4. Juni. Wenn unser Chronometer einigermaßen richtig geht,

müssen wir morgen oder übermorgen die ›Amerikanischen Inseln‹

sehen. Sind sie nicht da, so haben wir für uns nur noch die

Möglichkeit, einem von seinem Kurs verschlagenen Schiff zu

begegnen, aber dies müßte in den allernächsten Tagen sein,

denn länger als 5 oder 6 Tage _können_ wir mit unseren

Nahrungsmitteln nicht reichen und mit unseren Kräften geht

es sehr schnell abwärts. Ich war sehr erstaunt als ich heute

bemerkte, wie meine Beine oberhalb der Kniee abgemagert sind;

sie sind kaum noch dicker als früher meine Oberarme waren.

Doch ich vertraue auf Gottes unendliche Gnade, ich bin gewiß,

Er wird’s machen, wie es für uns am besten ist. Daß wir 32

Tage in einem offenen Boot am Leben geblieben sind, mit

Nahrungsmitteln, die nur für 10 Tage reichten und von denen wir

noch dazu zweimal einen Teil abgegeben haben -- das ist mehr,

als _menschliche_ Klugheit und Kraft ohne Beistand vollbringen

könnte.

Aus des Kapitäns Logbuch:

4. Juni. Brot und Rosinen gänzlich aufgezehrt.

Aus Henry Fergusons Tagebuch:

Die Unzufriedenheit der Mannschaft wird gefährlich; wir hören

lautes Murren und rohe Redensarten. Gott behüte uns vor einem

Kampf mit den Leuten; wenn wir sterben müssen, so nehme Er uns

zu sich und mache uns den bitteren Tod nicht noch bitterer.

Aus Samuels Tagebuch:

Eine ruhige Nacht und ein leidlicher Tag; leider sind unser

Segel und der Flaschenzug schadhaft geworden und müssen

ausgebessert werden; das ist ein hartes Stück Arbeit, weil es

notwendig ist, dazu den Mast zu erklettern. Von den Leuten

vernehmen wir, daß unter ihnen Unzufriedenheit herrscht und

drohende Klagen über ungerechte Verteilung des Essens laut

werden -- lauter unvernünftiges Zeug; es gilt indessen auf der

Hut zu sein. Ich werde erbärmlich schwach, suche mich aber,

so gut ich kann, aufrecht zu erhalten ... Von heute an giebt’s

nur noch eine Mahlzeit, ungefähr um die Mittagsstunde; dazu um

8 oder 9 Uhr morgens, um 12 Uhr mittags und um 5 oder 6 Uhr

abends je einen kleinen Schluck Wasser.

Aus des Kapitäns Logbuch:

Nichts mehr übrig als ein Stückchen Schinken und ein Becher

Wasser für jeden.

Jetzt sind sie also herunter auf _eine_ Mahlzeit täglich -- und was

für eine ›Mahlzeit‹! -- und dabei noch 1500 Meilen vor ihnen! Immer

furchtbarer wurde die Lage und wenn sie auch von wirklicher Meuterei

verschont blieben, so wurde doch die Haltung der Leute sehr bedrohlich.

Und welch wunderbare Fügung: Der Matrose Cox, der vorhin erwähnt wurde,

war mehrere Tage in des Obersteuermanns Boot gewesen; er war bereits

gänzlich ihrem Gesichtskreis entschwunden, dann zurückgekehrt und in

das Langboot aufgenommen worden. Nun, wäre er nicht zurückgekommen,

so wären wohl der Kapitän und die beiden jungen Passagiere von den

Matrosen totgeschlagen worden, denn diese waren jetzt infolge ihrer

Leiden dem Wahnsinn nahe. Folgenden Zettel steckte Henry seinem Bruder

Samuel zu:

