das gefrorene Meer von Ort zu Ort gewandert, aber vor zwei Jahren
wurde mein Vater dieses Wanderns müde und baute sich dieses große
Schloß aus Schneeblöcken -- sehen Sie es nur an! Es ist sieben Fuß
hoch und drei- oder viermal so lang als irgend ein anderes Haus. Hier
haben wir seither immer gewohnt. Er war sehr stolz auf sein Haus und
das mit Recht; denn wenn Sie es sich aufmerksam ansahen, so müssen
Sie bemerkt haben, wieviel schöner und vollständiger es ist als die
üblichen Wohnungen. Haben Sie noch nicht darauf geachtet, so müssen Sie
es unbedingt thun, denn Sie werden darin eine luxuriöse Ausstattung
finden, die sich hoch über das Gewöhnliche erhebt. Zum Beispiel, an dem
Ende, das Sie den ›Empfangssalon‹ genannt haben, da ist die erhöhte
Plattform, woran meine Familie und ihre Gäste es sich beim Essen bequem
machen. Diese Plattform ist die größte, die Sie je in einem Hause
gesehen haben -- nicht wahr?«
»Ja, Sie haben vollkommen recht, Lasca; es ist die größte. Wir haben
selbst in den schönsten Häusern der Vereinigten Staaten nichts
Aehnliches.«
Bei dieser Anerkennung funkelten ihre Augen voll Stolz und Wonne. Ich
bemerkte es und schrieb es mir hinter die Ohren.
»Ich dachte mir’s, daß die Plattform Sie überrascht hätte,« sagte sie.
»Und noch eins: Der Boden ist viel dicker mit Pelzen belegt als sonst
üblich ist. Alle Arten Pelzwerk -- vom Seehund, Seeotter, Silberfuchs,
Bär, Marder, Zobel -- alle Arten Pelzwerk sind im Ueberfluß vorhanden.
Dasselbe gilt von den Eisblockschlafbänken an der Wand, die Sie
›Betten‹ nennen. Sind bei Ihnen zu Hause Plattformen und Schlafbänke
besser ausgestattet?«
»Das sind sie wirklich nicht, Lasca -- man denkt noch gar nicht mal
daran.« Das gefiel ihr wieder. Sie dachte bloß an die Zahl der Pelze,
die ihr feinsinniger Vater sich die Mühe nahm aufzubewahren, nicht an
deren Wert. Ich hätte ihr sagen können, daß diese Massen von kostbarem
Pelzwerk ein Vermögen bedeuteten -- oder wenigstens in meiner Heimat
bedeuten würden -- aber sie hätte das nicht verstanden; solche Sachen
galten bei ihrem Volk nicht als Reichtümer. Ich hätte ihr sagen
können, daß die Kleider, die sie anhatte, oder die Alltagskleider der
gewöhnlichsten Person ihrer Umgebung, zwölf- oder fünfzehnhundert
Dollars wert seien, und daß ich bei uns zu Hause keine Dame kenne, die
in Zwölfhundert-Dollars-Toiletten fischen ginge. Aber auch dies hätte
sie nicht verstanden. Deshalb sagte ich nichts. Sie fuhr fort:
»Und dann die Spülzuber! Wir haben zwei im Empfangssalon und außerdem
noch zwei andere im Hause. Es kommt sehr selten vor, daß jemand zwei im
Empfangssalon hat. Haben Sie zwei in Ihrem Salon daheim?«
Der bloße Gedanke an diese Spülzuber benahm mir den Atem; ich sammelte
mich aber wieder, bevor sie etwas merkte, und sagte voll Wärme:
»Hören Sie, Lasca, es ist schlecht von mir, daß ich meine Heimat
bloßstelle, und Sie dürfen es nicht weiter sagen, denn ich spreche zu
Ihnen im Vertrauen -- ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß nicht mal der
reichste Mann in der Stadt New York zwei Spülzuber in seinem Salon hat.«
Sie schlug in unschuldigem Entzücken ihre pelzbekleideten Hände
zusammen und rief:
»O, das kann doch nicht Ihr Ernst sein, das _kann_ nicht Ihr Ernst
sein!«
»Ja, es ist _wirklich_ mein Ernst, Liebste! Da ist Vanderbilt.
