»Ganz und gar nicht. Es war vollkommen natürlich. Es war gar kein Grund

vorhanden, warum sie Schaden nehmen sollten. Sie hatten die Appetitskur

der Mutter Natur durchgemacht -- die beste und weiseste Kur auf der

Welt.«

»Brachte dieses Erlebnis Sie auf Ihre Idee?«

»Ja, es brachte mich darauf.«

»Es war für die Leute eine wertvolle Lehre.«

»Warum meinen Sie das?«

»Nun, ganz einfach: Es scheint doch, daß es für Sie eine solche war.«

»Darum handelt es sich hier nicht. Ich bin kein Narr!«

»Ich verstehe. Waren die anderen Narren?«

»Sie waren Menschen.«

»Ist das dasselbe?«

»Warum fragen Sie? Sie wissen es selbst. In Bezug auf seine Gesundheit

-- und auf alles übrige -- ist der Durchschnittsmensch das Produkt

seiner Umgebung und seiner abergläubischen Vorurteile; das Endergebnis

ist: er wird ein Esel. Er kann nicht drei oder vier für ihn neue

Umstände sich zusammenreimen und einen Schluß daraus ziehen; das geht

über seine Kräfte. Er kann nicht selbst Beobachtungen machen, er muß

alles aus zweiter Hand beziehen. Wenn die fälschlich so benannten

niederen Tiere so albern wären wie der Mensch -- sie wären alle binnen

einem Jahr vom Erdboden verschwunden.«

»Diese Passagiere ließen sich’s also nicht zur Lehre dienen?«

»Keine Ahnung! Sie gingen auf dem englischen Schiff wieder zu ihren

regelmäßigen Mahlzeiten und sehr bald pickten sie wieder anstatt zu

essen -- appetitlos, von den Speisen angeekelt, verdrießlich, elend,

halbhungrig, den ganzen Tag auf ihre mißhandelten Mägen fluchend und

schimpfend und dabei winselnd und wehklagend. Und das alles ganz

überflüssigerweise, denn ihre Mägen waren die Mägen von Narrenvolk.«

»So ist also, wenn ich Sie recht verstehe, Ihr Verfahren ...«

»Ganz einfach: _Essen Sie nichts bevor Sie hungrig sind!_ Wenn das

Essen Ihnen nicht mehr schmeckt, Ihnen keine Befriedigung, kein

Vergnügen, kein Behagen mehr gewährt, so essen Sie nicht eher, als

bis Sie _sehr_ hungrig sind. Dann wird es Ihnen Vergnügen machen und

außerdem gut thun.«

»Und habe ich keine regelmäßigen Stunden für die Mahlzeiten

einzuhalten?«

»So lange Sie mit einem schlechten Appetit zu kämpfen haben -- nein!

