~Dr.~ E.: Ich glaube, daß wir dies von vornherein ganz gut annehmen

können. Ein Luftschiffer merkt ja auch an den immer stärker werdenden

Beschwerden, daß er sich in eine zu große Höhe gewagt hat. Beim Fisch

wird das noch viel mehr der Fall sein, denn er besitzt, wie es scheint,

sogar einen +eigenen Sinn+ für die Empfindung des auf ihm lastenden

Wasserdrucks.

+Kurt+: Einen besonderen Sinn außer den bekannten fünf? Da bin ich doch

neugierig, wo der wohl sitzen mag.

~Dr.~ E.: O, das kann ich dir gleich zeigen, wenn du nur den Goldfisch

hierher zur Lampe holst. Siehst du wohl die eigentümliche, wie aus

kurzen Längsstrichen zusammengesetzte Linie, welche an jeder Seite des

Körpers ziemlich in der Mitte vom Kopfe bis fast zur Schwanzflosse

verläuft?

+Hans+: Ja, wahrhaftig. Man sieht es ganz deutlich, wenn er an der Wand

des Glases entlang schwimmt.

+Kurt+: Und das soll ein Sinnesorgan sein?

~Dr.~ E.: Ein Sinnesorgan jedenfalls. Sieh, die kleinen Striche, die

man da bemerkt, sind in Wirklichkeit kleine Kanälchen, welche schräg je

eine Schuppe durchbohren und dann in einen größeren Längskanal münden,

der unter der Haut verläuft. Die Wandung desselben ist ganz von feinen

Nerven umsponnen, die hier endigen. Durch die kleinen Strich-Kanälchen

kann nun das Wasser, in dem der Fisch schwimmt, in das Innere des

großen Längskanals eindringen. Jeder stärkere Druck des äußern Wassers

muß sich daher bis auf die Flüssigkeit in diesem Längskanal und somit

auch auf die feinen Nerven, die ihn umspinnen, fortpflanzen.

+Kurt+: Das ist aber eine gediegene Einrichtung! Davon habe ich noch

gar nichts gewußt. Wundern tut es mich nur, daß bei den Fischen

alles so ganz anders ist, wie bei den übrigen Wirbeltieren. Erst die

Schwimmblase, und jetzt dieses Druckprüfungsorgan oder wie es sonst

heißt.

[Sidenote: Schwimmblase und Lunge]

~Dr.~ E.: Der Name für diesen Apparat ist „+Seitenlinie+“. Du irrst

indessen, wenn du glaubst, daß sie und die Schwimmblase so ganz

ausschließlich den Fischen zukomme. Ein ähnliches Organ wie die

Seitenlinie, wenn auch anders gebaut, hat man bei den meisten Amphibien

beobachtet. Die Schwimmblase aber ist ein Gebilde, das durch die ganze

Wirbeltierreihe hindurch geht, und das man also vermutlich auch bei dir

finden würde, wenn man dich auf den Seziertisch legte.

+Kurt+: O weh, Vater! Das wollen wir doch lieber nicht ausprobieren. Wo

soll denn die Schwimmblase bei uns sitzen?

~Dr.~ E.: Sie sitzt in der Brust, wird aber beim Menschen nicht mehr

Schwimmblase genannt, sondern --? Nun, Fritz, zeige, was du kannst.

+Fritz+: Ich glaube einmal gehört zu haben, daß die Schwimmblase

unserer +Lunge+ entspräche. Wie man das aber beweisen will, ist mir

unklar.

~Dr.~ E.: Einen unanfechtbaren Beweis kann auch ich euch jetzt nicht

gut liefern, da er sich vornehmlich auf die Entwicklungsgeschichte

beider Organe stützen müßte, die für euch noch zu schwierig ist. Aber

daß die Sache in hohem Maße wahrscheinlich ist, werdet ihr schon

einsehen lernen. Habt ihr denn schon einmal eine Schwimmblase gesehen?

+Kurt+: Natürlich! Du meinst doch diese straffen, mit Luft gefüllten

Blasen, die unsere Doris aus dem Karpfen herausholt, wenn sie ihn

ausweidet, und die so knallen, wenn man drauf tritt.

~Dr.~ E.: Ja, die meine ich. Und habt ihr sonst nichts an diesen Blasen

bemerkt?

