Musterbegriffe ohne Rücksicht auf eine denselben entsprechende oder
nicht entsprechende Wirklichkeit, jene des zweiten dagegen, das
Wirkliche ohne Rücksicht auf dessen vorhandene oder nicht vorhandene
Uebereinstimmung mit den Ideen, jedes der beiden genannten Gebiete
rein, ohne Beeinflussung oder Färbung durch das andre für sich
darzustellen, so ist es die Aufgabe des dritten, durch dessen
Gegenstand, die Kunst, welche weder, wie der Inhalt des ersten
vorschreibende, noch wie jener des zweiten Buches beschreibende
Betrachtung, sondern reale Bethätigung ist, die Ideen in die
Wirklichkeit einzuführen d. h. das mit den Ideen nicht in Einklang
stehende Wirkliche diesen, so weit dessen Natur es gestattet,
harmonisch zu gestalten.
386. Aus dem Gesagten folgt, dass der Begriff der Kunst, insofern unter
demselben Darstellung von Ideen im wirklichen Stoffe verstanden wird,
weder mit jenem der schönen Kunst, welche die Darstellung ästhetischer
Ideen, noch mit jenem der Technik, welche die kunstfertige Ueberwindung
der Ideendarstellung durch das wirkliche Material in den Weg gestellter
Widerstände in sich begreift, identisch, sondern weiter als beide
ist und als auf Wissen sich stützendes Können überall dort zur
Anwendung kommt, wo von Darstellung gleichviel was für welcher Ideen
in wirklichem, gleichviel ob willigem oder sprödem Stoffe die Rede
ist. Jenes, das Merkmal der Ideendarstellung, unterscheidet die Kunst
von der ideenlosen Virtuosität, die sich in Ueberwindung im Material
nicht gegebener, sondern in demselben ausdrücklich hervorgesuchter,
also selbstgemachter Schwierigkeiten gefällt. Dieses, das Merkmal
der Realität des Materials, durch welche die Idee selbst solche
gewinnt, unterscheidet die Kunst von dem traumhaft dahinfliessenden
Bewusstseinsgespinnst, welches weder durch die Verarbeitung nach
logischen Ideen logischen Halt, noch durch solche nach ästhetischen
Ideen ästhetische Form, noch durch gleiche nach ethischen Ideen
ethischen Gehalt, noch endlich durch Verkörperung in lebendigem,
eigenem oder fremdem, oder in leblosem Stoff reale Gestalt annimmt. Wie
jene Können ohne Wissen (entweder nicht Kennen oder nicht Kennenwollen
der Ideen, die sich gar wol mit umfassender Kenntniss des sonst zur
Ideendarstellung bestimmten Stoffs verträgt), so stellt dieses, auch
wenn es wie der hellseherische Traum des Genius das Wahre trifft, ein
Wissen ohne Können dar (nicht Verarbeiten, oder nicht Verarbeitenwollen
der Idee im Stoff, welches sich gar wohl wo mit umfassendem Vermögen
künstlerischer Darstellung vertragen, aber auch aus Mangel technischer
Anlage oder aus "göttlicher Trägheit" entspringen kann).
387. Kunst in diesem Sinn ist einerseits so vielfach, als überhaupt
zur Darstellung geeignete Ideen, und so mannigfaltig, als zur Aufnahme
derselben empfängliche Stoffe vorhanden sind. Dieselbe erscheint
in ersterer Hinsicht als Darstellerin logischer, ästhetischer und
ethischer d. i. der Ideen des Wahren, Schönen und Guten. In letzterer
Hinsicht wird es darauf ankommen, ob das Material, dessen die Kunst
sich bedient, psychischer (Bewusstseins-) oder physischer (materieller)
Natur, und im ersteren Fall, ob der Bewusstseinsstoff Inhalt des
eigenen oder eines fremden Bewusstseins sei. Dieselbe gliedert sich
in dieser Hinsicht in die dreifache Kunst der Bildung der Vorgänge des
eigenen Bewusstseins (Vorstellen, Fühlen, Wollen), so wie jener eines
fremden Bewusstseins, endlich der Körper und Processe der physischen
(leblosen und lebendigen) Natur nach (logischen, ästhetischen,
ethischen) Ideen. Die erste als Kunst der Ideendarstellung im eigenen
Vorstellen, Fühlen und Wollen d. i. der Bildung des eigenen Vorstellens
nach logischen, ästhetischen und ethischen, des eigenen Fühlens nach
ästhetischen und des eigenen Wollens nach ethischen Normen ergibt
die Kunst der Selbstbildung oder die Bildungskunst. Die zweite als
Kunst, das Vorstellen, Fühlen und Wollen eines Andern, das erste nach
logischen, ästhetischen und ethischen, das zweite nach ästhetischen,
das dritte nach ethischen Normen zu bilden, ergibt die Kunst der
Bildung Anderer oder die Bildekunst. Die dritte als die Kunst, die
Processe und Körper der materiellen, lebendigen und leblosen Natur
nach Ideen zu behandeln d. i. durch die Wahrheit als Wissenschaft zu
beherrschen, durch die Schönheit als Kunst zu verschönern und durch
die Güte als wohlwollende und menschenwürdige Behandlung zu veredeln,
ergibt als Kunst die Natur zu bilden, die bildende Kunst.
