Widerhaken an einer solchen kostbaren Angel wert ist, und ich habe
niemals einen Mann gesehen, der so reich war, daß es sich verlohnt
hätte, seinen Hort zu zählen, denn der Wohlhabendste, den ich bis jetzt
gekannt, besaß nur drei.‹
»Mein thörichter Vater brüllte wieder in albernem Entzücken und mußte
dadurch den Eindruck noch vertiefen, daß er nicht gewöhnt sei, seine
Angelhaken zu zählen und scharf zu bewachen. Sehen Sie, das war
Renommisterei. Ob er sie zählte? Ei ja, er zählte sie jeden Tag!
»Ich hatte meinen Liebling in der ersten Morgendämmerung getroffen
und kennen gelernt; nach unserem Hause gebracht hatte ich ihn genau
drei Stunden später, bei Einbruch der Nacht -- denn die Tage waren
kurz, da wir uns damals der sechsmonatlichen Nacht näherten. Viele
Stunden dauerte unser festliches Gelage; endlich gingen die Gäste
fort, und wir Zurückbleibenden verteilten uns die Wände entlang auf
die Schlafbänke und bald waren alle in Träume versunken -- außer mir.
Ich war zu glücklich, zu erregt, um schlafen zu können. Nachdem ich
lange, lange Zeit still dagelegen hatte, kam bei mir eine undeutliche
Gestalt vorbei, die in dem Dunst am anderen Ende des Raumes verschwand.
Ich konnte nicht unterscheiden wer es war und ob es ein Mann oder eine
Frau sein mochte. Plötzlich kam dieselbe Figur oder eine andere in der
entgegengesetzten Richtung an mir vorüber. Ich grübelte in mir darüber
nach, was wohl dies alles bedeuten könnte; aber das Grübeln half mir
nichts, und während ich noch grübelte, schlief ich ein.
»Ich weiß nicht wie lange ich schlief -- aber plötzlich war ich hell
wach und hörte meinen Vater mit schrecklicher Stimme rufen: ›Beim
großen Schneegott! Es fehlt ein Angelhaken!‹ Eine innere Stimme
sagte mir, dies bedeute Kummer und Sorge für mich -- und das Blut in
meinen Adern erstarrte vor Kälte. Mein Vorgefühl fand sich im selben
Augenblick bestätigt; mein Vater schrie: ›Auf, ihr alle miteinander und
packt mir den Fremden!‹ Dann ein Ausbruch von Geschrei und Flüchen auf
allen Seiten und ein wildes Rennen schattenhafter Gestalten durch die
Dunkelheit. Ich eilte meinem Geliebten zu Hilfe, aber was konnte ich
anders thun als warten und die Hände ringen?
»Er war bereits durch einen lebenden Wall von mir getrennt, und man
war dabei, ihm Hände und Füße zu binden. Erst als sie sich seiner
versichert hatten, ließen sie mich zu ihm. Ich warf mich auf seine arme
mißhandelte Gestalt und weinte meinen Schmerz an seiner Brust aus,
während mein Vater und meine ganze Familie auf mich schalten und ihn
mit Drohungen und schmählichen Schimpfworten überhäuften. Er ertrug
diese schnöde Behandlung mit einer ruhigen Würde, die ihn mir teurer
denn je machte und mich mit glücklichem Stolz erfüllte, daß ich mit
ihm und für ihn leiden durfte. Ich hörte, wie mein Vater befahl, die
Aeltesten des Stammes sollten zusammengerufen werden, um über Kalula
auf Leben und Tod zu richten.
»›Was?!‹ rief ich. ›Bevor überhaupt nach dem verlorenen Haken gesucht
worden ist?‹
»›Nach dem _verlorenen_ Haken!‹ riefen sie alle höhnisch, und mein
Vater fügte spöttisch hinzu: ›Tretet alle beiseite und seid recht
ernst, wie sich’s gehört -- sie geht auf die Jagd nach dem ›verlorenen‹
Haken! O, ohne Zweifel wird sie ihn finden!‹ -- worauf sie wieder alle
lachten.
