Minuten bis zwölf. In zehn Minuten konnte ich auf dem Bahnhof sein. Ich
sah also, daß ich nicht mehr viel Zeit zu verlieren hatte, denn unser
Zug war der ›Blitzzug‹, und auf dem europäischen Festlande setzen die
Blitzzüge einen gewissen Stolz darein, zuweilen zur festgesetzten Zeit
abzufahren. Meine Angehörigen waren die einzigen Leute, die noch im
Wartesaale saßen; alle anderen waren schon hinausgegangen und hatten
›den Zug bestiegen‹, wie man dortzulande sagt. Sie waren ganz erschöpft
vor Aufregung und Aerger, aber ich tröstete und munterte sie auf, und
wir stürmten hinaus.
Aber nein -- wir hatten wiederum Pech. Der Türsteher war nicht mit
den Fahrkarten einverstanden. Er prüfte sie vorsichtig, bedächtig,
mißtrauisch, sah mich eine Weile an und winkte hierauf einen anderen
Beamten heran. Die beiden untersuchten die Fahrkarten und riefen einen
dritten. Die drei riefen andere und diese Ratsversammlung hielt Reden
und Reden und gestikulierte und redete immerzu, bis ich sie bat, sie
möchten bedenken, wie flüchtig die Zeit ist, möchten daher schnell
ein paar Beschlüsse fassen und uns gehen lassen. Hierauf sagten sie
sehr höflich, es sei an den Fahrkarten etwas nicht in Ordnung; wo ich
dieselben gekauft hätte?
»Aha!« dachte ich, »nun weiß ich, was da los ist!« Ich hatte ja die
Fahrkarten in einem Zigarrenladen gekauft und natürlich haftete
ihnen der Geruch des Tabaks an; ohne Zweifel beabsichtigten sie
die Fahrkarten erst der Zollbehörde vorzulegen, um die Steuer für
den Geruch zu erheben. Ich beschloß daher, recht frank und frei zu
sprechen; das ist zuweilen das beste. Ich sagte also:
»Meine Herren, ich will Sie nicht länger hintergehen. Diese
Eisenbahnfahrkarten ...«
»Ah, Pardon, Monsieur. Das hier sind keine Eisenbahnfahrkarten.«
»O,« sagte ich. »Sitzt da der Haken?«
»Ganz gewiß, mein Herr. Dies sind Lotterielose, jawohl; und zwar Lose
von einer Lotterie, die vor zwei Jahren gezogen wurde.«
Ich heuchelte große Heiterkeit. Weiter kann man unter solchen Umständen
nichts tun, und dabei nützt es noch nicht mal was. Keiner fällt darauf
herein, und man sieht, wie jeder in der Runde einen bedauert und
bemitleidet. Ich glaube, es gehört zu den peinlichsten Lebenslagen,
wenn man sich ob der kläglichen Rolle, die man selber spielt, ärgern
und schämen muß und dabei äußerlich den Verschmitzten und Lustigen
zu spielen hat, während neben einem die eigene Expedition steht, die
geliebten teuren Wesen, auf deren Liebe und Verehrung man nach dem
Herkommen zivilisierter Völker Anspruch hat, und wenn man weiß, daß
sie vor Scham vergehen möchten vor all diesen fremden Menschen, deren
Mitgefühl ein Brandmal, ein Schandmal ist -- ein Brandmal, das einen
kennzeichnet als einen -- o, ich kann’s nicht aussprechen, aber es ist
etwas, woran menschliche Gemüter nur mit Schauder denken können.
Ich sagte lustig, es sei schon recht, nur so ein kleines Versehen,
wie es wohl jedem mal passieren könne. Ich würde binnen zwei Minuten
die richtigen Fahrkarten haben, und wir kämen immer noch zur rechten
Zeit in den Zug und hätten außerdem was, worüber wir unterwegs
lachen könnten. Ich bekam auch die Fahrkarten rechtzeitig, schön
abgestempelt und vollzählig, aber dann stellte sich’s heraus, daß ich
sie nicht nehmen konnte. Ich hatte mir nämlich mit dem Abholen der
beiden fehlenden Mitglieder so viel Mühe gegeben, daß ich darüber
die Bank völlig verschwitzt hatte. Ich hatte also kein Geld. So fuhr
denn der Zug ab, und es war augenscheinlich nichts andres zu machen,
als nach dem Hotel zurückzugehen. Das taten wir denn auch, aber es
herrschte sozusagen eine melancholische Stimmung, und es wurde nicht
viel gesprochen. Ich versuchte ein paarmal eine Unterhaltung in Gang
zu bringen, über die schöne Gegend und über Seelenwanderung und
dergleichen, aber ich schien damit keinen Anklang zu finden.
Unsere guten Zimmer hatten wir verloren, doch bekamen wir einige
andere, die zwar ein bißchen weit auseinander lagen, aber immerhin
leidlich waren. Ich dachte, das Wetter würde sich jetzt aufheitern,
aber das Haupt der Expedition sagte: »Schicke die Koffer herauf!«
Es lief mir kalt über den Rücken. An dieser Koffergeschichte war irgend
etwas zweifelhaft. Darauf hätte ich beinahe schwören mögen. Ich wollte
einen Vorschlag machen.
Aber ein Wink mit der Hand genügte, um mich zum Schweigen zu bringen,
und ich erhielt den Bescheid, wir würden jetzt für drei Tage unser Zelt
in Genf aufschlagen und versuchen, ob die Ruhe uns wieder frische
Kräfte gäbe.
Ich sagte, mir wär’s recht, sie möchten sich nicht die Mühe machen,
erst zu klingeln; ich würde hinuntergehen und selber nach den Koffern
sehen. Ich nahm eine Droschke und fuhr stracks zu Herrn Carl Natürlich
und fragte, was für einen Auftrag ich dort hinterlassen hätte.
»Sieben Koffer ins Hotel zu schicken.«
»Und sollten Sie nicht welche wieder mitnehmen?«
»Nein.«
»Sie sind sicher, daß ich Ihnen nicht gesagt habe, Sie sollten sieben
abholen, die Sie in der Vorhalle aufgestapelt finden würden?«
»Ganz gewiß haben Sie kein Wort davon gesagt.«
»Dann sind sie alle vierzehn nach Zürich oder nach Jericho oder sonst
wohin gegangen, und es werden sich in der Umgebung des Hotels noch mehr
Bruchstücke vorfinden, wenn die Expedition ...«
Ich sprach den Satz nicht zu Ende. In meinem Gehirn begann nämlich
alles rund umzugehen, und wenn es so weit mit einem ist, so denkt man
immer, man habe einen Satz zu Ende gesprochen, während man es in
Wirklichkeit _nicht_ getan hat. Grübelnd und sinnend geht man weg und
kommt erst wieder zum Bewußtsein, wenn ein Droschkengaul oder eine Kuh
oder sonstwas einen umrennt.
Ich ließ die Droschke vor Natürlichs Geschäft -- ich vergaß sie
nämlich -- und überlegte mir auf dem Rückweg noch einmal die ganzen
Ereignisse und beschloß, meinen Rücktritt vom Amt zu erklären; es
schien mir nämlich sonst ziemlich sicher zu sein, daß man mich
absetzen würde. Indessen schien es mir nicht das Richtige zu sein,
mein Entlassungsgesuch in eigener Person einzureichen; ich konnte
das auch durch einen Boten besorgen. Ich ließ mir daher Herrn Lüdy
kommen und setzte ihm auseinander, ein Reisemarschall sähe sich wegen
Unerträglichkeit oder Ermüdung oder dergleichen in die Notwendigkeit
versetzt, zurückzutreten, und da er, wie ich gehört, auf vier oder fünf
Tage frei wäre, so möchte ich gern, wenn er den offenen Posten annehme
-- falls er dächte, er könnte ihn ausfüllen. Als alles abgemacht war,
veranlaßte ich ihn, nach oben zu gehen und der Expedition zu sagen, daß
wir infolge eines Versehens von Herrn Natürlichs Leuten keine Koffer
hier hätten, in Zürich aber einen ganzen Haufen vorfinden würden, und
daß es besser wäre, wir nehmen den ersten besten Schnell-, Bummel- oder
Güterzug und machten uns auf die Reise.
Er besorgte das und brachte mir von oben eine Einladung mit herunter,
ich möchte mal hinaufkommen.
»Ja gewiß,« sagte ich.
Während wir dann nach der Bank gingen, um Geld zu holen und meine
Zigarren nebst dem Tabak zu uns zu nehmen, und nach dem Zigarrenladen,
um uns das Geld für die Lotterielose zurückgeben zu lassen und meinen
Schirm zu holen, und nach Herrn Natürlichs Geschäft, um die Droschke
zu bezahlen und wegzuschicken, und nach dem Kantonsgefängnis, um meine
Gummischuhe in Empfang zu nehmen und für den Bürgermeister und die
Herren vom Höchsten Gerichtshof Karten mit ~p. p. c.~ zu hinterlassen
-- während dieser ganzen Zeit beschrieb er mir das Wetter, das in den
höheren Regionen bei der Expedition herrschte, und ich sah, daß ich
mich da, wo ich war, sehr wohl befand.
Bis vier Uhr nachmittags wanderte ich draußen vor der Stadt in den
Wäldern umher; dann begab ich mich nach dem Bahnhof und kam mit meiner
Expedition gerade zur rechten Zeit zum Züricher Drei-Uhr-Expreß. Die
Expedition befand sich jetzt unter der Obhut des Herrn Lüdy, der ihre
verwickelten Geschäfte anscheinend mit geringer Anstrengung und in
aller Bequemlichkeit zu erledigen wußte.
So!! Ich hatte also wie ein Sklave gearbeitet, so lange ich im
Amte war, und hatte mir die allergrößte Mühe gegeben. Und trotzdem
sprachen sie alle nur von den Fehlern meiner Leitung, nicht von den
guten Eigenschaften derselben; diese letzteren schienen in ihrem
Gedächtnis gar nicht mehr zu existieren. Tausend gute Eigenschaften
übersprangen sie einfach und redeten und redeten immer wieder von
_einem_ Umstand, bis ich dachte, nun müßten sie doch endlich müde
sein, davon zu sprechen. Und was war das für ein Umstand? -- nichts
weiter, als daß ich mich in Genf selber zum Reisemarschall aufgeworfen
und eine Betriebsamkeit entwickelt hätte, womit ich einen Zirkus nach
Jerusalem hätte bringen können -- und daß ich damit nicht einmal meine
kleine Schar aus der Stadt herausgebracht hätte. Schließlich sagte
ich ihnen, ich wünschte von dem Gegenstand nichts mehr zu hören, ich
bekäme Kopfschmerzen davon. Und ich sagte ihnen ins Gesicht, ich würde
niemals wieder Reisemarschall sein, und wenn ich damit einem Menschen
das Leben retten könnte. Und wenn ich lange genug am Leben bleibe,
so will ich das beweisen. Meiner Meinung nach ist es ein heikliges,
hirnermüdendes, nervenzerrüttendes, ganz und gar undankbares Amt, und
der Hauptlohn, den man davon hat, ist: ein verärgertes Herz und ein
wirbliger Kopf.
[Illustration]
Von allerhand Schiffen.
Der moderne Dampfer.
Wir leiden an einem allgemein verbreiteten Aberglauben -- wir
bilden uns nämlich ein, die Veränderungen, die täglich auf der Welt
statthaben, selbst mitzuerleben, weil wir in den Zeitungen darüber
lesen und einen oberflächlichen Begriff von ihrer Art haben. Ich hätte
nicht gedacht, daß das moderne Schiff eine Ueberraschung für mich sein
könnte -- aber es ist so! Und zwar könnte die Ueberraschung wohl kaum
größer sein, wenn ich niemals irgend etwas darüber gelesen hätte. Ich
spaziere auf diesem großen Schiff, der ›Havel‹ herum, während es sich
seinen Weg über den Atlantischen Ozean pflügt, und alle Einzelheiten,
auf die mein Auge fällt, erinnern mich an ihre Miniaturvorbilder in
den kleinen Schiffen, auf denen ich vor vierzehn, siebzehn, achtzehn,
zwanzig Jahren den Ozean durchquerte.
Auf der ›Havel‹ kann man sich’s in mancher Beziehung behaglicher
machen als in den besten Gasthöfen des europäischen Festlands. So
z. B. hat das Schiff mehrere Badezimmer mit einer praktischen und
hübschen Einrichtung wie in einem schönen Privathaus in Amerika; in
den europäischen Hotels dagegen gilt gewöhnlich _eine_ Badstube für
ausreichend, und meistens ist diese schäbig ausgestattet und befindet
sich in irgend einem abgelegenen Winkel des Hauses; außerdem muß man
sich so lange vorher zum Baden anmelden, daß einem schließlich die
Lust vergangen ist, wenn man endlich an die Reihe kommt. In den Hotels
gibt es recht viele verschiedenartige Geräusche, die einem den Schlaf
rauben; in meiner Kabine auf dem Schiff höre ich keinen Laut. In den
Hotels wird gewöhnlich um Mitternacht das elektrische Licht abgestellt;
auf dem Schiff kann man es die ganze Nacht im Schlafzimmer brennen
lassen.
Auf dem Dampfer ›Batavia‹, mit welchem ich vor zwanzig Jahren fuhr, war
in der Scheide zwischen zwei Passagierkajüten eine Kerze angebracht,
die die beiden Räume beleuchten sollte, aber nicht einmal einen
einzigen erhellte. Um 11 Uhr abends wurden diese Kerzen ausgelöscht und
zugleich mit ihnen alle Salonlampen mit Ausnahme von einer oder zweien;
diese blieben brennen, damit doch die Passagiere sehen könnten, wie sie
beim Herauskrabbeln in der Finsternis das Genick brächen. Bei Tisch
saßen die Fahrgäste auf langen Bänken aus dem allerhärtesten Holz; auf
der ›Havel‹ sitzt man auf einem Drehstuhl mit gepolsterter Rückenlehne.
In jenen alten Zeiten war die Speisekarte immer die gleiche: ein Teller
einfacher Suppe, gekochter Schellfisch mit Kartoffeln, steinhartes,
gekochtes Rindfleisch; als Nachtisch: gestovte Pflaumen -- Sonntags
›Mehlbeutel‹, Donnerstags ›Plumpudding‹. Auf dem modernen Schiff ist
das auserlesene ›Menu‹ mit vieler Kunst zusammengestellt und bietet
täglich etwas anderes. In der alten Zeit glich das Mittagessen auf
dem Schiff einer Leichenmahlzeit; heutzutage belebt ein unsichtbares
Orchester es mit reizender Musik. Früher war das Verdeck immer naß;
jetzt ist es da für gewöhnlich trocken, denn das Promenadendeck ist
überdacht und nur selten schlägt eine Welle über Bord. Bei einigermaßen
bewegter See konnte ein Landmensch früher sich kaum auf den Beinen
halten; in unseren Tagen sind bei derartigem Seegang die Decks so eben
wie ein Tisch. Früher war das Innere eines Schiffes höchst einfach
und kahl; man schien sich die größte Mühe gegeben zu haben, etwas
recht Häßliches und Unbequemes auszudenken. Das moderne Schiff ist
ein Wunderwerk von reichem und kostbarem Schmuck und von prachtvoller
Ausstattung; es ist mit jeder Behaglichkeit und Bequemlichkeit
versehen, die für Geld sich beschaffen läßt. Auf den alten Schiffen war
der einzige Versammlungsort der Speisesaal, die neuen besitzen mehrere
geräumige und schöne Unterhaltungssäle. Rauchgelegenheit gab es in den
alten Schiffen für den Passagier nur in der sogenannten ›Violine‹. Das
war ein scheußliches Loch, eine rohgezimmerte Bretterbude, die zum
Schutz der Hauptluke dienen sollte. Drinnen war es unbehaglich und
schmutzig; Stühle gab es nicht; das einzige Licht gab eine Tranfunsel;
es war sehr kalt und niemals trocken, denn durch die Bretterfugen brach
alle Augenblicke das Wasser der Sturzseen herein und machte dieses
Kellerloch gründlich naß. In den modernen Schiffen gibt es drei oder
vier große Rauchzimmer mit Spieltischen und gepolsterten Sofas und
Dampfheizung und elektrischer Beleuchtung. Wenig europäische Hotels
haben solche Rauchzimmer.
Die früheren Schiffe waren aus Holz und hatten in ihrem Raum zwei oder
drei wasserdichte Abteilungen mit Türen, die häufig offen standen
-- besonders wenn das Schiff gerade auf einen Felsen auflief. Der
moderne Leviathan ist aus Stahl erbaut, und die wasserdichten Schotten
haben keine Türöffnungen; sie teilen das Schiff in neun oder zehn
wasserdichte Räume, so daß es zählebig geworden ist wie eine Katze.
Daß diese Einrichtung völlig ihren Zweck erfüllt, wurde bei dem
denkwürdigen Unfall dargetan, der vor ein paar Jahren der ›City of
Paris‹ zustieß.
Was einem auf dem großen modernen Schiff vor allem andern sofort
auffällt, ist das vollständige Fehlen von Wirrwarr, Geklapper,
Füßegetrampel und Kommandogebrüll. All dieser Lärm gehört der
Vergangenheit an. Die verwickelten Manöver beim Heranbringen des
Schiffes an seinen Landungsplatz vollziehen sich geräuschlos; man sieht
nichts von den Arbeiten, hört keine Befehle geben. Eine sonntäglich
feierliche Stille herrscht statt des Lärmens und Tobens früherer
Zeiten. Das neuzeitliche Schiff besitzt eine geräumige Kommandobrücke,
die zu beiden Seiten bis zu Kinnhöhe mit Segeltuch abgesperrt und
deren Fußboden mit einem hölzernen Rösterwerk bedeckt ist; und auf
dieser Brücke nebst ihren ebenfalls eingefaßten Fortsetzungen vorn und
hinten könnte bequem eine Versammlung von hundertundfünfzig Menschen
sitzen. Es sind drei Steuervorrichtungen vorhanden, von denen jede für
sich allein ausreicht, falls die beiden andern brechen sollten. Von
der Brücke aus wird das Schiff gelenkt und auch gesteuert. Dabei wird
aber nicht gerufen, oder gepfiffen, sondern die Zeichen werden mittels
eigenartiger selbsttätiger Gongs gegeben. Der Offizier achtern beim
Steuer kann von der Brücke aus nicht gesehen werden und ist so weit ab,
daß er sogar Trompetensignale nicht hören würde; aber die Gongs neben
ihm sagen ihm, was er zu machen hat; er hört, aber die Passagiere hören
nichts, und so sieht es aus als ob das Schiff ohne menschliche Hilfe
selber seine Landung bewerkstelligte.
Diese große Kommandobrücke befindet sich dreißig oder vierzig Fuß über
der Wasserlinie; aber die See schlägt zuweilen so hoch hinauf, darum
ist für solche Notfälle noch eine zweite Brücke 12 oder 15 Fuß höher
angebracht. Mit der Gewalt des Wassers ist es eine eigentümliche
Sache. Es schlüpft einem wie Luft zwischen den Fingern durch,
gelegentlich aber wirkt es wie ein fester Körper und biegt einen dünnen
Eisenstab krumm. Auf unserer ›Havel‹ zersplitterte es eine Reeling,
daß sie aussah wie ein Besen, anstatt sie einfach entzwei zu brechen
wie man doch hätte erwarten sollen. Aber das Wasser hat sogar noch
sonderbarere Sachen gemacht und zwar in Fällen, die glaubhaft bezeugt
worden sind. Ein Marlpfriem ist ein etwa fußlanges, schweres eisernes
Werkzeug, das nach dem einen Ende zu dünner wird und in eine scharfe
Spitze ausläuft. Eine Welle schlug über Bord eines Schiffes und raste
in Brusthöhe nach hinten; sie riß einen Marlpfriem mit sich und zwar,
die Spitze voran, mit solch blitzgleicher Schnelligkeit und Gewalt, daß
das Eisen drei oder vier Zoll tief einem Matrosen in den Leib fuhr und
ihn tötete.
Auf alle Fälle muß unser heutiger Weltmeer-Windhund auf jemanden, der
keine Vorstellungen von modernen Schiffstypen in seinem Kopf hat, einen
gewaltigen Eindruck machen. An Leibesumfang kann so ein Dampfer es
beinahe mit der Arche aufnehmen, und doch wird diese ungeheuerliche
Stahlmasse in 24 Stunden 500 Meilen durch die Wogen getrieben. Ich
erinnere mich der Renommierreise eines Dampfers, in welchem ich einmal
auf dem Stillen Ozean fuhr: 209 Meilen in 24 Stunden. Ungefähr ein Jahr
später war ich Fahrgast auf der Vergnügungsgondel ›Quaker City‹, und
eines Tages, bei spiegelglatter See, sollte sie, wie behauptet wurde,
von einem Mittag zum andern 211 Meilen heruntergehaspelt haben, aber
vermutlich war das eine Lüge zu Reklamezwecken. Der kleine Dampfer
hatte 70 Passagiere und 40 Mann Besatzung, und man kam sich vor wie in
einem Bienenstock. Aber hier auf unserm Schiff verbringen wir in einer
Art Einsamkeit diese angenehmen Sommertage; manchmal sieht man 100
Passagiere über die weiten Räume verstreut, manchmal bemerkt man keinen
einzigen; dabei sind sie irgendwo in des Schiffes Leib verborgen, denn
einschließlich der Besatzung sind beinahe 1100 Menschen auf der ›Havel‹
vorhanden.
In der guten alten Zeit kletterten die Schifflein die Woge hinauf und
wälzten sich auf der andern Seite in das Wellental hinunter; unsre
jetzigen Riesenschiffe erklimmen nicht die Wellen, sondern brechen
sich mit Gewalt ihren Weg durch die Fluten. Mit ihrer ungeheuren
Wucht, Masse und Kraft meistern sie alle Wogen, wenn nicht gerade ein
außergewöhnlicher Sturm herrscht.
Wie erfindungsreich sind doch die Menschen -- d. h. die Menschen der
Gegenwart! Heute fand ich im Kartenhaus an der Wand einen Rahmen mit
beweglichen hölzernen Schildern, und auf den Schildern einige mir
unverständliche Inschriften:
Kielbehälter leer
Doppelboden Nr. 1 voll
Doppelboden Nr. 2 voll
Doppelboden Nr. 3 voll
Doppelboden Nr. 4 voll
Während ich darüber nachdachte, was das wohl für ein Spiel sein möchte,
und wie ein Fremder sich einige Fertigkeit darin erwerben könnte,
kam ein Matrose herein, nahm das ›Leer‹ der obersten Zeile heraus
und drehte das Schildchen um, worauf er es wieder an seinen Platz
steckte; jetzt lautete diese Inschrift ebenfalls ›voll‹. Er nahm noch
irgend eine andre Aenderung vor, doch bemerkte ich nicht, worin sie
bestand. Die Bedeutung der Schildertafel war bald erklärt. Sie diente
dazu um anzuzeigen, wie der Ballast auf dem Schiff verteilt war. Das
Verblüffende dabei war, daß dieser Ballast aus Wasser bestand. Ich
wußte nicht, daß jemals ein Schiff als Ballast Wasser eingenommen
hatte. Ich hatte nur mal irgendwo gelesen, es sollten in dieser
Richtung Versuche angestellt werden. Aber das kennzeichnet unsre
Neuzeit: zwischen den Versuchen mit einer Neuerung und ihrer Einführung
wird keine Zeit vertrödelt, sobald man die Brauchbarkeit erprobt hat.
An der Wand, dicht neben der Schildertafel, war ein Aufriß des
Schiffes, und diese Zeichnung enthüllte mir die Tatsache, daß das
Schiff 22 ganz ansehnliche Wasserseen in seinem Leibe hatte. Diese
Seen sind zwischen dem Boden des Schiffes und einem falschen Boden
eingesperrt. Sie sind von einander durch wasserdichte Querschotten und
in der Mitte durch ein Längsschott getrennt, das vom Bug des Schiffes
über vier Fünftel der ganzen Länge nach hinten läuft. Dadurch wird eine
400 Fuß lange Kette von 5 bis 7 Fuß tiefen Seen hergestellt. Vierzehn
von diesen Seen enthalten vom Lande mitgebrachtes Trinkwasser im
Gesamtgewicht von 400 Tonnen. In den andern befindet sich Salzwasser --
618 Tonnen. Alles zusammen mehr als 2000 Zentner Wasser.
Man bedenke wie bequem dieser Ballast zu handhaben ist. Wenn das
Schiff den Hafen verläßt, sind die Seen alle voll. Wenn durch den
Kohlenverbrauch unterwegs das Gewicht des Schiffes sich vermindert,
kommt dieses aus dem Gleichgewicht -- der Bug hebt sich empor, der
Stern sinkt tiefer ein. Man läßt einfach einen von den am Stern
angebrachten Wasserseen in das Meer auslaufen, und das Gleichgewicht
ist wiederhergestellt. Dies kann wiederholt werden, so oft die
Gelegenheit es erfordert. Auch kann mittels Röhren und Dampfpumpwerk
der Inhalt eines Sees von dem einen Ende des Schiffes nach dem
anderen überführt werden. Die Aenderung, die heute der Matrose an der
Schildertafel vornahm, bezog sich auf eine derartige Ueberführung. Der
Seegang war stärker geworden, man mußte dem Schiffsbug mehr Gewicht
geben, damit der Dampfer nicht die Wogen hinaufkletterte anstatt sie
zu durchbrechen; deshalb waren 500 Zentner, die den Inhalt eines ganz
hinten belegenen Behälters gebildet hatten, nach dem Bug gepumpt worden.
Ein Wasserbehälter ist entweder ganz voll oder ganz leer; die
Wassermasse muß ein festes Ganzes bilden, so daß sie nicht hin- und
herschlagen kann. Ein beweglicher Ballast würde natürlich nicht seinen
Zweck erfüllen.
Das moderne Schiff ist voll von schönen sinnreichen Einrichtungen;
aber die Einführung des Wasserballastes schießt meiner Meinung nach
den Vogel ab. Wenn ich diesen Gedanken gehabt hätte, so würde ich
darauf stolzer sein als auf irgend was andres. Vielleicht ist bis
auf unsre Tage ein Schiff niemals in vollkommenem und stets leicht
zu regelndem Gleichgewicht gewesen. Ein nicht im Gleichgewicht
befindliches Schiff aber gehorcht dem Steuer nicht, seine Schnelligkeit
wird beeinträchtigt, es kämpft einen mühseligen Kampf mit den Wogen.
Das arme Ding! sechstausend Jahre lang hat es sich plagen müssen, und
erst in diesen allerletzten Tagen hat man’s ihm bequem gemacht! Sechs
Jahrtausende lang schwamm es in dem besten und billigsten Ballast
von der Welt, dem einzigen wirklich vollkommenen Ballast, aber das
Schiff konnte seinem Herrn nichts davon sagen, und dieser hatte nicht
so viel Grütze, von selber auf den Gedanken zu kommen. Es ist ein
eigentümliches Gefühl, wenn man sich bewußt wird, daß im Schiff beinahe
ebensoviel Wasser ist wie draußen, und daß trotzdem keine Gefahr
vorhanden ist.
Die Arche Noäh.
Der seit Noahs Zeiten in der großen Kunst des Schiffsbaues gemachte
Fortschritt ist sehr bemerkenswert. Auch steht die in den Tagen des
guten alten Noah in der Handhabung der Schiffahrtsgesetze übliche
Laschheit in schneidendem Gegensatz zu der Festigkeit, womit sie in
der Gegenwart zur Anwendung gebracht werden. Es ist ausgeschlossen,
daß Noah jetzt tun dürfte, was ihm damals erlaubt war. Erfahrung hat
uns von der Notwendigkeit überzeugt, es genauer zu nehmen und mehr auf
die Erhaltung von Menschenleben bedacht zu sein. Heutzutage würde Noah
nicht die Erlaubnis erhalten, von Bremen abzusegeln. Die Inspektoren
würden kommen und die Arche untersuchen, um alle möglichen Einwendungen
zu erheben. Wer Deutschland kennt, kann sich den Auftritt und das
Gespräch ohne Schwierigkeit und in allen Einzelheiten vorstellen.