388. Bildungskunst als Ideendarstellung im eigenen Vorstellen ist
als Darstellung logischer Ideen in demselben zunächst logische
Kunst. Insofern die logischen Ideen den Inbegriff der Bedingungen
ausmachen, unter welchen Denken zum Wissen wird, besteht deren Aufgabe
darin, das eigene Vorstellen in Wissen, den Inhalt desselben in
Wissenschaft zu verwandeln. Der Denkende wird zum Wissenden, wenn ihm
alles dasjenige, aber auch nur dasjenige als wahr d. i. als richtig
und giltig erscheint, was ihm in Folge der Anwendung logischer
Normen auf sein Denken als solches erscheinen muss. Andernfalls
weiss er nicht, sondern meint, ahnt oder glaubt nur. Ersteres, wenn
er überhaupt keine Gründe, letzteres, wenn er andere als logische
d. i. aus dem Inhalt des Gedachten stammende Gründe hat, dasselbe für
wahr zu halten. Je nachdem diese letzteren entweder aus dem Gefühl,
oder aus dem Begehren, Wünschen und Wollen genommen sind, so dass der
Vorstellende dasjenige für wahr oder falsch hält, was seinen Gefühlen,
oder dasjenige, was seinen Wünschen entspricht oder entgegen ist,
tritt das von ihm für wahr Gehaltene in der Form eines Vorausgefühlten
(Geahnten) oder Vorauserwarteten (Geglaubten) auf, auch dann, wenn
dasselbe nach logischen Regeln aus der Beschaffenheit des Gedachten
weder vorhergesehen, noch überhaupt gewusst werden kann.
389. Insofern und weil das Wissen vom Meinen, Ahnen und Glauben
verschieden, die Form des Gewussten auch dann, wenn der Inhalt
derselbe ist, von der Form des blos Gemeinten, Geahnten oder
Geglaubten verschieden sein muss, so folgt, dass die logische
Kunst als Bearbeitung des eigenen Vorstellens nach logischen Regeln
zunächst darauf ausgehen muss, das zu bearbeitende Material d. i. das
eigene Vorstellen von allen ihm fremdartigen Bestandtheilen und
Zusätzen zu reinigen d. h. alles dasjenige auszuscheiden, was nicht
selbst Vorstellung, sondern Gefühl oder Streben (Begierde, Wunsch,
Wille) ist. Dieselbe trachtet daher vor allem den Vorstellenden
von jeder Rücksicht auf dasjenige frei zu machen, wodurch der
Inhalt des Gedachten zu dessen Gefühlen, Begierden, Wünschen und
Willensbestrebungen in förderlicher oder hemmender Beziehung steht
d. h. entweder ein ästhetisches oder ein praktisches Interesse für
denselben hat. Denn, wo das erstere herrscht, wird der Vorstellende
eine eben so begreifliche Neigung zeigen, dasjenige, was ihm aus irgend
einem Grunde nützlich, angenehm oder schön erscheint d. h. gefällt,
für wahr oder wirklich, wie dasjenige, was ihm missfällt, für falsch
oder Fiction zu halten; wo das letztere herrscht, wird er bereit sein,
dasjenige, was er aus irgend einem Grunde begehrt, wünscht oder will,
für begehrenswerth, möglich und erlaubt, so wie dessen Gegensätze
