Antipoden zu machen, gab aber die Idee stets wieder auf, teils wegen
der Länge der Reise, teils weil meine Frau es nicht gut möglich machen
konnte, mich zu begleiten. Ende Januar letzten Jahres kam nach langer
Zwischenzeit plötzlich diese Idee mir wieder in den Kopf -- und zwar
mit aller Macht und anscheinend ohne jeden Anlaß. Woher kam sie? Was
regte sie an? Hierauf komme ich gleich zu sprechen.
Ich war damals, wo ich jetzt bin -- in Paris. Ich schrieb sofort
an Henry M. Stanley in London und fragte ihn nach verschiedenen
Einzelheiten in Bezug auf seine Australische Vorlesungstour, wer das
Geschäftliche besorgt hätte, wie die Bedingungen gewesen wären u. s. w.
Nach ein paar Tagen kam seine Antwort; sie begann:
»Für Australien und Neu-Seeland ist der Vorlesungsagent par excellence
Herr R. S. Smythe in Melbourne.«
Dann teilt er seine Reiseroute, die Bedingungen, eine Aufstellung
der Kosten für die Seefahrt und einiges andere mit und riet mir, an
Herrn Smythe zu schreiben. Das tat ich auch -- am 3. Februar. In den
Eingangszeilen meines Briefes sagte ich ungefähr folgendes: er kennte
mich zwar nicht persönlich, wir hätten aber einen gemeinsamen Freund
in Stanley, und das würde wohl als Einführung genügen. Dann machte ich
meinen Vorschlag und fragte, ob er mit mir zu denselben Bedingungen
abschließen wollte wie mit Stanley.
Am 6. Februar gab ich meinen Brief an Herrn Smythe auf die Post, und
drei Tage später bekam ich einen Brief von demselbigen Smythe, datiert:
Melbourne, den 17. Dezember. Ich hätte mich auch nicht mehr gewundert,
wenn ich einen Brief vom seligen George Washington gekriegt hätte. Der
Brief begann ganz ähnlich wie der meinige -- mit einer Selbsteinführung:
»Geehrter Herr Clemens! -- Es ist so lange her, seit Archibald Forbes
und ich einen so reizenden Nachmittag in Ihrem gemütlichen Hause in
Hartford verbrachten, daß Sie dies wahrscheinlich gänzlich vergessen
haben.«
Im weiteren Verlauf des Briefes hieß es:
»Ich biete Ihnen« -- (hier folgten dieselben Bedingungen, die er
Stanley bewilligt hatte) -- »für eine Vorlesungstour von etwa drei
Monaten bei den Antipoden.«
Da hatte ich also die Antwort auf die einzige wesentliche Frage meines
Briefes drei Tage nachdem ich denselben abgesandt. Ich hätte mir die
Mühe und das Porto sparen können -- und ein paar Jahre vorher _hätte_
ich sie mir auch gespart, denn da hätte ich mir gesagt, der plötzliche
starke Antrieb, an einen Fremden auf der anderen Hälfte der Erdkugel
brieflich einige Fragen zu richten, sei ein Zeichen, daß die Anregung
von dem Fremden ausgehe, und er werde mir von selber auf meine Fragen
antworten, wenn ich es einfach abwartete.
Herrn Smythes Brief reiste wahrscheinlich an meiner Nase vorbei nach
Amerika, wodurch er drei Wochen Verspätung erhielt, und hinterließ im
Vorbeifahren ein Gerüchlein von seinem Inhalt. Das tun Briefe oft.
Statt daß der ›Gedanke‹ in einem Augenblick von Australien
herüberkommt, teilt der (anscheinend) empfindungslose Brief einem
diesen Gedanken mit, während er unsichtbar im Postsack an einem
vorbeistreift.
Nächstes Erlebnis: Einen Monat später -- im März -- war ich in Amerika.
Ich verbrachte einen Sonntag in Irvington am Hudson bei Herrn John
Brisben Walker, von der Zeitschrift ›~The Cosmopolitan~‹. Den nächsten
Morgen fuhren wir nach New York und gingen, um zu frühstücken, in
den Century Club. Er äußerte sich sehr lobend über den Charakter des
Clubs, über die maßvolle Heiterkeit, die darin herrschte, und über die
angenehme Lage des Hauses, und fragte mich, ob ich mich niemals bemüht
hätte, Mitglied zu werden. Ich sagte nein, New Yorker Clubs wären für
Mitglieder, die nicht am Ort wohnten, nur eine beständige Ausgabe, ohne
daß man viel Nutzen oder Annehmlichkeit davon hätte.
