~Dr.~ E.: Und warum denn nicht?

+Fritz+: Ich habe doch kürzlich gelesen, daß es schon sehr schwer sei,

zu beobachten, wie ein Pferd seine vier Beine setzt, und daß dies erst

mit Hilfe der Momentphotographien und des Kinematographen festgestellt

sei. Nun ist eine Fliege so viel kleiner, und dann gar die sechs

Beine --

~Dr.~ E.: Dennoch hat man diese Aufgabe gelöst, schon lange bevor die

Momentphotographien bekannt waren. Man hat einfach den Fliegen die

Fußsohlen mit verschiedener Farbe betuscht und sie dann über weißes

Papier laufen lassen. Aus den Fußspuren konnte man dann ohne große Mühe

ersehen, in welcher Reihenfolge die Beine gebraucht werden.

+Kurt+: Das finde ich aber schlau! Und wie war es denn nun?

~Dr.~ E.: Willst du nicht lieber erst einmal raten?

+Kurt+: Ach, da werde ich wohl vorbeischießen! Aber vielleicht ist es

so, daß erst die Vorderbeine gesetzt werden, dann die Mittelbeine und

dann die Hinterbeine. Ich glaube, die Raupen kriechen auch so.

~Dr.~ E.: Mit den Raupen hast du recht; bei den Fliegen ist es jedoch

ganz anders. Diese benutzen stets drei Beine als +Stützpunkte+,

beispielsweise etwa das linke Vorder- und Hinterbein und das rechte

Mittelbein, die also gewissermaßen einen Dreifuß bilden. Die drei

übrigen bringen dann die Fliege in der Weise vorwärts, daß das rechte,

gestreckte Vorderbein, dessen Krallen sich am Boden festgehakt haben,

durch Beugen den Körper zieht, während das linke Mittelbein und das

rechte Hinterbein aus der Beugestellung sich strecken und ihn somit

+schieben+. Beim nächsten Schritt ruht das Gewicht der Fliege auf

diesen drei Beinen, und die bis dahin zur Stütze dienenden treten nun

in Tätigkeit. Man hat die Insekten daher in bezug auf ihren Gang wohl

doppelte Dreifüße genannt.

+Kurt+: Haben sie denn nicht verschiedene Gangarten, wie das Pferd,

wenn es trabt oder galoppiert?

~Dr.~ E.: Nein; es hat sich sogar herausgestellt, daß selbst die

Schrittgröße immer die gleiche ist und nicht um Haaresbreite sich

ändert, ganz gleichgültig, ob das Insekt gemütlich spaziert oder in

wildester Flucht ist. Nur die Schnelligkeit, mit der die Beine bewegt

werden, ist dann eine größere.

+Hans+: Weiß man denn, wie schnell eine Fliege laufen kann?

~Dr.~ E.: Ich glaube nicht, daß man darüber schon genaue Messungen hat.

Du kannst ja aber mal versuchen, ob du es nicht feststellen kannst.

Wenn ich nicht irre, hausen noch ein oder zwei überwinternde Exemplare

hier im Zimmer, die jetzt wohl am warmen Ofen sitzen werden. Die

könntest du am Ende auf ihre Geschwindigkeit prüfen.

+Hans+, der an den Ofen getreten ist: Ja, eine sehe ich schon; aber sie

sitzt ganz still hier an der Kachel.

~Dr.~ E.: Wie, Hans, an jener senkrechten, glatten Kachel sollte sie

sitzen?

+Hans+: Ja, ganz gewiß, Vater; da ist doch weiter nichts dabei!

~Dr.~ E.: So? Willst du dich denn nicht freundlichst zu ihr setzen?

+Hans+: Mich zu ihr setzen? Das kann ich natürlich nicht. Ich bin ja

auch keine Fliege.

~Dr.~ E.: Nein; aber ein kleines dummes Hänschen bist du, das gar nicht

einmal merkt, was eine Fliege für feine Künste kann.

+Hans+: O, ich weiß wohl, was du meinst. Die Fliegen klettern ja auch

an der Fensterscheibe in die Höhe, was ihnen kein Mensch und auch kein

Affe nachmacht. Ich dachte aber, das käme, weil die Fliegen so leicht

sind.

~Dr.~ E.: Ih, das ist wahrhaftig ein lustiger Gedanke. Wieviel wiegt

denn die Fliege?

