397. Das auf diesem Wege in Schein umgewandelte Vorstellen (die

"Welt der Phantasie") bildet das Material der ästhetischen

Ideendarstellung. Dasselbe ist so vielfach und mannigfaltig

als das Vorstellen selbst und zerfällt, wie dieses, je nach

der Beschaffenheit seines Inhalts in verschiedene Classen. Die

erste derselben ist jene der sogenannten einfachen Empfindungen

(des Gesichts oder Gehörs oder des Tastsinns, während Geruchs- und

Geschmacksempfindungen ihrer Unbestimmtheit wegen als ästhetisches

Material keine Verwendung finden, ausser etwa in der Gastronomie,

in welcher durch Abwechslung verschiedener Geschmäcke, oder in

der Garten- und Toilettenkunst, wo durch Abwechslung verschiedener

Wohlgerüche ein dem ästhetischen verwandter Eindruck hervorgebracht

werden soll). Die Gesichtsempfindungen, und zwar sowol jene der

quantitativ verschiedenen Helligkeits- und Dunkelheitsgrade (Licht

und Schatten) wie die der qualitativ unterschiedenen Lichteindrücke

(Farben) liefern den Stoff für die Kunst des Colorits (Helldunkel

und Farbengebung). Die Empfindungen des Gehörssinns, und zwar sowol

jene der quantitativ verschiedenen Intensitätsgrade des Schalls (forte

piano), wie jene der qualitativ verschiedenen periodischen Klangreize

(Töne) liefern den Stoff für die phonetische Kunst (Modulation,

Klangfarbe). Die Tastempfindungen, und zwar sowol jene des quantitativ

verschiedenen Drucks und der demselben Widerstand leistenden Kraft,

die "statischen" Empfindungen, wie jene der qualitativ verschiedenen

(ebenen oder gekrümmten) Körperoberflächen (Ebene, Kugeloberfläche,

gewellte Oberfläche u. s. w.), die "plastischen" Empfindungen, liefern

das Material, jene für die bauende, diese für die bildende Kunst

(Architektur und Sculptur). Die zweite Art der Vorstellungen begreift

diejenigen, deren Inhalt leere Reihen und deren Grössenverhältnisse,

und zwar sowol Zeit- und Zahlen- als Raumverhältnisse ausmachen,

welche letzteren selbst einander entweder quantitativ gleich

(wie bei den symmetrisch angeordneten Gegenständen im Raum), oder

proportional (wie bei der regelmässigen Aufeinanderfolge gleicher

und ungleicher Abschnitte in der Zeit), oder qualitativ gleichartig

(z. B. als Raumformen entweder durchaus lineare, oder ebene, oder

gekrümmte Flächenformen, als Zeitabschnitte durchaus lineare Formen)

oder ungleichartig (als Raumformen aus geraden und krummen Linien,

ebenen und gekrümmten Flächen, als Zeitformen aus Eintheilungsgliedern

nach verschiedenen Zeiteinheiten gemischt) sein können. Dieselben

liefern den Stoff, wenn sie Raumformen und deren Verhältnisse zum

Inhalt haben, für die zeichnende (raummessende und raumbildende),

wenn Zeitformen und deren Verhältnisse ihren Inhalt ausmachen,

für die rhythmische (zeitmessende und zeitraumbildende Kunst). Die

dritte Classe von Vorstellungen umfasst die sinnlichen Vorstellungen

und die aus denselben entwickelten Gemeinbilder (Begriffe), welche

als solche einen bestimmten aus der Erfahrung entweder unmittelbar,

oder durch inzwischen eingetretene Veränderungen mittelbar geschöpften

Inhalt besitzen d. i. Gegenstände darstellen, welche entweder ganz

oder deren Bestandtheile in der sogenannten wirklichen d. h. in der

phänomenalen Welt der Erfahrung vorfindlich sind, liefert den Stoff

zur Ideendarstellung in der Vorstellungswelt der gegebenen Erfahrung

d. i. zur Dicht- oder poetischen Kunst. Durch die Vereinigung zweier

oder mehrerer dieser sogenannten einfachen Künste zu einer einzigen

Kunst kann eine zusammengesetzte Kunst d. h. Ideendarstellung in

einem Material entstehen, welches die Summe der Materiale der zum

Ganzen verbundenen Künste ist. So ergibt sich durch die Verbindung

der zeichnenden und der coloristischen Kunst die malerische, durch

jene der rhythmischen und phonetischen Kunst die musikalische, durch

jene der zeichnenden und bauenden die architektonische, und durch

jene der zeichnenden und bildenden die plastische Kunst. Nur dürfen

die Materialien, die mit einander verbunden werden sollen, nicht

ungleichartig d. i. nicht z. B. das eine Raumform, das andre Zeitform

sein, daher sich Rhythmik als Zeitkunst wol mit phonetischer Kunst,

deren Empfindungen (die Tonempfindungen) nach einander (successiv),

nicht aber mit der coloristischen Kunst, deren Material (die Licht

und Farbenempfindungen) zugleich (simultan) auftritt, verbinden lässt.

