"Welt der Phantasie") bildet das Material der ästhetischen
Ideendarstellung. Dasselbe ist so vielfach und mannigfaltig
als das Vorstellen selbst und zerfällt, wie dieses, je nach
der Beschaffenheit seines Inhalts in verschiedene Classen. Die
erste derselben ist jene der sogenannten einfachen Empfindungen
(des Gesichts oder Gehörs oder des Tastsinns, während Geruchs- und
Geschmacksempfindungen ihrer Unbestimmtheit wegen als ästhetisches
Material keine Verwendung finden, ausser etwa in der Gastronomie,
in welcher durch Abwechslung verschiedener Geschmäcke, oder in
der Garten- und Toilettenkunst, wo durch Abwechslung verschiedener
Wohlgerüche ein dem ästhetischen verwandter Eindruck hervorgebracht
werden soll). Die Gesichtsempfindungen, und zwar sowol jene der
quantitativ verschiedenen Helligkeits- und Dunkelheitsgrade (Licht
und Schatten) wie die der qualitativ unterschiedenen Lichteindrücke
(Farben) liefern den Stoff für die Kunst des Colorits (Helldunkel
und Farbengebung). Die Empfindungen des Gehörssinns, und zwar sowol
jene der quantitativ verschiedenen Intensitätsgrade des Schalls (forte
piano), wie jene der qualitativ verschiedenen periodischen Klangreize
(Töne) liefern den Stoff für die phonetische Kunst (Modulation,
Klangfarbe). Die Tastempfindungen, und zwar sowol jene des quantitativ
verschiedenen Drucks und der demselben Widerstand leistenden Kraft,
die "statischen" Empfindungen, wie jene der qualitativ verschiedenen
(ebenen oder gekrümmten) Körperoberflächen (Ebene, Kugeloberfläche,
gewellte Oberfläche u. s. w.), die "plastischen" Empfindungen, liefern
das Material, jene für die bauende, diese für die bildende Kunst
(Architektur und Sculptur). Die zweite Art der Vorstellungen begreift
diejenigen, deren Inhalt leere Reihen und deren Grössenverhältnisse,
und zwar sowol Zeit- und Zahlen- als Raumverhältnisse ausmachen,
welche letzteren selbst einander entweder quantitativ gleich
(wie bei den symmetrisch angeordneten Gegenständen im Raum), oder
proportional (wie bei der regelmässigen Aufeinanderfolge gleicher
und ungleicher Abschnitte in der Zeit), oder qualitativ gleichartig
(z. B. als Raumformen entweder durchaus lineare, oder ebene, oder
gekrümmte Flächenformen, als Zeitabschnitte durchaus lineare Formen)
oder ungleichartig (als Raumformen aus geraden und krummen Linien,
ebenen und gekrümmten Flächen, als Zeitformen aus Eintheilungsgliedern
nach verschiedenen Zeiteinheiten gemischt) sein können. Dieselben
liefern den Stoff, wenn sie Raumformen und deren Verhältnisse zum
Inhalt haben, für die zeichnende (raummessende und raumbildende),
wenn Zeitformen und deren Verhältnisse ihren Inhalt ausmachen,
für die rhythmische (zeitmessende und zeitraumbildende Kunst). Die
dritte Classe von Vorstellungen umfasst die sinnlichen Vorstellungen
und die aus denselben entwickelten Gemeinbilder (Begriffe), welche
als solche einen bestimmten aus der Erfahrung entweder unmittelbar,
oder durch inzwischen eingetretene Veränderungen mittelbar geschöpften
Inhalt besitzen d. i. Gegenstände darstellen, welche entweder ganz
oder deren Bestandtheile in der sogenannten wirklichen d. h. in der
phänomenalen Welt der Erfahrung vorfindlich sind, liefert den Stoff
zur Ideendarstellung in der Vorstellungswelt der gegebenen Erfahrung
d. i. zur Dicht- oder poetischen Kunst. Durch die Vereinigung zweier
oder mehrerer dieser sogenannten einfachen Künste zu einer einzigen
Kunst kann eine zusammengesetzte Kunst d. h. Ideendarstellung in
einem Material entstehen, welches die Summe der Materiale der zum
Ganzen verbundenen Künste ist. So ergibt sich durch die Verbindung
der zeichnenden und der coloristischen Kunst die malerische, durch
jene der rhythmischen und phonetischen Kunst die musikalische, durch
jene der zeichnenden und bauenden die architektonische, und durch
jene der zeichnenden und bildenden die plastische Kunst. Nur dürfen
die Materialien, die mit einander verbunden werden sollen, nicht
ungleichartig d. i. nicht z. B. das eine Raumform, das andre Zeitform
sein, daher sich Rhythmik als Zeitkunst wol mit phonetischer Kunst,
deren Empfindungen (die Tonempfindungen) nach einander (successiv),
nicht aber mit der coloristischen Kunst, deren Material (die Licht
und Farbenempfindungen) zugleich (simultan) auftritt, verbinden lässt.
