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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1921 so weit
wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler
wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert;
fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; besondere
Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden
Sonderzeichen gekennzeichnet:
fett: =Gleichheitszeichen=
gesperrt: +Pluszeichen+
Antiqua: ~Tilden~
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[Illustration]
Naturstudien
im Hause
Plaudereien in der Dämmerstunde
Ein Buch für die Jugend
von
DR. KARL KRAEPELIN
Mit Zeichnungen von O. Schwindrazheim
Fünfte Auflage
durchgesehen von
~Dr.~ C. W. Schmidt
[Illustration]
Verlag und Druck von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin 1921
Vorwort.
Die hohe Bedeutung, welche den Naturwissenschaften für die Erziehung
der Jugend zukommt, ist nach Ansicht des Verfassers bisher noch
keineswegs genügend gewürdigt worden. Namentlich in der Großstadt
mit ihren endlos sich dehnenden Straßenzügen ist der heranwachsenden
Generation jede innigere Beziehung zur lebenden Natur fast völlig
verloren gegangen. Die Schule allein mit ihren kärglich bemessenen
Unterrichtsstunden kann hier nicht helfen. So lag denn der Gedanke
nahe, das vorliegende Werkchen zu schreiben, das die lern- und
wißbegierige Jugend in möglichst lebendiger Darstellung zum
naturwissenschaftlichen Denken anregen und ihr die Naturobjekte der
nächsten Umgebung, vor allem also des väterlichen Hauses, geistig
näherbringen soll.
Die gewählte Form des Dialogs mag als veraltet gelten; sie erschien
jedoch dem Verfasser als die für den erstrebten Zweck am besten
geeignete, wohl aus denselben Erwägungen, welche den großen Meister der
griechischen Philosophie bei der Abfassung seiner klassischen Gespräche
geleitet haben.
Der von +O. Schwindrazheim+ mit gewohnter Meisterschaft ausgeführte
Bilderschmuck dürfte nicht unerheblich zum Verständnis der behandelten
Gegenstände beitragen.
Schließlich sei noch bemerkt, daß diese „Naturstudien im Hause“ den
ersten, die geringsten Vorkenntnisse voraussetzenden und daher auch
wohl +zuerst+ zu lesenden Band einer Serie von Naturstudien bilden,
die nacheinander das +Haus+, den +Garten+, die +nähere+ Umgebung des
Heimatortes (Naturstudien in Wald und Feld), die +entferntere+ Umgebung
(Naturstudien in der Sommerfrische) und schließlich die „+fernen
Zonen+“ behandeln.
=Der Verfasser.=
Inhalt.
Seite
Erster Abend (+Wasser+) 1
Zweiter Abend (+Spinne+) 14
Dritter Abend (+Kochsalz+) 28
Vierter Abend (+Mineralien+, +Sand+) 40
Fünfter Abend (+Kanarienvogel+) 52
Sechster Abend (+Pelargonium+) 65
Siebenter Abend (+Goldfisch+) 76
Achter Abend (+Steinkohlen+) 89
Neunter Abend (+Stubenfliege+) 101
Zehnter Abend (+Pilze+) 115
Elfter Abend (+Hund+ -- +Bandwurm+) 128
Zwölfter Abend (+Blattpflanzen+) 140
Dreizehnter Abend (+Hausinsekten+) 154
Vierzehnter Abend (+Verschiedene Fragen+) 169
Erläuterung zu den Abbildungen.
Erster Abend.
+Titelbild+: Gletscher im Hochgebirge; im Vordergrunde Gletschertor
und Endmoräne.
+Schlußbild+: Schwimmender Eisberg.
Zweiter Abend.
+Titelbild+: Netz der Kreuzspinne; unten im Wasser Wasserspinne mit
Nest.
+Schlußbild+: Spinnwarzen und Fußklauen der Kreuzspinne.
Dritter Abend.
+Titelbild+: Salzgärten am Meeresstrand.
+Schlußbild+: Reisigwand eines Gradierwerkes.
Vierter Abend.
+Titelbild+: Abhang mit erratischen Blöcken in der norddeutschen
Tiefebene.
+Schlußbild+: Golf von Neapel mit Vesuv.
Fünfter Abend.
+Titelbild+: Schlafende Zeisige.
+Schlußbild+: Skelett des Kanarienvogels.
Sechster Abend.
+Titelbild+: Pelargonium mit Blüten und Früchten (links oben); unten:
keimende Bohne und sich einbohrende Pelargoniumfrucht.
+Schlußbild+: Flugfrüchte und Klettfrucht (Zweizahn).
Siebenter Abend.
+Titelbild+: Taucher bei der Arbeit.
+Schlußbild+: Schlafender Seeskorpion.
Achter Abend.
+Titelbild+: Landschaft aus der Steinkohlenzeit; Schuppenbäume
(links) mit Kletterfarnen, Kalamiten (rechts) und Sigillarien (im
Hintergrunde).
+Schlußbild+: Torfstich.
Neunter Abend.
+Titelbild+: Stubenfliegen in der Küche.
+Schlußbild+: Kopf und Fuß der Stubenfliege.
Zehnter Abend.
+Titelbild+: Pilze im Walde (Fliegenpilz, Steinpilze, Pilze auf
Ahornblättern).
+Schlußbild+: Hefepilze, Schimmelpilze, Bakterien.
Elfter Abend.
+Titelbild+: Schrank mit Wurmpräparaten: Oben Bandwurm mit Zeichnung
von Kopf und Glied, in der Mitte Schafskopf mit Blase des Drehwurms
im Gehirn, unten Leber mit Blasen vom Hundebandwurm. Oben rechts
Hundebandwurm in natürlicher Größe, vergrößert, und Finnen desselben.
+Schlußbild+: Hans mit Karo.
Zwölfter Abend.
+Titelbild+: Kokospalmen am Strande.
+Schlußbild+: Drachenbaum von den Kanarischen Inseln.
Dreizehnter Abend.
+Titelbild+: Stall mit Rauchschwalben; unten Mäuse. Draußen Katze,
Sperlinge, Storch im Nest.
+Schlußbild+: Gecko, Kakerlaken jagend.
Vierzehnter Abend.
+Titelbild+: Weihnachtsbaum im Zimmer, von einem Sonnenstrahl
gestreift.
+Schlußbild+: Wetterhäuschen.
[Illustration]
Erster Abend.
Sonntag ist es und abendliche Dämmerstunde. Draußen fegt der Wind das
letzte Laub von den Bäumen, und klatschend schlägt der unfreundliche
Herbstregen gegen die Fensterscheiben. Gemütlich im Lehnstuhle seines
Studierzimmers sitzt ~Dr.~ Ehrhardt; um ihn haben seine drei
Knaben Platz genommen: Fritz, der Sekundaner, Kurt, der übermütige
Primus der Untertertia, und Hans, der zehnjährige, von seinen Brüdern
aber noch immer nicht für ganz voll genommene Quintaner.
Sieh nur, Vater, sagt Kurt, der ans Fenster getreten, da sind
wahrhaftig schon Schneeflocken in dem Regen! Jetzt ist der Winter da,
und unsere schönen Ausflüge sind wieder vorbei. Das ist doch zu schade!
Du wolltest uns noch so vieles draußen zeigen!
~Dr.~ +Ehrhardt+: Ja, das werden wir nun wohl auf nächstes Frühjahr
verschieben müssen. Aber sollten wir hier im Hause nicht auch
Naturgeschichte treiben können? Ich meine, es gibt da so mancherlei,
Tiere und Pflanzen sowohl wie Mineralien, an denen noch recht viel zu
lernen wäre.
