Als Joe hörte, es wäre ein Brief da, bat er, Henry möchte ihn vorlesen

und der liebevolle Gruß, der für ihn drin stand, machte den alten

Knaben ganz gerührt. Aber er sagte, er wäre so ein altes Wrack, daß ihm

das passieren würde, wenn sie auch bloß seinen Namen erwähnte. »Lieber

Gott, wir sehnen uns so nach ihr!« sagte er.

Am Samstag nachmittag ertappte ich mich darüber, daß ich recht oft die

Uhr zog. Henry bemerkte es und sagte mit einem beunruhigten Blick:

»Sie denken doch wohl nicht, sie müßte schon so früh hier sein, was?«

Ich war ein bißchen verlegen, daß er’s gemerkt hatte. Aber ich lachte

und sagte, es wäre so eine Gewohnheit von mir, wenn ich mich in großer

Erwartung befände. Er schien indessen von dieser Erklärung nicht ganz

befriedigt zu sein und ich sah ihm seit diesem Augenblick an, daß er

sich unbehaglich fühlte. Viermal nahm er mich mit bis an einen Punkt

der Landstraße, von wo man eine große Strecke überblicken konnte; da

stand er dann und überschattete seine Augen mit der Hand und spähte

aus. Mehreremale sagte er:

»Ich werde aufgeregt -- ich werde ganz richtig aufgeregt. Ich weiß, sie

kann nicht vor etwa neun Uhr hier sein und doch ist mir’s, als wollte

irgend ’ne innere Stimme mir sagen, es sei ihr was zugestoßen. Sie

denken doch nicht, es ist ihr was passiert, was?«

Ich fing an, bei mir zu denken, der Mann wäre ja so kindisch, daß

es ’ne Schande wäre. Und zuletzt, als er mir noch einmal wieder

seine Frage vorwinselte, verlor ich für den Augenblick die Geduld

und fuhr ihn ziemlich grob an. Das schien ihn so einzuschüchtern

und so kleinlaut zu machen und er sah nachher so verletzt und so

niedergeschlagen drein, daß ich mich selber wegen meiner unnötigen

Grausamkeit verwünschte. Und so war ich froh, als Charley, ebenfalls

einer von den Veteranen, in der Abenddämmerung ankam und sich an Henry

heranmachte, um den Brief lesen zu hören und die Vorbereitungen für

ihren Empfang zu besprechen. Charley ließ eine muntere Rede nach der

anderen los und that sein Bestes, um seines Freundes böse Ahnungen und

Befürchtungen zu zerstreuen.

»Ihr was _passiert_!? Henry, das ist ja der reine Unsinn! Es giebt

ja gar nichts, was ihr passieren könnte, darüber mach’ dir nur keine

Gedanken! Was stand doch im Brief? Daß es ihr gut ginge, nicht

wahr? Und daß sie um neun Uhr hier sein würde, nicht wahr? Hast du

je bemerkt, daß sie ihr Wort nicht hielt? Du weißt, du hast es nie

bemerkt! Na, dann habe also keine Angst; sie _wird_ hier sein, das

steht unumstößlich fest, das ist so gewiß wie daß du geboren bist.

Komm, laß uns jetzt ans Ausschmücken gehen; wir haben nicht mehr viel

Zeit.«

Ziemlich bald darauf kamen Tom und Joe an, und dann hatten wir alle

Hände voll zu thun, das Haus mit Blumen zu schmücken. Gegen neun

sagten die drei Goldgräber, sie hätten ihre Instrumente mitgebracht

und könnten nun gleich ’mal eins aufspielen, denn die Jungens und die

Mädels würden ja nun bald kommen und hätten wohl jedenfalls sich schon

auf einen guten Tanz nach alter Art gespannt. Eine Fiedel, ein Banjo

und eine Klarinette, das waren die Instrumente. Das Trio nahm Platz,

einer neben dem andern, und begann eine betäubende Tanzmusik; dazu

stampften sie mit ihren schweren Stiefeln den Takt.

