~Dr.~ E.: Das ist eine recht schwierige Frage, Fritz. Es ist ungefähr

dasselbe, als wenn du fragst, warum ein Eichbaum anders aussieht wie

eine Kastanie. Ein ganz klein wenig kann ich dir dies Rätsel aber doch

wohl verständlicher machen. Zunächst müssen wir die ganz merkwürdige

Erscheinung ins Auge fassen, daß ein Kristall, den man zerschlägt, in

Stücke zu zerspringen pflegt, welche genau wieder die Form und die

Flächen des ursprünglichen Kristalls haben. Ein Kochsalzwürfel also

zerspringt beim Daraufschlagen stets wieder in lauter +Würfel+, und

man kann diesen Versuch so weit fortsetzen, als wir mit dem Mikroskop

überhaupt noch die einzelnen Stückchen zu erkennen vermögen. Daraus

scheint zu folgen, daß auch die allerkleinsten Teilchen Kochsalz,

die überhaupt denkbar sind, und die wir selbst mit unsern stärksten

Vergrößerungen nicht mehr wahrnehmen können, eine würfelförmige

Gestalt besitzen. Ist dies der Fall, so wäre ein Kristall, wie wir

ihn in unserer Salzlösung finden, eben nichts, als eine regelmäßige

Aneinanderlegung unendlich vieler solcher kleinster Teilchen, ähnlich

so, wie sich aus den Holzwürfeln eines Baukastens schließlich ein

großer Würfel aufbauen läßt. Sind nun jene kleinsten Teilchen eines

Minerals +nicht+ würfelförmig, sondern anders gestaltet, so wird

natürlich in der Regel auch das von ihnen aufgeführte Gebäude, der

sichtbare Kristall, eine dementsprechende Form haben.

+Kurt+: Haben denn alle Mineralien eine bestimmte Gestalt?

~Dr.~ E.: Nein, nicht alle, aber doch die meisten. Freilich sieht man

es manchem formlosen Stein nicht an, daß er im Grunde genommen aus

zahllosen mikroskopischen Kriställchen zusammengesetzt ist.

+Fritz+: Das hätte ich wahrhaftig nicht gedacht, daß die meisten

Steine kristallisiert sind. Vorhin hast du gesagt, es gäbe nur zwei

Möglichkeiten, wie sich Kristalle bilden könnten, entweder in einer

geschmolzenen Steinmasse, oder in einer gesättigten Lösung. Der erste

Fall mag ja bei Vulkanen recht häufig sein, aber die Vulkane selbst

sind doch nur sehr zerstreut; und wo solche gesättigten Lösungen in der

Natur herkommen sollen, begreife ich auch nicht. Ich würde also meinen,

Kristalle müßten recht selten sein.

[Sidenote: Häufigkeit der Kristalle]

~Dr.~ E.: Nein, mein Junge! Diesmal hast du mit deinen beiden

Annahmen gründlich vorbeigeschossen. Was zunächst die Häufigkeit des

+geschmolzenen+ Gesteins anlangt, so hast du ja wohl schon einmal

gehört, daß unsere Erde früher wahrscheinlich ein feurig-flüssiger Ball

war. Wie nun eine glühende Eisenkugel, die wir der Luft aussetzen,

nach und nach ihre Wärme ausströmt und sich abkühlt, so mußte auch

der im kalten Weltenraume kreisende geschmolzene Erdball im Laufe der

Zeit von seiner Wärme verlieren. Dadurch bildete sich auf der ganzen

Oberfläche eine anfangs dünne, dann mehr und mehr an Dicke zunehmende

Kruste aus festem, erstarrtem Gestein. Während des Erstarrens schossen

die einzelnen Mineralien dieses Gesteins in Kristallen an, und du

siehst nun wohl ein, daß es damals keinen Punkt der Erde gab, wo nicht

Kristallbildung in dieser Weise stattgefunden hätte. Doch damit nicht

genug. Lange Zeit blieb die Kruste der Erde dünn, und es geschah daher

auch noch später an allen Ecken und Enden, daß weitere geschmolzene

Gesteinsmassen aus dem Erdinnern durch Spalten und Risse der Kruste

hervorquollen und über derselben erstarrten. So kommt es denn, daß es

in der Tat nur wenige Gegenden der Erde gibt, wo man nicht auch heute

noch Felsarten beobachten könnte, die aus dem glutflüssigen Zustande

hervorgegangen sind.