+Kurt+: Ach, Vater, ich fürchte, das wird doch nur sehr langweilig
werden. Hunde und Katzen haben wir schon in der Schule ausführlich
genug besprochen, und die paar Gummibäume und Palmen in unserm
Balkonzimmer scheinen mir doch recht wenig interessant; die wollen ja
nicht einmal blühen. Mineralien haben wir freilich in der Schule noch
nicht gehabt; aber die gibt es ja wohl bloß im Gebirge.
+Fritz+: Na, das ist gut, Kurt! Da bist du, glaub’ ich, doch auf dem
Holzwege! „Mineral“ bedeutet zu deutsch weiter nichts wie „Stein“,
und Steine gibt es überall. -- Was du aber, Vater, mit den Mineralien
meinst, die in unserer Wohnung vorkommen, ist mir auch nicht recht
klar. Mauersteine gehören ja zu den Kunstprodukten. Denkst du
vielleicht an Mutters Edelsteine?
~Dr.~ E.: Die gehören selbstverständlich auch zu den Mineralien im
Hause. Aber es wundert mich, daß du als wohlbestallter Untersekundaner
noch eine so enge Vorstellung von den Mineralien hast. Muß denn ein
Mineral immer hart und fest sein?
+Fritz+: Ja, das dachte ich allerdings, sonst paßt doch der
Begriff Stein nicht.
~Dr.~ E.: Letzteres ist wohl zuzugeben; aber das Wort +Stein+, wie
wir es im gewöhnlichen Leben gebrauchen, stimmt auch nicht so völlig
mit dem wissenschaftlichen Begriff Mineral überein, wie du zu glauben
scheinst. Wir wollen uns das gleich einmal klarmachen. Ohne Zweifel
habt ihr in der Schule gelernt, in welche drei großen Gruppen man alle
Naturkörper einteilen kann. Das wirst du sogar schon wissen, mein
Hansel.
+Hans+: O natürlich! Das ist das Tierreich, das Pflanzenreich und das
Mineralreich.
~Dr.~ E.: Sehr schön! Kurt wird mir auch sagen können, wie man die
Tiere und Pflanzen von den Mineralien unterscheidet.
+Kurt+: Das ist ja ganz einfach: Die Tiere und Pflanzen haben +Leben+;
die Mineralien dagegen sind leblose Naturkörper.
[Sidenote: Wasser ein Mineral.]
~Dr.~ E.: Nun seht ihr! Wenn wir demnach nicht das Wort „Steine“,
sondern „leblose Naturkörper“ für Mineralien setzen, so werdet ihr
wahrscheinlich keinen Augenblick im Zweifel sein, wohin wir zum
Beispiel das Wasser zu rechnen haben.
+Fritz+: Ja, wenn du so willst, dann muß natürlich das Wasser zu den
Mineralien gehören, da es gewiß kein lebendes Wesen ist. Aber komisch
klingt es doch, wenn man einen Regentropfen ein Stück Mineral nennen
soll.
~Dr.~ E.: Ich denke, nicht komischer, als wenn ich einen
Quecksilbertropfen, der im Felsspalt sitzt, als Mineral bezeichne. Du
stößt dich, wie es scheint, daran, daß sich das Wasser für gewöhnlich
in flüssiger Form findet; aber schon das Beispiel des Quecksilbers
zeigt dir, daß das Flüssigsein auch bei andern Mineralien vorkommt.
Zudem braucht das Wasser ja gar nicht immer flüssige Form zu haben.
Wäre die Temperatur auf unserer Erde beständig unter dem Gefrierpunkt,
und hätten wir kein Mittel, künstlich Wärme zu erzeugen, so würden
wir das flüssige Wasser überhaupt gar nicht kennen und gewiß nur von
dem „Mineral“ Eis wie von andern Gesteinsarten sprechen. Denke dir
nur, wir wohnten nicht hier in unserm lieben Deutschland, sondern hoch
oben im Norden im ewigen Eis und Schnee. Da würdest du tagtäglich
gewaltige Eisberge vor Augen haben, hart wie Glas und doch nur aus
Wasser bestehend, Berge, die sich bei der dort herrschenden Temperatur
eigentlich in nichts von den andern Gebirgsarten unterscheiden.
+Kurt+: Ach, da meinst du wohl die +Gletscher+, die oben in Norwegen
und in Grönland weite Länder überdecken und auch in den Alpen so
berühmt sind? -- Wie sind denn die eigentlich entstanden?
~Dr.~ E.: Wenn du dir ein paar Hände voll Schnee in einen Mörser
schüttest und mit der Mörserkeule tüchtig darauf losstampfst, weißt du,
was dann geschieht?
+Kurt+: Ja, dann wird er dichter.
~Dr.~ E.: Gewiß; aber das nicht allein. Wenn ihr euch am Bergabhang
eine Schlittenbahn gemacht habt und viele Male mit euren Schlitten
oder auch nur auf euren Stiefelsohlen heruntergefahren seid, bleibt
dann die Bahn immer Schnee?
+Kurt+: Nein, dann wird sie zuletzt ganz blank und sieht aus wie Eis.
~Dr.~ E.: Sie sieht nicht nur so aus, sondern sie +ist+ auch wirklich
Eis geworden. Und dasselbe geschieht mit dem Schnee, den du im Mörser
stampfst. Ihr könnt daraus lernen, daß allgemein durch Druck oder
Reibung der Schnee sich in Eis verwandelt, und wenn ihr dies wißt,
erklären sich die Gletscher eigentlich ganz von selbst. Im Norden
unserer Erde, wie auf hohen Gebirgen, ist es fast immer so kalt, daß
die Wolken nicht Regen, sondern +Schnee+ herniedersenden. Dieser häuft
sich in den Talmulden und an deren Wänden zu ungeheuren Massen an,
so daß die tiefer liegenden Schichten einen großen +Druck+ durch die
oberen zu erleiden haben. So wird der Schnee in der Tiefe in wenigen
Jahren zu festem Eis, zumal da das durch die Sonnenstrahlen des Sommers
erzeugte Schmelzwasser der oberen Schichten in die Tiefe sickert und
hier bei der Umwandlung des Schnees in Eis mithilft. Auch die Reibung
an dem felsigen Untergrunde spielt hierbei eine Rolle, denn der
Gletscher, dessen Eismasse ein gewaltiges Gewicht besitzt, quillt nach
Ausfüllung der Talmulde bald über deren Ränder herüber und gleitet nun
durch die eigene Schwere wie durch den Druck der nachrückenden Massen
ganz allmählich auf den geneigten Hängen des Berges abwärts, während
an seinem oberen Ende immer neue Eismassen gebildet werden. Man sagt
deshalb, der Gletscher „wandert“ und meint damit: Das Eis, das hoch
oben in den Mulden aus Schneemassen entsteht, rückt im Laufe der Jahre
immer weiter bergab, bis es endlich an das untere Ende gelangt.
+Kurt+: Wo hat denn der Gletscher sein unteres Ende? Ich meine, wenn er
immer weiter wandert, so müßte er schließlich das ganze Land bedecken.
~Dr.~ E.: Nun, ganz so schlimm ist es denn doch nicht! Hast du mal
etwas von der +Schneegrenze+ gehört?