Haben Sie den Feind untergekriegt, so ist Regelmäßigkeit nicht von

Uebel, d. h. so lange der Appetit gut bleibt. Sobald er wieder ins

Schwanken gerät, greifen Sie wieder zum Heilmittel -- und dieses

ist: _Hungern_ -- lange oder kurze Zeit je nach dem Erfordernis des

einzelnen Falles.«

»Die beste Kost, scheint mir -- ich meine die gesündeste ...«

»Jede Kost ist gesund. Die eine ist gesunder als die andere -- aber

alle gewöhnlichen Gerichte sind gesund genug für die Leute, die darauf

angewiesen sind. Mag eine Kost fein oder derb sein, sie wird gut

schmecken und nahrhaft sein, wenn man auf seinen Appetit acht giebt und

jedesmal, wenn er schwächer wird, ein kleines Fasten einschiebt. Nansen

war an feine Kost gewöhnt, aber als monatelang seine Mahlzeiten nur auf

Bärenfleisch beschränkt waren, da machte ihm das weder Schaden an der

Gesundheit noch Unbehagen, weil sein Appetit infolge der Schwierigkeit,

sich das Bärenfleisch regelmäßig zu beschaffen, in gutem Stande

gehalten wurde.«

»Aber Aerzte entwerfen sorgfältig überdachte und auserlesene

Zusammenstellungen von Speisen für Kränkliche.«

»Sie können’s nicht anders. Der Patient ist voll von ererbten

Vorurteilen und hungert nicht aus freien Stücken. Er denkt, das würde

ihn ganz bestimmt ins Grab bringen.«

»Es würde ihn aber doch schwach machen, nicht wahr?«

»Aber ohne Gefahr. Nehmen Sie die Kranken unter unseren

Schiffbrüchigen. Sie lebten vierzehn Tage lang von ein paar Schnipfeln

rohen Schinkens, lutschten ’mal an einem Matrosenstiefel und hungerten

die ganze Zeit. Es machte sie schwach, aber es that ihnen nichts. Es

brachte sie in eine gute Verfassung, so daß sie von einer herzhaften

Kost herzhaft essen konnten; sie gewannen dadurch die Grundlage für

eine kräftige Gesundheit. Aber sie waren nicht verständig genug, sich’s

zu nutze zu machen, sie ließen die Gelegenheit vorübergehen, sie

blieben kränklich -- es geschah ihnen recht! Kennen Sie den Kniff aller

Badeärzte?«

»Worin besteht er?«

»Es ist mein System in einer Verkleidung -- verschleiertes Hungern.

Traubenkur, Brunnenkur, Moorbadekur -- ’s ist alles dasselbe. Die

Trauben, der Brunnen, das Moorbad -- sie geben der Sache einen Anstrich

und helfen auch ein bißchen, die Hauptarbeit aber macht das Hungern,

wovon der Patient nichts weiß. Einer ist an vier Mahlzeiten gewöhnt

und zwar zu späten Stunden, an den beiden Enden _seines_ Tages -- nun

sehen Sie sich ’mal an, was er in einem Kurort zu thun hat: Er steht

auf um sechs Uhr in der Frühe. Ißt ein Ei. Trampelt zwei Stunden lang

mit den anderen Narren einen Spazierweg auf und nieder. Ißt einen

Schmetterling. Schlürft ein Glas von einem gefilterten Gesöff, das wie

Raubvogelatem riecht. Spaziert nochmals zwei Stunden, aber allein; wenn

man ihn anredet, sagt er ängstlich: ›Mein Brunnen! -- Ich bin dabei,

meinen Brunnen abzulaufen; bitte, stören Sie mich nicht!‹ -- und stapft

weiter. Ißt ein gezuckertes Rosenblatt. Ruht sich stundenlang in der

Stille und Einsamkeit seines Zimmers; darf nicht lesen, darf nicht

rauchen. Nun kommt der Doktor und befühlt sein Herz, seinen Puls, und

beklopft seine Brust und seinen Rücken und seinen Magen und horcht mit

einem Kindertrompetchen darauf herum. Dann befiehlt er des Patienten

Bad: ›einen halben Grad Réaumur kälter als gestern.‹ Nach dem Bade

wieder ein Ei. Ein Glas Gesöff um drei oder vier Uhr nachmittags, und

feierliche Promenade mit den anderen Krüppeln. Diner um sechs: ein

halbes Spätzle und eine Tasse Thee. Wieder Spazierengehen. Um halbneun

Abendessen: noch einen Schmetterling. Um neun zu Bett. Dieses ›Regime‹

sechs Wochen lang -- denken Sie sich’s mal aus. Es hungert einen

Menschen aus und bringt ihn in eine prachtvolle Verfassung. Es hätte

dieselbe Wirkung in London, New York, Jericho -- überall.«

»Wie lange dauert es hier bei Ihnen, bis eine Person wieder in guter

Verfassung ist?«

»Es sollte nur einen oder zwei Tage erfordern; thatsächlich dauert es

aber eine bis sechs Wochen; je nach dem Charakter und der Geistesanlage

der Patienten.«

»Wie kommt das?«

»Sehen Sie dahinten die Schar von Damen, die Fußball spielen, boxen

und über die Zäune springen? Sie sind sechs oder sieben Wochen hier

gewesen. Sie waren mickrige arme Gespenstergestalten, als sie kamen.

