wird: Wenn nicht mehr genug Wasser da ist, um alles Kochsalz
aufzulösen, so muß voraussichtlich ein Teil +zu Boden fallen+, ganz so,
als wenn wir gleich anfangs zu viel Salz ins Wasser geworfen hätten.
~Dr.~ E.: Nun, wir werden das ja am nächsten Sonntag feststellen.
Im allgemeinen aber hast du recht. Ein Teil des Salzes fällt zu
Boden und bildet hier eine Kruste, die natürlich immer dicker wird,
je mehr das Wasser abnimmt. Schließlich kann, beim Versiegen aller
Zuflüsse in der heißen Jahreszeit, auch der letzte Rest des Wassers
verdampfen, und wir haben es dann mit ausgedehnten Salzkrusten auf dem
trockenen Erdboden zu tun, wie solche als Wüsten- oder Steppensalz
in den heißen Ländern vielfach bekannt sind. Auch das Tote Meer hat
auf seinem Grunde sicher schon eine beträchtliche Kruste von Salz
abgelagert, wie aus gewissen Beobachtungen zu schließen ist. Da
aber hier die Zuflüsse, die Sand und Schlamm mit sich führen, nicht
völlig fehlen, so leuchtet ein, daß neben dem Salz auch Sand, Ton und
Schlick auf dem Grunde sich absetzen werden. Wenn ihr nun bedenkt,
daß diese Zuflüsse zur Regenzeit viel Wasser und Schlamm bringen, im
Sommer aber fast oder ganz austrocknen und das unter der Sonnenglut
verdunstende Meerwasser nicht ergänzen können, so folgt daraus, daß
immer abwechselnd +Tonschlamm+ während der +Regenzeit+ und Salz während
der +trockenen+ Jahreszeit am Boden sich niederschlagen werden. Dies
wird durch Jahrtausende sich so lange wiederholen, bis schließlich,
wenn aus irgendeinem Grunde die Zuflüsse mehr und mehr versiegen, das
Tote Meer eines Tages völlig +ausgetrocknet+ ist. Ihr seht ein, daß
dann die ältesten Salzschichten vielleicht schon viele Hundert Meter
unter Schlamm, Erde und Ton begraben liegen, d.❰h. also so tief, daß
das gewöhnliche Regenwasser, das nun aus den oberen Schichten das Salz
allmählich wieder auflöst und fortführt, sie lange nicht mehr erreichen
kann. Bohrt dann nach vielleicht abermals vielen Jahrtausenden an der
Stelle des ehemaligen Meeres der Mensch ein Loch in die Tiefe, so stößt
er nach Durchdringung dicker Ton-, Gips- und Sandlagen schließlich
auf Schichten, die aus reinem Salz bestehen, und man sagt: Es ist ein
+Steinsalzlager+ erbohrt worden.
+Fritz+: Dacht’ ich mir’s doch, daß du uns schildern wolltest, wie ein
Steinsalzlager entsteht. -- Solche Lager kommen dann wohl nur in heißen
Gegenden vor?
~Dr.~ E.: Nicht doch, Fritz. Wir haben davon auch in Deutschland
eine ganze Menge, die zum Teil sehr umfangreich und mächtig sind. Am
berühmtesten sind die von Sperenberg bei Berlin und von Staßfurt bei
Magdeburg, wo eine reine Salzschicht von mehreren Hundert Meter Dicke
gefunden wurde.
+Fritz+: Wird denn aus dem Meer auch Salz gewonnen?
~Dr.~ E.: O ja, in ziemlich großer Menge, wenn auch nicht gerade in
Deutschland.
+Kurt+: Warum denn nicht bei uns?
~Dr.~ E.: Erstens haben wir schon Steinsalz genug, und zweitens ist bei
uns zu viel Regen und zu wenig Sonnenschein.
+Kurt+: Du meinst, daß durch zu viel Regen das Meerwasser zu sehr
verdünnt wird?
~Dr.~ E.: Aber Kurt! Du solltest dir doch nun eigentlich allein
ausdenken können, in welcher Weise das Salz aus dem Meere gewonnen
werden muß, nachdem ich euch erzählt habe, wie es die Natur macht?
+Kurt+: Man kann doch nicht ein ganzes Meer austrocknen?
~Dr.~ E.: Nein, gewiß nicht. Und nun weißt du weiter keinen Rat?