Nicht weniger irrig ist deine zweite Annahme, daß in der Natur

+gesättigte Lösungen+ nicht vorkämen, aus denen Kristalle sich

ansetzen könnten. Sehr viele Mineralien sind, wie du weißt, im

Wasser löslich, wenn auch oft nur in winzigen Mengen. Stecken solche

Mineralien in einem Berge oder Felsen, so werden sie naturgemäß

durch das einsickernde Regenwasser aufgelöst, und da, wo sie waren,

entstehen Hohlräume. Diese füllen sich dann, gleich den durch Frost

oder Erschütterung entstandenen Spalten des Gesteins, bald mit dem

nachdringenden Sickerwasser an. Das Sickerwasser ist anfangs noch

keine gesättigte Lösung der im Berge steckenden Mineralien; allein es

wiederholt sich nun hier im kleinen derselbe Vorgang, den wir neulich

beim Meer im großen besprochen haben. Etwas von dem Wasser +verdunstet+

durch die Poren des Gesteins, und neues Sickerwasser bringt immer neue

Mengen des aufgelösten Minerals. So wird die Lösung in der Höhlung oder

in der Spalte allmählich +gesättigt+, und die Kristalle fangen an sich

auszuscheiden. Wenn ihr euch nun vorstellt, daß ein solcher Vorgang

Jahrtausende und Jahrhunderttausende im Innern der Berge ungestört

weitergehen konnte, und daß die Bedingungen für schöne Kristallbildung

-- vollkommene Ruhe, gleichmäßige Temperatur und möglichst langsame

Verdunstung des Wassers -- die denkbar günstigsten sind, so werdet

ihr es begreifen, wie man oft in solchen Hohlräumen, den sogenannten

Drusen, sowie in den Spalten oder „Gängen“ der Gebirge Kristalle

von einer Größe und Schönheit findet, wie wir sie künstlich auch

nicht entfernt herstellen können. Hat man doch z.❰B. beim Bohren des

Gotthardtunnels vom Quarz, einem Mineral, das nur spurenweise im Wasser

löslich ist, Kristalle gefunden, die fast meterlange, mehrere Zentner

schwere Säulen darstellen.

+Kurt+: Aber wie ist denn nun der gewöhnliche +Sand+ entstanden? Der

bildet doch keine Kristalle!

[Sidenote: Entstehung des Sandes]

~Dr.~ E.: Wenigstens sollte es uns schwer werden, an diesen kleinen

runden Körnchen noch irgend etwas von Kristallform zu entdecken. Aber

man kann das dem Sande eigentlich nicht übelnehmen. Sieh mal, eine

Kartoffel hat doch eine sehr schöne bestimmte Gestalt, wie sie eben

jede Kartoffel hat. Wenn du sie aber zerreibst oder zerstampfst, so

daß sie schließlich als Kartoffelmus auf den Tisch kommt, dann soll

man ihr schwerlich mehr viel von der ursprünglichen Form ansehen. Ganz

ähnlich aber ist es mit dem Sande. Ich habe euch vorhin erzählt, daß

die ursprüngliche Erstarrungskruste der Erde jedenfalls eine feste,

felsige Gesteinsmasse war. Sie bedeckte die ganze Erdoberfläche, und

es gab also damals noch keinen Sand. Allein dieser Zustand wird nicht

allzulange gedauert haben. Die starre Rinde hat augenscheinlich bald

gewaltige Risse bekommen, so daß sie in einzelne Bruchstücke oder

Schollen zerfiel, von denen einige in die Tiefe sanken und durch

den Druck, den sie hierbei auf die glutflüssigen Massen des Innern

ausübten, die andern Bruchstücke noch höher emporsteigen ließen. Diese

emporgehobenen Schollen der Erdrinde bildeten die großen +Erdteile+.

Über den in die Tiefe gesunkenen Schollen aber sammelte sich das Wasser

an und bildete die +Meere+. Von jetzt ab waren die aus dem Wasser

hervorragenden Teile der Erdoberfläche allen Einflüssen der Luft und

des Regens ausgesetzt. Letzterer muß zu jenen Zeiten in gewaltigen

Strömen geflossen sein, da bei der hohen Temperatur der Erde viel

mehr Wasser verdampfte und in die Wolken überging als heutzutage.