398. Aus dem Umstande, dass die ästhetische Ideendarstellung je

nach der Verschiedenheit des Vorstellungsmaterials zwar immer

schöne Kunst, aber stets eine andere ergibt, fliesst, dass

wo das erforderliche Material im Bewusstsein gar nicht oder in

ungenügendem Masse vorhanden ist, die bezügliche schöne Kunst durch

keine Art künstlicher Bildung erworben zu werden vermag (poeta

nascitur). Derjenige, welchem aus was immer für einem Grunde

(z. B. durch die mangelhafte Lichtreizempfindlichkeit seines

Gesichts-, oder Gehörsreizempfindlichkeit seines Gehörsorgans)

die Unterscheidungsgabe für die feinen Nuancen der Farben- oder

Tonempfindungen und deren Intensitäten versagt ist, ist weder zum

Coloristen noch zum Musiker geschaffen; demjenigen, welcher für die

sinnlichen Eindrücke seiner Umgebung entweder, wie der träumerische

Denker in Folge seines Insichgekehrtseins, oder wie der oberflächliche

Weltling in Folge unaufhörlichen Zerstreutseins weder Auge noch Ohr

besitzt, geht die Bedingung des Dichters ab.

399. Wie die logische Kunst, wo sie nicht die Wissenschaft, sondern

die Virtuosität in der Handhabung logischer Kunstgriffe zum Ziel

hat, in Sophistik, so artet die schöne Kunst, wenn sie nicht die

Darstellung ästhetischer Ideen, sondern die Darlegung unumschränkter

Herrschaft über das ästhetische Material d. i. blosse Kunstfertigkeit

sich zum Zweck setzt, in Künstelei aus. Jene wie diese wird dadurch

abgeschnitten, dass sowol die logische wie die schöne Kunst unter

die Herrschaft der ethischen Ideen gestellt d. h. dass sowol die

Ausübung der logischen Pflicht, nur Logisches zu denken, wie jene

der ästhetischen Pflicht, nur Schönes zu schaffen, von der ethischen

Pflicht, nur das Gute zu wollen, abhängig gemacht d. h. weder alles,

was überhaupt gewusst werden kann, zu wissen gestrebt, noch alles,

was Schönes überhaupt geschaffen werden kann, zu schaffen unternommen

wird. Ausdruck dieser Mässigung, welche vor allem einerseits das zur

Erfüllung des sittlichen Berufs Unentbehrliche ("das Reich Gottes")

im Wissen sucht und das der Erreichung desselben im Wege Stehende

seiner lockenden Schönheit ungeachtet im Schaffen unterlässt d. h. nur

Wissenschaft, aber nicht jede Wissenschaft, und nur Schönes, aber

nicht jedes Schöne duldet, ist als Darstellung der ethischen Ideen

im eigenen, sei es Forscher-, sei es Künstlerbewusstsein, die Weisheit.

