Ich meine, wenn ihr einen Mandelkern oder eine Eichel oder eine Walnuß
aufschneidet, so findet ihr darin eine weiße, oft sehr wohlschmeckende
Masse; eine junge Pflanze habt ihr aber doch wohl noch nicht darin
gesehen?
[Sidenote: Keimpflanzen. Notwendigkeit des Wanderns der Pflanze]
+Fritz+: Ja, aber wenn ich den Samen, also eine Eichel oder Bohne
in die Erde stecke, so +keimt+ sie doch, und es kommt ein junges
Pflänzchen heraus. Diesen Keimversuch haben wir mit Bohnen immer in der
Schule gemacht. Es zeigt sich dann auch, daß das, was wir essen, der
sogenannte Kern der Mandel oder der Nuß, eigentlich weiter nichts ist
als zwei dicke, fleischige, weiße +Keimblätter+, die beim Keimen bald
mit aus der Erde kommen und dann grün werden.
~Dr.~ E.: Das ist ja sehr schön, daß ihr mich so gut belehren könnt.
Nun möchte ich aber doch auch wissen, warum denn das junge Pflänzchen
im Samen so ganz anders aussieht, wie später, wenn es „gekeimt“ ist.
Überhaupt scheint es mir, als wenn die jungen Pflanzen viel besser an
der Wurzel oder unten am Stamm entständen, wo sie ja gleich Wurzel
schlagen könnten, als oben an den Zweigen, von wo sie erst auf die Erde
herunterfallen müssen, um zu ihrem natürlichen Standort am Boden zu
gelangen.
+Hans+: Ja, Vati, ich glaube auch, daß das besser wäre, und bei den
Kartoffeln ist es ja auch so.
~Dr.~ E.: O weh, Hänschen! Da hast du einen bösen Bock geschossen.
Freilich vermehrt sich die Kartoffelpflanze durch die bekannten Knollen
unter der Erde; aber das sind ja keine Früchte, sondern verdickte
Stücke der +Stengel+, die die Fähigkeit haben, zu selbständigen
Pflanzen auszuwachsen!
+Fritz+: Wenn die jungen Pflänzchen sich an der Wurzel bildeten, so
würden sie immer in unmittelbarer Nähe der Mutterpflanze wachsen, und
die Art würde sich nicht +ausbreiten+ können, wie es jetzt geschieht,
wenn die Früchte herunterfallen und fortkugeln oder sonstwie an eine
andere Stelle gelangen.
~Dr.~ E.: Gut, Fritz. Ich merke, daß dir diese Dinge bekannt sind. Es
ist in der Tat eine der notwendigsten Einrichtungen für die Pflanze,
daß ihre Kinder nicht unmittelbar wieder neben ihr Wurzel fassen.
+Kurt+: Aber sie könnte sie doch beschützen! Und der Platz, wo die alte
Pflanze gut gedeihen konnte, wird doch auch wohl für die jungen der
passendste sein?!
~Dr.~ E.: Höre, Kurt, ich will dir ein Gleichnis sagen. Denke dir einen
Handwerker, etwa einen Goldschmied, in einem kleinen Städtchen. Er hat
genügend zu tun, um sich und seine zahlreiche Familie zu ernähren.
Aber seine fünf Söhne wachsen heran, sie werden alle ebenfalls
Goldschmiede und lassen sich neben ihrem Vater im Städtchen nieder. Der
Verdienst, der sonst dem Vater allein zufloß, verteilt sich nun auf
sechs Familien, die sich jetzt auf das äußerste einschränken müssen,
um durchzukommen. Vielleicht geht es aber noch gerade so, daß sie
nicht zu hungern brauchen. Nun denke dir, die fünf Söhne hätten dann
jeder wieder eine Anzahl Söhne, sagen wir durchschnittlich ebenfalls
fünf, die auch nichts anderes werden möchten als Goldschmiede und sich
im Orte niederließen, so wären weitere 25 Goldschmiedewerkstätten
vorhanden, für die nun Arbeit und Verdienst völlig unzureichend sein
müßte. Genau so würde es der Pflanze ergehen, wenn ihre Kinder immer
wieder mit und neben ihr auf denselben Boden und dieselbe Nahrung
angewiesen wären. Der Mensch hat ja, wie ihr wißt, viele Mittel, sich
zu helfen. Die Söhne können etwas anderes werden als der Vater. Wollen
sie aber durchaus Goldschmiede sein, so schnüren sie ihr Bündel,
gehen auf die Wanderschaft und lassen sich nieder, wo es ihnen für
ihr Fortkommen gutdünkt. Die Pflanze kann sich nicht anders ernähren,
als wie es nun einmal ihre Natur verlangt; sie müßte ihrer Mutter das
Brot vom Munde fortnehmen, auch wenn es ihr noch so schmerzlich wäre.