+Fritz+: Man wird wohl einzelne Buchten vom Meere absperren?
~Dr.~ E.: Oder, was dasselbe ist, man wird große flache +Bassins+ in
der Nähe des Meeres anlegen, sogenannte „+Salzgärten+“, und diese
durch Schleusen mit dem Meere verbinden. Sind diese Bassins voll
Wasser gelaufen, so schließt man die Schleusen und läßt nun das Wasser
verdunsten, bis das Salz sich niederschlägt. Es ist klar, daß dies
nur dort geschehen kann, wo es wenig regnet, und wo die Sonne so warm
scheint, daß das Wasser in den Bassins sich bald in Dampf verwandelt,
denn sonst würde sich die ganze Anlage wohl schwerlich lohnen. In
Südfrankreich und den Mittelmeerländern ist dieses Verfahren ziemlich
häufig in Anwendung.
+Kurt+: Dann kann man bei uns also nur Steinsalz gewinnen?
~Dr.~ E.: Das will ich denn doch nicht gesagt haben. Vielmehr kommt
bei uns sehr viel Salz in den Handel, das wieder auf ganz andere Art
gewonnen wurde.
+Fritz+: Noch auf eine andere Art? Ich dachte, es gebe bloß Steinsalz
und Seesalz.
[Sidenote: Salinen. Gradierwerke]
~Dr.~ E.: Nein, es gibt auch +Salinensalz+. Ich habe euch vorhin
erzählt, daß die Steinsalzlager in der Regel so tief liegen und so
gut durch Tonschichten geschützt sind, daß das Regenwasser sie nicht
erreichen kann. Denkt euch aber mal, eine +Quelle+ im Innern der Erde
geriete doch in eine salzführende Schicht oder in ein ganzes Salzlager
hinein; was wird die Folge sein?
+Kurt+: Natürlich wird das Salz sich auflösen.
~Dr.~ E.: Und die Quelle, wenn sie nun irgendwo aus dem Boden
hervorsprudelt?
+Kurt+: Die wird salzig schmecken.
~Dr.~ E.: Das heißt mit andern Worten: Wir werden das haben, was man
eine +Salz-+ oder +Solquelle+ nennt.
+Fritz+: Richtig! Die werden gegen Rheumatismus und viele andere
Krankheiten gebraucht. Die gibt’s ja in Thüringen und bei Halle und an
vielen andern Orten.
~Dr.~ E.: Auch in Norddeutschland, z.❰B. bei Lüneburg, Stade und
Segeberg, sind sie zu finden. Außer zu Heilzwecken werden diese
Solquellen nun auch zur Salzgewinnung benutzt.
+Kurt+: Das sind dann wohl immer ganz gesättigte Lösungen, wenn sie
direkt durch so ein Steinsalzlager geflossen sind?
~Dr.~ E.: Leider nicht. In der Regel ist ihnen, ehe sie an die
Oberfläche kommen, aus andern oberflächlichen Schichten schon wieder
so viel süßes Wasser zugeflossen, daß sie vom Sättigungspunkte weit
entfernt sind und häufig kaum mehr Salz enthalten als das Meerwasser.
+Fritz+: Aber dann muß man das überflüssige Wasser doch auch erst
verdampfen lassen, wie beim Meerwasser.
~Dr.~ E.: Selbstverständlich; es geschieht dies jedoch auf eine andere
Art, als in den südeuropäischen Ländern bei der Meersalzgewinnung. --
Wer sagt mir, wie’s gemacht wird?
+Kurt+: Man könnte das Wasser in einer großen Pfanne durch Feuer zum
Verdampfen bringen.
~Dr.~ E.: Das dürfte ein kostspieliges Vergnügen sein, denn Holz
kostet Geld, und Salz ist billig. Freilich, wenn die Sole sehr stark
und fast gesättigt ist, macht man es wirklich so, wie du sagst. Enthält
sie aber nur wenige Prozent, so muß man erst auf billigere Weise das
viele überflüssige Wasser wegzuschaffen suchen. Gibt es denn kein
Mittel, die Verdunstung des Wassers zu beschleunigen?
+Fritz+: Außer der Wärme wüßte ich keins.
~Dr.~ E.: Nun, wir wollen sehen. Wenn ich dieses Glas mit Wasser fülle
und es ruhig stehen lasse, wie lange wird es wohl dauern, bis es völlig
verdunstet ist?
