Herden nie genug Luft zugeführt wird, um den Holzstoff völlig zu
verbrennen. Wir müssen demnach zwei ganz verschiedene Arten von
Verbrennung unterscheiden: Die eine bei +viel+ Luftzutritt, wo die
Bestandteile der Zellulose sich +völlig+ in unsichtbare Gase, wie
Kohlensäure und Wasserdampf verwandeln; die andere bei +ungenügendem+
Luftzutritt, wo außer diesen Gasen allerlei +feste+ und +flüssige
Stoffe+ entstehen, die wir im Ruß des Schornsteins wiederfinden. Aber
auch was +zurückbleibt+, ist in beiden Fällen nicht das gleiche.
Bei +vollständiger+ Verbrennung des Holzes bleibt schließlich nur
die +Asche+ übrig, also das, was überhaupt unter keinen Umständen
verbrennen kann; bei +mangelnder+ Luftzufuhr hingegen bleibt mit den
Mineralstoffen noch ein Teil des +Kohlenstoffs+ unverbrannt zurück: Das
Holz erscheint uns dann eben nicht verbrannt, sondern nur „verkohlt“.
+Fritz+: Ah, jetzt begreife ich, wodurch draußen im Walde in den
Kohlenmeilern die Holzkohlen entstehen.
~Dr.~ E.: So? Und wie denkst du dir die Sache? Hast du denn schon
einmal einen solchen Meiler gesehen?
+Fritz+: Ja! Weißt du denn nicht mehr, wie wir im vorigen Jahre in
Thüringen waren? Da hatten die Köhler einen großen, runden, aber nicht
sehr hohen Holzstoß aufgebaut und ganz und gar mit Rasen bedeckt, so
daß er fast wie eine niedrige Hütte aussah. Auch eine Art Tür führte
hinein und innen waren schmale Gänge. Wenn dann das Holz in Brand
gesteckt war, wurde der Eingang mit Rasen zugesetzt, und nun zog ein
dicker Qualm zwischen den Rasenstücken nach außen. Später ist dann
das ganze Holz im Innern zu Holzkohle geworden. Nach dem, was du uns
soeben erzählt hast, kann das nur daher kommen, daß durch das Zudecken
mit Rasen der Zutritt der Luft so weit abgeschlossen wurde, daß eine
vollständige Verbrennung zu Asche nicht möglich war.
~Dr.~ E.: Es freut mich, daß du den Vorgang richtig aufgefaßt hast.
Doch nun wollen wir unser schwieriges Thema weiter verfolgen. Nach
dem, was wir bis jetzt besprochen, sind es also zwei Dinge, welche die
Zellulose zerstören: die +Hitze+ und der +Sauerstoff+ der Luft. Wirken
beide +zusammen+, so verbrennt das Holz vollständig bis zu Asche; ist
der +Luftzutritt+ vermindert, so erhalten wir bei genügender Hitze
+Holzkohle+ und +Rauch+. Es fragt sich nun, was geschehen wird, wenn
entweder +nur+ Hitze ohne Luft, oder nur Luft ohne Hitze auf das Holz
einwirkt.
+Fritz+: Um ersteres zu erfahren, brauchte man ja nur etwas Holz in
einem völlig geschlossenen Behälter zu erhitzen. Das wäre doch leicht
zu machen.
~Dr.~ E.: Es geschieht dies auch oft genug. Man bringt das Holz in
große eiserne Zylinder, verschließt sie und heizt dann tüchtig darunter.
+Kurt+: Warum tut man denn das? Man muß doch irgendeinen Zweck dabei
verfolgen.
~Dr.~ E.: Gewiß, mein Junge. Es wundert mich nur, daß ihr noch nicht
dahinter gekommen seid, was ich euch eben beschreiben wollte. Kennt ihr
denn wirklich keine +Gasfabrik+?
+Fritz+: Eine Gasfabrik? Ich denke, das Gas wird aus Steinkohlen
hergestellt?