So bleibt denn kein anderes Mittel als das +Wandern+, um neue Orte
ausfindig zu machen, wo ein bescheidenes Pflänzchen noch etwas zu essen
findet.
+Hans+: Ach, Vater, da muß ich an die schöne Geschichte denken von dem
Blauveilchen, das sich auch aufs Wandern begibt und seine Würzelchen
als Beine gebraucht.
~Dr.~ E.: Ja, die Geschichte ist sehr niedlich, wenn es in der
Wirklichkeit mit dem Wandern auch etwas anders aussieht. Der Mensch
geht in die Fremde, wenn er +erwachsen+ ist und sich +selbständig+
durch die Welt schlagen kann. In solchem Alter aber sind die armen
Pflanzen an den Boden gebannt, aus dem sie einen Teil ihrer Nahrung
saugen. Die Pflanze muß daher wandern, wenn sie gewissermaßen noch in
der Samenwiege liegt, die die Mutter ihr bereitet hat.
+Kurt+: Nun, sie braucht ja auch nicht so weit zu wandern, wenn sie
einfach vom Baume herunterfällt.
[Sidenote: Verbreitungsmittel der Samen und Früchte]
+Fritz+: Das tut sie ja gar nicht immer! Manche Früchte und Samen haben
doch ganz ordentliche +Flugapparate+, mit denen sie weit wegfliegen
können.
~Dr.~ E.: Mich wundert, Kurt, daß du nicht weißt, wie viele Pflanzen
für ihre Wanderzeit den Wind benutzen, und wie ihre Früchte hierzu mit
breiten Flugrändern oder mit Haaren ausgestattet sind.
+Kurt+: O, wenn du das meinst -- da gibt’s ja den Ahorn und die Ulmen,
deren Früchte so breite Ränder haben. Dann gehört auch wohl der
gewöhnliche Löwenzahn[7] hierher, der zuletzt wie ein großer Puderkopf
aussieht. Wir haben früher die Früchte immer abgepustet und gezählt,
wie oft wir blasen mußten, um alle fortzukriegen.
~Dr.~ E.: Siehst du? Man muß dir nur auf die Sprünge helfen. Du hättest
neben vielen andern auch die Disteln nennen können, die ja durch ihre
Fliegerei zur wahren Plage für den Landmann werden. Hat er mit vieler
Mühe sein Feld von dem Distelunkraut gereinigt, so kommen die bösen
Früchte aus allen Himmelsrichtungen aufs neue angeflogen, setzen sich
fest und keimen munter empor, so daß er die Ausrottungsarbeit bald
von neuem beginnen muß. -- Aber haben denn die Früchte kein anderes
Transportmittel als den Wind?
+Kurt+: O ja! Da sind noch die Insekten, die sie forttragen.
~Dr.~ E.: Ei, ei, Kurt. Wir wollen nicht zwei ganz verschiedene Dinge
durcheinanderwerfen! Die Insekten haben mit den +Früchten+ kaum etwas
zu tun. Du hast aber wohl mal gehört, daß sie den +Blütenstaub+ von
Blüte zu Blüte tragen.
+Kurt+: Ach ja, das meine ich; das habe ich verwechselt.
+Fritz+: Einige Pflanzen schleudern ihre Samen selbst fort, wie unsere
Waldbalsamine; bei andern werden die Früchte durch die Vögel zerstreut.
~Dr.~ E.: Und warum tun die Vögel das?
+Fritz+: Es handelt sich meistens um +Beerenfrüchte+, die ja eine
saftige Schale haben, welche die Vögel fressen. Den bittern Kern, in
dem das junge Pflänzchen liegt, lassen sie entweder fallen, oder
derselbe ist, selbst wenn sie ihn mit verschlucken, doch so hart, daß
sie ihn nicht verdauen können.
