Es kostete mich einen langen heißen Marsch, bis ich zu den abzuholenden

Leuten kam; und als ich ankam, sagten sie mir, sie könnten nicht mit,

weil sie schwere Reisetaschen hätten und eine Droschke haben müßten.

Ich ging weg, um eine zu suchen; bevor mir aber eine in die Quere

kam, bemerkte ich, daß ich in der Nachbarschaft des Grand Quai war --

oder wenigstens kam es mir so vor -- mir däuchte daher, ich könnte

Zeit sparen, indem ich schnell um die Ecke ginge und die Sache mit

den Koffern in Ordnung brächte. Ich ging ungefähr eine Meile weit

schnell um die Ecke und fand zwar nicht den Grand Quai, wohl aber einen

Zigarrenladen. Da fielen mir denn die Zigarren ein. Ich sagte, ich

reiste nach Bayreuth und wünschte soviele Zigarren, wie ich unterwegs

brauchte. Der Mann fragte mich, welchen Weg ich führe. Ich antwortete,

das wüßte ich nicht. Er sagte, er könnte mir empfehlen, über Zürich

und verschiedene andre Orte, die er mir nannte, zu reisen, und bot

mir sieben direkte Fahrkarten zweiter Klasse zu 110 Francs das Stück

an; ich sparte dabei den Rabatt, den die Eisenbahnverwaltungen ihm

gewährten. Ich hatte es bereits satt bekommen, mit Fahrkarten erster

Klasse stets zweiter Klasse zu reisen; deshalb nahm ich ihm seine ab.

Mit der Zeit fand ich auch das Speditionsgeschäft von Natürlich & Cie.;

ich sagte ihnen, sie sollten sieben von unsren Koffern nach dem Hotel

schicken und dort in der Vorhalle aufstapeln. Es kam mir so vor, als ob

ich nicht alles bestellte, was ich eigentlich sagen sollte; es war aber

alles, was ich in meinem Kopf finden konnte.

Hierauf fand ich die Bank und bat um etwas Geld; aber ich hatte meinen

Kreditbrief irgendwo liegen lassen und konnte daher nichts bekommen.

Nun fiel mir ein, daß ich ihn jedenfalls auf dem Tisch hatte liegen

lassen, an welchem ich das Telegramm geschrieben hatte. Ich nahm also

eine Droschke, fuhr nach dem Postgebäude und ging nach dem ersten

Stock hinauf. Sie sagten mir, der Kreditbrief sei wirklich auf dem

Tisch liegen geblieben, er befinde sich aber jetzt in den Händen der

Polizeibehörde, und ich müsse mich zu dieser hinbegeben und meine

Eigentumsrechte nachweisen. Sie gaben mir einen Jungen mit, und wir

gingen zu einer Hintertür hinaus und wanderten ein paar Meilen und

gelangten zu dem Polizeigebäude. Dann fielen mir meine Droschken ein,

und ich bat den Jungen, er möchte sie mir zuschicken, wenn er wieder

nach dem Postamt zurückkäme.

Inzwischen war es Nacht geworden, und der Bürgermeister war zum Essen

gegangen. Ich dachte, ich könnte ebenfalls zum Essen gehen, aber der

diensthabende Beamte dachte anders darüber, und so blieb ich. Um halb

elf sprach der Bürgermeister auf dem Bureau vor, sagte aber, es sei

jetzt zu spät, um am Abend noch irgend etwas zu erledigen. »Kommen

Sie morgen früh um halb zehn!« Der Beamte wünschte mich die ganze

Nacht dazubehalten und sagte, ich wäre eine verdächtige Person;

wahrscheinlich gehöre der Kreditbrief mir überhaupt nicht, und ich

wüßte gar nicht mal, was ein Kreditbrief ist, sondern hätte nur

gesehen, wie der wirkliche Eigentümer ihn auf dem Tisch hätte liegen

lassen, und wollte ihn mir daher aneignen, weil ich wahrscheinlich

ein Mensch wäre, der sich überhaupt alles aneignete, was er kriegen

könnte, ob es Wert hätte oder nicht. Aber der Bürgermeister sagte, er

sähe nichts Verdächtiges an mir, ich scheine ein harmloser Mensch zu

sein, dem weiter nichts fehlte, als daß er das bißchen Verstand, das

er überhaupt besäße, augenblicklich gerade nicht bei sich hätte. Ich

dankte ihm für seine gute Meinung, er ließ mich frei, und ich fuhr in

meinen drei Droschken nach Hause.

