die zweite Art der wirklich vor sich gehenden Veränderung ein
Formwechsel. Wie der feste Körper in flüssigen und luftförmigen,
so kann das Bewusstseinsgebilde aus dem lockeren Zustand blosser
Complication in den inniger Verschmelzung homogener Elemente
übergehen. Wie der chemische Körper in Folge der Anziehung
wahlverwandter Elemente Bestandtheile abgibt und andere an
sich zieht, so wird durch die Verschmelzung identischer und die
Ausstossung sich unter einander ausschliessender Bestandtheile
einer-, durch die Verbindung bis dahin unverbundener Bestandtheile
andererseits die Form der Bewusstseinsgebilde verändert, werden im
ersteren Fall aus sinnlichen Vorstellungen durch Abstraction der
gemeinsamen Bestandtheile Gemeinbilder (Begriffe), im letzteren
Fall durch Combination bisher getrennter, obgleich mit einander
verträglicher Bestandtheile durch die Erfahrung gegebener sinnlicher
Vorstellungen neue durch die Erfahrung nicht gegebene sinnliche Bilder
(Phantasievorstellungen) hervorgebracht. Wie endlich die Formen der
Organismen durch organische Transmutation der Arten und Gattungen im
Pflanzen- wie im Thierreich in einander übergehen, so werden aus den
ursprünglich auf Grund von Anschauungen entstandenen Begriffen durch
fortgesetzte Abstraction höchste und allgemeinste Begriffe (Kategorien)
und wird durch fortgesetzte Combinationen sinnlicher Erfahrungselemente
eine neue erfundene Welt voll sinnlich anschaulicher Lebendigkeit
(Phantasiewelt) gewonnen. Während aber in der physischen Welt die
Erfahrung den Beweis für den Uebergang der unorganischen in die
organische und dieser in die bewusste Form bisher schuldig geblieben
ist, tritt im Bewusstseinsleben die Abhängigkeit der beiden scheinbar
fundamental verschiedenen Classen von Bewusstseinsphänomenen, der
Gefühle und der Bestrebungen, von jener der Vorstellungen offen an
den Tag, indem sowol die Gefühle wie die Strebungen sich nicht als
gattungsmässig verschiedene Vorgänge, sondern als blosse Zustände
der Vorstellungen herausgestellt haben.
365. Die dritte Art des wirklichen Geschehens ist der
Stoffwechsel. Derselbe bildet den Abschluss der physischen Welt,
indem der Reiz (der extensive physische) sich in Empfindung (den
intensiven psychischen Zustand) umsetzt d. h. der reale sich in einen
Bewusstseinsvorgang verwandelt. Derselbe bildet den Abschluss der
psychischen Welt, indem der intensive psychische (Vorstellung, Gefühl,
Wollen) sich in einen extensiven physischen Zustand (Lautsprache,
Geberdensprache, Handlung) umsetzt und so der Bewusstseinsvorgang
in einen realen Vorgang sich verwandelt. Wie dort die Bewegung
der Moleculartheilchen des Nervensystems als Empfindung in das
Bewusstsein, so wird hier der Gedanke durch den tönenden Laut
des Worts, das Gefühl durch den sichtbaren Ausdruck der Miene, der
Wille durch die von ihm veranlasste Bewegung des eigenen und dadurch
mittelbar eines oder mehrerer fremder Körper wieder in die materielle
d. i. in die Körperwelt aufgenommen, indem die durch das Stimmorgan
schallend bewegte atmosphärische Luft als Verkörperung des Gedankens,
die unwillkürlich veränderte oder (im Affect) verzogene Physiognomie
als Verleiblichung des Gemüths, die durch Muskelbewegung der eigenen
Leibesglieder bewegte Verschiebung der anstossenden Nachbarkörper
als sich bethätigende Aeusserung des eigenen Willens erscheint. Die
erste als hörbares Zeichen für die Vorstellung liefert das Werkzeug
für die Bewahrung und Mittheilung der Gedankenwelt und als solche die
Grundlage der Sprache. Die zweite als sichtbares Zeichen für das im
Innern lebendige Gefühl liefert das Material zur Veranschaulichung des
Anderen (Höheren, Niederen oder Gleichen) gegenüber vorhandenen oder
doch vorhanden zu sein scheinenden Gefühls und bildet als solches die
Grundlage der Sitte. Die dritte als physischer Ausdruck des entweder
wirklich oder doch dem Anschein nach vorhandenen Wollens liefert
den greifbaren Stoff zur Beurtheilung des gegen Andere beobachteten
streitsüchtigen oder friedlichen Verhaltens und bildet als solcher die
Grundlage des Rechts. Indem das individuelle Ich auf diese Weise sein
Inneres nach aussen kehrt, die Vorgänge seines Bewusstseins in Reden,
Geberden und Thaten umsetzt und dadurch für andere seinesgleichen
hörbar, sichtbar und greifbar macht, wird dasselbe aus einem
vereinzelten zum sociabeln d. i. des geselligen Zusammenseins mit
Anderen fähigen und dadurch in Vereinigung mit diesen zur Grundlage
eines Mehreren gemeinsamen d. i. des Social-Ichs.
366. Wie die Gesammtheit der Weltkörper und ihrer "Parasiten" den
physischen Kosmos, so macht die Gesammtheit der im individuellen
Bewusstsein während der gesammten Fortdauer desselben vertheilten
Bewusstseinsgebilde (Empfindungen, Anschauungen, Begriffe, Gefühle,
Begehrungen und Willensacte), soweit dieselben der innern Erfahrung
zugänglich sind, in ihren gegenseitigen Beziehungen zu und ihrer
relativen Abhängigkeit von einander, von den primitiven, namenlosen
Bewusstseinsacten, deren jedem ein ebenso anonymer Nervenreiz oder eine
unmerkliche Transversalschwingung des Weltäthers entspricht, bis zu
den höchsten und ausgearbeiteten des abstracten Allgemeinbegriffs,
des verfeinerten Geschmacksurtheils und des der empfindlichsten
Gewissensstimme willig gehorchenden Willensentschlusses herauf
die Seelenwelt des Individuums aus. Wie dort die Totalität
des physischen Geschehens die Naturgeschichte des Weltalls, so
stellt hier der Inbegriff des im individuellen Bewusstsein nach
unveränderlichen Naturgesetzen sich vollziehenden Geschehens, von
der Wechselwirkung zwischen den primitiven Bewusstseinsacten bis zu
der logischen Verbindung von Anschauungen zu Begriffen, Begriffen zu
Urtheilen, Urtheilen zu Schlüssen, Schlüssen zu Gedankensystemen und
dieser, wenn ihr Inhalt es gestattet, zu einem sie alle umfassenden
Universalsystem einer-, von den leisesten Regungen der Lust und Unlust
bis zu Entzücken und Jammer und den verheerenden Stürmen affectvoller
Gemüthserschütterung, von sinnlichen Gelüsten und kindischen Wünschen
bis zu sittlichen Entschliessungen und männlichen Thaten andererseits
herauf, soweit dasselbe der innern Erfahrung zugänglich ist, den
Entwickelungsprocess des Bewusstseins, die Naturgeschichte der
Seele dar.
DRITTES CAPITEL.
DAS SOCIAL-ICH.
367. Wie mit der Einkehr des anziehend oder abstossend nach aussen
gewandten einfachen Wirklichen in sich selbst die Möglichkeit des
individuellen, so ist mit der Auskehr des Innern in Rede, Geberde
und Handlung die Möglichkeit eines Mehreren gemeinsamen Bewusstseins
gegeben. Letzteres kann nicht bedeuten, dass in Mehreren dasselbe,
sondern nur dass in Mehreren ein gleiches Bewusstsein oder, was
dasselbe ist, dass der Inhalt des jeweiligen individuellen Bewusstseins
Mehrerer das gleiche, dieses Bewusstsein selbst aber nichts desto
weniger bei jedem das eigene sei. Identität des Bewusstseins
in dem Sinne, dass dasselbe Bewusstsein in Allen sei, würde die
Individualität der Einzelnen in den blossen Schein einer solchen
verwandeln, das Bewusstsein des Einzelnen in einen Bewusstseinsact
des in Allen identischen Allgemeinbewusstseins auflösen. Letzteres
darf daher nicht als Substanz, zu welcher die Einzelbewusstsein wie
vorübergehende modi sich verhalten, sondern muss als Summe der in
Mehreren gleichen d. i. dem Inhalt, nicht der Zahl nach eins seienden
Bewusstseinsacte gedacht werden. Die Einzelbewusstsein, welche
zusammengenommen die Voraussetzung eines ihnen allen gemeinsamen
Bewusstseins ausmachen, sind ihrer realen Basis nach so wenig eins,
dass derselbe Bewusstseinsinhalt in dem einen mit grösserer, in dem
andern mit geringerer Lebhaftigkeit, dort mit völliger Klarheit, hier
im ungewissen Dunkel vorhanden sein kann, ohne dass derselbe aufhört,
jenem mit diesem gemein und dadurch ein integrirender Bestandtheil
des gemeinsamen Bewusstseins, der "Volksseele" zu sein.
