_Drei Monate später._ Unser adamitisches Känguruh wächst noc

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder

unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua

gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so

dargestellt=.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des

Buches.

Mark Twains

Humoristische Schriften

Neue Folge. 5. Band

Adams Tagebuch

und andere Erzählungen

Von

Mark Twain

Autorisiert

Inhalt:

Adams Tagebuch -- Mein Reisegefährte, der Reformator

-- Meine Tätigkeit als Reisemarschall -- Von allerhand

Schiffen -- Der Roman einer Eskimo-Maid -- Die Erzählung

des Kaliforniers -- Die Appetit-Anstalt u. s. w.

[Illustration]

Stuttgart

Verlag von Robert Lutz

1903.

Alle Rechte vorbehalten.

Druck von A. Bonz’ Erben in Stuttgart.

Inhalt

Adams Tagebuch 7

Mein Reisegefährte, der Reformator 35

Meine Tätigkeit als Reisemarschall 69

Von allerhand Schiffen 107

Der Roman der Eskimo-Maid 143

Die Erzählung des Kaliforniers 181

Die Appetit-Anstalt 201

Mein Eintritt in die Litteratur 231

Noch einmal ›Gedankentelegraphie‹ 277

Besuch eines Interviewers 293

Adams Tagebuch.

_Vorbemerkung_: Ich habe einen Teil dieses Tagebuches bereits

vor mehreren Jahren übersetzt, und ein Freund von mir hat

ein paar Exemplare meiner Arbeit in unvollständigem Zustand

gedruckt; doch ist nichts davon ins Publikum gedrungen. Seitdem

habe ich noch etwas mehr von Adams Hieroglyphen entziffert,

und ich glaube, daß er nachgerade als öffentlicher Charakter

eine genügende Bedeutung besitzt, um die Herausgabe dieser

Uebersetzung zu rechtfertigen.

Mark Twain.

_Montag._ Dieses neue Geschöpf mit dem langen Haar fängt an, mir sehr

im Wege zu sein. Es ist immer hinter mir her und lungert beständig um

mich herum. Ich mag das nicht; ich bin nicht an Gesellschaft gewöhnt.

Ich wünschte, es bliebe bei den übrigen Tieren ... Es ist heute

umwölkt; denke, wir werden Regen haben. Wir? Wer ist wir? Woher habe

ich das Wort? Ich erinnere mich jetzt, -- das neue Geschöpf braucht es

immer.

_Dienstag._ Habe den großen Wasserfall untersucht. Er ist das Beste auf

dem ganzen Grundstück, sollt’ ich meinen. Das neue Geschöpf nennt ihn

den ›Niagara-Fall‹, -- habe auch nicht die blasseste Ahnung, weswegen.

Wenn es sagt, das Ding sehe aus wie ›Niagara‹, so hat das keinen Sinn.

Es ist nur so ein Einfall, nur leeres Geschwätz. Ich selber komme

gar nicht mehr dazu, irgend etwas zu benennen. Das neue Geschöpf

tauft alles, was uns gerade in die Quere kommt, ehe ich auch nur den

geringsten Einwand dagegen erheben kann. Und das immer unter einem und

demselben Vorwand, daß es so ›aussehe‹.

_Mittwoch._ Habe mir einen Unterschlupf gegen den Regen gebaut. Aber

ich konnte ihn nicht friedlich für mich behalten. Das neue Geschöpf

war gleichfalls sofort drinnen. Als ich es hinauszudrängen versuchte,

vergoß es Wasser aus den beiden Löchern, mit welchen es sieht, wischte

es mit dem Rücken seiner Pfoten fort und gab dabei Töne von sich,

wie verschiedene der andern Tiere, sobald ihnen etwas weh thut oder

sie sich fürchten. Wenn es nur nicht sprechen wollte! Es schwatzt

beständig. Das klingt fast wie Hohn und Spott, als wollte ich mich

über das arme Geschöpf lustig machen. Aber die Absicht liegt mir fern.

Ich habe die menschliche Stimme nie zuvor gehört, und jeder neue und

fremde Laut, welcher das feierliche Schweigen in dieser träumerischen

Einsamkeit unterbricht, beleidigt mein Ohr, wie eine falsche Note. Und

obendrein ist dieser neue Laut immer so nahe bei mir, er ist dicht an

meiner Schulter, dicht an meinem Ohr, erst auf dieser, dann auf der

andern Seite; und ich war nur gewöhnt Laute zu hören, die mehr oder

weniger entfernt von mir sind.

_Freitag._ Das Benennen geht unaufhaltsam weiter, ich mag dagegen thun

was ich will. Ich hatte für das große Grundstück hier einen sehr guten

Namen erfunden, der hübsch war und musikalisch zugleich -- Garten von

Eden. Ich gebrauche den Namen jetzt noch, aber nicht öffentlich, nur

verstohlen. Das neue Geschöpf sagt, man sehe in der ganzen Landschaft

nur Wald, Felsen und Wasser; sie erinnere nicht im mindesten an einen

Garten sondern sehe aus wie ein Park und wie nichts anderes. So hat

es ihm denn, ohne mich weiter zu fragen, den Namen Niagarafall-Park

gegeben. Das ist eigenmächtig genug, sollte ich meinen. Und schon kann

man auf dem Grase eine Tafel mit der bekannten Warnung sehen: »Es ist

verboten den Rasen zu betreten!«

Mein Leben ist nicht mehr so glücklich wie früher.

_Samstag._ Das neue Geschöpf ißt zu viel Früchte. Wir werden

wahrscheinlich bald Mangel daran haben. Schon wieder ›Wir‹ -- das ist

sein Wort und meins jetzt auch bereits vom ewigen Hören ... Ziemlich

neblig heute früh. Ich selbst gehe nicht in den Nebel hinaus. Aber das

neue Geschöpf thut es. Es geht in allen Wettern aus und kommt dann mit

schmutzigen Füßen wieder hereingestampft. Dabei spricht es fortwährend,

und früher war es hier so angenehm und ruhig.

_Sonntag._ Hab ihn glücklich hinter mir. Dieser Tag wird immer

ermüdender. Der Sonntag wurde im letzten November zum Ruhetag

gewählt und abgesondert. Früher hatte ich in jeder Woche schon sechs

solche Tage. Und heute? Heute morgen fand ich das neue Geschöpf,

wie es mit Erdklumpen nach dem verbotenen Baum warf, um die Aepfel

herunterzuholen.

_Montag._ Das neue Geschöpf sagt: sein Name sei Eva. Das ist ganz

recht, und ich will nichts dagegen einwenden. Es sagt, der Name sei

dazu da, damit ich es rufen könne, wenn ich es bei mir zu haben

wünsche. Darauf erwiderte ich, daß der Name dann überflüssig sei. Dies

Wort hob mich augenscheinlich in der Achtung des neuen Geschöpfs.

Und wirklich das Wort ›überflüssig‹ ist sehr gut und von allgemeiner

Bedeutung; es verdient bei jeder Gelegenheit wiederholt zu werden.

Darauf sagte mir das Geschöpf, daß es gar kein ›Es‹, sondern eine

›Sie‹ sei. Das ist zum mindesten zweifelhaft; aber mir ist’s einerlei;

sie mag sein was sie will, wenn sie nur ihrer Wege gehen und nicht

beständig reden wollte!