+Kurt+: Aber die kann man doch gar nicht wiegen, Vater.

~Dr.~ E.: Wer hindert uns denn daran? Da wiegt man noch viel leichtere

Dinge.

+Kurt+: Und solche Wagen sollte es wirklich geben?

~Dr.~ E.: O, wenn du willst, kannst du auch unsere gewöhnliche

Küchenwage nehmen. Man muß nur ein wenig schlau dabei zu Werke gehen.

+Fritz+: Ich kann es mir denken, Vater, wie es geht. Wenn eine

+einzelne+ Fliege zu leicht ist, als daß die Wage ausschlägt, so nimmt

man eben eine +größere Anzahl+ zusammen und dividiert dann das für die

Gesamtheit gefundene Gewicht durch die Zahl der Fliegen. Dann hat man

den Durchschnitt des Gewichtes eines einzelnen Exemplars.

~Dr.~ E.: So war’s recht, mein Junge. Wenn es wieder mehr Fliegen gibt,

könnt ihr die Wägung mal ausführen. Ich möchte doch gern wissen, ob

denn die Fliege in der Fabel, welche glaubt, sie sei für die Hörner des

Stieres zu schwer, wirklich so schrecklich albern war.

+Kurt+: Entschuldige Vater, das war keine Fliege, sondern eine Mücke.

Aber dazu müßte man doch auch wissen, welche Last der Stier mit seinen

Hörnern überhaupt tragen kann, und wann er anfängt, ein Gewicht auf

ihnen zu spüren.

~Dr.~ E.: Sollte er denn nicht jede, auch die allerkleinste Last

spüren, wenn sie auf ihn drückt?

+Fritz+: Ich weiß nicht recht, Vater. Eine Fliege merken wir ja an

unserer Haut, weil sie krabbelt; ob wir aber das bloße Gewicht etwa

einer toten Fliege spüren, ist mir noch zweifelhaft.

~Dr.~ E.: Nun, da habt ihr ja eine ganze Reihe sehr interessanter

Fragen zu untersuchen. Zunächst werdet ihr feststellen müssen, ob es

überhaupt Gewichte gibt, so klein, daß wir ihren Druck durchaus nicht

merken. Dann wäre ausfindig zu machen, wie groß das Gewicht sein muß,

welches auf der Haut noch eben empfunden wird, und dieses endlich wäre

mit dem Gewicht einer Stubenfliege zu vergleichen. Da der Stier in

seinen Hörnern voraussichtlich kein feineres Gefühl hat, als wir in

unserer Hand, so würde die Frage, ob er den Druck der Fliege oder gar

der Mücke überhaupt empfinden konnte, mit einiger Wahrscheinlichkeit

sich lösen lassen.

[Sidenote: Kletterkunst der Fliege]

+Fritz+: Woher kommt es denn nun, daß die Fliege an der Fensterscheibe

in die Höhe klettern kann? Sie läuft ja sogar oben an der Zimmerdecke

entlang, gleich als wenn alle Schwerkraft für sie aufgehoben wäre.

~Dr.~ E.: Über diese Frage haben die Gelehrten viel hin und her

gestritten. Die einen glaubten eine Art Haftscheibe an den Füßen

gefunden zu haben, ähnlich wie bei den Laubfröschen, wobei das Anheften

mit Hilfe des Luftdrucks geschieht. Die anderen wieder behaupteten,

daß aus den feinen Borsten der Fußpolster ein klebriger Saft austrete,

mit dem sich die Fliege anleime, etwa wie der Alpenjäger, von dem

der kleine Walther in Schillers Tell erzählt. Die letzteren werden

wohl recht behalten, denn man hat bei einiger Sorgfalt unter dem

Mikroskop tatsächlich die feinen Spuren beobachten können, welche die

Klebtröpfchen zurücklassen. Eine recht schwierige Aufgabe für den

Chemiker wird es allerdings nun sein, die chemische Zusammensetzung

dieses Stoffes ausfindig zu machen.

+Kurt+: Dann ist also die Fliege immer nur mit drei Füßen angeklebt, da

ja die drei andern aufgehoben werden, um weiter zu laufen.

~Dr.~ E.: Das genügt auch vollkommen. Der Versuch hat sogar ergeben,

daß bei der nötigen Vorsicht schon ein einziger Fuß imstande ist, die

ganze Körperlast am Glase festzuhalten. Sollte die Fliege aber auch

wirklich einmal den Halt verlieren und ins Fallen geraten -- das Genick

würde sie sich deshalb doch schwerlich abschießen.

