Wenn wir uns in die Knie setzen, so werden sie vorn über dem Knie
straff gezogen und unten werden sie kürzer.
~Dr.~ E.: Ei sieh! Der Vergleich ist gar nicht so übel. Ein Strick oder
ein Stück Tuch, welches zuerst zwischen zwei Punkten fast eine gerade
Linie bildete, wird eben straff gespannt, wenn wir es zwingen, einen
Winkel zu bilden. -- Jedenfalls werdet ihr jetzt eingesehen haben, daß
der Vogel mit einem solchen Apparat bis in alle Ewigkeit auf seiner
Stange sitzen könnte.
+Kurt+: Das sehe ich ein. -- Du wolltest uns ja aber auch noch sagen,
warum der Vogel sich so aufgeblasen hat, wenn er schläft.
[Sidenote: Sträuben des Gefieders während des Schlafens]
~Dr.~ E.: Davon weiß ich kein Wort. Ich habe nur bezweifelt, daß ihr
aus diesem Sichaufblähen schließen könntet, daß der Vogel schläft. Oder
tun wir vielleicht dasselbe, wenn wir zur Ruhe gehen?
+Fritz+: Nein, das natürlich nicht. Aber man sieht es doch immer beim
Vogel, wenn er schläft, oder wenn er krank ist.
~Dr.~ E.: Wenn du dich einfach auf die Beobachtung berufst, so muß ich
dir wohl recht geben. Aber man sollte doch meinen, daß auch wir irgend
etwas täten, was dem Aufblähen des Gefieders für die Zeit der Nachtruhe
zu vergleichen wäre?
+Kurt+: Aufblähen des Gefieders? Wie sollten wir das denn nur anfangen!
~Dr.~ E.: Nun ja, Kurt, das Federsträuben müssen wir schon hübsch
bleiben lassen. Allein, wißt ihr denn gar keinen Grund anzugeben, warum
der Vogel diese seltsame Nachttoilette macht?
+Kurt+: Vielleicht will er sich größer machen, wie der Frosch, der sich
aufbläst?
+Fritz+: Nein, das würde doch keinen Zweck haben. Aber vielleicht
friert ihn?
~Dr.~ E.: Friert ihn? Was sollte denn dabei das Sträuben der Federn
nützen? Wird er etwa dadurch wärmer?
+Fritz+: Das kann man doch wohl behaupten. Wir haben neulich in der
Physik gehabt, daß Luft ein schlechter Wärmeleiter ist, und daß
man deshalb eine ruhende Luftschicht häufig anwendet, um die Wärme
zurückzuhalten, wie z.❰B. bei den Doppelfenstern. Da soll es nicht
sowohl das dünne Glas, sondern die dazwischen liegende Luftschicht
sein, die das Zimmer warm erhält. Wenn nun der Vogel die Federn
sträubt, d.❰h. sie weiter vom Körper abhält, so vergrößert er dadurch
die ruhende Luftschicht um seinen Körper, so daß seine eigene Wärme
nicht so schnell an die Umgebung abgegeben wird.
[Sidenote: Sträuben des Gefieders. „Gänsehaut“]
~Dr.~ E.: Bravo, Fritz. Es freut mich, daß du dich nicht irre machen
ließest. Deine Erklärung ist vollkommen zutreffend, und jetzt wird mir
auch Kurt sagen können, ob wir denn wirklich beim Schlafengehen gar
nichts tun, was dem Sträuben des Gefieders beim Vogel entspricht.
+Kurt+: Ach, dann meinst du wohl das +Zudecken+?
~Dr.~ E.: Nun siehst du! Da wir keine eigenen Federn haben, so
nehmen wir einfach die von unsern Gänsen und schaffen uns damit eine
ebensolche Wärme zurückhaltende Schicht, wie sie die Vögel an ihrem
Körper selbst herstellen. Ein Vogel führt also gewissermaßen sein
Deckbett immer bei sich, so daß er es jeden Augenblick benutzen kann,
wenn ihn friert.
+Kurt+: Aber warum friert ihn denn immer des Nachts?
~Dr.~ E.: Na, Kurt, ich denke, das ist doch eine recht kindliche
Frage! Erstens solltest du wissen, daß es nachts immer kühler ist als
am Tage, wo die Sonne scheint, und zweitens entwickelt der Körper
während der Ruhe lange nicht so viel Wärme, wie während der Bewegung.