Cox sagte mir gestern abend, es würden gegen den Kapitän und

uns beide recht böse Reden geführt. Sie sagen, der Kapitän sei

an allem schuld, er habe überhaupt nicht versucht, das Schiff

zu retten, oder Mundvorrat auf die Seite zu bringen; er habe

den Leuten nicht ’mal erlaubt, das was sie bereits hatten, in

die Boote zu bringen; er gehe bei der Austeilung des Essens

parteilich vor, indem er uns begünstige. X. fragte Cox neulich,

ob er lieber hungern oder Menschenfleisch essen wolle. Cox

antwortete, er würde hungern, worauf der andere versetzte, das

wäre ja einfach Selbstmord. Wenn wir die Amerikanischen Inseln

nicht finden, thun wir gut, uns auf alles gefaßt zu machen. X.

ist der lauteste von allen.

Antwort: Ich denke, wir können uns auf A. und auf B. verlassen;

außerdem auf Cox, nicht wahr?

Zweiter Zettel: Ich glaube es auch; außerdem höchst

wahrscheinlich noch auf C.; aber darauf ist nicht bestimmt zu

rechnen; ganz sicher sind nur B. und Cox. Wenn ich Cox richtig

verstehe, so ist bis jetzt noch nichts Bestimmtes besprochen

oder abgemacht: aber Hungernde sind unzurechnungsfähig. Es wäre

gut wenn du auf dein Pistol und die Patronen aufpaßtest, damit

sie uns nicht gestohlen werden.

Aus Henrys Tagebuch:

6. Juni. Wir kamen bei Seetang vorüber und bemerkten etwas, das

wie ein alter Baumstamm aussah, aber keine Vögel! Wir fangen

an zu befürchten, daß die Inseln nicht da sind. Heute wurde

dem Kapitän ganz laut vor allen Leuten gesagt, einige von den

Matrosen würden unbedenklich Menschenfleisch essen, falls einer

von uns sterben sollte, doch würden sie niemanden totschlagen.

Entsetzlich! Gott erhalte uns allen unsere Vernunft und erspare

uns solche Greuel. »Vor Seuche, Pest und Hungersnot, vor Krieg

und Mord und plötzlichem Tod, bewahr’ uns lieber Herre Gott!«

Aus Samuels Tagebuch:

6. Juni. 16° 30´ n. Br. 134° w. L. (nach dem Chronometer).

Trockene Nacht. Der Wind ist steif genug, sodaß das Segel

nicht geändert zu werden braucht; heute morgen mißlang ein

Versuch, es herunterzulassen, um den Schaden auszubessern.

Zuerst versuchte der Dritte Steuermann es; er kam auch bis

zur Blockrolle hinauf, mußte aber, beinahe ohnmächtig, wieder

herunter kommen, ehe er fertig war. Dann ging Joe hinauf;

beim zweiten Versuch konnte er die Taue vorläufig festmachen

und die Blockrolle mit nach unten bringen; aber es war eine

sehr anstrengende Arbeit und er war nachher den ganzen Tag

erschöpft. Wir müssen aber unbedingt das Segel in gute Ordnung

bringen, ehe wir alle unsere Kräfte verlieren.

Aus des Kapitäns Logbuch:

Nur noch drei Mahlzeiten übrig.

Aus Samuels Tagebuch:

7. Juni. Die Nacht war naß und ungemütlich. Heute haben wir die

volle Gewißheit, daß die Amerikanischen Inseln nicht vorhanden

sind. Gegen Mittag beschlossen wir, nicht mehr nach ihnen

auszuschauen; wir werden von heute abend an ein bißchen mehr

nördlich halten auf die Sandwichinseln zu. Die Passatwinde

sind uns günstig. Sollten wir weiter westlich sein, als es

nach unserem Chronometer der Fall ist, so wäre dies natürlich

zu unserem Vorteil; ich kann mir eigentlich nicht denken, daß

der Zeitmesser richtig geht, denn was für Stöße hat bei dem

Seegang, den wir hatten, das zartgebaute Instrument aushalten

müssen!