+Kurt+: Das will ich wohl glauben! Sie hat ja noch ihre +Flügel+!

~Dr.~ E.: Weißt du denn, wieviel sie hat?

+Kurt+: Ja, zwei, wie die Vögel.

~Dr.~ E.: Und ist es bei den andern Insekten ebenso?

+Kurt+: Nein, die haben vier, z.❰B. die Schmetterlinge und die Libellen.

~Dr.~ E.: Seht, da stoßen wir gleich wieder auf einen Punkt, der

dem Naturforscher viel Kopfzerbrechen macht. Soweit wir bis jetzt

in das sehr schwierige Gebiet von dem Fluge der Tiere eingedrungen

sind, scheint der Besitz von nur +zwei+ Flügeln für das Fliegen am

günstigsten. Warum nun trotzdem die Mehrzahl der Insekten mit +vier+

Flügeln ausgerüstet ist, und warum gerade die Fliegen wieder hiervon

eine Ausnahme machen, ist uns zurzeit noch fast völlig unklar.

Überhaupt sind unsere Kenntnisse über den Flug der Insekten noch

keineswegs abgeschlossen.

+Fritz+: Es scheint mir doch auch kaum möglich, hierüber irgendwelche

Untersuchungen anzustellen. Wie will man denn ein Insekt im Fluge

beobachten?

~Dr.~ E.: Nun, so ganz unmöglich ist die Lösung derartiger Fragen doch

nicht. Zunächst steht uns ja der ganze Muskelapparat, der die Flügel

bewegt, zur genauesten anatomischen Untersuchung zur Verfügung. Aus

der Größe, Lagerung und Befestigung dieser Muskeln werden wir auf

deren Wirkungsweise schließen können. Andererseits geben uns Gestalt

und Beschaffenheit des Flügels einen Anhalt darüber, wie der Luftstrom

auf ihn einwirkt, der durch den Niederschlag erzeugt wird. Endlich

aber lassen sich auch direkte Versuche anstellen, um die Zahl der

Flügelschläge in einer Sekunde ausfindig zu machen oder den Weg, den

die Flügelspitze hierbei beschreibt.

+Kurt+: Und das hat wirklich einer ausgeführt?

[Sidenote: Schwingungszahl der Flügel. Schwingkölbchen]

~Dr.~ E.: O ja, sogar mehrere. Man hat lebende Insekten auf ganz

feine Nadeln gespießt, ohne edlere Teile zu verletzen, und sie dann

in der Nähe eines sich drehenden Zylinders mit berußter Oberfläche

aufgestellt. Indem nun die Flügelspitze des flatternden Insekts

den berußten Zylinder berührte, zeichnete sie gewissermaßen selbst

den Weg auf, den sie in der Luft beschrieb. So konnte man aus der

Drehungsgeschwindigkeit des Zylinders, verglichen mit den auf ihm

abgezeichneten Auf- und Niederschlägen, mit Sicherheit die Zahl der

Flügelschläge während einer Sekunde berechnen.

+Fritz+: Weiß man denn, wie groß diese Zahl für unsere Stubenfliege ist?

~Dr.~ E.: Selbstverständlich. Sie beträgt etwa 330 in einer Sekunde,

während der bummelige Kohlweißling in derselben Zeit nur neun macht.

Übrigens kann man bei der Stubenfliege noch auf einem andern Wege zu

dem gleichen Ergebnis gelangen. Man braucht nur eine Stimmgabel zur

Hand zu nehmen.

+Fritz+: Eine Stimmgabel? Da bin ich doch neugierig.

~Dr.~ E.: O, die Sache ist ganz einfach. Man weiß, daß der summende

Ton, den die Fliege während des Fluges hören läßt, durch die

+Schwingungen+ der Flügel hervorgebracht wird. Stellen wir nun die

Höhe dieses Tones mit Hilfe einer Stimmgabel fest -- es ist das

eingestrichene ~e~ oder ~f~ unseres Klaviers --, so können wir aus der

bekannten Schwingungszahl dieses Tones ohne weiteres auf die Zahl der

Flügelschläge schließen, welche denselben hervorbringen.

+Fritz+: Dann kann man ja mit Leichtigkeit auch bei allen andern

Insekten, welche im Fluge summen, diese Zahlen ermitteln.

