~Dr.~ E.: Das Feld in der Mitte des Netzes, wo die Spinne sitzt, die

sogenannte +Warte+, ist aus +trockenem+, nicht klebrigem Spinnstoff

gefertigt, so daß die Spinne dort nicht vorsichtig zu sein braucht.

Dasselbe gilt von den Radien und einem Teil der Ringfäden. Zum +Fange+

dienen ganz allein diejenigen Ringfäden, welche durch winzige Knötchen

oder Tröpfchen +klebrig+ sind. An diesen Tröpfchen, von denen ein

Kreuzspinnennetz über 100000 besitzt, leimen sich die Insekten beim

Anfliegen fest, während die Spinne selbst, welche ja mit ihren wie

kleine Taschenkämme geformten Klauen vortrefflich auf den Fäden zu

laufen versteht, diese Klebfäden sorgfältig vermeidet. Ein starkes

Insekt, etwa eine Wespe oder Hornisse, reißt sich übrigens meist wieder

los, oder die Spinne selbst hilft dem ungebetenen Gast dadurch, daß

sie einige Fäden abbeißt. Kleinere, die noch nicht recht festgeleimt

sind, werden hingegen häufig von der hinzueilenden Spinne schnell mit

einigen Fäden umsponnen oder durch einen Biß zur Ruhe gebracht. Die

erlegte Beute wird dann meist abseits in einem Schlupfwinkel, der aber

seine Verbindung mit dem Mittelpunkte des Netzes hat, in aller Ruhe

ausgesogen.

+Hans+: Sag’ mal, Papa, fangen denn alle Spinnen ihre Beute mit solchem

Netz?

~Dr.~ E.: Nein, mein Junge. Es gibt auch recht viele, welche ihre Beute

einfach +erjagen+, und manche ahmen sogar die Katzen nach, indem sie

sich im Sprunge auf ihr Opfer stürzen.

+Kurt+: Die können dann wohl gar nicht spinnen?

~Dr.~ E.: Doch! spinnen können sie auch, aber sie benutzen ihre Kunst

zu anderen Zwecken.

+Kurt+: Und was machen sie damit?

[Sidenote: Tapezierspinnen. Wasserspinne]

~Dr.~ E.: Nun, z.❰B., sie bauen sich eine Wohnung oder, wenn sie in

unterirdischen Höhlen leben, so tapezieren sie sie aus.

+Fritz+: Was soll denn das nützen, Vater?

~Dr.~ E.: Ich denke, euch würde eine tapezierte Erdhöhle auch besser

gefallen, als eine, wo ihr immer direkt auf der kalten, feuchten Erde

sitzen müßtet, und wo überdies fortwährend zu fürchten wäre, daß Erde

nachstürzt und euch begräbt.

+Fritz+: Das ist richtig. Gibt es denn bei uns auch solche

Höhlenspinnen?

~Dr.~ E.: O gewiß, eine ganze Menge. Die größten Künstler unter ihnen

gehören allerdings mehr dem Süden und besonders der heißen Zone an.

Dort gibt es Spinnen,[3] die nicht nur eine selbst gegrabene Erdröhre

hübsch austapezieren, sondern sie noch überdies mit einem +Klappdeckel+

versehen, der oben wie die Erde der Umgebung aussieht, innen aber

ebenfalls wie mit Seide belegt ist und durch ein Band aus Spinnstoff

gleich der Tür in der Angel auf- und zugeklappt werden kann.

+Kurt+: Dann sieht man also diese Nester von oben gar nicht?

~Dr.~ E.: Nein, und das Drolligste ist, daß diese Tierchen nach Kräften

ihr Hausrecht zu wahren wissen. Versucht man einen solchen Deckel

aufzuheben, so hält die Spinne ihn von innen mit aller Macht zu, indem

sie sich an den Seiten anstemmt und mit einigen Krallen in das Gespinst

des Deckels greift, das zu diesem Zweck mit kleinen Löchern zum

Einhaken versehen ist.