Es war inzwischen nahezu neun Uhr geworden. Henry stand in der Thür und

hielt die Augen auf den Weg geheftet und sein Körper schwankte in der

Qual seiner Aufregung. Sie hatten mit ihm schon ein paarmal auf seiner

Frau Gesundheit und Wohlergehen angestoßen, und jetzt rief Tom: »Nun,

Jungens, heran! Noch ein Schluck und sie ist hier!«

Joe brachte die Gläser auf einem Präsentierteller und reichte das

Getränk herum. Ich griff nach dem einen von den zweien, die noch auf

dem Teller standen, aber Joe brummte halblaut:

»Nicht das! Nehmen Sie das andere!«

Das that ich denn. Henry bekam zuletzt sein Glas. Kaum hatte er das

Getränk hinuntergegossen, so schlug es neun. Er lauschte, bis der

letzte Schlag verklungen war, und sein Gesicht wurde bleich und immer

bleicher. Dann sagte er:

»Jungens, ich bin ganz krank vor Angst. Helft mir -- ich möchte mich

hinlegen!«

Sie halfen ihm auf das Sopha. Er legte sich bequem zurecht und fing an

einzuschlummern. Aber auf einmal sagte er und es klang, wie wenn einer

im Schlaf spricht:

»Hörte ich Hufschlag? sind sie gekommen?«

Einer von den Veteranen sagte ihm ins Ohr:

»Es war Jimmy Parrish; er hat Bescheid gebracht, die Gesellschaft hätte

unterwegs Aufenthalt gehabt, aber sie wären schon auf dem Wege und

kämen bald. Ihr Pferd ist lahm, aber in einer halben Stunde wird sie

hier sein.«

»O, ich bin so dankbar, daß ihr nichts passiert ist.«

Er war eingeschlafen, bevor die Worte kaum aus seinem Munde waren.

In einem Augenblick hatten die behenden Burschen ihm seine Kleider

abgezogen und ihn in die Kammer getragen, wo ich mir die Hände

gewaschen hatte. Dort legten sie ihn ins Bett. Sie schlossen die Thür

und kamen wieder heraus. Dann schienen sie fortgehen zu wollen, aber

ich sagte:

»Bitte, ihr Herren, gehen Sie nicht! Sie würde mich nicht kennen, ich

bin ein Fremder.«

Sie sahen einander an; dann sagte Joe:

»Sie? Das arme Ding -- sie ist seit neunzehn Jahren tot.«

»Tot?«

»-- oder schlimmer als tot. Sie ging ein halbes Jahr nach ihrer

Hochzeit zu ihren Verwandten auf Besuch, und auf ihrer Rückreise, an

einem Samstag-Abend, raubten die Indianer sie, fünf Meilen von hier,

und man hat niemals wieder was von ihr gehört.«

»Und er hat darüber seinen Verstand verloren?«

»Er hat seither niemals wieder eine vernünftige Stunde gehabt. Aber

schlimm wird es mit ihm nur, wenn die Zeit wieder herankommt. Dann

fangen wir an, bei ihm vorzusprechen, drei Tage bevor sie kommen soll,

und sprechen ihm Mut zu und fragen, ob er was von ihr gehört hat und

am Samstag kommen wir alle und putzen das Haus mit Blumen heraus

und machen alles zu einem Tanz fertig. So haben wir’s seit neunzehn

Jahren jedes Jahr gemacht. Am ersten Samstag, da waren wir unser

siebenundzwanzig, ungerechnet die Mädels. Jetzt sind wir bloß noch

drei und die Mädels sind alle fort. Wir geben ihm einen Schlaftrunk,

sonst würde er wild werden. Dann ist es wieder für ein Jahr ganz in

Ordnung mit ihm -- er denkt, sie ist bei ihm, bis die letzten drei oder

vier Tage herankommen, dann fängt er an nach ihr auszusehen und kriegt

seinen armen alten Brief heraus und wir kommen und bitten ihn, uns den

Brief vorzulesen. Lieber Gott, was war sie für ’ne herzige Kleine ...«

[Illustration]

Die Appetit-Anstalt.

I.