Vanderbilt ist ungefähr der reichste Mann auf der ganzen Welt. Nun,
und wenn ich auf dem Totenbett läge, so könnte ich Ihnen sagen, daß
nicht mal er zwei in seinem Salon hat. Ja, nicht mal _einen_ hat er --
ich will auf der Stelle sterben, wenn’s nicht wahr ist!«
Ihre lieblichen Augen standen vor Erstaunen weit aufgerissen, und sie
sagte langsam, mit einem gewissen Beben in der Stimme: »Wie seltsam
-- wie unglaublich -- man kann es sich gar nicht vorstellen. Ist er
geizig?«
»Nein -- das ist er nicht. Auf die Ausgabe kommt’s ihm nicht an,
aber -- hm -- wissen Sie, es würde protzig aussehen. Ja, das ist es
-- so denkt er. Er ist ein einfacher Mann auf seine Art und hat eine
Abneigung gegen Entfaltung von Pomp und Prunk.«
»Nun, solche Demut ist ja recht anerkennenswert,« sagte Lasca, »wenn
man sie nicht zu weit treibt -- aber wie sieht denn nun der Salon aus?«
»Na, natürlich ziemlich kahl und unvollständig, aber ...«
»Das kann ich mir denken. So was habe ich noch nie gehört! Ist es ein
schönes Haus -- ich meine, abgesehen _davon_?«
»Ziemlich schön, ja. Man hat ’ne sehr gute Meinung davon.«
Das Mädchen saß eine Weile schweigend da und knabberte träumerisch an
einem Lichtstumpf. Augenscheinlich versuchte sie sich auf das Gehörte
einen Vers zu machen. Zuletzt schüttelte sie leise den Kopf und sprach
frank und frei ihre Meinung aus:
»Nun, nach meiner Ansicht giebt es eine Art von Demut, die, wenn man
ihr auf den Grund geht, doch nur eine Prahlerei ist. Und wenn ein Mann,
der sich zwei Spülzuber in seinem Salon leisten kann, es nicht thut, so
ist er _vielleicht_ wirklich demütig, aber hundertmal wahrscheinlicher
ist es, daß er gerade die Blicke der Welt dadurch auf sich lenken will.
Nach meiner Meinung weiß Herr Vanderbilt genau, was er damit bezweckt.«
Ich versuchte diesen Urteilsspruch zu mildern, denn ich fühlte, daß der
Besitz von zwei Spülzubern nicht für jedermann der richtige Prüfstein
sei, obgleich man in der Eskimogegend nichts dagegen einwenden kann.
Aber das Mädchen hatte seinen eigenen Kopf und ließ sich nichts
einreden. Plötzlich fragte sie: »Haben die reichen Leute bei Ihnen
auch so gute Schlafbänke wie wir, aus so hübschen breiten Eisblöcken
gemacht?«
»Na, sie sind ziemlich gut -- gut genug -- aber aus Eisblöcken sind sie
nicht gemacht.«
»Ach gar! Warum sind sie denn nicht aus Eisblöcken?«
Ich erklärte ihr die Schwierigkeiten und machte sie darauf aufmerksam,
wie teuer das Eis in einem Lande ist, wo man auf seinen Eismann scharf
aufpassen muß, damit die Eisrechnung nicht schwerer wird als das Eis
selber. Da rief sie:
»Herrje! _Kaufen_ Sie Ihr Eis?«
»Ganz gewiß, mein liebes Kind.«
Sie brach in ein stürmisches, harmloses Lachen aus und sagte: »O,
so was Albernes habe ich noch nie gehört! Es ist ja doch massenhaft
vorhanden, ist kein kleinstes bißchen wert! Ich gäbe keine Fischblase
für das Ganze!«
»Nun, Sie wissen eben den Wert nicht zu beurteilen, Sie kleine
Provinzpflanze Sie! Wenn Sie das Eis hier im Hochsommer in New York
hätten, so könnten Sie alle Walfische dafür kaufen, die am Markt sind.«
Sie sah mich zweifelnd an und sagte:
»Sprechen Sie die Wahrheit?«
»Die reinste! Ich leiste meinen Eid darauf.«
Das machte sie nachdenklich. Auf einmal sagte sie mit einem kleinen
Seufzer:
»Ich wollte, da könnte _ich_ wohnen!«
Ich hatte ihr nur zum Vergleich Werte nennen wollen, von denen sie sich
einen Begriff machen konnte; aber meine Meinung war mißgedeutet. Ich
hatte ihr damit nur den Eindruck erweckt, daß in New York Walfische
reichlich vorhanden und billig seien, und hatte ihr den Mund wässern
gemacht. Es schien am besten zu sein, wenn ich den begangenen Fehler zu
mildern versuchte; so sagte ich denn:
»Aber Sie würden sich aus Walfischfleisch nichts machen, wenn Sie in
New York wohnten. Kein Mensch dort fragt etwas danach.«
»Was?!«
»Nein, wirklich nicht.«
»Aber warum denn nicht?«
»T--scha, das weiß ich nicht recht. Es ist ein Vorurteil, denke ich.
