.
[Sidenote: Arten der Schimmelpilze; ihre Kultur]
~Dr.~ E.: Einverstanden! Aber mit Nr. 1 kommen wir dabei nicht aus. Wir
müssen mindestens drei Nummern draus machen. Glaubst du wirklich, daß
es immer dieselbe Art ist, die auf all den verschiedenen Stoffen sich
bildet?
+Kurt+: Aber ich kenne ihn doch nur auf dem Käse und manchmal auf dem
Brot.
~Dr.~ E.: So? Warum klagt denn Mama immer, daß die eingemachten Früchte
verschimmeln? Oder laß doch mal eine gekochte Kartoffel nur wenige Tage
liegen; da wirst du sehen, was für ein schöner Schimmel sich drauf
entwickelt hat.
+Kurt+: Kann man denn die verschiedenen Sorten so ohne weiteres
unterscheiden?
~Dr.~ E.: Wenigstens manche Arten ganz gut, vorausgesetzt, daß sie
Frucht tragen.
+Kurt+: Das habe ich aber noch nie gesehen!
~Dr.~ E.: Weil du dir wohl noch nie eine ordentliche Zucht oder
„Kultur“ von Schimmelpilzen angelegt hast. Diese müssen natürlich auch
Zeit haben zu ihrem Wachstum und wollen ebenso gepflegt sein wie unsere
Zimmerpflanzen.
+Kurt+: Und wie macht man das?
~Dr.~ E.: Du brauchst die verschiedenen Stoffe, auf denen Schimmel
wachsen soll, nur in einem zugedeckten Gefäß eine Zeitlang ruhig
hinzustellen, dann wird schon alles nach Wunsch gehen. Schimmelpilze
können den Luftzug nicht vertragen und brauchen auch eine gewisse
Feuchtigkeit. Da letztere zur Genüge aus dem verschimmelnden Stoffe
kommt, den du in das Glas legst, so sind alle Bedingungen für ihr
Gedeihen vorhanden.
+Kurt+: Was soll ich denn verschimmeln lassen?
~Dr.~ E.: Nun, ich würde in das eine Glas ein Stück Brotkrume, in das
zweite ein Stück Käse, in das dritte eine gekochte Kartoffel, in das
vierte etwa eine eingemachte Pflaume legen. Nach einigen Tagen wirst
du deine helle Freude daran haben, denn die Schimmelpflanzen sehen
wirklich allerliebst aus, wenn sie Früchte tragen.
+Fritz+: Wie sehen denn die Früchte aus?
~Dr.~ E.: Als eigentliche Früchte müssen wir wohl, wie ich vorhin schon
sagte, die winzigen Kügelchen oder Sporen betrachten. Aber diese sind
auf langen Stielen zu reizenden kleinen Fruchtständen gehäuft. Bei der
einen Art, dem +Kopf+schimmel[21], stecken all diese Sporen in einer
kleinen kugeligen Blase, die später zerreißt; bei einer andern, dem
Brot- oder +Pinsel+schimmel[22], bilden sich zierliche, kettenartige
Fäden, die wie ein Pinsel von einem Punkte ausgehen, und beim
+Kolben+schimmel[23] haben wir ein kugeliges Köpfchen, das wie dicht
mit Perlen besetzt aussieht. Alle diese Formen können auch zusammen auf
ein und demselben Stoffe vorkommen, und das Ganze gewährt dann einen
reizenden Anblick.
+Fritz+: Kommt auf den Kartoffeln nicht manchmal auch ein roter
Schimmel vor? Im vorigen Jahr zeigte mir Mutter mal eine Schale mit
übriggebliebenen Kartoffeln, auf denen überall rote Flecke saßen.
~Dr.~ E.: Die roten Flecke, die du gesehen hast, sind allerdings durch
einen Pilz[24] hervorgebracht, aber er steht auf viel niedrigerer Stufe
als die Schimmelpilze und gehört zu den sogenannten +Spalt+pilzen.
Es ist derselbe, der auch zuweilen auf Mehlbrei, Stärkekleister und
feuchten Oblaten vorkommt und deshalb zu dem Wunderglauben an die
„blutende Hostie“ geführt hat.
+Kurt+: Dann hätten wir aber immer erst vier Arten.
~Dr.~ E.: O, den letzten wollen wir gar nicht mal mitrechnen, ebenso
wie ich schon eine ganze Reihe von Schimmelsorten unerwähnt gelassen
habe, weil ich nicht sicher bin, ob sie gerade jetzt in unserm Hause
vorhanden sind. -- Was geschieht denn, wenn ich eine angeschenkte
Flasche Wein einige Tage stehen lasse?
