ungewohnter Anflug von Ungeduld:
»Wenn Sie bloß mal einen Augenblick nachdenken wollten, so würden Sie
eine solche Frage nicht stellen. Ist ein Bremser ein Hund, und kann man
ihn nicht anders erziehen wie einen Hund? Er ist ein Mensch und hat wie
ein Mensch um seinen Lebensunterhalt zu ringen. Und er hat stets eine
Schwester oder eine Mutter oder Weib und Kinder zu erhalten. Immer --
Ausnahmen gibt es nicht. Wenn Sie ihm seinen Lebensunterhalt nehmen,
so nehmen Sie auch den ihrigen weg -- und was haben _sie_ Ihnen getan?
Nichts. Und was hat es für Zweck, einen unhöflichen Bremser fortzujagen
und einen andern anzustellen, der gerade so ist wie er? Es wäre eine
Unklugheit. Sehen Sie denn nicht ein, daß es das einzig Vernünftige
ist, den Bremser zu _bessern_ und ihn zu behalten? Das ist doch klar.«
Während der ferneren Fahrt hatten wir bloß noch ein Erlebnis.
Zwischen Hartford und Springfield kam mit dem üblichen Gebrüll der
Buchhandlungsjunge durch den Wagen; er hatte einen ganzen Armvoll
Bücher und Zeitungen und ließ ein dickes Heft einem schlafenden Herrn
in den Schoß fallen, so daß er ganz erschrocken emporfuhr. Er war sehr
ärgerlich, und er sowie zwei Freunde ergingen sich in sehr hitzigen
Reden über den Frevel. Sie ließen den Salonwagenschaffner kommen,
trugen ihm den Fall vor und verlangten, der Junge müsse durchaus
fortgejagt werden. Die drei Beschwerdeführer waren reiche Holyoker
Kaufleute, und der Schaffner hatte offenbar ziemliche Angst vor ihnen.
Er suchte sie zu beschwichtigen und setzte ihnen auseinander, der Junge
stehe nicht unter seiner Machtbefugnis, sondern sei Angestellter der
Eisenbahnbuchhandlung. Aber all sein Reden nutzte ihm nichts.
Hierauf erbot sich der Major freiwillig, für den Beschuldigten zu
zeugen. Er sagte:
»Ich habe alles mit angesehen. Sie, meine Herren, haben nicht
übertreiben _wollen_, haben es aber doch getan. Der Junge hat nichts
weiter getan, als was die Bahnzugjungen alle tun. Wenn Sie wünschen,
daß er anständigere Manieren annimmt und sich bessert, so bin ich
mit Ihnen einverstanden und bereit, Ihnen bei diesen Bemühungen zu
helfen; aber es ist nicht recht, ihn einfach wegzujagen, ohne ihm eine
Möglichkeit der Besserung zu geben.«
Aber sie waren ärgerlich und wollten von einem Vergleich nichts
wissen. Sie wären gut bekannt mit dem Präsidenten der Boston- und
Albany-Gesellschaft, sagten sie, und wollten den nächsten Tag alles
andre liegen lassen, um nach Boston zu gehen und dem Jungen zu zeigen,
wer sie wären.
Der Major sagte, da wollte er auch dabei sein, und er würde alles tun,
was in seinen Kräften stände, um den Jungen zu retten. Einer von den
Herren sah ihn von oben bis unten an und sagte:
»Da kommt es also offenbar darauf hinaus, wer den größten Einfluß beim
Präsidenten der Gesellschaft hat. Kennen Sie Herrn Bliß persönlich?«
Der Major sagte in aller Ruhe:
»Ja; er ist mein Oheim.«
Die Wirkung war zufriedenstellend. Ein paar Minuten lang herrschte
ein peinliches Schweigen. Dann fingen sie an einzulenken und
halbe Zugeständnisse zu machen, daß sie wohl etwas zu hastig und
überempfindlich gewesen seien. Und bald war alles wieder friedlich und
gemütlich, und es wurde beschlossen, die Sache fallen zu lassen und dem
Jungen sein Brot (mit Butter) zu lassen.
Der Präsident der Eisenbahngesellschaft war natürlich nicht des Majors
Oheim -- nur für diesen Tag und diesen Zug adoptiert!
