Boote stießen ab, ruderten ein kleines Stück hinweg und hielten dann.
Die beiden beschädigten hatten jedes einen bösen Leck; einige von den
Leuten mußten fortwährend das Wasser ausschöpfen, andere verstopften
die Löcher, so gut sie konnten. Der Kapitän, die beiden Passagiere und
elf Mann waren im Langboot; sie hatten einen Teil der Lebensmittel
und des Wassers und es war kein Platz übrig, denn das Boot war nur 21
Fuß lang, 6 breit und 3 tief. Der Obersteuermann und 8 Mann waren in
dem einen von den kleinen Booten, der Zweite Steuermann und 7 Mann
im anderen. Die Passagiere hatten von ihren Kleidern bloß die Mäntel
gerettet, dazu die Sachen, die sie auf dem Leibe trugen. Das Schiff in
seinem Flammenmantel und mit der gewaltigen Säule von schwarzem Qualm,
die sich gen Himmel erhob, bot in der Einsamkeit des Weltmeers einen
großartig malerischen Anblick und Stunde auf Stunde saßen die von ihrem
Obdach Vertriebenen und starrten auf dieses Bild. Inzwischen berechnete
der Kapitän die ungeheure Entfernung, die zwischen ihm und dem nächsten
erreichbaren Land lag und setzte dann die Rationen fest, die ihnen in
ihrer Not zur Verfügung standen: einen halben Zwieback zum Frühstück,
einen Zwieback und ein bißchen Büchsenfleisch zum Mittag, einen
Zwieback als Abendessen; zu jeder dieser Mahlzeiten ein paar Schluck
Wasser. Und so begann der Hunger bereits zu nagen, während das Schiff
noch brannte.
4. Mai. Das Schiff brannte die ganze Nacht lichterloh und wir
hegen einige Hoffnung, daß irgend ein Schiff den Feuerschein
gesehen hat und auf uns zu hält. Wir haben indessen bis heute
Vormittag keins bemerkt und uns deshalb entschlossen, alle
zusammen Nord zum West zu halten; es liegen einige Inseln 18°
oder 19° n. Br. und 114° oder 115° w. L. und wir hoffen in der
Zwischenzeit von einem Schiff aufgelesen zu werden. Das Schiff
sank plötzlich um 5 Uhr in der Frühe. Wir finden die Sonne sehr
heiß, sie versengt uns die Haut; aber wir alle wollen nach
Kräften versuchen, unser Leben zu retten.
Sie thaten nunmehr etwas sehr Natürliches: sie warteten noch etliche
Stunden auf das Schiff, das möglicherweise den Feuerschein gesehen
hatte und natürlich nur langsam durch die fast totenstill daliegende
See herankommen konnte. Endlich gaben sie diese Hoffnung auf und
setzten ihren Plan fest. Ein Blick auf die Karte wird dem Leser
zeigen, daß ihr Kurs leicht zu bestimmen war. Die Albemarleinsel
(von der Galapagosgruppe) liegt genau östlich beinahe 1000 Meilen
entfernt; das im Tagebuch ziemlich unbestimmt als ›einige Inseln‹
bezeichnete Land (die Revilla-Gigedo-Inseln) liegen, nach der Schätzung
der Schiffbrüchigen, in einer nur sehr unsicher bestimmten Richtung
ungefähr 1000 Meilen nördlich und 100 oder 150 Meilen westlich;
Acapulco, an der mexikanischen Küste, liegt ziemlich genau nordöstlich,
nicht ganz 1000 Meilen entfernt. Man wird sagen: »Felseninseln, die
einsam im Weltmeer liegen, können ihnen nichts nützen; mögen sie doch
auf Acapulco und das Festland zuhalten!« Es sieht allerdings aus, als
ob dies der natürliche Kurs sei, aber wenn man die Tagebücher liest, so
errät man sofort, daß eine solche Fahrt ganz unvernünftig gewesen wäre
-- in der That, der reine Selbstmord! Hätten die Boote auf Albemarle
zugehalten, so wären sie den ganzen Weg über in den Doldrums[2]
gewesen; und das hätte sicheren Untergang in den Fluten bedeutet,
denn die Winde sind dort völlig verrückt, blasen aus allen Richtungen
der Windrose gleichzeitig und außerdem noch von obenher. Hätten die
Boote versucht, Acapulcos zu erreichen, so wären sie auf halbem Wege
aus den Doldrums herausgekommen -- vorausgesetzt, sie hätten diesen
Punkt erreicht -- und wären dann in kläglicher Lage gewesen, denn
dort hätten ihnen die nordöstlichen Passatwinde gerade in die Zähne
geweht, und die Boote waren so mangelhaft aufgetakelt, daß sie nicht
binnen 8 Strichen des Kompasses segeln konnten. Sie steuerten also sehr
vernünftigerweise nordwärts mit einer kleinen Abweichung nach Westen.