~Dr.~ E.: Gewiß. Man muß sich nur dabei vor Täuschungen hüten.

Bekanntlich bringen die Insekten vielfach auch noch andere Töne hervor,

die mit der Flugbewegung gar nichts zu tun haben.

+Kurt+: Und wie machen sie das?

~Dr.~ E.: Durch Ausstoßen der Luft aus den Atemlöchern der Brust. Wir

wollen nicht weiter darauf eingehen, da es sich hierbei um Organe

handelt, die äußerlich kaum sichtbar sind. Erwähnen nur möchte ich, daß

diese eigentliche +Stimme+ meist vom Flügelton völlig übertönt wird.

Will man sie hören, so muß man der Fliege die Flügel festhalten. Man

vernimmt dann ein ganz hohes Singen.

+Fritz+: Sag’ mal, Vater, führen nicht auch die sogenannten

+Schwingkölbchen+ ganz ähnliche Bewegungen aus wie die Flügel?

~Dr.~ E.: Ja, soviel ich weiß, schwingen sie mit der gleichen

Geschwindigkeit.

+Hans+: Was sind denn das, „Schwingkölbchen“?

~Dr.~ E.: Das sind ein Paar dünne Stielchen, vorn mit einer

knopfförmigen Verdickung, die etwa wie kleine Trommelstöcke aussehen

und den letzten Rest der den Fliegen verlorengegangenen Hinterflügel

darstellen.

+Kurt+: Ich meine, bei den großen Schnaken oder Kriebelmücken sind sie

sehr lang und deutlich.

~Dr.~ E.: Ganz recht. Bei unserer Stubenfliege sind sie von einer

kleinen Schuppe bedeckt, die man erst abheben muß, wenn man sie sehen

will.

+Kurt+: Wozu dienen denn diese merkwürdigen Trommelstöcke?

~Dr.~ E.: Das ist keine so leichte Frage. Als man vor einer Reihe von

Jahren vorn am Kopf derselben und auch am Grunde ihres Stielchens

höchst merkwürdige sogenannte „Nervenstifte“ gefunden hatte, die auf

eine Sinneswahrnehmung hindeuten, da war alle Welt darüber einig,

daß nun endlich das lange gesuchte Gehörorgan der Fliege gefunden

sei. Neuere Untersuchungen und Experimente führten dann freilich

wieder zu einem ganz andern Ergebnis. Danach sind die Schwingkölbchen

gewissermaßen die +Lenkstangen+, mit deren Hilfe das Insekt die

Schwenkungen beim Fluge ausführt. Von einem Gehörorgane kann aus

verschiedenen Gründen gar nicht die Rede sein.

+Fritz+: Hat man denn nun dafür ein anderes Gehörorgan gefunden?

[Sidenote: Geruchs- und Gehörorgane der Fliege]

~Dr.~ E.: Wie es scheint, ja, und zwar an denjenigen Gebilden, welche

schon die Zoologen des vorigen Jahrhunderts häufig als die Ohren der

Insekten bezeichneten, an den +Fühlern+.

+Kurt+: Ei, das wundert mich. Ich dachte immer, die Fühlhörner wären

bloß zum Fühlen da.

~Dr.~ E.: Wenn man einen Heuspringer, eine Küchenschabe oder eine

Schlupfwespe beobachtet, so kann man gewiß leicht zu dieser Ansicht

kommen, denn man sieht es ja deutlich genug, wie diese Tiere mit ihren

Fühlern alles betasten. Man muß sich aber hüten, dies nun so ohne

weiteres auf alle übrigen Insekten zu übertragen. Bei vielen von ihnen

ist ein Tasten mit den Fühlern kaum wahrzunehmen. Dagegen scheint es

sicher, daß in den Fühlern ganz allgemein die +Geruchsorgane+ und sehr

häufig, wie bei unserer Fliege, auch die +Gehörorgane+ stecken.

+Fritz+: Aber wie hat man denn das ausfindig gemacht?

~Dr.~ E.: Schwer genug ist es den Naturforschern geworden, und wohl an

hundert gelehrte Abhandlungen sind über diese Fragen veröffentlicht.

Im allgemeinen will ich dir nur sagen, daß beide Wege eingeschlagen

sind, die zum Ziele führen konnten: Die gründliche mikroskopische

Untersuchung des feinern Baues der Fühler auf der einen Seite, die

Anstellung scharfsinniger Experimente auf der anderen.