Wenn du tüchtig gelaufen bist, wirst du bekanntlich so heiß, daß
du wie eine Kirsche aussiehst, und wenn du eine Nacht hier auf der
Stubendiele schlafen wolltest, so würdest du schon merken, wie dir
morgens beim Aufwachen die Zähne klappern. Das alles ist sehr einfach,
denn die Wärme unseres Körpers wird eben durch die Arbeit, die er
leistet, hervorgerufen. Ist letztere groß, so entsteht viel Wärme,
ist sie klein, wie im Schlaf, so entsteht weniger, und wir müssen
diese geringere Wärmemenge dann durch bessere Schutzmittel, also durch
Zudecken, zu erhalten suchen.
Ich möchte indes, da wir gerade von dem Sträuben des Gefieders
gesprochen haben, doch noch die eine Frage an euch richten, wie dieses
Sträuben wohl vor sich gehen mag.
+Fritz+: Da es sich um eine +Bewegung+ der Federn handelt, so werden
dazu auch wohl Muskeln nötig sein.
~Dr.~ E.: Gut geraten, Fritz. Wenn wir die Sache genauer untersuchen,
so finden wir kleine Muskelbündel, welche in der Haut liegen und sich
an den Grund der Federn ansetzen. Durch ihr Zusammenziehen wird der
Schaft der Feder, der schräg aus der Haut herausragt, mehr gerade
gerichtet, so daß die Federn steiler zu stehen kommen. -- Übrigens
hatte Kurt vorhin gar nicht so unrecht, wenn er meinte, daß die
Vorrichtung bei passender Gelegenheit dazu benutzt werde, sich größer
zu machen. Fast alle Vögel sträuben ihr Gefieder auch, wenn sie
einem +Feinde+ gegenüberstehen, und zwar, wie wir annehmen, weil sie
demselben auf diese Weise mehr Respekt einflößen.
+Kurt+: Aber machen die Igel und die Stachelschweine es nicht ebenso?
~Dr.~ E.: Gewiß, Kurt. Im wesentlichen haben wir es hier mit derselben
Erscheinung zu tun; nur daß diese Tiere durch das Sträuben ihrer
Stacheln nicht bloß größer werden, sondern in den starren Borsten
zugleich auch Waffen gewinnen. -- Doch, da dir der Vergleich mit diesen
beiden Säugetieren eingefallen ist, so möchte ich wohl weiter fragen,
ob du nicht auch bei Menschen eine Erscheinung kennst, die wir dem
Sträuben des Gefieders vergleichen können.
+Kurt+: Ich weiß nicht recht. Man spricht ja immer vom Sträuben der
Haare bei Furcht oder Schreck; ich habe es aber noch nie gesehen, und
ich dachte, das wäre wohl Unsinn.
~Dr.~ E.: O nein, mein Junge, das Haarsträuben gibt es ganz
buchstäblich, und dir haben sicher die Haare schon viel öfter zu Berge
gestanden als du denkst.
+Kurt+: Nein, Vater, ganz gewiß nicht.
~Dr.~ E.: So? Wie war es denn neulich beim Baden, als es schon so kalt
war, daß ich euch eigentlich nicht hinlassen wollte? Hast du denn gar
nichts bemerkt, als du zitternd aus dem Wasser kamst?
+Kurt+: O doch, da habe ich eine gehörige +Gänsehaut+ gekriegt!
~Dr.~ E.: Aha, da haben wir’s ja! Sieh, diese Gänsehaut war weiter
nichts als das Sträuben des Gefieders beim Vogel und der Stacheln
beim Igel. Deine Härchen auf der Haut sind nur so klein, daß du es gar
nicht bemerktest, wie sie sich aufrichteten. Die kleinen Muskelfasern
in der Haut aber hatten ihre Schuldigkeit getan und hatten sich um
jedes Härchen zu einem kleinen Höckerchen zusammengezogen. Denn dieses
höckerige Aussehen der Haut nennt man ja eben die „Gänsehaut“.
+Fritz+: Aber die „Gänsehaut“ hängt doch nicht von unserem Willen ab?
~Dr.~ E.: Nein, darin hast du recht. Wir können sie allerdings wohl
ziemlich willkürlich hervorrufen, wenn wir an etwas recht Kaltes, recht
Saures oder recht Furchtbares denken; aber direkt können wir die Haare
nicht sträuben. Ob das indes der Vogel so ganz nach Belieben kann, oder
ob nicht auch bei ihm gewisse Empfindungen voraufgehen müssen, dürfte
recht schwer zu entscheiden sein.