Ihre Lebensmittel reichten bei knapper Einteilung nur für zehn Tage;
das Langboot hatte die beiden anderen im Schlepptau; sie konnten nicht
mit Sicherheit darauf rechnen, in den Doldrums ein nennenswertes Stück
vorwärts zu kommen -- und sie hatten noch vier- bis fünfhundert Meilen
in den Doldrums vor sich. Diese Doldrums sind der wirkliche Aequator,
ein tausend oder zwölfhundert Meilen breiter wogender, brüllender,
regengepeitschter Belt, der den Erdball umgürtet.
[2] Mit ›Doldrums‹ bezeichnet man den Teil des Oceans nahe
dem Aequator, wo häufig Windstillen, Böen und schwache,
unstätige Winde vorkommen.
Die erste Nacht hindurch regnete es stark, und alle wurden durchnäßt,
aber sie füllten dadurch ihr Wasserfaß. Die Brüder saßen am Heck
beim Kapitän, der das Ruder führte. Das Boot war gedrängt voll; kein
einziger bekam viel Schlaf.
Der nächste Morgen war stürmisch, böig und regnerisch. Schwerer und
gefährlicher ›kurzer‹ Seegang. Man wundert sich, wie solche Boote ihn
überstehen konnten. Es gilt als ein verzweifeltes Wagestück, wenn ein
Mann mit einem Hund in einem Nachen von der Größe eines Langboots den
Atlantischen Ocean durchquert -- und es ist auch wirklich eins. Aber
_dieses_ Langboot war überladen mit Menschen und Sachen und nur drei
Fuß tief.
Natürlich dachten wir oft an alle Lieben zu Hause; wir freuten
uns als uns einfiel, daß heute Abendmahlssonntag ist und daß
unsere Freunde Gebete für uns zum Himmel senden, obwohl sie von
unserer Gefahr nichts wissen.
Der Kapitän gönnte sich während der ersten drei Tage und Nächte
nicht einmal ein Nickerchen, aber in der vierten Nacht nahm er ein
paar Augen voll Schlaf. Ungefähr um 10 Uhr änderte er den Kurs und
steuerte ost-nordöstlich, in der Hoffnung die Felseninsel Clipperton
zu erreichen. Verfehlte er sie, so machte das nichts aus; er würde es
dann näher nach den anderen Inseln haben, die das ursprüngliche Ziel
bildeten. Ich will hier gleich erwähnen, daß er den Felsen nicht fand.
Am 8. Mai war den ganzen Tag kein Wind, glühend sengte die Sonne; sie
griffen zu den Riemen. Delphine waren in Menge sichtbar, aber sie
konnten keinen einzigen fangen.
Ich glaube wir alle beginnen uns mehr und mehr der furchtbaren
Lage bewußt zu werden, worin wir uns befinden ... Ein Schiff
braucht oftmals eine volle Woche, um durch die Doldrums zu
kommen -- wie lange also erst eine Nußschale wie die unsrige?
... Wir sitzen so gedrängt, daß wir uns nicht ausstrecken
können, um ’mal einen guten Schlaf zu thun.
Dieser letzterwähnte Umstand wurde natürlich mit der Zeit immer
beschwerlicher, aber es liegt in der menschlichen Natur, solche
Unannehmlichkeiten nur im Anfang besonders zu erwähnen. Diese Qual
dauerte noch fünf Wochen -- dessen müssen wir uns erinnern, da der
Tagebuchschreiber nichts davon sagt; unsere Betten werden uns dadurch
um so weicher vorkommen.