~Dr.~ E.: Das kommt ganz darauf an. Holz tut genau dieselben Dienste
und wird oft genug statt der Steinkohlen angewendet. Doch die
Hauptsache ist für uns, was wird aus dem Holz, wenn es bei Luftabschluß
erhitzt wird?
+Fritz+: Da wird sich natürlich auch aus dem Holz wohl Leuchtgas
entwickeln. In den eisernen Zylindern aber, so denke ich mir, wird
+Holzkohle+ zurückbleiben, da sie ja nicht zu Asche verbrennen kann
wegen des fehlenden Sauerstoffs.
~Dr.~ E.: Deine Vermutung ist richtig; nur hast du noch eine Gruppe
von Stoffen vergessen, die außer dem Leuchtgas entsteht, nämlich
Flüssigkeiten, die anfangs in Dampfform mit aus den eisernen Zylindern
entweichen, dann aber sich bald in besonderen Behältern verdichten
und ansammeln. Es sind vor allem Wasser mit etwas Essig, sodann
ölartig-schmierige Stoffe, die euch wohl unter dem Namen +Teer+ bekannt
sein werden.
+Kurt+: Aber wie kann denn das alles aus dem Holz kommen; das ist doch
ganz trocken?
[Sidenote: Wirkung der Hitze und der Luft auf Zellulose]
~Dr.~ E.: Ja, mein Sohn, da müßtest du schon Chemiker sein, um das
zu verstehen. Nur so viel will ich dir sagen, daß alle diese Körper
eben auch aus Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff zusammengesetzt
sind, aus denen ja die Zellulose besteht. Durch das Erhitzen +zerlegt+
sich also die Zellulose in eine Menge einfacherer Verbindungen, die
teils gasförmig, teils flüssig sind. Das gewöhnliche Wasser ist,
wie du weißt, weiter nichts als eine Verbindung von Wasserstoff und
Sauerstoff; folglich muß es sich auch bilden können, wenn ich das
feste, trockene Holz, das diese beiden Gase enthält, durch Hitze
zerlege.
+Kurt+: Ja, das sehe ich wohl ein; aber schnurrig bleibt es doch, daß
die Chemie aus +trockenen+ Körpern +Flüssigkeiten+ und sogar +Gase+
machen kann.
~Dr.~ E.: Du würdest noch viel mehr staunen, wenn ich dir die ganze
Fülle der Stoffe nennen wollte, die durch die Zersetzung des Holzes und
der verschiedenen Kohlenarten entstehen. Nur beiläufig will ich indes
erwähnen, daß auch unsere Paraffinkerzen, das Naphthalin und vor allem
die prächtigen Anilinfarben aus dem Gasteer gewonnen werden. Genug, wir
wissen nun, daß der Holzstoff unter dem Einfluß der Hitze sich in eine
Menge gasförmiger, flüssiger und teerartiger Stoffe zersetzt, und daß
dann schließlich in den Eisenzylindern Kohle zurückbleibt. Jetzt wollen
wir die zweite Frage besprechen, ob die +Luft allein+, ohne Hitze,
ebenfalls eine Einwirkung auf die Zellulose ausübt.
+Fritz+: Das glaube ich nicht. Denn ein Stück Holz bleibt ja
unverändert, wenn wir es einfach an der Luft liegen lassen.
~Dr.~ E.: Dann werden also alle die Bäume, die vor tausend oder
zehntausend Jahren im Walde umgefallen sind, dort heute noch ebenso
liegen?
+Fritz+: Das nicht; die sind längst vermodert. Aber sie waren auch
schon morsch, als sie umfielen.
~Dr.~ E.: Wenn das Umfallen durch einen Windbruch geschah, wohl
schwerlich. Wie ist es denn mit einem gesunden Balken, den man in ein
Haus hineinbaut? Behält der etwa durch Jahrhunderte seine Festigkeit?
+Fritz+: Nein, daran habe ich nicht gedacht; dann muß ich also wohl
zugeben, daß auch frisches, gesundes Holz, wenn es der Luft ausgesetzt
wird, im Laufe der Zeiten morsch wird und schließlich zerfällt.