Warum steckt denn aber der Vogel den Kopf zwischen die Flügel, wenn er
schlafen will?
+Fritz+: Sollte er vielleicht den Kopf noch besonders wärmen wollen?
~Dr.~ E.: Möglich ist es, daß auch das Wärmebedürfnis hierbei eine
Rolle spielt. Aller Wahrscheinlichkeit nach aber hat diese Gewohnheit
noch einen andern Grund. Es ist eine bekannte Tatsache, daß wir das
Einschlafen beschleunigen können, wenn wir die Bettdecke über das
Gesicht ziehen. Wir atmen dann einen Teil der eben ausgeatmeten
kohlensäurereichen Luft direkt wieder ein; deshalb gelangt durch Mund
und Nase weniger Sauerstoff in die Lungen und in das Blut, und das
arbeitende Gehirn wird leichter beruhigt. Demnach ist anzunehmen, daß
auch beim Vogel dieses Verstecken des Kopfes zwischen die Flügel dazu
dient, den Schlaf schneller herbeizurufen und ihn tiefer zu machen. --
Übrigens scheint ihr es gar nicht weiter verwunderlich zu finden, daß
der Vogel so ganz einfach seinen Kopf zwischen die Flügel steckt.
+Kurt+: Aber das können doch alle Vögel!
~Dr.~ E.: Freilich können sie es alle; aber hört denn die Sache darum
auf, weniger seltsam zu sein? Versuche du es doch einmal, deinen Kopf
hinten auf den Rücken zu legen.
+Kurt+: Ja, das ist nicht möglich, weil unser Hals zu kurz ist.
~Dr.~ E.: Nun, dann bitte mal eine Giraffe, daß sie es tut. Deren Hals
ist doch wohl noch etwas länger als der eines Kanarienvogels.
[Sidenote: Beweglichkeit des Halses der Vögel. Folgen derselben]
+Fritz+: Der Hals der Säugetiere ist nicht so +biegsam+, wie derjenige
der Vögel.
~Dr.~ E.: Sehr richtig! Und nun entsteht die weitere Frage: Wodurch
wird die größere Biegsamkeit beim Halse des Vogels hervorgerufen?
+Kurt+: Ach, das weiß ich! Der Hals der Säugetiere besteht nur aus
7-8 einzelnen Wirbeln, und diese sind meist durch Knorpelscheiben
miteinander verwachsen; der Hals der Vögel aber hat bis zu 22 Wirbel,
und diese sind durch wahre Gelenke gegeneinander verstellbar.
~Dr.~ E.: Es freut mich, Kurt, daß du so gut in der Schule aufgepaßt
hast. Diese wahren Gelenke der Wirbel des Vogelhalses sind übrigens
ganz eigenartig. Ihr solltet sie einmal präparieren, wenn Mama wieder
ein Huhn oder eine Gans für die Küche besorgt hat. Die Wirbel sind
nämlich nicht in jeder Richtung gegeneinander beweglich, sondern
nur nach zwei rechtwinklig zueinander geneigten Richtungen, etwa
so, wie ein Reiter im Sattel sich nach vorn und hinten, sowie nach
rechts und links biegen kann. Die Gelenke führen daher auch den Namen
Sattelgelenke. Ihnen vor allem verdankt der Vogelhals seine große
Biegsamkeit, abgesehen davon, daß auch der Kopf viel beweglicher auf
dem Halse befestigt ist als beim Säugetier. -- Wissen aber möchte
ich nun noch, weshalb wohl Säugetiere und Vögel eine so auffallende
Verschiedenheit im Bau ihres Halses zeigen.
+Fritz+: O, das ist doch klar! Der Vogel soll mit seinem Schnabel die
Nahrung vom Boden picken, sich verteidigen und sein Nest bauen, und
darum muß der Kopf so beweglich sein.
~Dr.~ E.: Ja, warum muß er denn das alles mit dem Schnabel machen?
+Kurt+: Womit sollte er’s denn sonst machen? Er hat ja keine Hände!