8. Juni. Mein Husten hat mich diese Nacht ziemlich gequält und

ich schlief daher fast gar nicht. Trotzdem befinde ich mich

ziemlich wohl und darf mich nicht beklagen. Gestern brachte

der Dritte Steuermann die Blockrolle wieder in Ordnung und

Harry kletterte bis zur Mastspitze hinauf und brachte glücklich

die Taue an ihren Platz, so daß das Segel jetzt schnell und

bequem zu handhaben ist. Bei dem Seegang, den wir haben, ist es

überhaupt nicht leicht bis zur Mastspitze hinaufzuklettern, nun

nehme man dazu, wie schwach mein Bruder jetzt ist! Wir konnten

Harry nur durch einen Extraschluck Wasser belohnen. Heute haben

wir gute Fahrt gemacht und gutes Wetter gehabt. Unser heutiges

Essen bestand für alle 15 zusammen aus einer halben Büchse

›Suppe mit Rindfleisch‹; die andere Hälfte ist für morgen

aufgespart. Henry hält sich immer noch großartig; er ist der

allgemeine Liebling. Gebe Gott, daß er am Leben bleibe!

Aus des Kapitäns Logbuch:

Unter der Mannschaft herrscht bessere Gesinnung.

Samuels Tagebuch:

9. Juni. 17° 53´ n. Br. Heute sind wir, so kann ich wohl

sagen, mit unseren Lebensmitteln gänzlich fertig geworden. Wir

haben bloß noch das untere Ende von einem Schinkenknochen,

woran noch ein bißchen von der äußeren Rinde und Haut ist. Der

Wasservorrat indessen reicht, wie ich glaube, bei der jetzigen

Einteilung noch für zehn Tage. Damit und mit der Nahrung,

die unsere Stiefelschäfte und andere kaubare Gegenstände uns

liefern werden, hoffen wir es noch auszuhalten, bis wir die

Sandwichinseln erreichen oder bis ein Schiff uns aufnimmt.

Ich setze meine Hoffnung auf den letzteren Fall, denn nach

menschlicher Berechnung werde ich den anderen nicht erleben.

Doch wir sind bisher in so wunderbarer Weise beschirmt worden

und Gott wird uns, so hoffe ich, auf Seine Art erhalten. Die

Leute werden schwächer, sind aber noch ruhig und ordentlich.

Sonntag, 10. Juni. Eine ziemlich gute Nacht gehabt; und heute

ist wieder ein schöner Sonntag! Ich fühle bis jetzt den

Nahrungsmangel nicht so sehr wie die Wassersnot. Sogar Henry,

der für gewöhnlich reichlich Wasser trinkt, kann ab und zu die

Hälfte von seiner Portion sich aufsparen; ich dagegen vermag

das nicht. Vielleicht liegt dies aber auch an meinem kranken

Hals.

Jetzt ist also _nichts_ mehr übrig, was man mit dem besten Willen

›Nahrung‹ nennen kann. Und doch müssen sie sich noch über 5 Tage

hinweghelfen, denn von der Mittagsstunde an haben sie noch 800 Meilen

vor sich. Jetzt beginnt ein Rennen auf Leben und Tod. Ich gebe von

jetzt an ohne unterbrechende Bemerkungen des jüngeren Bruders Tagebuch.

Henry Ferguson schreibt:

Sonntag, 10. Juni. Unser Schinkenbein hat uns heute einen

Geschmack von Essen gegeben und wir haben für morgen noch den

Rest von dem Knochen. Ganz gewiß gab es niemals auf der Welt

so einen köstlichen Knabberknochen, der so mit Wonne genossen

wurde. Es kommt mir vor als ob ich mich nicht schlechter

befinde als am vorigen Sonntag, trotz der Einschränkung im

Essen; ich glaube bestimmt, daß wir alle die Kraft haben, die

Leiden und Strapazen der nächsten Woche noch auszuhalten.

Unserer Schätzung nach sind wir keine 700 Meilen mehr von den

Sandwichinseln und da unsere Tagesleistung durchschnittlich

etwa 100 Meilen beträgt, so sind unsere Hoffnungen nicht

unvernünftig. Gebe der Himmel, daß wir alle Land sehen!

11. Juni. Aßen das Fleisch und die Haut, die an unserem

Schinkenbein saß und haben für morgen noch die Speckschwarte.

Gott sende uns Vögel oder Fische und lasse uns nicht Hungers

sterben, oder zu der furchtbaren Notwendigkeit getrieben

werden, uns von Menschenfleisch zu nähren. So wie ich mich

jetzt fühle, bin ich überzeugt, daß nichts mich dazu bringen

könnte; aber man kann nicht sagen, was man thun wird, wenn man

halbtot vor Hunger und seines Verstandes nicht mehr mächtig

ist. Ich hoffe und bete, wir mögen die Inseln erreichen, ehe

wir in solche Not kommen; aber wir haben einen oder zwei

verzweifelte Gesellen an Bord, wenn sie sich auch jetzt ganz

ruhig verhalten. _Es ist mein fester Glaube und meine innige

Zuversicht, daß wir werden gerettet werden._[4]

[4] An diesem Tage verzeichnet der Kapitän in seinem Logbuch

nur die drei Worte: »Nahrungsmittel gänzlich aufgezehrt.«

Gleichzeitig wurde entdeckt, daß die wahnsinnigen Matrosen

sich in den Kopf gesetzt hatten, der Kapitän habe hinten

beim Steuer _eine Million Dollars in Gold_ versteckt; sie

waren damit umgegangen, ihn und die Passagiere zu ermorden

und sich des Geldes zu bemächtigen.

M. T.

12. Juni. Steife Brise. Wir fliegen dahin -- gerade auf die

Inseln los. Gute Hoffnung -- aber die Aussicht auf die nächsten

Hungertage sind fürchterlich. Aßen heute Schinkenknochen. Der

Kapitän hat Geburtstag; er ist 54 Jahre alt.

13. Juni. Die letzten Splitter vom Schinkenknochen sind jetzt

alle; wir finden die Stiefelschäfte sehr schmackhaft, nachdem

wir das Salz aus ihnen herausgesogen haben.

14. Juni. Der Hunger thut uns nicht so sehr weh; aber wir sind

entsetzlich schwach. Unser Wasser wird gefährlich knapp. Gott

gebe, daß wir bald Land sehen. _Nichts zu essen_ -- fühle mich

aber besser als gestern. Sahen gegen Abend einen prachtvollen

Regenbogen -- den ersten seit Antritt unserer Reise. Der

Kapitän sagte: »Lustig, Jungen! Das ist ein Wahrzeichen -- _es

ist der Bogen der Verheißung_!«

15. Juni. Gott sei ewig gepriesen für Seine unendliche Gnade:

=Land in Sicht!= Wir kamen schnell näher und waren bald der

Thatsache _gewiß_! ... Zwei prächtige Kanaken kamen zu uns

herausgeschwommen und brachten das Boot an Land. Wir wurden

voller Freuden von zwei Weißen aufgenommen: Mr. Jones und

seinem Hausdiener Charley; dazu kam ein ganzer Schwarm von

Eingeborenen, Männer, Weiber und Kinder. Sie nahmen uns

prächtig auf -- halfen uns, trugen uns das Ufer hinauf und

brachten uns Wasser, Poi, Bananen und grüne Kokosnüsse; aber

die Weißen paßten auf, daß wir nicht zu viel aßen. Alle waren

über die Maßen froh uns zu sehen und drückten mit Mienen,

Gebärden und Worten ihre Teilnahme aus. Dann wurden wir nach

dem Hause hinaufgetragen; wir hatten das Tragen allerdings auch

nötig! Mr. Jones und Charley sind die einzigen Weißen hier.

Bewirteten uns großartig! Gaben zuerst einem jeden von uns

einen Theelöffel voll Branntwein in Wasser, dann eine Tasse

heißen Thees mit ein wenig Brot. Wir haben alle erdenkliche

Pflege bei ihnen. Nachher gaben sie uns noch eine Tasse Thee

und wieder etwas Brot. Dann ließen sie uns allein, damit wir

schlafen sollten ... _Heute ist der glücklichste Tag meines

Lebens!_ ... Gott in Seiner Gnade hat unser Gebet erhört ...

Alle Menschen sind so freundlich. Finde keine Worte dafür.

16. Juni. Mr. Jones gab uns ein köstliches Bett, und wir

hatten auch eine gute Nachtruhe; aber schlafen konnten wir

nicht -- dazu waren wir zu glücklich. Wir fürchteten wenn

wir einschliefen, so möchten wir aufwachen und finden, daß

alles eine Täuschung wäre und wir uns wieder in unserem Boot

befänden. Wir zogen die Wirklichkeit vor.

Es ist ein erstaunliches Abenteuer. Es giebt nichts Aehnliches,

was es im Möglichmachen von Unmöglichkeiten übertrifft. In _einer_

außerordentlichen Einzelheit -- daß nämlich _alle_ Insassen des Bootes

am Leben bleiben -- steht es wahrscheinlich unter den Abenteuern

dieser Art einzig da. Gewöhnlich hält nur ein Teil der Bootsbesatzung

es aus -- hauptsächlich Offiziere und andere gebildete Leute, die

an schwere Arbeit und Entbehrungen nicht gewöhnt sind; die derben

Faustarbeiter unterliegen. Aber in diesem Fall überstanden auch die

rauhen und rohen Gesellen Hunger und Elend so gut wie die beiden jungen

Studenten und der Kapitän. Das heißt: körperlich! Geistig brachen die

meisten Matrosen in der vierten Woche zusammen. Immerhin war die von

ihnen an den Tag gelegte körperliche Ausdauer erstaunlich. Natürlich

war das nicht das Verdienst der Leute, sondern es war lediglich der

Willenskraft und geistigen Ueberlegenheit des Kapitäns zuzuschreiben.

Ohne ihn wären sie gewesen wie Kinder ohne Aufsicht; sie hätten binnen

einer Woche ihre Lebensmittel aufgezehrt und ihr Mut hätte nicht einmal

so lange ausgehalten wie die Lebensmittel.

Zuguterletzt wäre das Boot beinahe noch gescheitert! Als es der Küste

nahe kam, wurde das Segel heruntergelassen; dann sah aber der Kapitän,

daß sie langsam auf ein fürchterliches Riff zutrieben und es wurde ein

Versuch gemacht, das Segel wieder hochzuziehen. Aber es ging nicht; die

Kräfte waren völlig erschöpft, die Matrosen konnten nicht einmal mehr

ein Ruder halten. Sie waren hilflos und dem Tode verfallen. In diesem

Augenblick wurden sie von den beiden Kanaken entdeckt, die zu ihnen

hinaus schwammen und das Boot durch eine enge, kaum bemerkbare Lücke im

Riff lotsten -- die einzige Lücke auf eine Strecke von 35 Meilen!