Wasser und Luft, ersteres namentlich durch sein unwiderstehliches

Ausdehnungsbestreben beim Gefrieren, wirken nun im Laufe der Zeit

in hohem Maße +zerstörend+ auf das Gestein. Im Gebirge kann man ja

tagtäglich und besonders nach jedem Regen beobachten, wie größere und

kleinere Felsblöcke sich ablösen und aus der Höhe zu Tal stürzen.

So vollzog sich ganz allmählich im Laufe sehr langer Zeiträume eine

+Zertrümmerung+ der festen Felsmassen in den Gebirgen. Die losgelösten

Felsstücke wurden durch die reißenden Gebirgsbäche weitergeführt und

bei ihrem Transport mehr und mehr +zerkleinert+; es entstanden die

sogenannten +Gerölle+, der +Kies+ und der +Sand+. Dabei erhielten die

einzelnen Trümmerstücke durch das Reiben und Scheuern gegeneinander

eine rundliche Form, wie wir sie jetzt an den Sandkörnchen und

Bachkieseln beobachten. Außerdem mußten die vom Gebirge ins Meer

fließenden Wasserläufe eine Art von +Sortierung+ dieser Trümmer

bewirken, indem die größeren und schwereren lange nicht soweit vom

Wasser mitgeführt wurden, als die leichteren und kleineren. Es bildeten

sich also hintereinander Ablagerungen von großen Geröllsteinen, Kies,

grobem und feinem Sand, sowie endlich, aus den feinsten und leichtesten

Zerreibungsteilchen des Gesteins, von +Ton+, der von den Flüssen bis

weit in das offene Meer getragen wird und hier langsam als Schlamm oder

Schlick zu Boden sinkt.

+Fritz+: Aus dem, was du uns erzählt hast, verstehe ich nun wohl,

weshalb auf dem Boden der Flüsse und auch an seinen Ufern sich Sand

findet. Aber es ist mir noch nicht recht klar, woher wir denn jetzt

bei uns +überall+ Sand oder Erde haben, im Walde, auf den Äckern, und

selbst in der Stadt. Außerdem hast du gesagt, der Ton bilde sich nur

auf dem Grunde des Meeres, und wir haben doch hier ganz in der Nähe

auch Tongruben.

~Dr.~ E.: Woher die oberen Lagen von Sand und Ton in unserer

norddeutschen Tiefebene stammen, erzähle ich euch vielleicht ein

andermal. Im allgemeinen mögt ihr bedenken, daß im Laufe von

außerordentlich langen Zeiträumen die ersten Zertrümmerungsprodukte so

mannigfache Schicksale erfahren haben, daß wir sie nicht im einzelnen

verfolgen können. Sicher ist jedenfalls, daß die Verteilung von Land

und Meer im Laufe der Zeiten ganz außerordentlich gewechselt hat,

so daß dadurch jene Zertrümmerungsprodukte der starren Erdkruste

schließlich über die ganze Erde in buntem Durcheinander verbreitet

wurden. Heute ragt vielleicht das als Gebirge empor, was ehemals tief

unter dem Meer begraben lag. Den besten Beweis hierfür liefern die

+Versteinerungen+ von Meerestieren, welche in fast allen Gebirgen,

im Harz so gut wie in den Alpen, aber auch bei uns in manchen

Tongruben gefunden werden. Die Kruste der Erde ist eben durchaus

nicht so unabänderlich ruhig, wie man es gewöhnlich glaubt. Sorgsame

Beobachtungen lehren vielmehr, daß auch jetzt noch gewisse Teile der

Erdoberfläche in langsamer Hebung, andere in Senkung begriffen sind.

+Kurt+: Wie kommen denn aber die Meerestiere in den festen Felsen

hinein?