~Dr.~ E.: Na, das ist nun etwas über das Ziel hinausgeschossen, denn
die Hunde, Schweine, Pferde usw. haben auch keine Hände. Aber im Grunde
hast du recht. Die Vögel gleichen gewissermaßen einem Menschen, dem
beide Arme fehlen, und der daher sehen muß, wie er sich mit seinen
Füßen und seinem Munde behelfen kann. Denn die +Flügel+ sind als
Apparate zum Greifen, Festhalten, Scharren, Graben, Klettern und was
sonst noch alles mit den Vorderbeinen von den Säugetieren geschieht,
völlig untauglich geworden. Dafür haben sie denn allerdings die
schönste Kunst eingetauscht, die von jeher den Neid der Menschen erregt
hat, die Kunst des +Fliegens+.
+Hans+: Aber sag’ mal, warum haben denn die Vögel außer den Flügeln
nicht doch noch Arme?
+Kurt+: O Hans, das ist doch klar! +Alle+ Wirbeltiere haben eben nur
vier Beine, zwei vordere und zwei hintere. Bei den Vögeln entsprechen
die Flügel den Vorderbeinen, wie man aus den Knochen noch deutlich
erkennen kann. Es wäre also gar nicht zu begreifen, wo nun plötzlich
noch ein zweites Paar Vorderbeine herkommen sollte.
+Fritz+: Ich finde es erstaunlich, Vater, wie gut die Vögel mit Hilfe
ihres beweglichen Halses die schwere Aufgabe lösen, ohne Benutzung der
vorderen Gliedmaßen auszukommen. Man sollte daher meinen, eine größere
Beweglichkeit des Halses müßte auch für die Säugetiere immerhin noch
von großem Nutzen sein.
~Dr.~ E.: Die Sache hat doch auch sehr ihre zwei Seiten. Je länger der
Hals und je zahlreicher seine Glieder, desto größere +Muskelkraft+ wird
natürlich erfordert, den schweren Kopf an dessen Ende im Gleichgewicht
zu erhalten. Denkt euch nur einmal den Kopf eines Hirsches oder Ochsen
auf einem langen beweglichen Schwanenhalse! Der Vogel hat denn auch die
große Beweglichkeit seines Halses mit einem sehr empfindlichen Verlust
bezahlen müssen, an den ihr sicherlich nicht denken werdet.
+Kurt+: Meinst du, daß er keine Hörner hat?
~Dr.~ E.: Das wäre am Ende nicht so schlimm, denn die Raubtiere,
Nagetiere, Affen usf. haben ja auch keine Hörner. Nein, der Verlust,
von dem ich spreche, erscheint viel bedenklicher: dem Vogel sind seines
Halses wegen die +Zähne+ abhanden gekommen.
+Fritz+: Ist das wirklich dein Ernst, Vater? Was haben denn die Zähne
mit dem langen Halse zu tun?
~Dr.~ E.: Sehr viel, mein Junge. Um Zähne gehörig benutzen zu können,
bedarf es kräftiger Knochen, auf welche sie sich stützen, und ebenso
kräftiger Muskeln, durch welche sie gegeneinander bewegt werden. Wollen
wir eine harte Nuß knacken, so nehmen wir dazu einen festen, eisernen
Nußknacker. Wäre dies Instrument in derselben Dicke von Holz, so würde
nicht die Nuß, wohl aber der Nußknacker beim Gebrauch zerbrechen.
Von Holz müßte er eben bei weitem dicker und stärker sein. Gerade so
ist es mit unsern Kiefern, die ja genau wie ein Nußknacker wirken.
Sie müssen zum mindesten so stark gebaut sein, daß sie beim Zermalmen
der Nahrung sich nicht biegen oder gar brechen, und sie müssen eine
bedeutende Größe besitzen, um Platz für den Ansatz der dicken Muskeln
zu bieten, durch welche sie bewegt werden. Beide Bedingungen sind
aber nicht erfüllbar, ohne daß diese Knochen verhältnismäßig schwer
werden, wie wir dies am Schädel der Säugetiere beobachten. Muß nun,
infolge der größeren Länge und Beweglichkeit des Halses, der Kopf
durchaus erleichtert werden, und geschieht dies mit auf Kosten der
Kieferknochen, so ist es mit der Beißkraft vorbei, und die Zähne haben
dann natürlich auch keinen Zweck mehr. So ist es gekommen, daß die
Vögel im Laufe der Zeiten die Zähne verloren haben -- früher hatten sie
nämlich welche --, und daß die gesamten Knochen ihres Schädels eine so
große Leichtigkeit erlangten, daß es kaum etwas Zierlicheres geben kann.