_Dienstag._ Sie sagt, dieser Park würde eine äußerst erquickende und

reinliche Sommerfrische abgeben, für den Fall sich Gäste dafür finden

ließen. Sommerfrische -- was heißt das? Offenbar wieder so ’ne neue

Erfindung ihres rastlosen Hirns und ihres noch ruheloseren Mundes --

Worte ohne jeden Sinn. Was ist eine Sommerfrische? Aber besser, ich

frage sie gar nicht erst danach -- sie hat ohnehin eine wahre Sucht

alles zu erklären.

_Freitag._ Sie hat es für gut befunden, mich zu bitten, nicht mehr über

den Wasserfall zu gehen, wie ich es mir angewöhnt hatte. Wem geschieht

denn damit etwas zuleide? Sie sagt es mache sie schaudern. Ich möchte

nur wissen warum? Ich habe es immer gethan, seit ich hier bin. Das

Hineinspringen, das Untertauchen und die Aufregung dabei macht mir den

größten Spaß. Und dann die Kühle, wenn es sonst heiß ist! Ich habe auch

immer gedacht, daß der Fall gerade deswegen da wäre. Wenigstens hat er

-- soweit ich sehen kann -- sonst keinen Zweck, und irgend einen Zweck

muß er doch haben. Und jetzt kommt sie und sagt, die ganze Geschichte

wäre nur um der malerischen Scenerie willen da -- wie das Rhinoceros

und das Mastodon.

Bin darauf in einem Faß über den Fall hinuntergesegelt, -- auch das

war nicht nach ihrem Geschmack. Dann in einer Waschbutte, -- sie war

noch immer nicht zufrieden. Ich schwamm durch den Strudel unterhalb

des Falls und durch die Stromschnellen oberhalb des Falls in einem

nagelneuen Schwimmanzug von Feigenblättern, der dabei fast in Fetzen

ging. Da bekam ich endlose Vorwürfe wegen meiner Verschwendungssucht.

Ich fühle mich hier von allen Seiten eingeengt. Ein Ortswechsel wird

mir gut thun.

_Samstag._ Am Abend des letzten Dienstag bin ich durchgebrannt und

habe mir dann, nachdem ich zwei Tage drauflosgewandert war, einen

neuen Unterschlupf gebaut, an einer ganz abgelegenen Stelle. Aber wie

sehr ich auch bemüht gewesen war, meine Spuren zu verwischen und zu

verbergen, -- sie hat mich doch aufgespürt, mit Hilfe eines Tieres,

welches sie gezähmt hat und ›Wolf‹ nennt; sie stürzte plötzlich zu

mir herein, machte wieder das klägliche Geräusch, das ich nicht

hören mag, und ließ das Wasser aus den beiden Löchern, mit denen sie

sieht, hervorschießen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mit ihr

zurückzugehen, -- aber ich werde sofort wieder ausreißen, wenn sich

die Gelegenheit bietet. Sie giebt sich mit allerlei ganz überflüssigen

Dingen ab. Unter anderm versucht sie, herauszubekommen, warum die

Tiere, welche Löwen und Tiger heißen, auf diesem großen Grundstück

von Gras und Blumen leben, während sie doch nach ihrer Meinung eine

Art Zähne haben, die deutlich beweist, daß sie bestimmt sind einander

aufzufressen. Das ist einfach Narrheit.

_Sonntag._ Habe ihn glücklich hinter mir.

_Montag._ Ich glaube jetzt dahintergekommen zu sein, wozu die Woche da

ist: sie soll einem Zeit geben, um sich von der Ermüdung des Sonntags

zu erholen. Das ist gar keine schlechte Idee ... Ich habe Eva schon

wieder an dem verbotenen Baum erwischt. Sie war hinaufgeklettert und

ich warf mit Erdklumpen nach ihr, bis sie herunterkam und sagte,

es hätte ’s ja niemand gesehen. Ich glaube, sie hält das für eine

genügende Rechtfertigung, um die gefährlichsten Dinge zu thun.

Sagte ihr es auch ins Gesicht. Das Wort Rechtfertigung erregte ihre

Bewunderung und zugleich, wie mir schien, ihren Neid, der immer sehr

leicht erregt ist. Es ist aber auch ein sehr gutes Wort.

_Dienstag._ Das Neueste, was sie mir gesagt hat, ist, daß sie aus einer

von meinem Körper genommenen Rippe gemacht sei. Das scheint mir eine

gewagte Behauptung. Mir hat doch nie eine Rippe gefehlt! Besonderes

Kopfzerbrechen macht ihr seit einiger Zeit der junge Habicht, mit dem

sie sich so viel abgiebt. Sie sagt, er könne kein Gras vertragen, und

fürchtet daher, ihn nicht aufziehen zu können, weil er, wie sie sich

einbildet, verwestes Fleisch zur Nahrung haben müsse. Ein Habicht

sollte sich, meiner Meinung, mit dem begnügen was vorhanden ist. Man

kann doch nicht bloß dem Habicht zuliebe die ganze Ordnung der Dinge

umkehren.

_Samstag._ Gestern fiel sie in den Teich, als sie sich zu weit vorbog,

um sich im Wasser zu betrachten. Sie thut das immer, sobald sie an

einen Teich kommt, nur ist sie bis jetzt noch nicht hineingefallen.

Sie hat so viel Wasser geschluckt, daß sie beinahe erstickte. Das sei

ein höchst unbehagliches Gefühl, erklärte sie, als sie wieder draußen

war. Es machte sie auch traurig wegen der Geschöpfe, welche im Wasser

leben müssen, und die sie Fische nennt. Sie hat nämlich noch immer

nicht aufgehört, allen möglichen Dingen ganz unnütze Namen anzuhängen.

Sie kommen gar nicht, wenn sie den Namen ruft, aber das verschlägt ihr

nicht das geringste; sie ist nun einmal solche Thörin! Die Folge war,

daß sie gestern abend eine ganze Menge Fische einfing, hereinbrachte

und, damit sie warm werden möchten, in mein Bett that. Aber ich habe

sie seitdem beobachtet und die Wahrnehmung gemacht, daß sie durchaus

nicht glücklicher schienen als vordem. Nur viel stiller sind sie den

ganzen Tag gewesen. Und wenn es wieder Nacht wird, werde ich sie

einfach vor die Thüre werfen und nicht wieder mit ihnen schlafen, denn

sie sind unangenehm schleimig und naßkalt, und das Liegen zwischen

ihnen ist, namentlich wenn man nichts anhat, höchst unbehaglich.

_Sonntag._ Habe ihn glücklich hinter mir.

_Dienstag._ Jetzt hat sie sich mit einer Schlange eingelassen. Die

andern Tiere sind froh, weil sie beständig an ihnen herumhantierte

und sie nicht in Ruhe ließ -- auch ich freue mich darüber, weil die

Schlange gleichfalls spricht und ich mich etwas erholen kann.

_Freitag._ Sie sagt mir, die Schlange habe ihr geraten, die Frucht

von dem Baum zu kosten, und ihr versprochen, daß das Ergebnis eine

große, schöne und edle Fortentwicklung sein werde. Ich sagte ihr, es

würde noch etwas anderes daraus entstehen -- der Tod würde in die

Welt kommen. Aber das war ein großer Mißgriff von mir, und ich hätte

ungleich besser gethan, die Bemerkung für mich zu behalten. Es brachte

sie nur auf den Gedanken, daß sie dann den kranken Habicht gesund

machen und den trübselig einherschleichenden Löwen und Tigern frisches

Fleisch zur Nahrung verschaffen könnte. Ich riet ihr noch einmal aufs

dringendste, von dem Baum fortzubleiben. Sie sagte, sie wollte es

nicht. Ich sehe allerlei Unannehmlichkeiten voraus und denke wieder

ans Auswandern.