Da ich hundsmüde und nicht in der Verfassung war, auf Fragen genaue

Antworten zu geben, so dachte ich, ich wollte die Expedition bei

nachtschlafender Zeit nicht mehr stören. Ich wußte, es war am anderen

Ende des Flurs ein leeres Zimmer vorhanden; aber ich kam nicht ganz

bis dorthin, denn es war ein Wachtposten ausgestellt gewesen. Die

Expedition hatte nämlich den dringenden Wunsch, mich zu sehen. Die

Expedition saß steif und unnahbar auf vier Stühlen in einer Reihe,

Tücher und Mäntel und alles andere angezogen, Reisetaschen und

Reisehandbücher auf dem Schoß. So hatten sie vier volle Stunden schon

gesessen, und während dieser ganzen Zeit war das Barometer fortwährend

gefallen. Ja, und sie warteten -- warteten auf mich. Mir schien, bloß

ein plötzlich glücklich ausgedachter und glänzend ausgeführter ~tour de

force~ könnte diese eiserne Schlachtlinie durchbrechen und eine Wendung

zu meinen Gunsten herbeiführen. Ich trundelte daher meinen Hut in die

Arena, folgte selber mit einem Hupf und Hops und rief munter:

»Haha! Siehstewohl, da kommt er schon!«

Nichts konnte eindrucksvoller oder stiller sein als der nun folgende

gänzlich unhörbare Beifall. Aber ich blieb bei meiner Taktik, obgleich

meine vorher bereits recht kümmerliche Zuversicht einen tödlichen Stoß

bekommen hatte und tatsächlich bereits völlig geschwunden war.

Ich versuchte, trotz meinem schweren Herzen, den Lustigen zu

spielen; ich versuchte die andren Herzen da vor mir zu rühren und

den bitterbösen Groll in ihren Gesichtern zu besänftigen, indem

ich fröhliche leichte Scherze hervorsprudelte und die ganze

Trauergeschichte als einen humorvollen Vorfall darstellte; aber dieser

Gedanke fand keine gute Aufnahme. Es war nicht die richtige Atmosphäre

dafür. Ich erntete kein einziges Lächeln; keine Linie in diesen

beleidigt aussehenden Gesichtern löste sich; den Winter, der mir aus

diesen frostigen Augen entgegenblickte, vermochte ich nicht aufzutauen.

Noch einmal machte ich krampfhaft einen schwachen Versuch, aber das

Haupt der Expedition fiel mir -- plumps! -- ins Wort und fragte

schneidend: »Wo bist du gewesen?«

Ich merkte an der Wahl der Worte und an ihrer Betonung, daß die Absicht

obwaltete, sich auf einen kalten, geschäftlichen Standpunkt zu stellen.

Ich begann also von meinen Fahrten zu erzählen, wurde aber wiederum

schroff unterbrochen:

»Wo sind die beiden anderen? Wir haben eine fürchterliche Angst um sie

ausgestanden.«

»O, die sind wohl und munter. Ich sollte ihnen eine Droschke besorgen.

Ich will mich auch nun flugs auf den Weg machen und ...«

»Setz dich! Weißt du denn gar nicht, daß es elf Uhr ist? Wo hast du sie

gelassen?«

»In ihrer Pension.«

»Warum brachtest du sie nicht mit her?«

»Weil wir die Reisetaschen nicht tragen konnten. Darum dachte ich ...«

»Dachte! Du solltest nicht versuchen, zu denken. Man kann nicht denken,

wenn man nicht den nötigen Mechanismus dazu hat. Es sind zwei Meilen

bis zu der Pension. Gingst du denn ohne Droschke dorthin?«

»Ich ..., nun ja, ich wollte es eigentlich nicht, es kam nur ganz

zufällig so.«

»Wieso kam es denn zufällig?«

»Weil ich auf der Post war, und da fiel mir ein, daß ich eine Droschke

hier vor dem Hotel hatte warten lassen, und so, um die Ausgabe zu

sparen, schickte ich eine andre Droschke, um ... um ...«

»Um ...?«

»Ach du liebe Zeit, ich kann mich jetzt nicht so schnell darauf

besinnen; aber ich glaube, der neue Droschkenkutscher sollte im Hotel

Bescheid sagen, daß sie den alten Droschkenkutscher ablohnten und

wegschickten.«

»Was sollte das für einen Zweck haben?«

»Was es für einen Zweck haben sollte? Dadurch hätte doch die Ausgabe

für die Droschke aufgehört, nicht wahr?«

»Indem die neue Droschke an Stelle der alten wartete, und so die

Ausgabe fortdauerte?«

Hierauf sagte ich nichts.