+Kurt+: Aber die Vögel müssen doch kauen, was sie essen!
~Dr.~ E.: Die Fleischfresser haben das wohl kaum nötig, wie wir an den
Raubtieren und den Schlangen sehen, die ja auch nicht kauen. Wohl aber
die Körnerfresser. Nun, für diese hat sich ein ganz wunderbarer Ersatz
gefunden, den man eigentlich nur beim Menschen vermuten sollte: sie
bedienen sich nämlich +falscher+ Zähne.
+Kurt+: Ach, jetzt machst du Scherz! Ein Vogel mit falschem Gebiß wäre
doch zu komisch.
[Sidenote: Kaumagen der Körnerfresser]
~Dr.~ E.: Und doch verhält es sich so, wie ich sage. Freilich sitzen
diese falschen Zähne nicht im Munde, wie du wohl vermutet hast. Im
Schnabel können die Körner nicht zerkleinert werden; so ist denn das
eigentliche Kaugeschäft direkt in den +Magen+ verlegt. Die Wände
desselben sind demzufolge nicht dünn, wie bei uns, sondern +dick+ und
+fleischig+, wie ihr das sehr schön am Gänsemagen sehen könnt. Innen
ist der Magen mit starken +Horn+platten belegt, welche mit Hilfe der
Muskelwände gegeneinander gerieben werden. Bis soweit ist alles in
Ordnung und von künstlichem Gebiß keine Rede. Jetzt aber kommt das
Drollige. Die Hornplatten scheinen die Aufgabe des Zerreibens der
Körner so für sich allein doch nur mangelhaft ausführen zu können.
Darum sucht der Vogel sich +Kieselsteine+ und verschluckt sie.
Diese spielen nun im Magen die Rolle unserer Zähne oder, wenn ihr
lieber wollt, von Mühlsteinen, zwischen denen das Korn mit Hilfe der
Muskelwände und der Hornplatten zerrieben wird.
+Fritz+: Dann ist also der Strauß gar nicht so dumm, wie man immer
meint, wenn er Glas und Kieselsteine frißt.
~Dr.~ E.: Nein, es ist nur der Unverstand der Menschen, der ihn
deswegen lächerlich machen will. Hat man doch beobachtet, daß ein
gefangener Strauß, trotz reichlicher Nahrung in seinem Magen,
verhungern mußte, weil man auf dem Schiff nicht daran gedacht hatte,
ihm das nötige Kauwerkzeug, also Kieselsteine, mit in seinen Käfig zu
geben.
+Kurt+: Das hätte ich aber doch nicht gedacht, daß an einem Vogel noch
so vieles zu lernen wäre!
~Dr.~ E.: Das nennst du schon „vieles“? Ich meine, was wir besprachen,
bezog sich doch eigentlich nur auf die Absonderlichkeiten, die unser
+schlafender+ Kanarienvogel darbot. Wollten wir auch seinen übrigen
Körper, seine Flügel, Augen, Ohren, seine Stimme und seine inneren
Organe näher betrachten, wir würden noch ungleich mehr finden, was eure
Verwunderung erregen würde. Doch davon vielleicht ein andermal. Am Ende
klingen unserm armen Hänschen schon die Ohren, daß wir soviel von ihm
gesprochen haben.
[Illustration: Skelett des Canarienvogels.]
[Illustration]
Sechster Abend.
~Dr.~ E.: Nun, Kurt, wie steht’s? Habt ihr eure Schlittschuhe schon
bereit gemacht? -- Ich glaube, wenn es so weiter friert wie heute
abend, haben wir in zwei Tagen Schlittschuhbahn.
+Kurt+: Ja, Vater; es waren vorhin schon über zwei Grad Kälte. Sollten
wir da nicht lieber unsere Blumen in die Wohnstube nehmen? Sie stehen
noch alle im Balkonzimmer.
~Dr.~ E.: Nein, Kurt, laß sie nur ruhig, wo sie sind. Bis zum
Gefrierpunkt sinkt die Luft im Balkonzimmer nicht, und da ist es den
Pflanzen besser, sie stehen kalt, als im geheizten Wohnzimmer.
+Fritz+: Du meinst wohl wegen des Leuchtgases und der schädlichen
Ofenausdünstungen?