Henry befindet sich gut; aber er brütet mehr über unsere Lage
als mir lieb ist ... Wir fingen zwei Delphine, sie schmeckten
gut ... Der Kapitän glaubte, der Kompaß sei nicht in Ordnung,
aber der seit lange unsichtbar gewesene Polarstern trat hervor
-- ein willkommener Anblick! -- und bestätigte die Angabe des
Kompasses.
10. Mai. 7° 0´ 13´´ n. Br., 111° 32´ w. L. Wir haben also in
den 6 Tagen, seitdem wir das Schiff verließen, ungefähr 300
Meilen nach Norden gemacht. Heute treiben wir den ganzen Tag
in Kalmen. Dabei werden wir von der Hitze gebraten. Wie der
Kapitän sagt: alles Romantische ist längst entschwunden; wir
kommen nur sehr langsam vorwärts; vom hintersten Boot kommen
schlimme Nachrichten; die Leute sind unverständig, sie haben
all ihr Büchsenfleisch, das vom Schiff mitgenommen wurde,
aufgegessen und werden jetzt unzufrieden. Nicht so die Leute
des Obersteuermanns; diese stehen offenbar unter den Augen
eines _Mannes_.
11. Mai. Wir liegen still! Oder noch schlimmer: wir verloren in
der letzten Nacht mehr Fahrt, als wir gestern gemacht hatten --
wir sind drei volle Meilen von den mühsam zurückgelegten 300
wieder zurückgekommen.
Der Hahn der von dem brennenden Schiff in unser Boot gerettet
wurde, lebt noch immer und kräht jeden Morgen, wenn der Tag
anbricht; das heitert uns wirklich auf ... Wovon hat er die
ganze Woche über gelebt? Haben die hungernden Männer ihn von
ihren armseligen Bissen noch mitgefüttert? ... Des Zweiten
Steuermanns Boot hat wieder kein Wasser mehr -- ein Zeichen,
daß sie mehr trinken, als sie dürfen. Der Kapitän sprach
ziemlich scharf zu ihnen.
Noch immer lugten sie hoffnungsvoll nach Schiffen aus. Der Kapitän war
ein bedächtiger Mann und ließ sie bei ihrem Glauben; er selbst wußte
ohne Zweifel, daß ihr Ausspähen im Grunde nur Zeitvergeudung war.
In diesen Breiten sind am Horizont oftmals aufrechtstehende
Wölkchen, die genau wie Schiffsegel aussehen ... Ich hatte drei
Flaschen Branntwein von unserem Privatvorrat in Sicherheit
gebracht; sie leisteten uns in diesen Tagen gute Dienste. Der
Kapitän giebt jedem Mann von der Wache zwei Eßlöffel voll,
halb Branntwein, halb Wasser ... Die Leute halten regelmäßig
Wache -- vier Stunden Dienst, vier Stunden Ruhe ... Der
Obersteuermann ist ein ausgezeichneter Offizier. Ich bot ihm
eine Flasche Branntwein an, aber er lehnte sie ab; er sagte, er
könnte auch im hintersten Boot Ruhe halten und wir hätten nicht
genug für alle.
13. Mai. Heute nacht brachte der Ruf: Ein Schiff! uns alle auf
die Beine. Es schien, als ob die Signallaterne eines Schiffes
sich aus der See erhebe. In atemloser Hoffnung standen wir,
die Hand über den Augen haltend, und das Herz stak uns in der
Kehle. Dann brach die Hoffnung zusammen: das Licht war ein
aufgehender Stern. Ich dachte heute oft an unsere Leute daheim;
wie enttäuscht werden sie nächsten Sonntag sein, wenn sie kein
Telegramm von uns aus San Francisco bekommen.
