Der Inspektor in schöner militärischer Uniform, ehrerbietig würdevoll,

freundlich, ein vollkommener Gentleman, aber unverrückbar wie

der Polarstern in Bezug auf die geringsten Erfordernisse seiner

Dienstpflicht. Noah würde ihm erzählen müssen, wo er geboren und

wie alt er wäre, zu welcher Religionsgemeinschaft er gehörte, wie

groß sein Einkommen wäre, auf welcher Stufe der gesellschaftlichen

Rangleiter er stünde, welchen Beruf er ausübte, wie viele Frauen und

Kinder er hätte, auch wie viele Dienstboten, und von ihnen allen

würde er Namen, Geschlecht und Alter angeben müssen; wenn er keinen

Paß hätte, würde er höflich ersucht werden sich schleunigst einen zu

besorgen. Dann würde der Inspektor sich um die Arche selber bekümmern:

»Wie lang ist sie?«

»Sechshundert Fuß.«

»Wie tief?«

»Fünfundsechzig.«

»Die Breite?«

»Hundert Fuß.«

»Gebaut aus ...?«

»Holz.«

»Was für Holz?«

»Tannenholz.«

»Innere und äußere Verzierungen?«

»Verpicht inwendig und auswendig.«

»Passagiere?«

»Acht.«

»Geschlecht?«

»Die Hälfte männlich, die andere weiblich.«

»Alter?«

»Von hundert Jahren an aufwärts.«

»Wie hoch aufwärts?«

»Sechshundert.«

»Ah -- gehen nach Chicago. Uebrigens guter Einfall. Name des Arztes?«

»Einen Arzt haben wir nicht.«

»Müssen einen Arzt besorgen. Auch einen Proviantmeister -- letzterer

ist ganz besonders nötig. Die Leute dürfen in ihrem hohen Alter nicht

die notwendigsten Lebensbedürfnisse entbehren. Besatzung?«

»Dieselben acht.«

»Dieselben acht?«

»Dieselben acht.«

»Und die Hälfte davon Weiber?«

»Jawohl.«

»Haben sie je zur See gedient?«

»Nein.«

»Aber die Männer?«

»Auch nicht.«

»Ist überhaupt jemand von euch je zur See gewesen?«

»Nein.«

»Wo sind Sie denn aufgewachsen?«

»Alle zusammen auf einem Bauernhof.«

»Das Schiff braucht eine Besatzung von 800 Mann, da es kein Dampfer

ist. Sie müssen die besorgen. Es muß 4 Steuerleute und 9 Köche haben.

Wer ist der Kapitän?«

»Ich.«

»Sie müssen einen Kapitän anstellen. Auch ein Stubenmädchen. Ferner

Krankenpflegerinnen für die alten Leute. Wer entwarf den Bauplan des

Schiffes?«

»Das tat ich.«

»Ist es Ihr erster Versuch dieser Art?«

»Jawohl.«

»Das dachte ich mir so halb und halb. Ladung?«

»Tiere.«

»Was für Arten?«

»Sämtliche Arten.«

»Fremdländische oder einheimische?«

»Meistens fremdländische.«

»Welches sind die hauptsächlichsten wilden?«

»Megatherium, Elefant, Nashorn, Löwe, Tiger, Wolf, Schlangen -- alles

wilde Getier aus allen Zonen -- von jeder Sorte zwei.«

»Sicher in Käfigen untergebracht?«

»Nein, nicht in Käfigen.«

»Sie müssen eiserne Käfige haben. Wer besorgt Futter und Wasser für die

Menagerie?«

»Wir.«

»Die alten Leute?«

»Ja.«

»Das ist gefährlich -- für beide Teile. Für die Tiere muß von

sachverständigen Leuten gesorgt werden. Wie viele Tiere sind vorhanden?«

»Große: 7000; große und kleine zusammen: 98000.«

»Sie müssen 1200 Wärter besorgen. Wie ist das Schiff beleuchtet?«

»Durch zwei Fenster.«

»Wo sind die?«

»Oben unter den Dachrinnen.«

»Zwei Fenster für einen 600 Fuß langen und 65 Fuß tiefen Tunnel? Sie

müssen sich elektrisches Licht zulegen -- ein paar Bogenlampen und 1500

Glühlichter. Was machen Sie, falls das Schiff leck wird? Wie viele

Pumpen haben Sie?«

»Keine, lieber Herr.«

»Sie müssen Pumpen besorgen. Wie bekommen Sie Wasser für die Passagiere

und die Tiere?«

»Wir lassen von den Fenstern aus Eimer herunter.«

»Das ist unzulänglich. Was ist Ihre Triebkraft?«

»Was für was?«

»Triebkraft. Welche Kraft benutzen Sie, um das Schiff fortzubewegen?«

»Keine.«

»Sie müssen Segel oder Dampfmaschinen besorgen. Von welcher Art ist Ihr

Steuerapparat?«

»Wir haben gar keinen.«

»Haben Sie nicht ein Steuerruder?«

»Nein.«

»Wie steuern Sie denn das Schiff?«

»Wir steuern nicht.«

»Sie müssen ein Steuer besorgen und es mit der geeigneten Vorrichtung

versehen. Wie viele Anker haben Sie?«

»Keine.«

»Sie müssen sechs anschaffen. Man darf in einem Schiff wie das Ihrige

nicht ohne dieses Schutzmittel segeln. Wie viele Rettungsboote haben

Sie?«

»Keine, lieber Herr.«

»Schaffen Sie 25 an. Wie viele Schwimmgürtel?«

»Keine.«

»Sie werden 2000 anschaffen. Wie lange, denken Sie, wird Ihre Reise

dauern?«

»Elf oder zwölf Monate.«

»Elf oder zwölf Monate ... Ziemlich langsam. Aber Sie werden noch

rechtzeitig zur Ausstellung kommen. Womit ist Ihr Schiff beschlagen --

mit Kupfer?«

»Der Schiffsrumpf ist nackt -- ist überhaupt nicht beschlagen.«

»Mein lieber Mann, die Bohrmuscheln draußen in der See würden das

Schiff wie ein Sieb durchlöchern, und in drei Monaten würde es drunten

auf dem Meeresboden liegen. Ihr Schiff _darf_ nicht die Erlaubnis

erhalten, in solchem Zustand abzufahren; es muß beschlagen werden. Nun

noch eins: Haben Sie sich auch überlegt, daß Chicago eine Binnenstadt

und für Schiffe Ihres Kalibers nicht erreichbar ist?«

»Schikargo? Was ist Schikargo? Ich beabsichtige nicht nach Schikargo zu

fahren.«

»Nicht? Darf ich mir dann die Frage erlauben, was für einen Zweck die

Tiere haben?«

»Die sind bloß dazu da, andre zu züchten.«

»Andre? Ist es denn möglich, daß Sie noch nicht genug haben?«

»Für die augenblicklichen Bedürfnisse der Zivilisation -- ja! Aber der

Rest wird in einer Flut ertrinken, und diese hier sind dazu bestimmt,

den Vorrat wieder zu ergänzen.«

»In einer Flut?«

»Ja.«

»Wissen Sie das gewiß?«

»Ganz bestimmt. Es wird vierzig Tage und vierzig Nächte regnen.«

»Machen Sie sich darum keine Sorgen, lieber Herr; das kommt hier

oftmals vor.«

»Nicht diese Art von Regen! Mein Regen wird die Bergspitzen bedecken

und das Land wird völlig unsichtbar werden.«

»Im Vertrauen -- aber natürlich nicht in meiner Eigenschaft als Beamter

-- gesagt: es tut mir leid, daß Sie mir diese Eröffnung gemacht haben;

denn nun bin ich gezwungen, die Ihnen vorhin erteilte Erlaubnis,

nach Ihrem Belieben zwischen Segel oder Dampf zu wählen, wieder

zurückzuziehen. Ich muß Sie ersuchen Dampf anzuwenden. Ihr Schiff

kann nicht den hundertsten Teil des für eine elfmonatliche Fahrt

notwendigen Wasservorrats für die Tiere mit sich führen. Sie werden

sich eine Destillationsanlage anschaffen müssen.«

»Aber ich sage Ihnen ja, daß ich das Wasser auf der Außenseite mittels

Eimer schöpfen werde.«

»Das wird nichts nützen. Bevor die Flut die Bergspitzen erreicht,

werden die süßen Gewässer mit dem salzigen Meerwasser zusammengelaufen

sein und werden ebenfalls salzig werden. Sie müssen sich Dampfbetrieb

zulegen und Ihr Wasser destillieren ... Nun will ich mich von Ihnen

verabschieden, verehrter Herr. Wenn ich Sie recht verstand, so sagten

Sie ja wohl, dies sei Ihr allererster Versuch in der Schiffsbaukunst?«

»Mein allererster, Herr Inspektor: darauf gebe ich Ihnen mein

Ehrenwort. Ich baute diese Arche, ohne vorher jemals die geringste

Uebung oder Unterweisung in Schiffsbaukunde gehabt zu haben.«

»Es ist eine bemerkenswerte Leistung, geehrter Herr, eine sehr

bemerkenswerte Leistung. Es sind darin meiner Meinung nach mehr neue --

völlig neue und unabgedroschene -- Züge als in jedem andern Schiff, das

auf den Meeren schwimmt.«

»Dies Kompliment erweist mir unendliche Ehre, lieber Herr, --

unendliche! -- und ich werde es mit Freuden in meiner Erinnerung

bewahren, so lange mein Leben währet. Mein Herr, ich sage Ihnen meinen

gebührenden und tiefst empfundenen Dank. Adieu!«

Nein, der deutsche Inspektor würde gegen Noah über die Maßen höflich

sein; Noah würde das Gefühl gewinnen, daß er unter Freunden sei; aber

in See würde der Inspektor ihn mit seiner Arche nicht gehen lassen.

Kolumbus und sein Schiffchen.

In der Zwischenzeit von Noahs Erbauung der Arche bis zu Kolumbus’

Entdeckungsfahrt machte die Schiffsbaukunst etliche Veränderungen

zum Bessern durch; war sie zuerst unaussprechlich kläglich gewesen,

so erhob sie sich jetzt auf einen Standpunkt, den man als ›weniger

unaussprechlich kläglich‹ bezeichnen kann. Ich habe mal irgendwo

gelesen, eins von Kolumbus’ Fahrzeugen sei ein Neunzigtonnenschiff

gewesen. Vergleicht man dieses Schiff mit den Ozean-Windhunden unsrer

Tage, so kann man sich einigermaßen einen Begriff machen, wie klein die

spanische Bark war und wie wenig sie geeignet sein würde, im heutigen

Passagierverkehr über das Atlantische Meer den Wettbewerb aufzunehmen.

Nicht weniger als 74 von ihrer Sorte wären nötig, um den Tonnengehalt

der ›Havel‹ zu erreichen. Wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht,

brauchte sie 10 Wochen zur Ueberfahrt. Nach unsern heutigen Begriffen

würde das als schauderhafte Bummelei gelten. Wahrscheinlich hatte das

Schiff als Besatzung einen Kapitän, einen Steuermann, vier Matrosen

und einen Schiffsjungen. Die Bemannung eines modernen Schnelldampfers

besteht aus 250 Menschen.

Da Kolumbus’ Schiff klein und sehr alt war, so können wir aus diesen

beiden Tatsachen mit unumstößlicher Sicherheit auf verschiedene

weniger wichtige Umstände schließen, von denen die Weltgeschichte

nicht berichtet. Zum Beispiel: Da das Schiff klein war, so wissen

wir, daß es bei jedem gewöhnlichen Seegang rollte und stampfte und

schlingerte und daß es bei tüchtigem Sturm entweder auf dem Kopf oder

auf dem Hinterteil stand, oder mit der Seite auf dem Wasser lag.

Fortwährend schlugen Sturzseen über Bord und wuschen das Deck vom

Steven bis zum Stern. Die ganze Reise über waren die Sturmleisten auf

dem Eßtisch, und trotzdem bekam einer seine Suppe öfter auf die Hosen

als in den Magen. Der Speisesaal maß ungefähr 10 zu 7 Fuß, war dunkel,

unlüftbar und von einem erstickenden Oeldunst erfüllt. Ferner war nur

eine einzige Kajüte vorhanden; sie hatte die Größe eines Grabes und

enthielt zwei oder drei übereinander gestellte Betten von der Größe und

Bequemlichkeit von Särgen; wenn das Licht ausgelöscht war, herrschte

in dieser Kajüte eine Finsternis von einer Dicke und Greifbarkeit, daß

einer hineinbeißen und sie wie Gummi kauen konnte. Der einzige Raum,

wo ein Mensch sich frei bewegen konnte, befand sich hinten auf dem

hochaufragenden Hüttendeck -- ein Streifen von 16 Fuß Länge und 3 Fuß

Breite; überall sonst auf dem Schiff lagen Taurollen und bespülten die

Wellen das Deck.

Daß dies alles so war, geht für uns aus der bloßen Tatsache hervor,

daß das Schiff klein war. Da es zugleich auch alt war, so ergeben sich

daraus natürlich etliche andre Gewißheiten. Zum Beispiel: es war voll

von Ratten; es war voll von Kakerlaken; bei schwerer See öffneten und

schlossen sich die Fugen der Planken wie wenn ein Mensch seine Finger

auseinanderspreizt und wieder schließt. Es leckte wie ein Korb. Wo ein

Leck ist, ist notwendigerweise auch Schlagwasser; und wo Schlagwasser

ist, kann bloß ein Toter sich des Lebens freuen. Von wegen der Gerüche.

Vor Schlagwasser schämt Limburger Käse sich seiner Ruchlosigkeit.

Von diesen unumstößlich sichern Voraussetzungen ausgehend, können wir

ein wahrheitsgetreues Bild von dem Tageslauf des großen Entdeckers

entwerfen. In der Morgenfrühe verrichtete er seine Andacht vor

dem Gnadenbild der Heiligen Jungfrau. Um acht erschien er auf der

Hinterdeckspromenade. War das Wetter kühl, so erschien er, vom

Helmbusch bis zum bespornten Absatz, in einer prachtvollen, mit

Goldarabesken verzierten Rüstung, die er vorher am Küchenfeuer hatte

wärmen lassen. War das Wetter warm, so kam er in der gewöhnlichen

Seemannstracht jener Zeit auf Deck: Großer Schlapphut von blauem Samt

mit einem wehenden Busch von schneeweißen Straußfedern, der durch

einen blitzenden Klumpen von Diamanten und Smaragden zusammengehalten

wird. Goldgesticktes Wams von grünem Samt mit geschlitzten Aermeln,

die ein karmesinrotes Seidenfutter sehen lassen; breiter Kragen und

Handkrausen aus kostbaren Spitzen; Pluderhosen aus rosenrotem Samt

mit großen Knieschleifen aus gelbem Seidenbrokat; perlgraue seidene

Zwickelstrümpfe mit zarter Stickerei; zitronengelbe Schlappstiefel aus

Lammleder, herunterhängend, damit die schönen Strümpfe zu sehen sind;

Stulphandschuhe aus feinstem weißem Ketzerleder, aus der Werkstatt der

heiligen Inquisition, (früher zur Haut einer Dame von hohem Stande

gehörend); Raufdegen mit juwelengeschmückter Scheide an einem breiten

Wehrgehänge, das mit Rubinen und Saphiren besetzt ist.

Gedankenvoll geht er auf und ab, beobachtet das Aussehen des Himmels

und die Windrichtung; sieht sich nach schwimmenden Pflanzen um, sowie

nach andern Anzeichen nahenden Landes; gibt zum Zeitvertreib dem Manne

am Steuer einen Rüffel; holt ein nachgemachtes Ei aus der Tasche und

übt sich in seinem alten Kniff, es auf die Spitze zu stellen; ab und zu

läßt er eine Rettungsleine herunter und rettet einen Matrosen auf dem

Quarterdeck vom Ertrinken. Die übrige Zeit hindurch gähnt und streckt

und dehnt er sich und sagt, er wolle die Fahrt nicht wieder machen und

wenn es sechs Amerikas zu entdecken gäbe ... Das war Kolumbus in seiner

menschlichen Natürlichkeit, wenn er nicht für die Nachwelt posierte!

Um 12 Uhr mittags mißt er den Stand der Sonne und stellte fest, daß das

gute Schiff in 24 Stunden 300 Ellen gemacht hat. Das genügt aber für

ihn, um als Sieger anzukommen. Ein jeder kann als Sieger ankommen, wenn

außer ihm kein Mensch da ist, der über den Weg und das Ziel etwas zu

sagen hat.

Der Admiral hat allein gefrühstückt, ein feierliches Frühstück:

Speck, Bohnen und Branntwein; um zwölf speist er allein und feierlich

zu Mittag: Speck, Bohnen und Branntwein; um sechs ißt er allein und

feierlich zu Abend: Speck, Bohnen und Branntwein; um elf nimmt er

allein und feierlich sein Nachtmahl ein: Speck, Bohnen und Branntwein.

Musik gibt es bei keiner dieser Orgien; das Schiffsorchester ist eine

Erfindung der Neuzeit. Nach seiner letzten Mahlzeit spricht er ein

Dankgebet für all die guten Sachen -- deren Wert er vielleicht ein

bißchen übertreibt. Dann legt er die Seidenpracht oder das vergoldete

Eisengeschirr ab, steigt in seinen kleinen Bettsarg, bläst die

flackernde Oelfunsel aus und beginnt seine Lungen in tiefen Atemzügen

mit der von den köstlichen Düften ranzigen Oels und Schlagwassers

geschwängerten Luft zu erfrischen. Die Atemzüge werden zu Schnarchen,

und dann schwärmen die Ratten und die Kakerlaken brigade- und

divisions- und armeekorpsweise aus und spielen Zirkus auf seinem ganzen

Leibe.

Das war mehrere historische Wochen lang der tägliche Lebenslauf des

großen Entdeckungsreisenden in seiner Nußschale, und der Unterschied

zwischen den Bequemlichkeiten auf seinem Schiff und denen auf unserer

›Havel‹ springt einem sozusagen in die Augen.

Als er wiederkam -- so berichtet die Weltgeschichte -- da sagte der

König von Spanien voll Verwunderung: »Das Schiff scheint leck zu sein.

Leckte es schlimm?«

»Sire, Eure Majestät können selber urteilen: Ich pumpte während der

Fahrt sechzehnmal den Atlantischen Ozean durch das Schiff.«

So berichtet General Horace Porter. Andre Autoritäten sprechen nur von

fünfzehnmal.

Verschollene Gefühle.

Eins ist vorbei, auf Nimmerwiederkehr: die Romantik des Meeres. Die

zarte Gefühlsseligkeit, die das Seewesen umwob, ist aus unserem

Werkeltagsleben verschwunden und gehört nur noch als eine ferne

halbverwischte Erinnerung der Vergangenheit an. Aber viele von uns

Mitlebenden können sich noch sehr gut der Zeit erinnern, da diese

Gefühlsseligkeit in jedermanns Brust lebte; und je weiter die Menschen

vom Salzwasser entfernt wohnten, desto höher hielten sie diese

Liebe. Sie drang, wie die Luft, überall hin. Man brauchte in einer

Gesellschaft bloß von der See, der romantischen See zu sprechen, und

sofort verfielen die Leute in eine Rührung, die höchst komisch war.

Weitaus die meisten Lieder, die vom Jungvolk in den weltabgelegenen

Siedelungen gesungen wurden, hatten zum Helden den schwermütigen

Wandrer, und dessen Aussprüche über das Meer bildeten die Kehrreime.

Wenn Ausflügler in einem Kahn ein Flüßchen entlang plätscherten, sangen

sie unfehlbar, sobald sich die Dämmerungsschatten herniedersenkten:

Der Heimat zu, der Heimat zu,

Vom fernen fremden Strand.

Auch unter den Passagieren auf den Schraubendampfern im Westen war dies

das Lieblingslied. Andre bevorzugte Gesänge trugen die bedeutungsvollen

Titel: ›Der Sturm auf See‹; ›Der Meeresvogel‹; ›Des Schiffsjungen

Traum‹; ›Des gefangenen Seeräubers Klage‹; ›Wir sind fern von Haus

auf dem stürmischen Meer‹ u. s. w. u. s. w. Die Liste ist endlos.

Die guten Ackersleute von dazumal lebten in ihrer Phantasie allesamt

hauptsächlich inmitten der Gefahren des Meeres.

Aber das ist jetzt alles vorüber. Spurlos verschwunden. Das

Panzerschiff, dessen Aeußeres dem Gefühl nichts mehr sagt und an dessen

Bord alles so nüchtern und streng zugeht, verbannte die Romantik aus

der Kriegsflotte, und der ebenso nüchterne Dampfer verbannte sie aus

der Handelsflotte. Die Gefahren und Ungewißheiten, die einst das Leben

auf See romantisch machten, sind verschwunden, und mit ihnen das

poetische Element. Heutzutage singen die Passagiere an Bord niemals

Seemannslieder, und die Schiffskapelle spielt niemals derartige

Weisen. Die rührenden Lieder von dem Wandrer in fremdem Land fern von

der Heimat, die früher so beliebt waren und der Einbildungskraft so

feurige Farben vorspiegelten, weil solche Wandrer so etwas Seltenes

waren -- sie haben ihren Zauber verloren und sind verstummt, weil

jetzt jedermann ein Wandrer in fernen Landen ist; die Teilnahme dafür

ist also erstorben. Kein Mensch bangt sich mehr um den Wandrer; ihm

drohen keine Gefahren der See, keine Ungewißheiten mehr. Er ist auf

dem Schiff wahrscheinlich sicherer als zu Hause; denn dort kann es ihm

nimmer passieren, daß er einem Freund die letzte Ehre erweisen und

barhäuptig in Regen und Hagel am offenen Grabe stehen muß, auf die

Gefahr hin, eine Lungenentzündung davonzutragen. Und die Ungewißheiten

der Reise sind auf die Frage zusammengeschrumpft, ob er fahrplangemäß

am Nachmittag an der andern Seite ankommen wird oder noch bis zum

andern Morgen warten muß.

Das erste Schiff, worauf ich überhaupt fuhr, war ein Segelschiff.

Es brauchte 28 Tage von San Francisco nach den Sandwichinseln. Der

Hauptgrund für diese überaus langsame Ueberfahrt war der Umstand, daß

wir in eine Kalme kamen und 14 Tage lang mitten im Stillen Weltmeer

2000 Meilen von Land auf einem und demselben Fleck lagen. Hier auf der

›Havel‹ höre ich keine Seemannslieder, aber auf meinem Segelschiff

damals -- da hörte ich alle, die es gibt. Es waren auf dem Schiff ein

Dutzend junge Leute -- werden jetzt wohl hübsch alt sein -- und diese

setzten sich jeden Abend am Heck zusammen und sangen bei Sternenlicht

oder Mondenschein bis Mitternacht Seemannslieder in die leise,

schweigende, regungslose Kalme hinein. Sie hatten keinen Sinn für

Humor und sangen fortwährend:

Der Heimat zu, der Heimat zu,

ohne daran zu denken, daß dies einfach lächerlich war, denn wir lagen

still und kamen überhaupt nach keiner Richtung hin vorwärts. Oft folgte

diesem Gesang das andre schöne Lied:

›Sind wir nicht bald da? Sind wir nicht bald da?‹

Frug die sterbende Maid -- und der Hafen war nah.

Es war eine sehr nette Gesellschaft von jungen Leuten, und ich möchte

wohl wissen, wo sie jetzt sind. ›Ach, alle zerstreut‹ -- natürlich;

und die Blüte und Anmut und Schönheit ihrer Jugend, wo sind sie jetzt?

Unter ihnen war ein Lügenbold; alle versuchten ihn zu bessern, aber

keinem gelang es. So überließ man ihn denn nach und nach sich selber;

keiner von uns wollte etwas mit ihm zu tun haben. Oft habe ich seither

im Geiste die einsame Gestalt vor mir gesehen, wie sie gedankenvoll

gegen das Heckbord gelehnt stand, und ich habe bei mir gedacht, wenn

wir uns mehr Mühe gegeben und mehr Geduld gehabt hätten, so hätten

wir ihn vielleicht doch von seinem Fehler befreien und durch Zureden

ihn davon abbringen können. Aber -- man mag es kaum aussprechen --

er war mit Leib und Seele seinem Laster verfallen und wahrscheinlich

unverbesserlich. Ich möchte gerne glauben -- und glaube in der Tat

-- daß ich alles tat, was an mir war, um ihn zu höherer und besserer

Gesinnung zu bekehren.

Wir hatten ein eigentümliches Erlebnis. Das Schiff lag während der

Kalme die vollen 14 Tage lang genau auf demselben Fleck. Dann kam

eine hübsche Brise wellenkräuselnd über die See, und wir breiteten

unsre weißen Schwingen zum Fluge aus. Aber das Schiff rührte sich

nicht. Die Segel blähten sich, der Wind spannte die Taue an, aber

das Schiff bewegte sich nicht um Haaresbreite vom Fleck. Der Kapitän

war überrascht. Erst nach mehreren Stunden fanden wir heraus was uns

festhielt. Entenmuscheln! Sie sammeln sich in jenem Teil des Stillen

Meeres sehr schnell an. Sie hatten sich an den Schiffsboden angesetzt;

andre hatten sich wieder an diesen Haufen angesetzt, andre wieder an

diese und so weiter, tiefer und tiefer und tiefer, und der letzte

Büschel hatte die Säule stark und fest an den Meeresgrund angeheftet,

und die See ist an jener Stelle fünf Meilen tief. So war also das

Schiff ganz einfach der Griff eines fünf Meilen langen Spazierstocks

-- jawohl!, und war durch Wind und Segel so wenig zu bewegen wie festes

Land. Jedermann sah diese Tatsache als etwas sehr Merkwürdiges an.

Nun, die Woche darauf -- indessen, Sandy Hook ist in Sicht.

[Illustration]

Der Roman der Eskimo-Maid.

»Ja, Herr Twain, ich will Ihnen von meinem Leben alles erzählen, was

Sie gerne hören möchten,« sagte sie mit ihrer sanften Stimme und dabei

sah sie mir mit ihren unschuldigen Augen ruhig ins Gesicht; »denn es

ist lieb und nett von Ihnen, daß Sie mich leiden mögen und etwas über

mich wissen wollen.«

Sie hatte, in Gedanken versunken, mit einem beinernen Messerchen

Walfischfett von ihren Wangen geschabt und es an ihrem Pelzärmel

abgewischt und dabei auf das Nordlicht am Himmel geblickt, das seine

flammenden Strahlen in reichen Regenbogenfarben über die einsame

Schneeebene und die Dome der Eisberge ergoß -- ein Schauspiel von

fast unerträglich glänzender Schönheit. Aber jetzt schüttelte sie

die träumerische Stimmung von sich ab und schickte sich an, mir die

einfache kleine Geschichte zu erzählen, um die ich sie gebeten hatte.

Sie setzte sich bequem auf dem Eisblock zurecht, der uns als Sofa

diente, und ich nahm die Haltung eines aufmerksamen Zuhörers an.

Sie war ein schönes Geschöpf. Ich spreche vom Eskimostandpunkt. Andere

hätten sie für ein bißchen reichlich fett halten mögen. Sie war gerade

zwanzig Jahre alt und galt für das weitaus bezauberndste Mädchen ihres

Stammes. Sogar hier in der freien Luft, in ihren schwerfälligen und

unförmlichen Pelzröcken, Pelzhosen und Pelzstiefeln und unter der

großen Kapuze war wenigstens die Schönheit ihres Gesichtes erkennbar;

die Schönheit ihrer Gestalt mußte man allerdings auf Treu und Glauben

annehmen. Unter allen aus- und eingehenden Gästen hatte ich an ihres

Vaters gastlichem Eßtrog kein Mädchen gesehen, das man ihrer ebenbürtig

hätte nennen können. Und dabei war sie unverdorben! Sie war lieblich

und natürlich und aufrichtig, und wenn sie wußte, daß sie eine

Schönheit war, so ließ doch nichts in ihrem Gehaben darauf schließen,

daß sie diese Kenntnis besaß.

Sie war nun seit einer Woche meine tägliche Kameradin gewesen, und

je besser ich sie kennen lernte, desto besser gefiel sie mir. Sie

war zärtlich und sorgfältig aufgezogen worden, in einer Lebensluft,

die in den Polargegenden als eine außerordentlich verfeinerte gelten

konnte, denn ihr Vater war der einflußreichste Mann seines Stammes

und stand auf der Höhe der Eskimokultur. Ich machte mit Lasca -- so

hieß sie -- lange Spazierfahrten im Hundeschlitten über die mächtigen

Eisfelder und fand ihre Gesellschaft stets liebenswürdig und ihre

Unterhaltung angenehm. Ich ging mit ihr auf den Fischfang, aber nicht

in ihrem lebensgefährlich schwachen Boot, sondern ich spazierte bloß

am Eisrande entlang und sah zu, wie sie mit ihrem unfehlbar treffenden

Speer ihr Wild erlegte. Wir segelten miteinander; mehreremale stand

ich dabei, wenn sie und ihre Familie von einem gestrandeten Wal den

Speck ernteten, und einmal begleitete ich sie ein Stück Weges auf die

Bärenjagd; ich kehrte aber um, ehe es zum Schuß kam, denn im Grunde

habe ich Angst vor Bären.

Nun, wie gesagt, sie wollte mir ihre Geschichte erzählen. Hier ist sie:

Adams Tagebuch, und andere Erzählungen · 第 5 / 12 段