»Auf mich machte dies keinen Eindruck -- ich hatte keine Befürchtungen,
keine Zweifel. Ich sagte:
»›Jetzt seid ihr daran zu lachen; aber wir kommen auch noch an die
Reihe. Wartet ab und seht!‹
»Ich ergriff eine Thranlampe. Ich dachte, ich würde das elende kleine
Ding in einem Augenblick finden; und ich begab mich mit solcher
Zuversicht auf die Suche, daß meine Leute ernst wurden. Es dämmerte
ihnen der Gedanke, sie wären doch vielleicht zu voreilig gewesen. Aber
ach und je! O, wie bitter war dieses Suchen. Eine Zeitlang, während
welcher man zehn- oder zwölfmal seine Finger hätte zählen können,
herrschte tiefes Schweigen, dann begann mir das Herz zu sinken, und um
mich herum fingen wieder die Spottreden an und wurden immer lauter und
zuversichtlicher, bis zuletzt, als ich es aufgab, Salve auf Salve von
grausamem Gelächter erscholl.
»Kein Mensch kann jemals ahnen, was ich da litt. Aber meine Liebe war
mir Stütze und gab mir Kraft, ich stellte mich auf den mir zukommenden
Platz an meines Kalula Seite, schlang meinen Arm um seinen Nacken und
flüsterte ihm ins Ohr:
»›Du bist unschuldig, mein Herzlieb -- das weiß ich. Aber sage es
selber mir zum Trost. Dann kann ich alles tragen, was immer uns
beschieden sein mag.‹
»Er antwortete:
»›So gewiß ich in diesem Augenblick auf der Schwelle des Todes stehe:
ich bin unschuldig. Tröste dich also, o zertretenes Herz. Sei im
Frieden, o du Atemzug meiner Nüstern, Leben meines Lebens!‹
»›Nun, so laßt die Aeltesten kommen!‹ Und als ich diese Worte sprach,
da kam von draußen ein verworrenes Geräusch von knirschendem Schnee,
und dann huschten wie Geister gebeugte Gestalten zur Thür herein -- die
Aeltesten!
»Mein Vater klagte den Fremden in aller Form an und schilderte
die Vorgänge der Nacht in allen ihren Einzelheiten. Er sagte, der
Nachtwächter habe vor der Thür gestanden und drinnen sei kein Mensch
gewesen außer der Familie und dem Fremden. ›Würde die Familie ihr
eigenes Eigentum stehlen?‹ Er hielt inne. Die Aeltesten saßen viele
Minuten lang schweigend da; zuletzt sagte einer nach dem andern zu
seinem Nachbarn: ›Das sieht schlimm aus für den Fremden.‹ Kummer
bringende Worte für mich zu hören! Dann setzte mein Vater sich hin.
O, ich Elende -- Elende ich! In demselben Augenblick hätte ich meines
Lieblings Unschuld beweisen können -- aber ich wußte es nicht!
»Der Vorsitzende des Gerichtes fragte:
»›Ist hier jemand, der den Angeklagten verteidigen will?‹
»Ich stand auf und sagte:
»›Warum sollte _er_ denn den Haken stehlen -- einen einzelnen oder sie
alle zusammen? Einen Tag darauf wäre er ja der Erbe des ganzen Schatzes
gewesen!‹
»Ich stand und wartete. Es trat ein langes Schweigen ein; der Atemdampf
von den vielen Menschen umwallte mich wie ein Nebel. Endlich nickte
ein Aeltester nach dem anderen mehreremale langsam mit dem Kopf und
murmelte: ›Es liegt Beweiskraft in dem, was das Kind gesagt hat.‹ O was
für eine Herzerleichterung lag in diesen Worten! Wenn auch flüchtig --
wie köstlich war sie doch. Ich setzte mich.
»›Wenn einer noch etwas zu sagen wünscht, so möge er jetzt sprechen --
später aber schweige er,‹ sagte der Vorsitzende.
»Mein Vater stand auf und sprach:
»›Während der Nacht kam in dem trüben Dämmer eine Gestalt bei mir
vorüber, ging zum Schatz und kam plötzlich wieder zurück. Ich glaube
jetzt, es war der Fremde.‹
»O, ich war einer Ohnmacht nahe! Ich hatte gedacht, es sei mein
Geheimnis; nicht der große Eisgott selber hätte es mir aus dem Herzen
reißen sollen. Der vorsitzende Richter sagte ernst zu meinem armen
Kalula:
»›Sprich!‹
»Kalula zauderte, dann antwortete er:
»›Ich war’s! Die Gedanken an die schönen Angelhaken ließen mich nicht
schlafen. Ich ging hin und küßte sie und streichelte sie, um meinen
Geist zu beruhigen und mit einer harmlosen Freude einzulullen. Dann
legte ich mich wieder hin. Ich habe vielleicht einen fallen lassen,
aber gestohlen habe ich keinen!‹
»O, was für ein verhängnisvolles Eingeständnis an solchem Ort!