+Fritz+: Das ist schade, daß man so etwas nicht einmal beobachten kann.

~Dr.~ E.: Nun, in Südeuropa, z.❰B. auf den Balearen, wo ich selbst

die Nester ausgraben konnte, ist schon eine dieser Tapezierspinnen

zu finden, so daß du also doch vielleicht einmal Gelegenheit hast,

deinen Wunsch erfüllt zu sehen. Andererseits kenne ich bei uns eine

Spinnenart, deren Nest mir noch viel abenteuerlicher erscheint als das

der Tapezierspinnen. Und das könntet ihr im Sommer jeden Tag sehen.

+Fritz+: Aber ich denke, die Kreuzspinne macht das kunstvollste Netz?

~Dr.~ E.: Jetzt wollen wir nicht +Netz+ und +Nest+ miteinander

verwechseln. Diesmal sprach ich nicht von einer Einrichtung zum +Fang+

der Tiere, sondern von einer +Wohnung+, einem Schlupfwinkel, der sowohl

in bezug auf seinen Bau, wie namentlich in bezug auf den Ort, wo er

sich befindet, etwas ungemein Überraschendes hat.

+Kurt+: Da bin ich doch wirklich neugierig!

~Dr.~ E.: Es handelt sich um eine Spinne, welche ihre Wohnung im

+Wasser+ baut.

+Fritz+: Im Wasser? Aber die Spinnen sind ja luftatmende Tiere!

Wenn man eine Spinne ins Wasser wirft, wird sie doch bald untergehen

und ertrinken.

~Dr.~ E.: Für gewöhnlich, ja. +Diese+ Art aber, die +Wasserspinne+[4],

besitzt ein Mittel, ohne Schaden lange unter Wasser aushalten zu

können. Sie trägt nämlich einen grauen, seidigen Haarpelz, der so dicht

ist, daß die Luft in demselben hängen bleibt. Wirft man eine solche

Spinne ins Wasser, so erscheint ihr Hinterleib von der anhängenden Luft

wie eine silberglänzende Kugel, und diese Luft liefert ihr denn auch

unter Wasser den nötigen Sauerstoff zum Atmen.

+Kurt+: Aber wie sieht denn das Nest aus? Das muß doch ungemütlich

sein, wenn sie darin immer ganz im Wasser sitzt.

~Dr.~ E.: O, das tut sie auch nicht; sie sitzt unter Wasser ganz im

Trockenen.

+Fritz+: Jetzt machst du wohl Scherz, Vater!

~Dr.~ E.: Nein, mein Sohn, keineswegs. Die Spinne baut unter Wasser

ein Nest in Form einer +Glocke+ oder eines unten offenen Fingerhutes,

das sie an Wasserpflanzen durch Fäden befestigt. Dann kriecht sie

hinein und streift mit den Beinen die Luft von ihrem Hinterleib, die

nun als +Luftblase+ zur Wölbung der Glocke emporsteigt, aber von dem

dichten Gewebe hier +aufgehalten+ wird. Alsbald wird neuer Luftvorrat

von oben geholt, und mit dem Eintragen desselben in das Nest so lange

fortgefahren, bis es voll ist. Die Spinne wohnt mit ihrer Brut so

mitten im Wasser in einem trockenen Palast, ganz ähnlich, wie es in

unseren Märchen von den Nixen und Wassermännern beschrieben wird.

+Fritz+: Das muß ja allerliebst aussehen! -- Kümmern sich denn aber die

Spinnen überhaupt um ihre Jungen? Ich habe doch immer gehört, daß die

Spinnen sich auffressen, wenn sie sich zu nahe kommen.