~Dr.~ E.: Und was mit dem Balken vielleicht erst nach Jahrhunderten
geschieht, das geschieht ungleich schneller mit den Blättern, dem Laub
in den Wäldern, welches der Hauptsache nach ebenfalls aus Zellulose
besteht.
+Kurt+: Ja, wenn man das Laub in einem Buchenwalde aufhebt, so sieht
man, wie die tieferliegenden Blätter ganz dunkelbraun geworden sind und
zergehen, wenn man sie nur anrührt.
~Dr.~ E.: Sehr richtig! Unter diesen zergehenden Blättern aber liegt
dann ferner die sogenannte Humusschicht, d.❰h. Erde, welche durch die
aus der Zersetzung der Blätter entstandenen Stoffe schwarz gefärbt
ist. Wißt ihr denn nicht, daß jeder Gärtner sich einen sogenannten
Komposthaufen anlegt, in dem er alle möglichen Pflanzenabfälle mit Erde
mischt und wartet, bis das Ganze zu Humus geworden ist? Schon hieraus
könnt ihr sehen, daß der Holzstoff in der Luft nicht unveränderlich
ist, wenn wir auch wissen, daß bei dieser Zersetzung oder Verwesung
namentlich kleine Pilze, die sogenannten Fäulnisbakterien, beteiligt
sind.
+Fritz+: Aber das ist denn doch wohl eine ganz andere Art der
Zersetzung wie durch Hitze?
~Dr.~ E.: Die entstehenden Stoffe sind allerdings zum großen
Teil andere. Wir müssen aber auch hier, ganz ähnlich wie bei der
Verbrennung, streng unterscheiden, ob der Sauerstoff der Luft wirklich
völlig +ungehindert+ auf die Pflanzenstoffe einwirken kann, oder ob
er nur in +beschränktem+ Maße Zutritt hat. Im ersteren Falle wird
die Zersetzung der Zellulose eine +vollständige+ sein, d.❰h. es
werden schließlich, wie bei der vollkommenen Verbrennung, +nur+ die
Mineralstoffe als Asche übrigbleiben, während die Gase in die Luft
gehen. Ist dagegen der Zutritt der Luft erheblich beschränkt, z.❰B. im
Walde, wo die zergehenden Blätter von anderem Laube bedeckt werden,
oder am Grunde des Wassers, so haben wir es gewissermaßen mit einer
+unvollkommenen+ Verbrennung zu tun, und die Stoffe, die sich bilden,
erinnern nunmehr an diejenigen, die wir bei der Leuchtgasfabrikation
erhalten.
+Kurt+: Entstehen denn da auch Gase, die brennen können?
[Sidenote: Sumpfgas. Unterschied von Holzkohlen und Steinkohlen]
~Dr.~ E.: Ja. Und wenn es dir Spaß macht, kannst du dich leicht davon
überzeugen. Du brauchst nur an einen Sumpf zu gehen, auf dessen
Grunde viele Pflanzenstoffe vermodern, und den Boden mit dem Stock
aufzurühren. Dann steigen eine Menge Gasblasen aus der Tiefe empor.
+Kurt+: Aber die kann ich doch nicht anstecken.
~Dr.~ E.: Wenn du sie einsammelst, warum nicht? Nimm also eine Flasche
und einen Trichter mit. Die Flasche füllst du bis oben mit Wasser und
steckst den Trichter drauf. Dann drehst du die Flasche unter Wasser
um, so daß der Trichter nach unten kommt, und suchst nun die einzelnen
Blasen im Wasser mit dem Trichter zu fangen. Sie steigen in der Flasche
empor und verdrängen nach und nach das Wasser. Ist die Flasche voll
Gas, wird sie unter Wasser fest zugekorkt. Zu Hause werden wir dann
sehen, daß das eingefangene Gas brennbar ist; es führt den Namen
+Sumpfgas+. Man muß sich indes hüten, es mit Luft zu mischen, da es
sonst eine Explosion geben kann.