Gewohnheitsmäßig nibbelten sie viermal täglich zu festgesetzten Stunden

an Leckereien und Delikatessen und hatten Appetit auf gar nichts. Ich

fragte sie aus und schloß sie darauf in ihre Zimmer ein, um zu hungern

-- die schwächsten für neun oder zehn Stunden, die anderen für zwölf

bis fünfzehn. Es dauerte nicht lange, so begannen sie zu betteln; und

sie litten in der That beträchtlich. Sie jammerten über Uebelkeit,

Kopfschmerzen u. s. w. Aber dann hätten Sie sie sollen essen sehen, als

die Zeit um war! Sie konnten sich nicht erinnern, daß ihnen jemals das

Verzehren einer Mahlzeit ein solches Entzücken bereitet hätte -- so

drückten sie sich wörtlich aus. Damit hätte denn nun ihre Kur zu Ende

sein sollen -- aber nein! Sie konnten nach Belieben an jeder Mahlzeit

meines Hauses teilnehmen und sie wählten ihre gewohnten vier. Nach

einem oder zwei Tagen hatte ich einzuschreiten. Der Appetit nahm wieder

ab. Ich ließ sie eine Mahlzeit überschlagen. Das brachte sie wieder auf

den Damm. Dann fingen sie wieder mit ihren vier Mahlzeiten an. Ich bat

sie, sie möchten doch lernen, von selber eine zu überschlagen, ohne

auf mich zu warten. Bis vor vierzehn Tagen konnten sie das nicht; sie

hatten wirklich dazu nicht Mut genug; aber schließlich brachten sie’s

doch dazu und jetzt denke ich, sie sind in Sicherheit. Sie überschlagen

alle Augenblicke einmal aus eigenem Antrieb eine Mahlzeit. Sie sind

jetzt prächtig bei Gesundheit und ich glaube, sie könnten ruhig nach

Hause reisen, aber sie haben noch kein vollkommenes Vertrauen zu sich

selber und deshalb warten sie noch eine Weile.«

»Giebt es auch andere Fälle verschiedener Natur?«

»O ja. Zuweilen lernt einer die ganze Kunst in einer Woche -- lernt

seinen Appetit zu regulieren und dadurch in vorzüglicher Ordnung zu

halten -- lernt häufig einmal eine Mahlzeit zu überschlagen, ohne sich

was daraus zu machen.«

»Aber warum muß man eine ganze Mahlzeit überschlagen? Warum läßt man

nicht einen Teil weg?«

»Das wäre ein schwächliches Verfahren und ein unzulängliches! Wenn

der Magen nicht kräftig nach Nahrung verlangt -- sozusagen darnach

schreit -- so ist es besser, ihn nicht zu belästigen, sondern ihm eine

wirkliche Ruhe zu gönnen. Es giebt Menschen, die mehr essen können

als andere und dabei doch gedeihen. Es giebt allerhand Sorten von

Menschen und allerhand Sorten von Appetiten. Ich werde Ihnen nachher

einen Herrn vorstellen, der sich’s angewöhnt hatte, täglich an acht

Mahlzeiten herumzunibbeln. Das waren für die ihm eigentümliche Art von

Appetit zwei zu viel. Ich habe ihn auf täglich sechs heruntergebracht

und er ist wohl und munter und freut sich seines Lebens ... Wieviele

Mahlzeiten halten Sie jeden Tag?«

»Früher -- zweiundzwanzig Jahre lang -- anderthalb; während der beiden

letzten Jahre zwei und eine halbe: Kaffee und ein Brötchen um neun;

Frühstück um eins, Hauptmahlzeit um halb acht oder acht.«

»Früher ein und eine halbe Mahlzeit -- das heißt: Kaffee und ein

Brötchen um neun, Hauptmahlzeit abends, zwischendurch nichts -- ist’s

nicht so?«

»Ja.«

»Warum fügten Sie eine Mahlzeit hinzu?«

»Meine Familie hatte den Gedanken. Sie waren besorgt um mich. Sie

dachten, ich brächte mich selber ins Grab.«

»Sie fanden die ganzen zweiundzwanzig Jahre lang anderthalb Mahlzeiten

genug?«

»Vollkommen!«

»An Ihrem gegenwärtigen jämmerlichen Zustand ist die Extramahlzeit

schuld. Lassen Sie sie aus. Sie versuchen öfter zu essen als Ihr Magen

es verlangt. Sie gewinnen dabei nichts, Sie verlieren. Sie nehmen jetzt

in einem Tage bei zwei und einer halben Mahlzeit weniger Nahrung zu

sich als früher in anderthalb.«

»Das stimmt -- bedeutend weniger; denn in jenen alten Tagen war meine

Hauptmahlzeit ein recht umfangreiches Ding.«

»Setzen Sie sich jetzt für ein paar Tage auf eine einzige Mahlzeit:

abends, bis Sie eines guten, gesunden, regelmäßigen, vertrauenswerten

Appetits sicher sind, dann halten Sie sich beständig zu Ihren

anderthalb und hören Sie ganz und gar nicht auf Ihre Familie. Haben

Sie irgend ein gewöhnliches Unwohlsein, besonders wenn es mit Fieber

verbunden ist, so essen Sie während vierundzwanzig Stunden überhaupt

nichts. Das wird Sie kurieren. Es wird sogar den hartnäckigsten

Schnupfen kurieren. Kein Schnupfen überdauert ein streng durchgeführtes

vierundzwanzigstündiges Fasten.«

»Ich weiß es. Ich habe es oft an mir selbst erfahren.«

[Illustration]

Mein Eintritt in die Litteratur.

Ich hatte in meinen Jugendtagen schon ein kleines Ding -- es war ›Der

hüpfende Frosch‹ -- in einer Zeitung des Ostens veröffentlicht, aber

ich war der Meinung, daß dies nicht zähle. Meiner Ansicht nach konnte

eine Person, die in einer gewöhnlichen Zeitung was erscheinen ließ,

keinen Anspruch erheben, für eine litterarische Person im eigentlichen

Sinne zu gelten: sie mußte höher hinauf; sie mußte in einer Zeitschrift

erscheinen. Dann würde einer eine litterarische Person sein; dann würde

er auch zugleich berühmt sein -- einfach berühmt. Nach diesen beiden

Dingen strebte mein Ehrgeiz mit starker Sehnsucht.

Dies war 1866. Ich machte einen Beitrag fertig und sah mich sodann

um, welche Zeitschrift wohl die beste wäre, um meinen Ruhm aufblitzen

zu lassen. Ich wählte die bedeutendste, die es in New York gab. Mein

Beitrag wurde angenommen. Ich unterzeichnete ihn ›Mark Twain‹, denn

dieser Name war an der Küste des Stillen Ozeans schon so ziemlich

unter den Leuten und ich gedachte ihn jetzt mit diesem einzigen

Anlauf über die ganze Welt zu verbreiten. Der Artikel erschien in der

Dezember-Nummer und ich saß einen ganzen Monat und lauerte auf das

Januarheft; denn dieses mußte die Liste der Mitarbeiter des Jahrgangs

enthalten; mein Name würde darunter und ich würde berühmt sein und

könnte das Bankett geben, dessen Veranstaltung ich plante.

Ich gab das Bankett _nicht_. Ich hatte die Worte ›Mark Twain‹ nicht

ganz deutlich geschrieben; es war für die Buchdrucker im Osten ein

neuer Name und sie setzten dafür ›Mike Swain‹ oder ›Mac Swain‹ -- genau

erinnere ich mich nicht mehr. Jedenfalls wurde ich nicht berühmt und

gab kein Festmahl. Ich war eine litterarische Person, aber was für eine

-- eine begrabene, eine lebendig begrabene!

Mein Artikel betraf den Brand des Schnellseglers ›Hornet‹, der am 3.

Mai 1866 auf der Fahrt unterging. Es waren damals 31 Mann an Bord, und

ich befand mich in Honolulu, als die 15 Ueberlebenden, zu Gespenstern

abgemagert, dort ankamen, nachdem sie mit Lebensmitteln _für zehn

Tage_ versehen in offenem Boot eine 43tägige Reise unter der sengenden

Tropensonne gemacht hatten. Ein recht bemerkenswerter Ausflug; aber

der Kapitän, der ihn leitete, war auch ein bemerkenswerter Mann, sonst

würde kein einziger lebend angekommen sein. Er war ein Neuengländer

vom besten Seemannsschlag der tüchtigen alten Zeit -- Kapitän Josiah

Mitchell.

Ich befand mich auf den Sandwichinseln, um Briefe für die Wochenausgabe

der ›Union‹ von Sacramento zu schreiben, eine reiche und einflußreiche

Tageszeitung, die zwar meine Artikel nicht nötig hatte, sich’s aber

leisten konnte, wöchentlich 20 Dollars für nichts auszugeben. Die

Eigentümer waren liebenswürdige und allgemein beliebte Leute; ohne

Zweifel sind sie jetzt längst tot, aber in mir lebt wenigstens noch

_ein_ Mensch, der ihnen eine dankbare Erinnerung zollt; denn es lag

mir sehr viel daran, die Inseln zu sehen, und sie erhörten meine Bitte

und verschafften mir die Gelegenheit, obwohl nur kümmerliche Aussicht

vorhanden war, daß sie irgend welchen Nutzen davon hätten.