»Und dabei fällt mir was ein!« rief ich. »Da ist der ›Lotos‹ --
der erste New Yorker Club, bei welchem ich Mitglied wurde -- meine
allererste Liebe in dieser Art. Ich bin jetzt weit über zwanzig Jahre
Mitglied gewesen und habe eigentlich doch nur selten mal Gelegenheit
gehabt, vorzusprechen und die Leutchen zu sehen. Sie werden alt und
grau, ohne daß ich was davon merke. Und dabei zahle ich fortwährend
meinen Beitrag. Ich muß heute nachmittag auf ein paar Tage nach
Hartford fahren; sobald ich aber zurück bin, will ich ganz im geheimen
zu John Elderkin gehen und ihm sagen:
»›Gedenket des Veterans und erweiset ihm Ehren, um der alten Zeiten
willen! Macht mich zum Ehrenmitglied und schafft meinen Beitrag ab.
Wenn ihr so was wie Ehrenmitglied nicht habt, um so besser -- schafft
es zu meiner Ehre und Glorie!‹«
»Das wäre wirklich was Großartiges; ich will John Elderkin besuchen,
sobald ich von Hartford zurück bin.«
Ich fuhr am Nachmittag mit dem letzten Schnellzug, telegraphierte aber
vorher noch an Herrn F. G. Whitmore, er möchte mich am nächsten Tag
besuchen. Bei seiner Ankunft fragte er:
»Bekamen Sie vor Ihrer Abreise aus New York einen Brief von Herrn John
Elderkin, dem Sekretär des Lotosklubs?«
»Nein.«
»Dann hat er Sie gerade eben verfehlt. Hätte ich gewußt, daß
Sie kommen, so hätte ich ihn hier behalten. Es ist was Schönes,
und Sie werden stolz darauf sein: Der Vorstand hat Sie durch
einstimmigen Beschluß zum lebenslänglichen Mitglied erhoben und den
Jahresbeitrag gestrichen. Und Sie sollen am Abend des dreißigsten,
zum fünfundzwanzigsten Stiftungsfest des Klubs anwesend sein, um Ihre
Auszeichnung entgegenzunehmen. Es sollte mich nicht wundern, wenn sie
bei dieser Gelegenheit was Großes aufstellen!«
Wie kam mir an jenem Tage im Century Club die Ehrenmitgliedschaft in
den Kopf? Ich hatte nie zuvor daran gedacht. Ich weiß nicht, warum ich
den Gedanken gerade in jenem Augenblick hatte und nicht schon früher,
aber ich bin fest überzeugt, daß er in der Vorstandssitzung des ›Lotos‹
entsprang und im Augenblick, wo die Abstimmung vollzogen war, den
geraden Weg durch die Luft in mein Gehirn nahm.
Und noch ein Beispiel: Ich weilte zwei oder drei Tage in Hartford als
Gast des Rev. Joseph H. Twichell. Ich habe ein Vierteljahrhundert lang
bei seinen Kindern die Würde eines Ehrenonkels bekleidet und fuhr jetzt
mit ihm nach Farmington, um eine meiner Nichten zu besuchen, die in der
berühmten Schule von Frau Porter war. Die Entfernung beträgt acht oder
neun englische Meilen. Unterwegs erzählte ich zur Erläuterung irgend
einer Behauptung folgende Anekdote:
Vor dritthalb Jahren kam ich mit meiner Familie auf der Reise
nach Rom durch Mailand, wo wir Halt machten und im Continental
abstiegen. Nach dem Essen ging ich hinunter und setzte mich
auf einen Stuhl in den fliesenbelegten Hof, wo die üblichen
Zitronenbäume in den üblichen Kübeln standen, und sagte zu mir
selber: ›Hier ist’s wirklich gemütlich -- gemütlich und ruhig,
und kein Mensch kann mich stören; denn ich kenne in ganz
Mailand keinen Menschen.‹
In diesem Augenblick stand ein junger Herr auf und streckte
mir die Hand hin, wodurch meine im Selbstgespräch aufgestellte
Behauptung allerdings ein bißchen zu Schaden kam. Er sagte etwa
folgendes:
›Sie werden sich meiner nicht erinnern, Herr Clemens, aber ich
erinnere mich Ihrer sehr gut. Ich war Kadett in West Point, als
Sie mit Rev. Joseph H. Twichell vor einigen Jahren da waren und
eine Vorlesung hielten. Ich bin jetzt Leutnant in der regulären