Doch jetzt werden wir am Ende so weit sein, daß wir die Entstehung
der Kohle begreifen können. Also erste Frage: Sind die Kohlen dadurch
entstanden, daß die Pflanzen, aus denen sie sich bildeten, einfach an
der Luft vermoderten?
+Fritz+: Nein, denn dann würden diese Pflanzen durch den Sauerstoff der
Luft sich schließlich ganz zu Asche zersetzt haben. Kohle setzt immer
den +Mangel+ von Sauerstoff voraus.
~Dr.~ E.: Gut. Nun weiter, zweite Frage: Sind die Kohlen durch
Einwirkung von Hitze entstanden?
+Fritz+: Ja, das wäre möglich, etwa durch die Wärme des Erdinnern.
Die Pflanzen lagen schon so tief unter der Erde, daß keine Luft mehr
daran kommen konnte. So mußte durch die Hitze eine ähnliche Zersetzung
vor sich gehen, als wenn Holz bei Luftabschluß in eisernen Zylindern
erhitzt wird.
~Dr.~ E.: Bei dieser Annahme wäre es zunächst unverständlich, wie die
betreffenden Pflanzen so tief unter die Erde gelangt sein sollten, daß
die Luft sie nicht mehr erreichen konnte. Sodann aber hast du etwas
außer acht gelassen, was deine ganzen Schlüsse über den Haufen wirft.
Wenn wir Holz bei Luftabschluß +erhitzen+, so bleibt +reine+ Holzkohle
übrig; alle gasförmigen und flüssigen Zersetzungsprodukte hingegen
sind aus dem Zylinder gewichen. Diese Holzkohle besteht also +nur+ aus
+Kohlenstoff+ und +Aschenteilen+; durch kein Erhitzen kann ich noch
+Gas+ oder +Teer+ heraustreiben. Wenn ich hingegen Steinkohle in dem
eisernen Zylinder erhitze, so erhalte ich, wie ihr wißt, eine große
Menge +Leuchtgas+, +Gaswasser+ oder +Teer+, ganz ähnlich, als wenn ich
unversehrtes Holz genommen hätte. Erst nach geraumer Zeit besteht das,
was in dem Zylinder zurückbleibt, ebenfalls nur aus Kohlenstoff und
Aschenteilen.
+Kurt+: O, das kenn’ ich, das ist der Koks!
~Dr.~ E.: Ja, so nennt man den Stoff, der beim Erhitzen von Steinkohlen
beim Luftabschluß übrigbleibt. Wenn wir in unsern Bergwerken Koks
fänden, d.❰h. also eine Kohle, die beim Erhitzen kein Gas und keinen
Teer mehr von sich gibt, so könnten wir sagen, die Pflanzen früherer
Zeiten sind durch Hitze unter Luftabschluß in Kohle verwandelt worden.
Jetzt aber, wo tatsächlich in den Stein- und Braunkohlen noch so viel
Gas und Teer steckt, dürfen wir sie unmöglich mit den Holzkohlen
vergleichen, sondern müssen vielmehr schließen, daß größere Hitze
+nicht+ eingewirkt hat. Sonst wären sicher die Gase und Flüssigkeiten
völlig entwichen.
+Fritz+: Aber dann bleibt doch weiter gar keine Möglichkeit übrig!
~Dr.~ E.: Nur nicht gleich die Flinte ins Korn werfen, Fritz! Wenn
du ein klein wenig nachdenken wolltest, würdest du sogar finden, daß
auch heute noch große Pflanzenmassen auf dem besten Wege sind, sich in
richtige Kohle zu verwandeln, wie sie in den Bergwerken gefunden wird.
+Fritz+: Das könnte doch nur in den Wäldern sein?
~Dr.~ E.: Nein, dort gerade nicht. Aber kennst du denn nicht das
Brennmaterial, das namentlich auf dem Lande vielfach angewendet wird?