~Dr.~ E.: Die kommen selbstverständlich mit in Betracht. Doch auch
schon die Wärme an sich ist ihnen wenig zuträglich.
+Fritz+: Aber die Pflanzen brauchen doch Wärme zu ihrer Entwicklung!
~Dr.~ E.: Das wohl; indes was im Sommer günstig und unentbehrlich ist,
kann deshalb im Winter doch großen Schaden anrichten.
+Fritz+: Wie ist das zu verstehen, Vater?
~Dr.~ E.: Das soll heißen, daß die Pflanze zum Wachsen nicht bloß
+Wärme+, sondern auch +Licht+ nötig hat. Letzteres ist aber im Winter
nicht genügend vorhanden.
+Fritz+: Wenn das ist, so begreife ich wohl, daß die Wärme allein
nichts nützt; aber warum sie nun noch obendrein +schädlich+ sein
soll --?
[Sidenote: Bedeutung von Licht und Wärme für die Pflanze]
~Dr.~ E.: Nun denn, du Quälgeist, wenn du durchaus hinter das Geheimnis
kommen willst, so muß ich es dir wohl sagen. Also: die Einwirkung des
+Lichts+ befähigt die Pflanze, ihre Nahrung aus der Luft aufzunehmen
und dieselbe in +Baustoffe+ für ihren Körper umzuwandeln, etwa so
ähnlich, wie eine Ziegelei die Backsteine für ein aufzuführendes
Gebäude liefert. Mit Hilfe der Wärme wird dann aus diesen Baustoffen
der +Pflanzenkörper+ selbst aufgebaut, oder, um den Vergleich
beizubehalten, die Backsteine werden hergerichtet und zum Hausbau
aneinandergefügt. Wollten wir uns die Sache durch Vorgänge in unserm
eigenen Körper klarmachen, so könnten wir vielleicht sagen: Das Licht
befähigt die Pflanze zu essen und das Gegessene in Stoffe umzuwandeln,
die etwa unserm Blute entsprechen; die Wärme hingegen bewirkt, daß aus
dem Blute sich neue Körperteile bilden, daß also der Körper +wächst+.
Solange nun Licht +und+ Wärme in ausreichendem Maße vorhanden sind,
kann der Pflanzenkörper getrost darauf loswachsen, da ja das Licht
dafür sorgt, daß immer wieder neue Baustoffe fertiggemacht werden.
Anders dagegen, wenn wir +nur Wärme+ auf die Pflanzen einwirken lassen.
Dann wird natürlich die Pflanze zum +Bauen+ angeregt, sie bildet neue
Triebe und Blätter. Allein bald ist der Vorrat an Baustoffen erschöpft;
es werden nicht genügend neue gebildet, und das, was die Pflanze dann
noch bauen kann, ist saft- und kraftlos und trägt den Stempel des
Krankhaften deutlich zur Schau. Die Triebe sehen aus wie ein Junge, der
bei ungenügender Ernährung lang und dünn emporgeschossen ist. Man nennt
dies das „Vergeilen“ der Pflanze. Sie wird krank oder, wenn wir es
geradezu sagen wollen, sie +verhungert+, da sie so wenig essen konnte,
obwohl sie so viel arbeiten mußte. Da ist es denn selbstverständlich
besser, man läßt die Pflanzen im Winter kalt stehen, damit sie
vollkommen ruhen und erst dann wieder anfangen zu wachsen, wenn die
Sonne im Frühling genügend Licht spendet, um neue Baustoffe zu bilden.
+Kurt+: Wie sieht denn das aus, wenn die Triebe „vergeilen“?
~Dr.~ E.: Ich glaube, gerade eins der schönsten Beispiele hierfür hast
du schon oft genug gesehen. Weißt du nicht, was mit den Kartoffeln im
Keller wird, wenn es gegen den Frühling geht?
+Kurt+: Ja, dann bilden sich lange weiße Keime daran.
~Dr.~ E.: Nun also! Und diese sogenannten Keime, die fast wie weißgelbe
Wurzeln aussehen, sollten eigentlich grünende, kräftige, beblätterte
+Zweige+ sein. Aber der Mangel an Licht hat so jämmerliche Gebilde aus
ihnen gemacht. -- Ähnliches sieht man ja auch oft genug, wenn man ein
Brett oder einen Stein im Garten aufhebt, unter dem Pflanzen gewachsen
sind. Wenn es dir Vergnügen macht, können wir ja überdies einen unserer
Blumentöpfe ins warme Zimmer nehmen und etwas entfernt vom Fenster
aufstellen, damit er recht hungern muß.