Armee und heiße H. Ich bin mutterseelenallein in Europa auf
einem bescheidenen kleinen Ausflug; mein Regiment steht in
Arizona.‹
Wir kamen in ein freundliches Gespräch, und dabei erzählte er
mir ein kleines Abenteuer, das er vor kurzem gehabt hatte,
ungefähr in folgender Weise:
›Ich war in Bellagio, im großen Hotel dort, und vor zehn Tagen
verlor ich meinen Kreditbrief. Ich wußte absolut nicht, was ich
anfangen sollte. Ich war ein Fremder, kannte keinen Menschen in
Europa, hatte keinen Soldo in der Tasche. Ich konnte nicht mal
ein Telegramm nach London bezahlen, um mir für den verlorenen
Kreditbrief einen Ersatz zu bestellen. Meine Hotelrechnung
war eine Woche alt und mußte mir nächstens vorgelegt werden
-- vielleicht konnte das schon im allernächsten Augenblick
geschehen. Ich hatte solche Angst, daß ich dachte ich verlöre
den Verstand. Wie ein Verrückter lief ich fortwährend auf und
ab, hin und her. Wenn jemand in meine Nähe kam, drückte ich
mich schleunigst, denn mochte er aussehen wie er wollte, ich
dachte immer, es wäre der Oberkellner mit der Rechnung.
›Zuletzt war ich in solcher verzweifelten Stimmung, daß
ich entschlossen war alles zu tun, wobei ich auch nur eine
schwache Aussicht auf Hilfe hatte, und so beging ich denn
folgende Verrücktheit: Ich sah an einem kleinen Tisch in der
Veranda eine Familie beim Frühstück sitzen und erkannte, daß
es Amerikaner waren: Vater, Mutter und mehrere junge Töchter
-- jung, geschmackvoll gekleidet und hübsch, wie durchweg alle
unsere Landsmänninnen. Ich ging stracks auf sie los, stellte
mich ihnen mit meinem Namen vor, sagte ich sei Leutnant in der
Armee, erzählte meine Geschichte und bat um Hilfe.
›Nun raten Sie mal, was der Herr tat? Aber Sie kommen in
zwanzig Jahren nicht darauf. Er nahm eine Handvoll Goldstücke
heraus und sagte mir, ich möchte nur ganz ungeniert zulangen.
Ja, das tat er!‹
Am andern Morgen sagte der Leutnant mir, sein neuer Kreditbrief
sei inzwischen angekommen; wir bummelten also zu Cook, und er
ließ sich das Geld geben, das er brauchte, um den Wohltäter
zu bezahlen. Dann schlenderten wir unter der großen Arkade
entlang. Auf einmal sagte er: ›Da hinten sind sie; kommen Sie
mit, ich will Sie vorstellen.‹ Ich wurde den Eltern und den
jungen Damen vorgestellt; dann trennten wir uns, und ich sah
weder ihn noch sie jemals w ...
»Hier sind wir in Farmington,« unterbrach mich Twichell.
Wir stiegen aus und stapften durch den aufgeweichten Boden die
hundert Schritte nach der Schule hin; unterwegs sprachen wir von
der langentschwundenen Zeit, da wir und Warner in jene Gegend
herausgestreift wären und wie schön die Zeit gewesen wäre.
Wir unterhielten uns mit meiner Nichte im Sprechzimmer; dann brachen
wir auf. Vor dem Hause begegneten wir einer Doppelreihe von zwanzig
oder dreißig jungen Damen aus Frau Porters Schule, die von einem
Spaziergang nach Hause kamen. Wir traten zur Seite, als ob wir ihnen
Platz machen wollten; in Wirklichkeit aber, um sie uns anzusehen. Auf
einmal trat eine von ihnen aus der Reihe heraus und sagte:
»Sie kennen mich nicht, Herr Twichell; aber ich kenne Ihre Tochter, und
das verschafft mir den Vorzug, Ihnen die Hand zu geben.«
Dann streckte sie ihre Hand mir hin und sagte:
»Und auch Ihnen möchte ich die Hand geben, Herr Clemens. Sie erinnern
sich meiner nicht, aber Sie wurden mir vor dritthalb Jahren unter den
Arkaden in Mailand von Leutnant H. vorgestellt.«
Was hatte mir nach so langer Zeit die Geschichte in den Sinn gebracht?