Auf der Rückreise erlebten wir gar nichts; wahrscheinlich, weil wir mit
einem Nachtzug fuhren und den ganzen Weg über schliefen.
Am Samstagabend fuhren wir mit der Pennsylvaniabahn von New York ab.
Nach dem Frühstück am andern Morgen gingen wir in den Salonwagen,
fanden es aber dort öde und ungemütlich. Es waren nur ein paar Leute
drin und nichts los. Hierauf gingen wir in den kleinen Rauchabteil des
Salonwagens und fanden dort drei Herren. Zwei von ihnen schimpften
über eine Vorschrift der Bahnverwaltung: daß nämlich Sonntags in den
Zügen nicht Karten gespielt werden dürfte. Sie hatten ein unschuldiges
Spielchen gemacht, und es war ihnen verboten worden, weiter zu spielen.
Der Fall interessierte unsern Major. Er sagte zu dem dritten Herrn:
»Hatten Sie etwas gegen das Spielen einzuwenden?«
»Durchaus nicht. Ich bin Professor an der Yale-Universität und ein
religiöser Mann, aber das geht mir zu weit.«
Hierauf sagte der Major zu den beiden andern:
»Sie können ganz nach freiem Belieben Ihr Spiel wieder aufnehmen, meine
Herren; niemand hier hat etwas dagegen einzuwenden.«
Einer von ihnen wollte es nicht riskieren; aber der andre meinte, er
wolle gern wieder anfangen, wenn der Major mit ihm spiele. Sie legten
also einen Ueberzieher über ihre Kniee, und das Spiel nahm seinen
Fortgang. Ziemlich bald nachher kam der Salonwagenschaffner herein und
sagte in scharfem Tone:
»Hoho, meine Herren, das geht nicht! Stecken Sie die Karten ein -- es
ist nicht erlaubt.«
Der Major war gerade beim Mischen. Er mischte ruhig weiter und sagte:
»Auf wessen Befehl ist es verboten?«
»Das ist mein Befehl. Ich verbiete es.«
Der Major fing an zu geben und fragte:
»Ist die Idee von Ihnen?«
»Was für ’ne Idee?«
»Die Idee, das Kartenspielen an Sonntagen zu verbieten.«
»Nein, natürlich nicht.«
»Von wem dann?«
»Von der Gesellschaft.«
»Dann geht ja eigentlich der Befehl nicht von Ihnen, sondern von der
Gesellschaft aus. Stimmt das?«
»Ja. Aber Sie hören ja nicht auf zu spielen; ich muß Sie ersuchen, daß
Sie augenblicklich aufhören.«
»Uebereilung ist zu nichts gut und tut oft Schaden. Wer ermächtigte die
Gesellschaft, einen solchen Befehl zu erlassen?«
»Mein werter Herr, das geht mich gar nichts an, und ...«
»Aber Sie vergessen, daß Sie nicht der einzige sind, der hier in
Betracht kommt. Vielleicht geht es _mich_ sehr nahe an. Ja, es ist
in der Tat für mich eine Sache von sehr großer Bedeutung. Ich kann
eine gesetzmäßige Vorschrift meines Landes nicht verletzen, ohne mich
selber zu entehren; ich kann keinen Menschen und keiner Gesellschaft
erlauben, meine Freiheit mit ungesetzlichen Vorschriften einzuschränken
-- was Eisenbahnverwaltungen fortwährend zu tun versuchen -- ohne meine
Bürgerwürde zu entehren. Ich komme daher auf meine Frage zurück: auf
welche Autorität hin hat die Verwaltung diesen Befehl erlassen?«
»Das weiß ich nicht. Das ist _ihre_ Sache!«
»Meine auch. Ich zweifle, ob die Gesellschaft überhaupt ein Recht
hat, eine derartige Vorschrift zu erlassen. Die Bahn führt durch
verschiedene Staaten. Wissen Sie, in welchem Staat wir augenblicklich
sind, und wie die gesetzlichen Vorschriften dieses Staates in Bezug auf
das Kartenspielen am Sonntag lauten?«
»Diese gesetzlichen Vorschriften gehen mich nichts an, wohl aber die
Befehle meiner Gesellschaft. Es ist meine Pflicht, dafür zu sorgen, daß
dies Spielen aufhört, meine Herren, und es _muß_ aufhören!«
»Kann sein; aber trotzdem brauchen wir uns nicht zu übereilen. In
Gasthäusern schlagen sie gewisse Vorschriften in den Zimmern an, aber
stets führen sie dabei Paragraphen aus den Staatsgesetzen an. Hier sehe
ich nichts derart angeschlagen. Bitte, weisen Sie Ihre Berechtigung
nach und lassen Sie uns zum Schluß kommen, denn Sie sehen selber, daß
Sie das Spiel aufhalten.«
»So etwas habe ich nicht, aber ich habe meine Befehle, und das genügt.