Binnen zehn Tagen nach der Landung waren alle bis auf einen wieder auf

den Beinen und konnten herumkriechen. Eigentlich hätten sie an der

›Nahrung‹ der letzten paar Tage sterben müssen; wenigstens einige von

ihnen, die ihre Mägen mit Lederstreifen von alten Stiefeln und mit

Spähnen von der Buttertonne beladen hatten; sie wurden das Zeug nicht

durch Verdauung, sondern auf irgend eine andere unaufgeklärte Weise

wieder los! Der Kapitän und die beiden Passagiere hatten kein Leder und

keine Spähne gegessen, wie die Matrosen, sondern sie _schabten_ die

Stiefel und das Butterholz und machten mit Wasser einen Brei davon. Der

Dritte Steuermann erzählte mir, die Stiefel wären alt und voll von

Löchern gewesen; und gedankenvoll setzte er hinzu: »Aber die Löcher

waren am besten zu verdauen.« Da ich eben von Verdauung sprach, so will

ich einen bemerkenswerten Umstand anführen: während dieser seltsamen

Reise und noch eine Zeitlang, als sie schon an Land waren, setzten bei

einigen von den Leuten die Gedärme völlig ihre Arbeit aus, und zwar

zwanzig bis dreißig Tage, in einem Fall sogar dreiundvierzig Tage lang!

Auch der Schlaf hörte auf, und trotzdem schadete es den Leuten nichts.

Viele Tage lang -- ich glaube, einundzwanzig hintereinander -- schlief

der Kapitän überhaupt nicht.

Nach der Landung gelang es, alle Geretteten davon abzuhalten, daß sie

sich überaßen -- ausgenommen den Portugiesen. Der entkam dem Wärter

und aß eine unglaubliche Menge Bananen. Hundertzweiundfünfzig, sagte

der Dritte Steuermann, wären’s gewesen; aber dies war unzweifelhaft

eine Uebertreibung -- ich denke es waren nur hunderteinundfünfzig.

Er war schon beinahe ganz voll von Leder; es hing ihm zu den Ohren

heraus. (Dies berichte ich nicht auf Grund der Aussage des Dritten

Steuermanns, sondern ich übernehme selbst die Verantwortung dafür.)

Der Portugiese hätte natürlich daran krepieren sollen und es thut einem

sogar jetzt noch beinahe leid, daß er’s nicht that. Aber er erholte

sich und zwar so schnell wie alle andern -- trotz allem Leder und

Butterholz und Taschentüchern und Bananen, die er in sich hatte. Einige

von den Matrosen aßen nämlich in den letzten Tagen Taschentücher, auch

Strümpfe. Zu diesen gehörte auch er.

Es ist ein gutes Zeichen für die Leute, daß sie den Kikerikihahn nicht

schlachteten, der jeden Morgen so wacker krähte. Er lebte 18 Tage lang;

dann stand er auf, streckte seinen Hals lang und machte einen tapferen

aber schwachen Versuch, noch einmal seine Pflicht zu thun. Dabei starb

er. Ein interessantes Bild. Bemerkenswert ist auch der Regenbogen

-- der einzige, den man in den 43 Tagen sah; er erhob sich wie ein

Triumphthor in die Lüfte, unter welchem die standhaften Streiter als

Sieger in den Hafen der Rettung segelten!

Mit Lebensmitteln für 10 Tage vollbrachte Kapitän Josiah Mitchell diese

denkwürdige Reise von 43 Tagen und 8 Stunden in einem offenen Boot --

eine Segelfahrt von 4000 Meilen, die sie wirklich zurücklegten, und

3360 Meilen in der Luftlinie -- und brachte jeden Mann gesund an Land.

Ein aufgeklärter, einfacher, ungezwungener, tapferer Mann und lieber

Gesellschafter. Ich spazierte 28 Tage lang mit ihm auf Deck -- (wenn

ich nicht in der Kajüte saß und die Tagebücher abschrieb) -- und ich

erinnere mich seiner in Verehrung. Wenn er noch lebt, ist er jetzt 86

Jahre alt.

Samuel Ferguson starb, wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, bald

nach unserer Ankunft in San Francisco. Ich glaube nicht, daß er noch

sein Elternhaus erreichte; seine Krankheit war durch die Strapazen sehr

verschlimmert worden.