Ich war mehrere Monate auf den Inseln gewesen, als die Schiffbrüchigen

ankamen. Ich war bettlägerig in meinem Zimmer und nicht imstande

auszugehen. Hier bot sich eine großartige Gelegenheit mein Blatt gut

zu bedienen -- und ich konnte sie mir nicht zunutze machen! Natürlich

ärgerte mich das schmählich. Aber zum guten Glück war damals Excellenz

Anson Burlingame in Honolulu, auf dem Wege zur Uebernahme seines

Postens in China, wo er den Vereinigten Staaten so gute Dienste

leistete. Er kam zu mir, besorgte eine Tragbahre und ließ mich nach dem

Krankenhaus tragen, wo die Schiffbrüchigen lagen. Ich brauchte nicht

einmal eine Frage zu stellen; das besorgte er alles selber und ich

hatte nichts weiter zu thun als die Notizen zu machen. Es war so recht

bezeichnend für ihn, daß er sich die Mühe machte. Er war ein großer

Mann und großer Amerikaner und es lag in seiner prächtigen Natur, sich

nicht auf den Standpunkt seiner hohen Würde zu stellen, sondern einen

freundlichen Dienst zu erweisen, wenn er nur konnte.

Um sechs Uhr abends waren wir mit der Arbeit fertig. Ich aß

nichts, denn es war keine Zeit zu verlieren, wenn ich die anderen

Berichterstatter schlagen wollte. Es kostete mich vier Stunden,

meine Notizen in richtige Ordnung zu bringen, dann schrieb ich die

ganze Nacht durch und noch ein bißchen länger. Der Erfolg war der,

daß ich am Morgen um neun einen langen und umständlichen Bericht

von den Erlebnissen der Hornet-Mannschaft fertig hatte, während

die Korrespondenten der San Franciscoer Blätter nur eine kurze

Schilderung der hauptsächlichsten Vorfälle schicken konnten -- denn

sie blieben _nicht_ die Nacht auf. Der Schoner, der in unregelmäßigen

Zwischenräumen den Postverkehr mit San Francisco besorgte, sollte

ungefähr um neun segeln; als ich zum Dock kam stieß er gerade vom Quai

ab. Mein dickleibiger Brief wurde von starker Hand hinübergeworfen

und fiel richtig an Bord -- und damit war mein Sieg gewonnen. Das

Schiff landete zur rechten Zeit in San Francisco; mein vollständiger

Bericht schlug wie eine Bombe ein und wurde von Mr. Cash, dem

damaligen Vertreter des New York-Herald, an die New Yorker Zeitungen

telegraphiert.

Als ich einige Zeit darauf nach Kalifornien zurückkehrte, reiste

ich nach Sacramento und präsentierte meine Rechnung für allgemeine

Berichterstattung zu 20 Dollars die Woche. Sie wurde bezahlt. Dann

kam ich mit einer Rechnung für ›Spezialdienst beim Hornetfall‹: drei

Spalten enggesetzte Nonpareilleschrift zu 100 Dollars die Spalte. Der

Kassierer fiel zwar nicht in Ohnmacht, aber es fehlte nicht viel daran.

Er ließ die Verleger rufen und sie kamen und sagten kein Wort. Sie

lachten nur nach ihrer lustigen Art und sagten, es sei Spitzbüberei,

aber es schade nichts; es sei eine großartige Leistung (ob sie meine

Rechnung oder den Hornetartikel meinten, weiß ich nicht). »Zahlen Sie

aus; ’s ist alles in Ordnung.« Die besten Zeitungsverleger, die es

jemals gab!