398. Aus dem Umstande, dass die ästhetische Ideendarstellung je
nach der Verschiedenheit des Vorstellungsmaterials zwar immer
schöne Kunst, aber stets eine andere ergibt, fliesst, dass
wo das erforderliche Material im Bewusstsein gar nicht oder in
ungenügendem Masse vorhanden ist, die bezügliche schöne Kunst durch
keine Art künstlicher Bildung erworben zu werden vermag (poeta
nascitur). Derjenige, welchem aus was immer für einem Grunde
(z. B. durch die mangelhafte Lichtreizempfindlichkeit seines
Gesichts-, oder Gehörsreizempfindlichkeit seines Gehörsorgans)
die Unterscheidungsgabe für die feinen Nuancen der Farben- oder
Tonempfindungen und deren Intensitäten versagt ist, ist weder zum
Coloristen noch zum Musiker geschaffen; demjenigen, welcher für die
sinnlichen Eindrücke seiner Umgebung entweder, wie der träumerische
Denker in Folge seines Insichgekehrtseins, oder wie der oberflächliche
Weltling in Folge unaufhörlichen Zerstreutseins weder Auge noch Ohr
besitzt, geht die Bedingung des Dichters ab.
399. Wie die logische Kunst, wo sie nicht die Wissenschaft, sondern
die Virtuosität in der Handhabung logischer Kunstgriffe zum Ziel
hat, in Sophistik, so artet die schöne Kunst, wenn sie nicht die
Darstellung ästhetischer Ideen, sondern die Darlegung unumschränkter
Herrschaft über das ästhetische Material d. i. blosse Kunstfertigkeit
sich zum Zweck setzt, in Künstelei aus. Jene wie diese wird dadurch
abgeschnitten, dass sowol die logische wie die schöne Kunst unter
die Herrschaft der ethischen Ideen gestellt d. h. dass sowol die
Ausübung der logischen Pflicht, nur Logisches zu denken, wie jene
der ästhetischen Pflicht, nur Schönes zu schaffen, von der ethischen
Pflicht, nur das Gute zu wollen, abhängig gemacht d. h. weder alles,
was überhaupt gewusst werden kann, zu wissen gestrebt, noch alles,
was Schönes überhaupt geschaffen werden kann, zu schaffen unternommen
wird. Ausdruck dieser Mässigung, welche vor allem einerseits das zur
Erfüllung des sittlichen Berufs Unentbehrliche ("das Reich Gottes")
im Wissen sucht und das der Erreichung desselben im Wege Stehende
seiner lockenden Schönheit ungeachtet im Schaffen unterlässt d. h. nur
Wissenschaft, aber nicht jede Wissenschaft, und nur Schönes, aber
nicht jedes Schöne duldet, ist als Darstellung der ethischen Ideen
im eigenen, sei es Forscher-, sei es Künstlerbewusstsein, die Weisheit.