[Sidenote: Brutpflege. Fliegende Sommer. Spinnmilben]

~Dr.~ E.: Das letztere ist wohl richtig, obgleich es auch Spinnen gibt,

die gesellig beieinander leben. Allein in bezug auf +Mutterliebe+

kann die Spinne es mit jedem andern Tier und auch mit dem Menschen

aufnehmen. Das Mindeste, was eine Spinne tut, ist, daß sie ihre

Eierchen mit einem weichen seidenartigen Gespinst umgibt und diesen

Eierballen, der oft die zierlichsten Formen besitzt, irgendwo an einem

geschützten Orte unterbringt. Viele begnügen sich aber nicht damit;

sie beschützen sie in eigenen Wohnungen, oder sie tragen sie sogar als

rundliche Kugel zwischen den Hinterbeinen mit sich umher. Ja, selbst

die ausgekrochenen kleinen Spinnchen werden nicht selten von der Mutter

noch eine Zeitlang auf dem Rücken getragen, bis sie sich selbständig

ernähren können.

+Kurt+: Kann man denn im Winter auch Spinnen finden? Ich hätte wohl

Lust, mir eine kleine Sammlung anzulegen.

~Dr.~ E.: Gewiß gibt es im Winter auch Spinnen, die unter Laub, Moos,

in Erdhöhlen usw. ihren Winterschlaf halten. Aber ihre Zahl ist

gering, denn die meisten überwintern als Eier. Die beste Zeit zum

Spinnensammeln ist der Herbst, wenn die Heide blüht und am taufeuchten

Morgen Wiese und Feld mit Tausenden der zarten Gewebe bedeckt sind.

Um diese Zeit kann man auch die allerschönste Anwendung beobachten,

welche die Spinnen von ihrer Webekunst zu machen wissen, nämlich die

Herstellung von +Luftballons+.

+Fritz+: Ach, damit meinst du wohl die sogenannten +fliegenden Sommer+?

Ich habe immer gedacht, das wären losgerissene Spinnengewebe und mich

nur gewundert, daß dies bloß im Herbst geschieht.

~Dr.~ E.: Um zufällig losgerissene Netze handelt es sich keineswegs,

sondern diese Fadenmassen, die ja oft wie lange wallende Gewänder durch

die Luft ziehen, sind eigens für die Luftschiffahrt gebaut worden.

+Fritz+: Aber wie machen die Spinnen denn das, und welchen Zweck hat

diese ganze seltsame Gewohnheit?

~Dr.~ E.: Die fliegenden Sommer werden ausschließlich von jungen und

kleinen Spinnenarten verfertigt. Die kleinen Tierchen begeben sich

auf irgendeinen erhöhten Punkt, sagen wir auf einen Kartoffelsack im

Felde, drücken die Spinnwarzen gegen die Unterlage und ziehen den Faden

dadurch aus, daß sie den Hinterleib nun schräg emporrichten, dabei

mit ihren Vorderbeinen an einigen vorher gesponnenen Fädchen sich

festhaltend. Der starke Herbstwind spielt mit dem Faden und zieht, ihn

verlängernd, weiteren Spinnstoff aus den Drüsen heraus. In ähnlicher

Weise werden immer neue Fäden gesponnen. Endlich ist das Floß stark

genug; es wird vom Winde emporgehoben, und zwar mitsamt der kleinen

Luftschifferin, die nun so lange damit umhersegelt, bis es irgendwo

strandet. Dann springt das Tierchen geschwind ab und sucht sich in

der neuen Umgebung einen Schlupfwinkel für den Winter. Die ganze

Einrichtung ist also als ein Mittel zur weiteren Verbreitung der Art

und zur Gewinnung besserer Winterquartiere anzusehen.

+Kurt+: Neulich habe ich aber noch etwas sehr Merkwürdiges gesehen,

das ich mir auch heute noch nicht erklären kann: die Linden auf unserm

Schulhof, der Stamm und die Äste waren über und über mit einem feinen

Gespinst bedeckt, so daß sie wie mit Reif überzogen aussahen. Unter

dem Gespinst bemerkte man namentlich in den Ritzen der Borke zahllose

winzige gelbrötliche Tierchen, die ich für junge Spinnen hielt.