Das Etablissement heißt Hochberghaus. Es liegt in Böhmen, eine kleine

Tagereise von Wien und da es zum österreichischen Kaiserreich gehört,

so ist es natürlich eine Kuranstalt. Das Reich besteht aus lauter

Kurorten; es versorgt die ganze Welt mit Gesundheit. Die Quellen sind

alle medizinisch. Ihr Wasser wird auf Flaschen gefüllt und über die

ganze Erde versandt; die Einheimischen selbst trinken Bier. Dies sieht

aus wie Aufopferung -- aber Ausländer, die einmal Wiener Bier getrunken

haben, sind anderer Meinung darüber. Besonders wenn es jenes Pilsener

war, das man in einem kleinen Keller in einem dunklen Hintergäßchen im

ersten Bezirk bekommt -- der Name ist mir entfallen, aber das Lokal ist

leicht zu finden: man frage nach der Griechischen Kirche; hat man sie

gefunden, so gehe man rechter Hand gerade aus -- das nächste Haus ist

die kleine Bierschänke. Sie liegt fern von allem Verkehr und Lärm; hier

ist ewiger Sonntag. Die Wirtschaft besteht aus zwei kleinen Zimmern mit

niedrigen Decken, die von mächtigen Gewölbepfeilern getragen werden;

Gewölbe und Pfeiler sind weiß getüncht, sonst könnte man die Räume

für Kerkerzellen im Donjon einer Bastille halten. Die Einrichtung

ist einfach und billig, Schmuck fehlt gänzlich -- und doch ist hier

ein Himmel für die aufopferungsvollen Biertrinker, denn das Bier ist

unvergleichlich -- wirklich, es giebt seinesgleichen nicht auf der

ganzen Welt! Im ersten Zimmer wird man zwölf bis fünfzehn Damen und

Herren von bürgerlichem Stande finden, im zweiten ein Dutzend Generäle

und Botschafter. Man kann viele Monate in Wien leben, ohne von diesem

Ort zu hören. Aber hat man einmal davon gehört und seine Reize erprobt

-- so wird man der Kneipe als Stammgast verfallen sein.

Indessen, dies alles sage ich nur so nebenbei -- es ist nur eine

flüchtige Bemerkung zum Zeichen der Dankbarkeit für genossenes

Glück; mit meinem Aufsatz hat es nichts zu thun. Mein Aufsatz

betrifft Kurorte. Alle ungesunden Leute sollten ihren Wohnsitz in

Wien aufschlagen und von dieser Basis auf von Zeit zu Zeit nach den

umliegenden Kurorten, je nach Bedürfnis, Ausflüge machen: einen Ausflug

nach Marienbad, um das Fett loszuwerden; einen Ausflug nach Karlsbad,

um den Rheumatismus loszuwerden; einen Ausflug nach Kaltenleutgeben, um

die Wasserkur zu gebrauchen und alle übrigen Krankheiten loszuwerden.

’s ist alles so bequem zur Hand. Man kann in Wien stehen und einen

Zwieback nach Kaltenleutgeben hineinwerfen; man braucht bloß eine

Dreißigzentimeterkanone dazu. Man kann zu jeder Tageszeit dorthin

eilen; man fährt mit phänomenal langsamen Zügen und braucht trotzdem

kaum eine Stunde und ist dem Dunst und der Hitze der Stadt entronnen

und hat dafür waldige Berge und schattige Waldwege und weiche kühle

Lüfte und Vogelmusik und Ruhe und Frieden eines Paradieses.

Und man hat noch eine Masse anderer Kurorte zur Verfügung, die man

bequem von Wien aus erreichen kann -- lauter reizende Plätzchen; Wien

liegt im Mittelpunkt einer schönen Welt von Bergen, wo hier und da ein

See und Wälder sich finden; in der That, keine andere Großstadt ist so

glücklich gelegen.

Es ist, wie ich schon sagte, Ueberfluß an Kurorten vorhanden. Zu

diesen gehört Hochberghaus. Es liegt einsam auf dem Gipfel eines

dichtbewaldeten Berges und ist ein Gebäude von bedeutender Größe. Es

nennt sich die Appetit-Anstalt, und Leute, die ihren Appetit verloren

haben, kommen hierher um ihn sich wieder herstellen zu lassen. Als ich

ankam, nahm Professor Haimberger mich mit sich in sein Sprechzimmer und

fragte:

»Es ist sechs Uhr; wann aßen Sie zuletzt?«

»Um zwölf.«

»Was aßen Sie?«

»Beinahe gar nichts.«

»Was war auf dem Tisch?«

»Die üblichen Sachen.«

»Rippchen, Hühner, Gemüse u. s. w.?«

»Ja. Aber sprechen Sie nicht davon -- ich kann’s nicht vertragen.«

»Sind Sie der Sachen überdrüssig?«

»O, über alle Maßen. Ich möchte, ich hörte niemals wieder was davon.«

»Der bloße Anblick von Essen beleidigt Sie, nicht wahr?«

»Mehr als das, er empört mich.«

Der Doktor dachte eine Weile nach; dann zog er eine lange Speisekarte

hervor und ließ langsam sein Auge daran heruntergleiten.