»Warum ließest du denn nicht die zweite Droschke zurückkommen, um dich

abzuholen?«

»Ach so, das tat ich ja auch! Jetzt fällt mir’s ein. Jawohl, das tat

ich. Ich erinnere mich nämlich, daß, als ich ...«

»Nun, warum kam sie denn nicht zurück und holte dich ab?«

»Nach dem Postamt? Aber das tat sie ja!«

»Sehr schön. Wie kamst du denn darauf, zu Fuß nach der Pension zu

gehen?«

»Ich -- ich weiß nicht mehr so recht, wie das eigentlich zuging. O

ja -- jetzt hab’ ich’s! Richtig! Ich schrieb die Depesche, die nach

Holland geschickt werden sollte, und ...«

»O, Dank dem Himmel! Da hast du doch wenigstens etwas fertig gebracht.

Ich hätte dir auch nicht raten mögen, die Absendung zu verbummeln --

aber warum siehst du denn so sonderbar nach der Seite? Du versuchst,

bei meinem Auge vorbeizublicken. Die Depesche ist das Allerwichtigste

auf der ... Du hast die Depesche nicht abgeschickt!!«

»Ich habe nicht gesagt, daß ich sie nicht abschickte.«

»Das brauchst du auch nicht erst zu sagen. Ach Herrje, es ärgert mich

mehr als alles auf der Welt, daß gerade dies Telegramm nicht abgegangen

ist. Warum schicktest du es nicht ab?«

»Hm, weißt du, wenn man so viel Verschiedenes zu tun und im Kopfe zu

behalten hat ..., sie nehmen es da so fürchterlich genau, und nachdem

ich das Telegramm geschrieben hatte ...«

»Ach, lass’ es nur, schweigen wir davon. Langes Reden kann es jetzt

auch nicht mehr gut machen. Was soll er aber bloß von uns denken?«

»O, das ist ja ganz einfach, ganz furchtbar einfach. Er wird denken,

wir hätten das Telegramm den Hotelleuten zur Besorgung übergeben, und

sie ...«

»Nun, natürlich. Und warum gabst du’s ihnen denn nicht? Das war ja doch

das einzige Vernünftige.«

»Ja, das weiß ich wohl; aber dann fiel mir ein, ich müßte der

Sicherheit wegen auf die Bank gehen und etwas Geld erheben.«

»Nun, das lass’ ich mir denn doch gefallen, daß du wenigstens daran

gedacht hast. Ich will dir auch nicht zu nahe treten, aber du mußt

selber zugeben, daß du uns allen viele Aufregungen verursacht hast und

daß einige von diesen nicht nötig gewesen wären. Wieviel hast du dir

geben lassen?«

»Hm, ich ... ich habe mir gedacht, daß ...«

»Daß was?«

»Daß ... hm mir scheint, daß unter den obwaltenden Verhältnissen ...

und da wir so viele, weißt du ... und ... und ...«

»Was brummelst du denn da in den Bart? Dreh’ dein Gesicht herum und laß

mich ... wahrhaftig, du hast überhaupt kein Geld erhoben!«

»Ja, der Bankier sagte ...«

»Einerlei, was der Bankier sagte. Du mußt einen ganz besonderen Grund

dafür gehabt haben. Oder eigentlich keinen Grund im eigentlichen Sinne

des Wortes, sondern etwas, was ...«

»Nun denn, kurz und gut, die einfache Tatsache war die, daß ich meinen

Kreditbrief nicht bei mir hatte.«

»Deinen Kreditbrief nicht bei dir?!«

»Meinen Kreditbrief nicht bei mir.«

»Plappere mir nicht so meine Worte nach! Wo war er?«

»Im Postgebäude.«

»Was sollte er denn da?«

»Ach Gott, ich habe ihn da vergessen und auf dem Tisch liegen lassen.«

»Auf mein Wort, ich habe schon recht viele Reisemarschälle gesehen;