War es wirklich die Nähe des jungen Mädchens oder war es nur ein
eigentümlicher Zufall?
Besuch eines Interviewers.
Der kräftige, nette, ›schneidige‹ junge Mann nahm den Stuhl, den
ich ihm anbot, und sagte, er gehörte zur Redaktion der ›Täglichen
Blitzpost‹; dann fuhr er fort:
»In der Annahme, daß Sie nichts dagegen haben, möchte ich Sie
interviewen.«
»Möchten Sie ... was?«
»Sie interviewen.«
»Ah so! Ja ... ja. Hm. Ja ... ja.«
Ich fühlte mich an dem betreffenden Morgen nicht gerade sehr hell im
Kopf. In der Tat, meine geistigen Fähigkeiten schienen ein bißchen
umwölkt zu sein. Ich ging indessen an meinen Bücherschrank und nachdem
ich sechs oder sieben Minuten lang gesucht hatte, sah ich mich
genötigt, mich an den jungen Mann um Auskunft zu wenden. Ich sagte:
»Wie buchstabieren Sie es?«
»Buchstabieren? Was denn?«
»Interviewen.«
»O, du gütiger Himmel! Wozu brauchen Sie es denn zu buchstabieren!«
»Ich will das Wort nicht buchstabieren; ich möchte nur nachschlagen,
was es bedeutet.«
»Na, das ist ja aber erstaunlich, das muß ich sagen. Ich kann Ihnen
sagen, was es bedeutet, wenn Sie ... wenn Sie ...«
»O, schön! Das genügt, und ich bin Ihnen sehr verbun ...«
»I--n, in, t--e--r, ter, inter--«
»Dann buchstabieren Sie es mit einem I?«
»Natürlich.«
»So, deshalb brauchte ich so lange!«
»Nanu, mein _lieber_ Herr, womit wollten Sie es denn buchstabieren?«
»Ja, ich ... ich ... weiß nicht recht. Ich hatte das
Konversationslexikon, große Ausgabe, vor und blätterte im Nachtragsband
herum, in der Hoffnung, ich könnte das Wort unter den Abbildungen
finden. Aber es ist eine sehr alte Auflage.«
»Nun, bester Freund, eine _Abbildung_ davon wäre selbst in der neuesten
Aufl ... Mein werter Herr, ich bitte um Verzeihung, ich meine es
absolut nicht böse, aber Sie sehen nicht -- nicht -- so -- äh --
intelligent aus, wie ich erwartet hatte. Nichts für ungut -- ich meine
es ja nicht böse.«
»O, bitte, bitte! Es ist mir, und zwar von Leuten, die mir niemals
schmeicheln würden und auch gar keine Veranlassung dazu haben
könnten, schon oft gesagt worden, daß ich in dieser Art geradezu eine
Sehenswürdigkeit bin. Ja ... ja; sie sprechen immer ganz hingerissen
davon.«
»Das kann ich mir leicht denken. Doch um auf unser Interview zu kommen.
Wie Sie wohl wissen ist es jetzt Brauch, jeden Menschen, der berühmt
geworden ist, sofort zu interviewen.«
»Ach, was Sie nicht sagen! Davon hatte ich noch nie was gehört. Das muß
sehr interessant sein. Womit machen Sie es?«
»Ah, ... hem! ... hem! ... hem! ... das ist ja ... Manchmal _sollte_
es mit ’ner Keule gemacht werden; für gewöhnlich aber besteht es
darin, daß der Interviewer Fragen stellt, und der Interviewte darauf
antwortet. Man ist ganz darauf versessen. Wollen Sie mir gestatten,
einige Fragen über die merkwürdigsten Daten Ihrer öffentlichen und
privaten Lebensgeschichte an Sie zu richten?«
»O, mit Vergnügen -- mit Vergnügen! Ich habe ein sehr schlechtes
Gedächtnis, aber ich hoffe, Sie werden nicht so genau darauf sehen.