_Mittwoch._ Ich habe eine bunte Zeit hinter mir. An jenem Abend bin ich

ausgerissen und die ganze Nacht hindurch geritten so schnell mein Pferd

nur laufen konnte, in der Hoffnung, aus dem Park herauszukommen und

ein anderes Land zu erreichen, bevor die ganze Not hereinbrach. Aber

das sollte mir nicht gelingen. Eine Stunde nach Sonnenaufgang hatte

ich die Grenze noch immer nicht erreicht. Dafür befand ich mich auf

einer grasigen, mit Blumen bedeckten Ebene, auf der Tausende von Tieren

versammelt waren, teils schlafend, teils weidend, teils miteinander

spielend, wie das bei den Tieren Brauch war. Aber plötzlich stießen

sie allesamt ein entsetzliches Gebrüll und Geheul aus, und schon im

nächsten Augenblick lief auf der ganzen Ebene alles wirr durcheinander.

Wie rasend fielen die Tiere über einander her und zerfleischten sich

gegenseitig. Ich hätte so etwas nie für möglich gehalten, doch wußte

ich sofort, was es zu bedeuten hatte -- Eva hatte von der verbotenen

Frucht gegessen, und im selben Augenblick war auch der Tod in die

Welt gekommen! Die Tiger stürzten sich auf mein Pferd und zerrissen

es, ohne sich weder an meine Bitten noch an meine Befehle zu kehren.

Ja, sie würden mich selber gefressen haben, hätte ich mich nicht

schnell aus dem Staube gemacht. Jenseits der Grenze des Parks fand

ich diesen Platz und hier habe ich mich seitdem auch ein paar Tage

äußerst behaglich befunden, bis -- sie mich auch hier entdeckt hatte

und plötzlich vor mir stand. Das Merkwürdigste dabei war, daß mir

das eigentlich gar nicht so unangenehm schien, wie ich es mir vorher

vielleicht vorgestellt hatte. Auch sie fand den Platz gar nicht übel

und hatte natürlich wieder sofort einen Namen für ihn, -- weil er

gerade so aussah. Schließlich war ich sogar ganz froh, daß sie mich

gefunden hatte, da es hier herum weder Früchte noch Beeren gab, wie

drüben im Park, und sie ein paar von den Aepfeln des verbotenen Baumes

mitgebracht hatte. Ich war so hungrig, daß ich mich genötigt sah, sie

zu verspeisen. Eigentlich ging es gegen meine Grundsätze -- aber ich

habe damals entdeckt, daß der Mensch seinen Grundsätzen nur treu zu

bleiben pflegt, wenn er genug zu essen hat.

Auch etwas Neues habe ich an ihr entdeckt. Sie kam in einer Art

Umhüllung von Zweigen und Laubgewinden, und als ich sie fragte,

was dieser neue Unsinn bedeuten solle, ihr das ganze grüne Zeug

herunterriß und es auf die Erde warf, -- da zitterte sie an allen

Gliedern, und wurde rot im Gesicht. Ich hatte noch nie jemanden

zittern und rot werden sehen, es schien mir nicht nur unschön, sondern

geradezu blödsinnig. Sie sagte aber auf meine Frage nur: ich würde das

bald an mir selbst erfahren. Und darin hatte sie recht. Denn trotz

meines Hungers legte ich den Apfel halb angebissen beiseite -- es

war obendrein der feinste, den ich je gekostet habe, noch dazu bei

so vorgeschrittener Jahreszeit -- und fing an, mich selber mit dem

Grünzeug zu behängen, das ich ihr eben vom Leibe gerissen hatte. Dann

sah ich sie an, wie sie so dastand und befahl ihr mit Entrüstung, noch

mehr Zweige und Blätter zu holen, weil es sonst ein wahrer Skandal sei.

Sie gehorchte mir mit Eifer und dann schlichen wir beide nach dem Platz

zurück, wo die wilden Tiere vorhin die Vernichtungsschlacht gekämpft

hatten und sammelten einige von den Fellen. Ich befahl ihr, daraus für

uns ein paar Anzüge zusammenzunähen, in denen wir uns öffentlich zeigen

könnten. Sie sind hart und unbequem, aber jedenfalls nach der neuesten

Mode, und das ist ja schließlich bei Kleidern die Hauptsache.

Ich finde neuerdings auch, daß sie eine ganz gute Gesellschafterin

ist. Ohne sie würde ich jetzt recht einsam und traurig sein, nachdem

ich meinen Grundbesitz verloren habe. Ueberdies hat sie mir eben

gesagt, daß wir nach der neuen Ordnung der Dinge fortan für unsern

Lebensunterhalt arbeiten müssen. Da kann sie sich nützlich machen. Sie

wird arbeiten und ich werde die Aufsicht führen.

_Nächstes Jahr._ Wir haben es Kain getauft, sie hat es eingefangen,

während ich weiter draußen im Land war, um zu jagen und Fallen zu

stellen. Sie fing es, wie sie mir bei meiner Rückkehr erzählte, im

Tannengehölz, ein paar Meilen südlich von der Erdwohnung, die wir uns

angelegt haben. Es sieht uns gewissermaßen ähnlich und ist vielleicht

irgendwie mit uns verwandt. Wenigstens glaubt dies Eva, aber meiner

Meinung nach ist es ein Irrtum. Der gewaltige Unterschied in der Größe

allein rechtfertigt schon die Annahme, daß es nur eine andere, noch

neue Art Tier ist, -- vielleicht ein Fisch. Als ich es aber ins Wasser

warf, um mir Gewißheit zu schaffen, sank es sofort unter, worauf sie

ihm nachsprang und es herauszog, ohne mir die nötige Zeit zu lassen,

die Sache durch meinen Versuch zu entscheiden. Ich bin aber noch immer

der Ueberzeugung, daß es ein Fisch ist, während es ihr so gleichgültig

zu sein scheint, was es ist, daß sie es mir um keinen Preis zu einem

neuen Versuch überlassen will. Das verstehe ich nicht. Mir ist an ihr

neuerdings überhaupt mancherlei unverständlich. Seit sie das Geschöpf

im Hause hat, scheint ihre Natur verändert. Auf Versuche läßt sie sich

schlechterdings nicht mehr ein. Sie hat auch noch nie auf ein Tier so

große Stücke gehalten, wie auf dieses, doch weiß sie mir keinen Grund

dafür anzugeben. Ich glaube wirklich sie hat ihre fünf Sinne nicht

mehr beisammen. Bisweilen trägt sie den Fisch halbe Nächte lang in

ihren Armen umher, wenn er jammert und winselt, weil er ins Wasser

will, und wenn ich ihn dann nach dem nächsten Teich tragen und hinein

werfen möchte, so wehrt sie sich so sehr dagegen, wie nur je, als

sie noch bei Verstande war. Bei solchen Gelegenheiten kommt ihr dann

wieder das Wasser aus den Gucklöchern in ihrem Gesicht; sie drückt den

Fisch an ihre Brust, klopft ihn leise auf den Rücken, macht mit ihrem

Munde allerlei Töne, die ihn beruhigen sollen, und ist ganz närrisch

vor Sorge und Angst um das Geschöpf. Ich habe sie früher dergleichen

nie mit einem andern Fisch, oder sonst irgend einem Tiere thun sehen,

und ich mache mir viel Kopfzerbrechens darüber. Ehe wir von unserm

Grundstück vertrieben wurden, hat sie wohl auch von Zeit zu Zeit junge

Tiger herumgetragen und ihr Spiel mit ihnen getrieben, aber doch nicht

immerfort und niemals bei Nacht. Auch hat sie sich’s nie so zu Herzen

genommen, wenn ihnen das Frühstück nicht gut bekam.