+Fritz+: Dann bildet sich oben darauf eine weiße Haut. Ich kann mir
schon denken, daß das auch ein Pilz ist.
[Sidenote: Kahmpilz. Essigpilz. Milchsäurepilz. Bakterien]
~Dr.~ E.: Ganz recht; es handelt sich dabei um Arten der
vielgestaltigen Hefepilze[25], die in diesem Falle als +Kahmpilze+
bezeichnet werden. Auch wenn wir gewöhnliches Bier offen stehen lassen,
erscheinen bald an dessen Oberfläche ähnliche Kahmpilze. -- Wißt ihr
denn, was außerdem mit dem Bier geschehen wird?
+Kurt+: Ja, es wird sauer.
~Dr.~ E.: Und wenn man die Milch selbst nur zwei Tage stehen läßt?
+Kurt+: Die wird auch sauer. Wir essen ja im Sommer immer dicke Milch,
die sauer ist.
~Dr.~ E.: Seht ihr, da haben wir schon wieder zwei Pilze[26] entdeckt,
die in jedem Hause sind.
+Fritz+: Aber aus dem Sauerwerden kann man doch noch nicht schließen,
daß ein Pilz da ist!
~Dr.~ E.: Freilich kann man das. Denn diese Pilze ganz allein bewirken
das Sauerwerden von Milch und Bier.
+Fritz+: Aber wie geht denn das zu?
~Dr.~ E.: Ja, das ist eine eigenartige Geschichte. Die Pilze wollen
doch auch leben, und so wirken sie denn in eigentümlicher Weise
+zersetzend+ und umändernd auf die Stoffe ein, in denen sie sich
befinden und aus denen sie ihre Nahrung ziehen. Der Essigpilz
verwandelt so den Weingeist des Bieres in Essigsäure oder Essig, und
der Milchsäurepilz den Zucker der Milch in Milchsäure.
+Kurt+: Es wird aber doch fast alles Essen sauer, das lange steht.
~Dr.~ E.: Allerdings. Namentlich der Milchsäurepilz ist auch nicht
auf die Milch beschränkt, sondern er findet sich ebensogut in sauer
gewordenen Gemüsen, im Sauerkraut, in Zuckerlösungen und so fort.
Zudem gibt es noch andere Pilzarten, welche in ähnlicher Weise Säure
erzeugen. Ich erwähne nur den Buttersäurepilz[27], durch den die Butter
ranzig, die Salzgurke sauer und der Käse „reif“ und wohlschmeckend wird.
+Fritz+: Kann man denn alle diese Pilze wirklich sehen?
~Dr.~ E.: Mit bloßem Auge nicht, selbst wenn sie in großen Massen
auftreten. Denn sie gehören zu den winzigsten Geschöpfen, die wir
kennen. Man muß schon ein recht gutes Mikroskop zu Hilfe nehmen, um
diese Pflänzchen überhaupt nur entdecken zu können.
+Fritz+: Dann sind es wohl gar nicht mal Fäden, wie die Schimmelpilze?
~Dr.~ E.: Im allgemeinen nicht. Die meisten von ihnen machen indes
verschiedene Entwicklungsstufen durch. Bald erscheinen sie als winzige
kleine Kügelchen, bald als kürzere oder längere Stäbchen, bald als
unendlich feine Fädchen. Nach der Stäbchenform nennt man sie +Bazillen+
oder +Bakterien+.
+Fritz+: Ach, von denen habe ich schon viel gehört! Das sind ja
dieselben, die die +ansteckenden Krankheiten+ hervorrufen.
~Dr.~ E.: Ja, diese gehören wenigstens auch dazu. Ich konnte mir
denken, daß ihr schon von Kommabakterien, Typhusbazillen und so weiter
gehört habt. Ich wollte sie eigentlich nicht erwähnen, da ich hoffe,
daß unser Haus so ziemlich frei davon ist. Wir wollen ja nur die Pilze
unserer Wohnung studieren.
+Kurt+: Aber nennen könntest du uns doch noch ein paar, Vater. Ist es
denn wirklich wahr, daß alle ansteckenden Krankheiten durch solche
Pilze hervorgerufen werden?
~Dr.~ E.: Soviel wir bis jetzt wissen, ja. Es scheint allerdings, als
wenn die Pilze einem vollkommen gesunden Menschen in der Regel nichts
anhaben können und erst die Oberhand gewinnen, wenn irgend etwas in
unserm Körper nicht recht in Ordnung ist. So würde es sich z.❰B.
erklären, daß die eine Person leichter am Pilze der Schwindsucht, dem
sogenannten Tuberkelbazillus[28], erkrankt, als eine andere. Denn
daß wir alle diese Krankheitskeime fortwährend einatmen, unterliegt
keinem Zweifel; das haben die Untersuchungen des Staubes und der
Luft in unsern Wohnungen und auf der Straße zur Genüge erwiesen.