Es sollte noch manche Woche dauern bis dies Telegramm ankam; aber
dann kam es wie ein Blitz aus dem Himmel, wie ein freudenbringendes
Wunderzeichen -- ein Lebenszeichen von lieben Menschen, die
schon als tot betrauert waren. Am 13. Mai verzeichnet Ferguson,
daß die Tagesration auf einen Viertel-Zwieback für jede Mahlzeit
heruntergesetzt ist; dazu haben sie täglich ungefähr ein Viertelliter
Wasser. Und noch liegt mehr als ein Monat vor ihnen! Doch da sie dies
nicht wissen, so sind sie ›alle ziemlich vergnügt‹.
Am 14. Mai versetzt ein Ereignis sie in einen Freudentaumel von
Hoffnung: es kommt ein Landvogel! Er ruht sich eine Weile auf der Raa
aus und sie können ihn in aller Bequemlichkeit ansehen und können ihn
beneiden und ihm für die Botschaft danken. Als neuer Gesprächsstoff ist
dieser Vogel unermeßlich wertvoll: eine Abwechselung für die Zungen,
die bis zu tödlicher Ermüdung immer und immer wieder dieselbe Frage
besprechen: »Werden wir jemals wieder Land sehen -- und wann?« Ist der
Vogel von Clipperton-Rock? Sie hoffen es und sie glauben von Herzen
gern, was sie wünschen. Wie sich später herausstellte, war der Vogel
kein Bote des Heils gewesen; er hatte sie gefoppt.
Am 17. Mai vermerkt Kapitän Mitchell in seinem Logbuch: »Nur noch ein
halber Scheffel Zwieback übrig!« -- Und sie haben noch einen Monat über
die See zu wandern!
Es regnete die ganze Nacht und den ganzen Tag; ein unbehaglicher
Zustand für sie alle. Ein Schwertfisch jagte einen Boniten; das arme
Ding suchte Rettung unter dem Steuerruder des Langboots. Der große
Schwertfisch schoß fortwährend um das Boot herum, zum nicht geringen
Schrecken aller Insassen. Den Leuten lief das Wasser im Munde zusammen,
denn das Tier hätte ein ganzes Festessen gegeben; aber niemand wagte
natürlich die Bestie anzurühren, denn sie hätte ja sofort das Boot in
Grund gebohrt, wenn sie belästigt worden wäre. Die Vorsehung behütete
den armen Boniten vor dem wilden Schwertfisch. Das war recht und
billig. Dann kam die Vorsehung den schiffbrüchigen Seeleuten zu Hilfe:
sie fingen den Boniten. Das war ebenfalls recht und billig. Aber dabei
kam der Schwertfisch zu kurz. Er machte sich davon; wahrscheinlich
dachte er über diese knifflichen Fragen nach.
Die Mannschaft in allen drei Booten ist allem Anschein nach wohlauf;
der schwächste von den Kranken, der so lange Zeit an Bord keinen Dienst
hatte thun können, ›ist prächtig wiederhergestellt‹. Es ist der vom
Dritten Steuermann verabscheute Portugiese, der die ›ganze Familie von
Eiterbeulen gezüchtet hatte.‹
Am 19. Mai ließ der Kapitän die beiden kleinen Boote herankommen und
erklärte, eins von ihnen müsse auf eigene Hand weiterfahren; das
Langboot könne nicht länger alle beide schleppen. Der Zweite Steuermann
weigerte sich, aber der Obersteuermann war bereit; er war überhaupt
stets bereit, wenn eine _Männerarbeit_ zu thun war. Er übernahm das
hinterste Boot; sechs von den Leuten erklärten sich bereit darin zu
bleiben, zwei von seiner eigenen Mannschaft kamen mit ihm; im ganzen
waren also acht, den Obersteuermann eingerechnet, neun Mann im Boot.
Er segelte ab und kam gegen Sonnenuntergang den anderen außer Sicht.
Dem Tagebuchschreiber that es leid, daß er ging; das war natürlich: sie
hätten besser den Portugiesen missen können.
Jetzt nach 32 Jahren lebt meine Abneigung gegen diesen Portugiesen
wieder auf. Seit langer Zeit weiß ich nicht einmal mehr, wie er
aussieht -- aber einerlei, ich hasse ihn wieder inbrünstig wie nur je.