Ja, das ist’s -- einfach ein Vorurteil. Wahrscheinlich hat mal irgendwo
und irgendwann irgend einer, der nichts Besseres zu thun hatte,
ein Vorurteil dagegen aufgebracht, und Sie wissen ja, wenn so eine
Einbildung mal eingewurzelt ist, so dauert es eine endlose Zeit, bis
sie wieder ausgetrieben wird.«
»Das stimmt -- das stimmt vollkommen!« sagte das Mädchen nachdenklich.
»Geradeso war es hier mit unserem Vorurteil gegen Seife -- wissen Sie,
unsere Stämme hatten anfangs ein Vorurteil gegen Seife.«
Ich sah sie an. Sprach sie im Ernst? Augenscheinlich ja. Ich zögerte
einen Augenblick, dann fragte ich vorsichtig, mit einer gewissen
Betonung:
»Entschuldigen Sie: Sie _hatten_ ein Vorurteil gegen Seife? Hatten?«
»Ja. Aber das war bloß im Anfang. Kein Mensch wollte sie essen.«
»Ach so, ich verstehe. Ich wußte nur nicht gleich, was Sie meinten.«
Sie fuhr fort: »Es war einfach ein Vorurteil. Als zum erstenmal Seife
von den Fremdländischen hierhergebracht wurde, da mochte keiner sie.
Sobald sie aber in Mode kam, hatte jeder sie gern und jetzt hat jeder
welche, der es sich nur leisten kann. Lieben Sie Seife?«
»O ja, gewiß! Ich würde umkommen, wenn ich keine haben könnte --
besonders hier. Haben Sie sie gerne?«
»Ich bete sie geradezu an. Mögen Sie Lichte?«
»Ich betrachte sie als unentbehrliche Notwendigkeit. Lieben Sie sie?«
Ihre Augen tanzten geradezu und sie rief:
»O, sprechen Sie nicht davon! ... Lichte! ... und Seife!«
»Und Fischeingeweide ...!«
»Und Leberthran ...!«
»Und Bratenfett ...!«
»Und Walfischspeck ...!«
»Und recht altes Fleisch von gestrandetem Wal! und Sauerkraut! und
Bienenwachs! und Theer! und Terpentin! und Syrup! und ...«
»O bitte, nicht mehr! Halten Sie ein! Mir bleibt die Luft weg vor
Wonne ...«
»Und dann alles zusammen in einer Thrantonne angerichtet und die
Nachbarn dazu eingeladen und dann ...«
Aber dieses Zauberbild eines idealen Festes war zu viel für sie, und
sie fiel in Ohnmacht, das arme Ding. Ich rieb ihr das Gesicht mit
Schnee und brachte sie wieder zu sich, und nach einer Weile kühlte ihre
Erregung sich ab. Allmählich kam sie wieder so weit, daß sie in ihrer
Geschichte fortfahren konnte:
»So begannen wir also hier in dem schönen Hause zu wohnen. Aber ich war
nicht glücklich. Der Grund war dieser: Ich war zur Liebe geschaffen;
ohne Liebe konnte es für mich kein wahres Glück geben. Ich wollte um
meiner selbst willen geliebt sein. Ich wollte anbeten und wollte von
meinem Angebeteten angebetet werden; nichts Geringeres als gegenseitige
Anbetung konnte meine glühende Natur befriedigen. Ich hatte Freier
genug -- ja übergenug -- aber in allem und jedem Fall hatten sie einen
verhängnisvollen Mangel; früher oder später entdeckte ich diesen Mangel
-- kein einziger von ihnen vermochte ihn vor mir zu verhehlen: sie
wollten nicht mich, sondern meinen Reichtum!«
»Ihren Reichtum?«
»Ja; mein Vater ist der allerreichste Mann in unserem Stamm -- und
überhaupt unter allen Stämmen dieser Gegend.«
Ich fragte mich neugierig, worin wohl ihres Vaters Reichtum bestehen
möchte. Das Haus konnte es nicht sein -- ein jeder konnte sich so eins
bauen. Die Pelze waren’s auch nicht -- denn die waren hier nichts
wert. Der Schlitten, die Hunde, die Harpunen, das Boot, die beinernen
Fischhaken, Nadeln u. s. w., das alles konnte es nicht sein -- nein,