Diesen Befehlen muß gehorcht werden.«
»Wir wollen nicht zu hastig in unsern Folgerungen sein. Es wird besser
sein, wenn wir die Sache ohne Hitze und ohne Hast untersuchen und uns
erst mal ansehen, wie es steht, bevor einer von uns einen Mißgriff
macht -- denn wenn die Freiheiten eines Bürgers der Vereinigten Staaten
beschnitten werden, so ist das ein viel ernsteres Ding, als Sie und
die Bahnverwaltungen zu ahnen scheinen, und ich für meine Person lasse
es mir nicht gefallen, wenn der Betreffende mir nicht die Berechtigung
seines Vorgehens nachweist. Nun ...«
»Mein werter Herr, _wollen_ Sie Ihre Karten hinlegen?«
»Alles zu seiner Zeit -- vielleicht. Es kommt darauf an. Sie sagen,
diesem Befehl muß gehorcht werden. Muß. Das ist ein starkes Wort. Sie
sehen selber, wie stark es ist. Eine vernünftige Verwaltung wird Sie
-- natürlich! -- nicht mit einem so drastischen Befehl bewaffnen, ohne
eine Buße auf jede Verletzung der Vorschrift zu legen. Sonst könnte es
leicht ein toter Buchstabe und ein lächerlicher Befehl bleiben. Wieviel
beträgt die Buße für Uebertretung dieses Gesetzes?«
»Buße? Davon habe ich niemals etwas gehört.«
»Unfraglich müssen Sie sich irren. Ihre Gesellschaft befiehlt
Ihnen, hier hereinzukommen und in schroffer Weise eine unschuldige
Unterhaltung zu verbieten, und gibt Ihnen kein Mittel an die Hand,
um dem Befehl Geltung zu verschaffen? Sehen Sie nicht ein, daß das
Unsinn ist? Was _tun_ Sie denn, wenn Leute sich weigern, dem Befehl zu
gehorchen? Nehmen Sie Ihnen die Karten weg?«
»Nein.«
»Weisen Sie den Frevler auf der nächsten Haltestelle aus dem Zug?«
»Na, das können wir doch natürlich nicht, wenn einer seine Fahrkarte
hat!«
»Verklagen Sie ihn vor Gericht?«
Der Schaffner schwieg; augenscheinlich war er verwirrt. Der Major gab
neue Karten und sagte:
»Sie sehen selber, daß Sie hilflos sind und daß die Gesellschaft Sie in
eine lächerliche Stellung gebracht hat. Man überträgt Ihnen das Amt,
eine anmaßende Vorschrift durchzuführen, Sie machen das mit Lärmen und
Toben, und wenn Sie näher zusehen, so finden Sie, daß Sie kein Mittel
haben, sich Gehorsam zu erzwingen.«
Hierauf sagte der Schaffner mit kühler Würde:
»Meine Herren, Sie haben den Befehl gehört, und damit habe ich meine
Schuldigkeit getan. Ob Sie dem Befehl nachkommen oder nicht, das werden
Sie machen, wie’s Ihnen gutdünkt.« Damit wandte er sich zum Gehen.