»Ich denke,« sagte er dann, »was Sie essen müssen, ist ... aber hier,

suchen Sie sich selber was aus!«

Ich warf einen Blick auf die Liste, und mein Magen schlug einen

Purzelbaum. Von allen barbarischen Gelagen, die jemals ausgesonnen

wurden, war dieses das gräßlichste. Ganz oben stand:

›Kutteln, zäh, halbgar, halbverfault, mit Knoblauch angemacht‹;

halbwegs die Karte hinunter las ich: ›Junge Katze; alte Katze;

Katzenklein‹ und ganz unten stand: ›Matrosenstiefel, mit Talg weich

gemacht -- roh aufgetragen.‹ Die großen Zwischenräume der Speisekarte

wiesen Gerichte auf, die darauf berechnet waren, einem Kannibalen die

Kehle zuzuschnüren. Ich sagte:

»Herr Doktor, es ist nicht angebracht, mit einem so ernsten Fall, wie

der meinige ist, seinen Scherz zu treiben. Ich kam hierher, um Appetit

zu kriegen, nicht um das bißchen, was ich noch davon übrig habe,

loszuwerden.«

Er sagte ernst: »Ich scherze nicht; warum sollte ich scherzen?«

»Aber ich kann solche Greuel nicht essen.«

»Warum nicht?«

Er sagte das mit einer Unbefangenheit, die jedenfalls

bewunderungswürdig war, mochte sie nun echt oder nur gut gespielt sein.

»Warum nicht? Weil -- ja, Herr Doktor, seit Monaten habe ich selten

einmal andere feste Nahrung verdauen können als Rühreier und

Eierkuchen. Ihre unaussprechlichen Gerichte ...«

»O, Sie werden Sie mit der Zeit sogar gerne essen. Sie sind sehr gut.

Und Sie _müssen_ sie essen. Das ist eine Vorschrift hier, und zwar eine

strenge. Ich kann durchaus nicht erlauben, daß davon abgegangen wird.«

Ich sagte lächelnd: »Nun, dann Herr Doktor werden Sie den Abgang des

Patienten zu erlauben haben. Ich reise.«

Er sah betroffen aus und sagte in einem Ton, der der Sache ein anderes

Aussehen gab:

»Ich bin gewiß, Sie werden mir ein solches Unrecht nicht anthun. Ich

habe Sie in gutem Glauben aufgenommen -- Sie werden dieses Vertrauen

nicht zu Schanden machen. Diese Appetit-Anstalt ist meine ganze

Existenz. Wenn Sie fortgingen mit dem Appetit, wie Sie ihn jetzt haben,

so könnte das bekannt werden und Sie sehen selber ein, daß dann die

Leute sagen würden, wenn meine Kur in Ihrem Fall fehlgeschlagen hätte,

so könnte sie auch in anderen Fällen fehlschlagen. Sie werden nicht

fortgehen; Sie werden mir das nicht anthun!«

Ich bat um Entschuldigung und sagte, ich wollte bleiben.

»Das ist recht! Ich war sicher, Sie würden nicht gehen; Sie hätten

damit meiner Familie das Essen vor dem Munde weggenommen.«

»Würde die sich was daraus machen? Ißt sie denn diesen verteufelten

Kram?«

»Sie? Meine Familie?« Seine Augen waren voll freundlichen Erstaunens.

»Natürlich nicht.«

»O, also nicht! Und Sie?«

»Ganz gewiß nicht.«

»Ich verstehe; ’s ist wieder ’mal der Fall des Arztes, der seine eigene

Medizin nicht nimmt.«

»Ich brauch’ es nicht ... Es ist sechs Stunden her, daß Sie

gefrühstückt haben. Wollen Sie Ihr Abendessen jetzt haben -- oder

später?«

»Ich bin nicht hungrig, aber ›jetzt‹ ist ebenso gut wie sonst ’ne Zeit

und es wäre mir lieb, wenn ich damit fertig wäre und es vom Halse

hätte. Es ist so ziemlich meine gewohnte Stunde, und Regelmäßigkeit

wird von allen ärztlichen Autoritäten empfohlen. Ja, ich will

versuchen, jetzt ein bißchen zu knabbern -- ein kleiner Spazierritt

wäre mir lieber gewesen.«

Der Professor reichte mir das abscheuliche ›Menu‹.