das war alles kein Reichtum. Was konnte es denn also sein, das diesen
Mann so reich machte und den Schwarm von habgierigen Freiern in sein
Haus brachte? Schließlich dünkte mich, es wäre, um dies herauszufinden,
das beste, wenn ich sie fragte. Ich that es. Das Mädchen war durch
diese Frage so augenscheinlich geschmeichelt, daß ich sah, sie hatte
sich schmerzlich danach gesehnt. Ihr Mitteilungsbedürfnis brannte sie
ebenso sehr wie mich meine Neugier. Sie schmiegte sich traulich an mich
an und sagte:
»Raten Sie, wie schwerreich er ist -- Sie kriegen es niemals heraus!«
Ich that, als dächte ich tief über die Sache nach, und sie beobachtete
den Ausdruck meiner Denkanstrengungen auf meinem Gesicht mit atemlosem
und entzücktem Interesse. Und als ich es endlich aufgab und sie bat,
meine Sehnsucht zu stillen und zu mir selbst zu sagen, wieviel dieser
Vanderbilt des Nordpols wert sei, da legte sie ihren Mund dicht an mein
Ohr und wisperte eindrucksvoll:
»_Zweiundzwanzig Angelhaken_ -- keine beinernen, sondern fremdländische
-- _aus echtem Eisen_!«
Dann sprang sie mit dramatischer Gebärde zurück, um die Wirkung zu
beobachten. Ich gab mir die allergrößte Mühe, sie nicht zu enttäuschen.
Ich erbleichte und murmelte:
»Gott Strambach!«
»Es ist so wahr, wie Sie leben, Herr Twain!«
»Lasca, Sie machen mir was weis -- Sie können es nicht im Ernst meinen!«
Sie wurde furchtsam und verwirrt und rief aus:
»Herr Twain, jedes Wort davon ist wahr -- jedes Wort. Sie glauben mir
-- Sie glauben mir doch, bitte, nicht wahr? _Sagen_ Sie, daß Sie mir
glauben -- bitte, bitte, sagen Sie, daß Sie’s glauben.«
»Ich ... hm ... na ja, ich glaube -- ich bemühe mich, es zu glauben.
Aber es kam gar so plötzlich. So plötzlich und so verblüffend. Sie
sollten so was nicht so mit einemmal machen. Es ...«
»O, es thut mir so leid! Hätte ich nur gedacht ...«
»Nun, es ist schon gut ... und ich mache Ihnen keine Vorwürfe mehr,
denn Sie sind jung und gedankenlos, und natürlich konnten Sie nicht
voraussehen, was für ’ne Wirkung ...«
»Ach ja, Bester, ich hätte ganz gewiß besser daran denken sollen. Aber
wie ...«
»Sehen Sie, Lasca, wenn Sie mit fünf oder sechs Angelhaken angefangen
hätten und dann allmählich ...«
»O, ich verstehe, ich verstehe ... dann allmählich einen hinzufügen,
und dann zwei und dann ... Ach, warum habe ich denn auch nicht daran
gedacht!«
»Nun, gleichviel, Kind; es ist schon recht. Ich fühle mich jetzt
besser ... binnen kurzem werde ich darüber weg sein. Aber ... einem
unvorbereiteten und gar nicht sehr kräftigen Menschen mit sämtlichen
zweiundzwanzig auf einmal ins Gesicht springen ...!«
»O ... es _war_ eine Sünde! Aber Sie verzeihen mir -- sagen Sie, daß
Sie mir verzeihen! Bitte!«
Nachdem ich ein gut Teil sehr niedlichen Streichelns und Hätschelns
und Zuredens eingeheimst hatte, vergab ich ihr, und sie war wieder
glücklich und kam nach und nach wieder in ihre Geschichte hinein. Auf
einmal entdeckte ich, daß der Familienschatz noch irgend was anderes
Ausgezeichnetes enthalten mußte -- augenscheinlich irgend ein Kleinod
-- und daß sie versuchte in Andeutungen davon zu sprechen, damit es
mich nicht abermals umwürfe. Doch ich wünschte auch von diesen Dingen
genau Bescheid zu wissen und drang in sie, mir zu sagen, was es sei.