[Sidenote: Spinnmilben. Verwertung des Spinnstoffs]

~Dr.~ E.: Eigentliche Spinnen waren das nun gerade nicht, aber sie

gehören wenigstens zur großen Klasse der Spinnentiere. Es handelte

sich augenscheinlich um ein starkes Auftreten der sogenannten

+Spinnmilbe+,[5] die vor allen anderen Verwandten ihrer Gruppe, den

Käsemilben, Holzböcken, Sammetmilben usw., die Fähigkeit des Spinnens

voraus hat. Besondern Schaden werden sie wohl nicht angerichtet haben.

+Fritz+: Kann man denn solche Gespinste zu Gewebestoffen für den

Menschen verarbeiten? Ich sollte meinen, so wie den Seidenspinner müßte

man doch auch die Spinnen gewissermaßen als Haustiere züchten und ihr

Gespinst weiter verwerten können.

~Dr.~ E.: Diesen Gedanken haben natürlich schon andere Leute gehabt,

und gerade in jüngster Zeit ist wieder viel die Rede von einer großen

madagassischen Spinne,[6] die sehr starke und haltbare Fäden liefern

soll. Auf der letzten Pariser Weltausstellung war sogar eine ganze

Garnitur Bettvorhänge aus der Seide dieser Tiere zur Schau gestellt.

Allein ich fürchte, sehr weit wird man mit derartigen Versuchen

wohl niemals kommen. Darf man doch nicht vergessen, daß die Raupe

des Seidenspinners ein +Pflanzenfresser+ ist, für welchen wir das

Futter, die Maulbeerblätter, in jeder beliebigen Menge herbeischaffen

können, während die Spinnen zu den +Raubtieren+ gehören und daher

ungleich schwieriger zu ernähren sind, zumal sie die ihnen in der

Gefangenschaft dargebotene Nahrung nur selten willig annehmen. Auch

von den madagassischen Spinnen wird berichtet, daß sie nach Abgabe

ihres Spinnstoffs alsbald eine Weile in Freiheit gesetzt werden müssen,

um sich wieder regelrecht satt zu essen. Unter solchen Umständen

werden wir unsere Hoffnungen auf Spinnenseide gewiß nicht allzu hoch

spannen dürfen. -- Die Fäden der heimischen Spinnen finden nur für die

sogenannten Fadenkreuze der Fernrohre Verwendung.

+Kurt+: Soll ich mir denn eine Spinnensammlung anlegen, Vater?

~Dr.~ E.: Das ist jedenfalls nicht so einfach, wie eine Käfer-

oder Schmetterlingssammlung. Die Spinnen sind zu weich, um trocken

aufbewahrt werden zu können. Man muß sie also in Spiritus sammeln und

jede Art in ein besonderes kleines Röhrengläschen tun. Dabei verlieren

dann viele ihre Farben. Außerdem gibt es für das Bestimmen nicht

solche hübschen Bücher, wie bei den Käfern und Schmetterlingen, mit

denen auch schon ein Knabe etwas anfangen kann. Die Spinnen sind eben

auch nach dieser Richtung hin von jeher recht stiefmütterlich behandelt

worden, und in ganz Deutschland gibt es augenblicklich wohl kaum ein

Dutzend Personen, welche sich etwas eingehender mit diesen Tierchen

beschäftigt haben. Willst du es aber versuchen und ernstlich an die

Arbeit gehen, so will ich dir gern helfen, soweit ich selbst über die

vielen verschiedenen Arten unterrichtet bin.

[Illustration: Spinnwarzen

Fuss einer Kreuzspinne.]

[Illustration]

Dritter Abend.

Nun, Kinder, fragt ~Dr.~ Ehrhardt am folgenden Sonntage, als die Knaben

zur gewohnten Plauderstunde um ihn versammelt sind, habt ihr euch

inzwischen nach weiteren Mineralien im Hause umgesehen?