+Kurt+: Das ist schwer zu sagen; ich meine aber, 14 Tage würden wohl
darüber hingehen.
~Dr.~ E.: Das glaube ich auch. Wenn ich nun dasselbe Wasser mit der
Hand über das ganze Zimmer und den Vorplatz aussprenge, wird es dann
ebenfalls 14 Tage dauern, bis es in Dampf verwandelt ist?
+Fritz+: Nein, das währt höchstens ein paar Stunden, dann ist alles
aufgetrocknet.
~Dr.~ E.: Seht, und damit habt ihr das unbekannte Mittel, die
Verdampfung des Wassers zu beschleunigen. Worin besteht es?
+Fritz+: Es liegt, wie mir scheint, darin, daß das Wasser +fein
verteilt+ werden muß, wenn es schneller verdampfen soll. Dann kann die
Luft viel besser ankommen.
~Dr.~ E.: Gut so, Fritz. Jetzt ist das ganze Verfahren leicht
erklärt. In der Nähe der Salzquelle werden große Wände von +Reisig+
aufgeschichtet, und über diese läßt man die Sole langsam von Zweig zu
Zweig herabrieseln. Mit großer Geschwindigkeit verdampft ein Teil des
Wassers, und wenn man das Herabrieseln ein paarmal wiederholt hat, so
ist der Salzgehalt verhältnismäßig so viel größer geworden, daß die
Sole „+sudwürdig+“ ist, d.❰h., daß man sie nun in Pfannen über Feuer
weiter verdampfen kann.
+Fritz+: Ach, solche Reisigwände haben wir schon mal von der Eisenbahn
aus gesehen, als wir im vorigen Jahre in Thüringen waren. Du sagtest
damals noch, das wären Gradierwerke; aber ich konnte nicht weiter
danach fragen, weil du gerade mit einem fremden Herrn im Gespräch warst.
~Dr.~ E.: In der Tat führen die Reisigwände mit den zugehörigen Pumpen
den Namen Gradierwerke, weil dadurch ein höherer +Grad+ von Salz in der
Sole erreicht wird. Man sagt auch wohl, die Sole wird durch dieses
Überrieseln des Reisigs „gradiert“. Immerhin ist die Menge Salz, die
in den Gradierwerken gewonnen wird, gering gegen diejenige aus den
Steinsalzbergwerken.
[Sidenote: Verwendung des Salzes]
+Hans+: +Brauchen+ denn die Menschen so furchtbar viel Salz zum Essen?
~Dr.~ E.: Nicht bloß zum Essen, Hans. Salz ist auch sonst einer
der wichtigsten und unentbehrlichsten Stoffe für alle möglichen
Gewerbsbetriebe. Daß es zum Konservieren des Fleisches und der
Fische dient, weißt du ja schon, denn du hast mir vorhin selbst
von den gesalzenen Heringen erzählt. Sodann wird es gebraucht zur
Herstellung der Salzsäure, der Soda, des Chlors, des Salmiaks, bei der
Seifenfabrikation, in der Gerberei, beim Glasieren der Tongeschirre,
zum Düngen und zu vielen andern Zwecken.
+Kurt+: Ist es denn wirklich zum +Essen+ notwendig? Ich dachte, der
Mensch brauche nur Nahrung aus dem Tier- und Pflanzenreich und keine
Mineralien.
~Dr.~ E.: Das ist ein Irrtum. Das Kochsalz spielt im Körper eine sehr
große Rolle; es bildet einen wichtigen Bestandteil unseres Blutes und
liefert z.❰B. im Magen die für die Verdauung so wichtige +Salzsäure+.
Auch der Schweiß und die Tränen schmecken bekanntlich deutlich salzig.
Personen, denen man das Salz entzieht, werden bleichsüchtig und gehen
schließlich zugrunde. Übrigens wißt ihr ja selbst, wie nüchtern und
fade uns sehr bald die Speisen vorkommen, die nicht genügend von dieser
Würze enthalten.
+Fritz+: Dann wundert’s mich, daß die +Tiere+ so ganz ohne Salz
auskommen können. Die finden doch keins in der Natur, wenn sie nicht
gerade an eine Salzquelle kommen.