_Sonntag._ Am Sonntag scheint sie sich’s zur Regel zu machen, nicht zu

arbeiten, sondern ganz erschöpft von der Wochenarbeit dazuliegen und

den Fisch auf sich herumkriechen zu lassen. Dabei bringt sie allerlei

Töne mit dem Munde hervor und behauptet, das belustige ihn; sie steckt

sich auch seine kleinen Pfoten oder Vorderflossen in den Mund und er

fängt an zu lachen. Mein Lebtag habe noch keinen Fisch lachen sehen,

und dabei kommen mir allerlei Zweifel ... Der Sonntag gefällt mir jetzt

selber ganz gut. Es ermüdet ja Körper und Geist zugleich, wenn man die

Woche über fortwährend die Arbeit anderer beaufsichtigen muß. Da sollte

es noch mehr Sonntage geben. In den früheren Zeiten, auf dem großen

Grundstück, waren die Sonntage kaum zum Aushalten, jetzt fangen sie an,

mir ganz gelegen zu kommen.

_Mittwoch._ Es ist kein Fisch. Das weiß ich jetzt -- aber darum

kann ich noch lange nicht begreifen, was es eigentlich ist. Wenn es

was haben will und bekommt es nicht gleich, macht es den tollsten

und abscheulichsten Lärm. Wenn es aber hat, was es will, oder sonst

zufrieden ist, sagt es ›Gugu‹ oder etwas der Art. Es ist kein Mensch,

denn es kann nicht gehen; es ist kein Vogel, sonst könnte es fliegen;

es ist kein Frosch, denn es hüpft nicht; und auch keine Schlange, weil

es nicht kriechen kann. Daß es kein Fisch ist, weiß ich ebenfalls

ganz bestimmt, obgleich ich nicht dazu kommen kann, es schwimmen zu

lassen. Wenn Eva es nicht auf den Armen hat, liegt es meist am Boden

auf dem Rücken und streckt die Füße in die Luft. Das habe ich noch bei

keinem Tier gesehen. Ich glaube es muß ein Riesenkäfer sein. Wenn es

stirbt will ich es auseinandernehmen, um seine innere Einrichtung zu

untersuchen. Ich muß der Sache doch auf den Grund kommen.

_Drei Monate später._ Die Geschichte wird immer rätselhafter. Ich

kann kaum noch schlafen, weil sie mir so im Kopfe herumgeht. Das

Geschöpf liegt nicht mehr am Boden, sondern kriecht nun auf seinen

vier Füßen herum. Aber es unterscheidet sich wesentlich von den

übrigen Vierfüßlern, denn seine Vorderbeine sind ungewöhnlich kurz. So

ragt denn der Hauptteil seiner Person ganz unverhältnismäßig in die

Höhe, was durchaus nichts Anziehendes hat. Im übrigen ist es ganz so

gebaut wie wir, doch beweist schon die Art seiner Fortbewegung, daß es

nicht zu unserer Gattung gehört. Die Kürze der Vorder- und die Länge

der Hinterbeine deuten darauf hin, daß es aus der Känguruh-Familie

stammt. Doch unterscheidet es sich auch hier wieder von dem wirklichen

Känguruh, denn es kann nicht hüpfen wie dieses. Es muß eine seltsame

und interessante Abart sein, die bisher noch nicht katalogisiert worden

ist. Da ich dieselbe entdeckt habe, halte ich mich auch für berechtigt,

mir den Ruhm dieser Entdeckung für alle Zeiten dadurch zu sichern, daß

ich dem neuen Geschöpf meinen Namen beilege. Ich habe es ~Kaengurum

Adamiensis~ getauft.

Es muß ein ganz junges Exemplar gewesen sein, als Eva es in dem

Tannengehölz fing, denn es ist seitdem beständig gewachsen. Jetzt ist

es wohl fünfmal so groß wie damals, und wenn es etwas haben will und es

nicht gleich bekommt, macht es dreißigmal mehr Lärm als früher. Zwang

und Gewalt vermögen nichts dagegen auszurichten, im Gegenteil, sie

machen die Sache immer nur schlimmer. Darum habe ich das Zwangs-System,

mit dem ich es eine Zeit lang versuchte, wieder aufgegeben, zumal ich

ihr gegenüber ohnehin damit einen besonders schwierigen Stand hatte.

Sie besänftigt es immer mit Zureden und Schönthun und meistens damit,

daß sie ihm alles giebt, was sie ihm zuerst rundweg abgeschlagen hat.

Wie ich schon bemerkt habe, war ich nicht zu Hause, als sie es brachte.

Sie sagte mir, sie habe es im Walde gefunden. Es ist unbegreiflich, daß

es das Einzige seiner Art sein sollte, aber ich habe mich die ganze

Zeit über müde und lahm gesucht, um ein zweites Exemplar zu finden,

teils um es unserer Sammlung hinzuzufügen, teils als Spielgefährten

für unseres. Es würde dann gewiß stiller sein und sich leichter zähmen

lassen. Aber ich kann keines entdecken; auch nicht die leiseste Spur

habe ich aufgefunden. Merkwürdig! Es kann doch gar nicht anders leben

als auf dem Erdboden und wenn es sich vorwärts bewegt, müßte es

doch eine Fährte hinterlassen. Ich habe wohl ein Dutzend Fallen und

Schlingen gelegt, aber nichts dadurch erreicht. Alle kleinen Tiere

kann ich fangen, nur dieses nicht. Sie gehen meist aus Neugierde in die

Falle, nur um zu sehen, wozu die Milch eigentlich dort aufgestellt ist,

glaube ich. Trinken thun sie die Milch nie, sie werfen sie höchstens um.

_Drei Monate später._ Unser adamitisches Känguruh wächst noch immer

fort, was höchst seltsam und beunruhigend ist. Ich habe noch nie

gesehen, daß ein Känguruh so lange braucht, um seine volle Größe zu

erreichen. Es hat jetzt einen Pelz auf dem Kopf; gar nicht wie einen

Känguruhpelz, sondern viel eher wie unser eigenes Haar, nur daß es sich

feiner und weicher anfühlt, und statt schwarz rot ist. Wenn das noch

lange so fort geht, verliere ich nächstens den Verstand über die tollen

und unberechenbaren Sprünge in der Entwicklung dieses unklassifizierten

zoologischen Naturspiels. Könnte ich nur ein zweites fangen, -- doch

das ist eine ganz vergebliche Hoffnung. Es ist eine neue Art und

von dieser das einzige Exemplar, -- soviel steht jetzt fest. Seit

vorgestern ist mir auch noch der letzte Zweifel geschwunden. Ich hatte

ein wirkliches Känguruh gefangen und mit nach Hause gebracht, in dem

Gedanken, daß das unserige in seiner Einsamkeit froh sein würde,

wenigstens ein ihm einigermaßen verwandtes Tier zu begegnen. Unter

Wildfremden, die nichts von seiner Art und Weise und seinen Wünschen

und Begierden verstehen, mußte es doch darin, wie ich glaubte, einen

kleinen Trost finden. Aber welchen Mißgriff hatte ich begangen. Es fiel

bei dem bloßen Anblick des eingefangenen Känguruhs in solche Krämpfe,

daß ich sofort wußte, es habe noch kein derartiges Geschöpf gesehen.