Es sind mauersteingroße Stücke, denen man meist noch sehr deutlich
ansieht, daß sie aus dem Pflanzenreiche stammen.
[Sidenote: Torf. Entstehung der Kohlen. Steinkohle. Braunkohle]
+Kurt+: Ach, ich weiß es, Vater! Du meinst den +Torf+.
~Dr.~ E.: Richtig geraten, Kurt. An den hättet ihr aber schon früher
denken sollen! -- Woraus besteht denn der Torf, und wie bildet er sich?
+Fritz+: Überall in unsern Mooren wird ja Torf gestochen. Es sind
hauptsächlich Moose, die sogenannten Torfmoose, welche in diesen Mooren
wachsen. Unten sterben sie immer ab, und die abgestorbenen Massen
werden zu Torf, während oben die Pflanzen weiter wachsen. So kommt es,
daß man von derselben Stelle nach einigen Jahren immer wieder Torf
gewinnen kann, wenn er auch schon einmal abgestochen war.
~Dr.~ E.: Richtig ist das, was du sagst, nur keine Antwort auf meine
Frage. Du hättest sagen müssen: Der Torf besteht aus den abgestorbenen
und teilweise zersetzten Resten verschiedener Pflanzen, namentlich
Moosarten, die noch heute auf der Erde vorkommen. Meine zweite Frage,
wie er sich bildet, hast du aber gar nicht berührt, denn, daß er mit
der Zeit nachwächst, ist doch keine Erklärung.
+Fritz+: Es wird sich dabei wohl um eine Zersetzung der Zellulose bei
beschränktem Luftzutritt handeln, da die lebende Moosschicht die Luft
nicht in die Tiefe dringen läßt.
~Dr.~ E.: Zugegeben! Aber eine Hauptsache hast du vergessen, wodurch
die Luft noch viel erfolgreicher abgeschlossen wird.
+Fritz+: Die Luft noch erfolgreicher abgeschlossen wird?
~Dr.~ E.: Ja, denke doch nur an den +Ort+, wo die Torfbildung vor sich
geht. Geschieht denn das im Walde oder auf dem Berge?
+Fritz+: Nein, im Moor. -- Ach, dann wird am Ende das +Wasser+ dabei
eine Rolle spielen!
~Dr.~ E.: Na, endlich! Soweit unsere Erfahrungen reichen, findet diese
eigenartige Umwandlung der Zellulose in Torf nur statt, wenn die
Pflanzenmassen durch +Wasser+ von der Luft fast völlig abgeschlossen
sind. Nun aber zeigt der Torf schon recht viele der Eigenschaften,
welche wir in der Kohle kennen. Er kann sogar sehr hart und fest, fast
steinartig sein, so daß man von dem pflanzlichen Bau kaum noch etwas
zu erkennen vermag. Sollte sich da nicht auch eine Folgerung für die
Entstehung der Kohlen ergeben?
+Fritz+: Da müssen wir also wohl annehmen, daß auch die Pflanzen,
welche später zu Kohlen wurden, im Wasser gewachsen oder ins Wasser
gefallen sind?
~Dr.~ E.: In der Tat ist das die einzige Erklärung, die wir heute für
die Bildung der Kohlen haben. Man glaubt, daß jene Pflanzen in ganz
ähnlicher Weise ausgedehnte Sumpfgebiete am Meer bestanden haben,
wie wir es heute von den sogenannten Mangrove-Wäldern in den Tropen
wissen, deren stelzenartiges Wurzelgeflecht zur Flutzeit ganz unter
Wasser steht. Die absterbenden Pflanzen sanken direkt ins Wasser
und bildeten dann im Laufe der Zeit jene dicken, durch den sehr
beschränkten Zutritt von Sauerstoff bei niedriger Temperatur äußerst
langsam sich zersetzenden und umwandelnden Schichten, die wir heute
als Kohlenflöze unter Ton, Sand und andern Ablagerungen des Meeres
vergraben finden.