~Dr.~ E.: Freilich, Bergwerke und Salzgärten können sie sich nicht
machen. Da aber die +Pflanzen+ aus dem Erdboden Salz aufnehmen, das
dann wieder mit der Pflanzennahrung in die Tiere übergeht, so ist klar,
daß kein Tier ganz ohne Kochsalz zu leben braucht. Bei den Raubtieren
scheint die Menge völlig zu genügen, welche sie mit dem Fleisch
und namentlich mit dem gierig getrunkenen Blut ihrer Opfer in sich
aufnehmen; bei den Pflanzenfressern jedoch zeigt sich in der Tat häufig
ein sogenannter +Salzhunger+, und der Landmann macht daher seinen Kühen
und Schafen durch Verabreichung von Salz eine ganz besondere Freude.
+Fritz+: Ja, vom +Viehsalz+ habe ich schon mal gehört. Ist denn das
noch etwas anderes als das gewöhnliche Kochsalz?
~Dr.~ E.: Nur insofern, als es absichtlich durch Kohle, Eisenrost usw.
verunreinigt wurde.
+Kurt+: Aber warum macht man denn das? Die armen Tiere könnten doch
auch wohl reines Salz bekommen!
~Dr.~ E.: Da das Salz für alle Menschen unentbehrlich ist, so
betrachtet der Staat es als eine vorzügliche Einnahmequelle, indem er
von jedem Zentner Salz, der gewonnen wird, seine +Steuer+ erhebt. Das
gilt indes nur für das zum Genuß für den +Menschen+ bestimmte Salz.
Das Viehsalz und das in den Gewerben benutzte hingegen ist steuerfrei.
Damit nun dieses billigere Salz nicht doch noch unrechtmäßigerweise
seinen Weg in die Küche finde, wird es in der angegebenen Weise
verunreinigt oder, wie man sagt, es wird „denaturiert“.
Doch nun habe ich euch genug vom Salz erzählt. Nächsten Sonntag werden
mir Kurt und Hans ihre mineralogischen Entdeckungen im Hause vortragen.
Dann wollen wir auch sehen, was aus unserm Toten Meer geworden ist, das
wir jetzt gleich hier in dieser Glasschale zurechtmachen wollen.
[Illustration]
[Illustration]
Vierter Abend.
+Kurt+, ein Zigarrenkistchen mit allerlei Tüten drin aufklappend und
auf den Tisch stellend: Vater, heute komme ich dran! Ich habe mir
gleich meine ganze Mineraliensammlung mitgebracht, damit ich nichts
vergesse.
~Dr.~ E.: Na, da bin ich neugierig. Dann packe nur mal aus mit deinen
Funden.
[Sidenote: Alaun, Salpeter, Kreide]
+Kurt+: Mutter hat mir geholfen. Wir haben die ganze Küche und die
Speisekammer abgesucht. Hier ist zuerst ein großes Stück +Alaun+.
~Dr.~ E.: Ja, ein sehr schönes Stück -- nur schade, daß es kein Mineral
ist.
+Kurt+: Aber warum denn nicht? Es ist doch kein Tier und keine Pflanze.
~Dr.~ E.: Nein, aber ein +Kunst+produkt! Freilich findet sich Alaun
hie und da, wenn auch selten, als Mineral in der Natur; was aber in
den Handel kommt, ist ausnahmslos künstlich aus gewöhnlichem Ton
hergestellt.
+Kurt+: O weh, dann wird meine Sammlung wohl sehr zusammenschmelzen.
Hier ist ein Stück +Soda+ --
~Dr.~ E.: Ebenfalls Kunstprodukt. Wird jetzt meist aus Kochsalz
gemacht, zuweilen auch wohl aus der Asche von Seepflanzen. Als
natürliches Mineral ist es ungemein selten.
+Kurt+: Ach, dann wird es mit dem +Salpeter+ wohl ebenso sein!
~Dr.~ E.: Das ist noch nicht gesagt. Wenn es sogenannter +Kali+salpeter
ist, wie ich vermute, könnten wir allerdings sicher sein, daß wir es
abermals mit einem künstlichen Stoff zu tun haben. Der +Natron+salpeter
hingegen ist so verbreitet, daß man ihn nicht erst künstlich
darzustellen braucht.
+Fritz+: Ist das dasselbe wie der sogenannte Chilisalpeter, der aus
Südamerika kommt?