[Sidenote: Kochsalz, Löslichkeit]

+Fritz+: O ja, Vater. Ich habe zunächst gefunden, daß zwar sehr vieles

aus dem Mineralreiche stammt, wie der Ofen, die Fensterscheiben,

das Porzellan, das Geld, die eisernen, kupfernen und messingnen

Gerätschaften, daß aber die +wirklichen Mineralien+ doch nur sehr

sparsam vorhanden sind. Zu diesen rechne ich z.❰B. das Quecksilber im

Thermometer, das ja wohl ebenso in der Natur vorkommt; dann aber vor

allem das +Kochsalz+, von dem wir kürzlich gelernt haben, daß es große

Lager unter der Erde bildet.

~Dr.~ E.: Gegen das, was du sagst, ist wenig einzuwenden. Quecksilber

findet sich in der Tat in Form metallischer Tröpfchen oder, wie man

sagt, „gediegen“ hie und da in Gebirgen, wie in Idria und Krain. Auch

mit dem Kochsalz hast du recht, denn es wird als sogenanntes Steinsalz

in großen Mengen bergmännisch gewonnen. -- Kommt denn aber das Salz

+nur+ in solchen unterirdischen Lagern vor?

+Kurt+: O nein, auch im Meer ist viel Kochsalz enthalten.

~Dr.~ E.: Schön, Kurt. Außerdem findet es sich dann noch in sogenannten

Solquellen sowie als Steppen- oder Wüstensalz.

+Hans+: Wovon ist denn das Meer so salzig, Papa?

~Dr.~ E.: Aber Hänschen, weißt du denn nicht, daß im Meere so viele

Heringe sind? Da muß es doch wohl salzig davon werden.

+Hans+: Ach, Papa, jetzt willst du bloß Spaß mit mir machen. Ich weiß

ganz gut: die frischen Heringe, die aus dem Meere kommen, sind gar

nicht salzig; die werden erst nachher eingesalzen.

~Dr.~ E.: Nun, wenn du es sagst, so muß ich es wohl glauben. Dann heißt

es also, einen andern Grund zu finden. Zunächst aber: Woher weißt du

denn, daß das Meer salzig ist?

+Hans+: Ei, es +schmeckt+ ja doch salzig!

~Dr.~ E.: Aber warum schmeckt es denn?

+Hans+: Ja, das kann ich nicht weiter sagen. Wenn Salz drin ist, +muß+

es doch danach schmecken.

~Dr.~ E.: Das sehe ich noch nicht ein. Warum schmeckt denn das Meer

nicht nach Kieselsteinen? Die sind doch auch drin.

+Kurt+: Das ist doch nicht schwer zu erklären! Kieselsteine schmecken

ja überhaupt nicht; Salz schmeckt aber, wenn wir es in den Mund nehmen.

[Sidenote: Vorkommen des Salzes. Salzgehalt des Meerwassers]

~Dr.~ E.: Und ihr könnt mir nicht in klaren Worten ausdrücken, woher

das kommt?

+Fritz+: O, ich kann es. Salz +löst+ sich im Wasser und also auch im

Speichel des Mundes, und so kann es auf die +Geschmacksnerven+ unserer

Zunge +einwirken+. Kieselsteine sind unlöslich, und folglich wirken sie

auch nicht auf unser Geschmacksorgan.

~Dr.~ E.: So war’s gut. Was ich wissen wollte, war, daß das Kochsalz

im Wasser +löslich+ ist, wie ihr ja übrigens an jeder Fleischsuppe

beobachten könnt.

+Kurt+: Das hab’ ich schon lange gewußt! Ich weiß auch, daß Tante Lotte

gegen ihren Rheumatismus immer künstliche Seebäder braucht. Da wird ein

ganzer Eimer Salz in die Badewanne geschüttet, und das löst sich dann

in gewöhnlichem Wasser auf.