Wasser wird jetzt kostbar werden, denn da wir jetzt aus den
Doldrums herauskommen, so kriegen wir höchstens ab und zu einen
Regenschauer mit einem Passatwind.
Am 20. Mai erreichen sie 12° 0´ 9´´ n. Br. Sie müßten jetzt völlig
aus den Doldrums heraus sein -- aber sie sind noch drin. Keine Brise;
die langersehnten Passatwinde wollen immer noch nicht kommen. Sie
schauen immer noch sehnsüchtig nach einem Segel aus, aber sie haben
nur ›Visionen von Schiffen, die sich zu nichts verflüchtigen‹. Am
Nachmittag fängt der Zweite Steuermann einen Tölpel, einen Vogel, der
hauptsächlich aus Federn besteht; ›aber da sie kein anderes Fleisch
haben, so ist es willkommen‹.
Am 21. Mai erreichen sie endlich die Passatwinde. Der Zweite
Steuermann fängt noch drei Tölpel und giebt dem Langboot einen ab. Zum
›Mittagessen‹ giebt es eine halbe Kanne kleingeschnittenes Fleisch,
das unter die Leute verteilt wird und ihnen ›einige Kraft giebt‹. Ein
Mann muß fortwährend Wasser schöpfen, denn der Leck, den das Boot beim
Aussetzen bekam, war schlecht zugestopft. Der nächste Tag war ein recht
ereignisvoller.
22. Mai. Diese Nacht hatten wir den Wind von vorne, so daß
wir ost-südöstlich, dann wieder west-nordwestlich zu steuern
hatten, und so immer abwechselnd. Heute morgen weckte uns
plötzlich der Ruf: »Segel voraus!« Und wirklich, wir konnten
es sehen! Wir machten uns vom Boot des zweiten Steuermanns
frei und steuerten so, daß wir auf dem Schiff bemerkt werden
mußten. Es war ungefähr um halb sechs in der Frühe. Nachdem
wir ungefähr 20 Minuten lang in höchster Aufregung auf das
Segel zu gehalten hatten, erkannten wir, daß wir das Boot
des Obersteuermanns vor uns hatten. Natürlich freuten wir
uns, sie zu sehen und zu vernehmen, daß alle gesund waren;
aber es war doch für uns alle eine bittere Enttäuschung!
Jetzt, wo wir unter den Passatwinden sind, können wir, wie es
scheint, unmöglich so scharf nördlich halten, um die Inseln
zu erreichen. Wir haben beschlossen, unser Bestes zu thun,
um den von Schiffen befahrenen Strich der See zu erreichen.
Infolgedessen wurde es notwendig, auch das andere Boot seinem
Schicksal zu überlassen. So geschah es denn auch, aber erst
nach recht unerquicklichen Auseinandersetzungen und nachdem wir
noch einmal Wasser und Lebensmittel geteilt und den Matrosen
Cox aus ihrem Boot in das unsrige genommen hatten. Mit ihm sind
wir jetzt fünfzehn! Die Leute vom Boot des zweiten Steuermanns
verlangten, wir sollten sie alle bei uns aufnehmen und ihr Boot
treiben lassen. Es war ein sehr schmerzlicher Abschied.
Durch den westlichen Kurs verbessern sich unsere Aussichten,
von einem Schiff aufgenommen zu werden, aber jeden Tag
schmelzen unsere spärlichen Vorräte so sehr zusammen. Wenn wir
nicht die Fische, Delphine und Vögel gehabt hätten, so weiß ich
nicht, wie wir so weit hätten kommen können. Vorgestern erbot
ich mich, das Morgen- und Abendgebet zu lesen und that das
gestern abend zum erstenmal. Die Leute, obwohl verschiedenen
Nationen und Glaubensbekenntnissen angehörend, sind sehr
aufmerksam und nehmen die Hüte ab. Möge Gott meinen schwachen
Bemühungen Erfolg verleihen!
24. Mai. 14° 18´ n. Br. Zum Mittagessen auf den Mann fünf
Austern und drei Löffel voll Saft, einen Becher Wasser und ein
Stück Zwieback von der Größe eines Silberdollars. Wir werden
sichtlich immer schwächer -- habe Gott Gnade mit uns allen!