Schauerliches Schweigen herrschte. Ich wußte, er hatte sein eigenes
Urteil gesprochen, und es war alles vorüber. Auf jedem Antlitz konnte
man die Worte eingegraben lesen: ›Es ist ein Geständnis -- und ein
armseliges, lahmes, schwächliches!‹
»Ich saß und hielt meine schwachen Atemzüge an -- und wartete. Auf
einmal hörte ich die feierlichen Worte, die, wie ich wußte, kommen
mußten. Und jedes Wort, wie es ertönte, fuhr mir wie ein Messer ins
Herz:
»›Es ist der Befehl des Gerichtshofes, daß der Angeklagte der
›Wasserprobe‹ unterworfen werde.‹
»O, Fluch auf das Haupt des Menschen, der die Wasserprobe in unser
Land brachte! Sie kam vor Menschenaltern aus irgend einem fernen
Lande -- wo es liegt, weiß keine Seele. Vorher benutzten unsere Väter
Zeichendeutung und andere unsichere Beweismittel, und ohne Zweifel kam
dann und wann ein armes Geschöpf trotz seiner Schuld mit dem Leben
davon. Nicht so ist es mit der Wasserprobe; denn diese ist von weiseren
Männern erfunden worden, als wir armen unwissenden Wilden sind. Durch
sie werden die Unschuldigen zweifellos und fraglos für unschuldig
befunden, denn sie ertrinken; die Schuldigen aber werden mit derselben
Sicherheit als schuldig erkannt, denn sie gehen nicht unter. Das Herz
brach mir im Busen, denn ich sagte mir: ›Er ist unschuldig und er wird
in die Wogen versinken und ich werde ihn niemals wiedersehen.‹
»Von diesem Augenblick an wich ich nicht mehr von seiner Seite. Ich
trauerte in seinen Armen all die kostbaren Stunden lang, und er übergoß
mich mit dem tiefen Strom seiner Liebe. Zuletzt rissen sie ihn von mir
und ich folgte ihnen schluchzend und sah sie ihn in die See schleudern
-- dann verhüllte ich mein Antlitz mit den Händen. Todesqual? O, ich
kenne die tiefsten Tiefen dieses Wortes!
»Im nächsten Augenblick brachen die Leute in ein hämisches
Freudengeschrei aus; vor Schreck zusammenfahrend nahm ich meine Hände
vom Gesicht. O bitterer Anblick: _er schwamm_! Augenblicklich wurde
mein Herz zu Stein, zu Eis. Ich sagte: ›Er war schuldig -- und er log
mir!‹ Voll Verachtung wandte ich meinen Rücken und ging meines Weges --
nach Hause.
»Sie fuhren mit ihm weit hinaus in die See und setzten ihn auf einen
Eisberg, der nach Süden trieb -- nach Süden zu den großen Gewässern.
Dann kam meine Familie heim und mein Vater sprach zu mir:
»›Dein Dieb sendet dir seine Todesbotschaft. Er sagt: »Sage ihr,
ich bin unschuldig und alle Tage und alle Stunden und alle Minuten,
während ich verhungere und verkomme, werde ich sie lieben und an sie
denken und den Tag segnen, da ich ihr süßes Antlitz zuerst erblickte.«
-- Ganz reizend, geradezu poetisch!‹
»Ich sagte: ›Pfui, wie schmutzig -- laßt mich niemals wieder ihn nennen
hören.‹
»Und ach -- denken zu müssen: Er _war_ unschuldig!
»Neun Monate -- neun öde traurige Monate gingen dahin und endlich kam
der Tag des großen Jahresopfers, wo alle Jungfrauen des Stammes ihr
Antlitz waschen und ihr Haar kämmen. Mit dem ersten Strich meines
Kammes kam zum Vorschein der verhängnisvolle Angelhaken, kam heraus
aus seinem Versteck, wo er diese ganzen neun Monate genistet hatte --
und ich fiel ohnmächtig in die Arme meines von Reue gequälten Vaters!