+Fritz+: Und durch solche Versuche will man feststellen, ob ein Insekt

riechen kann?

~Dr.~ E.: Daß es überhaupt riechen kann, braucht wohl nicht erst

bewiesen zu werden. Ich erinnere euch nur an die Aasfliegen und

Mistkäfer, die ihre Nahrung ja auf große Entfernung hin wittern. Die

Versuche sollten vielmehr dartun, wo denn dieser Sinn seinen Sitz hat.

Schon am Ende des achtzehnten Jahrhunderts hat ein Hamburger Arzt

-- Lehmann hieß er -- in dieser Richtung sehr drollige Experimente

angestellt. Er nahm eine Flasche und bohrte seitlich ein Loch hinein,

durch welches er den Hinterleib des zu untersuchenden Insektes in das

Innere steckte. Wenn er nun durch den Hals den Dampf von Schwefel,

gebrannten Federn, ~Asa foetida~ oder dgl. in die Flasche leitete,

so fingen die eingeklemmten Tiere an zu zappeln, und er glaubte

dadurch bewiesen zu haben, daß der Geruchssinn in den Atemlöchern des

Hinterleibes seinen Sitz habe, da ja der Vorderkörper außerhalb der

Flasche in frischer Luft sich befand.

+Kurt+: Aber läßt sich denn gegen diesen Beweis etwas einwenden? Es ist

doch klar, daß die Tiere zappelten, weil sie eine Empfindung von den

schlechten Stoffen hatten, die in ihre Atemlöcher drangen.

~Dr.~ E.: Das letztere läßt sich schwerlich bestreiten. Daß diese

Empfindung jedoch mit dem +Riechen+ gar nichts zu tun zu haben braucht,

ist leicht einzusehen. Denke nur daran, daß es auch uns ungemütlich

wird, und daß wir anfangen zu husten, wenn etwa Schwefeldampf in unsere

Lungen gerät. Wir könnten dann mit demselben Rechte behaupten, der Sitz

unseres Geruchssinnes sei in den Lungen.

+Kurt+: Alle Wetter! Das ist wahr! Da muß man ja riesig vorsichtig

sein, damit man nicht ganz was Falsches rauskriegt. Wie hat man’s denn

nun noch weiter versucht?

~Dr.~ E.: Auf sehr verschiedene Weise. Man hat z.❰B. die Fühler

abgeschnitten oder lackiert und dann beobachtet, ob das Insekt die

versteckte Nahrung noch finden konnte. Kurz und gut, sowohl diese

Versuche, wie vor allem die Beschaffenheit der vielen Nervenendigungen

in der Oberhaut der Fühler machen es im hohen Grade wahrscheinlich, daß

hier der Sitz des +Geruchssinnes+ ist.

+Fritz+: Und das +Gehörorgan+, von dem du vorhin sprachst?

~Dr.~ E.: Das steckt in dem zweituntersten Fühlergliede. Die

Schallwellen der Luft versetzen zunächst die Borsten des Fühlerendes

in Schwingungen, die sich dann auf die zarte Gelenkhaut zwischen dem

zweiten und dritten Fühlergliede fortpflanzen. An ihr sind zahlreiche

Nervenstiftchen befestigt, welche den Sinneseindruck weiter zum Gehirn

leiten.

+Kurt+: Ich hätte doch gewiß nicht gedacht, daß so eine Stubenfliege

ordentliche, erkennbare Organe für das Riechen und Hören hat. Kennt man

denn vielleicht auch +Geschmacksorgane+?

[Sidenote: Rüssel der Fliege. Facettenauge]

~Dr.~ E.: Freilich. Die sitzen als kleine Nervenstiftchen auf den

fleischigen +Lippenpolstern+ des +Rüssels+.

+Kurt+: Wo sind denn diese Lippenpolster?

~Dr.~ E.: Ah, ich merke, daß du dir noch niemals diesen interessanten

Apparat angesehen hast, mit dem die Fliege ihre Nahrung einsaugt. Das

sollten wir gleich einmal machen. Lege doch einige Stückchen Zucker

hier auf den Tisch; vielleicht tun uns unsere Fliegen den Gefallen und

stellen sich zu Gaste ein.