400. Wenn die Bildungskunst des eigenen Vorstellens nach logischen,
ästhetischen und ethischen Ideen zusammengenommen die Kunst der
Geistesbildung, so macht jene des eigenen Fühlens nach ästhetischen
Ideen die Kunst der Gemüthsbildung aus. Dieselbe geht, um Kunst
d. h. um Darstellung in einem dem Darzustellenden homogenen Material
zu sein, darauf aus, ihren Stoff, die Gefühle, in ihrer Reinheit
herzustellen d. h. von jedem Zusatz, der etwas anderes als Gefühl
(z. B. Begierde) und jeder Form, die eine andere als die Form des
Gefühls (z. B. bewusste Vorstellung; wissenschaftliche Einsicht) wäre,
freizumachen. Dieselbe scheidet daher einerseits alle diejenigen
Gefühle aus, die nur durch die Befriedigung oder Nichtbefriedigung
eines eben vorhandenen zufälligen und ausschliesslich individuellen
Begehrens, Wünschens oder Wollens veranlasst sind (die sogenannten
"vagen" oder subjectiven Gefühle, Erregungen), andrerseits aber
auch alle diejenigen sogenannten kritischen d. h. ein Gefallen oder
Missfallen ausdrückenden Urtheile, welche mit Bewusstsein aus anderen
Urtheilen als ihren Gründen abgeleitet, also nicht in der Gefühlsform
d. h. als unwillkürlicher (bewusstloser), unvermittelter Vorgang im
Bewusstsein gegeben sind. Folge des ersteren ist, dass als Material
für ästhetische Ideendarstellung nur allgemeine und nothwendige
(sogenannte "fixe" oder objective) Gefühle, Folge des letzteren, dass
nur sogenannte ästhetische (d. i. an sich evidente, eines Beweises
weder fähige noch bedürftige) Werthurtheile als solches zugelassen
werden. Jene wie diese, da es zu beider Beschaffenheit gehört,
allgemein und nothwendig d. h. unbedingter Ausdruck eines Wohlgefallens
oder Missfallens zu sein, die ästhetischen Ideen aber selbst nichts
anderes sind als das an sich unbedingt Wohlgefällige und Missfällige,
machen von Haus aus die Darstellung der letzteren als deren "Stimme"
im Bewusstsein (die Idee in uns; das "Daimonion des Sokrates") aus. Je
nachdem diese letztere sich richtend d. i. lobend oder tadelnd über
eigenes Verhalten (Schaffen oder Wollen), oder als harmonischer oder
disharmonischer Nachklang fremder Gefühle vernehmen lässt, wird sie
im ersteren Fall, wenn sie das eigene Schaffen seinem Werthe nach
beurtheilt, Geschmack (ästhetisches Gewissen), wenn sie das eigene
Wollen billigt oder missbilligt, Gewissen (sittlicher Geschmack),
in letzterem Falle sympathetisches Gefühl und zwar als harmonisches
Sympathie (Mitgefühl, Mitleid, Mitfreude), wenn es disharmonisch ist,
Antipathie (Neid, Schadenfreude) genannt.
401. Frucht der Gemüthsbildung ist die Lebendigkeit des Geschmacks (der
"Stimme des Gottes") im Künstler, des Gewissens (der "Stimme Gottes")
im Einzel- und des Mitgefühls (socialen Gefühls) im geselliglebenden
(socialen) Menschen. Wie die erste der schönen Kunst, so arbeitet die
zweite der Bildungskunst des eigenen Wollens nach ethischen Normen
vor; jene, indem durch die Lebendigkeit der eigenen Kunsteinsicht und
des eigenen Kunsturtheils das eigene Schaffen des Künstlers gehoben
und geregelt, diese indem durch die Regsamkeit der eigenen ethischen
Einsicht und des Gewissensurtheils das eigene Wollen und Thun geweckt,
beaufsichtigt und beeinflusst wird. Wie das Geschmacksurtheil die
ästhetische Norm für den Schaffenden, so bietet das Gewissensurtheil
die sittliche Norm für den Wollenden dar, und deren Anwendung auf
den gegebenen Fall erfolgt um so leichter, aber auch von Seite des im
Bewusstsein vorhandenen Materials zur Darstellung der sittlichen Ideen
d. i. von Seite des eigenen Begehrens, Wünschens und Wollens um so
widerstandsloser, je reiner d. h. je freier von fremdartigen Zusätzen
und Einmischungen das letztere gehalten wird. Dasselbe darf daher
weder in der Form blosser Vorstellung eines Wollens, noch in jener
eines bewusstlosen Begehrens oder einsichtslosen Wünschens, sondern
es muss in jener des wirklichen Wollens zur Beurtheilung vorliegen,
um an der ethischen Norm mit Bewusstsein gemessen und von der Stimme
des Gewissens zugelassen oder verworfen werden zu können. Indem
auf diese Weise die ethische Idee im Willens- wie auf ähnlichem
Wege die ästhetische Idee im Schaffensact zur Darstellung gelangt,
verkörpert sich durch deren Ausdehnung einerseits auf das gesammte
Wollen, andrerseits auf das gesammte Schaffen die ethische Idee, der
Inhalt der Gewissensstimme, im sittlichen, wie die ästhetische Idee,
der Inhalt der Geschmacksstimme, im künstlerischen Charakter und
tritt, wie die Ideendarstellung im eigenen Vorstellen als Geistes-,
jene im eigenen Fühlen als Gemüths-, so jene im eigenen Wollen als
Kunst der Charakterbildung auf.