+Kurt+: Dann sind die Steinkohlen und die Braunkohlen also nicht aus
Torfmoosen entstanden?
~Dr.~ E.: Gewiß nicht. Von den Steinkohlen weiß man, daß sie
hauptsächlich aus vorweltlichen Baumfarnen, riesigen Schuppenbäumen
oder Bärlappen und Schachtelhalmen hervorgegangen sind, während das
Material der Braunkohlen wohl vornehmlich von jetzt ausgestorbenen
Nadelhölzern geliefert wurde.
+Fritz+: Wodurch unterscheiden sich denn die Braunkohlen von den
Steinkohlen?
~Dr.~ E.: Das ist nicht so leicht zu sagen; auch gehen beide Arten
fast unmerklich ineinander über. Braunkohle ist nämlich durchaus nicht
immer braun, ebensowenig wie Steinkohle immer steinartig zu sein
braucht. Im allgemeinen kann man behaupten, daß die Braunkohle +jünger+
und in ihrer Umwandlung noch nicht soweit vorgeschritten ist wie die
Steinkohle. Sie hat daher im Verhältnis noch viel mehr Wasserstoff
und Sauerstoff aus der ursprünglichen Zellulose zurückbehalten als
die Steinkohle, bei welcher diese Elemente schon weit mehr als
gasförmige oder flüssige Verbindungen des Kohlenstoffs entwichen
sind. Die Braunkohle brennt infolgedessen mit rußender Flamme und
unangenehmem Geruch, während die Steinkohle mit heller Flamme und
weniger unangenehmem Geruch verbrennt. Bei der Braunkohle bestehen nur
55-75 Prozent des Gewichts aus reinem Kohlenstoff, bei der Steinkohle
hingegen 75-90 Prozent, da, wie gesagt, die beiden andern Bestandteile
der Zellulose zum großen Teile sich schon verflüchtigt haben.
+Fritz+: Sind denn diese gasförmigen und flüssigen Zersetzungsstoffe
durch die darüber liegenden Erdschichten einfach in die Luft gegangen?
~Dr.~ E.: Soweit sie durch konnten, jedenfalls; ein Teil aber
steckt noch jetzt in den Kohlenlagern. Das Gas ist der Hauptsache
nach dasselbe, was wir vorhin als Sumpfgas im Moder der Gräben
kennenlernten, und das ihr einfangen solltet. Es ist dem Bergmann
leider nur zu wohl bekannt als sogenanntes +Grubengas+, das, mit Luft
gemischt, die furchtbaren schlagenden Wetter in den Kohlengruben
verursacht. Hunderte und Tausende braver Bergleute sind diesen
schrecklichen, durch irgendeine Unvorsichtigkeit hervorgerufenen
Explosionen schon zum Opfer gefallen. Als flüssiges Zersetzungsprodukt
der Steinkohlen aber könnte man vielleicht das Erdöl oder Petroleum
ansehen, eine Ansicht, die allerdings von anderer Seite bestritten wird.
+Fritz+: Hat denn nun die Hitze des Erdinnern gar nichts mit der
Kohlenbildung zu tun gehabt?
~Dr.~ E.: Eine gewisse Temperaturerhöhung kommt zweifellos dabei mit
in Frage. Diese ist aber schon durch den gewaltigen Druck gegeben,
welchen die darüber lagernden Erdschichten ausübten. Die allerältesten
Kohlen, die wir kennen, dürften am stärksten von höheren Temperaturen
beeinflußt sein, denn sie sind fast zu Koks geworden und liefern keine
gasförmigen Stoffe mehr. Es ist dies der +Anthrazit+, der sich auch
überall da gebildet hat, wo Stein- oder Braunkohlen mit glutflüssigen
Gesteinsmassen, die aus dem Erdinnern empordrangen, in zu nahe
Berührung gekommen sind.
+Kurt+: Gibt es denn sonst weiter keinen Kohlenstoff auf der Erde, als
den in den Kohlen?