Sie hatte Angst. Aber ich bestand darauf und sagte, diesmal würde
ich mich zusammennehmen und den Stoß aushalten. Sie war voll böser
Ahnungen, aber die Versuchung, mir das Wunder zu enthüllen und sich
an meinem Erstaunen und meiner Bewunderung zu weiden, war zu stark
für sie, und sie gestand mir, sie trüge es bei sich, und sagte, wenn
sie _sicher_ wäre, daß ich gefaßt sei -- u. s. w. u. s. w. -- und
damit griff sie in ihren Busen und brachte ein verbeultes viereckiges
Messingstück zum Vorschein, wobei ihr Blick erwartungsvoll an meinem
Auge hing. Ich sank an ihren Busen in einer ganz vorzüglich gespielten
Ohnmacht, die ihr Herz entzückte und zugleich in höchsten Schrecken
versetzte. Als ich wieder zu mir kam, erkundigte sie sich begierig, was
ich zu ihrem Kleinod sagte.
»Was ich dazu sage? Ich denke, es ist das köstlichste Ding, das ich
jemals sah.«
»Denken Sie das wirklich? Wie nett von Ihnen, daß Sie das sagen. Aber
es ist auch herzig -- ist es nicht?«
»Gewiß, das will ich meinen! Ich wollte es lieber mein eigen nennen,
als den ganzen Aequator!«
»Ich dachte mir’s, daß Sie’s bewundern würden,« sagte sie. »Ich meine,
es ist so herzig! Und es giebt kein zweites in diesen ganzen Gegenden!
-- Es sind Leute ganz vom offenen Polarmeer hierher gereist, um sich’s
anzusehen. Sahen Sie jemals früher so was?«
Ich sagte nein; es wäre das erste derartige Juwel, das ich je gesehen
hätte. Es gab mir einen schmerzlichen Knax, diese großmütige Lüge zu
sagen, denn ich hatte in meinem Leben eine Million solcher Dinger
gesehen -- da ihr Kleinod nichts anderes war, als eine verbogene alte
New Yorker Bahnhofsgepäckmarke.
»Alle Wetter!« sagte ich. »Sie gehen doch nicht mit diesem Juwel auf
Ihrem Leibe so allein und ohne Schutz herum, und ohne auch nur ’nen
Hund mitzunehmen?«
»Pßt! Nicht so laut!« sagte sie. »Niemand weiß, daß ich’s bei mir
habe. Sie denken, es liegt bei Papas Schatz. Und da liegt es auch für
gewöhnlich.«
»Wo ist der Schatz?«
Das war eine plumpe Frage, und einen Augenblick lang sah sie verdutzt
und ein wenig mißtrauisch drein; aber ich sagte:
»O, o! Haben Sie doch keine Angst vor mir. Zu Hause sind wir siebzig
Millionen Menschen, und -- ich sollte es eigentlich nicht selber von
mir sagen, aber da ist kein einziger unter ihnen allen, der mir nicht
unzählbare Angelhaken anvertrauen würde.«
Dies beruhigte sie wieder und sie erzählte mir, wo die Angelhaken im
Hause versteckt lägen. Dann machte sie eine kleine Abschweifung, um ein
bißchen mit der Größe der durchscheinenden Eisplatten zu renommieren,
die die Fenster ihres Schlosses bildeten, und fragte mich, ob ich zu
Hause je ihresgleichen gesehen, und ich bekannte frei und offen, das
hätte ich nicht, und das machte ihr solche Freude, daß sie keine Worte
finden konnte, ihre Dankbarkeit darin zu kleiden. Es war so leicht
ihr Freude zu machen, und eine solche Freude, dies zu thun, daß ich
fortfuhr und sagte:
»O, Lasca, Sie sind wirklich ein glückliches Mädchen! Dieses schöne
Haus, dies köstliche Juwel, der reiche Schatz, all dieser elegante
Schnee und die prachtvollen Eisberge und die grenzenlose Wüste, und die
jagdfreien Bären und Walrosse, und edle Freiheit und weite Natur! Und