»Suchen Sie sich selber was aus -- oder wollen Sie es später haben?«

»O, du lieber Gott! Weisen Sie mir mein Zimmer an. Ich vergaß Ihre

strenge Vorschrift.«

»Warten Sie noch einen Augenblick, ehe Sie sich endgiltig entscheiden.

Es ist noch eine andere Vorschrift da: Wenn Sie jetzt etwas wählen,

wird Ihre Bestellung sofort ausgeführt werden; wenn Sie aber warten,

so müssen Sie warten bis es _mir_ beliebt. Sie können von der ganzen

Speisekarte kein Gericht ohne meine Einwilligung bekommen.«

»Schon recht. Zeigen Sie mir mein Zimmer und schicken Sie die Köchin zu

Bett; ich habe es ganz und gar nicht eilig.«

Der Professor führte mich eine Treppe hinauf und brachte mich in eine

sehr einladende und behagliche Wohnung, bestehend aus Wohnzimmer,

Schlafstube und Baderaum.

Die Vorderfenster gewährten eine weite Aussicht über grüne Lichtungen

und Thäler, über waldbedeckte Hügelkuppen -- eine vornehme Einsamkeit,

unberührt von der Qual der lärmenden Welt. Im Wohnzimmer waren eine

Anzahl Gestelle voller Bücher. Der Professor sagte, er wolle mich jetzt

mir selber überlassen; dann fuhr er fort:

»Rauchen und lesen Sie soviel Sie mögen, trinken Sie soviel Wasser,

wie Sie Lust haben. Wenn Sie Hunger bekommen, so klingeln Sie und

bestellen Sie was und ich werde entscheiden, ob Sie es bekommen dürfen

oder nicht. Ihr Zustand ist ein hartnäckiger böser Fall und ich denke

die ersten vierzehn Gerichte, die auf der Karte stehen, sind ohne

Ausnahme nicht stark genug für die Verhältnisse. Ich bitte Sie um die

Gefälligkeit, sich einzuschränken und keins von ihnen zu bestellen.«

»Mich einschränken -- sagten Sie nicht so? Seien Sie darum ohne Sorgen.

Bei mir werden Sie Geld sparen! Der Gedanke, eines kranken Mannes

verlorenen Appetit mit solchem Raubvogelfraß zurückschmeicheln zu

wollen ist heller Wahnsinn!«

Ich sagte dies voll Bitterkeit, denn es brachte mich außer mir, daß

er so ruhig und kalt von seinen herzlosen neuen Mordmethoden sprach.

Der Doktor sah mich bekümmert, aber nicht beleidigt an. Er legte die

Speisekarte auf das Nachttischchen, das am Kopfende meines Bettes

stand, ›so daß es bequem zur Hand sein möchte‹ und sagte:

»Ihr Fall ist durchaus nicht der schwerste, der mir bis jetzt

vorgekommen ist; aber immerhin ist er schlimm und erfordert kräftige

Behandlung; ich werde Ihnen deshalb verbunden sein, wenn Sie die

Selbstbeherrschung üben, die ersten vierzehn zu überschlagen und erst

von Nr. 15 an zu beginnen.«

Hierauf ging er, und ich fing sofort an mich auszuziehen, denn ich war

hundemüde und sehr schläfrig. Ich schlief fünfzehn Stunden und wachte

am nächsten Morgen um zehn herrlich erquickt auf. Wiener Kaffee! Das

war das erste, woran ich dachte -- dieser unerreichbare Wonnetrank,

dieser prachtvolle Kaffeehauskaffee, mit dem verglichen aller andere

europäische Kaffee und aller amerikanische Hotelkaffee bloß eine

flüssige Armseligkeit ist. Ich klingelte und bestellte welchen; auch

Wiener Brot dazu -- diese köstliche Erfindung. Der Aufwärter sprach

mit mir durch das Schiebefenster in der Thür und sagte -- aber man

weiß schon, was er sagte. Er verwies mich auf die Speisekarte. Ich

gestattete ihm zu gehen -- ich hätte ihn nicht weiter nötig.