Mir thut das kleine Tier leid, denn es schreit bei der geringsten

Gelegenheit und ich kann nichts thun, um es glücklich zu machen oder

zu sorgen, daß es sich bei uns wie unter seinesgleichen fühlt -- und

doch möchte ich es selbst jetzt gar nicht mehr missen. Wenn ich es nur

wenigstens zähmen könnte, -- aber auch das ist ganz außer Frage. Und

je mehr ich es versuche, um so schlimmer scheine ich es zu machen. Es

schneidet mir geradezu ins Herz, das kleine Ding bei seinen Anfällen

von Kummer und stürmischer Leidenschaft zu sehen. Eigentlich möchte

ich, wir wären es wieder los; doch wage ich gar nicht den Wunsch

auszusprechen. Denn erstens ist es mir doch nicht ganz ernst damit und

zweitens würde Eva von einem solchen Vorschlag kein Wort hören wollen.

Das scheint sehr grausam und selbstsüchtig von ihr, -- aber vielleicht

hat sie doch recht. Es würde dann am Ende noch einsamer sein als

vorher. Ist es mir nicht gelungen ein zweites Exemplar seiner Gattung

zu finden, so müßte es selber gewiß auch vergebens danach suchen.

_Fünf Monate später._ Es ist kein Känguruh! Nein, es kann sich seit

wenigen Tagen selbst auf den Hinterbeinen aufrecht erhalten, wenn es

sich gleichzeitig mit einer seiner Vorderpfoten an ihrem hingestreckten

Finger festhält. Ueber ein paar Schritte kommt es dabei freilich noch

nicht hinaus, sondern fällt dabei jedesmal bald wieder auf alle Viere

zurück. Aber das genügt, um uns die Gewißheit zu verschaffen, daß es

kein Känguruh ist. Viel wahrscheinlicher, daß es eine Art Bär ist. Nur

hat es keinen Schwanz und, -- wenigstens bis jetzt, -- kein haariges

Fell, außer auf dem Kopf. Uebrigens sind die Bären gefährlich -- ich

weiß das von jener Vernichtungsschlacht her. Ich werde diesem hier, so

gerne ich ihn auch manchmal habe, nicht mehr lange erlauben, sich ohne

Maulkorb herumzutreiben. Neulich habe ich wieder einen Versuch gemacht,

Eva ein richtiges, ausgewachsenes Känguruh zu versprechen, für welches

sie dann dieses laufen lassen könnte. Aber alles, was ich damit

erreichte, war, daß es aus den Sehlöchern in ihrem Gesicht förmlich

wie Feuer sprühte und sie seitdem den kleinen Bären noch weniger als

je von der Hand läßt. Ich fürchte, sie wird uns durch ihre Thorheit in

neue Gefahr bringen. Seit sie den Verstand verloren hat, ist sie wie

umgewandelt.

_Vierzehn Tage später._ Ich habe seinen Mund untersucht. Noch ist

es unschädlich; es hat erst einen Zahn. Auch einen Schwanz hat es

noch immer nicht. Aber dafür macht es mehr Lärm als je zuvor. Und

namentlich in der Nacht. In den letzten beiden Nächten war es so arg,

daß ich ausgezogen bin. Aber morgen gehe ich zum Frühstück hinüber, und

dann sehe ich nach, ob es noch mehr Zähne bekommen hat. Wenn es erst

einmal den ganzen Mund voll Zähne hat, wird es die höchste Zeit sein,

Maßregeln zu ergreifen, -- Schwanz oder nicht Schwanz -- denn ein Bär

braucht keinen Schwanz, um gefährlich zu sein.

_Vier Monate später._ Ich bin wieder auf einem längeren Jagd- und

Fischausflug fortgewesen. Etwa einen Monat lang. In der Zwischenzeit

hatte der Bär gelernt, sich ohne Hilfe und auf den Hinterbeinen allein

fortzuhelfen und etwas, das wie ›Poppa‹ und ›Momma‹ klang, zu sagen.

Es ist sicherlich eine ganz neue Art. Diese Töne, die sich ganz wie

Worte anhören, mögen etwas rein Zufälliges sein und an sich gar nichts

zu bedeuten haben. Aber selbst dann ist die Sache noch immer merkwürdig

genug, und jedenfalls etwas, was kein anderer Bär kann. Diese

Aehnlichkeit mit menschlicher Rede, dazu das Fehlen des Pelzes und der

vollständige Mangel eines Schwanzes, beweisen zur Genüge, daß es nicht

nur eine besondere, sondern eine ganz neue Art Bär ist. Inzwischen

beabsichtige ich, seinetwegen auf eine neue Forschungsexpedition

auszugehen und die großen Wälder weiter im Norden nach einem zweiten

Exemplar zu durchsuchen.

_Drei Monate später._ Es war ein langer und langweiliger Jagdausflug,

von dem ich da eben zurückgekehrt bin. Aber er war ganz und gar

erfolglos. Was hat sie aber in der Zwischenzeit gethan? Ohne sich vom

Platze zu rühren und sich im mindesten anzustrengen hat sie unterdessen

gerade auf dem neuen Grundstück ein zweites Exemplar eingefangen! Hat

man je von solchem Glück gehört?

_Tags darauf._ Ich habe das neue Geschöpf genau mit dem alten

verglichen, und es ist gar kein Zweifel, daß sie vom gleichen Schlage

sind. Ich äußerte den Wunsch, eines von ihnen für meine Sammlung

auszustopfen. Aber sie ist gegen das Ausstopfen im allgemeinen

eingenommen, und in diesem Falle wollte sie erst recht nichts davon

wissen. So habe ich denn die Absicht wieder aufgeben müssen, obgleich

ich denke, daß ich unter allen Umständen darauf hätte bestehen sollen.

Man denke sich, daß sie plötzlich wieder abhanden kämen, und stelle

sich den Verlust für die Wissenschaft vor, wenn nichts von ihnen

zurückbliebe!

Das ältere von beiden ist auch das weitaus zahmere. Es kann sogar

plappern und lachen, wie ein Papagei. Und da auch Papageien so viel

um uns herum sind, bin ich überzeugt, daß es das alles, und die Gabe

der Nachahmung überhaupt, von ihnen gelernt hat. Na, wer weiß, --

vielleicht kommt es zuletzt noch heraus, daß es selbst eine Art Papagei

ist. Ich würde mich gar nicht darüber wundern, wenn ich bedenke, was es

alles schon gewesen ist seit jenen ersten Tagen, als ich es für einen

Fisch hielt. Das neue ist grade so häßlich wie das andere zuerst war;

es hat gelblich-rote Fleischfarbe und auf dem Kopf nur hier und da

einen ganz leisen Ansatz von Pelz. Sie hat ihm auch schon einen Namen

gegeben -- Abel nennt sie es.