[Sidenote: Versteinerungen. Findlingsblöcke]

~Dr.~ E.: Ich habe euch vorhin erzählt, wie das zerkleinerte

Gesteinsmaterial als Kies, Sand, Lehm und Ton schließlich durch die

Flüsse ins Meer gespült wird und dort in die Tiefe sinkt. Hier nun ist

es dem Drucke der darüberliegenden Wasserschichten ausgesetzt, der

bei großer Meerestiefe ein ganz ungeheurer wird. Das anfangs lockere

Material, in welches die +absterbenden Meerestiere hineinsinken+,

wird dadurch im Laufe der Zeit wieder zu festen, felsartigen Massen

+zusammengebacken+. Wenn diese dann nach Jahrtausenden durch Hebung

über den Spiegel des Meeres gelangen, so machen sie fast ganz den

Eindruck ursprünglicher Gebirgsarten. Zwei Kennzeichen gibt es

jedoch, nebenbei bemerkt, an denen man sie ziemlich sicher von den

ursprünglichen, anfangs glutflüssigen Gesteinen unterscheiden kann: die

+Schichtung+ infolge der schichtenweisen Ablagerung im Meere und die in

ihnen steckenden +Versteinerungen+.

+Fritz+: Eine Frage möchte ich aber doch noch tun. Wenn unsere Gegend

wirklich früher Meeresboden gewesen ist und auf diesem nur Sand und Ton

sich ablagern konnten, höchstens vielleicht noch Kies am Strande, woher

kommen dann die großen Steinblöcke oder +Feldsteine+, die man soviel

auf den Äckern findet? Gewachsen sind sie doch dort nicht, und ein

Gebirge, von dem sie herunterfallen konnten, ist ja auch nicht da.

~Dr.~ E.: Die Frage, die du da eben berührst, hat die Naturforscher

viele Jahrzehnte lang beschäftigt. Anfangs glaubte man, diese

sogenannten erratischen oder Findlingsblöcke seien zur Zeit, als unser

Land noch vom Meer bedeckt war, auf gewaltigen Eisbergen vom Norden und

Nordosten hergeschwommen und beim allmählichen Schmelzen der Eisberge

in die Tiefe gefallen. Diese Ansicht aber hat man aus verschiedenen

Gründen aufgeben müssen und man ist jetzt zu der Überzeugung gelangt,

daß jene Blöcke mit Hilfe von +Gletschern+ nach hier getragen wurden.

Daß Gletscher wandern, d.❰h. daß ihre Eismassen von hinten her

vorrücken, wenn das Vorderende abschmilzt, haben wir ja schon neulich

besprochen. Wir brauchen daher nur noch anzunehmen, daß von Schweden

und Finnland bis zu uns eine einzige ungeheure Eismasse das Land

bedeckte, ganz ähnlich, wie es heute in Grönland der Fall ist. Die

Felsblöcke, welche dort in den nordischen Gebirgen auf das Gletschereis

fielen oder unten bzw. in ihm festfroren, wurden mit dem vorrückenden

Eise weiter und weiter getragen, bis sie schließlich beim Abschmelzen

des Eises am Vorderrande als sogenannte Stirn-Moräne und auf dem ganzen

Wege des Gletschers als Grund-Moräne zu Boden fielen. Von manchen

unserer erratischen Blöcke kann man sogar ganz genau angeben, von

welchem Gebirgsstock im fernen Schweden oder Finnland sie herstammen.

+Kurt+: Dann kann man hier wohl alle möglichen verschiedenen Steine

finden?

~Dr.~ E.: Ganz gewiß. Für den Sammler von Mineralien und Gebirgsarten

gibt es kaum eine bessere Gelegenheit, alle möglichen Formen

zusammenzubringen als in Norddeutschland; die Natur selbst hat sich

in der norddeutschen Tiefebene mit Hilfe der Gletscher gewissermaßen

ein mineralogisches Museum angelegt. Es sollte mich freuen, wenn ihr

euch im nächsten Frühjahr ein wenig um die Mannigfaltigkeit dieser

Gesteinsarten kümmern wolltet.

[Illustration]

[Illustration]

Fünfter Abend.

Ich dächte, es wäre Zeit, beginnt ~Dr.~ E. die abendliche Unterhaltung,

daß wir uns auch einmal um die +Tiere+ hier in meinem Studierzimmer

bekümmerten. Was meinst du z.❰B. zu unserm Kanarienvogel, Kurt?

[Sidenote: Kanarienvogel. Muskeln die Ursache der Kraft]

+Kurt+: Wenn du es gern willst, Vater, so ist es mir recht; aber die

Vögel haben wir in der Schule schon durchgenommen, und ich glaube, das

meiste davon weiß ich schon.