Außer dem Tuberkelbazillus und dem Komma- oder Cholerabazillus[29]
hat man unter vielen andern mit Sicherheit nachgewiesen den Pilz der
Diphtheritis[30] oder Bräune, des Milzbrandes[31], der „Rose“[32],
der Pockenkrankheit[33], des Typhus[34]. -- Doch das ist ein wenig
erquickliches Kapitel, wenn wir uns auch freuen müssen, daß wir
wenigstens die Ursachen aller dieser verheerenden Seuchen kennen.
Da wird die Wissenschaft schließlich auch Mittel und Wege finden,
sie erfolgreich zu bekämpfen. Wenden wir uns lieber wieder unsern
gewöhnlichen Hausbewohnern zu. Unter ihnen findet sich noch eine ganze
Reihe von Bakterien, die wichtig genug sind, wenn sie auch nicht gerade
dem Menschen zu Leibe gehen, wenigstens nicht bei seinen Lebzeiten.
+Fritz+: Wieso nicht bei seinen Lebzeiten?
~Dr.~ E.: Nun, im Tode sind wir dieser Sippschaft unrettbar verfallen,
falls unsere körperlichen Reste nicht im Krematorium verbrannt werden.
+Fritz+: Sprichst du denn von der +Verwesung+?
[Sidenote: Fäulnisbakterien. Konserven. Desinfektion]
~Dr.~ E.: Ja, von der Verwesung, Fäulnis oder wie du es nennen willst.
Es ist heute außer allem Zweifel, daß alle diese Vorgänge ganz
ausschließlich durch die überall gegenwärtigen Bakterien und ähnliche
Pilze hervorgerufen werden.
+Kurt+: Also wenn ein Ei faul wird, so ist ein Pilz daran schuld?
~Dr.~ E.: Zweifellos. Und ebenso, wenn unsere Äpfel und Birnen faulen,
wenn Fleisch und Fische zu riechen anfangen, kurzum, wenn irgend etwas
in unserer Wirtschaft „verdirbt“. Dabei handelt es sich wieder um eine
ganze Reihe verschiedener Arten, so daß ich denke, wir würden damit
schon das versprochene Dutzend Pilze voll bekommen.
+Kurt+: Ja, wer kann aber ahnen, daß in den Eiern auch Pilze stecken!
Läßt sich denn gar nichts dagegen tun?
~Dr.~ E.: O doch. Seitdem man die Ursache der Fäulnis erkannt hat, sind
gewaltige Fortschritte in der Abwehr jener ungebetenen Gäste gemacht
worden. Ihr wißt es ja selbst, daß wir jetzt mitten im Winter Spargel
und junge Erbsen gerade so gut und fast so billig haben können, wie
sonst nur im Frühjahr.
+Fritz+: Und das Fleisch bringen sie jetzt ja wohl schon frisch aus
Australien herüber!
~Dr.~ E.: Das geschieht sogar in ganzen Schiffsladungen. Natürlich
müssen die Schiffe danach eingerichtet sein.
+Kurt+: Danach eingerichtet sein? Ich denke, die kleinen Pilzkeime sind
überall in der Luft, so daß man sie gar nicht abwehren kann.
~Dr.~ E.: Das ist schon wahr. Aber die Bakterien haben ebensogut
gewisse Bedingungen zum Leben und zum Wachsen nötig, wie andere
Pflanzen. Hierzu gehört z.❰B. eine gewisse Wärme, und wenn ich daher
in den Schiffen große +Eiskammern+ einbaue und das Fleisch darin
unterbringe, so kann ich sicher sein, daß die etwa vorhandenen
Pilzkeime in dieser eisigen Temperatur sich nicht weiter entwickeln
werden.
+Fritz+: Aber bei den Spargeln und dem andern Gemüse macht man es doch
nicht so.
~Dr.~ E.: Nein, da wendet man wieder eine andere Methode an.
Ebensowenig wie in der Kälte können die Pilzkeime sich in übergroßer
+Hitze+ entwickeln. Ich kann sogar sicher sein, daß ich bei anhaltendem
Kochen alle Pilze in einem Kochtopfe zerstöre. Wenn ich dann das
darin befindliche Gemüse noch ganz heiß in gereinigte Gefäße bringe
und schnell verschließe, so daß keine Luft wieder dazu kommen kann,
so habe ich die Pilze ausgesperrt und darf nun hoffen, daß das Gemüse
unverändert bleiben wird.