~Dr.~ E.: O ja! Eine Sorte benutzt du wahrscheinlich täglich bei deinen
Schularbeiten, und die andere Sorte -- nun, Fritz?
+Fritz+: Die andere Sorte hat Mutter in ihrem Ring und der Glaser
braucht sie zum Glasschneiden.
~Dr.~ E.: So, Kurt, nun rate! -- Wenn du mal nach Südafrika kommst,
kannst du uns vielleicht ein paar Säcke voll von dieser besonderen
Sorte Kohlenstoff mitbringen.
[Illustration]
[Illustration]
Neunter Abend.
Sieh, Vater, sagt Fritz, ein Blatt Papier aus der Tasche ziehend, das
habe ich heute in deinem Papierkorb gefunden. Das brauchst du wohl
nicht mehr.
~Dr.~ E.: Was steht denn darauf?
+Fritz+: Es ist augenscheinlich aus einem Vortrag von dir über die
Stubenfliege.
~Dr.~ E.: Ah, ich sehe. Es ist das Ende eines kleinen Aufsatzes, den
ich mal für ein Weihnachtsbuch geschrieben habe. Das kannst du ruhig
wegwerfen.
[Sidenote: Die Stubenfliege. Aufgaben für den Naturforscher]
+Fritz+: Ist es denn wirklich deine Meinung, wie da steht, daß die
Naturforscher allein an der +Stubenfliege+ noch so viel zu studieren
hätten, daß es andere Tiere gar nicht zu geben brauchte? Sie würden
doch noch genug zu tun haben?
~Dr.~ E.: Natürlich ist das meine Meinung. Sonst würde ich es doch
nicht geschrieben haben!
+Fritz+: Dann ist also die Stubenfliege ein ganz besonders rätselhaftes
und interessantes Geschöpf?
~Dr.~ E.: Nicht mehr und nicht weniger als irgendein beliebiges anderes
Insekt.
+Fritz+: Nun, dann verstehe ich dich nicht. Ich dachte immer, diese
Tiere, und namentlich solche gemeinen wie die Stubenfliege, seien schon
so oft untersucht und beschrieben worden, daß gar nichts Neues mehr
an ihnen zu entdecken sei. Man kennt doch gewiß ihre Lebensgeschichte
ganz genau, weiß, wo sie ihre Eier ablegen, wie die Maden und Puppen
aussehen, was die Fliegen fressen, wie lange sie leben und was sonst
etwa noch Bemerkenswertes an ihnen zu finden ist.
~Dr.~ E.: O ja, das weiß man, das ist in jedem Zoologiebuche zu lesen.
+Fritz+: Nun also --?
~Dr.~ E.: Also schließe ich aus dem, was mein Sohn Fritz soeben gesagt
hat, daß er noch genau so oberflächlich denkt wie die meisten andern
Menschen, die nichts empfinden, wenn sie die Wunderwerke der Natur vor
Augen haben. -- Sieh, Fritz, wenn es einem Mechaniker gelingt, das
ganze kunstvolle Getriebe einer Taschenuhr in den kleinen Raum einer
+Erbse+ zusammenzudrängen, so staunt alle Welt und fragt, wie es nur
möglich war, so winzige Rädchen und Federchen herzustellen. Wenn aber
ein unendlich +kunstvolleres+ Getriebe, das selbständig sich nährt
und wächst, das sich frei bewegt, sieht und hört, wenn, sage ich, ein
solches Ding von vielleicht noch viel geringerer Größe als eine Erbse
tagtäglich als lebendiger Beweis von dem über alle menschliche Kraft so
unendlich erhabenen Schaffen der Natur in unserem Zimmer herumfliegt,
dann findet die Menge ganz und gar nichts Außerordentliches dabei. Da
hat sie alles Gefühl dafür verloren, wie groß die Fülle der Rätsel ist,
die in diesem winzigen Geschöpfe der Lösung harren.