aber von allen Reisemarschällen, die ich jemals ...«

»Ich habe mein Bestes getan!«

»Nun ja, das hast du, armer Kerl, und es ist unrecht von mir, daß ich

dich so ausschelte. Du hast dich ja todmüde gelaufen, während wir

hier saßen und bloß an unsre Verdrießlichkeiten dachten, anstatt dir

dankbar zu sein für alles, was du für uns zu tun versucht hast. Es wird

schon alles zurechtkommen. Wir können ebensogut morgen früh mit dem

Halb-Acht-Zug fahren. Hast du die Fahrkarten gekauft?«

»Jawohl -- und sogar recht billig; 2. Klasse.«

»Das freut mich. Alle Welt reist jetzt zweiter Klasse, und wir können

die große Extraausgabe ganz gut sparen. Wieviel bezahltest du?«

»Hundertzehn Francs für das Stück -- direkt bis Bayreuth.«

»So? Das wußte ich nicht, daß man direkte Fahrkarten kaufen könnte. Ich

dachte, das könnte man nur in London und in Paris.«

»Manche Leute können’s vielleicht nicht -- aber manche können’s; und zu

den letzteren gehöre ich, wie es scheint.«

»Der Preis kommt mir ziemlich hoch vor.«

»Im Gegenteil, der Händler ließ mir seine Kommissionsgebühr ab!«

»Händler?!«

»Ja -- ich kaufte sie in einem Zigarrenladen.«

»Da fällt mir was ein. Wir werden ziemlich früh aufstehen müssen,

und deshalb wäre es gut, wenn wir nichts zu packen hätten. Dein

Regenschirm, deine Gummischuhe, deine Zigarren ..., was ist denn los?«

»Himmeldonnerwetter! Ich habe die Zigarren in der Bank liegen lassen.«

»Das sieht dir ganz ähnlich. Na, und dein Regenschirm?«

»Das will ich schon in Ordnung bringen. Die Sache hat ja keine Eile.«

»Was soll das heißen?«

»O, ’s ist schon recht. Ich will dafür sorgen, daß ...«

»Wo ist der Regenschirm?«

»’s ist ja bloß ein Katzensprung; ich brauche ja keine fünf Mi ...«

»Wo ist er?«

»Aeh ..., ich glaube, ich habe ihn im Zigarrenladen stehen lassen; aber

auf jeden Fall ...«

»Nimm deine Füße da zwischen den Stuhlbeinen heraus! Das ist also genau

so, wie ich’s mir gedacht hatte. Wo sind deine Gummischuhe?«

»Die ... äh ...«

»Wo sind deine Gummischuhe?«

»Es ist ja so trocken ..., sie sagen ja alle, es sei kein Tropfen Regen

mehr zu erw ...«

»Wo -- sind -- deine -- Gummischuhe?!«

»Sieh ’mal -- die Sache kam so. Zuerst sagte der Beamte ...«

»Was für ein Beamter?«

»Der Polizeibeamte; aber der Bürgermeister ...«

»Was für ’n Bürgermeister?«

»Bürgermeister von Genf; aber ich sagte ...«

»Warte ’mal! Was ist mit dir los?«

»Mit wem? Mit mir? Nichts. Sie wollten mich beide überreden, ich sollte

dableiben, und ...«

»Dableiben? Wo?«

»Die Sache ist nämlich ...«

»Wo bist du gewesen? Was hast du bis halb elf in der Nacht draußen zu

tun gehabt?«

»Sieh ’mal, liebes Kind, als ich meinen Kreditbrief verloren hatte,

da ...«

»Du gehst mir wie die Katze um den heißen Brei herum. Nun antworte mir

kurz und bündig auf meine Frage! Wo sind die Gummischuhe?«

»Sie ..., nun ja denn, sie sind im Kantonsgefängnis.«

Ich zauberte ein versöhnungheischendes Lächeln auf meine Lippen,

aber es erstarrte zu Eis. Das Klima war nicht danach. Ein drei- oder

vierstündiger Aufenthalt im Kantonsgefängnis schien der Expedition

nicht sehr humoristisch vorzukommen. Mir eigentlich auch nicht.

Ich mußte nun die ganze Geschichte lang und breit auseinandersetzen,

und natürlich stellte sich’s heraus, daß wir den Frühzug nicht benützen

konnten, weil ich dann meinen Kreditbrief nicht herausbekommen hätte.