+Fritz+: O ja. Das ist die Linie in den Gebirgen, bis zu welcher der
Schnee auch im Sommer liegen bleibt, da die Wärme in diesen Höhen nicht
ausreicht, ihn völlig wegzuschmelzen.
[Sidenote: Gletscherbildung. Eisberge]
~Dr.~ E.: Siehst du, Kurt, und wie mit dem Schnee, so ist es auch
mit dem Gletschereis. Kommt der Gletscher auf seiner Wanderung in
immer tiefere Gegenden, wo die Sommer wärmer sind als auf den Höhen,
so schmilzt das untere Ende ab, und da sich dies in jedem Sommer
wiederholt, so haben wir auch für die Gletscher eine ganz bestimmte
Grenze, bis zu welcher sie abwärts vordringen können.
+Kurt+: Und wie weit ist das wohl, Vater?
~Dr.~ E.: Das ist natürlich in den einzelnen Ländern ganz
verschieden. In der heißen Zone finden wir Gletscher wohl kaum
unter 4-5000 ~m~ Höhe; in den Alpen aber gibt es schon einen -- es
ist der Grindelwaldgletscher --, der fast bis auf 1000 ~m~ ins Tal
hinabsteigt. In Grönland endlich reichen die Gletscher direkt bis ins
Meer und erzeugen hier die riesenhaften +Eisberge+, welche so oft im
Atlantischen Ozean der Schiffahrt gefährlich werden.
+Fritz+: Wie kann denn ein Gletscher im Wasser Eisberge bilden? Ich
kann mir doch nicht denken, daß nun so ein ganzer Gletscher plötzlich
ins Meer fällt.
~Dr.~ E.: Nein, so darfst du dir die Sache auch nicht vorstellen. Um
das zu verstehen, müssen wir eine der interessantesten und für das
gesamte Leben auf der Erde wichtigsten Eigenschaften des Eises kennen.
Ihr habt sie alle schon beobachtet, aber wahrscheinlich nichts dabei
gedacht.
+Fritz+: Da weiß ich wirklich nicht, was du meinst. -- Etwa, daß es
leicht zersplittert?
~Dr.~ E.: O nein, durchaus nicht. Wißt ihr denn, was geschieht, wenn
ich eine Flasche ganz mit Wasser fülle, sie fest zukorke und dann in
die Kälte stelle?
+Kurt+: Ja, dann zerspringt sie. Das habe ich in diesem Frühjahr einmal
erlebt, wie wir Birkenwasser gezapft hatten und in einer kalten Nacht
das Ganze ein Eisklumpen geworden war.
~Dr.~ E.: Ei, du Strick! Kommt man auf diese Weise hinter deine
Schandtaten! Das wollen wir doch in Zukunft hübsch bleiben lassen,
damit uns nicht einmal der gestrenge Herr Förster beim Kragen nimmt. --
Aber warum ist denn wohl die Flasche gesprungen?
+Fritz+: Ihr Glas ist wohl durch die Kälte spröde geworden.
~Dr.~ E.: Dann hätte sie nur springen können, wenn etwa eine heiße
Flüssigkeit hineingetan worden wäre. Von selbst springt auch eine
spröde Flasche nicht.
+Kurt+: Nein, es war sehr merkwürdig! Wie wir die Scherben wieder über
den Eisklumpen legten, da wollten sie nicht mehr aneinander passen; es
schien, als wenn der Klumpen dicker geworden wäre, als die Flasche.
~Dr.~ E.: Das war er auch in Wirklichkeit. Und dies ist die wunderbare
Eigenschaft, von der ich sprach: Wenn Wasser sich in Eis verwandelt, so
nimmt es einen +größeren Raum+ ein als vorher.
+Fritz+: Was hat denn das mit den Eisbergen zu tun?
~Dr.~ E.: Sehr viel, Fritz, wie du gleich sehen wirst. Wenn ich nun den
Eisklumpen, der in der Flasche war, in Wasser lege, wie wird er sich
dann verhalten?
+Kurt+: Dann wird er wieder schmelzen.
~Dr.~ E.: Das ist noch keineswegs gesagt, denn dem Eise auf unserm
See fällt es doch gar nicht ein, zu schmelzen, bloß, weil es auf
dem Wasser liegt. Das hängt ganz allein von der +Wärme+ ab, die das
Wasser besitzt. Ich meine, wird der Eisklumpen +oben+ bleiben oder
+untersinken+?
+Fritz+: Er wird wohl schwimmen, wie jedes Eis.
~Dr.~ E.: Und wenn wir ihn mit Gewalt in die Tiefe stoßen?
+Kurt+: Dann kommt er nach kurzer Zeit wieder hoch, gerade wie ein
Stück Holz.
~Dr.~ E.: Und wie erklärt sich dies alles?
[Sidenote: Auftrieb. Zusammensetzung des Wassers]
+Fritz+: Ach, jetzt weiß ich, worauf du hinaus willst. Wenn Wasser zu
Eis wird, so nimmt es einen größeren Raum ein als vorher, folglich muß
Eis +leichter+ sein als Wasser, und es schwimmt daher auf demselben.
Wird es aber in die Tiefe gestoßen, so entsteht ein Gegendruck des
Wassers von unten her, der es wieder an die Oberfläche hebt.
~Dr.~ E.: So, das war endlich, was ich haben wollte. Dieser Gegendruck
des Wassers, der leichtere Gegenstände wieder an die Oberfläche
empordrückt, wird mit dem Namen „+Auftrieb+“ bezeichnet, und jetzt
wissen wir alles, was zur Erklärung der Eisberge nötig ist. Die
Gletscher wachsen, wie ich schon sagte, im hohen Norden bis ins Meer
hinein. Das Eis schmilzt in dem eiskalten Wasser nicht, sondern schiebt
sich immer weiter schräg +abwärts+ ins Meer in derselben Richtung,
in welcher der ganze Gletscher von der Höhe her zum Ufer abfällt. Je
größer aber die Menge des Eises wird, die so unter das Wasser gerät,
desto stärker wird der „Auftrieb“, der das Eis an die Oberfläche zu
+heben+ strebt. Schließlich gewinnt er die Oberhand: der unter Wasser
befindliche Teil des Gletschers +bricht+ nahe dem Ufer +ab+ und
steigt nun als gewaltiger, wohl 100 und mehr Meter über die Oberfläche
aufragender Eisberg empor. Man nennt dies drolligerweise das „Kalben“
der Gletscher.
+Kurt+: Warum sagtest du denn, daß diese Eigenschaft des Eises für die
Menschen und Tiere auf der Erde so wichtig sei?
~Dr.~ E.: Weil dadurch das Eis, das im Winter auf unsern Seen und
Flüssen entsteht, verhindert wird, in die +Tiefe+ zu sinken, und es so
eine schützende Decke gegen die Einwirkung der Kälte auf das übrige
Wasser bildet. Sänke das Eis zu Boden, so würden unsere Gewässer
allmählich +bis auf den Grund+ ausfrieren, und diese Menge Eis würde
der Sommer schließlich nicht mehr bewältigen können. Du siehst also
wohl ein, daß wir hier bald ebenso im ewigen Eise sitzen würden, wie
die armen Eskimos im fernen Grönland.
+Hans+: Vater, was ist denn nun eigentlich Wasser?
~Dr.~ E.: Ja, mein lieber Junge, daß auch gerade du mit dieser
unglücklichen Frage kommst! Fritz wird es wohl schon wissen. Für dich
aber ist diese Weisheit doch noch ein wenig zu hoch.