+Fritz+: Und gegen die Krankheitsbakterien ist man noch immer machtlos?
Es wäre doch famos, wenn man die auch so kochen oder in Eis unschädlich
machen könnte!
~Dr.~ E.: Dann müßten wir schon die ganze Erde kochen oder in Eis
setzen, da wir jene Krankheitserreger ja meist mit der Luft einatmen.
Immerhin hat man auch hier ganz gewaltige Fortschritte in der
Bekämpfung gemacht. Seitdem man weiß, daß das +Eitern+ der Wunden und
ebenso die Eitervergiftung[35] vornehmlich durch Pilze[36] bewirkt
wird, sucht man auf alle mögliche Weise die Wunde vor diesen Feinden
durch peinlichste Sauberkeit und pilztötende Mittel zu schützen.
Wo Typhus, Diphtheritis oder eine ähnliche Krankheit im Hause war,
werden Decke, Wände und Fußboden des Krankenzimmers gründlich mit
chemischen Mitteln gereinigt oder, wie man sagt, +desinfiziert+.
Den Lungenkranken wird empfohlen, nicht auf den Fußboden, sondern
nur in Näpfchen mit Wasser zu spucken, da man weiß, daß besonders
die aufgetrockneten und dann in der Luft umherfliegenden Keime so
gefährlich sind. Unsere Aborte werden mit Karbolpulver, Lysol und
ähnlichen Desinfektionsmitteln unschädlicher gemacht, und selbst den
Pilzkolonien in unserm eigenen Munde gehen wir gründlicher als früher
zu Leibe.
+Kurt+: Was meinst du denn damit, Vater?
[Sidenote: Zahnpilz. Hefepilze]
~Dr.~ E.: Ich meine ganz einfach, daß es nicht genügt, mit Kreide oder
Lindenkohle u.❰dgl. die Zähne zu putzen, und daß man jetzt eingesehen
hat, es kommt nicht so sehr auf die Weiße der Zähne, wie auf ihre
Befreiung von den unheilvollen Pilzen an.
+Kurt+: Aber wir haben doch nicht alle Pilze im Munde!
~Dr.~ E.: Leider doch, Kurt. Schon als ganz kleines Baby hast du von
einem Pilze zu leiden gehabt, dem sogenannten +Soorpilz+[37] oder
Schwämmchen. Der Pilz aber, der uns alle zur größten Sorgfalt in der
Pflege der Zähne nötigt, ist der Pilz der +Zahnfäule+[38]. Er siedelt
sich in der Schleimhaut des Mundes zwischen den Lücken und am Grunde
der Zähne an und dringt in die feinen Kanälchen des Schmelzes und des
Zahnbeins ein, wobei er die abscheulichsten Zerstörungen anrichtet. Ehe
wir es uns versehen, ist eines schönen Tages der von außen vielleicht
ganz gesund scheinende Zahn innen gänzlich vernichtet, er ist „hohl“
geworden und bald völlig unbrauchbar. Nur die größte Gewissenhaftigkeit
in der Anwendung entsprechender Zahnwasser, die auch nicht einen Tag
nachlassen darf, kann uns vor der Zerstörung unserer Zähne bewahren.
+Hans+: Ach, Papa, nun mag ich die Pilze gar nicht mehr leiden. Es
scheint ja, als wenn sie überhaupt nur Schlimmes in die Welt bringen.
~Dr.~ E.: Ja, eine böse Gesellschaft ist es im allgemeinen, und
dabei von einer Macht, von der man sich vor wenigen Jahrzehnten noch
gar keine Vorstellung machen konnte. Dennoch sind sie nicht alle so
schlimm, wie du denkst, selbst die ganz kleinen nicht, und es gibt
sogar welche, die vom Menschen im großen gezüchtet und gut bezahlt
werden.
+Kurt+: Von den mikroskopisch kleinen? Du meinst doch nicht etwa die
eßbaren Hutpilze?
~Dr.~ E.: Nein, ich meine in der Tat welche von den allerwinzigsten.
Würden es nicht recht viele Menschen bedauern, wenn es kein Bier und
keinen Wein in der Welt gäbe?
[Sidenote: Gärung]
+Fritz+: Ach, ich weiß schon, du denkst an die +Hefepilze+[39], welche
die Gärung hervorrufen. Ist das nicht so ähnlich wie mit dem Essigpilz?
~Dr.~ E.: Im Prinzip wenigstens sind die Erscheinungen die nämlichen.