~Dr.~ E.: Ganz recht. Wir können also sagen, die Vögel erhalten
gewissermaßen ein Trinkgeld dafür, daß sie die Samen austragen,
indem ihnen die überflüssig gewordene Fruchtschale überlassen wird.
-- Gibt es denn nun auch Pflanzen, die für die Beförderung ihrer
Kinder +keinen+ Lohn bezahlen, die sie, ich möchte sagen, als blinde
Passagiere durch die Welt reisen lassen?
+Fritz+: Da meinst du wohl die Früchte, die sich an die Kleider und an
das Fell der Tiere hängen und so mitgeschleppt werden?
~Dr.~ E.: Gut, Fritz. Ich denke, auf unsern Streifereien im Herbst habt
ihr gerade genug davon zu leiden gehabt.
+Kurt+: Ja, da waren die Kletten[8], das Labkraut[9] und vor allem der
abscheuliche Zweizahn[10] mit seinen beiden Spitzen, den man gar nicht
wieder los werden kann.
~Dr.~ E.: Kannst du mir denn jetzt vielleicht sagen, Kurt, warum so
viele Früchte sich öffnen, um ihre Samen herausfallen zu lassen, und
warum unsere Geranienfrucht sich in fünf einsamige Teilstücke spaltet?
+Kurt+: Ja, nun kann ich’s mir denken. Sonst wäre es ja gerade, als
wenn fünf Brüder in +einem+ Hause Goldschmiede würden. Die Samen
müssen nicht bloß von der Mutterpflanze fort, sondern auch voneinander
getrennt werden.
~Dr.~ E.: Sehr schön, mein Junge. Weißt du denn nun weiter, warum das
junge Pflänzchen im Samen so ganz anders aussieht als später, wenn es
gekeimt hat? Warum es also keine Würzelchen und Blätter hervorstreckt?
+Kurt+: Vielleicht ist es darum, weil diese beim Wandern zu leicht
abbrechen würden.
~Dr.~ E.: So dürfen wir wohl annehmen. Das junge Pflänzchen erscheint
gewissermaßen in eine Kiste +eingepackt+ und zum Verschicken zurecht
gemacht. Jetzt bleiben nur noch die dicken, fleischigen Keimblätter zu
erklären.
+Fritz+: O, das weiß ich auch. In diesen Blättern stecken die
+Baustoffe+ für die ersten Wurzeln, das Stämmchen und die ersten
Blätter.
[Sidenote: Pelargonienfrüchte. Bewegungserscheinungen der Pflanze]
~Dr.~ E.: So ist es recht. Und wenn wir unsern Vergleich mit
der Wanderschaft weiterführen wollten, so würden wir sagen: Die
Mutterpflanze hat dem Kindlein ein paar große +Reisetaschen+ mit auf
den Weg gegeben, in denen sich so viel Vorrat befindet, als das Kleine
braucht, bis es auf eigenen Füßen steht, d.❰h. bis es hinreichend
Würzelchen und Blätter getrieben hat, um sich selbst ernähren zu
können. -- Doch nun wollen wir uns unsere Storchschnabelfrüchte einmal
näher betrachten. Seht ihr, da sind gerade welche, die sich von unten
her ablösen lassen und nun bloß noch mit der Spitze an dem dünnen Stiel
in der Mitte hängen.
+Kurt+: Ei, da sind ja an der Innenseite der Schnäbel lange Haare! Die
können also auch fliegen?
~Dr.~ E.: Das können sie. Und diese Härchen an den Schnäbeln lehren
uns aufs neue, daß wir es mit einem Pelargonium zu tun haben. Die
Geraniumarten haben keine solchen Haare als Flugapparat.
+Fritz+: Ach sieh nur, Vater, die Teilfrüchte haben sich ganz nach
oben umgebogen und ihre Schnäbel fangen an, sich wie eine Spiralfeder
einzurollen.
~Dr.~ E.: Das ist ein Zeichen, daß die Luft im Zimmer verhältnismäßig
trocken ist.
+Fritz+: Wieso denn?
~Dr.~ E.: Die Schnäbel der Geranienfrüchte sind, wie man sagt,
+hygroskopisch+, d.❰h. sie werden durch die Feuchtigkeit der Luft
sichtbar beeinflußt. Ist die Luft sehr trocken, so rollt sich der
Schnabel in dichten Spiralen auf, ist sie feucht, so streckt er sich
wieder.