ZWEITES CAPITEL.
DIE BILDEKUNST.
402. Wie die Bildungskunst darauf ausgeht, das eigene, so
ist die Bildekunst bemüht, fremdes Vorstellen, Fühlen und
Wollen ideengemäss zu gestalten. Dieselbe setzt daher nicht nur
Bewusstsein der Ideen im eigenen und Empfänglichkeit für dieselben
im fremden Bewusstsein, sondern sie setzt überdies, wie jede für
Andere bestimmte Mittheilung, eine beiden gemeinsame Welt und ein
beiden verständliches Verständigungsmittel voraus. Ersteres, wie
letzteres, bedingt eine innerhalb bestimmter Grenzen sich bewegende
Gleichartigkeit des sich mittheilenden und des zur Aufnahme der
Mittheilung bestimmten Bewusstseins, welche weder so weit gehen darf,
dass die Verschiedenheit zwischen beiden zu einer blossen Wiederholung
des einen im andern herabsinkt, noch so sehr abgeschwächt werden
darf, dass die Verschiedenheit beider bis zu völligem Gegensatz
sich steigert. Jenes wäre der Fall, wenn das sich mittheilende
Bewusstsein weder quantitativ noch qualitativ verschiedenen Inhalt
von dem des empfangenden besässe, letzteres dagegen, wenn das
empfangende Bewusstsein dem sich mittheilenden nicht nur quantitativ
überlegen, sondern qualitativ demselben etwa in der Weise, dass das
eine endliches (menschliches), das andere schlechthin unendliches
(göttliches) Bewusstsein darstellte, entgegengesetzt wäre. Während
qualitativ homogene, obgleich quantitativ weit von einander abstehende
Bewusstseinsindividualitäten immerhin der nämlichen Welt angehören und
eines gemeinsamen Verständigungsmittels sich bedienen können, fallen
die Welten qualitativ entgegengesetzter Bewusstseinsindividualitäten,
wie diese selbst, als qualitative Gegensätze aus einander und ist
zwischen denselben eine Verständigung nur unter der Voraussetzung
möglich, dass entweder die eine (niedere, endliche) in die Sphäre
der andern ("der Mensch zum Gotte") emporgehoben, oder die andere
(die höhere, unendliche) in jene der niederen "der Gott zum Menschen"
herabgezogen wird. In jenem Fall nimmt das endliche Bewusstsein Inhalt
und Form des unendlichen (der Mensch Göttergestalt: Apotheose) und
damit nicht nur die Erkenntniss- (Intuition, absolutes Wissen), sondern
auch die Ausdrucksweise (visionäre, prophetische Sprache) des absoluten
Bewusstseins an. In letzterem Falle steigt das göttliche Bewusstsein
nicht nur zu den Formen und Gesetzen des menschlichen, sondern auch
zur Menschengestalt (Menschwerdung: Incarnation) und menschlichen
Sprache (Unterredung, Belehrung durch Rede und Beispiel) herab.
403. Wie bei der Kunst der Ideendarstellung im eigenen, besteht die
Vorbedingung bei jener im fremden Bewusstsein darin, dieses letztere
als dargebotenes Material rein d. h. je nach der verschiedenen Classe
von Bewusstseinsindividualitäten, zu der es gehört, von fremdartigen
Zusätzen und Vermengungen frei zu erhalten. Je nachdem das fremde
Bewusstsein Einzelbewusstsein, oder einer Gesellschaft gleichartiger
Individuen gemeinsames (Gesellschafts-) Bewusstsein, ersteres selbst
entweder dem Bildner qualitativ gleichartiges und nur quantitativ
untergeordnetes (werdendes) oder demselben ungleichartiges, quantitativ
entweder ebenbürtiges oder überlegenes, in beiden Fällen fertiges
Bewusstsein ist, werden drei Classen der Bildekunst, je nachdem die
Thätigkeit des Bildners auf die Bildung des fremden Vorstellens oder
des fremden Fühlens oder des fremden Wollens gerichtet ist, in jeder
derselben drei besondere Formen der Bildekunst unterschieden. Jene
drei ergeben nach einander a. die Kunst der Ideendarstellungen
im jugendlichen Bewusstsein (Jugendbildung), b. die Kunst der
Ideendarstellung im schon geformten, gereiften Bewusstsein
(Regiment), c. die Kunst der Ideendarstellung im öffentlichen
Bewusstsein (Staatskunst); diese ebenso nach einander a. die Kunst
der Ideendarstellung im fremden Vorstellen (Unterricht), b. die Kunst
der Darstellung der ästhetischen Ideen im fremden Fühlen (Zucht),
c. die Darstellung ethischer Ideen im fremden Wollen (Regierung).