Die Ueberlebenden von der ›Hornet‹ kamen am 15. Juni bei den

Sandwichinseln an. Sie waren bloß noch Haut und Knochen; die Kleider

schlotterten um sie herum, und saßen ihnen wie eine Flagge, die

bei Windstille am Stock herunterhängt. Aber sie wurden im Hospital

gut gepflegt und die Einwohner von Honolulu versahen sie mit allen

Leckerbissen, die ihnen gut thun konnten; sie bekamen schnell wieder

Kräfte und bald waren sie so gut wie hergestellt. Nach vierzehn

Tagen reisten die meisten von ihnen nach San Francisco; ich ging mit

demselben Schiff, einem Segler. Kapitän Mitchell von der ›Hornet‹

war auch dabei, desgleichen die beiden einzigen Passagiere, die auf

der ›Hornet‹ gewesen waren. Es waren zwei junge Studenten, Brüder,

aus Stamford, Connecticut: Samuel und Henry Ferguson. Die ›Hornet‹

war ein Schnellsegler erster Klasse; die Kajüte der jungen Leute

war geräumig und bequem, gut ausgerüstet mit Büchern und auch mit

eingemachten Fleischspeisen, Gemüsen und Früchten, um die Schiffskost

aufzubessern. Als das Schiff in der ersten Januarwoche aus dem New

Yorker Hafen auslief sprachen alle Anzeichen dafür, daß die vierzehn-

oder fünfzehntausend Meilen bis zum Ziel in schneller und angenehmer

Fahrt würden zurückgelegt werden. Sobald die kalten Breiten im Rücken

lagen und das Schiff in Sonnenwetter eintrat, wurde die Reise zu einem

Sonntagspicknick. Das Schiff flog südwärts unter einer Wolke von

Segeln, die keine Aufmerksamkeit erforderten, da tagelang keine einzige

Aenderung daran nötig war. Die jungen Leute lasen, schlenderten auf

dem geräumigen Deck herum, ruhten und träumten im Schatten der Segel,

speisten mit dem Kapitän; und wenn er sein Tagewerk gethan hatte,

spielten sie ›Whist mit ’nem Blinden‹ mit ihm bis zur Schlafenszeit.

Nach dem Schnee und Eis und den Stürmen von Kap Horn trollte das Schiff

wieder nordwärts, bis es in Sommerwetter kam, und wieder war die

Spazierfahrt ein Picknick. Bis zum frühen Morgen des 3. Mai.

Vermutliche Lage des Schiffes: 112° 10´ w. L., 2° n. Br. Kein Wind,

kein Seegang -- tote Stille. Temperatur tropisch d. h. sengend,

blasenziehend von einer Art, daß jemand, der noch nicht selber in

solcher Hitze geröstet worden ist, sich keinen Begriff davon machen

kann. Auf einmal ein Schrei: »Feuer!« Ein gewissenloser Matrose war

gegen alle Vorschriften mit einem offenen Licht in die Vorratskammer

gegangen, um etwas Firnis aus einem Faß zu holen. Es kam, wie es kommen

mußte, und des Schiffes Stunden waren gezählt.

Es war nicht viel Zeit zu verlieren, aber der Kapitän wußte sie

vortrefflich anzuwenden. Die drei Boote wurden ausgesetzt, das Langboot

und zwei Seitenhanger. Daß die Zeit sehr knapp und der Wirrwarr und die

Aufregung sehr beträchtlich waren, geht schon daraus hervor, daß beim

Aussetzen der Boote das eine durch einen Zusammenstoß einen ziemlich

bedeutenden Leck bekam und daß dem zweiten ein Ruder durch die Seite

gerannt wurde. Vor allem sorgte der Kapitän dafür, daß vier kranke

Matrosen auf Deck gebracht und vorläufig auf einer sicheren Stelle

niedergelegt wurden -- unter ihnen ein Portugiese. Dieser hatte die

ganze Reise über keinen einzigen Tag gearbeitet, sondern vier Monate

lang in seiner Hängematte gelegen und eine Eiterbeule gepflegt. Als

wir im Krankenhaus von Honolulu unsere Notizen machten und ein Matrose

Herrn Burlingame diesen Nebenumstand berichtete, hob der Dritte

Steuermann, der im Bett nebenan lag, mit aller Anstrengung seinen Kopf

hoch und berichtigte mit schwacher Stimme, aber feierlich und im Tone

der Ueberzeugung:

»Er _züchtete_ Eiterbeulen. Er hatte ’ne ganze Familie von solchen

Dingern. Er that es bloß, damit er nicht auf Wache brauchte.«

Alles was an Lebensmitteln schnell zu erreichen war, wurde von den

Leuten und den beiden Passagieren zusammengerafft und auf das Deck

geworfen wo der Portugiese lag; dann eilten sie fort, um mehr zu holen.