400. Wenn die Bildungskunst des eigenen Vorstellens nach logischen,

ästhetischen und ethischen Ideen zusammengenommen die Kunst der

Geistesbildung, so macht jene des eigenen Fühlens nach ästhetischen

Ideen die Kunst der Gemüthsbildung aus. Dieselbe geht, um Kunst

d. h. um Darstellung in einem dem Darzustellenden homogenen Material

zu sein, darauf aus, ihren Stoff, die Gefühle, in ihrer Reinheit

herzustellen d. h. von jedem Zusatz, der etwas anderes als Gefühl

(z. B. Begierde) und jeder Form, die eine andere als die Form des

Gefühls (z. B. bewusste Vorstellung; wissenschaftliche Einsicht) wäre,

freizumachen. Dieselbe scheidet daher einerseits alle diejenigen

Gefühle aus, die nur durch die Befriedigung oder Nichtbefriedigung

eines eben vorhandenen zufälligen und ausschliesslich individuellen

Begehrens, Wünschens oder Wollens veranlasst sind (die sogenannten

"vagen" oder subjectiven Gefühle, Erregungen), andrerseits aber

auch alle diejenigen sogenannten kritischen d. h. ein Gefallen oder

Missfallen ausdrückenden Urtheile, welche mit Bewusstsein aus anderen

Urtheilen als ihren Gründen abgeleitet, also nicht in der Gefühlsform

d. h. als unwillkürlicher (bewusstloser), unvermittelter Vorgang im

Bewusstsein gegeben sind. Folge des ersteren ist, dass als Material

für ästhetische Ideendarstellung nur allgemeine und nothwendige

(sogenannte "fixe" oder objective) Gefühle, Folge des letzteren, dass

nur sogenannte ästhetische (d. i. an sich evidente, eines Beweises

weder fähige noch bedürftige) Werthurtheile als solches zugelassen

werden. Jene wie diese, da es zu beider Beschaffenheit gehört,

allgemein und nothwendig d. h. unbedingter Ausdruck eines Wohlgefallens

oder Missfallens zu sein, die ästhetischen Ideen aber selbst nichts

anderes sind als das an sich unbedingt Wohlgefällige und Missfällige,

machen von Haus aus die Darstellung der letzteren als deren "Stimme"

im Bewusstsein (die Idee in uns; das "Daimonion des Sokrates") aus. Je

nachdem diese letztere sich richtend d. i. lobend oder tadelnd über

eigenes Verhalten (Schaffen oder Wollen), oder als harmonischer oder

disharmonischer Nachklang fremder Gefühle vernehmen lässt, wird sie

im ersteren Fall, wenn sie das eigene Schaffen seinem Werthe nach

beurtheilt, Geschmack (ästhetisches Gewissen), wenn sie das eigene

Wollen billigt oder missbilligt, Gewissen (sittlicher Geschmack),

in letzterem Falle sympathetisches Gefühl und zwar als harmonisches

Sympathie (Mitgefühl, Mitleid, Mitfreude), wenn es disharmonisch ist,

Antipathie (Neid, Schadenfreude) genannt.

401. Frucht der Gemüthsbildung ist die Lebendigkeit des Geschmacks (der

"Stimme des Gottes") im Künstler, des Gewissens (der "Stimme Gottes")

im Einzel- und des Mitgefühls (socialen Gefühls) im geselliglebenden

(socialen) Menschen. Wie die erste der schönen Kunst, so arbeitet die

zweite der Bildungskunst des eigenen Wollens nach ethischen Normen

vor; jene, indem durch die Lebendigkeit der eigenen Kunsteinsicht und

des eigenen Kunsturtheils das eigene Schaffen des Künstlers gehoben

und geregelt, diese indem durch die Regsamkeit der eigenen ethischen

Einsicht und des Gewissensurtheils das eigene Wollen und Thun geweckt,

beaufsichtigt und beeinflusst wird. Wie das Geschmacksurtheil die

ästhetische Norm für den Schaffenden, so bietet das Gewissensurtheil

die sittliche Norm für den Wollenden dar, und deren Anwendung auf

den gegebenen Fall erfolgt um so leichter, aber auch von Seite des im

Bewusstsein vorhandenen Materials zur Darstellung der sittlichen Ideen

d. i. von Seite des eigenen Begehrens, Wünschens und Wollens um so

widerstandsloser, je reiner d. h. je freier von fremdartigen Zusätzen

und Einmischungen das letztere gehalten wird. Dasselbe darf daher

weder in der Form blosser Vorstellung eines Wollens, noch in jener

eines bewusstlosen Begehrens oder einsichtslosen Wünschens, sondern

es muss in jener des wirklichen Wollens zur Beurtheilung vorliegen,

um an der ethischen Norm mit Bewusstsein gemessen und von der Stimme

des Gewissens zugelassen oder verworfen werden zu können. Indem

auf diese Weise die ethische Idee im Willens- wie auf ähnlichem

Wege die ästhetische Idee im Schaffensact zur Darstellung gelangt,

verkörpert sich durch deren Ausdehnung einerseits auf das gesammte

Wollen, andrerseits auf das gesammte Schaffen die ethische Idee, der

Inhalt der Gewissensstimme, im sittlichen, wie die ästhetische Idee,

der Inhalt der Geschmacksstimme, im künstlerischen Charakter und

tritt, wie die Ideendarstellung im eigenen Vorstellen als Geistes-,

jene im eigenen Fühlen als Gemüths-, so jene im eigenen Wollen als

Kunst der Charakterbildung auf.