404. Wie die Kunst der Selbstbildung jene der Geistes-, Gemüths- und
Charakterbildung, so begreift die der Jugendbildung (Erziehungskunst,
Pädagogik) die des Unterrichts (Didaktik), der Zucht und der Regierung
der Jugend in sich. Dieselbe setzt, wie jede Kunst, die Kenntniss der
darzustellenden Ideen einer-, des Materials, in welchem dieselben zur
Darstellung gelangen sollen d. i. nicht nur jene des menschlichen
Bewusstseins überhaupt (Psychologie des Menschen), sondern die des
jugendlichen Bewusstseins (Psychologie der Jugend) insbesondere
andrerseits voraus. Insofern das letztere von dem des erwachsenen
Menschen nicht qualitativ, sondern nur quantitativ, nicht den Gesetzen
seiner Entwickelung, sondern nur dem bisher eingesammelten Vorrath
des Bewusstseinsinhalts nach verschieden, in Anbetracht des letzteren
dürftiger als jenes ist, geht die Aufgabe der Jugendbildung dahin,
einerseits den mangelnden Bewusstseinsinhalt in das Bewusstsein
einzuführen, andererseits für die normale Entwickelung der aus dem
Wechselverkehr der Vorstellungen entspringenden Gefühle, Begehrungen,
Wünsche, Willensacte und Handlungen Sorge zu tragen. Jenes,
die Zuführung des erforderlichen Bewusstseinsinhalts (Bildung der
Vorstellungen und Vorstellungsmassen) macht den Zweck des Unterrichts;
dieses, und zwar die Regelung der aus der wechselseitigen Hemmung und
Förderung der Vorstellungsmassen entspringenden Gefühle macht die
Aufgabe der Zucht, dagegen die Bändigung des aus den aufstrebenden
Vorstellungen und Vorstellungsmassen aufbrausenden Begehrens,
Wünschens und Wollens, insbesondere aber der das Zusammenleben mit
Andern störenden Aeusserungen der Gefühle und Begierden in Handlungen
die Aufgabe der Regierung der Jugend aus.
405. Welcherlei Material an Vorstellungen dem Bewusstsein zugeführt
werden soll, hängt von der Natur der in demselben darzustellenden
Ideen ab. Dasselbe und folglich auch der Charakter des vermittelnden
Unterrichts wird naturgemäss ein anderes sein, wenn Ideen aller
Art, als wenn Ideen nur einer besonderen Gattung (z. B. nur die
ästhetischen oder nur die ethischen oder nur die logischen) in
demselben zur Darstellung kommen sollen. In jenem Fall werden alle
Vorstellungen dem Bewusstsein zugeführt werden müssen, an deren
Vorhandensein überhaupt eine Classe der Ideen, in letzterem Fall nur
solche, an welchen gerade eine bestimmte Classe von Ideen Interesse
nimmt. Erstere Form des Unterrichts umfasst daher alle Vorstellungen
und Vorstellungsmassen, an deren Herbeiführung der Erziehungs-
d. i. der Kunst der Darstellung aller, der logischen nicht weniger wie
der moralischen und ästhetischen Ideen im Jugendbewusstsein gelegen
ist, und wird deshalb als erziehender, im Gegensatze dazu jene Form
des Unterrichts, welche an der Darstellung nur einer Classe von Ideen
und zwar der logischen im jugendlichen Vorstellen Interesse hat, als
wissenschaftlicher Unterricht bezeichnet. Letztere Form zerfällt, je
nachdem es sich lediglich darum handelt, dem jugendlichen Bewusstsein
wissenschaftliche d. i. den logischen Normen gemässe Vorstellungen und
Vorstellungsmassen zu überliefern oder dasselbe nicht blos anzuregen,
sondern anzuleiten und zu befähigen, dergleichen ohne vorhergegangene
Mittheilung (nicht reproductiv), durch eigene, den logischen Normen
entsprechende Thätigkeit aus sich (productiv) zu erzeugen, in eine
niedere und höhere Stufe, deren erste nur darauf ausgeht, Gelehrte,
deren letztere darauf hinzielt, Forscher zu bilden. Die Aufgabe der
Bildung durch erziehenden Unterricht fällt, wenn der Unterricht weder
gelegentlich, noch einem oder wenigen (wie in der Familie), sondern
vielen zugleich und in einer seinem Zwecke besonders gewidmeten Anstalt
(Unterrichtsanstalt, Schule) ertheilt wird, der untersten, für alle
ohne Unterschied bestimmten Stufe derselben, der Volksschule; die
Gelehrtenbildung der mittleren, zur Ausbildung einer Gelehrtenclasse
und zugleich zur Vorbereitung für die Selbstforschung gewidmeten
Gelehrtenschule (Gymnasium, Realschule); die dritte der zur Bildung
künftiger wissenschaftlicher Selbstforscher bestimmten obersten Stufe,
der Hochschule (Universität, Polytechnicum) zu.