~Dr.~ E.: Nun, dann hat vielleicht irgend jemand auch ins Meer eine

recht große Portion Salz hineingeschüttet, daß es dadurch salzig

geworden ist.

+Fritz+: Aber Vater! Ich kann es mir ja sehr gut denken, daß das Meer

alle Salzlager, auf die es traf, aufgelöst hat, und daß es so zu einer

Salzlösung wurde. Ich weiß nur nicht, warum +alle+ Meere salzig sind,

während dies doch bei den Seen und Flüssen selten oder gar nicht

vorkommt.

~Dr.~ E.: Wenn irgendwo Salz im Meere aufgelöst wird, so versteht es

sich eigentlich von selbst, daß dieser Salzgehalt auch dem Wasser

aller anderen Meere sich mitteilen muß, da, wie ihr wißt, alle Meere

zusammenhängen und ihr Wasser durch mannigfache Strömungen miteinander

austauschen. Was aber deine zweite Bemerkung anlangt, daß die Seen und

Flüsse nie oder doch nur selten Salz enthalten, so beruht dieselbe auf

einem vollständigen +Irrtum+. Im Gegenteil, wir können wohl mit einigem

Rechte sagen, daß alles Quell-, Fluß- und Seewasser auf der Erde Salz

enthält, wenn auch meist in so geringen Mengen, daß wir es nicht

schmecken können. Einen deutlichen Geschmack davon haben wir erst, wenn

in 1000 Teilen Wasser mehr als ein Teil Salz enthalten ist.

+Fritz+: Das habe ich freilich nicht gewußt. Aber klar ist mir die

Sache darum doch noch nicht. Denn ich sehe noch immer nicht ein,

warum dann das Meer so +viel+ Salz enthält, daß es abscheulich danach

schmeckt, während in den Seen und Flüssen so +wenig+ ist, daß man

reines Wasser zu trinken glaubt.

~Dr.~ E.: Das ist endlich eine Fragestellung, die ich mir gefallen

lasse. Wir wollen doch sehen, wieweit ihr selbst mit deren Beantwortung

zustande kommt. -- Weißt du noch, Hansel, was wir neulich vom Regen

besprochen haben?

+Hans+: O ja, Papa! Der Regen kommt zuerst als Wasserdampf aus dem

Meer. Der Wasserdampf kühlt sich oben in der Luft zu Dunstbläschen ab,

und diese bilden dann die Regenwolken.

~Dr.~ E.: Ganz gut. Und hast du behalten, Kurt, wie das Wasser des

Regens beschaffen war?

+Kurt+: Ja, das war fast ganz reines Wasser, weil es gewissermaßen

durch Destillation entstanden war.

~Dr.~ E.: Gewiß. Bleibt dieses Wasser so rein, wenn es in den Erdboden

sickert und als Quelle wieder irgendwo zum Vorschein kommt?

+Fritz+: Nein, dann hat es viele lösliche Stoffe aus dem Boden in sich

aufgenommen.

~Dr.~ E.: Richtig, und unter diesen natürlich auch das überall

verbreitete +Kochsalz+, das auf diese Weise in die Bäche und Flüsse

gerät.

+Fritz+: Da aber alle Flüsse zuletzt ins Meer münden, so werden

demselben fortwährend die gelösten Kochsalzmengen zugeführt. Das ist ja

nicht schwer zu begreifen. Aber dabei handelt es sich doch immer nur um

eine ganz +schwache+ Lösung!

~Dr.~ E.: Das wird niemand in Abrede stellen. Wenn du jetzt nur ein

klein wenig nachdenken wolltest, würdest du die Lösung des Rätsels

schon finden können! Überlege doch noch einmal alles, was wir eben

festgestellt haben. Denke auch daran, daß die +Menge+ des Wassers im

Meere trotz aller Zuflüsse immer die +gleiche+ bleibt, da annähernd

ebensoviel verdampft wie zufließt.