+Fritz+: Was hat denn das wohl für einen Zweck?
~Dr.~ E.: O, das ist eine der drolligsten Einrichtungen, die man
sich denken kann, und die in dieser Vollkommenheit nur bei gewissen
Storchschnabelarten entwickelt ist. Es handelt sich nämlich um einen
Apparat, die Samen unter die Erde zu bringen.
+Fritz+: Und wie geschieht das?
~Dr.~ E.: Das obere Ende des anfangs geraden Schnabels biegt sich
rechtwinklig gegen das untere und stemmt sich mit der Spitze gegen
den Boden, wodurch auch die Teilfrucht selbst schräg gegen die Erde
gestellt wird. Nun beginnt der untere Teil des Schnabels sich in
Spiralen aufzurollen, wodurch die Teilfrucht in die Erde gebohrt
wird, und ebenso die Spirale selbst, etwa so wie es mit einem sich
drehenden Korkzieher geschehen würde. Wird der Schnabel dann wieder
feucht, so daß er sich gerade strecken muß, so dreht sich das Ganze im
entgegengesetzten Sinne. Da aber die gegen den Boden gestemmte Spitze
des Schnabels das Geradestrecken nach oben verhindert, so wird auch
durch diese Drehbewegung die Teilfrucht nur noch tiefer in die Erde
hineingedreht. -- Doch, ihr habt ja hier Früchte genug, und so könnt
ihr einmal selbst versuchen, ob unsere Pelargoniumfrüchte es ebenso
machen, wie es von gewissen Erodium-Arten beschrieben ist.
+Kurt+: Aber Vater, das ist doch beinah’, als wenn man es mit einem
lebenden Wesen zu tun hätte, das sich verkriechen will.
~Dr.~ E.: Nun, ein lebendes Wesen ist ja die Pflanze auch. Aber es
erscheint dir wunderbar, daß sie +Bewegungen+ ausführt, und daß
diese Bewegungen zu ganz bestimmten Zwecken dienen. Wenn wir indes
die Pflanzenwelt auf derartige Erscheinungen genauer durchmustern,
so stellt es sich heraus, daß solche Bewegungen weit häufiger sind,
als man früher dachte. Schon die Waldbalsamine[11] stellt ein
ähnliches Beispiel dar. Hier werden durch spiraliges Einrollen der
Fruchtschalen die Samen von der Mutterpflanze fortgeschleudert;
bei der Spritzgurke[12] schießt sogar der ganze Inhalt der Frucht
mit großer Gewalt heraus. Aber auch das Öffnen und Schließen der
Blüten zu gewissen Tageszeiten -- man hat ja eine ganz brauchbare
„Blumenuhr“ danach zusammengestellt --, die mannigfachen Bewegungen
der Staubgefäße, das Zusammenneigen der Drüsenhaare bei den
„fleischfressenden“ Pflanzen und vieles andere gehört in dasselbe
Kapitel. Der alte Satz, daß die Pflanze bewegungslos sei, kann heute
nicht mehr aufrechterhalten werden. Wollten wir aber gar die niederen,
mikroskopischen Pflanzen mit in Rücksicht ziehen, so würden wir sogar
völlig freie Ortsbewegung finden, die sich in nichts von derjenigen der
niederen Tiere unterscheidet.
+Kurt+: Aber die Tiere +wissen+ doch, wo sie hin wollen, und wenn ein
mikroskopisches Pflänzchen noch so frei im Wasser schwimmt, so wird es
doch gewiß nie durch seinen Willen geleitet.
~Dr.~ E.: Das ist eine Annahme, die wir zu machen gewohnt sind, weil
wir dabei an die höheren Tiere und Pflanzen denken. Es ist aber
doch noch sehr die Frage, ob schon bei den niedersten Tieren etwas
vorhanden ist, was wir mit unserm Willen vergleichen können. Die
einfache Beobachtung läßt durchaus keinen Unterschied zwischen den
Bewegungsformen und Bewegungserscheinungen der mikroskopischen Tiere
und denen der Pflanzen erkennen. Da überdies auch alle weiteren
Unterschiede, die man früher zwischen beiden Reichen zu finden glaubte,
sich als unzutreffend erwiesen haben, so werden wir uns wohl der
Ansicht anschließen müssen, daß Tier und Pflanze auf ihren niedersten
Stufen ohne scharfe Grenze ineinander übergehen. Vielleicht komme ich
ein andermal darauf zurück; für heute wollen wir es genug sein lassen.