»Bitte, warten Sie doch noch. Die Sache ist noch nicht zu Ende. Ich
glaube, Sie irren sich, wenn Sie meinen, Ihre Schuldigkeit getan zu
haben; aber wenn das wirklich der Fall ist, so habe ich jetzt selber
eine Schuldigkeit zu erfüllen.«
»Wie meinen Sie das?«
»Werden Sie meinen Ungehorsam bei der Direktion in Pittsburg zur
Anzeige bringen?«
»Nein. Wozu auch?«
»Sie müssen mich anzeigen, oder ich werde _Sie_ anzeigen!«
»Anzeigen -- weswegen?«
»Wegen Ungehorsams gegen die Befehle Ihrer Gesellschaft, indem Sie
nicht unserm Spiel Einhalt getan haben. Als Bürger habe ich die
Pflicht, den Eisenbahngesellschaften beizustehen, daß ihre Angestellten
den Dienst ordentlich versehen.«
»Meinen Sie das im Ernst?«
»Ja, in vollem Ernst. Ich habe nichts gegen Sie als Menschen, aber
ich muß Ihnen als Beamten den Vorwurf machen, daß Sie Ihren Befehl
nicht ausgeführt haben, und wenn Sie mich nicht anzeigen, muß ich Sie
anzeigen. Und das werde ich auch tun.«
Der Schaffner sah ganz verblüfft drein und dachte einen Augenblick
nach; dann rief er:
»Ich habe mich da, wie’s scheint, selber in eine nette Patsche
gebracht. Das Ganze ist ja ein großer Kuddelmuddel; ich werde absolut
nicht mehr klug daraus. So was ist mir noch niemals vorgekommen. Die
Leute haben sich stets gefügt und nie ein Wort gesagt, daher habe
ich auch gar nicht bemerkt, wie lächerlich der dumme Befehl ohne
Strafbestimmungen ist. Ich wünsche niemand anzuzeigen, wünsche aber
auch selber nicht angezeigt zu werden -- um Gottes willen, davon könnte
ich ja endlose Scherereien haben! Bitte, spielen Sie nur ruhig weiter
-- spielen Sie den ganzen Tag, wenn Sie Lust haben --, und reden wir
nicht mehr davon!«
»Nein, ich habe bloß diesen Platz hier eingenommen, um die Rechte
dieses Herrn hier zu vertreten -- jetzt kann er selbst weiterspielen.
Doch bevor Sie gehen -- wollen Sie mir nicht vielleicht sagen, weshalb
nach Ihrer Meinung die Gesellschaft diese Vorschrift erlassen hat?«
»Der Grund für die Vorschrift ist vollkommen klar und einfach; sie
ist erlassen aus Rücksicht auf die Gefühle, ich meine die religiösen
Gefühle der Mitfahrenden. Es ist vielen unter ihnen peinlich, wenn
durch Kartenspielen auf den Eisenbahnen der Sonntag entheiligt wird.«
»So dachte ich mir’s auch. Sie finden nichts dabei, den Sonntag
durch Reisen zu entheiligen, aber sie wollen nicht dulden, daß andre
Leute ...«
»Wahrhaftig, Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Auf diesen
Gedanken war ich noch nie gekommen. Aber es ist wirklich eine _alberne_
Vorschrift, wenn man genauer zusieht.«
In diesem Augenblick kam der Zugführer herzu und wollte sehr von oben
herab das Kartenspielen untersagen, aber der Schaffner nahm ihn auf die
Seite, um ihm den Fall auseinanderzusetzen. Wir hörten kein Wort mehr
von der Geschichte.
In Chicago lag ich elf Tage lang krank zu Bett und bekam daher von
der Weltausstellung keinen Schimmer zu sehen, denn ich war genötigt,
nach dem Osten zurückzukehren, sobald ich wieder reisefertig war.