+Fritz+: Also aus dem Meere steigt fortwährend Wasserdampf auf, der

zu reinem Wasser wird; dieses fällt auf die Erde, nimmt Salz auf und

fließt dann wieder ins Meer -- --

+Kurt+: O, ich hab’s. Die +Salz+menge im Meer wird immer +größer+, weil

die Flüsse immer neues +hinzubringen+, die +Wasser+menge aber wird

+nicht+ größer, weil soviel in die Wolken geht. Folglich muß das Meer

immer salziger werden.

~Dr.~ E.: Nun, es scheint, als wenn du die Sache ahnst; klar

ausgedrückt aber hast du sie nicht. Am einfachsten wäre es wohl,

wenn wir uns das Meer als ein Glas Wasser vorstellen, das fast bis

zum Rande gefüllt ist. Wenn wir nun in dieses Glas unausgesetzt Salz

hineintun, wenn auch in noch so winzigen Mengen, ohne die Menge des

Wassers selbst zu vermehren, so ist selbstverständlich, daß die Masse

des Salzes im +Verhältnis+ zum Wasser mehr und mehr zunimmt. Gerade

so ist es im Meer. Der Zufluß des +Wassers+ der Flüsse ist nur eine

+scheinbare+ Vermehrung des Meerwassers, da ebensoviel in die Luft

verdampft; der Zufluß an Kochsalz ins Meer ist aber eine +wirkliche+

Vermehrung, da dasselbe nicht wieder mit dem Wasserdampf in die Wolken

geht. Wir können daher den Kreislauf des Wassers +ganz außer acht

lassen+ und uns die Sache einfach so vorstellen, als wenn eben nur

kleine Mengen Kochsalz ohne Unterlaß in das Meer eingeführt würden. Auf

diese Weise hat das Meer im Laufe der Jahrtausende fortgesetzt eine

„+Anreicherung+“ an Kochsalz erfahren und mußte dadurch soviel salziger

werden als die Flüsse, welche es ihm zuführen.

+Kurt+: Aber wenn das so weitergeht, so wird ja schließlich das Meer

aus lauter Kochsalz bestehen!

~Dr.~ E.: O nein, mein Junge. Es ist schon dafür gesorgt, daß die Bäume

nicht in den Himmel wachsen! Zunächst kann das Wasser nicht beliebig

viel Salz auflösen, wie du wohl glaubst. Es geht ihm ähnlich wie dem

Menschen, der auch nur essen kann, bis er gründlich gesättigt ist.

Wenn ich in einem Liter Wasser, das bekanntlich ein Gewicht von 1000

Gramm oder einem Kilogramm hat, etwa 350 Gramm Kochsalz aufgelöst

habe, also ziemlich ein Drittel seines Gewichts, so ist das Wasser

gewissermaßen +satt+. Ich kann tun, was ich will, alles Salz, was ich

nun noch hineinschütte, fällt einfach zu Boden, als wenn das Salz der

unlöslichste Körper von der Welt wäre. Man sagt dann: das Wasser ist

+gesättigt+, oder wir haben eine gesättigte Kochsalzlösung. Weiter

könnte es also auch mit dem Meere niemals kommen; es könnte eine

gesättigte Kochsalzlösung werden mit 350 Gramm Salz auf 1000 Gramm

Wasser; alles weitere Salz aber müßte zu Boden fallen.

[Sidenote: Gesättigte Lösung]

+Fritz+: Und ist denn das Meer bald so weit, daß es eine gesättigte

Lösung darstellt?

~Dr.~ E.: Keineswegs. Die heutigen Meere enthalten durchschnittlich auf

1000 Gramm Wasser nicht 350, sondern nur 35 Gramm Kochsalz, so daß sie

also noch zehnmal mehr aufnehmen könnten, ehe sie gesättigt wären. Und

sehr viel weiter als jetzt werden sie mit ihrem Salzgehalt auch wohl

schwerlich kommen.

+Kurt+: Warum denn nicht?