_Zehn Jahre später._ Es sind Jungens! Wir wissen das jetzt schon seit

geraumer Zeit. Nur ihre anfängliche Winzigkeit und Gestaltlosigkeit

hat uns so lange irre geführt. Wir hatten es noch nicht erlebt, daher

unsere lange Ungewißheit. Jetzt haben wir uns bereits daran gewöhnt, --

auch ein paar Mädel sind schon angekommen.

Abel ist ein guter Junge. Aber wenn Kain ein Bär geblieben wäre, so

würde das besser für ihn gewesen sein.

Was mich anlangt, so sehe ich nach allen diesen Jahren ein, daß ich Eva

im Anfang unrecht gethan habe. Es ist besser, außerhalb des Gartens mit

ihr zu leben, als im Garten ohne sie. Ich meinte zuerst, sie spräche

zuviel. Aber jetzt würde es mich aufs tiefste betrüben, wenn diese

Stimme verstummen und ich sie mein Lebtag nicht mehr hören sollte.

Gesegnet sei der Apfelbiß, der uns zuerst einander so nahe gebracht

hat, daß ich ihre Holdseligkeit und die Güte ihres Herzens erkennen

lernte!

_Ende._

Mein Reisegefährte, der Reformator.

Es war im Frühjahr 1893; ich reiste nach Chicago, um die

Weltausstellung zu sehen, sah sie zwar nicht, aber mein Ausflug war

doch nicht ganz fruchtlos -- ich fand Ersatz für die Ausstellung. In

New York machte ich die Bekanntschaft eines Majors von der Armee, der

mir sagte, er wolle ebenfalls nach Chicago gehen; wir verabredeten uns,

die Reise zusammen zu machen. Ich hatte vorher noch etwas in Boston zu

tun, aber das machte ihm nichts; er sagte, er wolle den Umweg machen

und mitkommen. Er war ein schöner Mann, von einem Körperbau wie ein

Gladiator, indes seine Manieren waren ruhig, seine Sprache war sanft

und hatte etwas Ueberzeugendes an sich. Er war ein unterhaltender

Gesellschafter, aber ungemein ruhig; dazu ohne jeglichen Sinn für

Humor. Er nahm Interesse an allem, was um ihn herum vorging, allein

sein Gleichmut war unerschütterlich; nichts brachte ihn aus der Ruhe,

nichts regte ihn auf.

Bevor indessen der Tag zu Ende war, bemerkte ich, daß er tief im Innern

trotz all seiner Ruhe eine Leidenschaft hatte -- eine Leidenschaft für

die Abstellung kleiner Mißstände im öffentlichen Leben. Er schwärmte

für Bürgerpflicht -- das war sein Steckenpferd. Er war der Meinung,

jeder Bürger der Republik müsse sich selber als nichtamtlichen und

unbesoldeten Polizisten betrachten und über den Gesetzen und ihrer

Beobachtung treue Wacht halten. Seiner Ansicht nach waren die Rechte

der Allgemeinheit auf wirksame Weise nur zu wahren und zu schützen,

wenn jeder Bürger für sein Teil dazu half, daß jeder Verstoß, der zu

seiner persönlichen Kenntnis kam, verhindert oder bestraft wurde.

Der Gedanke war gut; mir wollte nur scheinen, als ob man dabei

fortwährend Unannehmlichkeiten haben müsse und nichts andres mehr

zu tun habe, als pflichtwidrig handelnde kleine Beamte absetzen zu

lassen, um vielleicht zum Dank dafür bloß ausgelacht zu werden. Aber

er sagte nein, ich wäre auf dem Holzweg; es läge keine Veranlassung

vor, irgend jemand absetzen zu lassen, ja es _dürfe_ überhaupt niemand

entlassen werden; das wäre gänzlich verfehlt -- nein, man müßte den

Mann reformieren und für die von ihm bekleidete Stelle brauchbar machen.

»Da muß man also den Sünder erst zur Anzeige bringen und dann den

Vorgesetzten bitten, ihn nicht zu entlassen, sondern ihm nur einen

tüchtigen Rüffel zu geben und ihn zu behalten?«

»Nein, so ist es nicht gemeint; Sie dürfen ihn überhaupt nicht

anzeigen, denn damit bringen Sie sein täglich Brot in Gefahr. Sie

könnten so tun, als ob Sie ihn anzeigen wollten -- wenn alles andre

nichts hilft. Aber nur im äußersten Notfall. Das ist schon eine Art

von Gewalt, und Gewalt taugt nicht. Diplomatie -- das hilft! Wenn nun

jemand Takt besitzt -- wenn er Diplomatie anwendet ...«

Seit zwei Minuten waren wir vor einem Telegraphenschalter gestanden,

und die ganze Zeit über hatte der Major sich bemüht, die Aufmerksamkeit

eines der jungen Beamten zu erregen; aber von denen hatte keiner

Zeit, weil sie alle Maulaffen feil hielten. Schließlich machte sich

der Major bemerklich und bat einen von ihnen, ihm sein Telegramm

abzunehmen. Er bekam zur Antwort:

»Sie können wohl ’ne Minute warten, was?«

Und der junge Mann sah wieder aus dem Fenster.

Der Major sagte ja, er hätte es nicht so eilig. Dann schrieb er ein

zweites Telegramm:

»Präsident der Western Union Telegraph Company. Bitte, speisen Sie

heute abend bei mir. Kann Ihnen etwas davon erzählen, wie in einem

Ihrer Bureaus der Dienst gehandhabt wird.«

Der junge Mann, der eben vorher so schnippisch geantwortet hatte,

streckte die Hand aus und nahm das Telegramm; als er es las, wurde er

ganz blaß und begann sich zu entschuldigen. Er sagte, er würde seine

Stellung verlieren, wenn dieses furchtbare Telegramm abginge, und

vielleicht bekäme er keine andre wieder. Wenn es ihm nur noch diesmal

so hinginge, so würde er in Zukunft keinen Anlaß zur Klage mehr geben.

Daraufhin wurde der Friede geschlossen.

Als wir weitergingen, sagte der Major:

»Nun, sehen Sie, das war Diplomatie -- und Sie haben bemerkt, wie sie

wirkte. Es hätte gar keinen Zweck gehabt, Lärm zu machen, wie die

Leute fortwährend tun -- der junge Mensch kann einem mit gleicher

Münze heimzahlen, und man zieht fast immer den kürzeren dabei und

ärgert sich bloß über sich selber. Aber, wie Sie gesehen haben, gegen

Diplomatie kann er nichts machen. Freundliche Worte und Diplomatie --

das sind die Werkzeuge, mit denen man arbeiten muß.«

»Ja, ich verstehe; aber nicht jeder ist in so günstiger Lage, wie Sie

in diesem Fall. Es steht eben nicht jedermann auf so vertrautem Fuß mit

dem Präsidenten der Western Union.«

»Ich kenne den Präsidenten gar nicht -- ich benutzte ihn nur zu

diplomatischen Zwecken. Es geschieht zu seinem und zum allgemeinen

Besten. Also nichts Böses dabei.«

Ich fragte zögernd und mit bedenklichem Gesicht: »Ist es aber überhaupt

wohl jemals recht oder anständig, zu lügen?«

Die gelinde Selbstüberhebung, die in der Frage lag, beachtete er nicht,

sondern antwortete mit unerschütterlich ernster Einfachheit:

»Ja, zuweilen. Wenn man lügt, um jemand Schaden zu tun oder um sich

selber einen Vorteil zu verschaffen, so ist das nicht zu rechtfertigen.