d. i. alles dasjenige, was er verabscheut, weder wünscht noch will,
für das Gegentheil zu halten. Aus dem ersteren entspringt, wenn das für
wahr Gehaltene deshalb dafür gehalten wird, weil dasselbe uns nützlich,
dagegen für falsch, wenn es uns schädlich scheint, die sogenannte gute
oder schlimme Ahnung, -- wird es dagegen für wahr oder falsch gehalten,
je nachdem es uns angenehm und schön oder unangenehm und hässlich
dünkt, der poetische Optimismus oder Pessimismus, poetischer Glaube
oder Unglaube (Wahnglaube). Aus dem letzteren entspringt, je nachdem
das praktische Interesse an dem Inhalt des Gedachten den Vorstellenden
nur gestimmt macht, Ungewisses, ja selbst Unwahrscheinliches, aber
doch Mögliches und bis zu einem gewissen Grad Wahrscheinliches über
diesen hinaus für wahrscheinlich, ja selbst für gewiss zu halten,
oder dermassen verblendet, dass er nicht blos Unwahrscheinliches
für wahrscheinlich, sondern Unmögliches für möglich, ja selbst für
wirklich hält, im ersten Fall Leichtgläubigkeit, im zweiten Fall
Aberglaube. Beide sind verzeihlich, wenn die Begierden, Wünsche und
Willensbestrebungen, durch die sie veranlasst werden, entweder an
sich löblich oder doch erlaubt, dagegen unentschuldbar, wenn dieselben
nicht blos thöricht, sondern unerlaubt und verwerflich sind.
390. Die Bearbeitung des eigenen Vorstellungsmaterials erfolgt, wenn
das letztere von fremdartigen, ästhetischen und praktischen Zusätzen
gereinigt ist, "sine ira", aber erst, wenn dieselbe nicht blos auf
Grund des psychischen Mechanismus, sondern nach logischen Normen
geschieht, "cum studio". Jene dient nur dazu, den Vorstellenden von
den Einflüssen des ästhetischen und praktischen Interesses auf sein
Denken frei d. h. das rein wissenschaftliche Interesse an dem Inhalt
des Gedachten zu dessen einzigem zu machen: diese geht darauf aus,
die durch den psychischen Mechanismus des Bewusstseins thatsächlich in
demselben entstandenen Gedanken vom Gesichtspunkt der logischen Ideen
einer kritischen Prüfung zu unterziehen d. h. das specifisch logische
oder im weiteren Sinn philosophische Interesse zu befriedigen. Die
Aufgabe der ersteren ist erfüllt, wenn es derselben gelungen ist,
auf rein wissenschaftlichem d. i. weder durch ästhetische, noch
praktische Interessen beeinflusstem Wege inhaltsvolle Gedanken
(Begriffe, Urtheile, Schlüsse, Systeme), jene der letzteren aber erst,
wenn sie es dahin gebracht hat, den Forderungen logischen Denkens
gegenüber haltbare d. i. logisch denkbare Gedanken (denknothwendige
oder doch logisch erlaubte Begriffe, Urtheile, Schlüsse und Systeme)
herzustellen. Frucht der ersteren ist die naive d. i. empiristische
und im philosophischen Sinn kritiklose, die der letzteren dagegen die
bewusste d. i. philosophische, weil durch logische Kritik gesichtete
Wissenschaft.