Nach dem Bade zog ich mich an und gedachte einen Spaziergang zu machen

-- und kam bis an die Thür. Sie war von außen verschlossen. Ich

klingelte und der Diener kam und setzte mir auseinander, das sei wieder

eine andere Vorschrift. Der Patient müsse eingeschlossen bleiben, bis

er die erste Mahlzeit eingenommen habe. Es war mir vorher am Ausgehen

nicht übermäßig viel gelegen gewesen; aber nun war es etwas anderes!

Ein Mensch, der eingeschlossen ist, wünscht immer dringend, auszugehen.

Bald begann ich es schwierig zu finden, die Zeit totzuschlagen. Um zwei

Uhr war ich sechsundzwanzig Stunden ohne Nahrung gewesen. Eine Zeitlang

war ich immer hungriger geworden; jetzt merkte ich, daß ich nicht nur

Hunger hatte, sondern daß mein Hunger sogar mit einem sehr kräftigen

Adjektiv bezeichnet werden mußte. Indessen war ich doch nicht hungrig

genug, um es mit der Speisekarte aufnehmen zu können.

Ich mußte mir irgendwie die Zeit vertreiben. Ich dachte an Lesen und

Rauchen. Ich that es; Stunde auf Stunde. Die Bücher waren alle von

derselben Art: von Schiffbrüchen; von Menschen, die sich in Wüsten

verirrt hatten; von Leuten, die in verschüttete Bergwerksschächte

eingeschlossen waren; von Leuten, die in belagerten Städten verhungert

waren. Ich las von allen ekelerregenden Speisen, womit jemals

hungerleidende Menschen ihre Gier nach Essen gestillt haben. Während

der ersten Stunden machten diese Geschichten mir übel; dann folgten

Stunden, wo sie nicht mehr solchen Eindruck auf mich machten; dann

kamen Stunden, wo ich mich ab und zu darüber ertappte, daß ich bei

der Beschreibung irgend welcher leidlich höllenmäßigen Gerichte mit

den Lippen schmatzte. Als ich fünfundvierzig Stunden lang ohne Essen

gewesen war, lief ich munter an die Klingel und bestellte das zweite

Gericht auf der Speisekarte: eine Art Knödel mit Füllungen von Kaviar

und Theer.

Es wurde mir verweigert. Während der nächsten fünfzehn Stunden machte

ich alle Augenblicke ’mal einen Besuch bei der Klingel und bestellte

ein Gericht, das weiter unten auf der Karte stand. Immer wieder

abgeschlagen! Aber ich überwand stracks ein Vorurteil nach dem andern;

ich machte sichere Fortschritte; ich kroch mit tödlicher Sicherheit

näher an Nr. 15 heran, und mein Herz schlug schneller und schneller,

meine Hoffnungen stiegen höher und höher.

Schließlich, als seit sechzig Stunden keine Nahrung über meine Lippen

gekommen war -- da war der Sieg mein und ich bestellte Nr. 15:

»Weich gekochte Kücken, fertig zum Auskriechen -- mit den Eiern; sechs

Dutzend, heiß und duftig!«

In fünfzehn Minuten waren sie da; und mit ihnen kam, vor Freude sich

die Hände reibend, der Doktor. Er sagte in großer Erregung:

»Das ist ’ne Kur! Das ist ’ne Kur! Ich wußte, sie würde mir gelingen.

Lieber Herr, mein großes System schlägt niemals fehl -- niemals! Sie

haben Ihren Appetit wieder -- Sie wissen, Sie haben ihn; sagen Sie’s

und machen Sie mich glücklich!«

»Her mit Ihrem Fraß! Ich kann alles essen, was auf der Speisekarte

steht!«

»O, das ist edel, das ist prächtig! Aber ich wußte, es gelänge mir; das

System ist unfehlbar. Wie sind die Vögel?«

»So was Köstliches war noch niemals auf der Welt -- und doch mache ich

mir sonst im allgemeinen nicht viel aus Geflügel. Aber unterbrechen

Sie mich nicht, bitte! Ich kann meinen Mund nicht entbehren, wirklich,

ich kann’s nicht.«

Da sagte der Doktor:

»Die Kur ist vollständig. Da ist kein Zweifel mehr dran und keine

Gefahr mehr vorhanden. Lassen Sie das Geflügel stehen; jetzt kann ich

Ihnen ein Beefsteak anvertrauen.«

Das Beefsteak kam -- ein ganzer Korb voll -- mit Kartoffeln, und Wiener

Brot und Kaffee; und dann hielt ich eine Mahlzeit, die all meiner

umständlichen Vorbereitungen wert war! Und Thränen der Dankbarkeit

troffen mir die ganze Zeit über die Sauce hinein -- Dankbarkeit

gegenüber dem Doktor, daß er mir ein kleines bißchen einfachen gesunden

Menschenverstandes eingetrichtert hatte, der so viele, viele Jahre mir

gefehlt hatte.