Der Matrose, der es Herrn Burlingame erzählte, fügte hinzu:

»Wir brachten auf diese Weise für die 31 Mann 32 Tagesrationen

zusammen.«

Der Dritte Steuermann richtete wiederum seinen Kopf in die Höhe und

verbesserte auch diese Angabe, indem er voller Bitterkeit sagte:

»Der Portugiese, der da Schildwache spielte, aß zweiundzwanzig davon

auf, während niemand auf ihn acht gab. Ein verdammter Windhund!«

Das Feuer verbreitete sich mit rasender Geschwindigkeit. Rauch und

Flammen trieben die Männer zurück, sie mußten halbverrichteter Dinge

von der Aufgabe, Lebensmittel zusammenzutragen, Abstand nehmen, und als

sie die Boote bestiegen, hatten sie nur zehn Tagesrationen für jeden in

Sicherheit gebracht.

Jedes Boot hatte einen Kompaß, einen Quadranten, ein Exemplar von

›Bowditch’s Navigator‹ und einen ›Nautical Almanac‹; die vom Kapitän

und vom Ersten Steuermann kommandierten Boote hatten Chronometer. Die

Gesamtzahl der Leute betrug 31. Der Kapitän stellte ein Verzeichnis

sämtlicher vorhandenen Lebensmittel auf und erhielt folgendes Ergebnis:

4 Schinken, beinahe 30 Pfund gesalzenes Schweinefleisch, eine halbe

Kiste Rosinen, 100 Pfund Brot, 12 Zweipfundsdosen mit Austern,

Pfahlmuscheln und verschiedenem Eingemachten, ein Fäßchen mit 4 Pfund

Butter, 12 Gallonen[1] Wasser in einem 40 Gallonen haltenden Faß, 4

Korbflaschen von je 1 Gallone Inhalt mit Wasser gefüllt, 3 Flaschen

Branntwein (Eigentum der Passagiere), einige Pfeifen, Zündhölzer und

etwa 100 Pfund Tabak. Keine Arzneimittel. Natürlich mußte die ganze

Gesellschaft sofort auf knappe Rationen gesetzt werden.

[1] 1 Gallone = ungefähr 4½ ~l~.

Der Kapitän und die beiden Passagiere führten Tagebücher. Auf unserer

Ueberfahrt nach San Francisco gerieten wir mitten auf dem Stillen Ocean

in eine Windstille und kamen vierzehn Tage lang nicht einen Klafter

vorwärts; dies setzte mich instand, eine Abschrift von den Tagebüchern

zu machen. Das von Samuel Ferguson geführte ist das vollständigste; ich

will einiges daraus mitteilen. Als die nachstehende Eintragung gemacht

wurde, hatte das dem Untergang geweihte Schiff ungefähr vor 120 Tagen

den Hafen verlassen und alle Mann an Bord suchten sich mit den üblichen

Zerstreuungsmitteln die viele überflüssige Zeit zu vertreiben; an ein

Unglück dachte kein Mensch.

2. Mai. 1° 28´ n. Br. 111° 38´ w. L. Wieder ein heißer

trägemachender Tag. Einmal versprachen indessen die Wolken Wind

und es kam wirklich eine leichte Brise -- gerade genug, um uns

in Fahrt zu halten. Zu erwähnen ist heute nichts, als daß sich

große Mengen Fische um unser Schiff zeigen; am Vormittag wurden

9 Boniten gefangen und mehrere große Thunfische bemerkt. Nach

dem Essen bekam der Obersteuermann einen großen Burschen an die

Angel; er konnte ihn nicht halten und reichte die Leine dem

Kapitän zu, der am Bug stand. Dieser hielt fest und brachte mit

einem Ruck den Fisch heraus -- aber, schnapp! weg war Leine

und Haken und alles. Auch sahen wir, gemächlich hinter unserm

Stern herschwimmend, einen gewaltigen Haifisch, der 9 oder 10

Fuß lang gewesen sein muß. Wir stellten ihm mit allen möglichen

Angeln und mit einem Stück Schweinefleisch nach; aber er hatte

keine Lust anzubeißen. Ich vermute er hatte mit den über Bord

geworfenen Köpfen und anderen Ueberresten der Boniten seinen

Appetit gestillt.

Adams Tagebuch, und andere Erzählungen · 第 9 / 12 段