+Fritz+: Ja, wenn du so willst -- das ist natürlich was anderes. Aber
ich denke, das eigentliche +Leben+, ich meine den letzten, tiefsten
Grund des Lebens, wird der Mensch ja doch nie völlig enträtseln können.
~Dr.~ E.: Davon spreche ich auch gar nicht. Ich denke tatsächlich nur
an solche Fragen, die von der Wissenschaft wirklich gelöst werden
können und zum Teil auch gelöst sind.
+Kurt+: Da meinst du also den Bau der +inneren+ Organe und die
Tätigkeit, welche jedes einzelne derselben auszuüben vermag?
~Dr.~ E.: Das ist jedenfalls eine der Aufgaben, welche die
Naturforschung zu bewältigen hat. Nicht minder wichtig ist dann die
weitere Frage, wie jedes dieser Organe und somit das ganze kunstvolle
Getriebe des erwachsenen Tieres aus den winzigen Anfängen der Eizelle
sich +entwickelt+, wie aus dem Ei die Made, aus dieser die Puppe und
schließlich das vollkommene Insekt sich herausbildet, und welche Kräfte
hierbei in Wirksamkeit treten. -- Doch ich sehe, ich spreche über
Dinge, von denen ihr jedenfalls noch keine klare Vorstellung habt. Wir
wollen daher, wenn es euch recht ist, nur mal ein wenig näher auf das
eingehen, was man +äußerlich+ an jeder Fliege beobachten kann. Ich
hoffe, ihr werdet auch hierdurch schon einen kleinen Begriff bekommen
von der Mannigfaltigkeit der Aufgaben, die zu lösen sind.
+Fritz+: Oh, den äußern Bau der Fliege kenne ich besser, als du
glaubst! Ihr Körper zerfällt in Kopf, Brust und Hinterleib; sie hat
sechs Beine wie alle Insekten --
[Sidenote: Gebrauch der Beine. Gewicht der Fliege]
~Dr.~ E.: Schon gut, Fritz. Deine Gelehrsamkeit ist ja erstaunlich.
Weißt du denn auch, wodurch die Fliege auf ihren Beinen stehen kann,
obgleich keine Knochen darin sind?
+Fritz+: O ja. Die äußere Haut der Insekten ist hornartig; die Beine
bilden also gewissermaßen feste hohle Röhren, welche den Körper tragen.
~Dr.~ E.: Sehr schön. Und aus wieviel solchen Röhrenstücken besteht
jedes Bein? Die Beine müssen doch auch gebeugt und gestreckt werden
können, wenn sie zum Laufen dienen sollen.
+Fritz+: Ja, das habe ich auch gewußt. Es war fast, wie beim
Menschenbein: Oberschenkel, Unterschenkel, Fuß, und oben, ich glaube,
da waren auch noch zwei oder drei Stücke.
~Dr.~ E.: Nun, es soll uns nicht so genau darauf ankommen. So ungefähr
hast du auch das Richtige getroffen. Ich will nur noch hinzufügen, daß
die Fliege alle diese Teile gegeneinander +beugen+ und +strecken+ kann,
etwa so, wie wir den Unterschenkel gegen den Oberschenkel biegen. Eine
Ausnahme macht allein das oberste Stück, das Hüftglied, welches zur
+Dreh+bewegung nach vorwärts und rückwärts befähigt ist. -- Jetzt aber
weiter: In welcher Weise gebraucht denn nun die Fliege ihre Beine, wenn
sie umherläuft?
+Fritz+: Wie sie ihre Beine gebraucht? Ich denke, sie beugt und streckt
sie etwa geradeso, wie wir es beim Gehen machen.
~Dr.~ E.: Nun wohl. Wir aber haben nur zwei Beine, und die Fliege hat
sechs. Es entsteht doch die Frage, in welcher +Reihenfolge+ sie die
Beine hebt, da sie sie doch nicht alle sechs mit einmal vorwärts setzen
kann.
+Fritz+: Ja, daran habe ich noch nicht gedacht. Das kann man doch auch
gar nicht untersuchen!