II.

Vor dreißig Jahren machte Haimberger eine lange Reise in einem

Segelschiff. An Bord waren fünfzehn Passagiere. Die Kost wies die

übliche tagtägliche Einförmigkeit auf: Um 7 Uhr früh eine Tasse

schlechten Kaffee im Bett; um 9 Frühstück: schlechter Kaffee mit

kondensierter Milch, dumpfige Brötchen, Wasserzwiebäckchen, gesalzener

Fisch. Um 1 Uhr Gabelfrühstück: kalte Zunge, kalter Schinken, kaltes

Pökelfleisch, dumpfige kalte Brötchen, Wasserzwiebäckchen; um 5

Hauptmahlzeit: dicke Erbsensuppe, gesalzener Fisch, warmes Pökelfleisch

mit Sauerkraut, gekochtes Schweinefleisch mit Bohnen, Pudding; von

9 bis 11 Abendessen: Thee mit kondensierter Milch, kalte Zunge,

kalter Schinken, Pfeffergurken, Schiffszwieback, marinierte Austern,

marinierte Schweinsfüße, geröstete Rippchen.

Als das Ende der ersten Woche herankam, hatte man aufgehört zu essen;

statt dessen wurde nur an den Speisen herumgepickt. Die Passagiere

kamen freilich zu Tische, aber dies thaten sie teils um die Zeit

hinzubringen, teils weil die Weisheit der Menschengeschlechter uns

anempfiehlt, regelmäßig in unseren Mahlzeiten zu sein. Sie waren der

derben und einförmigen Kost leid, hatten kein Interesse daran, keinen

Appetit darauf. Den lieben langen Tag lungerten sie auf dem Schiff

herum: halb hungrig, von ihrem knurrenden Magen gequält, verdrießlich,

mundfaul, elend. Drei von ihnen waren ausgemachte Magenkranke; diese

wurden im Lauf von drei Wochen zu reinen Schatten. Dann war da noch

ein bettlägeriger Invalide; der lebte von gekochtem Reis; er konnte

nicht einmal den Anblick der gewöhnlichen Speisen vertragen.

Auf einmal ging das Schiff unter; Passagiere und Mannschaft retteten

sich in offenen Boten. Wie üblich waren die Nahrungsmittel knapp.

Die Vorräte wurden gering und immer geringer. Da besserten sich die

Appetite. Als nichts mehr übrig war außer rohem Schinken und als

die tägliche Ration davon auf 55 Gramm für die Person herunterkam,

da waren die Appetite vorzüglich. Nach Verlauf von 14 Tagen kauten

die Magenleidenden, der Invalide und die zartestbesaiteten Damen

der Gesellschaft voll Wonne an alten Matrosenstiefeln und beklagten

sich über dies Essen bloß, weil es so wenig davon gab. Und das waren

dieselben Leute, die auf dem Schiff das ewige Pökelfleisch und das

Sauerkraut und die anderen Unverdaulichkeiten nicht hatten ausstehen

können!

Ein englisches Schiff errettete sie aus ihrer Not. Binnen zehn Tagen

waren alle fünfzehn in so guter Verfassung, wie an dem Tage, da sie

schiffbrüchig wurden.

»Sie hatten von ihrem Abenteuer keinen Schaden genommen,« fügte der

Professor hinzu. »Verstehen Sie, was das sagen will?«

»Ja.«

»Verstehen Sie’s wirklich?«

»Ja -- ich glaube doch.«

»Nein, Sie verstehen es _nicht_. Sie zögern. Sie können sich nicht zum

Verständnis der Bedeutung aufschwingen. Ich will es noch einmal sagen

-- mit besonderer Betonung: Nicht ein einziger von ihnen erlitt irgend

welchen Schaden.«

»Nun beginne ich zu verstehen. Ja, das war in der That merkwürdig.«

Adams Tagebuch, und andere Erzählungen · 第 8 / 12 段