Am Tage vor unsrer Abreise bestellte der Major eine Salonabteilung
in einem Schlafwagen und bezahlte den Preis dafür. Ich hatte also
einen bequemen großen Raum zur Verfügung; als wir aber auf dem
Bahnhof ankamen, stellte sich’s heraus, daß aus Versehen unser Wagen
nicht angehängt worden war. Der Schaffner hatte einen Abteil für uns
freigehalten -- mehr könne er nicht tun, sagte er. Aber der Major
sagte, wir hätten es nicht so eilig und wollten warten, bis der Wagen
angehängt sei. Hierauf antwortete der Schaffner mit freundlicher Ironie:
»Mag sein, daß Sie es nicht eilig haben, wie Sie soeben sagten, aber
wir haben’s eilig. Bitte, einsteigen, meine Herren, einsteigen! Lassen
Sie uns nicht warten!«
Aber der Major wollte nicht einsteigen und ließ auch nicht zu, daß ich
es tat. Er verlangte seinen Wagen und sagte, er müsse ihn haben. Dies
machte den vor Geschäftigkeit schwitzenden Schaffner ungeduldig, und er
rief:
»Wir haben unser möglichstes getan -- Unmögliches können wir nicht
fertig bringen. Sie werden diesen Abteil nehmen oder gar keinen. Es
ist ein Versehen vorgekommen, und das kann nicht in diesem letzten
Augenblick wieder gutgemacht werden. So etwas kommt ab und zu vor, und
man kann nichts andres tun, als sich so gut wie möglich darein zu
finden. Andre Leute machen’s auch so.«
»Ach ja, das ist es eben! Hätten sie auf ihren Rechten bestanden, so
würden Sie jetzt nicht versuchen, die meinigen so mir nichts dir nichts
unter die Füße zu treten. Ich habe durchaus nicht den Wunsch, Ihnen
unnötigerweise Verlegenheiten zu bereiten, aber es ist meine Pflicht,
den nächsten, dem das Gleiche passieren könnte, vor derartigem zu
bewahren. Ich muß also meinen Wagen haben. Sonst werde ich in Chicago
warten und die Eisenbahngesellschaft wegen Verletzung des mit mir
abgeschlossenen Vertrages verklagen.«
»Die Gesellschaft verklagen? Wegen so einer Kleinigkeit?«
»Gewiß.«
»Ist das wirklich Ihre Absicht?«
»Allerdings.«
Der Schaffner sah den Major mit einem erstaunt prüfenden Blick an; dann
sagte er:
»Donnerwetter, so ’was! Das war noch nicht da -- ist mir noch niemals
vorgekommen. Aber ich will darauf schwören, Sie täten’s. Hören Sie, ich
will den Bahnhofsvorsteher holen.«
Der Bahnhofsvorsteher war nicht wenig ärgerlich -- auf den Major, nicht
auf den Mann, der das Versehen gemacht hatte. Er war ziemlich kurz
angebunden und stellte sich auf den gleichen Standpunkt wie anfangs
der Schaffner; aber das rührte den Artilleristen durchaus nicht; er
bestand mit seiner freundlichen Ruhe darauf, er müsse seinen Wagen
haben. Offenbar lag in diesem Fall der ganze Vorteil des Rechts nur auf
der einen Seite, und zwar auf der des Majors. Der Stationsvorsteher
gab sein ärgerliches Wesen auf und wurde höflich; er bat sogar
halb und halb um Entschuldigung. Dies war eine gute Eröffnung von
Vergleichshandlungen, und der Major gab nun auch etwas nach. Er sagte,
er wolle auf die _bestellte_ und bezahlte Salonabteilung verzichten,
aber eine Salonabteilung müsse er haben. Nach einigem Suchen wurde eine
gefunden, deren Inhaber sich überreden ließ; er vertauschte sie mit
unserm Sonderabteil, und wir fuhren endlich ab.
Am Abend besuchte der Schaffner uns und war freundlich und höflich
und zuvorkommend. Wir hatten ein langes Gespräch miteinander und
wurden schließlich gut Freund. Er sagte, er wünsche, das Publikum
beschwerte sich öfter -- das würde von guter Wirkung sein. Man könnte
nicht erwarten, daß die Bahnverwaltungen den Reisenden gegenüber ihre
Schuldigkeit täten, solange nicht die Reisenden sich selber darum
bekümmerten.
Ich hoffte, wir hätten jetzt auf unsrer Reise genug reformiert, aber
dem war nicht so. Am andern Morgen bestellte der Major, als wir im
Speisewagen saßen, ein gebratenes Huhn. Der Kellner sagte:
»Es steht nicht auf der Speisekarte, Herr; wir servieren nichts, was
nicht auf der Karte steht.«
»Der Herr da drüben ißt Huhn.«
»Ja, das ist aber ’was andres. Er ist Betriebsdirektor bei der
Gesellschaft.«
»Dann muß ich erst recht gebratenes Huhn haben. Solche Unterscheidung
liebe ich nicht. Bitte, schnell -- bringen Sie mir ein gebratenes Huhn!«
Der Kellner kam mit dem Steward, und dieser setzte leise und höflich
dem Major auseinander, es ließe sich unmöglich machen -- es wäre gegen
die Vorschrift, und die Vorschrift laute auf das strengste.