+Fritz+: Gerade in voriger Woche haben wir das Wasser in der Klasse
durchgenommen. Es besteht aus zwei Gasarten, Wasserstoff und
Sauerstoff. In diese kann man das Wasser zerlegen und umgekehrt kann
man durch Verbindung der beiden Gase Wasser herstellen.
~Dr.~ E.: Ganz richtig, und damit du, mein Hansel, auch ein wenig
davon begreifst, will ich dir noch sagen, daß der eine Bestandteil des
Wassers, der +Sauerstoff+, auch einen Teil der Luft bildet, und zwar
denjenigen, den der Mensch und die Tiere zum +Atmen+ brauchen.
+Kurt+: Aber doch nicht +alle+ Tiere, Vater! Die Fische leben ja gar
nicht in der Luft. Die können doch nur +Wasser+ zum Atmen brauchen.
~Dr.~ E.: Ei, Kurt, das ist ja eine ganz neue Weisheit! Glaubst du
wirklich, daß die Fische zum Atmen auf einen andern Stoff angewiesen
sind als die Menschen?
+Kurt+: Ja, die Fische sterben doch, wenn man sie aus dem Wasser in die
Luft bringt.
~Dr.~ E.: Da hast du allerdings recht! Allein das hängt mit ganz andern
Dingen zusammen, von denen ich dir vielleicht später mal erzähle. In
Wirklichkeit brauchen aber die Fische ebensogut Sauerstoff zum Atmen
wie wir.
+Fritz+: Das ist ja auch gar nicht wunderbar. Denn wenn das Wasser aus
Wasserstoff und Sauerstoff besteht, so werden die Fische doch sicher
von letzterem immer genug bekommen.
~Dr.~ E.: Ei behüte, Fritz! Jetzt bist du ebenfalls auf ganz falschem
Wege. Der Sauerstoff des Wassers ist mit dem Wasserstoff +so fest
verbunden+, daß wir beide nur durch sehr starke Mittel, z.❰B. durch
Elektrizität auseinanderreißen können. Der Fisch ist keineswegs
imstande, auch nur die geringste Menge Sauerstoff für sich daraus zu
ziehen.
+Fritz+: Woher bekommt er ihn aber dann?
~Dr.~ E.: O, die Sache ist ganz einfach: Das Wasser besitzt die
Fähigkeit, Luft und also auch den Sauerstoff der Luft in sich
aufzunehmen, und diese aufgelöste Luft ist es, die der Fisch atmet.
+Kurt+: Aber, dann müßte man doch die Luftbläschen im Wasser sehen
können!
~Dr.~ E.: Warum denn? Ich sagte ja, die Luft sei +aufgelöst+, d.❰h.
also gerade so im Wasser, wie etwa gelöster Zucker, den du doch auch
nicht mehr als Zucker sehen kannst.
+Kurt+: Ja, Zucker ist auch ein fester Körper. Aber ein Gas --?
~Dr.~ E.: Siehst du es denn einer Flasche Selterwasser an, eine wie
große Menge Kohlensäure in ihr steckt? Sie sieht ganz wie gewöhnliches
Wasser aus, und erst wenn wir den Kork öffnen, steigen die vielen
Gasblasen empor. -- Übrigens kannst du auf ähnliche Weise auch die
Luft in einem Glase Wasser sichtbar machen. Du brauchst nur das frisch
gefüllte Glas eine Weile an einen warmen Ort zu stellen, dann findest
du nachher an den Wänden des Glases innen lauter kleine Luftbläschen,
welche die Wärme aus dem Glase herausgetrieben hat.
+Kurt+: Ja, das ist auch wahr. Das habe ich schon öfter gesehen. --
Aber wie kommt denn die Kohlensäure in das Selterwasser?
[Sidenote: Sauerbrunnen, Mineralwässer]
~Dr.~ E.: Ganz auf dieselbe Weise wie die Luft, nämlich durch +Druck+.
Die Luftschicht, welche unsere Erde umgibt und in der wir leben, hat
bekanntlich ein recht bedeutendes Gewicht. Sie übt somit auch auf die
Oberfläche der Seen und Meere einen beträchtlichen Druck aus und wird
dadurch zum Teil in diese hineingepreßt. Das „kohlensaure Wasser“, das
wir gewöhnlich trinken, wird meist künstlich hergestellt, indem man
Kohlensäure unter starkem Druck in Wasser leitet und die Flaschen dann
schnell verschließt. Die +natürlichen+ kohlensauren Wasser aber oder
die sogenannten +Sauerbrunnen+ kommen aus tieferen Erdschichten, wo aus
irgendeiner Ursache in Spalten und Höhlen des Gebirges Kohlensäure in
großer Menge sich angesammelt hat, die dann von unterirdischen Quellen
aufgelöst wurde.
+Fritz+: Braucht man für solche natürlichen Sauerbrunnen nicht auch die
Bezeichnung „+Mineralwässer+“?
~Dr.~ E.: Jedenfalls müssen wir die Sauerbrunnen den letzteren
zurechnen, da auch die Kohlensäure zweifellos zu den Mineralien gehört.
+Kurt+: Nein, das find’ ich wirklich zu drollig, daß die Gase auch zu
den Mineralien gehören sollen. Dann wäre doch die +Luft+ schließlich
ebensogut ein Mineral.
~Dr.~ E.: Natürlich! Oder wolltest du sie lieber zu den Tieren stellen?
Auch die Luft kann man flüssig und sogar fest machen; also ist gar kein
Grund, sie als etwas Besonderes zu betrachten.
+Fritz+: Das ist mir auch bisher noch nicht klar gewesen. -- Gibt es
denn noch andere Mineralwässer als die Sauerbrunnen?
~Dr.~ E.: Eine ganze Menge! Das Wasser besitzt, wie ihr wißt, die
Eigenschaft, viele feste Körper zu lösen, z.❰B. Zucker oder Salz. Auch
von den Stoffen, die sich im Erdboden befinden, vermag es eine ganze
Reihe aufzunehmen. Je nach den verschiedenen Gesteinen nun, welche
eine Quelle durchfließt, wird sie verschiedene, in diesen Gesteinen
befindliche Stoffe in sich auflösen. Neben den Sauerbrunnen, die wir
eben schon besprachen, gibt es +Schwefel+quellen, +Salz+quellen,
+Bitter+wässer, +Eisen+- oder Stahlwässer und viele andere, ja man kann
sagen, daß jedes Wasser, das wir trinken, das im Meer, in den Flüssen
und Seen sich befindet, mehr oder weniger große Mengen von solchen
Mineralstoffen enthält.
+Kurt+: Dann kennt man wohl eigentlich gar kein ganz reines Wasser?
~Dr.~ E.: Beinah könntest du recht haben, wenn wir nicht ein
verhältnismäßig einfaches Mittel hätten, um alle fremden Stoffe aus dem
Wasser zu entfernen.
[Sidenote: Filtrieren, Destillieren. Wolken, Regen]
+Fritz+: Ein einfaches Mittel? Da meinst du wohl das +Filtrieren+?
~Dr.~ E.: Nein, Fritz, durch Filtrieren kann man wohl diejenigen Stoffe
aus dem Wasser entfernen, die darin als +feste Teilchen schweben+, wie
Schlamm, mikroskopische Pflänzchen usw. Die wirklich +aufgelösten+
Mineralien aber laufen natürlich gerade so wie das Wasser selbst durchs
Filter. Letzteres liefert uns demnach wohl +klares+, aber durchaus kein
+reines+ Wasser.