Stöhnend sagte er: ›Wir mordeten ihn, und ich werde niemals wieder
lächeln.‹ Er hat sein Wort gehalten ... Höre: von diesem Tage bis heute
verging kein Monat, daß ich nicht mein Haar kämmte! Aber ach, was nützt
das alles jetzt! ...«
* * * * *
So endete der armen Jungfrau bescheidene kleine Geschichte -- und
wir lernen daraus: Sintemalen hundert Millionen Dollars in New York
und zweiundzwanzig Angelhaken am Rande der arktischen Zone dieselbe
finanzielle Uebermacht darstellen, so ist ein Mann in bedrängten
Verhältnissen ein Narr, wenn er in New York bleibt, da er doch nur für
zehn Cents Angelhaken zu kaufen und auszuwandern braucht.
[Illustration]
Die Erzählung des Kaliforniers.
Vor dreiundzwanzig Jahren war ich den Stanislaus aufwärts auf die
Goldsuche aus. Den lieben langen Tag wanderte ich mit Spitzhaue,
Waschpfanne und Horn, wusch hier einen Hutvoll Erde aus und dort
einen, und dachte immer, ich würde einen reichen Fund machen. Aber ich
machte keinen. Es war eine liebliche Gegend, waldreich mit köstlich
würziger Luft. Vor vielen Jahren war sie dicht bevölkert gewesen,
aber jetzt waren die Menschen verschwunden und es war einsam in dem
entzückenden Paradiese. Als das oberflächliche Graben sich nicht
mehr lohnte, gingen die Goldsucher fort. An einer Stelle, wo eine
betriebsame kleine Stadt mit Bankhäusern und Zeitungen und Feuerwehr
und einem Bürgermeister nebst Stadträten gestanden hatte, da war
jetzt bloß noch ein weitausgedehnter smaragdgrüner Rasen und nicht
das leiseste Zeichen verriet, daß jemals menschliches Leben sich hier
gerührt hatte. Es war in der Nähe von Tuttletown. In der Nachbarschaft
daherum, längs den staubigen Landstraßen fand man in Zwischenräumen
verstreut die niedlichsten kleinen Landhäuser, nett und kosig und so
mit rosenübersätem Weinlaub umsponnen, daß Thüren und Fenster völlig
dahinter verschwanden -- ein Zeichen, daß diese Heimstätten verlassen
waren, seit vielen Jahren von enttäuschten Familien aufgegeben, die
sie weder verkaufen noch auch nur verschenken konnten. Ab und zu, so
etwa jede halbe Stunde einmal, kam man bei einsam liegenden Blockhütten
vorbei, die in der Morgenröte der Goldgräberzeit von den ersten
Goldgräbern, den Vorläufern der Landhausbesitzer, gebaut waren. In
einigen wenigen Fällen waren diese Hütten noch jetzt bewohnt; und wenn
man so eine traf, so konnte man sich darauf verlassen, daß der Bewohner
der Pionier selbst war, der einst die Hütte gebaut hatte; und noch
auf eins konnte man sich verlassen: er war da, weil er einmal seine
Gelegenheit, reich nach den ›Staaten‹ zurückzukehren, verpaßt hatte.
Er hatte später seinen Reichtum wieder verloren und dann in seiner
Zerknirschtheit beschlossen, alle Verbindungen mit den Verwandten und
Freunden daheim abzubrechen und hinfort bei ihnen für tot zu gelten.
Ueber ganz Kalifornien war damals eine Schar von solchen lebendig-toten
Männern verstreut. In ihrem Stolz getroffene arme Burschen, grau
und alt mit vierzig, hatten sie keine anderen Gedanken als Reue und
Sehnsucht: Reue wegen ihres vergeudeten Lebens und Sehnsucht, mit dem
Kampf und allem anderen fertig zu sein.