~Dr.~ E.: Nun, das werden wir ja bald erfahren. Zunächst wollen wir uns

das Tierchen aber doch mal ordentlich ansehen.

+Fritz+: Das wird uns heute abend wohl wenig nützen, Vater. Man erkennt

bloß noch einen gelben Klumpen; er schläft ja schon.

~Dr.~ E.: So, er schläft schon! Aber woher weißt du denn das so genau,

Fritz?

+Fritz+: O, er hat sich ganz dick aufgeblasen und seinen Kopf zwischen

die Flügel gesteckt. Er sitzt auch ganz still auf der Stange und rührt

sich nicht.

~Dr.~ E.: Daß er +still+ sitzt, kann man am Ende als ein Zeichen des

Schlafens ansehen. Aber würdest du denn auch so +auf einer Stange

sitzend+ schlafen können? Ich meine, es würde gar nicht lange dauern,

so wärest du heruntergepurzelt.

+Kurt+: Ja, das ist doch sehr einfach; der Vogel hat eben die langen

Zehen und Krallen, mit denen er die Stange umgreift. Wenn wir die

hätten, würden wir auch so schlafen können.

~Dr.~ E.: Was du schlau bist, mein Junge. Ich glaube, die Sache

hat doch ihren Haken! Sieh, unsere Hände sind doch mindestens noch

ebensogut zum Greifen eingerichtet wie die Krallen des Vogels. Nun

denke dir, du solltest einen dünnen Stock, den du gut umgreifen kannst,

auch nur eine Stunde lang fest in deinen Händen halten. Würdest du das

wohl aushalten können?

+Kurt+: Eine Stunde lang möchte ich es wohl mal versuchen; aber

freilich so unaufhörlich, wie der Vogel die Stange umklammert hält --

da würde mir am Ende doch wohl die Hand lahm werden.

~Dr.~ E.: Das ist sogar ganz sicher! Und zwar liegt der Grund in dem

ganz allgemein gültigen Satz, daß +Muskeln+ nur verhältnismäßig kurze

Zeit angespannt werden können und bald erschlaffen.

+Hans+: Papa, was sind denn eigentlich „Muskeln“? Mein Freund Wilhelm

sagt, an den Armen hätten wir auch Muskeln, und die würden immer

dicker, wenn man ordentlich turnt.

~Dr.~ E.: Da hat dein Freund Wilhelm ganz recht. Wir haben aber nicht

bloß Muskeln an den Armen, sondern auch an den Beinen, am Kopf, am

Rumpf, kurz überall; denn Muskeln sind weiter nichts als +mageres

Fleisch+, und wenn wir ein Beefsteak essen, so essen wir eben Muskeln.

+Kurt+: Was hat denn das Fleisch aber mit der Kraft zu tun? Und wieso

kann dasselbe angespannt werden, wenn ich den Stock in den Händen halte?

~Dr.~ E.: Das Fleisch, welches ja aus lauter einzelnen +Fasern+

besteht, wie ihr namentlich gut am gekochten Suppenfleisch beobachten

könnt, besitzt im lebenden Zustande eine ganz merkwürdige Fähigkeit.

Es vermag sich nämlich um einen Teil seiner Länge zu +verkürzen+,

wobei es gleichzeitig entsprechend an Dicke zunimmt. Ihr könnt euch

leicht davon überzeugen, wenn ihr z.❰B. den Unterarm gegen den Oberarm

biegt. Ihr werdet dann finden, daß das Fleisch auf dem Oberarm ziemlich

viel dicker wird. Diese merkwürdige Fähigkeit des Fleisches, sich

ganz nach unserm Wunsch und Willen zusammenziehen zu können, ist die

Ursache aller Kraft, die wir in uns fühlen, und die wir gegen unsere

Umgebung äußern. Wenn ich jemandem die Hand drücke, so geschieht dies

durch Zusammenziehen der mit den Fingerknochen in Verbindung stehenden

Fleischmassen, und ebenso ist es, wenn ich den Hammer schwinge oder das

Bein zum Gehen erhebe.

+Hans+: Aber die Gespenster bestehen doch bloß aus einem Knochengerippe

und können doch auch gehen!