jedermanns Augen ruhen bewundernd auf Ihnen, und jedermanns Ehrfurcht
steht Ihnen ungesucht zu Gebote! Jung, reich, schön, umworben,
gefeiert, beneidet -- von jedem Luxus sind Sie umgeben, jeder Wunsch
wird Ihnen erfüllt, ja es giebt nicht einmal etwas, was Sie wünschen
könnten -- was für ein unermeßliches Glück! Ich habe Myriaden von
Mädchen gesehen, aber keine, der man alle diese außerordentlichen Dinge
mit Recht nachsagen konnte, außer Ihnen. Und Sie sind ihrer würdig --
sind ihrer aller würdig, Lasca -- das glaube ich in meines Herzens
Grunde!«
Es machte sie unendlich stolz und glücklich, mich dies sagen zu hören
und sie dankte mir immer und immer wieder für die Schlußbemerkung, und
an ihrer Stimme und ihren Augen merkte ich, daß sie wirklich gerührt
war. Aber plötzlich sagte sie:
»Und doch, es ist nicht alles Sonnenschein -- es sind auch düstere
Wolken vorhanden. Die Bürde des Reichtums ist schwer zu tragen. Oftmals
habe ich zweifelnd bei mir gedacht, ob es nicht besser wäre, arm zu
sein -- oder wenigstens nicht so über alle Maßen reich. Es schmerzt
mich, wenn Leute von Nachbarstämmen mich anstarren, wenn sie bei mir
vorüber kommen, und wenn ich sie ehrfurchtsvoll zu einander sagen höre:
›Da! Das ist sie -- die Millionärstochter!‹ Und manchmal sagt einer
kummervoll: ›Sie wälzt sich in Angelhaken, und ich -- ich habe nichts!‹
Das bricht mir das Herz. Als ich ein Kind war und wir arm waren, da
schliefen wir bei offener Thür, wenn wir wollten, aber jetzt -- jetzt
müssen wir einen Nachtwächter haben. Früher war mein Vater freundlich
und höflich zu allen; aber jetzt ist er streng und hochfahrend und
kann’s nicht leiden, wenn ihm einer vertraulich kommt. Einst war seine
Familie sein einziger Gedanke, aber jetzt denkt er, wo er geht und
steht, an seine Angelhaken. Und sein Reichtum macht, daß ein jeder
unterthänigst vor ihm katzbuckelt. Früher lachte niemand über seine
Späße, denn sie sind immer fade und weithergeholt und armselig und
mangeln des einzigen Elements, das wirklich einen Spaß rechtfertigen
kann -- des Humors. Aber nun lacht und kichert ein jeder über diese
greulichen Dinger, und wenn’s einer ’mal nicht thut, so ärgert mein
Vater sich tief und läßt es sich merken. Früher fragte kein Mensch
nach seiner Meinung, und sie taugte auch wirklich nichts, wenn er sie
’mal ungefragt abgab; diesen Fehler haben seine Meinungen auch jetzt
noch, trotzdem wollen alle sie hören und geben ihren Beifall dazu
-- und er selbst stimmt in den Beifall ein, denn echtes Zartgefühl
hat er gar nicht, dafür aber eine große Masse Taktlosigkeit. Er hat
den Ton unseres ganzen Stammes heruntergebracht. Einst war’s ein
freimütiges, mannhaftes Geschlecht, jetzt sind sie jämmerliche Heuchler
und aufgedunsene Liebediener. Von ganzem Herzensgrunde hasse ich all
dies Millionärsgethue. Unsere Stammesgenossen waren einst schlichtes,
einfaches Volk, zufrieden mit den beinernen Angelhaken ihrer Väter;
jetzt sind sie von Habsucht zerfressen und würden jedes Gefühl von Ehre
und Würde opfern, um des Fremdlings entwürdigende eiserne Angelhaken
zu erlangen. Aber ich darf bei diesen traurigen Geschichten nicht
verweilen ... Wie ich gesagt, es war mein Traum, um meiner selbst
willen geliebt zu werden.