Eine Zeitlang hoffte man, daß man auch von den beiden kleinen Booten

etwas vernehmen würde -- aber diese Hoffnung wurde nicht erfüllt. Sie

gingen ohne Zweifel unter und mit ihnen alle, die an Bord waren, auch

der ritterliche Obersteuermann.

Die Verfasser der Tagebücher erlaubten mir, sie genau so, wie sie

niedergeschrieben waren, abzuschreiben und die Auszüge, die ich daraus

gegeben habe, sind in keiner Weise überarbeitet oder verbessert. Die

beiden letzten Eintragungen in Henrys Tagebuch sind durch keine Kunst

besser zu machen: sie sind litterarisches Gold.

Ich hatte die Tagebücher 32 Jahre lang nicht angesehen, aber ich finde

sie haben in diesem Zeitraum nichts verloren. Verloren? Gewonnen

haben sie! Denn ein unerklärliches Gesetz will, daß menschliche

Tragik durch die Perspektive der zeitlichen Entfernung an Interesse

gewinnt. Wir werden uns dessen bewußt, wenn wir in Neapel sinnend

vor der armen Mutter aus Pompeji stehen, die vor 18 Jahrhunderten

in dem weltgeschichtlichen Aschenregen unterging. Sie liegt da, das

Kind, das sie zu retten versuchte, an ihren Busen gedrückt und ihr

verzweiflungsvoller Schmerz ist durch die grause Hülle, die ihr den Tod

brachte, auf unsere Tage gebracht worden. Die glühende Lava nahm ihr

das Leben, aber sie überlieferte ihre Gestalt und ihre Gesichtszüge der

Ewigkeit. Sie rührt uns, sie verfolgt uns, beschäftigt tagelang unsere

Gedanken -- warum? Das wissen wir nicht, denn sie ist nichts für uns,

sie ist 1800 Jahre lang für keinen Menschen etwas gewesen. Würde uns

dagegen heutigen Tages ein solcher Fall vorkommen, so würden wir sagen:

»Die arme Frau! Was für ein Jammer!« -- und hätten sie in einer Stunde

vergessen.

Noch einmal ›Gedankentelegraphie‹.

Ich habe drei oder vier eigentümliche Erlebnisse zu erzählen. Wie mir

scheint, gehören sie unter die Rubrik ›Gedankentelegraphie‹, worüber

ich vor Jahren schon einen Aufsatz veröffentlichte.[5]

[5] Enthalten im ›Skizzenbuch‹; Band 3 der ›Humoristischen

Schriften‹.

Vor etlichen Jahren machte ich mit Herrn George W. Cable eine

Rundreise, um Vorträge zu halten. In Montreal wurde uns zu Ehren ein

Empfang veranstaltet. Er begann um zwei Uhr nachmittags in einem langen

Salon im Windsorhotel. Herr Cable und ich standen am einen Ende des

Raumes, die Damen und Herren traten am anderen Ende ein, gingen die

lange Wand linker Hand entlang, schüttelten uns die Hand, sagten ein

oder zwei Worte und gingen weiter -- die übliche Geschichte. Mein

Auge ist wie ein Fernrohr, und plötzlich sah ich in dem Gedränge von

Fremden, die sich weit da hinten zur Tür hineinschoben, ein bekanntes

Gesicht. Ich dachte voll Ueberraschung und zugleich voll Freude bei

mir selber: »’s ist Frau R.; ich hatte ganz vergessen, daß sie eine

Kanadierin ist.« Sie war in meinen Jugendtagen in Carson City, Nevada,

sehr befreundet mit mir gewesen. Seit zwanzig Jahren hatte ich nichts

mehr von ihr gesehen oder gehört. Es war kein Anlaß vorhanden, sie

mir in die Erinnerung zu bringen; sie hatte tatsächlich schon seit

langer Zeit aufgehört für mich zu existieren und war mir völlig aus

dem Gedächtnis entschwunden. Aber ich erkannte sie augenblicklich; ich

sah sie so klar und deutlich, daß ich einige Kleinigkeiten an ihrem

Anzug bemerken konnte; ich bemerkte sie tatsächlich und behielt sie im

Gedächtnis. Ungeduldig wartete ich darauf, daß sie näher herankäme.