[Illustration: Löwenzahn.
Ulme.
Zweizahn.
Ahorn.]
[Illustration]
Siebenter Abend.
+Kurt+: Sag mal, Vater, müssen denn eigentlich alle Tiere schlafen?
~Dr.~ E.: Wie kommst du auf diese seltsame Frage, Kurt?
+Kurt+: Ja, neulich, als du uns von dem schlafenden Kanarienvogel
erzähltest, mußte ich immer an unsern Goldfisch denken. Den habe ich
noch nie schlafen sehen.
[Sidenote: Schlaf der Fische. Flossen]
~Dr.~ E.: Es ist nicht so leicht, deine Frage zu beantworten. Über den
Schlaf der Fische z.❰B. wissen wir nur herzlich wenig. Soviel steht
aber wohl fest, daß auch sie der Ruhe bedürfen und dabei in einen
Zustand verfallen, der unserm Schlafe ähnlich ist.
+Hans+: Machen sie denn dabei auch die Augen zu?
~Dr.~ E.: Das nun gerade nicht, und zwar aus einem sehr einfachen
Grunde. Hast du dir schon einmal einen toten Fisch angesehen?
+Hans+: Ach richtig! Die haben noch ganz große offene Augen, auch wenn
sie schon geräuchert sind!
~Dr.~ E.: Nun also! Wenn einer überhaupt keine Augenlider hat, dann
soll er das Augenzumachen wohl bleiben lassen.
+Hans+: Aber ist denn das nicht schrecklich für so einen Fisch, daß er
immer alles sehen muß, auch wenn er noch so müde ist?
~Dr.~ E.: Es wäre doch noch die Frage, ob die offenen Augen wirklich
immer sehen müssen. Unsere Ohren können wir ja auch nicht zuklappen und
doch hören wir im Schlafe vieles nicht, was sonst unsere Aufmerksamkeit
erregen würde. Es handelt sich eben nur darum, ob die äußern Eindrücke
auch wirklich in unserm Gehirn zum Bewußtsein gelangen. Selbst wachende
Menschen können, wenn sie mit andern Gedanken beschäftigt sind, einen
Gegenstand anstarren, ohne ihn wirklich zu bemerken. -- Übrigens sind
ja auch viele andere Tiere, z.❰B. die Schlangen, nicht imstande, ihre
Augen zu schließen; es muß sich also auch mit offenen Augen ganz gut
schlafen lassen.
+Fritz+: Aber die Fische legen sich ja nicht einmal hin, wenn sie
ausruhen wollen. Von einer ordentlichen Erholung kann doch da gar nicht
die Rede sein.
~Dr.~ E.: Zunächst darfst du von unserm Goldfisch in seinem Glase nicht
so ohne weiteres auf die übrigen Fische schließen, die in der freien
Natur leben. Bei manchen von diesen hat man tatsächlich beobachtet,
daß sie in ihren Verstecken beim Schlafen mit dem Bauche den Boden
berühren, oder, wie die Rochen und Schollen, sich geradezu in den Sand
einwühlen. Andererseits scheinst du gar nicht daran zu denken, daß der
Fisch, wenn er ruhig im Wasser steht, in bezug auf die aufzuwendende
Kraft ganz und gar nicht mit einem auf seinen vier Beinen stehenden
Landtier zu vergleichen ist.
+Kurt+: Und warum denn nicht? Wir haben doch in der Schule gelernt, daß
die Brust- und Bauchflossen der Fische dasselbe sind, wie die Beine der
vierfüßigen Tiere. Folglich steht er doch gewissermaßen auch auf seinen
vier Beinen.
~Dr.~ E.: O nein, das tut er keineswegs. Diese Flossen dienen höchstens
dazu, ihn am Umfallen zu verhindern, etwa wie die sogenannten
„Schwerter“ an den Seiten kleinerer Küstenfahrzeuge. Von einem +Tragen+
der Körperlast aber, wie es unsern Beinen zugemutet wird, ist doch
wahrlich nicht die Rede, denn das wird eben durch das Wasser selbst
besorgt.
+Kurt+: Aber der Fisch hat doch sein Gewicht!