ZWEITES CAPITEL.

DIE BILDEKUNST.

402. Wie die Bildungskunst darauf ausgeht, das eigene, so

ist die Bildekunst bemüht, fremdes Vorstellen, Fühlen und

Wollen ideengemäss zu gestalten. Dieselbe setzt daher nicht nur

Bewusstsein der Ideen im eigenen und Empfänglichkeit für dieselben

im fremden Bewusstsein, sondern sie setzt überdies, wie jede für

Andere bestimmte Mittheilung, eine beiden gemeinsame Welt und ein

beiden verständliches Verständigungsmittel voraus. Ersteres, wie

letzteres, bedingt eine innerhalb bestimmter Grenzen sich bewegende

Gleichartigkeit des sich mittheilenden und des zur Aufnahme der

Mittheilung bestimmten Bewusstseins, welche weder so weit gehen darf,

dass die Verschiedenheit zwischen beiden zu einer blossen Wiederholung

des einen im andern herabsinkt, noch so sehr abgeschwächt werden

darf, dass die Verschiedenheit beider bis zu völligem Gegensatz

sich steigert. Jenes wäre der Fall, wenn das sich mittheilende

Bewusstsein weder quantitativ noch qualitativ verschiedenen Inhalt

von dem des empfangenden besässe, letzteres dagegen, wenn das

empfangende Bewusstsein dem sich mittheilenden nicht nur quantitativ

überlegen, sondern qualitativ demselben etwa in der Weise, dass das

eine endliches (menschliches), das andere schlechthin unendliches

(göttliches) Bewusstsein darstellte, entgegengesetzt wäre. Während

qualitativ homogene, obgleich quantitativ weit von einander abstehende

Bewusstseinsindividualitäten immerhin der nämlichen Welt angehören und

eines gemeinsamen Verständigungsmittels sich bedienen können, fallen

die Welten qualitativ entgegengesetzter Bewusstseinsindividualitäten,

wie diese selbst, als qualitative Gegensätze aus einander und ist

zwischen denselben eine Verständigung nur unter der Voraussetzung

möglich, dass entweder die eine (niedere, endliche) in die Sphäre

der andern ("der Mensch zum Gotte") emporgehoben, oder die andere

(die höhere, unendliche) in jene der niederen "der Gott zum Menschen"

herabgezogen wird. In jenem Fall nimmt das endliche Bewusstsein Inhalt

und Form des unendlichen (der Mensch Göttergestalt: Apotheose) und

damit nicht nur die Erkenntniss- (Intuition, absolutes Wissen), sondern

auch die Ausdrucksweise (visionäre, prophetische Sprache) des absoluten

Bewusstseins an. In letzterem Falle steigt das göttliche Bewusstsein

nicht nur zu den Formen und Gesetzen des menschlichen, sondern auch

zur Menschengestalt (Menschwerdung: Incarnation) und menschlichen

Sprache (Unterredung, Belehrung durch Rede und Beispiel) herab.

403. Wie bei der Kunst der Ideendarstellung im eigenen, besteht die

Vorbedingung bei jener im fremden Bewusstsein darin, dieses letztere

als dargebotenes Material rein d. h. je nach der verschiedenen Classe

von Bewusstseinsindividualitäten, zu der es gehört, von fremdartigen

Zusätzen und Vermengungen frei zu erhalten. Je nachdem das fremde

Bewusstsein Einzelbewusstsein, oder einer Gesellschaft gleichartiger

Individuen gemeinsames (Gesellschafts-) Bewusstsein, ersteres selbst

entweder dem Bildner qualitativ gleichartiges und nur quantitativ

untergeordnetes (werdendes) oder demselben ungleichartiges, quantitativ

entweder ebenbürtiges oder überlegenes, in beiden Fällen fertiges

Bewusstsein ist, werden drei Classen der Bildekunst, je nachdem die

Thätigkeit des Bildners auf die Bildung des fremden Vorstellens oder

des fremden Fühlens oder des fremden Wollens gerichtet ist, in jeder

derselben drei besondere Formen der Bildekunst unterschieden. Jene

drei ergeben nach einander a. die Kunst der Ideendarstellungen

im jugendlichen Bewusstsein (Jugendbildung), b. die Kunst der

Ideendarstellung im schon geformten, gereiften Bewusstsein

(Regiment), c. die Kunst der Ideendarstellung im öffentlichen

Bewusstsein (Staatskunst); diese ebenso nach einander a. die Kunst

der Ideendarstellung im fremden Vorstellen (Unterricht), b. die Kunst

der Darstellung der ästhetischen Ideen im fremden Fühlen (Zucht),

c. die Darstellung ethischer Ideen im fremden Wollen (Regierung).