Es war ein einsames Land! In all diesen friedlichen weiten Grasebenen
und Wäldern kein Laut als das einschläfernde Summen der Insekten; kein
Schimmer von Menschen oder Vieh; nichts, was einem den Sinn aufmuntert
und Freude am Leben giebt. So empfand ich denn ein beinahe dankbares
Gefühl der Erleichterung, als ich am frühen Nachmittag ein menschliches
Wesen zu Gesicht bekam. Es war ein Mann von etwa fünfundvierzig
Jahren und er stand an der Gartenpforte von einem jener traulichen
rosenumrankten Häuschen, von denen ich vorhin sprach. Dieses hier
machte aber keinen verödeten Eindruck; man sah ihm im Gegenteil an, daß
Menschen darin wohnten und es pflegten und mit Lust und Liebe sauber
hielten; und in dem Vorhof war ein Garten mit überreichem, buntem
Blumenflor. Natürlich wurde ich gebeten hereinzukommen und es mir
behaglich zu machen -- so ist es dort zu Lande Brauch.
Es war ein köstliches Gefühl, in solchem Hause zu weilen, nachdem ich
wochenlang täglich und nächtlich nur in Goldgräberhütten verkehrt
hatte -- und das bedeutete schmutzige Fußböden, nie gemachte Betten,
Blechteller und -Becher, Speck und Bohnen und schwarzen Kaffee, und
nichts zum Schmuck als Kriegsbilder, die aus östlichen Zeitschriften
herausgerissen und mit Nägeln an den Holzwänden befestigt waren.
Ueberall harte, freudlose, trostlose Verdumpfung -- aber hier war
ein Nest, wo das ermüdete Auge sich ausruhen konnte. Es ist in der
menschlichen Natur ein gewisses Etwas, das, wenn es nach langer
Entbehrung auf Erzeugnisse der Kunst trifft -- mögen sie auch billig
und bescheiden sein -- sofort sich bewußt wird, daß es unbewußt
nach solcher Speise gehungert und daß es sie jetzt gefunden hat.
Ich hätte niemals gedacht, daß ein Lappenteppich mich so heiter,
so zufrieden machen könnte oder daß ein Seelentrost in Tapeten und
eingerahmten Lithographien läge und in hellfarbigen Sofaschonern und
Lampenschirmen, in Lehnstühlen und in lackierten Nippschränkchen mit
Seemuscheln und Büchern und Porzellanvasen darauf und überhaupt in
all den unbezeichenbaren Kleinigkeiten, die eine Frauenhand in einem
Hauswesen anzubringen weiß -- man sieht sie, ohne es zu wissen, und
würde sie doch augenblicklich vermissen, wenn sie weggenommen würden.
Das Entzücken, das ich im Herzen empfand, sprach sich auf meinem
Gesicht aus und der Mann sah es und freute sich darüber; und als
antwortete er auf eine Bemerkung von mir, sagte er in liebevollem Ton:
»Alles _ihr_ Werk! Sie machte es alles selber -- jedes bißchen,« und
er umfaßte das Zimmer mit einem Blick voll verehrungsvoller Liebe. Ein
japanisches Tuch, so ein Stück von jenem weichen Stoff, womit Frauen
sorgfältig-nachlässig den oberen Teil eines Bilderrahmens zu verhängen
pflegen, war in Unordnung geraten. Er bemerkte es und brachte es mit
vorsichtiger Hand wieder in die richtige Lage, wobei er mehreremale
zurücktrat, um den Eindruck zu beurteilen. Endlich fand er es nach
Wunsch, strich zum Schluß noch ein- oder zweimal leicht mit der Hand
darüber und sagte: »Sie macht es immer so. Man kann nicht genau sagen,
was daran fehlt, aber es fehlt wirklich etwas daran, bis man’s ebenso
gemacht hat; man sieht es selbst, wenn man damit fertig ist -- aber
das ist auch alles, was man davon weiß. Warum es so ist, das weiß man
nicht; ’s ist wie wenn eine Mutter zum Schluß ihrem Kind übers Haar
streicht, nachdem sie’s gekämmt und gebürstet hat; so ist’s, wie mir
scheint. Ich habe ihr so oft zugesehen, wenn sie all die Dinger hier
festmacht, daß ich selber ganz richtig damit umgehen kann, obwohl ich