~Dr.~ E.: Selbstverständlich hat er das. Fritz wird dir indes erzählen
können, daß jeder Körper im Wasser so viel an Gewicht +verliert+,
als das +Wasser wiegt+, welches er +verdrängt+. Da nun ein Fisch im
allgemeinen gerade so schwer ist, wie eine gleichgroße Wassermasse, so
wird sein Gewicht gewissermaßen +aufgehoben+. Er +schwebt+ im Wasser,
ohne seine Muskeln auch nur im geringsten anzustrengen.
+Fritz+: Das wundert mich, daß Kurt nicht darauf gekommen ist. Wir
haben ja erst vor wenigen Wochen über den sogenannten Auftrieb bei
der Entstehung der Eisberge gesprochen. -- Aber ist es denn so ganz
gleichgültig, in welcher Tiefe des Wassers der Fisch schwebt? Es
scheint doch sicher, daß er am Grunde einem viel größeren +Drucke+
durch die darüberliegende Wasserschicht ausgesetzt ist, als nahe der
Oberfläche.
[Sidenote: Wasser- und Luftdruck. Tiefenfische]
~Dr.~ E.: Das Wasser kann durch Druck nur ganz unmerklich
zusammengepreßt oder dichter gemacht werden; ein Kubikmeter Wasser vom
Grunde ist daher kaum schwerer, als ein solcher nahe der Oberfläche.
Wo also auch der Fisch sich befinden mag, er wird überall annähernd
dasselbe Gewicht haben, wie das verdrängte Wasser und somit schweben;
in +dieser+ Hinsicht verhält er sich eben ganz wie irgendein „Stück
Wasser“ selbst, das ich mir etwa an Stelle des Fisches denke. Anders
freilich ist es mit dem +Druck+, der auf ihm +lastet+, und der um so
größer wird, je tiefer er hinabsteigt.
+Kurt+: Aber ist denn das so schlimm mit dem Druck des Wassers, wenn
man in die Tiefe taucht?
~Dr.~ E.: Man sieht, daß du im Taucherhandwerk noch nicht allzu
erfahren bist, Kurt. Du würdest sonst wissen, daß selbst der stärkste
Mann nicht tiefer als höchstens etwa 50 Meter zu tauchen vermag. Bei 10
Meter Tiefe erleidet unser Körper auf jeden Quadratzentimeter seiner
Oberfläche schon einen Druck von mehr als einem Kilogramm. Das ergibt
auf die Gesamtoberfläche eines erwachsenen Mannes ein recht anständiges
Gewicht, sagen wir etwa 15000-20000 Kilogramm. Bei weiteren 10 Metern
hat sich dieses Gewicht verdoppelt, und bei 50 Metern wird es eben für
den menschlichen Körper unerträglich.
+Fritz+: Dann muß das aber doch mit den Fischen ganz ebenso sein!
~Dr.~ E.: In gewissem Sinne ja. Es ist auch ganz sicher, daß ein
bestimmter Fisch nicht in jeder beliebigen Tiefe leben kann. In
unsern seichten Flüssen und Seen sind ja die Druckunterschiede im
Wasser nicht so groß, daß nicht ein und derselbe Fisch bald oben,
bald unten sich aufhalten könnte. Im Meere aber und schon in tiefen
Binnengewässern, wie in den Schweizer Seen, sind die einen Arten
mehr auf die Oberfläche, die andern mehr auf den Grund des Wassers
angewiesen.
+Fritz+: Ich denke, in der Tiefe ist ein so großer Wasserdruck, daß sie
zerquetscht werden müssen?
~Dr.~ E.: Es ist nicht der +Druck an sich+, welcher für uns das
Leben in größerer Tiefe unmöglich macht, sondern der +einseitige+
Druck auf unsern Körper, dem die inneren Gewebe nicht den nötigen
Gegendruck entgegensetzen können. Die Sache wird euch klar werden,
wenn ich daran erinnere, daß wir ja streng genommen auch am Boden
eines Meeres leben, nämlich des über 10 Meilen tiefen oder, wenn ihr
wollt, hohen +Luftmeeres+. Dieses Luftmeer übt auf unsern Körper
einen ganz ansehnlichen Druck aus, nämlich denselben, wie eine 10
Meter hohe Wasserschicht. Allein wir merken nichts davon, weil alle
Gase und Flüssigkeiten unseres Innern auf diesen Druck gewissermaßen
abgestimmt sind und ihm das Gegengewicht halten. Erst wenn wir einen
hohen Berg besteigen oder mit dem Luftballon in höhere Luftschichten
fahren, wo der Luftdruck geringer ist als unten auf der Erde, wird das
Gleichgewicht gestört, und unser Blut, das nicht mehr den gewohnten
Gegendruck findet, sucht gewaltsam die Adern zu sprengen.