~Dr.~ E.: Allerdings. Nur in diesen fast ganz regenlosen Gegenden
konnte sich ein so leicht löslicher Stoff, wie es der Salpeter ist, in
größeren Lagern halten. Bei uns und in unserm Klima sind alle solche
leicht vom Regen aufgelösten und fortgespülten Mineralien, wie Alaun,
Soda und Salpeter, eine reine Unmöglichkeit.
+Kurt+: Aber hier habe ich etwas, was sich nicht auflöst und was ja
auch wohl bei uns vorkommen könnte, eine Tüte mit +Schlämmkreide+, die
Doris zum Putzen gebraucht.
~Dr.~ E.: Beinah wäre die Schlämmkreide wahrhaftig ein Mineral! Hast du
denn keine gewöhnliche Kreide zum Schreiben?
+Kurt+: Ich habe wohl ein Stückchen in der Tasche, aber das habe ich
nicht im Hause gefunden, sondern aus der Schule mitgenommen.
~Dr.~ E.: Ei, ei! Also ein Vergreifen an fremdem Eigentum!
+Kurt+: Ach, es war nur ein ganz kleines Stückchen, das an der Erde lag
und doch zertreten worden wäre.
~Dr.~ E.: Nun, diesmal will ich es noch deinem Sammeleifer zugute
halten. -- Weißt du denn, woher die Kreide kommt?
+Kurt+: Ja, auf Rügen gibt es ganze Kreidefelsen, wie wir in der
Geographie gelernt haben.
~Dr.~ E.: Ganz recht. Das ist eine der vielen Gegenden, in denen
die Kreidefelsen zu Schreibkreide zerschnitten werden. Mächtige
Kreidegebirge finden sich außerdem z.❰B. an der englischen und
französischen Küste zu beiden Seiten des Kanals. Als besonders rein
wird ferner die Kreide von der Insel Möen geschätzt.
+Fritz+: Warum ist denn die Schlämmkreide nur „beinah“ ein Mineral?
~Dr.~ E.: Weil sie in dieser Form, als feines weißes Pulver, doch nicht
in der Natur vorkommt. Da muß die gewöhnliche Kreide erst zerstampft
und mit Wasser angerührt werden. Das dadurch milchig gewordene Wasser
läßt man dann im Klärbecken so lange ruhig stehen, bis sich die feinen
Kreideteilchen zu Boden gesetzt haben. Getrocknet stellt das dann die
Schlämmkreide dar.
+Kurt+: Wozu macht man denn das? Man kann doch die Kreide auch ohne
Wasser zu Pulver zerreiben.
~Dr.~ E.: Dann hat man aber noch alle die Verunreinigungen der Kreide,
wie kleine Kieselsteine usw. darin, und es wäre doch schade, wenn unser
Messing beim Putzen durch diese harten Steinchen verschrammt würde.
[Sidenote: Bernstein. Meerschaum. Bimsstein. Lava. Vulkanische Asche]
+Kurt+: Ja, das sehe ich ein. -- Hier habe ich dann noch mancherlei;
ich hätte gar nicht gedacht, daß ich so vieles zusammenbringen würde.
Sieh, hier ist ein Stück Bernstein von Mamas Halskette, ein Stück
Meerschaum von einem Pfeifenkopf und ein Stück Bimsstein, das Doris zum
Waschen gebraucht.
~Dr.~ E.: Da könnten wir ja den ganzen Abend drüber reden, und
Hänschen will doch auch noch gehört werden! -- Der +Bernstein+ ist
das Harz vorweltlicher Tannen, das hauptsächlich in Ostpreußen in der
Nähe des Seestrandes und im Sande des Meeres selbst sich findet. Der
+Meerschaum+ ist ziemlich selten und wird namentlich in Kleinasien
bergmännisch gewonnen. Der +Bimsstein+ indes ist weit verbreitet, da er
zu den sogenannten Auswurfstoffen fast aller Vulkane gehört.
+Kurt+: Wovon ist er denn so löcherig und so leicht, daß er einem gar
nicht wie ein Stein vorkommt?
~Dr.~ E.: Das hängt mit seiner Entstehung zusammen. -- Hast du mal
darüber nachgedacht, woher wohl das Brot und der Kuchen die vielen
Höhlungen und Löcher hat?
+Kurt+: Die entstehen, wenn der Kuchen aufgeht, beim Backen.
~Dr.~ E.: Und wovon geht er auf?
+Fritz+: Das kommt durch die Hefe, die man hineintut, oder beim Brot
durch den Sauerteig. Wie aber dadurch sich so viele Löcher bilden, ist
mir nicht klar.