nicht weiß, _warum_ das so und jenes so sein muß. Aber _sie_ kennt auch
das Warum. Sie weiß mit dem Wie sowohl wie mit dem Warum Bescheid; ich
verstehe vom Warum nichts, ich kenne bloß das Wie.«
Er führte mich in ein Schlafzimmer, wo ich mir die Hände waschen
könnte. So ein Schlafzimmer hatte ich seit Jahren nicht gesehen: weiße
Bettdecke, weiße Kissen, dielenbelegter Fußboden, Tapeten an den
Wänden, Bilder, Putztisch mit Spiegel und Nadelkissen und zierlichen
Toilettegegenständen; und in der Ecke ein Waschtisch mit Schüssel und
Krug aus echtem Porzellan und mit Seife in einem Porzellannapf und
an einem Gestell mehr als ein Dutzend Handtücher -- Handtücher so
sauber und weiß, daß einem, der an so etwas nicht mehr gewöhnt war,
ihr Gebrauch wie eine Verschwendung vorkam. Man mußte meinem Gesicht
ansehen, was ich empfand, und er freute sich wieder darüber und sagte:
»Alles _ihr_ Werk; sie machte es alles selber -- jedes bißchen, kein
Ding hier, das nicht die Berührung ihrer Hand gefühlt hat. Nun werden
Sie denken ... aber ich darf nicht so viel sprechen ...«
Ich trocknete gerade meine Hände ab und ließ dabei meine Augen im
Zimmer herum von einem Gegenstand zum andern wandern, wie man’s gerne
thut, wenn man an einem neuen Ort ist, wo jedes Ding, das man sieht,
ein Labsal für Auge und Gemüt ist. Und ich merkte -- man merkt so etwas
manchmal auf unerklärliche Weise -- daß da irgendwo irgendwas vorhanden
wäre, was ich nach des Mannes Wunsch selber entdecken sollte. Ich
wußte das ganz genau und ich merkte auch, daß er mir durch verstohlene
Andeutungen mit seinen Augen dabei zu helfen suchte; so gab ich mir
denn viele Mühe, dahinter zu kommen, denn ich wollte ihm gerne ein
Vergnügen machen. Mehreremale riet ich falsch -- ich sah es aus dem
Augenwinkel, ohne daß er ein Wort sagte. Zuletzt aber mußte ich meinen
Blick auf die richtige Stelle gelenkt haben; ich merkte das an dem
Behagen, das in unsichtbaren Wellen von ihm ausströmte. Er brach in ein
glückliches Lachen aus, rieb sich die Hände und rief:
»Das ist’s! Sie haben’s herausgefunden. Ich wußte, Sie würden’s finden!
’s ist ihr Bild.«
Ich ging zu dem kleinen Schwarznußpaneel an der anderen Wand und
fand dort etwas, was ich bisher noch nicht beachtet hatte -- einen
Photographieständer. Der Rahmen umschloß das süßeste Mädchenantlitz und
-- wie mir’s vorkam -- das schönste, das ich je gesehen. Der Mann trank
die Bewunderung von meinem Gesicht und war völlig befriedigt.
»Neunzehn war sie an ihrem letzten Geburtstag,« sagte er, als er das
Bild wieder auf seinen Platz stellte, »und das war der Tag, an dem wir
heirateten. Wenn Sie sie sehen -- aber warten Sie nur, wenn Sie sie
sehen!«
»Wo ist sie? Wann wird sie zurück sein?«
»O, sie ist jetzt gerade verreist. Sie besucht ihre Leute. Sie wohnen
vierzig oder fünfzig Meilen von hier. Heute vor vierzehn Tagen reiste
sie ab.«
»Wann erwarten Sie sie zurück?«
»Heut’ ist Mittwoch. Sie wird Samstag wieder da sein, am Abend --
wahrscheinlich so um neun Uhr.«
Ich hatte ein schneidendes Gefühl von Enttäuschung. »Das thut mir leid,
weil ich dann wieder fort sein werde,« sagte ich voll Bedauern.
»Fort? Nein -- warum sollten Sie denn gehen? Gehen Sie nicht. Sie wird
so enttäuscht sein!«
Sie würde enttäuscht sein -- das schöne Geschöpf. Hätte sie selber
mir diese Worte gesagt, sie könnten mir kaum wohler gethan haben.
Ich fühlte ein tiefes starkes Sehnen danach, sie zu sehen. Ein so
sehnsüchtiges, so dringliches Verlangen, daß es mir bange machte. Ich
sagte zu mir selbst: Ich will stracks von hier fortgehen -- um meines
Seelenfriedens willen.