26. Mai. 15° 50´ n. Br. Wir haben einen fliegenden Fisch und
einen Tölpel gefangen, mußten sie aber roh essen! Die Leute
werden immer schwächer und, wie mir vorkommt, mutlos; sie sagen
jedoch sehr wenig.
Und so kommt zu all den anderen erdenkbaren und undenkbaren
Schrecknissen noch das Schweigen hinzu -- das stumme Vorsichhinbrüten,
das einem Verzweiflungsausbruch vorausgeht! Ferguson hofft, ›die
anderen Boote sind nach Westen verschlagen und aufgefischt worden.‹
(Man sollte von ihnen auf dieser Welt niemals wieder ein Wort hören!)
Sonntag, den 27. Mai. 16° 0´ 5´´ n. Br.; 117° 22´ w. L. nach
dem Chronometer. Unser vierter Sonntag! Als wir das Schiff
verließen, reichten nach unserer Berechnung unsere Vorräte etwa
für 10 Tage und jetzt hoffen wir bei strenger Einteilung noch
für eine weitere Woche damit auszukommen.[3] Vorige Nacht fiel
wieder ein fliegender Fisch ins Boot, und heute auch einer
-- beide waren nur klein. Keine Vögel. Ein Tölpel ist ein
großer Fang für uns, und ein recht großer giebt ein kleines
Mittagessen für uns fünfzehn ab -- d. h. natürlich was wir in
unserm Langboot ein Mittagessen nennen. Versuchte heute morgen
den ganzen Gottesdienst zu lesen, fand es aber zu viel für
meine Kräfte; bin zu schwach, werde schläfrig und kann nicht
scharf aufpassen; ich ließ daher die zweite Hälfte für heute
abend übrig. Ich vertraue auf Gott, daß Er die Gebete hören
wird, die heute zu Hause für uns zu Ihm emporsteigen und daß
Er sie gnädigst erhört, indem Er uns in unserer tiefen Not
Hilfe und Beistand sendet.
[3] Es lagen noch 19 Tage vor ihnen! M. T.
Am 29. Mai wurde der Hungerriemen abermals ein paar Löcher enger
zugezogen: die Brotportion wurde von der bisherigen Menge -- ein
Stückchen Zwieback jedesmal von der Größe eines Silberdollars -- auf
die Hälfte herabgesetzt und von den täglichen drei Mahlzeiten wurde
eine ausgelassen. Des Kapitäns Logbuch verzeichnet die Vorräte: Eine
halbe Gallone Brotschnitzel, der dritte Teil von einem Schinken, drei
kleine Büchsen Austern und zwanzig Gallonen Wasser.
Trotzdem erhält sich in den Tagebüchern der hoffnungsvolle Ton. Das ist
bemerkenswert! Das Boot ist jetzt, unter 16° 44´ n. Br. und 119° 20´
w. L., mehr als 200 Meilen westlich von den Revilla-Gigedo-Inseln;
diese zu erreichen, davon kann bei der mangelhaften Segeltüchtigkeit
des Bootes nicht die Rede sein, denn die Passatwinde wehen genau aus
Westen. Das nächste für ein solches Boot erreichbare Land ist die
›Amerikanische Inselgruppe‹, die 650 Meilen westwärts liegt! Trotzdem
ist keine Rede davon, den Kampf aufzugeben, ja es ist nicht einmal eine
Entmutigung zu bemerken. Und dabei heißt es am 30. Mai: »Jetzt haben
wir noch: eine Büchse Austern; drei Pfund Rosinen; eine Büchse Suppe;
den dritten Teil von einem Schinken; dreiachtel Gallonen Brotschnitzel.«
Sechshundertundfünfzig Meilen Wegs mit einem Hut voll Lebensmitteln!
Und zum Glück wissen sie nicht, daß sie nicht 650 Meilen, sondern 2200
noch zurückzulegen haben.
Der letzte Mai ist da. Und an diesem Tage ist ein Unglück zu
verzeichnen: Gestern waren noch drei Pinten Brotschnitzel übrig, heute
morgen wird der kleine Sack offen gefunden und _es fehlen ein paar
Stücke Zwieback_!