406. Durch die Wahrnehmung des moralischen und des ästhetischen
Interesses mit und neben dem wissenschaftlichen arbeitet der erziehende
Unterricht sowol der Zucht wie der Regierung vor. Der ersteren, indem
durch die Beachtung solcher Vorstellungen und Vorstellungsmassen,
durch welche die Entstehung (sei es der Intensität wie der Qualität
nach) bedenklicher Gefühle entweder gänzlich verhindert oder doch
beschränkt, dagegen jene (sowol der Stärke als dem Inhalt nach)
wünschenswerther Erregungen geweckt und gefördert wird, bei der Auswahl
des Unterrichtsmaterials die Regelung der im Bewusstsein vorhandenen
Gefühle nach Qualität und Energie erleichtert, das jugendliche Gemüth
in Freud und Leid "in Züchten", in seinen Mitgefühlen für und gegen
Andere keusch, schamhaft und "züchtig" gehalten wird; der letzteren,
indem durch die Beachtung solcher Vorstellungen und Vorstellungsmassen
bei der Auswahl des Unterrichtsmaterials, durch welche einerseits
die Furcht vor den Folgen unbändiger Ausschreitungen in Affects-
und Willensäusserung erweckt und erhöht, andererseits die Aussicht
auf die wohlthätigen Wirkungen gemässigten Verhaltens nach aussen,
so wie in Beziehung auf Andere wirksam belebt und gesteigert, der
Uebermuth der im Bewusstsein auftauchenden blinden Triebe, Affecte
und Leidenschaften gezügelt, der Störungs- und Zerstörungseifer der
Jugend durch Lohn und Strafe eingedämmt wird.
407. Wie der Unterricht, so hat die Zucht und die Regierung,
also die gesammte Jugenderziehung zum letzten Zweck, mit der
Erreichung ihres Ziels, der Geistes-, Gemüths- und Charakterreife,
sich selbst überflüssig zu machen. Jenes geschieht, wenn der Schüler
zum Selbstforscher, dieses, wenn das stürmisch bewegte und erregte
Gemüth zur ruhig prüfenden Stimme des Innern und das halt- und ziellos
zerfahrende Trachten und Treiben zum zielbewussten Wollen und in sich
gefesteten Charakter geworden ist.
408. Wie die Erziehung an das werdende, so wendet sich die zweite
Art der Bildekunst an ein bereits ("im Strom der Welt") gewordenes
Bewusstsein. Soll dasselbe nicht blos einförmiger Wiederholung,
sondern lebendiger Wechselwirkung zugänglich und fähig sein,
so muss zwischen demjenigen Theil, welcher den andern nach sich
zu bilden trachtet, und jenem, welcher sich das vom Andern "nach
seinem Bilde" Gebildetwerden gefallen lässt, zwar Verwandtschaft,
aber nicht Gleichheit, darf zwar Ungleichheit, aber nicht Gegensatz
herrschen. Dieser Fall findet statt bei der gegenseitigen, Geist,
Gemüth und Charakter beeinflussenden Wechselwirkung zwischen dem
Geschlecht nach entgegengesetzten (Mann und Weib), oder dem Range,
Stande, Beruf, der Lebensstellung nach verschiedenen, insbesondere
einander über- und untergeordneten Individuen (Vornehmen und Geringen,
Herren und Dienern), am entschiedensten und folgereichsten aber
zwischen dem Gläubigen und dem "nach seinem Ebenbilde" gedachten
d. i. vom Menschen menschenähnlich erschaffenen Gott (homo homini
deus).