391. Die naive Wissenschaft führt ihren Namen daher, weil sie
einerseits zwar Wissenschaft d. h. von den Einflüssen des Gefühls
und des Willens frei, andererseits aber naiv ist d. i. um die Frage,
ob der psychische Mechanismus von Haus aus derart beschaffen sei,
dass die durch denselben im Bewusstsein zum Vorschein kommenden
Gebilde (Begriffe, Urtheile, Schlüsse, Schlussketten und Systeme)
wahre d. i. richtige und giltige Begriffe, Urtheile u. s. w. sein
müssen oder doch sein können, sich unbekümmert zeigt. Letztere aber
d. i. die eigentlich kritische Frage, weil sie nichts geringeres
als das gesammte erkenntnisstheoretische Problem d. i. die Würdigung
der gesammten auf dem Wege des psychischen Mechanismus entstandenen
Vorstellungen in Bezug auf deren Erkenntnisswerth enthält, ist um
so unabweislicher, je weniger es sich bestreiten lässt, dass gewisse
auf obigem Wege mit naturgesetzlicher Nothwendigkeit im Bewusstsein
sich einstellende Vorstellungsgebilde in Hinsicht auf deren Bedeutung
für die Erkenntniss keinen oder sogar einen negativen Werth besitzen
d. h. nicht blos Hohl-, sondern Wahngebilde sind. Zu diesen gehören
die sogenannten Sinnestäuschungen (Illusionen und Hallucinationen),
aber auch der Schein der täglichen Bewegung des gestirnten Himmels
um die Erde, oder des am Horizont vergrösserten Durchmessers des
Mondes, deren sich der Astronom, der sie als Trug erkennt, eben so
wenig wie der Laie, der sie für Wirklichkeit nimmt, zu erwehren
vermag. Ebendahin aber auch gewisse Begriffe, welche, wie jener
Schein, auf Grund des psychischen Mechanismus im Bewusstsein mit
naturgesetzlicher Nothwendigkeit entstehen und daher unabweislich,
aber nichts desto weniger von einer Inhaltsbeschaffenheit sind,
welche nicht ohne weiteres gestattet, deren Inhalt für möglich,
geschweige denn für wirklich, also auch nicht sie selbst für richtige
und giltige Begriffe zu halten. Von dieser Art sind Begriffe,
deren Inhalt auf Wirkliches bezogen und folglich, da dieselben
thatsächlich im Bewusstsein gegeben sind, als wirklich gesetzt wird,
zugleich aber in sich widersprechend ist, so dass die Forderung,
denselben als wirklich zu setzen, nichts geringeres bedeutet als
ein Widersprechendes, also ein solches, was nach logischen Ideen als
wirklich nicht gedacht werden darf, denselben zum Trotz als solches zu
denken. Zeigt sich nun, dass zu diesen Begriffen gerade diejenigen
gehören, von welchen die sogenannten Erfahrungswissenschaften,
Natur- und Geschichtswissenschaft, den umfassendsten Gebrauch und die
freigebigste Anwendung machen, ja solche, ohne welche das von obigen
Wissenschaften errichtete Wissenschaftsgebäude, die sogenannte Natur-
und Geschichtserfahrung, weder Grundlage noch Zusammenhang, überhaupt
keinerlei Halt besässe, so erscheint das in die Zuverlässigkeit und
Glaubwürdigkeit jener Wissenschaften gesetzte Vertrauen so lange
als unberechtigt, die Wissenschaft selbst als naiv, so lange nicht
entweder jene Begriffe beseitigt oder, da dies, ohne das Werk jener
Wissenschaften selbst zu zerstören, unmöglich ist, wenigstens die
Widersprüche aus deren Inhalt verschwunden sind.
392. Der geschilderte Fall ereignet sich bei den sogenannten
metaphysischen oder, wenn alle Begriffe, deren Inhalt auf Wirkliches
bezogen wird, ontologische (Seinsbegriffe) heissen sollen, bei den
allgemeinsten ontologischen Begriffen, als welche (von Herbart)
namentlich jene des Dings mit mehreren Merkmalen, der Veränderung
(incl. der Bewegung) der Materie und des Ichs angeführt worden
sind. Dieselben sind sämmtlich "Thatsachen des Bewusstseins" d. h. sie
finden sich in Folge und auf Grund des psychischen Mechanismus in
jedem normal naturgesetzlich entwickelten Bewusstsein in gleicher
Weise, als aus den ursprünglichen Bewusstseinsacten gesetzmässig
abgeleitete psychische Gebilde vor; der Inhalt derselben ist daher
weder selbst gemacht, sondern gegeben, noch willkürlich anders gemacht,
als er gegeben ist, sonach unabweislich. Derselbe ist aber zugleich
so beschaffen, dass er einander gegenseitig ausschliessende, weil
widersprechende Bestimmungen enthält, sonach unhaltbar. Bei dem Begriff
des Dings mit mehreren Merkmalen besteht dieser Widerspruch darin,
dass dasselbe zugleich als eins und als vieles, bei dem Begriff der
Veränderung darin, dass das Veränderte zugleich als dasselbe und nicht
dasselbe, bei der Materie darin, dass dieselbe ins Unendliche getheilt
und doch aus Theilen entstanden, bei dem Begriff des Ich endlich
darin, dass dasselbe als sich sich vorstellend d. i. einen regressus
in infinitum einschliessend und doch als finitum d. i. als vollendet
gedacht werden soll. Dieselben sind aber zugleich von der Art, dass das
gesammte Gebäude der Erfahrung und sonach der Erfahrungswissenschaft
auf der Voraussetzung ihrer Giltigkeit ruht; weder die Körper-, noch
die geschichtliche Welt, wie sie erfahrungsmässig gegeben sind, wären
ohne Voraussetzung der Wirklichkeit von Dingen als Trägern zahlreicher
Eigenschaften, von Bewegung in Raum und Zeit, so wie qualitativer
Veränderung von Stoff in der einen und bewussten Individuen in
der anderen möglich. Letztere und damit die gesammte auf Erfahrung
beruhende vorgebliche Wissenschaft vom Wirklichen müsste sonach so
lange für bodenlos, diese Wissenschaft selbst für naiv gelten, als jene
vor dem Forum der Logik unhaltbaren Begriffe deren Grundlage ausmachen.