Das heißt ... es ist ein unregelmäßiges Gedächtnis -- überaus
unregelmäßig. Manchmal geht es im Galopp, und dann wieder braucht es
vierzehn Tage, um über einen gewissen Punkt hinwegzukommen. Das macht
mir viel Kummer.«
»O, bitte, es macht ja nichts, wenn Sie sich nur recht Mühe geben
wollen.«
»Gewiß. Ich will mit ganzer Seele bei der Sache sein.«
»Danke. Sind Sie so weit?«
»Jawohl.«
* * * * *
»Wie alt sind Sie?«
»Neunzehn, im Juni.«
»So?? Ich hätte Ihnen fünf- bis sechsunddreißig gegeben. Wo wurden Sie
geboren?«
»In Missouri.«
»Wann fingen Sie an zu schreiben?«
»1836.«
»Nanu? Wie könnte dann das zugehen, wenn Sie jetzt erst neunzehn sind?«
»Das weiß ich nicht. Es sieht allerdings ein bißchen sonderbar aus.«
»Ja, das tut’s. Wer ist nach Ihrer Meinung der Hervorragendste von
allen Männern, mit denen Sie je in Berührung kamen?«
»Aaron Burr.«
»Aber Sie können doch nicht Aaron Burr gekannt haben, wenn Sie jetzt
erst neunzehn Jahre alt sind --«
»Nun, wenn Sie besser von mir Bescheid wissen als ich selber, warum
fragen Sie mich dann?«
»O, es war nur eine Andeutung, weiter nichts ... Unter welchen
Umständen waren Sie mit Burr zusammen?«
»Ja, ich war zufällig eines Tages bei seinem Begräbnis, und er bat
mich, nicht so viel Lärm zu machen und ...«
»Aber, grundgütiger Himmel! wenn Sie bei seinem Begräbnis waren, so muß
er tot gewesen sein, und wenn er tot war, was ging’s ihn dann an, ob
Sie Lärm machten oder nicht?«
»Das weiß ich nicht. Er war in dieser Beziehung immer ein schnurriger
Kauz.«
»Trotzdem verstehe ich’s ganz und gar nicht. Sie sagen, er habe mit
Ihnen gesprochen, und Sie sagen, er sei tot gewesen.«
»Ich sagte nicht, daß er tot gewesen sei.«
»Aber war er denn nicht tot?«
»Ja, die einen sagten, er wäre tot, die anderen, er wär’ es _nicht_!«
»Und was war Ihre Meinung?«
»O, mich ging das nichts an. Es war ja nicht mein eigenes Begräbnis.«
»Hatten Sie ... Indessen, wir kommen damit doch nicht zum Ziel.
Gestatten Sie mir, Sie nach etwas anderem zu fragen. Wann war Ihr
Geburtstag?«
»Montag, den 31. Oktober 1693.«
»Was? Unmöglich! Dann wären Sie ja hundertachtzig Jahre alt. Wie
erklären Sie das?«
»Ich erkläre es überhaupt nicht.«
»Aber zuerst sagten Sie, Sie seien neunzehn, und jetzt wollen Sie
hundertachtzig Jahre alt sein. Das ist aber ein häßlicher Mißklang.«
»Haben Sie das wirklich bemerkt?« Ich schüttelte ihm die Hand.
»Manchmal kam es mir selber vor, als ob’s ein Mißklang sei, aber ich
konnte mir nicht recht klar darüber werden. Wie schnell Sie doch so
etwas bemerken!«
»Danke für das Kompliment ... Haben oder hatten Sie Bruder oder
Schwester?«
»Hm ... Ich ... ich glaube, ... ja ... aber ich erinnere mich nicht
genau ...«
»Hören Sie, das ist aber das Sonderbarste, was ich je gehört habe.«
»Wieso? warum denn?«
»Na, das ist doch selbstverständlich, daß ich mich darüber wundere.
Bitte, sehen Sie mal hier: wen stellt das Bild hier an der Wand vor?