+Fritz+: Sie sind in der Mitte eingeschnürt und auf der Oberfläche

verlaufen kleine rote Äderchen.

~Dr.~ E.: Nun, das ist schon etwas. Die Hauptsache fehlt aber noch.

+Hans+: Und an der einen Seite sitzt ein dünner Faden!

~Dr.~ E.: Bravo, mein Hansel. Da hast du einmal mehr gesehen, als deine

älteren Brüder. Ein Faden ist das allerdings nicht, sondern ein dünnes

+Rohr+, das von der Schwimmblase in den Schlund führt.

+Fritz+: Und warum ist dieses Rohr so wichtig?

~Dr.~ E.: Weil es uns den Vergleich nahelegt mit einem Rohr, das auch

bei uns in den Schlund führt, und zwar aus den Lungen, deren Luft es in

die Mundhöhle zu leiten hat.

+Fritz+: Das wäre ja unsere Luftröhre!

~Dr.~ E.: Allerdings. Mit dieser muß dies feine Fadenrohr der

Schwimmblase verglichen werden, zumal es wohl sicher ist, daß dasselbe

ebenfalls zum Austreten von Luft aus der Schwimmblase dienen kann.

+Kurt+: Aber die Lunge selbst sieht doch ganz anders aus als die

Schwimmblase. Sie dient ja auch zum Atmen, die Schwimmblase hingegen

zum Auf- und Niedersteigen!

~Dr.~ E.: Mit dem verschiedenen Aussehen ist es nicht so weit her, wenn

du nicht die Lungen eines Säugetieres, sondern etwa die eines Frosches

mit der Schwimmblase vergleichst. Vorhin hat Fritz schon gesagt, daß

die Oberfläche der Schwimmblase mit feinen Äderchen übersponnen ist.

Wenn ihr euch nun vorstellt, daß die äußere Wand der Blase Falten

in dem Innenraum bildete, die sich etwa bis zu einem System dünner

Scheidewände im Innern entwickelten, und daß die Blutäderchen der

Oberfläche sich auch auf diese Scheidewände im Innern fortsetzten, so

hättet ihr ein ziemlich getreues Bild einer Froschlunge. Durch das

dünne Luftrohr könnte dann die äußere Luft in dieses System von Kammern

eindringen und würde nun an die in deren Wänden verlaufenden Blutgefäße

ihren Sauerstoff abgeben. Mit andern Worten: Aus dem einfachen

Luftbehälter der Fische wäre durch eine verhältnismäßig geringe

Weiterentwicklung der Wände und ihrer Blutgefäße ein Atmungsorgan

geworden.

+Fritz+: Das klingt ja alles sehr schön, Vater; aber daß sich eine

solche Umwandlung nun wirklich vollzogen hat, scheint mir doch wenig

wahrscheinlich.

~Dr.~ E.: Nun, du ungläubiger Thomas, dann will ich dir noch etwas

Weiteres erzählen, was deine Zweifel am Ende zerstreuen wird. Es gibt

tatsächlich noch heute Fische[13], und zwar in Afrika sowohl wie

in Südamerika und Australien, welche für gewöhnlich, d.❰h. solange

sie frei im Wasser schwimmen, durch +Kiemen+ atmen, wie die andern

Fische. Zur regenlosen Jahreszeit aber, wenn die Sümpfe, in denen sie

hausen, ausgetrocknet sind, leben diese sogenannten „Lungenfische“

monatelang in einer trockenen Schlammkugel und +atmen+ nun mit ihrer

+Schwimmblase+ ganz so, wie ich es vorhin als möglich geschildert habe.

+Kurt+: Dann werden Fritz und ich nun wohl stillschweigen müssen. --

Aber du hast eben die +Kiemen+ erwähnt, und von diesen ist es doch wohl

sicher, daß sie ganz allein bei den Fischen auftreten. Oder willst du

mir am Ende auch Kiemen zuschreiben?