+Fritz+: Ach, nun verstehe ich. Es ist also ein solcher Tiefenfisch mit
seinem Blute für den stärkeren Druck des Wassers auch gewissermaßen
abgestimmt, und es ergeht ihm ähnlich wie uns im Luftballon, wenn er
sich einmal in höhere Wasserschichten verirrt.
~Dr.~ E.: Ganz, wie du sagst. Verirren freilich wird sich der
Tiefenfisch wohl schwerlich; er kann aber z.❰B. durch Netz oder Angel
emporgerissen werden, und so hat man denn namentlich am Bodensee
beobachtet, daß die armen Tiere mit dick aufgetriebenem oder gar
zerplatztem Bauche an die Oberfläche kamen.
+Hans+: Wie macht es denn der Fisch, wenn er im Wasser auf- und
niedersteigen will?
~Dr.~ E.: Wie machst du es denn, wenn du tauchen oder wieder an die
Oberfläche willst?
+Hans+: Dann muß ich mit dem Kopf die Richtung nehmen, nach welcher ich
will, und mit den Armen und Beinen rudern.
~Dr.~ E.: Nun siehst du, und geradeso macht es in der Hauptsache der
Fisch auch, nur daß er noch ein paar weitere Einrichtungen hat, welche
ihm die Bewegung im Wasser überhaupt erleichtern.
[Sidenote: Schwanzflosse. Schwimmblase. Seitenlinie]
+Kurt+: Ja, der Fisch ist wie ein Kahn gebaut und hat keinen Hals, so
daß er den Kopf ohne Anstrengung immer geradeaus halten kann. Dann hat
er auch noch eine Schwanzflosse.
~Dr.~ E.: Und was kann ihm die nützen?
+Fritz+: O, die ist ja gerade die Hauptsache. Brust- und Bauchflossen
dienen vornehmlich nur als Steuerflossen. Das eigentliche
Fortbewegungsorgan aber ist der Schwanz, mit dem der Fisch ganz
ähnliche Bewegungen ausführt, wie die Fischer, wenn sie ihr Boot durch
das sogenannte „Wricken“ mit dem Ruder vorwärts treiben.
~Dr.~ E.: Der Vergleich ist gut gewählt; auch in der Sache selbst
hast du vollkommen recht. Schon die große Menge Fleisch, die sich bis
zur Schwanzflosse hin erstreckt, läßt ja erkennen, daß die Hauptkraft
des Fisches hier konzentriert ist, und die Geschwindigkeit, die er
mit diesem gewaltigen Ruder erreichen kann, ist wirklich eine ganz
erstaunliche.
+Kurt+: Hilft denn beim Auf- und Niedersteigen nicht auch die
+Schwimmblase+ mit? Unser Lehrer hat uns doch erzählt, diese Blase
könne der Fisch zusammendrücken. Dann würde er schwerer und sänke in
die Tiefe.
~Dr.~ E.: Gewiß kann der Fisch mit den Muskeln seiner Körperwand die
mit Luft gefüllte Schwimmblase zusammendrücken, ganz ähnlich, wie wir
unsern Bauch einziehen können. Auch ist es keine Frage, daß dadurch der
Raum, den der Fisch einnimmt, verkleinert, er selbst also „spezifisch“
schwerer wird und im Wasser zu sinken beginnt. Seltsamerweise besitzen
aber manche Fische, wie die Haie und Schollen, einen solchen Apparat
gar nicht, ohne deshalb weniger zum Auf- und Niedersteigen im Wasser
befähigt zu sein. Die Schwimmblase mag daher ein +Hilfsorgan+ für diese
Tätigkeit sein; schwerlich aber ist sie die alleinige Ursache.
+Fritz+: Warum meintest du denn vorhin, daß ein Sichverirren der Fische
bei diesem Auf- und Niedersteigen nicht anzunehmen sei? Kann der Fisch,
wenn er einmal im Emporsteigen ist, es so genau abmessen, bis zu
welcher Grenze ihm dies nichts schadet?