+Fritz+: Ich habe mir den Rüssel wohl schon angesehen. Er sieht aus wie

ein geknietes Rohr, das abwärts gerichtet ist. Am Ende bildet er eine

breite Fläche, mit der die Fliege überall hintupft; das werden wohl die

Lippenpolster sein, die du meinst.

~Dr.~ E.: Ja, das sind sie. In einer Rinne des geknieten Rüssels liegt

nun das ungemein zarte eigentliche +Saugrohr+, das vorn bis zu den

Polstern reicht, und durch welches die flüssige Nahrung in den Schlund

und in den Magen steigt. -- Doch seht, da ist schon eine unserer

Fliegen; gleich wird sie über den Zucker herfallen.

+Kurt+: Wahrhaftig. Nun tupft sie mit dem fleischigen Polster immer

drauflos. Das sieht ja famos aus, wie sie mit ihrem Rüssel hantiert.

~Dr.~ E.: Ja, das ist ein recht verzwicktes Ding, und es sollte uns

schwer werden, ein Modell zu bauen, welches alle diese mannigfachen

Bewegungen nachmachen könnte.

+Hans+: Aber, Papa, ich denke, die Fliege kann nur Flüssiges zu sich

nehmen, und hier frißt sie Zucker!

~Dr.~ E.: Ei, ei, Hansel, das war wieder eine von deinen berühmten

Fragen. Über dieses große Rätsel können sich mal deine Brüder den Kopf

zerbrechen.

+Fritz+: Der Zucker wird wohl ein wenig feucht sein, daß sie ihn

aufsaugen kann?

~Dr.~ E.: Meinst du? Das glaube ich kaum; sie betupft ja auch

Brotkrumen.

+Kurt+: Vielleicht spuckt sie den Zucker vorher an, daß er flüssig wird.

~Dr.~ E.: Bravo, Kurt! Du hast’s in der Tat getroffen. An der

Spitze des dünnen Saugrohrs mündet gleichzeitig auch ein haarfeines

+Speichelrohr+, durch welches je nach Belieben der Fliege -- denn das

Rohr hat ein Ventil zum Öffnen und Schließen -- ein Tröpfchen Speichel

vorn an der Spitze des Rüssels heraustritt.

+Fritz+: Aber wenn das auf den Zucker kommt, so wird es doch in diesen

einziehen. Überhaupt weiß ich immer noch nicht, was dann die breite

Tupffläche soll. Von dieser kann doch keine Flüssigkeit in das feine

Saugrohr eintreten.

~Dr.~ E.: Nun, wir werden gleich sehen. -- So, da habe ich sie

glücklich erwischt. Hier, Fritz, hast du meine Lupe, und jetzt

betrachte einmal die Tupffläche.

+Fritz+: Ih, die ist ja auf der ganzen Fläche naß, wie mit Wasser

überzogen!

~Dr.~ E.: Stimmt genau! Und der Grund hiervon ist eine höchst

wunderbare Vorrichtung auf dieser Tupffläche, die wir allerdings

nur mit dem Mikroskop deutlich erkennen können. Von der Mitte der

beiden Polster nämlich, dort, wo das feine Saug- und Speichelrohr

zwischen ihnen mündet, verlaufen über die ganze Fläche hin bis zum

Rande strahlig gestellte feine +Rinnen+ mit schmalem Längsspalt. Der

Speicheltropfen, der aus dem Saugrohr heraustritt, +verteilt+ sich

daher sofort mittels dieser Rinnen über die ganze Fläche und haftet

in feiner Schicht so fest auf derselben, daß er vom Zucker nicht

aufgesogen wird. So löst sich denn der Zucker in diesem Speichel, die

Lösung dringt durch die schmale Längsspalte in das +Innere der Rinnen+

und wird von diesen aus durch das in ihrem Ausstrahlungspunkt gelegene

+Saugrohr+ in den Magen gesogen. Die Fliege macht sich also richtiges

+Zuckerwasser+ und trinkt es dann. --

+Kurt+: Es war doch wirklich merkwürdig, wie schnell der Zucker von

unserer Fliege bemerkt wurde, beinah’, als wenn sie ihn gerochen hätte.

~Dr.~ E.: Soviel ich weiß, riecht der Zucker überhaupt nicht. Und da

sie ihn auch nicht gehört haben kann, so bleibt wohl nichts weiter

übrig, als daß sie ihn +gesehen+ hat. Groß genug sind ja ihre Augen

dazu.