»Sehr wohl; dann müssen Sie sie entweder unparteiisch anwenden oder sie
unparteiisch brechen. Sie müssen dem Herrn sein Huhn wegnehmen oder mir
auch eins bringen.«
Der Steward wußte nicht, was er machen sollte. Er begann eine
unzusammenhängende Erklärung vom Stapel zu lassen, und in diesem
Augenblick kam der Schaffner vorbei und fragte, wo’s fehle. Der Steward
setzte ihm auseinander, da wäre ein Herr, der durchaus ein Huhn haben
wollte, obwohl das doch gegen die Vorschrift wäre und jenes Gericht
nicht auf der Speisekarte stände. Der Schaffner sagte:
»Halten Sie sich an Ihre Vorschrift -- eine andre Wahl gibt’s nicht
für Sie. Aber warten Sie mal ’nen Augenblick -- ist das der Herr?«
Dann lachte er und fuhr fort: »Lassen Sie lieber Ihre Vorschriften ...
ich rate Ihnen -- und ich weiß warum --, geben Sie ihm alles, was er
verlangt, und wenn Sie’s nicht haben, so lassen Sie den Zug halten und
besorgen Sie’s.«
Der Major aß das Huhn, aber er sagte mir, er täte es nur aus
Pflichtgefühl und des Prinzips wegen, denn eigentlich möge er Huhn gar
nicht.
Ich verfehlte allerdings die Weltausstellung, aber ich lernte dafür
ein paar diplomatische Kunstgriffe kennen, die sich mir und dem Leser
vielleicht im Laufe der Zeit als bequem und praktisch erweisen werden.
Meine Tätigkeit als Reisemarschall.
Es begab sich, daß wir von Aix-les-Bains nach Genf fahren mußten
und von dort in einer Reihe von tagelangen und höchst verzwickten
Eisenbahnreisen nach Bayreuth in Bayern. Natürlich hätte ich einen
Reisemarschall annehmen sollen, der für eine so zahlreiche Gesellschaft
wie meine Familie nach dem Rechten sehen konnte.
Aber ich schob es auf die lange Bank. Die Zeit huschte dahin, und als
ich eines Morgens aufwachte, kam mir die Tatsache zum Bewußtsein, daß
wir abfahren sollten und keinen Reisemarschall hatten. Da faßte ich
einen Entschluß; er war, das fühlte ich, wahnwitzig kühn, aber ich war
gerade in der richtigen Stimmung dazu. Ich sagte, ich wollte für den
ersten Teil der Fahrt ohne jede Hilfe allein die Führung übernehmen.
Ich tat es.
Ich brachte die Gesellschaft -- vier Personen -- höchstselber von Aix
nach Genf. Die Entfernung betrug reichlich zwei Stunden; unterwegs war
einmal Wagenwechsel. Es ereignete sich nicht das geringste Mißgeschick;
allerdings ließ ich eine Reisetasche und einige andre Sachen auf dem
Bahnsteig stehen -- aber das kann man doch kaum ein Mißgeschick nennen,
so etwas kommt ja jeden Tag vor. Ich erbot mich daher, für den ganzen
Weg bis Bayreuth die Führung der Gesellschaft zu übernehmen.
Das war ein böser Fehler, wenngleich es mir damals nicht so vorkam.
Zur Aufgabe gehörten nämlich mehr Unteraufgaben, als ich vermutete.