»Endlich schien dieser Traum in Erfüllung gehen zu sollen. Eines Tages
kam ein Fremder durch, der sagte, sein Name sei Kalula. Ich nannte ihm
meinen Namen, und er sagte, er liebe mich. Mein Herz hüpfte hoch vor
Dankbarkeit und Glück, denn ich hatte ihn auf den ersten Blick geliebt,
und nun sagte ich ihm das. Er zog mich an seine Brust und sagte,
er wünschte niemals glücklicher zu sein, als in dem Augenblick. Wir
lustwandelten miteinander weit über die Eisfelder, sprachen immerfort
von uns selber und planten, ach! die lieblichste Zukunft. Als wir
endlich müde wurden, setzten wir uns nieder und aßen, denn er hatte
Seife und Lichte bei sich, und ich hatte ein bißchen Walfischthran
mitgenommen. Wir waren hungrig und niemals schmeckte uns etwas so gut.
»Er gehörte zu einem Stamm, dessen Jagdgründe fern im Norden lagen,
und ich fand heraus, daß er niemals was von meinem Vater gehört hatte,
und das machte mich über alle Maßen froh. Das heißt, er hatte wohl von
dem Millionär gehört, kannte aber dessen Namen nicht -- so konnte er
also, verstehen Sie, nicht wissen, daß ich die Erbin war. Sie können
sich denken, daß ich ihm nichts davon sagte. Endlich war ich um meiner
selbst willen geliebt, und wie zufrieden machte mich das! Ich war so
glücklich -- o, glücklicher, als Sie sich vorstellen können.
»Allmählich wurde es Zeit zum Abendessen, und ich führte ihn nach
unserm Hause. Als wir in dessen Nähe kamen, war er erstaunt und rief:
»›Wie prachtvoll! Ist das deines Vaters Haus?‹
»Es gab mir einen Stich durchs Herz, als ich diesen Ton hörte und den
bewundernden Glanz in seinem Auge sah, aber dies Gefühl schwand bald
hinweg, denn ich liebte ihn so sehr, und er sah so schmuck und vornehm
aus. Meiner ganzen Familie, Tanten, Onkeln, Vettern und Cousinen
gefiel er gut, viele Gäste wurden eingeladen, das Haus wurde dicht
verschlossen, die Thranlampen angezündet, und als alles heiß und recht
zum Ersticken gemütlich war, da begannen wir ein fröhliches Festmahl
zur Feier meiner Verlobung.
»Als der Schmaus vorüber war, da erlag mein Vater seiner Eitelkeit
und konnte der Versuchung nicht widerstehen, mit seinen Reichtümern
zu protzen und Kalula sehen zu lassen, in was für ein großes Glück er
hineingetappt wäre -- und vor allem natürlich wollte er sich an des
armen Mannes Erstaunen weiden. Ich hätte weinen mögen -- aber es hätte
nichts genützt, wenn ich versucht hätte, meinem Vater abzureden; so
sagte ich denn nichts, sondern saß nur da und litt schweigend.
»Mein Vater ging im Angesicht aller Leute geradenweges auf das
Versteck los und holte die Angelhaken hervor und brachte sie
herbei und warf sie streuend über meinen Kopf weg, so daß sie in
glitzerndem Durcheinander vor meines Liebsten Knieen auf die Plattform
niederfielen. Natürlich stand bei dem erstaunlichen Schauspiel dem
armen Burschen der Atem still. Er konnte nur in stumpfsinniger
Verblüfftheit auf die Angelhaken starren und sich wundern, wie ein
einzelner Mensch so unglaubliche Reichtümer besitzen könne. Dann auf
einmal leuchtete sein Antlitz auf und er rief aus:
»›Ah, so bist du der berühmte Millionär!‹
»Mein Vater und alle übrigen brachen lärmend in ein glückliches
Gelächter aus, und als mein Vater nachlässig den Schatz zusammenkehrte,
als wäre es ein gewöhnlicher Plunder ohne alle Bedeutung, und ihn
wieder an seinen Platz trug, da war Kalulas Ueberraschung zum Malen. Er
sagte:
»›Ist es möglich, daß du solche Sachen forträumst ohne sie zu zählen?‹
»Mein Vater ließ ein prahlerisch wieherndes Lachen erschallen und sagte:
»›Gewiß und wahrhaftig, da kann ein Toter sehen, daß du niemals reich
gewesen bist, wenn eine Lappalie von einem oder zwei Angelhaken in
deinen Augen ein so mächtiges Ding ist!‹
»Kalula war verwirrt und senkte den Kopf; dann sagte er aber: