374. Wie der beseelte Körper vom leblosen sich dadurch unterscheidet,

dass ein Theil desselben ("die Seele") beharrt, während der andere

("der Leib") sich im Laufe des Lebens fortwährend erneuert, ohne dass

der Körper selbst ein anderer wird, so liegt das Charakteristische

der dritten Ordnung gesellschaftlicher Vereinigungen darin, dass

dieselben "ewige Dauer" besitzen, indem ein Theil derselben ("der

herrschende") immer derselbe bleibt ("le roi est mort, vive le roi"),

während der andere (der "beherrschte") sich unaufhörlich erneuert, ohne

dass die Gesellschaft selbst eine andere wird. Je nachdem das Band,

welches den bleibenden Bestandtheil mit dem veränderlichen verbindet,

ein reales (Blutsband) oder blos ideales (Gesinnungsverband) ist,

erfolgt die Erneuerung entweder durch Geburt jüngerer aus den älteren

(Generation) oder durch Aufnahme späterer Mitglieder durch die frühern

(Adoption). Ersteres ist in der Familiengemeinschaft zwischen Eltern

und Kindern (Ascendenten und Descendenten, Vorfahren und Nachkommen),

letzteres in der Gesinnungs- oder Glaubensgemeinschaft (Schule,

Kirche, politische Partei) der Fall. Jene erweitert sich durch die

Aufnahme der Seitenverwandten zur Stammesgemeinschaft, durch die

Zurückführung blutsverwandter Stämme auf einen gemeinsamen Stammvater

zum Stammvolk (Nation), durch die Ableitung mehrerer Stammvölker von

einem gemeinsamen Urvolk (Indogermanen, Arier) zur Racengemeinschaft

und mittels der mythischen Abstammung der gesammten Menschheit

von einem gemeinsamen Stammvater zur Gemeinschaft aller Menschen

(Weltbruderschaft). Diese dehnt sich von der an Umfang kleinsten

Gesinnungs- und Glaubensgenossenschaft, die, wie z. B. die erste

Christengemeinde, nur den Stifter und zwölf Genossen umfasst, bis zu

der räumlich Millionen und zeitlich Jahrtausende einschliessenden

Bildungs- oder Glaubensgemeinschaft aus, welche, wie z. B. die

europäische Civilisation, das Christen- oder Buddhistenthum Theilnehmer

und Bekenner im Laufe der Zeit nach hunderttausenden von Millionen

zählen. Wie die durch Geburt der Gemeinschaft einverleibten Mitglieder

von Natur aus den Aeltern ähnlich, so werden durch Aufnahme gewonnene

den ursprünglich vorhandenen künstlich verähnlicht (assimilirt),

indem entweder, wenn die Aufnahme durch Wahl erfolgt, nur ähnliche

gewählt (z. B. in eine Akademie der Wissenschaften nur Gelehrte,

in eine politische Partei nur politische Gesinnungsverwandte) oder,

wenn sie durch freiwilligen Anschluss geschieht, die Aufgenommenen im

Sinn der bestehenden Gemeinschaft (z. B. der ägyptische Neophyt durch

die Priesterschule, der künftige Soldat durch das Cadetteninstitut)

erzogen werden.

375. Die so entstandene Gesellschaft bildet einen organischen

Körper, welcher entweder wie der vegetabilische Organismus an dem

Boden haftet, auf dem er erwachsen und mit dem er verwachsen ist,

oder wie der animalische Organismus von demselben äusserlich und

innerlich abgelöst, frei über ihn hinstreifend, obgleich innerhalb

durch die Schranken der Acclimatisationsfähigkeit gezogener Grenzen

den Ort seiner vorübergehenden Niederlassung wechselt. Jener ergibt

die autochthone, dieser die nomadische Gemeinschaft (Familie,

Stamm, Volk). Jene tritt vorzugsweise als sesshafte und in Folge

dessen, da die von der Natur freiwillig dargebotene Nahrung allmälig

versiegt, zur künstlichen Erzeugung derselben, so wie der übrigen

Lebensbedürfnisse d. i. zum Ackerbau und zur Industrie gedrängte

Bevölkerung auf. Diese, da sie die an einem Orte mangelnden Bedürfnisse

nicht selbst erzeugt, sondern dort nimmt, wo sie dieselben findet,

erscheint in den mannigfaltigsten Formen als Jäger-, Handels-

und Räuber- oder Eroberervolk. Wie der belebte Organismus durch

die Entwickelung eines Centralorgans (Gehirn und Nervensystem),

innerhalb dessen der physische Reiz sich in bewusste Empfindung

umsetzt, zum vorstellenden, Ich-ähnlichen und als solcher durch die

allmälige Vorstellung seiner selbst (Ich-Vorstellung) selbst zum Ich

d. i. zum sein selbst bewussten Individuum wird, so gestaltet sich die

organische Gesellschaft dadurch, dass innerhalb ihres Umkreises ein

Centralorgan (Regent und Regierung) entsteht, in welchem das allen

gemeinsame Denken, Fühlen und Streben sich in bestimmte Vorstellung

d. i. in deutlich vorschwebenden Zweck, Erwägung und Herbeischaffung

der Mittel und verwirklichende That umsetzt, zu einer (nach Haupt und

Gliedern) organisirten staatähnlichen Gesellschaft, welche durch die

allmälig fortschreitende Verkörperung der Vorstellung der Gesellschaft

(der Gesellschaftsidee) selbst zum Staat d. i. zu der ihrer selbst als

Gesellschaft bewussten, die Verwirklichung der Gesellschaftsidee sich

zum Zweck und dieselbe mittels der zu ihrer Realisirung erforderlichen

Mittel in Vollzug setzenden individuellen Gesellschaft wird.

376. Organisirte Gesellschaften der Art, wenn sie reale d. h. ihre

Mitglieder unter einander blutsverwandt sind, treten je nach dem Umfang

und dem Grade der Verwandtschaft als Familie im engeren, nur Eltern und

Kinder, oder weiteren, auch die nächsten Seitenverwandten begreifenden

Sinne als Verband der Familienglieder unter dem Familienhaupt, oder

als Stamm (Clan) unter dem Stammeshaupt (Häuptling, Scheik), oder

als Volk unter dem (angestammten) Volkshaupt (König) auf. Dagegen,

wenn ihre Glieder zwar geistes-, glaubens-, oder gesinnungs-, aber

nicht blutsverwandt sind, erscheint die organisirte Gesellschaft,

je nachdem der Inhalt der allen gemeinsamen Ueberzeugung entweder

ein wissenschaftlicher, oder ein religiöser, oder ein politischer

ist, in Gestalt entweder der (philosophischen oder künstlerischen)

Schule unter einem (philosophischen oder künstlerischen) Schulhaupt

(Meister), oder als (Landes-, National-, Welt-) Kirche unter einem

(Landes-, National-, Universal-) Kirchenhaupt (Landesbischof,

Papst, Dalai Lama), oder als (theokratischer, nach göttlichen,

oder militärischer, nach mit Gewalt aufgedrungenen fremden Gesetzen

beherrschter, oder autonomer, Verfassungs- d. i. nach eigenen Gesetzen

sich selbst beherrschender) Staat unter einem (theokratischen, von Gott

eingesetzten, oder kriegerischen, durch Unterjochung aufgedrungenen,

oder verfassungsmässigen) Staatsoberhaupt (Fürst "von Gottes Gnaden",

Eroberer, constitutioneller Herrscher). Je nachdem das Centralorgan,

in welchem das allen gemeinsame Bewusstsein der Gesellschaft sich

verkörpert, dessen Bewusstsein also gleichsam die Stelle des allen

gemeinsamen Bewusstseins vertritt, selbst aus einem einzigen oder

mehreren unter einander coordinirten oder aus einem und mehreren

diesem zusammengenommen coordinirten Individuen besteht, nimmt

derselbe monarchische, oder collegiale, oder parlamentarische Form

an, indem im ersten Fall das Gesammtbewusstsein im Monarchen (Josef

II. und Friedrich II. als "erste Diener des Staates") im zweiten

Fall im Regierungscollegium (Directorium, Bundesrath), im dritten

Fall im Herrscher und den Stellvertretern des Gesammtbewusstseins

(Abgeordnete, Parlament, Kammer, Reichstag) zusammengenommen incarnirt

erscheint. Die monarchische Gestalt entartet zur Tyrannis, wenn an die

Stelle des Gesammtbewusstseins das Einzelbewusstsein des Herrschers

(l'état c'est moi), die collegiale Regierung zur Oligarchie,

wenn an die Stelle des Gesammtbewusstseins jenes einer Minderheit

(einer Kaste in der Priester-, Adels- oder Geschlechter-, eines

Standes in der Militär- oder Zünfte-, des Geldes in der Finanz-

und Bankiersherrschaft: Theokratie, Aristokratie, Martokratie,

Plutokratie), dagegen zur Ochlokratie, wenn an die Stelle des

Gesammtbewusstseins die bewusstseinslose Menge als herrschende

Macht tritt. Die parlamentarische Regierung kann je nach dem

Uebergewicht des Einen über die Vielen, oder der Vielen über den

Einen in Scheinparlamentarismus (wie unter dem Julikönigthum)

oder in Scheinmonarchismus (wie in England) ausarten. In der

monarchisch organisirten Gesellschaft wird nicht nur die Einheit des

Gesammtbewusstseins, sondern werden auch die in demselben, wie in jedem

Bewusstsein vorhandenen und einander bestreitenden Gegensätze in das

stellvertretende Bewusstsein des Alleinherrschers verlegt und damit

demselben die gesammte Verantwortlichkeit für die aus dem Zwiespalt der

letzteren entspringenden Folgen aufgebürdet. In der collegialen Form

der Regierung prägen die im Gesammtbewusstsein einander bekämpfenden

Extreme (Radicalismus und Conservatismus) innerhalb des höchsten

Regierungsorgans selbst als solche sich aus, während die Einheit des

Bewusstseins durch die mangelnde Spitze nur collectiv und daher nur

unvollkommen (Präsident) vertreten erscheint. Die parlamentarische Form

hat den Vorzug, dass in derselben die Einheit des Gesammtbewusstseins,

wie die in demselben vorhandenen Gegensätze gleichzeitig, die eine

in der monarchischen Spitze und durch deren ewige Dauer in der

festgesetzten Erbfolgeordnung am dauerhaftesten, die andere in den

innerhalb der Volksvertretung einander bekämpfenden politischen

Parteien (Fortschritts- und Stillstandsmänner, Whigs und Tories)

am vollkommensten repräsentirt erscheint und daher das Ganze der

Regierung, Monarch und Parlament, vereinigt das treueste Spiegelbild

des gesellschaftlichen Gesammtbewusstseins darstellt.

377. Wie die andere ihresgleichen appercipirenden d. h. sich

anschmelzenden Vorstellungsmassen im individuellen Bewusstsein,

so stellen die einzelnen, jede für sich organisirten Gesellschaften

(Familie, Stamm, Schule, Kirche etc.) innerhalb der räumlich, zeitlich

und organisch zu einem Ganzen geeinigten Gesellschaft Mittelpunkte dar,

welche vermöge ihrer bereits erlangten und befestigten Macht ihren

Einfluss und Umfang durch die Heranziehung und Assimilirung gesinnungs-

oder stammesverwandter Individuen zu vergrössern und zu erweitern

bemüht sind. In diesem Sinne bildet sich um die durch Geburt, Ansehen

oder Reichthum hervorragende Familie ein Familienanhang, um den durch

Zahl, Macht oder Intelligenz zur Präponderanz gelangten Stamm ein

Stammesgefolge, zieht die zu Gewicht und Nachdruck gelangte Schule

(Staatsphilosophie Hegel's unter Altenstein) stets neue Anhänger,

wie eine durch den Besitz himmlischer und irdischer Güter reich

gewordene, mit Privilegien für jenseits und diesseits ausgestattete

Kirche (Staatskirche, englische Hochkirche) stets neue Bekenner

an sich und droht, indem sie aus einer staatähnlichen zu einer

dem Staat ebenbürtigen oder demselben überlegenen Macht innerhalb

der Gesellschaft heranwächst und die besonderen Familien- oder

Stammes- (Nationalitäts-), Schul- oder Kircheninteressen allmälig im

Allgemeinbewusstsein einen überwiegenden Einfluss gewinnen, zu einem

Staat im Staate und dadurch für diesen selbst zu einer ähnlichen

Gefahr, wie das im individuellen Bewusstsein übermächtig gewordene

Neben- oder zweite Ich für die Ich-Vorstellung zu werden.

378. Wie die Ich-Vorstellung über das gesammte, oder doch den grössten

Theil des Bewusstseins seine Herrschaft auszudehnen, so strebt

der Staat über alle innerhalb seiner Raum-, Zeit- und Volksgrenzen

vorhandenen organisirten Gesellschaften die Oberhoheit auszuüben

d. h. sie aus unabhängigen in von ihm abhängige Corporationen, als

seine Familien und Stämme, seine Schule, seine Kirche u. s. w. zu

verwandeln. Derselbe duldet demgemäss innerhalb seines Umkreises weder

sich souverän geberdende Feudalherren, noch von der Staatseinheit sich

emancipirende Nationalitäten- oder Ländergelüste (Kantönligeist), eben

so wenig von derselben unabhängige Unterrichts- (die "freie Schule"),

oder religiöse Körperschaften (die "freie Kirche"), während diese

ihrerseits gegen den "Racker von Staat" (Friedrich Wilhelm IV.) sich

zu behaupten bemüht sind (Kampf der Reichsfürsten gegen den Kaiser,

der Vasallen gegen den Landesherrn, der Provinzen und Stämme gegen das

Reich, der "freien" d. i. katholischen Universitäten in Belgien gegen

die Staatsuniversität, der Kirche gegen den Staat; "Culturkampf").

379. Wie die physischen, so üben die Gesellschaftskörper gegenseitig

Wirkungen auf einander aus. Wie die mechanisch zusammengesetzten

Körper durch Häufung, so vergrössern sich die auf Association zu einem

gemeinsamen Zwecke beruhenden Corporationen durch Vermehrung ihrer

Mitgliederzahl in Folge der Fusion derjenigen, welche gleiche Zwecke

verfolgen. Dieselbe wird überall dort, wo die gegebenen Umstände

das gleichzeitige Bestehen mehrerer denselben Zweck verfolgenden

Gesellschaften nicht erlauben, durch den daraus entspringenden

"Kampf ums Dasein" d. i. durch die sogenannte "freie Concurrenz"

herbeigeführt, dessen Devise das "ôte toi, que je m'y mette", und

dessen Ursache das "da-" d. i. das "an dem Orte sein wollen" ist,

den ein Anderer einnimmt. Dagegen stehen die auf der qualitativen

Gleichheit oder Ungleichheit ihrer Mitglieder ruhenden Gesellschaften

unter einander wie die chemischen Körper in wahlverwandtschaftlichen

Beziehungen, vermöge deren bestehende Verbindungen in Folge stärkerer

Anziehung gelöst und bisher nicht bestandene aus demselben Grunde

geschlossen werden. Wechsel der Berufs-, der Standesgenossenschaft auf

der einen, des Gegenstandes der Freundschaft, der Liebe auf der anderen

Seite sind die Folgen derselben. Jene werden durch Abneigung gegen den

gegenwärtigen, durch Vorliebe für den künftigen Beruf oder Stand, diese

durch Antipathie gegen den bisherigen, Sympathie für den künftigen

Gegenstand der Freundschaft oder der Liebe verursacht. Organische

Gesellschaftskörper verschmelzen unter einander entweder auf realem

z. B. dem geschlechtlichen Wege, indem durch Heirat verschiedenen

Familien angehöriger Familienglieder (Familienheirat) eine neue

Familie, durch Heiraten aus verschiedenen Stämmen ein neuer Stamm

(Römer: aus Latinern und Sabinern), durch Ineinanderaufgehen zweier

oder mehrerer Nationalitäten eine neue Nationalität (die englische:

aus Sachsen und Normannen; die lateinische: aus Celten und Germanen;

die amerikanische: aus Briten, Iren, Deutschen) entsteht, oder

auf idealem Wege, indem aus der Vereinigung zweier oder mehrerer

Wissens-, Glaubens-, oder politischer Genossenschaften eine neue Schule

(z. B. die neuere Akademie aus Platonismus und Stoicismus), eine neue

Kirche (z. B. die anglicanische aus Katholicismus und Lutherthum),

eine neue politische Partei (z. B. Disraeli's Reformtories aus Tories

und Peeliten) hervorgehen.

380. Autochthone Gesellschaften, die ihre "Scholle" behaupten,

werden auf diesem Wege von nomadischen, welche dieselbe vorübergehend

occupiren, letztere von staatbildenden, welche daselbst sich bleibend

niederlassen wollen, im "Kampf ums Dasein" bedrängt und verdrängt. Wie

jene nach einander, so treten gleichzeitige nachbarliche organisirte

Gesellschaften (Familien, Stämme, Schulen, Kirchen und Staaten) im

Kampf ums Dasein (Familienfehde, Stammesfehde, Schulzwist, Sectenhass,

Krieg) in feindliche oder freundliche Berührung (Familienbund,

Stammesbündniss, Schulen- und Kircheneinigung, Staatenbündniss.) Je

nachdem die Folge derselben die gegenseitig anerkannte Unabhängigkeit

oder die auf gewaltsamem oder friedlichem Wege herbeigeführte

Abhängigkeit des einen von dem andern Gesellschaftskörper ist, geht

im ersten Falle ein statisches Gleichgewicht zwischen denselben

(Oesterreichs und Preussens Aequilibrium im deutschen Bunde; das

"europäische Gleichgewicht") oder das Uebergewicht eines über die

übrigen (Preussens im deutschen Reich; Russlands während der Zeiten der

heiligen Allianz in Europa; der Nord- über die Südstaaten in Amerika),

in beiden Fällen ein System von Gesellschaftskörpern (Staatensystem)

aus demselben hervor, in welchem entweder die einzelnen sich zu

einander wie Gegensonnen oder wie um eine Centralsonne rotirende

Planeten verhalten. Ersteres kann, wenn die einzelnen Glieder (Staaten)

ihrer Unabhängigkeit von einander ungeachtet zu einem Ganzen sich

vereinigen, zu einer Gesellschaftsföderation (Staatenbund), letzteres,

wenn die Abhängigkeit der vielen vom Centralkörper sich vermindert,

zu einem Föderativkörper (Bundesstaat) führen.

381. Wie der die Zwischenräume der physikalischen Atome füllende

Aether und die zwischen den festen Körpern befindliche Luftmasse,

jener gleichsam die immaterielle, diese die materielle Atmosphäre der

Körperwelt ausmacht, wie die auf die Beziehungen zwischen den einzelnen

Bewusstseinsgebilden bezüglichen Phänomene des Bewusstseins (die

Gefühle) gleichsam die gemüthliche Temperatur der Bewusstseinswelt,

deren Wärme oder Kälte ausdrücken, so stellt das innerhalb einer

Gesellschaft vorhandene gemeinsame Bewusstsein mit seinen allen

gemeinsamen Vorstellungen, Gefühlen und Strebungen gleichsam das

psychische Innere der Gesellschaft, die ersten deren Geist, die

zweiten deren Gemüth, die letzten deren Charakter dar. Erstere, der

Inbegriff des im Bewusstsein der Gesellschaft lebenden Meinens,

Glaubens und Wissens, macht dabei gleichsam die Licht-, die

Summe der innerhalb derselben vorhandenen Lust- und Unlustgefühle,

insbesondere aber jene der im gemeinsamen Bewusstsein wirksamen Mit-

oder socialen Gefühle gleichsam die Wärme-, die magnetischen und

elektrischen Phänomene innerhalb der gesellschaftlichen Atmosphäre aus,

während die Zahl und Beschaffenheit der innerhalb der Gesellschaft

begangenen Thaten, wenn dieselben als unvorsätzliche im Rausche

der Leidenschaft begangene Handlungen angesehen werden dürfen,

den Grad der innerhalb der Gesellschaftsatmosphäre vorhandenen,

der Gewitterschwüle vergleichbaren, affectvollen Spannung, wenn

sie dagegen als vorsätzliche, im zurechnungsfähigen Zustand zur

Aeusserung gelangte Willensacte betrachtet werden müssen, das der

mittleren Witterung ähnliche Niveau des innerhalb der Gesellschaft

gegebenen Sittlichkeitszustandes bezeichnen. Licht und Finsterniss

in der physischen kehren innerhalb der gesellschaftlichen Welt

als die Gegensätze der Aufklärung und des Wahn- und Aberglaubens,

Hitze und Kälte jener als Gemüthsfülle und Gemüthlosigkeit,

Anziehung und Abstossung gleichnamiger und ungleichnamiger Pole

als menschenfreundliches Mitgefühl und erkältende Selbstsucht,

verheerende Sturmfluten, magnetische und elektrische Ungewitter, aber

auch luftreinigende Gewitterstürme und befruchtende Frühlingsregen

als zerstörende Ausbrüche entfesselter Leidenschaft, aber auch

als heroische Thaten enthusiastischer Aufopferung, endlich der

durchschnittliche Zustand der Licht- und Wärmevertheilung in dem

durchschnittlichen Verhältniss begangener Ausschreitungen und

Verbrechen (wie es die sogenannte moralische Statistik aufweist)

zu der Zahl und dem Bildungszustand der Gesellschaft wieder.

382. Wie die Körper im Raume, die Vorstellungen im Bewusstsein, so

wechseln die Gesellschaftsglieder ihren Ort innerhalb der Gesellschaft,

die Gesellschaften selbst den ihrigen im Raume neben, in der Zeit nach

und vor andern Gesellschaften. In dem "Kampf ums Dasein", welchen die

Körper in der physischen, die Vorstellungen der Bewusstseinswelt,

wie die Mitglieder der Gesellschaft um ihre Stellung in dieser mit

einander führen, werden die einen, die herrschenden, von oben nach

unten, andere, beherrschte, von unten nach oben gedrängt, und wie die

Hindernisse, die dem im Raume bewegten Körper, und die Hemmungen,

die der zur Klarheit aufstrebenden Vorstellung im Wege stehen,

so die gesellschaftlichen Widerstände, welche den innerhalb der

Gesellschaft Emporstrebenden begegnen, durch Glück oder Klugheit

überwunden. Wandervölker und Auswanderer verändern den Ort ihres

geselligen Zusammenlebens, während bis dahin blühende Gesellschaften

durch Zerfall und innere Erschlaffung von ihrer Höhe herabsinken oder

durch andere von derselben gestürzt werden. Wie aber der physische

Körper gleich dem Bewusstseinsgebilde nicht blos den Ort, sondern auch

Form und Stoff zu wechseln vermag, so geht der Gesellschaftskörper

nicht nur aus der lockeren in engere Association (Actiengesellschaft

in Handelscompagnie), sondern aus der qualitätslosen in die qualitative

Genossenschaft (aus blosser Geselligkeit zur Freundschaft) und endlich

in organische Verschmelzung (aus dem Liebesverhältniss zur Heirat und

Familie) und organisirte Gesellschaft, diese aus der pflanzenartigen

Form des Autochthonenthums aber selbst in die freibewegliche der

Wandergesellschaft, nach dieser in die höhere Form der staatähnlichen

Organisation und schliesslich in deren höchste und vollkommenste

Gestaltung, den Staat über.