Auch hier wirken die Pilze, indem sie gewisse Stoffe als Nahrung
herausziehen, verändernd oder „zersetzend“ auf die Flüssigkeit, in der
sie leben, ein.
+Kurt+: Das heißt also in den Weintrauben und im Malz, aus dem das Bier
gemacht wird?
~Dr.~ E.: Ja. Das, worauf es ankommt, ist, daß eine Flüssigkeit
+Zucker+ enthalten muß, und zwar in der Regel den sogenannten
Traubenzucker. Dieser ist bekanntlich in den Trauben schon von
vornherein vorhanden, in der Gerste wird er erst durch Keimen, oder,
wie der Brauer sagt, durch das +Malzen+ der Gerste aus dem Stärkemehl
der Körner gebildet. Wird in diese Lösung von Traubenzucker der
Hefepilz gebracht, so vermehrt er sich ganz gewaltig und zersetzt dabei
den Zucker in Weingeist und Kohlensäure. Letztere entweicht natürlich,
wenn man nicht absichtlich einen Teil derselben zurückhält, wie beim
Bier und Champagner.
+Kurt+: Dann müßte man ja aus gewöhnlichem Zucker auch Spiritus machen
können.
~Dr.~ E.: Das geschieht auch sehr viel, wenn auch meist nur aus
demjenigen Zuckersaft, der nicht mehr als Zucker kristallisieren will,
also aus dem Syrup. Ich denke, der „Rum“, den man so gewinnt, wird dir
zur Genüge bekannt sein.
+Fritz+: Kann man statt der Gerste auch etwas anderes nehmen?
~Dr.~ E.: Was du willst, wenn es nur Stärkemehl enthält. Es
gibt Weizenbiere, Haferbiere, Roggen- oder Kornbranntwein,
Kartoffelspiritus, Reisbranntwein oder Arrak und vieles andere. Aus dem
Honig, der ja wieder Zucker enthält, bereitet man den Met, das Getränk
der alten Deutschen, und die Baschkieren benutzen sogar die gegorene
Milch ihrer Stuten, wenn sie sich einen Rausch trinken wollen.
+Kurt+: Aber die Hefepilze sind doch gewiß nicht in unserer Wohnung.
~Dr.~ E.: Hast du mir nicht neulich verraten, daß du im Frühjahr
Birkenwasser gezapft hast?
+Kurt+: Ja, ich hatte gehört, daß der Birkenwein so schön schmecken
soll.
~Dr.~ E.: Was hast du denn da mit dem Wasser angestellt?
+Kurt+: Ich habe Zucker hinzugetan, wie Wilhelm mir riet, und es dann
eine Zeitlang offen stehen lassen. Nach einigen Tagen schäumte es, und
wie das vorüber war, haben wir den Wein in Flaschen gefüllt.
~Dr.~ E.: Nun, siehst du! Dieses Schäumen war der Beweis, daß Hefepilze
aus der Luft ihren Weg in das Birkenwasser gefunden und dort eine
richtige Gärung hervorgerufen haben. Sonst hättest du niemals Wein
bekommen. Ich denke also, wir können einige der verschiedenen Hefepilze
ganz ruhig zu unseren Hausbewohnern rechnen, um so mehr, da Mama ja
häufig genug welche ins Haus bringen läßt.
+Fritz+: Wahrhaftig! Wenn Mutter Kuchen backen will! Davon hast du
uns ja schon neulich gesprochen, wie du uns die Löcher im Bimsstein
erklären wolltest. Dann ist die Entwicklung der Kohlensäure im Brot
oder Kuchen also auch eine Art Gärung?
~Dr.~ E.: Ohne Frage; nur warten wir dabei nicht so lange, bis sich so
viel Weingeist gebildet hat, daß wir es schmecken könnten.
+Kurt+: Nun glaube ich selbst, Vater, daß wir mehr als ein Dutzend
Pilzarten in der Wohnung haben.
~Dr.~ E.: Ja, Kinder, sorgt nur dafür, durch Reinlichkeit und Vorsicht,
daß wir nicht auch einmal welche von den ganz bösen Sorten ins Haus
bekommen.
[Illustration: Hefepilze.]
[Illustration: Schimmelpilze.]
[Illustration: Bakterien.]
[Illustration]
Elfter Abend.
Vati, ruft Hans, in das Zimmer stürmend, Vati, unser Karo ist wieder
da; er hat einen großen Strick um den Hals und sieht ganz jämmerlich
aus.
~Dr.~ E.: So bring ihn herein; er ist vermutlich gestern von einem
Hundefänger aufgegriffen worden und ihm wieder entlaufen.