~Dr.~ E.: Das nun gerade nicht. Aber denke doch nur an die Kaulquappen,

die anfangs mit ganz prächtigen Kiemenbüscheln ausgerüstet sind. Später

verwandeln sich dieselben zunächst in sogenannte innere Kiemen, um

endlich völlig zu verschwinden, wenn der junge Frosch sich entwickelt

hat. Solche Zustände mit Kiemenanlagen an den Seiten des Halses finden

wir nun bei allen Wirbeltieren, selbst bei den Säugetieren, in ihren

frühesten Entwicklungsstufen. Allein, da die Reptilien, Vögel und

Säugetiere kein fischartiges Jugendleben im Wasser führen, so gehen

diese Ansätze schnell zugrunde und sind völlig verschwunden, wenn das

Tier aus dem Ei schlüpft oder geboren wird. Kiemen sind eben nur für

das Leben im Wasser verwendbar. Es ist daher durchaus begreiflich, daß

die höheren Tiere ein Organ frühzeitig verlieren, das ihnen nichts

nützen kann.

+Kurt+: Und warum sind die Kiemen nur im Wasser zu gebrauchen?

[Sidenote: Das Atmen im Wasser und in der Luft]

~Dr.~ E.: Die Atmung besteht bekanntlich darin, daß der Sauerstoff der

Luft in das Blut eindringt, welches in den Adern der Kiemenblättchen

kreist. Die Luft muß also die äußere Haut der Kiemenblättchen

+durchdringen+, ehe sie in das Blut gelangt. Nun ist es eine bekannte

Tatsache, daß die tierische Haut oder die tierische Membran -- denkt

etwa an eine Schweinsblase -- die Luft in reicherem Maße nur dann

+durchläßt+, wenn sie genügend +angefeuchtet+ ist. Im Wasser ist dies

natürlich stets der Fall, und so genügt denn die wenige Luft, die in

demselben aufgelöst ist, um das Blut mit dem nötigen Sauerstoff zu

versorgen. Sobald ich aber den Fisch aus dem Wasser nehme, +trocknet+

die zarte Haut der Kiemenblättchen derartig ab, daß nun keine oder

nur sehr wenig Luft durch sie hindurchdringen kann. Der Fisch muß

also trotz des Meeres von Luft und Sauerstoff, das ihn umgibt, den

Erstickungstod sterben.

+Fritz+: Aber der Aal kann doch ziemlich lange außerhalb des Wassers

leben!

~Dr.~ E.: Das stimmt. Und zwar verdankt er diese Fähigkeit der

äußerst winzigen Öffnung seines Kiemendeckels, welche den Zutritt der

abtrocknenden Luft verhindert und die Feuchtigkeit der Kiemen wie in

einer fast völlig geschlossenen Höhle zurückhält. Es gibt übrigens

noch viel interessantere Beispiele von auf dem Lande lebenden Fischen.

Berühmt sind ja z.❰B. die Kletterfische[14] Ostindiens, welche geradezu

auf die Bäume klettern sollen, jedenfalls aber weite Wanderungen über

Land unternehmen. Befähigt sind sie zu diesem Leben außerhalb des

Wassers durch eine merkwürdige Einrichtung ihrer Kiemenbogen, welche

ein ganzes Labyrinth schwammartiger Poren enthalten, aus denen das

vorher aufgenommene Wasser tropfenweise auf die Kiemenblättchen fällt

und sie so für lange Zeit feucht erhält.

+Fritz+: Ich verstehe immer noch nicht, inwiefern denn nun die Lungen

besser zum Atmen auf dem Lande taugen sollen. In ihnen wird doch die

Luft auch erst irgendeine Membran durchdringen müssen, ehe sie in das

Blut gelangt, und diese Membran müßte doch eigentlich noch trockner

werden als die Kiemenhaut, da sie nie mit Wasser in Berührung kommt.

~Dr.~ E.: Du würdest vollständig recht haben, wenn nicht

glücklicherweise mit der Kohlensäure, die wir ausatmen, auch große

Mengen +Wasserdampf+ in unsern Lungen entständen. Ihr braucht ja nur

daran zu denken, daß unser Atem in der Kälte sichtbar wird, oder wie

man sagt, daß man „den Hauch sehen“ kann. Diese Erscheinung rührt

bekanntlich daher, daß der Wasserdampf bei niedriger Temperatur in

Wasserdunst sich verwandelt, und ihr könnt also aus dem dichten Nebel,

den wir dann ausatmen, ersehen, eine wie große Menge Wasserdampf

fortwährend in den Lungen gebildet wird. Ein großer Teil desselben

bleibt nun selbst beim tiefsten Ausatmen in den Lungenhöhlen zurück; er

ist somit die Ursache, daß die zarten Wände der Lungenbläschen unter

allen Umständen und auch bei trockenstem Wetter die nötige Feuchtigkeit

zum Durchtritt des Sauerstoffes behalten. -- Ihr seht, der alte Satz:

„Äußere Atmungsorgane für die Wassertiere, innere für die Landtiere“

findet in verhältnismäßig einfachen physikalischen Verhältnissen seine

Erklärung.

+Hans+: Wo hat denn unser Goldfisch eigentlich seine +Ohren+, Papa?

~Dr.~ E.: O, das wird dir schon einer deiner gelehrten Brüder

auseinandersetzen können.

+Kurt+: Ich weiß nicht recht; aber ich glaube, die Fische haben gar

keine Ohren, denn sie sind ja auch alle stumm und brauchen folglich gar

nicht zu hören.

~Dr.~ E.: Das sind fast ebensoviel Unrichtigkeiten wie Worte, lieber

Kurt. Selbst wenn es wahr wäre, daß alle Fische stumm sind, so würde

daraus doch noch keineswegs folgen, daß sie nun überhaupt nicht zu

hören brauchten. Der Gehörsinn ist denn doch ein zu wichtiges Mittel,

sich in der Welt zurechtzufinden und Gefahren zu vermeiden, als daß wir

bei so hoch entwickelten Tieren ein völliges Fehlen desselben annehmen

dürften.

+Kurt+: Aber kann man denn im Wasser überhaupt hören?

~Dr.~ E.: Gewiß kann man das. Ganz ähnlich wie in der Luft, pflanzen

sich die Schallwellen im Wasser und in festen Körpern fort. Ja, der

Schall wird in diesen Stoffen noch ungleich leichter und vollkommener

fortgeleitet, als in der Luft. Ein Taucher am Grunde des Wassers hört

jedes Wort, das am Ufer gesprochen wird, und das leiseste Kratzen am

Ende eines langen Balkens kann man deutlich am andern Ende wahrnehmen.

+Kurt+: Dann wundert es mich aber, daß die Fische alle stumm sind.

~Dr.~ E.: Das ist auch gar nicht der Fall. Freilich, Nachtigallen gibt

es unter den Fischen gerade nicht; denn ihnen fehlt ja der Kehlkopf,

durch den die Stimme der Landtiere erzeugt wird. Aber Töne können doch

manche von ihnen hervorbringen. Schon unsere einheimischen Fischer

wissen in dieser Hinsicht allerlei vom Schlammpeitzger[15], vom

Seeskorpion[16], vom Knurrhahn[17] und anderen Fischen zu erzählen; am

berühmtesten aber von allen ist wohl der sogenannte Trommelfisch[18]

der amerikanischen Ostküste, dessen Musik den ankernden Schiffern in

stillen Nächten oft wie ein fernes Trommelkonzert aus der Tiefe des

Meeres zu Gehör kommt.

+Fritz+: Und weiß man, wie sie das machen?

~Dr.~ E.: Es ist sehr viel darüber gesagt und geschrieben worden. Schon

Aristoteles, der nicht weniger als sechs tonbegabte Fische namhaft

macht, hat sich darüber geäußert. Bald scheint es sich um ein Reiben

verschiedener Körperteile gegeneinander, bald um schnelle Schwingungen

gespannter Muskelfasern oder endlich um das Ausstoßen von Luft zu

handeln. Jedenfalls sind die Einrichtungen recht verschieden und im

einzelnen noch wenig erforscht.

+Kurt+: Hat man denn schon sicher beobachtet, daß die Fische hören

können?

[Sidenote: Ohren der Fische. Töne. Sinnesorgane]

~Dr.~ E.: Ich denke, ja. Wenigstens wird erzählt, daß man sie daran

gewöhnen kann, etwa auf ein Glockenzeichen zur Fütterung zu kommen.

Außerdem wäre es doch töricht, die Fähigkeit des Hörens bei Tieren

leugnen zu wollen, deren Ohren ganz gut entwickelt sind.