~Dr.~ E.: Wenigstens in der Phantasie der Abergläubischen! Solche

albernen Vorstellungen von dürren Knochenmännern, wie sie uns ja

namentlich auch für den Gevatter Tod, den „Sensenmann“, geläufig sind,

konnten eben nur entstehen zu einer Zeit, wo man von der Bedeutung des

Fleisches als Ursache unserer Kraft noch gar keine Ahnung hatte. Heute

weiß alle Welt, daß wir beispielsweise den Unterarm gegen den Oberarm

nur biegen können, wenn wir dem Fleisch oder den Muskeln, welche beide

Knochen verbinden, den Befehl erteilen, sich zusammenzuziehen, wodurch

dann der Unterarm mit Hilfe des Ellenbogengelenks dem Oberarm genähert

wird.

+Kurt+: Aber ich brauche doch gar nicht erst zu befehlen, wenn ich etwa

ein Glas Wasser an den Mund bringen will.

~Dr.~ E.: Darin, daß du dies +willst+, liegt ja schon der Befehl. Hast

du keinen Durst oder sonst kein Verlangen nach dem bereitstehenden

Glase, so fällt es dem Arm gar nicht ein, sich danach auszustrecken.

Der ganze Mechanismus zwischen unserm Willen und den Muskeln ist eben

so vollendet eingerichtet, daß der bloße Gedanke schon genügt, die

für die Ausführung unseres Vorhabens geeigneten oder zweckmäßigen

Bewegungen hervorzurufen. -- Wenn wir gehörig ausgeruht und frisch

sind, kann das Zusammenziehen des Fleisches oder der Muskelfasern mit

großer Kraft erfolgen, so daß wir z.❰B. beim Biegen des Armes eine

recht erhebliche Last mit emporzuheben vermögen. Lange aber hält das

Fleisch diese starke Zusammenziehung nicht aus; das Bedürfnis, wieder

die gestreckte Form anzunehmen, wird stärker und stärker, so daß wir

schließlich die Last und den Arm sinken lassen müssen. Man sagt dann,

der Muskel ist +ermüdet+, und er bedarf erst wieder einer Zeit der

Ruhe, bis er aufs neue mit der alten Kraft sich verkürzen kann. Es

dünkt euch doch wohl nur eine kleine Arbeit, den Arm eine halbe Stunde

lang wagerecht zu halten; ich glaube aber fast, daß er euch schon nach

einer Viertelstunde wie Blei heruntersinken wird.

+Fritz+: Der Hauptsache nach habe ich dies alles schon von unserm

Lehrer gehört; um so neugieriger aber bin ich nun, inwiefern der Vogel

mit seinen Zehen immer und sogar im Schlafe die Stange umklammern kann,

ohne zu ermüden.

[Sidenote: Muskeln. Sehnen. Teile des Vogelbeins]