Erstens: zwei Personen, die wir ein paar Wochen vorher in einer Genfer
Pension zurückgelassen hatten, mußten abgeholt und nach dem Hotel
gebracht werden. Zweitens: ich mußte in dem Geschäft am Grand Quai, wo
man die Aufbewahrung von Koffern besorgt, Bescheid sagen, daß sieben
von unseren aufbewahrten Koffern nach dem Hotel gebracht und dafür
sieben andre, die die Leute in der Vorhalle aufgestapelt finden würden,
wieder abgeholt werden sollten. Drittens: ich mußte ausfindig machen,
in welchem Teil von Europa Bayreuth liegt, und sieben Eisenbahnkarten
nach diesem Punkt käuflich erwerben. Viertens: ich mußte ein Telegramm
an einen Freund in Holland abschicken. Fünftens: es war jetzt zwei Uhr
nachmittags und wir mußten scharf aufpassen, um rechtzeitig zum ersten
Nachtzug zu kommen und die Schlafwagenplätze zu besorgen. Sechstens:
ich mußte auf der Bank Geld erheben.
Die Schlafwagenplatzkarten waren, so schien es mir, das
Allerwichtigste; um sicher zu gehen, begab ich mich daher selber nach
dem Bahnhof; Gasthofbedienstete sind nicht immer allzu schlau. Es
war ein heißer Tag, und ich hätte fahren sollen; es schien mir aber
sparsamer, zu Fuß zu gehen. Das war indessen, wie sich’s herausstellte,
ein Irrtum von mir, denn ich verlief mich und brachte dadurch die
Entfernung auf das Dreifache. Ich verlangte die Fahrkarten, und man
fragte mich, auf welchem Wege ich zu reisen wünschte. Das brachte
mich in Verlegenheit und um meine Besinnung, denn es standen so viele
Leute um mich herum, und ich hatte keine Ahnung von den Reisewegen und
dachte nicht, es könnte zwei verschiedene geben; ich hielt es daher für
das beste, erst wieder ins Hotel zu gehen, den Weg auf der Landkarte
auszusuchen und dann wieder zu kommen.
Diesmal nahm ich eine Droschke, aber als ich im Hotel die Treppen
hinaufstieg, fiel mir ein, daß meine Zigarren alle waren; ich dachte
daher, es wäre gut, mir gleich welche zu besorgen, ehe ich’s wieder
vergäße. Es war gleich um die Ecke, und ich brauchte dazu die Droschke
nicht, sagte daher dem Kutscher, er solle warten. Unterwegs dachte
ich an das Telegramm und versuchte den Wortlaut desselben in meinem
Kopfe zu entwerfen; darüber vergaß ich Zigarren und Droschke und
ging weiter und immer weiter. Ich kehrte um nach dem Hotel, um von
einem der Angestellten das Telegramm besorgen zu lassen. Da ich aber
inzwischen ziemlich in die Nähe des Telegraphenamts gekommen sein
mußte, so dachte ich, ich wollte es selber tun. Aber es war weiter,
als ich vermutet hatte. Schließlich fand ich das Gebäude, schrieb die
Depesche und reichte sie durch den Schalter. Der Telegraphenbeamte war
ein streng aussehender aufgeregter Mensch; er begann mit einer solchen
Zungengeläufigkeit französische Fragen auf mich loszufeuern, daß ich
nicht entdecken konnte, wo das eine Wort aufhörte und das andre anfing
-- und dadurch verlor ich abermals den Kopf. Zum Glück legte sich ein
Engländer ins Mittel und sagte mir, der Beamte wünschte zu wissen,
wohin er das Telegramm schicken sollte. Das konnte ich ihm nicht sagen,
weil es nicht _mein_ Telegramm war, und ich setzte ihm auseinander,
daß ich es bloß für ein andres Mitglied meiner Reisegesellschaft
besorgte. Aber nichts konnte die Schreiberseele beruhigen: er mußte
durchaus die Adresse haben! Ich sagte ihm daher, wenn er so heikel
wäre, so wollte ich nach Hause gehen und sie besorgen.
Es fiel mir indessen ein, ich wollte lieber erst gehen und die
beiden fehlenden Personen abholen, denn es sei doch am besten alles
systematisch und der Ordnung gemäß zu besorgen, und jedes Ding zu
seiner Zeit. Dann fiel mir die Droschke ein, die mich da hinten vor dem
Hotel mein schweres Geld kostete; ich rief daher eine andre Droschke an
und sagte dem Mann, er solle seinen Kollegen nach dem Postamt kommen
lassen, und da könnten sie warten, bis ich selber käme.