Wenn man dagegen lügt, um einem Nebenmenschen beizustehen oder um des

allgemeinen Besten willen -- oh, das ist ganz was andres! Das weiß

ja jedes Kind. Aber ganz abgesehen von den Methoden -- Sie sehen das

Ergebnis. Der junge Mensch wird jetzt ein brauchbarer und höflicher

Beamter werden. Er hatte ein gutes Gesicht. Es lohnte sich, ihn zu

retten, -- um seiner Mutter, wenn nicht um seiner selbst willen.

Natürlich hat er eine Mutter -- auch Schwestern. Hol’ der Henker die

Leute, die das fortwährend vergessen. Wissen Sie, ich habe nie in

meinem Leben ein Duell gehabt -- nicht ein einzigesmal --, obwohl ich

so gut wie andre Leute Herausforderungen erhielt. Ich sah immer meines

Gegners unschuldige Frau oder Mutter oder Kinderchen zwischen ihm und

mir stehen. _Sie_ hatten ja nichts getan -- ich konnte doch nicht

_ihre_ Herzen brechen.«

Er verbesserte im Lauf des Tages eine hübsche Menge Mißstände,

und stets ohne Reibung, stets mit einer feinen und zartfühlenden

›Diplomatie‹, die keinen Stachel zurückließ. Seine Leistungen

bereiteten ihm so viel Glückseligkeit und Zufriedenheit, daß ich ihn um

seinen Beruf beneidete und mich vielleicht auch darin versucht haben

würde, wenn ich die notwendigen Abweichungen von der Wahrheit mit

ebensolcher Zuversicht aus meinem Munde hervorbringen könnte, wie es

mir mittels einer Feder und hinter der Deckung einer Druckerpresse nach

einiger Uebung -- glaube ich -- wohl möglich wäre.

Als wir am späten Abend mit der Pferdebahn wieder in die Stadt

hinein fuhren, kamen drei Radaubrüder in den Wagen und begannen

nach rechts und links mit unflätigen Späßen und Flüchen um sich zu

werfen. Die Passagiere, zum Teil Frauen und Kinder, hatten Angst,

und kein Mensch wagte, den Knoten entgegenzutreten oder ein Wort zu

erwidern; der Schaffner versuchte es mit gütlichem Zureden, aber

die Rauhbeine gaben ihm einfach Schimpfworte zurück und lachten ihn

aus. Sehr bald sah ich dem Major an, daß er hier einen Fall seiner

Spezialität vor sich hatte; augenscheinlich musterte er in Gedanken

seinen Vorrat von diplomatischen Mitteln. Ich sah mit Bestimmtheit

voraus, daß ein derartiger Versuch ihm nur Spott und Hohn, vielleicht

sogar noch Schlimmeres einbringen würde; aber bevor ich ihm diese

Bemerkung zuflüstern konnte, sagte er bereits in gleichmütigem und

leidenschaftslosem Ton:

»Schaffner, Sie müssen die Schweine ’nausschmeißen. Ich will Ihnen

dabei helfen.«

Das hatte ich nicht erwartet. Schnell wie der Blitz fuhren die drei

Knoten auf ihn los, aber kein einziger kam an ihn heran. Er teilte

drei Faustschläge aus, wie man sie außerhalb eines Preisboxerringes zu

sehen nicht erwarten konnte, und die drei Kerle blieben liegen, wo sie

hingefallen waren. Der Major schleifte sie hinaus und warf sie von der

Plattform des einen Moment haltenden Wagens hinunter; hierauf fuhren

wir weiter.

Ich war erstaunt; erstaunt darüber, daß ein Lamm so vorgehen konnte;

erstaunt über die von ihm entfaltete Kraft und über das klare und

allgemeinverständliche Ergebnis; erstaunt über die gewandte und

geschäftsmäßige Art, wie er das Ganze gemacht hatte. Die Situation

hatte ihre humoristische Seite, insofern ich den ganzen Tag über

von diesem schlagfertigen Herrn fortwährend Vorträge über sanfte

Ueberredung und freundliche Diplomatie angehört hatte. Ich hätte ihn

gern darauf hingewiesen und einige Sarkasmen darüber angebracht; aber

als ich ihn ansah, merkte ich, daß das keinen Zweck haben würde. Auf

seinem ruhigen und zufriedenen Gesicht lag keine Ahnung von Humor;

er würde mich nicht verstanden haben. Als wir auf einer der nächsten

Haltestellen ausgestiegen waren, sagte ich zu ihm:

»Das war ein tüchtiger diplomatischer Streich, oder vielmehr es waren

drei tüchtige diplomatische Streiche.«

»_Das?_ Das war keine Diplomatie. Sie sind völlig auf dem Holzweg.

Diplomatie ist ganz was andres. Damit ist bei _der_ Sorte nichts

auszurichten; sie würden’s nicht verstehen. Nein, das war keine

Diplomatie, es war Gewalt.«

»Da Sie das Wort nennen, so -- ja, ich glaube, Sie können vielleicht

recht haben.«

»Vielleicht? Natürlich habe ich recht. Es _war_ eben Gewalt!«

»Ich glaube selber, es hatte den äußeren Anschein. Versuchen Sie oft,

Leute auf diese Art zu bessern?«

»O nein, das kommt beinahe nie vor. Nicht öfter, als jedes halbe Jahr

einmal im Durchschnitt.«

»Die Leute werden doch mit dem Leben davonkommen?«

»Mit dem Leben davonkommen? Na, natürlich! Sie sind ganz außer Gefahr.

Ich weiß, wie und wohin ich zu schlagen habe. Sie haben wohl bemerkt,

daß ich nicht unter die Kinnlade schlug. Das würde sie getötet haben.«

Ich glaubte das. Ich bemerkte -- und nach meiner Meinung war es ein

ganz guter Witz --, er sei den ganzen Tag über ein Lamm gewesen, habe

sich aber jetzt auf einmal zum Bock entwickelt, zum Sturmbock; aber

er sagte mit freundlicher Offenheit und Unbefangenheit: nein, ein

Sturmbock sei ganz was andres und jetzt nicht mehr im Gebrauch. Das

war, um aus der Haut zu fahren, und ich wäre beinahe mit der Antwort

herausgeplatzt, er habe von Witz nicht mehr Ahnung als ein Trampeltier.

Ich hatte das Wort tatsächlich schon auf der Zunge, aber ich sagte es

doch nicht, denn mir fiel ein, daß die Sache keine Eile habe, und ich

es ebensogut ein andermal telephonisch abmachen könne.

Am nächsten Nachmittag fuhren wir nach Boston. Die Rauchabteilung

im Salonwagen war voll, und wir gingen daher in das gewöhnliche

Rauchcoupé. Drüben auf der andern Seite des Wagenganges, auf dem

vordersten Sitz, saß ein bescheiden aussehender alter Mann -- dem

Anschein nach ein Landmann -- mit bleichem, kränklichem Gesicht und

hielt mit dem Fuß die Tür offen, um frische Luft zu bekommen. Auf

einmal kam polternd ein großer Bremser herein; bei der Tür blieb er

stehen, warf dem Landmann einen ganz wütenden Blick zu und schlug mit

solcher Kraft die Tür zu, daß der alte Mann beinahe seine Stiefelsohle

eingebüßt hätte. Dann machte er sich an seine Verrichtungen. Mehrere

von den Passagieren lachten, und der alte Herr sah ganz beschämt und

traurig drein.