~Dr.~ E.: Um das zu verstehen, müssen wir uns zunächst klarmachen, daß

das magere Fleisch sich meist nicht direkt an die Knochen ansetzt,

sondern in der Regel mit Hilfe langer, fester Stränge, die man +Sehnen+

nennt. Seht eure Hand und eure Finger an; es ist nur recht wenig

Fleisch daran im Verhältnis zu der großen Kraft, die wir in den Fingern

haben. Das kommt daher, daß die Muskeln, welche das Biegen und Strecken

der Finger besorgen, gar nicht an der Hand sitzen, sondern am Unterarm,

der deshalb so dick und fleischig ist. Von diesen Muskeln ziehen lange

Sehnen oberhalb und unterhalb der Handfläche bis in die äußersten

Fingerspitzen. Es werden die Finger also gewissermaßen aus der Ferne

gelenkt, wie die Beine des Hampelmanns durch den Bindfaden. Ihr könnt

euch hiervon leicht überzeugen, wenn ihr etwa mit der linken Hand den

Unterarm der rechten Hand etwas unterhalb des Ellenbogens umgreift und

nun die Finger der rechten Hand zu einer Faust ballt. Nicht wahr, ihr

fühlt, wie außerordentlich stark sich dann die Fleischmassen, die hier

in der Nähe des Ellenbogens sitzen, zusammenziehen: Ein Beweis, daß sie

es sind, welche das Krümmen der Finger bewirkt haben. Da die Sehnen

sich nicht zusammenziehen und einfach wie Stricke wirken, an denen

gezogen wird, so können sie auch +nicht ermüden+, wie das Fleisch,

und wenn wir dies im Auge behalten, so werden wir auch mit dem Rätsel

des nie ermüdenden Vogelbeins bald im klaren sein. Ein Vogelfuß ist

ja noch viel dürrer als eine Menschenhand; er besitzt, nebst seinen

Zehen, nicht die geringste Spur von Fleisch. Ihr werdet euch also schon

vorstellen können, daß auch hier das Krümmen der Zehen vermittels

langer Sehnen geschieht, deren zugehörige Muskeln weiter oben am Beine

sitzen. Bis so weit ist alles ziemlich einfach und ganz ähnlich, wie an

unsern Händen und Füßen. Jetzt aber kommt ein etwas schwieriger Punkt,

zu dessen Verständnis wir uns die einzelnen Teile des Vogelbeins und

deren Winkelstellung ins Gedächtnis zurückrufen müssen. Wir wollen

hierzu diese Abbildung eines Vogelbeins zu Hilfe nehmen. Seht, dieser

oberste Teil, der sich an das Becken ansetzt und für gewöhnlich gar

nicht zu sehen ist, höchstens an einem gerupften Vogel, ist der

+Oberschenkel+. Den zweiten Abschnitt, den man fälschlicherweise meist

als Keule bezeichnet, z.❰B. bei einer gebratenen Gans, bildet der

sehr fleischige +Unterschenkel+, und nun folgt der Fuß, der wieder

aus dem langen, dürren, mit Schuppen besetzten +Lauf+ und aus den

Zehen besteht. Zwischen Ober- und Unterschenkel befindet sich das

+Knie+gelenk, zwischen Unterschenkel und Lauf das +Fersen+gelenk, und

diese Gelenke ermöglichen es, daß die einzelnen Teile in verschiedenem

Winkel zueinander gestellt werden können, und zwar um so mehr, je mehr

der Vogel eine geduckte, in sich zusammengesunkene Stellung einnimmt.

[Illustration]

+Kurt+: O, das Vogelbein haben wir sehr genau in der Schule

durchgenommen. Ich weiß auch, daß der Lauf den sogenannten Fußwurzel-

und Mittelfußknochen des Menschen entspricht.

~Dr.~ E.: Nun gut, so ungefähr wenigstens. Jetzt wollen wir die

Anordnung der die Knochen gegeneinander bewegenden Muskeln betrachten.

Was zunächst die eigentlichen +Zehenbeuger+ betrifft, so unterscheiden

sie sich in ihrer Lage kaum von unsern Zehenbeugern. Sie verlaufen an

der Unterseite der Zehen als lange Sehnen, die sich dann am Grunde des

Laufes vereinigen und an dessen Rückseite einen Strang bilden, der

schließlich am Unterschenkel in den zugehörigen Muskel übergeht. Die

Zehen werden sich krümmen, sobald dieser Muskel durch Zusammenziehen

einen Zug auf die Sehne ausübt. Allein -- und dies ist die interessante

Einrichtung, auf die ich euch aufmerksam machen wollte -- diese Sehne

des Zehenbeugers kann noch auf eine +zweite+ Art in Bewegung gesetzt

werden, da sie an der Hinterseite des Laufes mit der äußerst langen

Sehne eines andern Muskels zusammengewachsen ist, der, vom Hinterrande

des Beckens kommend, als Sehne +vorn+ über das Kniegelenk verläuft, und

dann um den Unterschenkel sich herumwindend, an der +Hinterseite+ des

letztern und des Laufes herabzieht. Nimmt nun der Vogel eine hockende

Stellung ein, d.❰h. wird das Knie stark gebeugt, so wird dadurch die

lange, über das Kniegelenk herabziehende Sehne +straffer+ gespannt,

und sie übt somit auch einen Zug auf die Sehne des +Zehenbeugers+ aus,

mit der sie verwachsen ist. Die Zehen werden demnach lediglich durch

das Beugen der Knie gekrümmt, ohne daß irgendein Muskel dabei in Frage

käme. -- Die Sache ist ein wenig schwierig; so ungefähr aber werdet ihr

mich ja wohl verstanden haben.

Naturstudien im Hause · 第 4 / 16 段