Ist das nicht ein Bruder von Ihnen?«
»O ja, ja, ja. Nun erinnern Sie mich daran; das _war_ ein Bruder von
mir. Das ist William --; Bill nannten wir ihn. Armer alter Bill!«
»Ach was? Ist er denn tot?«
»Ach! Ich glaube, ja. Wir konnten es niemals genau sagen. Es schwebt
ein großes Geheimnis über der Geschichte.«
»Das ist traurig, sehr traurig. Er ist also wohl verschwunden?«
»Sozusagen ja; wir begruben ihn.«
»_Begruben_ ihn! _Begruben_ ihn!! Ohne zu wissen, ob er tot war oder
nicht?«
»O, nein. Das nicht. Tot genug war er.«
»Ich verstehe; er wachte wieder vom Tode auf.«
»Er dachte gar nicht dran.«
»Na, so was habe ich meiner Lebtage noch nicht gehört! _Jemand_ war
tot. _Jemand_ wurde begraben. Nun, wo lag denn da das Geheimnis?«
»Ah, das ist’s gerade. Da haben Sie’s getroffen! Wissen Sie, wir waren
Zwillinge -- der Verstorbene und ich -- und wir wurden in der Badewanne
verwechselt, als wir erst zwei Wochen alt waren, und einer von uns
ertrank. Aber wir wußten nicht wer; einige meinen es wäre Bill, andere
sagen, ich wäre es gewesen.«
»So, das ist ja wirklich interessant. Und was ist _Ihre_ Meinung
darüber?«
»Der Himmel weiß es. Und ich gäbe ganze Welten drum, wenn ich’s wüßte.
Dieses erhabene furchtbare Geheimnis hat einen Schatten über mein
ganzes Leben geworfen. Aber ich will Ihnen jetzt einen geheimen Umstand
mitteilen, den ich bisher noch keiner Menschenseele enthüllt habe.
Einer von uns hatte ein besonderes Kennzeichen -- ein großes Muttermal
auf dem Rücken der linken Hand. Das war -- ich! _Und dieses Kind
ertrank!_«
»Herr ... ich sehe eigentlich nicht, was dabei denn für ein Geheimnis
ist.«
»Nicht? Aber _ich_ sehe es. Jedenfalls begreife ich nicht, wie man
einen solchen Unsinn machen und das verkehrte Kind begraben konnte.
Aber, schscht! -- erwähnen Sie es nirgends, wo meine Familie davon
hören könnte! Der Himmel weiß, sie haben schon ohnedies genug
gebranntes Herzeleid.«
»Nun, ich glaube, ich habe für den Augenblick Stoff genug und bin Ihnen
für Ihre Bemühungen sehr verbunden. Aber besonders interessierte mich,
was Sie von Aaron Burrs Begräbnis erwähnten. Würden Sie mir vielleicht
noch sagen, welcher besondere Umstand Sie veranlaßte, Burr für einen so
hervorragenden Mann zu halten?«
»O, es war eigentlich nur eine Kleinigkeit! Unter 50 Leuten hätte kaum
ein einziger überhaupt darauf geachtet. Als die Predigt vorüber war,
und das Trauergefolge in der richtigen Ordnung aufgestellt dastand, und
der Leichnam schmuck und nett in seinem Sarge auf dem Leichenwagen lag,
da sagte er, er möchte noch einen letzten Blick auf die Umgebung werfen
und stand auf und setzte sich neben den Kutscher.«
* * * * *
Hierauf empfahl der junge Mann sich voller Ehrerbietung. Er war ein
sehr angenehmer Gesellschafter, und es tat mir leid, daß er ging.
[Illustration]
Mark Twains
Ausgew. humoristische Schriften.
_Inhalt_:
Bd. I. =Tom Sawyers Streiche und Abenteuer.=
Bd. II. =Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn.=
Bd. III. =Skizzenbuch.=
Bd. IV. { =Leben auf dem Mississippi.=
{ =Nach dem fernen Westen.=
Bd. V. =Im Gold- und Silberland.=
Bd. VI. =Reisebilder u. verschiedene Skizzen.=
Preis des einzelnen Bandes M. 2.50 gebunden.
Preis aller 6 Bände, zusammen bezogen, M. 13.50 gebunden.
_Neue Folge_:
Bd. I. =Tom Sawyers _Neue_ Abenteuer.=
Bd. II. =Querkopf Wilson.=
Bd. III./IV. =Meine Reise um die Welt.= 2 Abt.
Bd. V. =Adams Tagebuch= u. a. Erzähl.
Bd. VI. =Wie Hadleyburg verderbt wurde= u. a. Erzähl.
Preis des _einzelnen_ Bandes M. 3.-- gebunden.
Preis _aller_ 6 Bände, zusammen bezogen, M. 17.-- gebunden.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Sonst
wurden unterschiedliche Schreibweisen beibehalten. Die Darstellung
der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Die Vorspannseiten mit dem
Kapitelnamen wurden entfernt.
Korrekturen:
S. 147: Schluß → Schuß
ehe es zum {Schuß} kam