+Kurt+: Aber man sieht doch nichts davon.

~Dr.~ E.: Nein; ein sogenanntes +äußeres+ Ohr, wie unsere Ohrmuschel,

ist auch nie vorhanden, ja selbst ein Trommelfell, wie es die Eidechsen

und Frösche haben, fehlt vollständig. Aber da die Schallwellen nicht

durch die Luft, sondern durch das Wasser an den Fisch gelangen, so sind

derlei Einrichtungen auch gar nicht nötig. Das Gehörorgan liegt bei den

Fischen ganz im Innern der Kopfknochen verborgen, und diese pflanzen

die Schallwellen des Wassers ebenso auf die Gehörhärchen fort, wie der

lange Balken dies tut, von dem ich vorhin sprach. Die physikalischen

Verhältnisse im Wasser sind eben andere, als in der Luft, und folglich

müssen auch die Sinnesorgane entsprechend anders gebaut sein.

+Fritz+: Ja, mit den Augen ist es doch ebenso. Die Linse, die bei den

Lufttieren verhältnismäßig flach ist, sieht bei den Fischen wie eine

Kugel aus, weil die Brechungsverhältnisse des Lichtes für Luft und

Wasser so ganz verschieden sind.

+Kurt+: Das verstehe ich nicht.

~Dr.~ E.: Ist auch noch nicht nötig. Fritz wollte bloß ein wenig mit

seiner neuen Gelehrsamkeit aus der Physikstunde glänzen. Recht hat er

aber damit, daß die kugelige Form der Augenlinse -- ihr habt sie doch

wohl schon beim Karpfenessen wie ein rundes weißes Pfefferkorn gesehen

-- mit dem Leben im Wasser zusammenhängt.

+Kurt+: Sind denn die andern Sinne, ich meine z.❰B. der +Geruch+ und

der +Geschmack+, auch für das Leben im Wasser eingerichtet?

~Dr.~ E.: Darüber weiß man leider herzlich wenig, zumal es oft schwer

zu sagen ist, ob etwas durch den Geruch oder durch den Geschmack

wahrgenommen wird.

+Fritz+: Wieso denn? Ich weiß doch ganz genau, was an einem Apfel

riecht und was an ihm schmeckt.

~Dr.~ E.: Du +glaubst+ es wenigstens zu wissen. Zahlreiche Versuche

aber haben ergeben, daß man sich gründlich dabei irren kann. Ist es

doch z.❰B. eine bekannte Tatsache, daß man bei zugehaltener Nase nicht

unterscheiden kann, ob man einen Apfel oder eine Zwiebel verspeist.

+Kurt+: Ih, das will ich doch einmal versuchen. Aber wozu haben wir

dann zwei besondere Organe für Geruch und Geschmack?

~Dr.~ E.: Ein Unterschied zwischen beiden ist ja leicht aufzustellen.

Die Zunge scheint vor allem befähigt, diejenigen Stoffe zu prüfen,

welche in +flüssiger+ Form mit den Nervenendigungen in Berührung

kommen, während die Nase für die Erkennung +gas+förmiger Substanzen zu

sorgen hat.

+Fritz+: Und das sollte bei den Fischen nicht ebenso sein?

~Dr.~ E.: Das ist ja eben die heikle Geschichte! Wenn Gase sich

im Wasser +auflösen+, so sind sie gar keine Gase mehr, sondern

Flüssigkeiten. Es ist also nicht recht einzusehen, inwiefern die Nase

der Fische etwas anderes leistet als die Zunge. Höchstens darf man

vielleicht annehmen, daß die allgemeine Beschaffenheit des Wassers

durch das Riechorgan, der eigenartige Geschmack der Nahrung hingegen

durch die Zunge empfunden werde. Möglich ist es ja indes immerhin,

wie neuerdings behauptet wird, daß unsere ganze bisherige Auffassung

des Riechvorganges eine irrige ist, und daß es sich bei demselben

nicht um die Ausbreitung gasförmiger Stoffe handelt, sondern um

+Wellenbewegungen+, wie wir sie für die Verbreitung des Lichtes und des

Schalles annehmen.

+Hans+: Viel Vergnügen wird der Fisch aber beim Essen wohl nicht haben,

wenn er bei jedem Bissen immer so viel Wasser runterschlucken muß.