Es thut uns weh, jemanden wegen einer so schurkischen Handlung
im Verdacht haben zu müssen, aber es ist keine Frage, daß
dieses schwere Verbrechen begangen worden ist. In zwei Tagen
wird es mit den übrigen Brocken sicherlich zu Ende sein. Gott
gebe uns die Kraft, die amerikanische Gruppe noch zu erreichen.
Wie der dritte Steuermann mir in Honolulu erzählte, erinnerten
die Matrosen sich in jenen Tagen voll bitteren Aergers, daß der
Portugiese 22 Rationen gefressen hatte, als er auf dem Schiffsdeck
lag; nun verwünschten sie ihn und thaten einen Schwur, wenn es zu
Kannibalismus käme, so solle er zuerst für die anderen leiden. Samuel
Ferguson bemerkt vom Kapitän: »Er ist ein guter Mann und hat sich sehr
freundlich gegen uns benommen -- beinahe wie ein Vater. Er erzählte:
wenn ihm das Kommando des Schiffes etwas früher angeboten wäre, so
hätte er seine beiden Töchter mit an Bord genommen.« Man schaudert,
wenn man daran denkt, mit wie knapper Not die Mädchen dem Schiffbruch
entgingen!
An diesem letzten Mai vermerkt der Kapitän in seinem Logbuch:
Die beiden Mahlzeiten täglich bestehen jetzt aus folgendem: 14
Rosinen und ein Stück Zwieback von der Größe eines Pennys zum
Abendessen; ein Becher Wasser, ein Stück Schinken und ein Stück
Brot, beide von der Größe eines Pennys, zum Frühstück.
Hierzu ist zu bemerken, daß die Angabe ›von der Größe eines Pennys‹
sich nicht nur auf den Umfang sondern auch auf die Dicke bezieht. Der
Schinken wurde nach Samuel Fergusons Tagebuch so dünn geschnitten, wie
es nur mit einem ganz scharfen Messer möglich war.
1. Juni. Diese Nacht und heute ist das Wetter sehr böig und es
ist kein Zweifel, daß nur des Kapitäns Bedachtsamkeit -- nächst
Gottes fürsorglichem Schutz -- uns während dieser 24 Stunden
vor dem Untergang bewahrt hat. Es ist über alle Begriffe
wunderbar, wie jeder Bissen, der über unsere Lippen kommt, uns
gesegnet ist. Ich muß täglich an das Wunder mit den Fischen
und Broten denken. Henry benimmt sich prachtvoll; dies ist ein
großer Trost für mich. Wie es kommt, weiß ich selbst nicht,
aber ich hege große Zuversicht und hoffe, daß unsere Trauerzeit
bald enden wird, obwohl wir die befahrene Schiffsstraße nur
kreuzen und sehr bald weit davon weg sein werden. Unsere
Haupthoffnungen setzen wir auf einen Walfischfänger oder ein
Kriegsschiff, oder auf irgend einen Australier. Die Inseln, auf
die wir steuern, sind im ›Bowditch‹ angegeben, aber nach meiner
Karte soll es zweifelhaft sein, ob sie an der betreffenden
Stelle wirklich vorhanden sind. Gebe Gott, daß sie da seien!
Zweifelhaft! Es war schlimmer: eine Woche später segelten sie über die
Inseln weg!
Aus dem Logbuch des Kapitäns:
2. Juni. Nur noch zwei kümmerliche Tagesvorräte; zehn Rationen
Wasser für den Mann und ein Häppchen Brot. _Aber die Sonne
scheint und Gott ist barmherzig._
Aus Samuel Fergusons Tagebuch:
Sonntag, 3. Juni. Unser Zustand wird allmählich fürchterlich.
Ich ging, oder kroch vielmehr, heute morgen nach dem vorderen
Ende des Bootes und war überrascht, wie außerordentlich schwach
ich war, besonders in den Knieen und überhaupt in den Beinen.
Die Sonne hat wieder geschienen, ich habe einige von meinen
Sachen trocknen können und hoffe auf eine bessere Nacht.