~Dr.~ E.: Der Kuchenteig bildet doch eine ziemlich zähe Masse. Wenn wir
nun Hefe hinzutun, so entwickelt sich in großen Mengen ein Gas, und
zwar die euch vom Selterwasser her bekannte +Kohlensäure+. Diese kann
nicht durch den zähen Teig hindurch und nach oben entweichen, wie sie
es aus einer entkorkten Selterwasserflasche tun würde. Sie bildet daher
eine Masse kleiner Blasen in dem Teig, welche denselben aufblähen und
lockerer machen. Ist der Kuchen gar und der Teig fest, so erscheinen
diese Blasen als ebenso viele kleine Hohlräume.
+Kurt+: Aber was hat denn das mit dem Bimsstein zu tun?
~Dr.~ E.: Der Bimsstein war, ehe er abgekühlt wurde, im Innern des
Vulkans eine ebenso zähe, halbflüssige Masse, wie unser Kuchenteig.
Man nennt das glutflüssige +Lava+, wie ihr schon wißt. Dringt nun
in das Innere des Kraters z.❰B. Wasser ein, das sich natürlich bei
der gewaltigen Hitze bald in Dampf verwandelt, so verfangen sich die
aufsteigenden Dampfbläschen gerade so in der zähe flüssigen Lava, wie
die Kohlensäure im Teig. Wird dann die Lava aus dem Vulkan ausgestoßen
und erstarrt, so zeigt sie uns eben dieses eigentümlich löcherige oder
„poröse“ Aussehen. Sie wird dadurch so leicht, daß sie auf Wasser
schwimmen kann.
+Fritz+: Sieht denn alle Lava nachher so aus, wenn sie aus dem
feuerspeienden Berg herauskommt?
~Dr.~ E.: Ei behüte. Ist kein Wasser oder Gas vorhanden, so quillt die
Lava ganz ruhig über den Rand des Kraters und ist nachher beim Erkalten
so dicht und schwer, wie grünes Flaschenglas. Sie wird dann, falls
sie aus demselben Material besteht wie der Bimsstein, als +Obsidian+
bezeichnet. Ist dagegen sehr viel Wasserdampf da, so kann dessen
Kraft so groß werden, daß er den zähen Lavabrei völlig zerreißt und
zerstäubt. Es entsteht dann die sogenannte +vulkanische Asche+, welche
bis hoch in die Wolken geschleudert wird und beim Niederfallen weite
blühende Gefilde mit Aschenregen bedeckt.
+Kurt+: War das nicht bei der Zerstörung von Herkulanum und Pompeji
durch den Ausbruch des Vesuvs der Fall?
~Dr.~ E.: Freilich; es war im Jahre 79 nach Christi. Auch der berühmte
Naturforscher Plinius der Ältere, der zu Schiff herbeigeeilt war,
um das gewaltige Schauspiel zu beobachten, wurde damals ein Opfer
seines Wissensdurstes. Die Aschenschicht, welche noch heute, trotz
umfangreicher Ausgrabungen, einen großen Teil jener Städte bedeckt, hat
eine Dicke von mehr als 6 Metern. In neuerer Zeit haben wir ja dann
noch eine Reihe anderer Vulkanausbrüche mit starkem Aschenregen gehabt,
so vor einigen Jahrzehnten den des Krakatau zwischen Java und Sumatra,
dessen Asche selbst in unsern Breiten noch die Abendwolken tief rosa
färbte, und dann der Mont Pelé auf Martinique, durch dessen furchtbare
Gasexplosion Tausende von Menschen in einem Augenblick getötet wurden.
+Hans+: Es muß doch schrecklich sein, in der Nähe eines solchen Vulkans
zu wohnen! -- Gibt es denn bei uns in Deutschland auch Vulkane?
~Dr.~ E.: Jetzt glücklicherweise nicht mehr. Früher hat es deren eine
ganze Reihe gegeben.
+Kurt+: Wo war denn das?
~Dr.~ E.: Vor allem ist die Rheingegend zu nennen, besonders das
Eifelgebirge. Dort findet man die verschiedensten Sorten von Lava
und erkennt oft noch ganz deutlich die kegelförmigen Krater, aus
denen sie ehemals herausgeflossen ist. Heute freilich sind diese
Krater erloschen, und in ihren Trichtern haben sich meist kleine Seen
gebildet, die sogenannten Mare. Auch der bekannte Laacher See, den ihr
wohl in der Geographiestunde besprochen, gehört zu diesen Kraterseen.