~Dr.~ E.: Das sind alles Dinge, mein Hänschen, die sich schwer

beurteilen lassen, weil wir uns nicht in die Lage eines Fisches

versetzen können. Die Dichter sprechen ja viel von dem muntern,

fröhlichen Fischlein, dem es so wohlig sei auf dem Grunde. Wir dürfen

wohl annehmen, daß jedem Geschöpf gleich uns von der Mutter Natur sein

reichlich Maß an Leid und Freude beschieden ist.

[Illustration]

[Illustration]

Achter Abend.

Fritz und Kurt sind allein, Hans ist zum Geburtstag, und der Vater noch

durch Besuch verhindert.

+Kurt+: Du, Fritz, ich glaube, ich habe noch ein schönes Mineral im

Hause entdeckt, an das Vater neulich gar nicht gedacht hat.

+Fritz+: Nun, und das wäre?

[Sidenote: Steinkohlen. Zusammensetzung des Holzes]

+Kurt+: Unsere Steinkohlen.

+Fritz+: Ach, das ist nichts; die brennen ja!

+Kurt+: Ich weiß doch nicht, warum Mineralien nicht auch brennen

sollen. Der Schwefel brennt auch, und der ist doch gewiß ein Mineral.

+Fritz+: Wahrhaftig! Da hast du recht. Aber ich habe gehört, daß die

Steinkohlen aus vorweltlichen Pflanzen entstanden sind; da können sie

doch nicht zu den Steinen gehören.

~Dr.~ E. (eintretend): Nun, worüber streiten sich die gelehrten Herren?

+Fritz+: Kurt meinte, die Steinkohlen seien auch Mineralien; ich habe

ihm aber auseinandergesetzt, daß es die Reste ausgestorbener Pflanzen

sind, die daher nicht zu den Steinen gerechnet werden können.

~Dr.~ E.: Das ist allerdings eine recht schwierige Streitfrage. Aber

möchtest du denn wirklich diese ungeheuren formlosen Kohlenmassen,

die tief unter der Erde ruhen und bergmännisch gewonnen werden, noch

heute als Pflanzen bezeichnen? Mir scheint, wir haben hier ein hübsches

Beispiel dafür, daß alle unsere Einteilungsversuche der Naturkörper,

und selbst die allerallgemeinste Einteilung in drei große Naturreiche,

immerhin ihre Schwächen haben. Die Steinkohlen sind aus Pflanzen

+hervorgegangen+, das unterliegt keinem Zweifel; in ihrer jetzigen

Form aber nähern sie sich so sehr den Mineralien, daß wir gewiß keinen

großen Fehler begehen, wenn wir sie diesen zurechnen.

+Fritz+: Aber kann man denn nicht oft noch Stamm, Zweige und Blätter

ganz deutlich erkennen?

~Dr.~ E.: Nein, das ist nur in seltenen Ausnahmen der Fall. Wohl findet

man häufig genug die +Abdrücke+ von Zweigen und Blättern zwischen

den Schichten; die Steinkohle selbst aber zeigt kaum noch Spuren des

pflanzlichen Baues, und beim Anthrazit, einer andern Kohlenart, sind

auch diese verschwunden.

+Fritz+: Wie ist denn das nur möglich gewesen, daß Pflanzen sich so

ganz in steinartige Massen verwandeln konnten?

~Dr.~ E.: Das ist nicht so leicht zu beantworten. Zunächst müßten

wir uns mit der +Zusammensetzung des Holzes+ und deren Änderung

durch äußere Einflüsse beschäftigen; dazu aber bedarf es chemischer

Kenntnisse, von denen ihr noch keine Ahnung habt.

+Fritz+: Ach bitte, Vater, versuche es doch mal. Ich werde es schon

verstehen, und schaden kann es ja dem Kurt auch nicht.

~Dr.~ E.: Nun, dann wollen wir mal sehen, wie weit wir kommen. Also

zunächst die wichtige Frage: Aus welchen Stoffen besteht ein Stück

Holz?

+Fritz+: Das weiß ich nicht; aber +Kohlenstoff+ ist drin, da man das

Holz verkohlen kann. Kohle ist überhaupt ein Bestandteil aller lebenden

Körper, wie wir in der Schule gelernt haben; ebenso +Sauerstoff+ und

+Wasserstoff+.