+Fritz+: Ja, das würde mich sehr interessieren. Wir haben ja
verschiedene Geranien, die wir vielleicht zu dem Versuch benutzen
könnten.
[Sidenote: Geranien und Pelargonien]
~Dr.~ E.: Nun gut! Sind es denn auch wirkliche Geranien?
+Fritz+: O, die kenne ich doch; sie haben rosa Blüten und eine lange
Frucht, wie ein Storchschnabel.
~Dr.~ E.: Deshalb braucht es noch immer kein Geranium zu sein. Ich
dächte, wir hätten nur Pelargonien. Kennst du denn den Unterschied?
+Fritz+: Nein; aber Pelargonien sind doch auch Storchschnabelgewächse.
~Dr.~ E.: Das ist schon wahr. Aber wenn Geranien und Pelargonien sich
nicht unterschieden, so würden sie doch keine verschiedenen Namen
haben. -- Ist die Blumenkrone regelmäßig oder unregelmäßig?
+Fritz+: Das weiß ich wirklich nicht genau; ich glaube aber
unregelmäßig.
~Dr.~ E.: Nun, Hans, so hole mal einen solchen Geranientopf her. Ich
denke, es werden noch einige Blüten daran sein. --
+Hans+ (zurückkehrend): Hier ist der einzige, der noch ein paar Blüten
hatte; meist sind es aber schon Früchte.
~Dr.~ E.: Das wird völlig genügen. Also, Fritz, sind alle Blumenblätter
gleich groß?
+Fritz+: Nein, die beiden oberen sind etwas größer. Diese Blumenblätter
sind auch nicht rein rosa, sondern violett geadert und mit dunklem
Fleck am Grunde.
~Dr.~ E.: Daraus kannst du eben sehen, daß es ein Pelargonium ist. Das
gleiche lehrt uns hier diese merkwürdige Anschwellung, welche von dem
Kelche herunterzieht und ein Stück am Blütenstiel entlang läuft. Wißt
ihr, was das zu bedeuten hat?
+Kurt+: Ih, das sieht ja ganz merkwürdig aus! Darf ich es mal
durchschneiden?
~Dr.~ E.: Nur zu, wenn du glaubst, daß du damit weiter kommst.
+Kurt+: Sieh, das ist innen eine hohle Röhre, die am Blütenstiel
entlang läuft, und Saft ist darin.
~Dr.~ E.: Gewiß, und diesen Saft nennt man Blütenhonig oder Nektar.
Ich meine, den habt ihr schon oft genug in anderen Blüten, namentlich
in solchen mit Sporn, beobachten können. Jenes mit dem Blütenstiel
verwachsene Röhrchen ist also nichts als ein Honigbehälter, und das
Eigenartige liegt eben nur in dieser Verschmelzung mit dem Blütenstiel.
Im gesamten Pflanzenreiche kommt etwas Ähnliches nicht wieder vor. --
Übrigens ließe sich zwischen Geranium und Pelargonium auch noch ein
Unterschied in der Frucht anführen. Ihr wißt doch, wie die Früchte der
Storchschnabelgewächse gebaut sind?
+Kurt+: O ja. Wir haben den Storchschnabel diesen Sommer durchgenommen.
Es sind am Grunde fünf einsamige, länglich eiförmige Fächer, die sich
zur Reifezeit von unten her ablösen, und deren jedes noch eine Zeitlang
mit einem langen Schnabel an dem dünnen Säulchen in der Mitte hängen
bleibt. Das Ganze sieht dann fast aus wie ein Kronleuchter.
~Dr.~ E.: Ganz recht. Weißt du auch, warum sich die Frucht in fünf
solche Teilfrüchte auflöst?
+Kurt+: Ich denke, dann können sie leichter zu Boden fallen.
~Dr.~ E.: Das würde doch wohl genau so gut erreicht werden, wenn die
Frucht als Ganzes abfiele, etwa wie ein Apfel oder eine Eichel. -- Was
sollen denn die Früchte am Boden?
+Kurt+: Aber da sind ja doch die Samen drin und in den Samen die jungen
Pflänzchen, die in der Erde keimen müssen.