393. Da die Bearbeitung der im Bewusstsein auf normalem
Wege entstandenen Vorstellungen vom Gesichtspunkt jener
erkenntnisstheoretischen Frage nicht durch den Inhalt der Vorstellungen
selbst, sondern durch das Verhältniss der Naturgesetze des Denkens (des
psychischen Mechanismus) zu dessen Normalgesetzen (den logischen Ideen)
bedingt ist, so erstreckt sich die Bezeichnung der Naivetät über das
ganze Gebiet der unkritisch (d. i. ohne Rücksicht auf obige Frage)
verfahrenden Wissenschaft d. h. auf die Gebiete aller besonderen
Wissenschaften, gleichviel welchen Gegenstand dieselben betreffen
mögen, sonach auf die formalen, wie Mathematik und Grammatik,
nicht weniger, wie auf die realen, und unter diesen ebenso auf die
theoretischen, welche, wie Geschichte und Naturwissenschaft, von
Wirklichem, wie auf die praktischen, welche wie Kunst- und Sitten-,
Rechts-, Staats- und Erziehungslehre von erst zu Verwirklichendem
handeln; endlich auf das von der Erfahrung nicht blos ausgehende,
sondern ausschliesslich auf dieselbe sich stützende d. i. empirische
Denken (empirischer Dogmatismus) nicht weniger als auf jedes den
Ursprung seiner Begriffe aus dem psychischen Mechanismus und damit
die Zweifelhaftigkeit ihres erkenntnisstheoretischen Werths entweder
nicht kennende oder vornehm ignorirende, um dieser seiner begrifflichen
Form willen im eminenten Sinn "philosophisch" (rational, speculativ,
dialektisch) sich nennende Denken (dogmatische Philosophie).
394. Wie jeder Dogmatismus, auch der in der Philosophie, vor, so liegt
die bewusste d. i. durch Bearbeitung der im psychischen Mechanismus
gewordenen Begriffe nach logischen Normen entstandene und ihrer
Uebereinstimmung mit den letztern innegewordene Wissenschaft nach der
Beantwortung der kritischen Frage d. i. dem Kriticismus. Wie dieser
selbst aus der Skepsis, so geht die wahre d. h. kritisch gesichtete
Wissenschaft aus der Kritik hervor. Insofern die letztere auf alle
thatsächlich im Bewusstsein vorfindlichen Begriffe, gleichviel welchem
wissenschaftlichen Gebiete dieselben angehören mögen, sich ausdehnt,
unterscheidet sie sich von jener Gattung von Kritiken, deren jede
sich nur auf ein begrenztes Gebiet für richtig und giltig gehaltener
Begriffe, Urtheile oder Schlüsse erstreckt d. i. wie die sogenannte
historische Kritik angeblich historische Thatsachen, wie die sogenannte
philologische Kritik vermeintlich echte Textesüberlieferungen, wie
die ästhetische Kritik unverdienter Weise als mustergiltig gepriesene
Kunstleistungen u. s. w. auf ihre wahre Gestalt und wirklichen Gehalt
zurückzuführen sich zur Aufgabe macht. Wie durch letzteren Umstand
dem Umfange nach, so sondert sie sich von den angeführten Arten der
Kritik überdies durch die Beschaffenheit des der Beurtheilung zu Grunde
liegenden Massstabs ab, welcher für sie weder in der Uebereinstimmung
oder im Widerspruch des angeblich Geschichtlichen mit als solches
Anerkanntem (wie bei der historischen Kritik), noch in dem Einklang
oder der Abweichung der vermeintlich echten mit oder von der als
solche beglaubigten Textesüberlieferung (wie bei der philologischen
Kritik), noch in der Harmonie oder Disharmonie der jeweilig gelobten
oder getadelten Leistung mit den ästhetischen Normen (wie bei der
Kunstkritik) u. s. w., sondern einzig und allein in der Denkbarkeit
oder Undenkbarkeit, so wie in der Denknothwendigkeit der Begriffe
nach logischen Normen gelegen ist.