Doch, Hänschen, nun wird es hohe Zeit, daß wir auch von dir etwas
hören. Kurt kann seine zerbrochene Schiefertafel und was er sonst noch
an Mineralien hat, ein andermal vorführen.
+Hans+: Ach, Papa, die andern haben mir ja alles vorweggenommen. Ich
habe dann überall gesucht, aber ich habe immer nur +Sand+ gefunden, in
der Küche, auf der Diele und auch in deinem Schreibzeug.
~Dr.~ E.: Nun, mein Hansel, das ist wahrhaftig kein schlechter Fund.
Sand gehört zu den verbreitetsten Mineralien und verdient wohl, daß wir
uns etwas näher damit beschäftigen. Vorher wollen wir uns erst schnell
unsere gesättigte Salzlösung vom vorigen Sonntag aus dem Schranke holen
und sehen, was aus ihr geworden ist.
+Fritz+, die auf den Tisch gestellte Schale betrachtend: Ei, da sind ja
lauter allerliebste kleine Würfel drin.
+Hans+: Ach ja, aber bloß kleine Puppenwürfel.
[Sidenote: Wachsen der Mineralien. Kristalle]
~Dr.~ E.: Nun, wenn ihr sie größer haben wollt, müßten wir sie noch ein
wenig wachsen lassen.
+Kurt+: Aber die Steine +können+ doch gar nicht wachsen, denk’ ich.
~Dr.~ E.: So? Weißt du das so genau? -- Im allgemeinen hast du wohl
recht. Ein beliebiger Feldstein draußen auf dem Acker kann nicht,
wie die Pflanzen und Tiere, Nahrung aufnehmen und dadurch größer
werden. Er bleibt eben, wie er ist. Unter gewissen Bedingungen aber
wachsen die Mineralien in der Tat. Es geschieht dies jedoch nur, wenn
sie sich in einer Flüssigkeit befinden, in welcher +derselbe Stoff+
aufgelöst ist, aus dem sie selbst bestehen. In unserem Falle haben
wir Kochsalzwürfel in einer gesättigten Kochsalzlösung. Verdampft das
Wasser weiter, so müssen auch neue Mengen des Salzes in den festen
Zustand übergehen, und dies geschieht, indem sie sich an die bereits
vorhandenen Würfelchen ansetzen, die dadurch also größer werden.
Etwas Ähnliches würde auch eintreten, wenn wir nicht die +wässerige+
Lösung eines Minerals vor uns hätten, sondern etwa ein durch +Hitze
geschmolzenes+ Mineralgemisch. Auch dann würden sich beim langsamen
Erkalten die kleinsten Teilchen der einzelnen Mineralien zusammenfinden
und allmählich wachsende Körperchen von bestimmter Gestalt darstellen,
die man +Kristalle+ nennt. Seht diesen Feldstein, den ich gestern vom
Spaziergange mitgebracht und zerschlagen habe; er sieht im Innern
ziemlich wie der Durchschnitt einer Blutwurst aus mit ihren weißen
Speckwürfeln. Diese länglichen weißgrauen Kristalle haben sich im
Innern des Steines gebildet, als derselbe noch eine glutflüssige Masse
war. Je langsamer so ein geschmolzenes Gestein erkaltet, umso schöner
gelangen die Kristalle im Innern zur Ausbildung. Hier bei diesem Stück,
das den wissenschaftlichen Namen „Porphyr“ trägt, sind sie über einen
Zentimeter lang; bei dem Obsidian, von dem wir vorhin sprachen, sind
sie hingegen so winzig, daß man sie nur unter dem Mikroskop zu erkennen
vermag. -- Ihr seht nun wohl ein, wie wir unsere Kochsalzwürfel größer
und schöner bekommen können. Wir müssen einfach das Wasser recht
langsam und ohne Erschütterung weiter verdunsten lassen. Am besten tut
man, wenn man eins dieser Kriställchen an einem feinen Faden frei
aufhängt, damit sich von allen Seiten her neues Salz ansetzen kann.
+Fritz+: Woher kommt es denn, daß das Kochsalz in solchen Würfeln
kristallisiert? In der Regel sehen doch Kristalle ganz anders aus?