Mitten unter all dem Händedrücken warf ich ab und zu einen schnellen

Blick auf sie, und ich sah, wie sie in der langsam vorrückenden Reihe

immer näher kam; als sie an der linken Wand war, konnte ich ihr Gesicht

von vorne sehen. Als ich sie zuletzt bemerkte, war sie 25 Fuß von mir

entfernt. Eine Stunde lang dachte ich fortwährend, sie müsse doch

irgendwo im Salon sein und würde zuletzt noch zu mir kommen. Aber in

dieser Erwartung hatte ich mich getäuscht.

Als ich am Abend den Vorlesungssaal betrat, sagte jemand zu mir:

»Bitte, kommen Sie mit nach dem Wartesaal; es ist jemand da, der Sie

kennt und Sie gerne sehen möchte. Ich werde Sie nicht vorstellen; Sie

sollen wenn möglich die betreffende Person selber erkennen.«

Ich dachte bei mir selbst: »Es ist Frau R.; die Sache wird sehr einfach

sein.«

Es saßen etwa zehn Damen im Saal; mitten unter ihnen, ganz wie ich’s

erwartet hatte, Frau R. Sie war genauso angezogen, wie ich sie am

Nachmittag gesehen hatte. Ich ging auf sie zu, gab ihr die Hand,

begrüßte sie mit ihrem Namen und sagte:

»Ich erkannte Sie heute nachmittag im selben Augenblick als Sie den

Saal betraten.«

Sie sah mich überrascht an und antwortete: »Aber ich war ja gar nicht

beim Empfang. Ich komme gerade eben von Quebec an und bin noch keine

Stunde hier in der Stadt gewesen.«

Nun war ich an der Reihe überrascht zu sein. Ich sagte:

»Es ist aber doch so. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß es genau so

ist, wie ich sage. Ich sah Sie beim Empfang, und Sie waren genau so

gekleidet wie jetzt. Als man mir vor einem Augenblick sagte, ich würde

einen Bekannten in diesem Zimmer finden, da stieg Ihr Bild vor mir

auf, in Kleidern und allem anderen genau so, wie ich Sie beim Empfang

gesehen hatte.«

Dies sind die Tatsachen. Sie war weder beim Empfang noch irgendwo

in der Nähe; trotzdem sah ich sie dort, klar und deutlich und

unverkennbar. Darauf könnte ich einen Eid leisten. Wie soll man so

etwas erklären? Ich dachte nicht etwa in dem Augenblick an sie; ich

hatte seit Jahren nicht an sie gedacht. Aber ohne Zweifel hatte sie

an mich gedacht. Flitzten vielleicht ihre Gedanken meilenweit durch

die Lüfte zu mir und brachten mit sich das deutliche, hübsche Bild der

Dame? Ich glaube es.

Dies war und bleibt mein einziges Ergebnis in Bezug auf Erscheinungen

-- ich meine Erscheinungen, die man in hellwachem Zustande sieht. Ich

hätte vielleicht für einen Augenblick eingeschlafen sein können; dann

wäre die Erscheinung ein Traumgebilde. Aber diese Möglichkeit kommt

hier gar nicht in Frage; das Interessante dabei ist, daß es gerade in

dem betreffenden Augenblick passierte -- nicht früher und nicht später;

dies ist ein Beweis dafür, daß der Ursprung in Gedankenübertragung zu

suchen ist.

Mein nächstes Erlebnis wird wohl von den meisten Leuten als reines

zufälliges Zusammentreffen erklärt werden:

Adams Tagebuch, und andere Erzählungen · 第 11 / 12 段