395. Die auf diesem Wege durch Bearbeitung der Begriffe entstandene
Wissenschaft ist Philosophie. Der Unterschied derselben von den
besonderen Wissenschaften liegt, da die Bearbeitung, aus der sie
entspringt, sich auf die Gebiete aller Wissenschaften ausdehnt, nicht
darin, dass sie anderes, sondern darin, das sie anders weiss. Wenn der
Name der Wissenschaft nicht nach dem Grade der Wissenschaftlichkeit
ertheilt, sondern je nach der Besonderheit des Gegenstandes vertheilt
werden soll, so ist die Philosophie, wie der Poet bei der Theilung der
Erde, so bei der Theilung des (Bacon'schen) "Globus intellectualis"
zu spät gekommen. Wenn dagegen jener allein entscheidet, so ist die
bewusste aus kritischer Sichtung des Gewussten hervorgegangene allein
wahre (Normal- und zugleich Universal-) Wissenschaft. Dieselbe
zerfällt, je nachdem die Bearbeitung gegebener Begriffe nach
logischen Normen der formalen oder der realen Seite derselben
gilt, selbst in eine philosophische Formal- und in philosophische
Realwissenschaften. Jene behandelt die gegebenen Begriffe lediglich
als Begriffe, wobei von der Beschaffenheit des Inhalts derselben
abgesehen wird, und erstreckt sich daher auf alle gegebenen Begriffe
ohne Unterschied. Diese unterscheiden sich von jener gemeinsam
durch den Umstand, dass der Inhalt der Begriffe berücksichtigt,
unterscheiden sich aber unter einander selbst wieder durch den
Umstand, dass die eine derselben alle diejenigen Begriffe umfasst,
deren Inhalt als wirklich gedacht, die andere dagegen alle diejenigen,
deren Inhalt allgemein und nothwendig wohlgefällig oder missfällig
gefunden werden soll. Erstere, die philosophische Formalwissenschaft
fällt mit der (formalen) Logik, letztere beiden als theoretische und
praktische philosophische Realwissenschaft fallen mit der Metaphysik
(philosophische Wissenschaft vom Wirklichen, Ontologie) und Aesthetik
(philosophische Wissenschaft vom Gefallenden und Missfallenden,
welche auch als Ethik das unbedingt Gefallende am Wollen in sich
schliesst) zusammen.
396. Wie die Darstellung logischer Ideen im eigenen Vorstellen
logische, so ist jene, ästhetischer Ideen in demselben schöne
Kunst. Insofern in den letztgenannten die Summe der Bedingungen
enthalten ist, unter welchen wie immer beschaffener realer Stoff
unbedingt gefällt oder missfällt, geht die ästhetische Ideendarstellung
darauf aus, das eigene ohne Rücksicht auf ästhetische Zwecke durch
psychischen Mechanismus entstandene in schönes d. i. den ästhetischen
Normen angemessenes Vorstellen zu verwandeln. Da nun dasjenige,
wodurch Vorgestelltes gefällt oder missfällt, nicht das Was (der
Gehalt), sondern das Wie (die Gestalt) desselben ist, so muss,
um das gegebene Vorstellen in ästhetisches zu verwandeln, zunächst
von dem Inhalt desselben und der Frage, ob derselbe wahr oder ein
demselben entsprechendes Object wirklich oder nicht wirklich sei,
völlig abgesehen und das wissenschaftliche (prosaische) Interesse
an der Wahrheit oder Wirklichkeit durch das ästhetische (poetische)
Interesse an der Schönheit des Gedachten ersetzt werden. Während die
logische Kunst Denken in Wissen, muss die schöne Kunst auch wahre in
nur wahr scheinende Gedanken verkehren, wenn dieselben ästhetisch
d. i. als schöner Schein, statt didaktisch d. i. als theoretische,
oder moralisch d. i. als bessernde Belehrung wirken sollen. Sogenannte
didaktische oder moralische Kunst ("moralisch Lied") ist daher nicht
sowol Kunst als vielmehr Wissenschaft (Gedankenprosa) in Kunstform
(Lehrgedicht, Fabel).