+Fritz+: O, von denen habe ich schon viel gelesen. Das sind diese

seltsamen +Facettenaugen+, die auf der Fläche wie lauter kleine

Sechsecke aussehen. Jedes Sechseck stellt ein Auge für sich dar, so daß

die Fliege viele hundert Bilder von jedem Gegenstand mit einmal sieht.

~Dr.~ E.: Es ist sehr nett von dir, Fritz, daß du diesen altberühmten

Streit über das Sehen der Insekten nunmehr zum Austrag gebracht hast.

Ich darf wohl annehmen, daß deine so sicher vorgetragene Behauptung auf

gründlichen Untersuchungen beruht?

+Fritz+: Da habe ich also wohl eine große Dummheit gesagt?

~Dr.~ E.: Nun, das gerade nicht. Aber die ganze Frage nach den

Leistungen des Facettenauges ist gerade jetzt, nachdem in den letzten

Jahren sehr umfassende und sorgfältige Studien über den Bau des

Insektenauges gemacht sind, so wenig entschieden, daß es mir Spaß

machte, dich so klug darüber reden zu hören. Noch heute stehen sich

zwei Ansichten unvermittelt gegenüber, von denen die eine, zuerst

von dem berühmten Johannes Müller begründete, behauptet, daß jede

Facette nur einen +einzigen Lichtpunkt+ auf die Netzhaut im Innern

des Auges werfe, während die andere durch jede Facette ein +ganzes

Bild+ des betreffenden Gegenstandes auf der Netzhaut entstehen läßt.

Beide Ansichten lassen sich verteidigen, und ihr habt hier so recht

ein Beispiel, wie die Erforschung einer Lebenserscheinung oft um so

schwieriger zu werden scheint, je eingehender man dieselbe studiert hat.

+Kurt+: Aber man muß doch beurteilen können, ob die Fliege gut oder

schlecht sieht.

~Dr.~ E.: Selbst das ist keine so leichte Sache. Versuche hierüber

sind natürlich angestellt, und zwar in großer Zahl. Man kennt für

verschiedene Insekten annähernd die Entfernungen, in welchen sie

Gegenstände von bestimmter Größe und Farbe wahrnehmen, man weiß, daß

sie sich manchmal irren, und daß sie bewegte Körper leichter sehen

als ruhende. Ein sicheres Urteil aber darüber, mit welcher Klarheit

irgendein Gegenstand den Tieren zum Bewußtsein kommt, ob scharf und

deutlich, ob verschwommen und nur in groben Umrissen, das weiß zurzeit

niemand zu sagen.

+Fritz+: Ist es nicht merkwürdig, daß die Fliege ihre Augen nicht

bewegen kann?

~Dr.~ E.: Ja, das ist wieder ein Punkt, der beweist, wie anders das

Sehen bei den Insekten eingerichtet sein muß als bei uns. Wenn +wir+

etwas genau betrachten wollen, drehen wir das Auge so, daß das Bild des

Gegenstandes auf den Punkt des deutlichsten Sehens, auf den sogenannten

„gelben Fleck“ in der Netzhaut fällt. Für die Insektenaugen werden wir

wohl annehmen müssen, daß bei jeder der vielen Facetten eines Auges die

Lichtpunkte eines Gegenstandes mit gleicher Deutlichkeit von der hinter

der Facette liegenden kleinen Netzhaut aufgefangen werden. Da nun jedes

Gesamtauge annähernd eine Halbkugel darstellt, so würde das Tier in der

Tat nach allen Seiten hin gleich gut sehen können.

+Fritz+: Und Einrichtungen für das Nah- und Fernsehen gibt es auch

nicht?

~Dr.~ E.: Die scheinen durch den höchst eigenartigen Bau der Netzhaut

selbst gegeben zu sein. Zudem haben viele Insekten, und so auch unsere

Stubenfliege, noch eine zweite Sorte von Augen vorn an der Stirn, die

sogenannten +Punktaugen+. Von diesen behaupten einige Forscher, daß

sie zur Betrachtung ganz naher Gegenstände geeignet wären. -- Doch nun

wollen wir es für heute genug sein lassen. Ich denke, das wenige, was

wir von unserer Hausgenossin besprechen konnten, wird schon genügt

haben, um euch ein bißchen mehr Achtung vor diesem Kunstwerk der Natur

einzuflößen.

Naturstudien im Hause · 第 9 / 16 段