404. Wie die Kunst der Selbstbildung jene der Geistes-, Gemüths- und

Charakterbildung, so begreift die der Jugendbildung (Erziehungskunst,

Pädagogik) die des Unterrichts (Didaktik), der Zucht und der Regierung

der Jugend in sich. Dieselbe setzt, wie jede Kunst, die Kenntniss der

darzustellenden Ideen einer-, des Materials, in welchem dieselben zur

Darstellung gelangen sollen d. i. nicht nur jene des menschlichen

Bewusstseins überhaupt (Psychologie des Menschen), sondern die des

jugendlichen Bewusstseins (Psychologie der Jugend) insbesondere

andrerseits voraus. Insofern das letztere von dem des erwachsenen

Menschen nicht qualitativ, sondern nur quantitativ, nicht den Gesetzen

seiner Entwickelung, sondern nur dem bisher eingesammelten Vorrath

des Bewusstseinsinhalts nach verschieden, in Anbetracht des letzteren

dürftiger als jenes ist, geht die Aufgabe der Jugendbildung dahin,

einerseits den mangelnden Bewusstseinsinhalt in das Bewusstsein

einzuführen, andererseits für die normale Entwickelung der aus dem

Wechselverkehr der Vorstellungen entspringenden Gefühle, Begehrungen,

Wünsche, Willensacte und Handlungen Sorge zu tragen. Jenes,

die Zuführung des erforderlichen Bewusstseinsinhalts (Bildung der

Vorstellungen und Vorstellungsmassen) macht den Zweck des Unterrichts;

dieses, und zwar die Regelung der aus der wechselseitigen Hemmung und

Förderung der Vorstellungsmassen entspringenden Gefühle macht die

Aufgabe der Zucht, dagegen die Bändigung des aus den aufstrebenden

Vorstellungen und Vorstellungsmassen aufbrausenden Begehrens,

Wünschens und Wollens, insbesondere aber der das Zusammenleben mit

Andern störenden Aeusserungen der Gefühle und Begierden in Handlungen

die Aufgabe der Regierung der Jugend aus.