Ein Weilchen darauf kam der Schaffner durch, und der Major hielt ihn an

und stellte in seiner gewöhnlichen höflichen Weise die Frage:

»Schaffner, wo beschwert man sich über unangemessenes Betragen eines

Bremsers? Bei Ihnen?«

»Sie können ihn in New Haven anzeigen, wenn Sie das wollen. Was hat er

getan?«

Der Major erzählte die Geschichte. Sie schien den Schaffner zu

amüsieren. Er sagte mit einer ganz kleinen Beimischung von Sarkasmus zu

seinen köstlichen Worten:

»Wenn ich Sie recht verstehe, so _sagte_ der Bremser nichts?«

»Nein, das tat er nicht.«

»Aber er sah den Herrn wütend an, sagten Sie?«

»Ja.«

»Und er warf in unhöflicher Weise die Tür zu?«

»Ja.«

»Und das ist alles, nicht wahr?«

»Ja, das ist alles.«

Der Schaffner lächelte freundlich und sagte:

»Na, wenn Sie ihn anzeigen wollen, meinetwegen; aber ich sehe nicht

recht, wohin das führen könnte. Wenn ich recht begriffen habe, so

wollen Sie vorbringen, der Bremser habe den alten Herrn hier beleidigt.

Man wird Sie fragen, was er _gesagt_ habe. Sie werden antworten, gesagt

habe er überhaupt nichts. Dann wird man jedenfalls fragen, wie Sie

von einer Beleidigung sprechen können, wenn der Mann, wie Sie selber

zugeben, kein Wort gesagt hat.«

Ein Beifallsgemurmel belohnte den Schaffner für seine knappen und

bündigen Schlußfolgerungen. Das machte ihm Vergnügen -- man konnte es

seinem Gesicht ansehen.

Aber der Major war unerschüttert. Er sagte:

»Ja, da haben Sie einen schreienden Uebelstand im ganzen

Beschwerdewesen berührt. Die Eisenbahnbehörden -- wie übrigens auch

das Publikum und allem Anschein nach Sie selber -- wissen gar nicht,

daß es auch Beleidigungen gibt, die nicht in Worten bestehen. Darum

wendet sich niemand an die höchste Stelle und beschwert sich wegen

Beleidigungen in Manieren, Gebärden, Blicken und so weiter, und

trotzdem berühren solche zuweilen empfindlicher als Worte. Sie tun

bitterlich weh, weil sie unfaßbar sind und weil der Beleidiger, wenn er

von seinen Vorgesetzten zur Rede gestellt wird, immer sagen kann, es

sei ihm nicht im Traum eingefallen, irgend jemand beleidigen zu wollen.

Mir scheint, die Behörden sollten das Publikum dringend ersuchen, auch

Beleidigungen und Unhöflichkeiten, die _nicht_ in Worten ausgedrückt

waren, zur Anzeige zu bringen.«

Der Schaffner lachte und sagte:

»Na, das hieße denn doch die Fürsorge fürs Publikum recht weit treiben!«

»Aber nicht zu weit, glaube ich. Ich will diesen Fall in New Haven zur

Sprache bringen, und ich habe so eine Ahnung, daß man mir dankbar dafür

sein wird.«

Des Kondukteurs Gesicht verlor etwas von seinem freundlichen Ausdruck,

oder vielmehr es wurde vollkommen kühl und ernst, als der Mann wegging.

Ich sagte:

»Sie wollen doch nicht wirklich wegen so einer Lappalie Lärm schlagen?«

»Es ist keine Lappalie. So etwas sollte stets angezeigt werden. Es ist

eine öffentliche Angelegenheit, und kein Bürger hat das Recht, darüber

hinwegzusehen. Aber ich werde mich über diesen Fall gar nicht zu

beschweren brauchen.«

»Wieso?«

»Es wird nicht nötig sein. Diplomatie wird alles in Ordnung bringen.

Sie werden schon sehen.«

Nach einiger Zeit kam der Schaffner wieder durch den Wagen; als er beim

Major war, beugte er sich zu ihm herüber und sagte:

»’s ist alles in Ordnung. Sie brauchen den Mann nicht anzuzeigen. Er

ist mir verantwortlich, und wenn er’s noch einmal tut, will ich ihm

einen Rüffel geben.«

Der Major antwortete herzlich:

»Nun, so gefällt’s mir. Glauben Sie nicht, ich hätte aus Rachsucht so

gesprochen, ich tat’s aus Pflichtgefühl, weiter nichts. Mein Schwager

ist einer von den Direktoren der Bahn, und wenn er erfährt, daß Sie den

Bremser das nächstemal, wenn er einen harmlosen alten Mann gröblich

beleidigt, ganz gehörig vornehmen wollen, so wird ihn das freuen,

darauf können Sie sich verlassen.«

Der Schaffner sah nicht so heiter drein, wie man vielleicht hätte

erwarten können; er machte im Gegenteil den Eindruck, als ob ihm recht

unbehaglich zu Mute wäre. Er dachte eine Weile nach, dann sagte er:

»Ich meine, irgend ’was sollte gleich jetzt auf der Stelle mit ihm

geschehen. Ich will ihn entlassen.«

»Ihn entlassen? Was sollte das für einen Zweck haben? Glauben Sie

nicht, es wäre vernünftiger, ihm bessere Manieren beizubringen und ihn

zu behalten?«

»Hm, da liegt was drin ... Was würden Sie vorschlagen?«

»Er beleidigte den alten Herrn in Gegenwart all dieser Herrschaften.

Wie wär’s, wenn Sie ihn hereinkommen ließen, daß er in ihrer Gegenwart

Abbitte tut?«

»Ich werde ihn sofort schicken. Und ich möchte noch eins bemerken:

Wenn alle Leute es so machten wie Sie und solche Sachen sofort bei

mir meldeten, anstatt ihren Aerger bei sich zu behalten und nachher

herumzulaufen und auf die Eisenbahnen zu schimpfen, so sollten Sie

mal sehen, wie schnell sich alles ändern würde. Ich bin Ihnen sehr

verbunden.«

Der Bremser kam und leistete Abbitte. Als er wieder hinaus war, sagte

der Major:

»Sehen Sie wohl, wie einfach und leicht das war? Der gewöhnliche Bürger

würde nichts ausgerichtet haben -- der Schwager eines Direktors bringt

alles fertig, was er nur will.«

»Aber sind Sie wirklich der Schwager von einem der Direktoren?«

»Immer. Immer, wenn das öffentliche Interesse es erfordert. Ich habe

einen Schwager in allen Direktionen -- überall. Das erspart mir endlose

Verdrießlichkeiten.«

»Es ist eine recht ausgebreitete Verwandtschaft.«

»Ja; ich habe ihrer mehr als dreihundert.«

»Wird die Verwandtschaft niemals von einem Schaffner angezweifelt?«

»Es ist mir noch niemals vorgekommen; auf mein Ehrenwort: _niemals_!«

»Warum ließen Sie ihn denn nicht, wie er’s wollte, den Bremser

fortjagen? Sie wissen, daß der Mensch es verdiente.«

Adams Tagebuch, und andere Erzählungen · 第 1 / 12 段