»Wissen Sie, sie liebt es, wenn Leute kommen und bei uns bleiben --
Leute, die was verstehen und sprechen können -- Leute wie Sie. Da hat
sie ihre Wonne dran; denn sie selber weiß -- o sie weiß beinahe alles,
und kann reden, o, wie ein Vogel -- und was für Bücher sie liest --
wahrhaftig, Sie würden sich wundern. Gehen Sie nicht; es ist ja nur
eine kleine Weile und sie würde so enttäuscht sein.«
Ich hörte die Worte, aber achtete kaum darauf, so tief war ich in den
Widerstreit meiner Gedanken verstrickt. Er ließ mich allein, aber ich
merkte es nicht. Plötzlich war er wieder da mit dem Photographieständer
in seiner Hand und hielt mir das Bild vor die Augen und sagte:
»Da! Nun sagen Sie ihr ins Gesicht, Sie hätten hier bleiben können um
sie zu sehen, und wollten’s nicht!«
Dieser zweite Anblick machte alle meine guten Vorsätze zu Schanden.
Ich beschloß, auf jede Gefahr hin zu bleiben. Am Abend rauchten
wir in Ruhe unsere Pfeife und plauderten bis spät in die Nacht von
allerlei, besonders aber von ihr und gewiß hatte ich seit vielen Tagen
nicht einen so angenehmen und ruhigen Abend verlebt. Den Donnerstag
verbrachten wir in aller Behaglichkeit. In der Dämmerstunde kam ein
großer Goldgräber, der drei Meilen entfernt wohnte -- einer von den
grauhaarigen gestrandeten Pionieren. Er begrüßte uns warm, wenngleich
er ernst und nüchtern sprach. Dann sagte er:
»Ich spreche bloß ’mal schnell ein um zu hören wie’s mit dem Frauchen
steht und wann sie heim kommt. Giebt’s was Neues von ihr?«
»O ja, einen Brief. Möchtest du ihn hören, Tom?«
»Nu, ich denke, das möchte ich wohl, wenn’s dir recht ist, Henry.«
Henry holte den Brief aus seinem Taschenbuch hervor und sagte,
wenn’s uns recht wäre, so wollte er ein paar von den Sätzen über
Privatangelegenheiten überschlagen; dann fing er an und las den
Hauptteil des Briefes -- ein liebevolles ruhiges und ganz reizend
anmutiges Stück Arbeit mit einem Postskriptum voll von freundlichen
Aufmerksamkeiten und Grüßen für ›Tom und Joe und Charley und andere uns
befreundete Nachbarn.‹
Als der Vorleser fertig war, guckte er Tom an und rief:
»Oho, schon wieder! Nimm deine Hand weg und laß mich deine Augen sehen.
Du machst es immer so, wenn ich dir einen Brief von ihr vorlese. Wart’,
das werde ich ihr schreiben!«
»O, nein, das darfst du nicht, Henry! Du weißt, ich werde alt und
jede kleine Enttäuschung geht mir zu Herzen, daß ich heulen möchte.
Ich dachte, sie wäre selber hier, und nun hast du bloß einen Brief
gekriegt.«
»Na nu? Wie hast du dir denn das in den Kopf gesetzt? Ich dachte, jeder
wüßte, daß sie erst Samstag kommen soll!«
»Samstag! Richtig, jetzt fällt mir’s ein, das wußte ich ja. Ich weiß
gar nicht, was in der letzten Zeit mit mir los ist! Gewiß wußte ich’s!
Wir haben ja alles zu ihrem Empfang fertig. Na, ich muß nun gehen. Aber
ich bin wieder da, wenn sie kommt, Alter!«
Am Freitag kam spät nachmittags ein anderer alter Veteran von seinem
Blockhaus, ungefähr eine Meile weit, herüber gewandert und sagte, die
Burschen hätten gern eine kleine Lustbarkeit und wollten sich’s am
Samstag abend ein bißchen wohl sein lassen, wenn Henry nicht dächte,
›sie‹ würde von ihrer Reise zu müde sein um noch aufbleiben zu können.
»Müde! _Sie_ müde? Nu hör’ einer an! Joe, _du_ weißt doch, sie würde
einem von euch zu Gefallen sechs Wochen lang aufbleiben!«