Es sah so aus, als ob wir in Aerger und Hader zu Bett gehen würden,

aber dazu kam es zum guten Glück doch nicht. Zufällig kam die Rede

auf die Koffer, und ich war in der Lage, zu sagen, ich hätte diese

Angelegenheit besorgt.

»Wirklich? Nun, dann bist du so gut und aufmerksam und eifrig und

intelligent gewesen, wie’s in deinen Kräften steht, und es ist nicht

recht, so viel an dir herumzunörgeln. Und nun soll auch kein Wort mehr

darüber gesagt werden. Du hast dich wirklich schön, bewunderungswürdig

benommen, und es tut mir leid, daß ich dir überhaupt ein unfreundliches

Wort sagte.«

Diese Lobsprüche trafen mich tiefer als alle Scheltworte, und mir

wurde unbehaglich dabei zu Mute, weil ich mich nicht so ganz sicher

fühlte, daß ich das Koffergeschäft wirklich richtig besorgt hätte. Es

schien mir irgend etwas dabei nicht ganz in Ordnung zu sein, obgleich

ich nicht genau wußte, was es eigentlich war; aber ich verspürte keine

Neigung, gerade in diesem Augenblick die Sache aufzurühren, denn es war

schon spät, und ich dachte bei mir selber: O rühret, rühret nicht daran!

Natürlich gab es am Morgen Musik, als sich’s herausstellte, daß wir

nicht mit dem Frühzug reisen konnten. Aber ich hatte keine Zeit zu

warten; ich genoß nur die ersten Takte der Ouvertüre und machte mich

dann sofort auf den Weg, um meinen Kreditbrief wiederzubekommen.

Es schien mir an der Zeit, zunächst mich mal um die Kofferangelegenheit

zu bekümmern und sie ins rechte Geleise zu bringen, falls da etwas

schief gegangen wäre, denn ich hatte einen unbestimmten Verdacht, das

könnte wohl der Fall sein. Es war zu spät. Der Hausknecht sagte, er

habe die Koffer am Abend vorher nach Zürich aufgegeben. Ich fragte ihn,

wie er das hätte tun können, ohne unsre Fahrkarten vorzuzeigen.

»Ist in der Schweiz nicht nötig. Man bezahlt für die Koffer und schickt

sie, wohin es einem gefällt. Frei geht bloß das Handgepäck.«

»Wieviel bezahlten Sie dafür?«

»140 Francs.«

»28 Dollars! Mit diesen Koffern ist ganz bestimmt irgend was nicht in

Ordnung.«

Dann begegnete ich dem Portier. Er sagte:

»Sie haben nicht gut geschlafen, nicht wahr? Sie sehen abgespannt aus.

Wenn Sie vielleicht gern einen Reisemarschall hätten -- ein guter ist

gestern abend angekommen und ist für fünf Tage frei. Er heißt Lüdy. Wir

empfehlen ihn, das heißt: das Grand-Hotel Beau-Rivage empfiehlt ihn.«

Ich lehnte kalt ab. Mein Geist war noch nicht gebrochen. Und es

gefiel mir nicht, daß man mit mir in solcher Art und Weise von meinem

Reisemarschallsamt sprach.

Gegen neun Uhr war ich im Kantonsgefängnis in der Hoffnung, der

Bürgermeister möchte viel früher als zu seiner Dienststunde aufs Bureau

kommen. Das tat er aber nicht. Es war langweilig dort. Jedesmal wenn

ich etwas anfassen oder ansehen oder tun oder nicht tun wollte, sagte

der Polizist es wäre ›~défendu~‹. Ich dachte, ich könnte mich bei ihm

ein bißchen im Französischen üben, aber auch davon wollte er nichts

wissen. Es schien ihn ganz besonders ärgerlich zu machen, wenn er seine

Muttersprache hörte.