+Kurt+: Und dabei sieht’s doch so rein aus! -- Aber wie macht man es
denn, wenn man wirklich ganz reines Wasser haben will?
~Dr.~ E.: Die Mineralien des Erdbodens, wie Salz, Kalk, Gips und so
fort lösen sich wohl in Wasser auf, aber sie lassen sich nicht in
+Dampf+ verwandeln, wie das Wasser, das schon bei einer Temperatur von
100° Celsius gasförmig wird und als sogenannter Wasserdampf aus der
Flüssigkeit emporsteigt. Wird dieser aufsteigende Wasserdampf, der
ganz unsichtbar ist, aufgefangen und wieder abgekühlt, so bildet er
zunächst kleine nebelartige Bläschen, den Wasser+dunst+, der sich bald
zu größeren Tropfen verdichtet, und also aufs neue flüssiges Wasser
liefert. Man erhitzt demnach einfach das gewöhnliche Wasser in einem
geschlossenen Behälter mit langem Halse, von dem ein Schlauch in ein
zweites kalt gehaltenes Gefäß führt. Infolge des Siedens steigt der
Wasserdampf aus dem ersten Gefäß durch den Hals empor und wird durch
den Schlauch in das zweite Gefäß geführt, wo er sich wieder +zu Wasser
verdichtet+. Im ersten Behälter bleiben dann alle die Mineralstoffe,
die im Wasser waren und die sich ja nicht mit in Dampf verwandeln
konnten, zurück, so daß im zweiten nun vollkommen reines Wasser ist.
Man nennt diesen Vorgang „+Destillation+“.
+Hans+: „Destillation“? Aber das steht doch überall an den Läden, wo
Branntwein verkauft wird!
~Dr.~ E.: Da hast du wieder einmal recht, mein Hansel. Die Sache
erklärt sich aber sehr einfach daraus, daß auch der Branntwein oder
Alkohol durch einen ganz ähnlichen Vorgang gewonnen wird. Da nun leider
der Branntwein im Leben vieler Menschen eine weit wichtigere Rolle
spielt als das beste Wasser, so ist es nur zu begreiflich, daß das Wort
Destillation jene seltsame Nebenbedeutung bekommen hat.
+Kurt+: Können wir denn nicht auch einmal Wasser destillieren? Das
scheint mir doch gar nicht so schwer zu sein und wäre doch sehr
interessant.
~Dr.~ E.: Ich meine, in der Küche könntest du das eigentlich jeden Tag
sehen. Hast du noch niemals den Deckel von einem Kochtopf abgenommen?
+Kurt+: Ja, oft genug!
~Dr.~ E.: Und hast du nichts auf der Unterseite des Deckels bemerkt?
+Kurt+: Höchstens, daß lauter Tropfen daran sitzen.
~Dr.~ E.: Das genügt auch; damit hast du ja schon alles beobachtet. Im
Topfe wurde das Wasser gekocht; der Dampf stieg auf und hat sich dann,
als er nicht weiter konnte, an der Unterseite des kälteren Deckels zu
Tropfen verdichtet. Diese Tropfen sind in der Tat destilliertes Wasser.
Sollte dir dies aber noch nicht genügen, so möchte ich dich noch darauf
aufmerksam machen, daß in der +Natur selbst+ tagtäglich so viel Wasser
destilliert wird, wie alle Fabriken der Welt zusammen nicht liefern
könnten.
+Kurt+: Aber wieso denn und wo?
~Dr.~ E.: Lieber Kurt! Zum Destillieren ist also zunächst Wasser nötig.
Ist das in der Natur vorhanden?
+Kurt+: Ja, natürlich, in den Seen und Flüssen und im Meer.
~Dr.~ E.: Gut. Dann braucht man Wärme. Sollte die wohl auch da sein?
+Kurt+: Ja, die Wärme, die von der +Sonne+ kommt. Aber davon kocht das
Wasser doch nicht.
~Dr.~ E.: Ist auch gar nicht nötig. Das Wasser verwandelt sich zum Teil
auch schon bei viel niedrigerer Temperatur in Dampf. Denn wenn unsere
Stube gescheuert wurde, so dauert es gar nicht lange, bis alles Wasser
in Dampfform aufgestiegen ist und die Dielen wieder ganz trocken sind.
Wir wollen aber mal die Sonne recht tüchtig auf das Meer scheinen
lassen, so bei etwa 30° im Schatten. Was wird dann geschehen?
+Kurt+: Da wird also wohl viel Wasserdampf aus dem Meere in die Höhe
steigen.
~Dr.~ E.: Richtig. Jetzt brauchen wir ein Ableitungsrohr, um den
Wasserdampf fortzuführen.
+Kurt+: Das ist aber doch nicht da!
~Dr.~ E.: Nein, ein wirkliches Rohr allerdings nicht. Bleibt denn aber
der Wasserdampf wohl immer über dem Meere?
+Fritz+: Wenn +Wind+ weht, so wird er den Wasserdampf mit der Luft auch
über die benachbarten Länder tragen.
~Dr.~ E.: Ganz gewiß. Und nun haben wir nur noch eine +Kühlvorrichtung+
nötig, um den unsichtbaren Wasserdampf in sichtbaren Wasserdunst zu
verwandeln.
+Kurt+: Ach, nun verstehe ich! Die Abkühlung geschieht hoch oben in der
Luft, wo es viel kälter ist als unten auf der Erde.
~Dr.~ E.: Schön, Kurt. Jetzt wirst du auch wissen, daß man diesen
sichtbaren Wasserdunst im gewöhnlichen Leben als +Wolken+ bezeichnet,
daß in ihnen das destillierte Wasser sich ebenfalls zu großen Tropfen
ansammelt, die dann durch ihre eigene Schwere zur Erde fallen.
+Kurt+: Ja, nun ist mir alles klar. Dann muß also der +Regen+, der aus
den Wolken fällt, auch ganz reines Wasser sein.
~Dr.~ E.: Wenigstens das reinste, das wir in der Natur kennen. Freilich
hat es unterwegs in der Luft doch schon allerlei wieder in sich
aufgenommen, wie Staub, Ruß, mikroskopische Pflanzenkeime und die Gase
der Luft; immerhin ist es noch unvergleichlich viel reiner als das
Wasser unserer Seen und Quellen.
[Sidenote: Kreislauf des Wassers. Hartes Wasser]
+Hans+: Aber wenn immer so viel Wasser aus dem Meere aufsteigt, daß
aller Regen daher kommt, dann muß doch das Meer endlich immer weniger
werden!
~Dr.~ E.: So? Meinst du wirklich? Weißt du denn, wo der Regen bleibt?
+Hans+: Ja, der sickert in die Erde.
~Dr.~ E.: Wenigstens zum großen Teil, soweit er nicht direkt ins Wasser
fällt oder in Dampfform wieder vom Boden auftrocknet. Wo aber bleibt
denn das Wasser, das in die Erde sickert?
+Hans+: Da werden die +Quellen+ daraus.
~Dr.~ E.: Sehr gut, Hans. Aus den Quellen aber bilden sich die +Bäche+,
aus diesen die +Flüsse+, und wo die schließlich bleiben, wirst du ja
auch wohl wissen.
+Hans+: Ja, natürlich, die fließen alle ins Meer.
~Dr.~ E.: Aha! Glaubst du nun noch, daß das Meer zuletzt austrocknen
muß?
+Hans+: Nein, Papa! Ich sehe nun ein, daß dasselbe Wasser, das aus dem
Meere als Dampf fortgeht, schließlich als Flußwasser wieder ins Meer
zurückläuft.
~Dr.~ E.: Und diese großartige Destillationseinrichtung auf der Erde
bezeichnet man daher mit Recht als den +Kreislauf+ des Wassers in der
Natur. --
+Fritz+: Vater, was ist denn eigentlich +hartes+ Wasser? Mutter sagt,
das Wasser in unserm Brunnen könne man nicht zum Waschen gebrauchen,
das sei zu „hart“.
~Dr.~ E.: Als hart bezeichnet man im gewöhnlichen Leben das Wasser,
welches viel +Kalkstein+ in sich aufgelöst enthält. Beim Waschen
bildet sich dann eine Verbindung des Kalkes mit der Seife, die für die
Reinigung der Wäsche unbrauchbar ist.
+Kurt+: Kann man denn das harte Wasser nicht weich machen, oder muß man
da gleich destillieren?
~Dr.~ E.: Nein, so schlimm ist es nicht. Kocht man das kalkhaltige
Wasser lange, so setzt sich schließlich ein großer Teil des Kalkes zu
Boden. Es ist dies der berüchtigte +Kesselstein+, der den Fabriken und
Dampfmaschinen so viel zu schaffen macht. Auch in dem Wasserkessel
unserer Küche könnt ihr ihn finden, und da hätten wir gleich ein
Mineral, das neben dem Wasser fast in jeder Wohnung anzutreffen ist.
+Fritz+: Aber es ist doch eigentlich ein Kunstprodukt und kein
natürlich vorkommendes Mineral.
~Dr.~ E.: In gewissem Sinne hast du recht. Wenn du aber bedenkst,
daß es derselbe Stoff ist wie der Marmor, und daß z.❰B. das Stück
Karlsbader +Sprudelstein+ auf meinem Schreibtisch fast genau auf
dieselbe Weise sich gebildet hat wie der Kesselstein, nämlich als
Absatz aus heißem Quellwasser, so wirst du hoffentlich nicht zu streng
darüber urteilen, daß unser Mineral nun gerade in einem Kochtopf zur
Welt gekommen.
Doch nun genug für heute. An einem der nächsten Sonntage wollen wir
einmal sehen, ob unser Haus nicht noch andere Mineralien aufzuweisen
hat. Ihr könnt bis dahin vielleicht ein wenig darüber nachdenken.
[Illustration]
[Illustration]
Zweiter Abend.
Heda, Kurt! Hans! ruft ~Dr.~ Ehrhardt aus der Tür seines Studierzimmers
den von oben herabpolternden Knaben entgegen, wo steckt ihr denn heute
so lange? Es ist ja schon ganz dunkel.
+Kurt+: Ach, Vater, wir sind oben auf dem Boden gewesen und haben das
große Puppentheater heruntergeholt, um damit zu spielen. Aber das sah
aus!
+Hans+: Ja, lauter Spinnengewebe saßen in den Ecken, und eine große
schwarze Spinne wäre mir beinah in den Ärmel gekrochen, wenn ich sie
nicht noch rechtzeitig abgeschüttelt hätte.
~Dr.~ E.: Na, das wäre doch auch nicht so ein großes Unglück gewesen!
+Hans+: Aber es war ja eine ganz große! Und sie lief so schnell!
~Dr.~ E.: War sie denn größer als du selbst? Ich meine, ein
ordentlicher Junge soll sich vor nichts fürchten, am wenigsten vor
einem so winzigen Tierchen, das er mit einem Finger zerdrücken kann.
[Sidenote: Der Widerwille gegen Spinnen]
+Hans+: Ach, Papa, die Spinnen sind doch zu garstig, die mag ja kein
Mensch leiden!
~Dr.~ E.: Höre mal, Hans: Wie du noch ein ganz kleiner Junge warst, daß
du kaum laufen konntest, da hast du immer die Kakerlaken in der Küche
gegriffen, und wie ich dir eine solche Spinne wie heute in die Hand
gab, da hast du laut aufgejauchzt vor Freude über das hübsche Tier.
+Hans+: Ja, damals! Aber Doris sagt, sie wären giftig und brächten
Unglück.
~Dr.~ E.: Nun, da haben wir’s! Dacht’ ich mir doch, daß wieder so ein
Kinderstubenklatsch dahinter stecke! Giftig sind unsere einheimischen
Spinnen für den Menschen nicht, und Unglück können sie natürlich auch
nicht bringen.
+Kurt+: Aber häßlich sind sie doch, Vater. Ich kann sie auch nicht
leiden.
~Dr.~ E.: Ob hübsch oder häßlich, das ist eine sehr schwierige Frage.
Hübsch ist doch das, was zweckentsprechend erscheint, und von diesem
Gesichtspunkt aus ist die Spinne ebenso wohlgebaut, wie irgendein
anderes Tier oder wie wir selbst.
+Fritz+: Das ist wohl wahr, aber die Spinnen müssen doch etwas in ihrem
Wesen haben, was uns unheimlich ist. Sonst würde dieser Widerwille kaum
so allgemein sein.
~Dr.~ E.: Dieser allgemeine Abscheu beweist doch weiter nichts, als
daß die armen Spinnen von altersher, wie die Kröten, vom unwissenden
Volk als giftig und unheilbringend betrachtet wurden, und daß diese
irrige Ansicht auch heute noch unser Gefühl beeinflußt. Wie ungerecht
der Mensch in dieser Hinsicht sein kann, das lehrt z.❰B. die geradezu
unglaubliche Furcht, welche die Italiener vor den so harmlosen Geckos
hegen, einer in den Häusern lebenden Eidechsenform mit Haftscheiben
an den Zehen. Ich selbst habe gesehen, wie sie ein solches Tier in
grausamster Weise zu Tode marterten. Dabei glaubten sie dann noch ein
gutes Werk zu tun.
+Kurt+: Ja, das mag alles sein; aber die Spinnen kann ich doch nicht
anfassen.
~Dr.~ E.: Von dir, lieber Kurt, hätte ich das am allerwenigsten
erwartet, da du doch sonst ein vernünftiger Junge bist. Den sogenannten
„natürlichen“ Widerwillen, der uns aber erst in der Kinderstube
eingeimpft ist, muß man doch, wenn man größer wird, auch ein wenig
bekämpfen können. Sieh, da war einmal ein berühmter Astronom, ich
glaube Mädler war es, der als Knabe seinen Vater bat, Naturforscher
werden zu dürfen. „Das ist nicht so leicht, mein Junge“, sagte der
Vater; „ein Naturforscher darf vor nichts zurückschrecken und muß
ein ganzer Kerl sein; ein Naturforscher muß Spinnen essen können.“
Mädler ging still hinaus. Als aber 14 Tage verflossen waren, trat er
in des Vaters Stube mit einem großen Butterbrot, das dick mit Spinnen
belegt war. „Sieh, Vater, nun kann ich’s,“ sagte er, und biß herzhaft
hinein. Das war aber eben auch ein Junge, aus dem nachher etwas Großes
geworden ist. Da solltet ihr doch wenigstens so viel Selbstüberwindung
haben, daß ihr die Tiere gelegentlich einmal anfaßt und sie genauer
betrachtet. Auch mir waren sie als Knaben recht widerwärtig. Da
beschloß ich mir eine Sammlung von Spinnen anzulegen, und bald war der
Widerwille wie weggeblasen.
[Sidenote: Grausamkeit der Spinnen]
+Fritz+: Aber es läßt sich doch nicht leugnen, Vater, daß die Spinnen
sehr +grausame+ Geschöpfe sind, die andern nachstellen und sie
auffressen.
~Dr.~ E.: Diese Eigenschaft hat die Spinne mit recht vielen andern
Tieren gemein, denen man ganz und gar keinen Vorwurf daraus macht. Die
Spinne frißt Fliegen und Mücken; genau dasselbe tun die Nachtigall und
die Schwalbe, ohne daß sie uns deshalb garstig oder grausam erschienen.
Ein jedes Geschöpf hat das Recht zu leben und die Nahrung zu suchen,
die ihm zuträglich ist. Auch der Mensch tötet Millionen von harmlosen
Tieren, um nicht selbst Hungers zu sterben.
+Fritz+: Aber die +Hinterlist+, mit der die Spinne ihre Netze spinnt
und die armen Tiere darin zappeln läßt!
~Dr.~ E.: Das scheint mir eher ein Grund der Bewunderung als des
Abscheus zu sein. Gegen die Schwalbe kann sich eine Fliege nicht
wehren; da ist es einfach die rohe Gewalt, welche ihr den Garaus
macht. Wo diese aber nicht ausreicht, da muß die Klugheit helfen. Oder
wirst du es so völlig verdammen, daß auch der Mensch List anwendet,
um solcher Tiere habhaft zu werden, die er sonst nicht erjagen kann?
Willst du unsere Fischer deswegen verabscheuen, daß sie ihre Fische mit
Netzen fangen?
+Fritz+: Nein, das gerade nicht. Aber mit dem Menschen ist es doch ganz
etwas anderes.
~Dr.~ E.: Aha, ich verstehe. Du willst auf das schöne lateinische
Sprichwort hinaus: „~Quod licet Iovi, non licet bovi~“. Was die Herren
der Schöpfung sich erlauben können, das darf so ein jämmerliches
Spinnentier noch lange nicht! Allein ich denke, wer im Glashause sitzt,
soll nicht mit Steinen werfen. Was +wir+ trotz aller unserer Macht und
Klugheit zu tun genötigt sind, um uns zu ernähren, das dürfen wir auch
dem so unendlich hilfloseren und schwächeren Tierchen nicht verargen.
Hunger tut weh, und sauer genug läßt es sich die arme Spinne werden, um
ihr Dasein zu fristen.
+Hans+: Aber die Spinnen brauchten doch gar nicht in der Welt zu
sein! Warum gibt es denn solche Tiere, die nichts tun, als andere
aufzufressen?
~Dr.~ E.: Das ist eine Frage, die man leider noch von sehr vielen sonst
gebildeten Menschen hören muß, sobald es sich um ein Geschöpf handelt,
das dem Menschen nicht nützlich ist oder ihm sogar Schaden bringt. Die
stillschweigende Voraussetzung dabei ist natürlich, daß alles auf der
Welt nur +des Menschen wegen+ da sei. Das aber ist eine grenzenlose
Überhebung. Wir wollen und sollen uns damit begnügen, daß wir von der
Natur so glücklich ausgestattet sind, um allmählich die Herrschaft
über alles zu erringen, was die Erde hervorgebracht hat. Aber eine
+Berechtigung+ zu leben hat +jedes Wesen+ ebensogut wie wir, ja es
könnte von seinem Standpunkte aus vielleicht mit noch viel größerem
Rechte fragen, wozu denn eigentlich der Mensch da sei, der ihm nichts
nützt und es verfolgt, wo es sich nur blicken läßt.
+Kurt+: Ja, das ist auch wahr, Vater, und ich kann mich immer ärgern,
wenn so ein Straßenjunge aus reiner Bosheit einen armen Schmetterling
oder Käfer quält, der ihm gar nichts getan hat. Ich will nun versuchen,
meinen Widerwillen gegen die Spinnen zu bekämpfen.
~Dr.~ E.: Tu das, lieber Kurt. Du wirst sehen, daß es wenige Tiere
gibt, die so sehr unser Interesse verdienen, wie gerade die Spinnen.
+Fritz+: Du meinst wohl wegen der +Netze+, die sie spinnen?
~Dr.~ E.: Das ist wenigstens eine ihrer Fähigkeiten, die schon der
Betrachtung wert ist. -- Wie sahen denn die Spinngewebe aus, Hans, die
in dem Puppentheater waren?
+Hans+: Sie saßen quer in den Ecken und waren ganz staubig.
[Sidenote: Netz der Hausspinne. Spinndrüsen. Spinnwarzen]
~Dr.~ E.: Dacht’ ich’s doch, daß es sich um unsere +Hausspinne+[1]
handelte. Habt ihr weiter gar nichts an den Geweben bemerkt?
+Kurt+: Ja, ich glaube gesehen zu haben, daß die eine Spinne, wie sie
gestört wurde, durch das Netz +durchkroch+ und unten heraus kam. Ich
wunderte mich noch, wie sie durch das dicke Gewebe durchkonnte.
~Dr.~ E.: Das kann sie auch nicht. Deine Beobachtung war ein wenig
flüchtig, sonst würdest du bemerkt haben, daß das Netz nicht ganz
wagerecht bis in die Ecke hinein verläuft, sondern dort sich
trichterförmig in die Tiefe senkt und sich nach unten öffnet. Dieser
Trichter ist der eigentliche Schlupfwinkel der Spinne. Droht ihr
von oben Gefahr, so schlüpft sie nach unten durch; kommt aber die
Störung von unten, so kann sie nach oben entfliehen. Ihr seht, so
ein armes Tierchen sucht sich zu sichern, so gut es kann. Dabei ist
unsere Hausspinne noch gar nicht einmal eine besonders hervorragende
Baumeisterin, sondern viele ihrer Verwandten sind ihr in dieser Kunst
weit überlegen.
+Fritz+: Ja, das Netz der +Kreuzspinne+[2] scheint mir z.❰B. viel
kunstvoller und ist wohl auch zum Fang der Tiere besser geeignet.
+Hans+: Ach, das sind wohl diese großen radförmigen Gewebe, die
manchmal zwischen zwei Bäumen hängen und fast aussehen, wie eine
Scheibe mit ihren Ringen? In der Mitte sitzt dann meist eine große
dicke Spinne mit weißem Kreuz auf dem Rücken.
~Dr.~ E.: Ganz recht, das sind die Fangnetze der Kreuzspinne. Auch ich
muß zugeben, daß sie mit zu den schönsten gehören, die ich kenne.
+Kurt+: Ich habe schon öfter darüber nachgedacht, wie sie wohl so etwas
zustande bringen.
~Dr.~ E.: Nun, woher der Stoff kommt, aus dem das Netz angefertigt ist,
wißt ihr ja wohl.
+Fritz+: Natürlich! Die Spinnen haben in ihrem Hinterleib Drüsen, aus
denen die Fäden gebildet werden.
~Dr.~ E.: Das ist wohl etwas unklar ausgedrückt. Allerdings besitzen
die Spinnen in ihrem dicken Hinterleib Drüsen. Was aber in diesen
gebildet wird, ist nichts als eine +klebrige Flüssigkeit+, die sich
dann allerdings, ähnlich wie unser Speichel, zu langen Fäden ausziehen
läßt. Kannst du mir denn auch sagen, Fritz, wodurch dieses Fadenziehen
des flüssigen Spinnstoffes herbeigeführt wird?
+Fritz+: Ich denke, ja. Am Ende des Hinterleibs sitzt eine Anzahl von
Höckern, die sogenannten Spinnwarzen, und auf diesen befinden sich an
den Enden zarter Röhrchen die Mündungen der Drüsen. Aus ihnen wird der
flüssige Spinnstoff herausgepreßt und muß so Fäden bilden.
~Dr.~ E.: Gut, Fritz. Ich will nur noch hinzufügen, daß die sechs
Spinnwarzen der Kreuzspinne im ganzen über 1000 solcher Röhrchen
tragen, während unsere Hausspinne deren immer noch gegen 400 besitzt.
Aus jedem derselben kann nun der flüssige Spinnstoff in einem
unendlich feinen Strahl herausgetrieben und zum Fädchen gepreßt
werden, so daß demnach der dickste Faden, den die Spinne zu erzeugen
vermag, aus 1000 durch ihre Klebrigkeit miteinander verschmolzenen
Fädchen zusammengesetzt wäre. Doch ist es wohl sicher, daß nicht alle
Spinnwarzen gleichzeitig in Tätigkeit treten. Will nun die Spinne ein
Netz fertigen, so muß sie zunächst die Verbindung herstellen zwischen
den Zweigen oder Bäumen, zwischen denen dasselbe ausgespannt sein soll.
Man hat viel darüber gestritten, wie sie das anfängt. Die gewöhnliche
Annahme war, daß sie damit beginnt, ihre Spinnwarzen gegen den Zweig zu
drücken, auf dem sie sitzt, den austretenden Faden dadurch festklebt
und sich nun fallen läßt. Durch das Gewicht ihres eigenen Körpers wird
weiterer Spinnstoff aus den Drüsen herausgezogen, so daß sie bald an
einem langen Faden hängt.
+Fritz+: O, dann kann ich mir schon denken, wie es weiter geht. Dann
schwingt sie wahrscheinlich an dem Faden so lange hin und her, bis sie
irgendwo den andern Baum mit ihren Füßen erreicht und nun den Faden
hier befestigen kann.
~Dr.~ E.: So ungefähr hat man sich tatsächlich den Hergang lange
vorgestellt. Neuere Beobachtungen aber widersprechen dem sehr
entschieden. Danach kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die
Spinne die Fähigkeit besitzt, aus ihren Spinnwarzen lange Fäden
frei herauszupressen oder herauszu+schießen+, die dann, mit dem
Winde dahinflutend, an benachbarte Zweige oder Bäume derart sich
anheften, daß sie ohne weiteres als Brücken benutzt werden können.
Die Spinne braucht daher ihren Platz gar nicht zu verlassen und kann
auf viel einfachere Weise, als man früher glaubte, die Verbindung mit
benachbarten Gegenständen herstellen.
+Hans+: Wenn aber nun gar kein Wind ist, Papa? Dann können doch die
Fäden nicht wegwehen.
[Sidenote: Netz der Kreuzspinne]
~Dr.~ E.: Ein leichter Lufthauch, der feine Spinnwebfäden in Bewegung
setzen kann, dürfte in der freien Natur wohl selten fehlen; außerdem
scheint es, als wenn die Spinne bei ganz schwachem Winde noch eine
andere Methode anwendet. Sie läßt sich dann so, wie ich es vorhin
beschrieb, von ihrem Sitze an einem Faden herunter, der aber kein
einfacher Strang ist, sondern außer dem sogenannten Begleitfaden, den
das Tier immer nach sich zieht, noch ein ganzes Bündel feiner Fädchen
enthält. Diese Fädchen werden, wenn die Spinne frei hängt, an der
Mündung der Spinnwarzen abgekniffen oder abgerissen, so daß sie nun
mit ihrem unteren Ende frei sind und durch die geringste Luftbewegung
seitwärts zu benachbarten Gegenständen geführt werden, wo sie vermöge
ihrer Klebrigkeit haften.
+Fritz+: Aber wenn die Spinne nun auch glücklich einen Faden etwa
zwischen zwei Bäumen ausgespannt hat, so sehe ich noch immer nicht
recht, wie daraus ein Netz werden kann.
~Dr.~ E.: Das kommt daher, daß du ein solches Spinnennetz wohl noch
niemals genauer angesehen hast. Sonst würdest du vielleicht darauf
gekommen sein, daß das Wichtigste und Schwierigste der ganzen Anlage
der sogenannte +Rahmen+ ist, d.❰h. diejenigen besonders starken Fäden,
welche schräg von einem Baum zum andern und wieder zurücklaufen und das
eigentliche Rad zwischen sich zu tragen haben.
+Fritz+: Dann muß das Tier also jedenfalls, nachdem es auf dem ersten
Faden zum andern Baum hinübergelangt ist, zunächst einen zweiten Faden
herstellen, der wieder zum ersten Baum zurückführt.
~Dr.~ E.: So wird es wohl in der Regel sein. Wenn wir nun beachten,
daß der erste Faden von einem höhern Punkte schräg abwärts nach
drüben verläuft und der zweite Faden in ähnlicher Weise etwa schräg
abwärts zum ersten Baum zurück, so sehen wir, daß die beiden Fäden
einen spitzen Winkel bilden, dessen Scheitelpunkt drüben am zweiten
Baume liegt. Wenn die Spinne nun diese beiden Hauptfäden des Gewebes
durch zwei senkrechte Fäden verbindet, von denen der eine nahe dem
Scheitelpunkt des Winkels, der andere da angebracht ist, wo die
Schenkel weiter auseinander stehen, so hat sie dadurch einen etwa
trapezförmigen Rahmen geschaffen, in dem dann das eigentliche Netz
seinen Platz findet. Ehe dies in Angriff genommen wird, müssen
natürlich die Fäden des Rahmens erst gehörig straff gespannt werden,
was durch Hilfsfäden, die nach verschiedenen Richtungen verlaufen,
erreicht wird. Jetzt wird schräg durch den Rahmen ein Durchmesser
gezogen und dann vom Mittelpunkt desselben aus eine Anzahl Strahlen
nach allen Richtungen des Kreises, die an den Fäden des Rahmens
befestigt werden. Ist auch dieses vollbracht, so sind endlich noch die
Strahlen durch spiralförmig um den Mittelpunkt herumgeführte Fäden
miteinander zu verbinden, und das Netz ist fertig. Die Spinne begibt
sich nun meist in die Mitte des Netzes, wo sie mit ausgespreizten
Beinen hängt, um jede Erschütterung an den Maschen des Netzes bemerken
zu können.
+Kurt+: Wie lange braucht denn die Spinne, um so ein Netz zustande zu
bringen?
~Dr.~ E.: In der Regel ist sie in wenigen Stunden damit fertig. Ihr
kennt ja doch die hübsche Sage vom Mohammed, der seinen Verfolgern nur
dadurch entging, daß eine Spinne alsbald ihr Netz in dem Eingange der
Höhle ausspannte, in welche er sich geflüchtet hatte.
+Fritz+: Unklar ist mir doch noch, wie nun die Spinne mit einem solchen
radförmigen Netz Insekten fangen kann. Bleiben denn die Tiere an den
Fäden kleben? Dann müßte doch auch die Spinne in der Mitte ebensogut
einmal festkleben.