405. Welcherlei Material an Vorstellungen dem Bewusstsein zugeführt

werden soll, hängt von der Natur der in demselben darzustellenden

Ideen ab. Dasselbe und folglich auch der Charakter des vermittelnden

Unterrichts wird naturgemäss ein anderes sein, wenn Ideen aller

Art, als wenn Ideen nur einer besonderen Gattung (z. B. nur die

ästhetischen oder nur die ethischen oder nur die logischen) in

demselben zur Darstellung kommen sollen. In jenem Fall werden alle

Vorstellungen dem Bewusstsein zugeführt werden müssen, an deren

Vorhandensein überhaupt eine Classe der Ideen, in letzterem Fall nur

solche, an welchen gerade eine bestimmte Classe von Ideen Interesse

nimmt. Erstere Form des Unterrichts umfasst daher alle Vorstellungen

und Vorstellungsmassen, an deren Herbeiführung der Erziehungs-

d. i. der Kunst der Darstellung aller, der logischen nicht weniger wie

der moralischen und ästhetischen Ideen im Jugendbewusstsein gelegen

ist, und wird deshalb als erziehender, im Gegensatze dazu jene Form

des Unterrichts, welche an der Darstellung nur einer Classe von Ideen

und zwar der logischen im jugendlichen Vorstellen Interesse hat, als

wissenschaftlicher Unterricht bezeichnet. Letztere Form zerfällt, je

nachdem es sich lediglich darum handelt, dem jugendlichen Bewusstsein

wissenschaftliche d. i. den logischen Normen gemässe Vorstellungen und

Vorstellungsmassen zu überliefern oder dasselbe nicht blos anzuregen,

sondern anzuleiten und zu befähigen, dergleichen ohne vorhergegangene

Mittheilung (nicht reproductiv), durch eigene, den logischen Normen

entsprechende Thätigkeit aus sich (productiv) zu erzeugen, in eine

niedere und höhere Stufe, deren erste nur darauf ausgeht, Gelehrte,

deren letztere darauf hinzielt, Forscher zu bilden. Die Aufgabe der

Bildung durch erziehenden Unterricht fällt, wenn der Unterricht weder

gelegentlich, noch einem oder wenigen (wie in der Familie), sondern

vielen zugleich und in einer seinem Zwecke besonders gewidmeten Anstalt

(Unterrichtsanstalt, Schule) ertheilt wird, der untersten, für alle

ohne Unterschied bestimmten Stufe derselben, der Volksschule; die

Gelehrtenbildung der mittleren, zur Ausbildung einer Gelehrtenclasse

und zugleich zur Vorbereitung für die Selbstforschung gewidmeten

Gelehrtenschule (Gymnasium, Realschule); die dritte der zur Bildung

künftiger wissenschaftlicher Selbstforscher bestimmten obersten Stufe,

der Hochschule (Universität, Polytechnicum) zu.

406. Durch die Wahrnehmung des moralischen und des ästhetischen

Interesses mit und neben dem wissenschaftlichen arbeitet der erziehende

Unterricht sowol der Zucht wie der Regierung vor. Der ersteren, indem

durch die Beachtung solcher Vorstellungen und Vorstellungsmassen,

durch welche die Entstehung (sei es der Intensität wie der Qualität

nach) bedenklicher Gefühle entweder gänzlich verhindert oder doch

beschränkt, dagegen jene (sowol der Stärke als dem Inhalt nach)

wünschenswerther Erregungen geweckt und gefördert wird, bei der Auswahl

des Unterrichtsmaterials die Regelung der im Bewusstsein vorhandenen

Gefühle nach Qualität und Energie erleichtert, das jugendliche Gemüth

in Freud und Leid "in Züchten", in seinen Mitgefühlen für und gegen

Andere keusch, schamhaft und "züchtig" gehalten wird; der letzteren,

indem durch die Beachtung solcher Vorstellungen und Vorstellungsmassen

bei der Auswahl des Unterrichtsmaterials, durch welche einerseits

die Furcht vor den Folgen unbändiger Ausschreitungen in Affects-

und Willensäusserung erweckt und erhöht, andererseits die Aussicht

auf die wohlthätigen Wirkungen gemässigten Verhaltens nach aussen,

so wie in Beziehung auf Andere wirksam belebt und gesteigert, der

Uebermuth der im Bewusstsein auftauchenden blinden Triebe, Affecte

und Leidenschaften gezügelt, der Störungs- und Zerstörungseifer der

Jugend durch Lohn und Strafe eingedämmt wird.

407. Wie der Unterricht, so hat die Zucht und die Regierung,

also die gesammte Jugenderziehung zum letzten Zweck, mit der

Erreichung ihres Ziels, der Geistes-, Gemüths- und Charakterreife,

sich selbst überflüssig zu machen. Jenes geschieht, wenn der Schüler

zum Selbstforscher, dieses, wenn das stürmisch bewegte und erregte

Gemüth zur ruhig prüfenden Stimme des Innern und das halt- und ziellos

zerfahrende Trachten und Treiben zum zielbewussten Wollen und in sich

gefesteten Charakter geworden ist.

408. Wie die Erziehung an das werdende, so wendet sich die zweite

Art der Bildekunst an ein bereits ("im Strom der Welt") gewordenes

Bewusstsein. Soll dasselbe nicht blos einförmiger Wiederholung,

sondern lebendiger Wechselwirkung zugänglich und fähig sein,

so muss zwischen demjenigen Theil, welcher den andern nach sich

zu bilden trachtet, und jenem, welcher sich das vom Andern "nach

seinem Bilde" Gebildetwerden gefallen lässt, zwar Verwandtschaft,

aber nicht Gleichheit, darf zwar Ungleichheit, aber nicht Gegensatz

herrschen. Dieser Fall findet statt bei der gegenseitigen, Geist,

Gemüth und Charakter beeinflussenden Wechselwirkung zwischen dem

Geschlecht nach entgegengesetzten (Mann und Weib), oder dem Range,

Stande, Beruf, der Lebensstellung nach verschiedenen, insbesondere

einander über- und untergeordneten Individuen (Vornehmen und Geringen,

Herren und Dienern), am entschiedensten und folgereichsten aber

zwischen dem Gläubigen und dem "nach seinem Ebenbilde" gedachten

d. i. vom Menschen menschenähnlich erschaffenen Gott (homo homini

deus).

Anthroposophie im Umriss Entwurf eines Systems idealer Weltansicht auf realistischer Grundlage · 第 29 / 31 段