~Dr.~ E.: Ich meine, wenn die Quellen schon viele Millionen Jahre

das Kochsalz, das sich in der Erde findet, aufgelöst und dem Meere

zugeführt haben, so kann das, was noch übrig ist, nicht so schrecklich

viel sein, daß dadurch die ungeheure Wassermenge des Ozeans um ein

Beträchtliches salziger würde.

+Fritz+: Aber ich denke, da sind doch noch die großen Steinsalzlager in

der Erde, die aufgelöst werden können?

~Dr.~ E.: Diese sind im allgemeinen durch Ton und andere Schichten,

welche das Wasser nicht durchsickern lassen, vor dem Aufgelöstwerden

+geschützt+, sonst wären sie eben schon längst verschwunden. Auch

liegen die meisten so tief unter der Erde, daß das in den Erdboden

dringende Regenwasser sie nicht mehr erreichen kann.

+Kurt+: Weiß man denn, wie diese Steinsalzlager entstanden sind?

~Dr.~ E.: Freilich, Kurt; das ist kein großes Geheimnis. Wir haben

bisher nur immer von dem +allgemeinen+ Weltmeer gesprochen, dessen

Wasser noch lange nicht mit Kochsalz gesättigt ist und auch nie

gesättigt werden wird. Ganz anders aber können sich die Verhältnisse

gestalten, wenn es sich um kleinere, vollkommen +abgeschlossene+

Meere handelt, wie etwa das Kaspische Meer, das Tote Meer u.❰a. Diese

liegen, wie ihr wißt, in heißen und ziemlich regenlosen Gegenden. Die

Verdampfung ihres Wassers ist also groß, der Zufluß an Wasser durch die

Bäche und Flüsse aber so gering, daß er die Menge des verdampfenden

Wassers nicht ersetzen kann. Was wird hiervon die Folge sein?

+Fritz+: Ein solches Binnenmeer muß natürlich immer kleiner werden.

~Dr.~ E.: Das ist sicher die erste Folge. Nehmen wir nun an, dieses

Meer habe anfangs auch einen Salzgehalt gehabt, wie das Weltmeer, also

35 Gramm Kochsalz auf 1000 Gramm Wasser, so ist klar, daß nach einiger

Zeit, wenn ein Teil des Wassers verdampft und nicht durch genügenden

Zufluß ersetzt ist, auf 35 Gramm Kochsalz nicht mehr 1000 Gramm Wasser,

sondern nur noch etwa 800, wieder nach einiger Zeit nur 500 Gramm

Wasser kommen werden, und dies wird so fortgehen, bis für je 35 Gramm

Kochsalz nur noch je 100 Gramm Wasser vorhanden sind, d.❰h. bis der

+Sättigungspunkt+ des Wassers erreicht ist. Ein solches Binnenmeer, in

welchem der Sättigungspunkt des Wassers nicht nur erreicht, sondern

sogar schon überschritten wurde, ist beispielsweise das +Tote Meer+. Es

führt bekanntlich seinen Namen daher, daß kein Fisch, ja überhaupt kein

lebendes Wesen in dieser gesättigten Kochsalzlösung existieren kann.

[Sidenote: Entstehung der Steinsalzlager. Salzgärten]

+Kurt+: Was geschieht denn aber nun, wenn das Wasser +noch+ mehr

abnimmt?

~Dr.~ E.: Wenn du dir das nicht denken kannst, so könnten wir es

ja einmal ausprobieren. Wir stellen uns zunächst eine gesättigte

Kochsalzlösung her, indem wir 350 Gramm Salz in einem Liter Wasser

auflösen. Diese Lösung gießen wir dann in eine flache Schale, welche

das Tote Meer darstellt, und warten nun ab, was geschehen wird, wenn

ein Teil des Wassers verdampft ist. Ich denke, am nächsten Sonntag

werden wir schon etwas daran sehen können.

Naturstudien im Hause · 第 2 / 16 段