~Dr.~ E.: Damit bin ich schon zufrieden. Für Kurt will ich nur

bemerken, daß Kohlenstoff ein fester schwarzer Körper ist -- denkt euch

etwa Lampenruß --, und daß Sauerstoff und Wasserstoff dieselben zwei

gasförmigen Stoffe sind, die das Wasser zusammensetzen. Aus diesen drei

Stoffen oder Elementen ist auch der +Holzstoff+ aufgebaut, den man

wissenschaftlich in der Regel mit dem Namen „+Zellulose+“ bezeichnet.

Außerdem steckt im Holz jedoch noch etwas anderes, was man kaum darin

erwarten sollte, nämlich eine Menge +Mineralstoffe+, wie Kieselsäure,

Kalk, Kali usw.

+Kurt+: Und die kann man wirklich im Holze nachweisen?

~Dr.~ E.: O, die Sache ist sehr einfach. Es gibt ein sehr bequemes

Mittel, dieselben von der Zellulose oder dem Holzstoff zu trennen.

Dieser nämlich ist brennbar, während die Mineralstoffe +unverbrennlich+

sind. Daraus ergibt sich das einzuschlagende Verfahren ganz von selbst.

+Kurt+: Dann müßte man also den Holzstoff durch Verbrennen fortschaffen?

~Dr.~ E.: Oder, was dasselbe ist, man muß das tun, was jeden Tag in

der Küche geschieht, wenn Holz in den Feuerherd gesteckt wird. Was

nach dem Verbrennen +übrig+ bleibt, sind dann die unverbrennlichen

Mineralstoffe, welche im Holz steckten und die kurzweg als +Asche+

bezeichnet werden.

+Kurt+: Ei, das hätte ich mir denken können! Aber wo ist denn nun

der Holzstoff selbst beim Verbrennen hingeraten? Der scheint ja

dann gänzlich verschwunden zu sein. Hat er sich vielleicht in Dampf

verwandelt?

~Dr.~ E.: Gänzlich verschwinden kann überhaupt nichts auf der Erde.

Ebensowenig können wir die Zellulose als solche flüssig oder gasförmig

machen. Wenn ich sie aber +verbrenne+, d.❰h. sie dazu bringe, sich

mit dem Sauerstoff der Luft +chemisch zu verbinden+, so wird sie in

ihrer bisherigen Zusammensetzung zerstört, und es entsteht dafür eine

Reihe anderer Stoffe, von denen +Kohlensäure+ und +Wasserdampf+ die

wichtigsten sind. Da diese aber als +Gase+ für uns unsichtbar sind und

sich alsbald in die umgebende Luft zerstreuen, so erscheint es uns, als

wenn die Zellulose beim Verbrennen einfach verschwinde.

+Kurt+: Ohne den Sauerstoff der Luft gibt es also gar kein Verbrennen?

~Dr.~ E.: Im allgemeinen, nein. Du weißt ja auch ganz gut, daß man

+Zug+ in einem Ofen machen muß, wenn das Feuer brennen soll.

+Kurt+: Ja, wenn das nicht geschieht, so raucht der Ofen, und das Feuer

geht aus.

~Dr.~ E.: Ganz recht. Nur dürfen wir eigentlich nicht sagen, der

+Ofen+ raucht, sondern „aus dem Holz im Ofen entwickelt sich Rauch“.

Dieser +Rauch+ bei ungenügendem Zutritt der Luft ist eine sehr

auffällige Erscheinung, die wir etwas näher betrachten müssen. Rauch

ist nämlich keineswegs dasselbe wie Gas oder Dampf. Letztere beiden

sind unsichtbar. Den Rauch aber sehen wir. Er enthält eine Menge fester

Teilchen, nebst andern Stoffen hauptsächlich ganz feinen Kohlenstaub,

der sich an kalten Gegenständen bald absetzt und eine schwarze Schicht

bildet.

+Fritz+: Meinst du damit den Ruß im Schornstein?

[Sidenote: Vollständige und unvollständige Verbrennung. Gasfabrik]

Naturstudien im Hause · 第 7 / 16 段