Endlich kam der Bürgermeister, und dann ging alles glatt, denn er hatte

die Minute vorher den Höchsten Gerichtshof zusammenberufen -- das

tun sie immer, wenn es sich um Streitfragen über wertvolles Eigentum

handelt. Alles ging nach guter Ordnung vor sich, Schildwachen wurden

ausgestellt, und der Kaplan sprach ein Gebet. Mein unversiegelter Brief

wurde hereingebracht und geöffnet -- und es war nichts weiter darin

als ein paar Photographien. Ich hatte nämlich, wie mir nun einfiel,

den Kreditbrief herausgenommen, um die Bilder hineinstecken zu können,

und hatte den Brief in einer anderen Tasche verwahrt, wie ich zu

allgemeiner Zufriedenheit nachwies, indem ich ihn herausnahm und mit

nicht geringem freudigem Stolz herumzeigte. Die Herren vom Gerichtshof

sahen mit einem eigentümlich nichtssagenden Ausdruck erst einander und

dann mich an. Zuguterletzt ließen sie mich gehen, sagten aber, es sei

unvorsichtig, mich frei herumlaufen zu lassen, auch fragten sie mich,

welchen Beruf ich hätte. Ich sagte, ich sei Reisemarschall. Sie hoben

in einer Art von staunender Ehrfurcht ihre Augen zum Himmel und sagten

auf deutsch: »Du lieber Gott!« und ich sprach einige höfliche Worte des

Dankes für ihre augenscheinliche Bewunderung und rannte spornstreichs

nach der Bank.

Da ich aber nun einmal Reisemarschall war, so fühlte ich mich auch

bereits als großen Herold der Grundsätze: Ordnung! System! Jedes Ding

zu seiner Zeit! Jedes Ding an seinem Ort!

Ich ging daher am Bankgebäude vorüber, bog in eine Nebenstraße ein

und begab mich auf den Weg, um die beiden fehlenden Mitglieder der

Expedition abzuholen. Eine Droschke wankte an mir vorüber, und ich ließ

mich überreden, sie zu nehmen. An Schnelligkeit gewann ich dadurch

nichts, aber es war eine ruhevolle Abwechslung, und ich liebe recht

viele Ruhe. Der wochenlange Jubellärm wegen des sechshundertsten

Geburtstages der schweizerischen Freiheit und der Begründung der

Eidgenossenschaft war auf seinem Höhepunkt, und alle Straßen waren mit

wehenden Fahnen behangen.

Pferd und Kutscher waren drei Tage lang betrunken gewesen und hatten

während dieser ganzen Zeit weder Stall noch Bett gesehen. Sie sahen aus

wie ich mich fühlte: schläfrig und katzenjämmerlich. Aber im Laufe der

Zeit kamen wir trotzdem an. Ich ging ins Haus und klingelte, und bat

ein Dienstmädchen, sie möchte den fehlenden Mitgliedern sagen, daß sie

schnell herauskommen sollten. Sie sagte darauf etwas, was ich nicht

verstand, und ich kehrte zu meiner Karre zurück. Wahrscheinlich hatte

das Mädchen mir gesagt, die Leute wohnten nicht in ihrem Stockwerk,

und es würde ratsam sein, wenn ich höher ginge und von Stockwerk zu

Stockwerk läutete, bis ich sie fände; denn in diesen schweizerischen

Mietskasernen scheint man jemanden nur dadurch finden zu können, daß

man geduldig ist und auf dem Wege von unten nach oben die richtige

Wohnung zu erraten trachtet. Ich rechnete mir aus, daß ich fünfzehn

Minuten würde warten müssen, da bei derartigen Gelegenheiten stets drei

unvermeidliche Umstände vorhanden sind; erstens: die Hüte aufsetzen,

herunterkommen, einsteigen; zweitens: Umkehren des einen Mitglieds:

»um meinen anderen Handschuh zu holen«; drittens: Umkehren des anderen

Mitglieds: »um meinen ›kleinen Franzosen in der Westentasche‹ zu

holen.« Ich beschloß, diese fünfzehn Minuten hindurch mich mit meinen

Gedanken zu beschäftigen und mich nicht zu ärgern.

Es folgte eine recht stille und ereignislose Pause; dann fühlte ich

eine Hand auf meiner Schulter und fuhr in die Höhe. Der Störenfried

war ein Polizist. Ich sah um mich und bemerkte, daß der äußere Anblick

der Szenerie sich geändert hatte. Es war eine recht stattliche

Menschenmenge versammelt, und die Leute sahen so vergnügt und neugierig

drein, wie sie’s immer tun, wenn irgendwo irgendwer zu Schaden gekommen

ist.