383. Wie der Stoff des Bewusstseins die primitiven Bewusstseinsacte,

so ist der Stoff der Gesellschaft der Inbegriff jener

Bewusstsseinsindividualitäten, welche unter einander durch die

Congruenz ihres individuellen Bewusstseinsgehalts zu einem Alle

umfassenden gemeinsamen Bewusstsein verbunden werden. Hört eines dieser

Einzelbewusstsein auf, seinem Inhalt nach mit jenem der übrigen zu

harmoniren, so gehört dasselbe nicht mehr dem Allgemeinbewusstsein

an und hat der Einzelne, dessen Bewusstsein auf diese Weise sich

von dem allgemeinen geschieden hat, innerlich längst aufgehört

Gesellschaftsmitglied zu sein, auch wenn nach aussen hin dessen

bisheriger Verband dem Anschein nach unverändert fortbesteht. So kann

der innerlich von dem Glaubensbekenntniss einer Glaubensgenossenschaft

Abgefallene äusserlich in dem gesellschaftlichen Verbande seiner

Kirche fortleben, also längst "confessionslos" geworden sein,

ehe er sich äusserlich als solchen bekennt. Mit der Auflösung des

gemeinschaftlichen Bewusstseins löst die Gesellschaft sich selbst

auf, mit der Selbstauflösung aller unter eine gemeinsame Kategorie

(z. B. unter jene der Familie, der Schule, der Kirche etc.) gehörigen

Gesellschaften tritt für jede jener Kategorien socialer Nihilismus

(der Familie als Auflösung jedes Familien-, der Schule oder Kirche als

solche jedes wissenschaftlichen und Bekenntnissverbandes) ein. Mit der

Selbstauflösung des Staats als der gesellschaftlichen Verwirklichung

der Gesellschaftsidee erfolgt die Verneinung dieser selbst, die

Annihilisation eines gesellschaftlichen Verbandes überhaupt und damit

die Rückkehr zum ursprünglichen Zustand ungesellter Individuen, des

Zerfalls des socialen, wie oben des physischen Stoffs, in seine Atome.

384. Wie die Gesammtheit der physischen Körper den Kosmos, die

Gesammtheit der Bildungen des individuellen Bewusstseins die Seelenwelt

des Individuums, so macht die Gesammtheit gesellschaftlicher Körper

von den gleichgiltigsten und flüchtigsten Associationen bis zu

dauerhaften, sei es durch Bluts-, sei es durch Ueberzeugungsbande

verschmolzenen organischen und organisirten Corporationen und zu

der ausdauerndsten und umfassendsten von allen, dem Staate und den

Staaten in ihren gegenseitigen, sei es auf Ebenbürtigkeit, sei es auf

Abhängigkeit gegründeten Beziehungen, als Staatensystem, so weit die

geschichtliche Erfahrung reicht, die Welt der Geschichte aus. Wie die

Totalität des physischen und jene des im individuellen Bewusstsein

sich vollziehenden psychischen Geschehens die Naturgeschichte des

Kosmos und die Geschichte der Seelennatur, so stellt die Gesammtheit

des innerhalb der Gesellschaft wie innerhalb der Gesellschaften von

den unscheinbarsten Regungen eines gemeinschaftlichen Bewusstseins im

Umkreis locker verknüpfter bis zu der reichsten Entfaltung gemeinsamen

Denkens, Fühlens und Wollens unter einander physisch oder psychisch

eng verwandter Individuen, von dem einförmigen Dahinleben der Natur-

bis zu den wechselvollen Schicksalen hochcivilisirter Culturvölker,

von den seltenen und zufälligen feindseligen und freundlichen

Berührungen zerstreuter Horden, Familien und Stämme bis zu den eng

verflochtenen materiellen und geistigen Interessen und dem Raum und

Zeit überwindenden Handels-, literarischen und persönlichen Verkehr

einer zu stets sich steigernder Gleichartigkeit der Bildung, der

Sitten und der staatlichen Formen entwickelten Menschheit herauf, so

weit die geschichtliche Erfahrung reicht, die nach unveränderlichen

Gesetzen sich vollziehende Entwickelungsgeschichte der Gesellschaft,

die Weltgeschichte dar.

DRITTES BUCH.

DIE KUNST.

ERSTES CAPITEL.

DIE BILDUNGSKUNST.

Anthroposophie im Umriss Entwurf eines Systems idealer Weltansicht auf realistischer Grundlage · 第 27 / 31 段