Das Pferd war eingeschlafen, der Kutscher auch, und einige Jungen

hatten sie und mich von oben bis unten mit bunten Zieraten behangen,

die sie von den unzähligen Fahnenmasten gestohlen hatten. Es war ein

empörender Anblick! Der Beamte sagte:

»Es tut mir leid, aber wir können Sie nicht den ganzen Tag hier

schlafen lassen.«

Ich war verletzt und sagte voll Würde:

»Ich bitte recht sehr -- ich schlief nicht; ich dachte!«

»Nun Sie können ja denken, wenn es Ihnen Spaß macht; aber dann müssen

Sie bei sich selber denken, Sie stören ja die ganze Nachbarschaft.«

Es war ein armseliger Witz, aber die Menge lachte darüber. Ich

schnarche zuweilen nachts, aber es ist unwahrscheinlich, daß ich bei

Tage und auf offener Straße so etwas tun sollte! Der Beamte nahm uns

die Zieraten ab; unsre Hilflosigkeit schien ihm leid zu tun, und er

gab sich wirklich Mühe, anständig zu sein. Er sagte aber, wir dürften

nicht länger mehr auf der Straße halten, sonst müßte er uns in Buße

nehmen -- so laute die Bestimmung, sagte er. Und weiter bemerkte er in

höflicher Weise, ich sähe ein bißchen angegriffen aus, und er möchte

gern wissen ...

Ich sah ihn recht hochnasig von oben bis unten an und sagte, ich wollte

doch hoffen, man dürfte solche Tage ein bißchen feiern, besonders wenn

sie einen ganz persönlich angingen.

»Persönlich?« fragte er. »Wieso?«

»Weil vor sechshundert Jahren einer meiner Vorfahren den Bundesvertrag

mit unterzeichnete.«

Er dachte einen Augenblick nach, sah mich dann prüfend an und sagte:

»Vorfahre! Ich bin der Meinung, Sie haben ihn selber unterzeichnet.

Denn von allen alten historischen Gedenkstücken, die ich jemals ...

aber lassen wir das ... Worauf warten Sie hier so lange?«

Ich sagte:

»Ich warte überhaupt gar nicht so lange hier. Ich warte fünfzehn

Minuten, bis sie einen Handschuh und ein Buch vergessen haben und

wieder umkehren, um sich die Dinger zu holen.«

Hierauf sagte ich ihm, wer die Leute wären, die ich abholen wollte.

Er war sehr gefällig und begann Fragen zu den Köpfen und Schultern

hinaufzurufen, die reihenweise aus allen Fenstern über uns heraussahen.

Eine Frau rief von ganz oben herunter:

»Die? Für die habe ich ja eine Droschke geholt, und sie sind schon vor

langer Zeit von hier abgefahren -- so ungefähr um halb neun!«

Das war verdrießlich. Ich warf einen Blick auf meine Uhr, sagte aber

nichts. Der Beamte aber bemerkte:

»Wie Sie sehen, ist es dreiviertel zwölf. Sie hätten sich besser

erkundigen sollen. Sie haben hier dreiviertel Stunden lang geschlafen

-- und in was für einer Sonnenglut! Sie sind gebraten -- braun

gebraten. Es ist großartig! Und Sie werden vielleicht Ihren Zug

verpassen. Sie interessieren mich sehr. Was ist Ihr Beruf?«

Ich sagte, ich sei Reisemarschall. Das schien ihn zu wundern, und bevor

er sich davon erholt hatte, waren wir fort.

Als ich im dritten Stock des Hotels ankam, fand ich unsere Zimmer

verlassen. Das überraschte mich nicht. Sobald ein Reisemarschall

das Auge von seinen Schutzbefohlenen abwendet, so laufen sie in die

Läden und machen Einkäufe. Je näher es der Abfahrtsstunde ist, desto

sichrer sind sie weg. Ich setzte mich und versuchte zu überlegen,

was ich nun zunächst tun solle, aber auf einmal kam der Hoteldiener

herein und sagte, die Expedition sei vor einer halben Stunde nach dem

Bahnhof gefahren. Es war meines Wissens das erstemal, daß sie etwas

Vernünftiges taten, und diese neue Erfahrung war sehr geeignet, meine

Gedanken in Verwirrung zu bringen. Dies ist eins von den Dingen, die

den Beruf eines Reisemarschalls so schwierig und so ungewiß machen.

Wenn gerade alles so recht schön im Geleise geht, pardauz, machen

seine Leute einen Seitensprung, und aus ist es mit allen so sorgfältig

ausgedachten Anordnungen.

Adams Tagebuch, und andere Erzählungen · 第 3 / 12 段