368. Niemals darf die letztgenannte als eine von den "Seelen" der
Angehörigen des Volks real unterschiedene, gleichsam als eine Seele
vor, neben oder über den ihrigen gedacht werden. Dieselbe stellt nichts
weiter als den mit einem Namen bezeichneten Inbegriff dessen dar,
worin alle Volksangehörigen als vorstellende, fühlende und strebende
Wesen mit einander dauernd übereinstimmen d. h. was abgesehen von
den Privat- und individuellen Meinungen, Geschmäcken und Gelüsten
jedes Einzelnen den bleibenden und Allen gemeinsamen Bestandtheil
ihres Fürwahrhaltens, Werthhaltens und Anstrebens ausmacht.
369. Weil nun jeder Versuch, über die Gemeinsamkeit des Inhaltes
individuell verschiedener Einzelbewusstsein ein Urtheil zu fällen,
nicht nur voraussetzt, dass dieser Inhalt selbst äusserlich
wahrnehmbar, sondern auch dass er Anderen verständlich sei, so
folgt, dass die Entstehung einer auf das Bewusstsein gemeinsamen
Bewusstseinsinhaltes gegründeten Vereinigung Mehrerer zur Einheit
die Möglichkeit gegenseitig verständlicher Mittheilung durch Allen
gemeinsame äussere Zeichen der inneren Vorgänge bedingt. Letztere
werden, insofern sie bestimmt sind, das Innere Anderen sinnlich
wahrnehmbar zu machen, je nach der Verschiedenheit der Sinne
verschiedenartige (hörbare, sichtbare, tastbare etc.) sein können,
da die Gemüthsvorgänge, zu deren Versinnlichung für Andere sie dienen
sollen, verschiedene (Empfindungen, Anschauungen, Begriffe, aber
auch Gefühle und Willensacte) sind, je nach der Art dieser letzteren
andere sein müssen. Jener Umstand erzeugt die Laut- und Tonsprache,
die zur Bezeichnung hörbare, die Schrift- und Geberdensprache, die
zur Bezeichnung sichtbare, die monumentale oder Gedenksprache, die
zur Bezeichnung tastbare Zeichen verwendet. Von diesem Gesichtspunkt
aus lässt sich die Sprache des Gedankens von jener des Gefühls und
des Willens unterscheiden. Von den drei letztgenannten verwendet
die Sprache der Vorstellung meist hörbare, als (chinesische und
mexikanische) Bilderschrift aber auch sichtbare Zeichen, wobei auf die
Beschaffenheit der zu verkörpernden Vorstellungen Rücksicht genommen
wird. Sind dieselben z. B. Empfindungen (Farben- oder Tonempfindungen),
so können dieselben nur dadurch Anderen mitgetheilt werden, dass man
die ihnen entsprechenden Sinnesreize erzeugt d. h. durch Töne (Musik)
und Farben (Colorit). Sind dieselben sinnliche Vorstellungen, deren
Objecte in der Erfahrung gegeben sind, so können dieselben Anderen
mitgetheilt werden, entweder indem jene Objecte ihnen selbst vor Augen
geführt (demonstrirt) oder statt der Gegenstände selbst deren Bild zur
Anschauung gebracht wird (Bilderschrift, Anschauungsunterricht). Sind
sie dagegen Begriffe, also solche Vorstellungen, deren Objecte in
der Erfahrung nicht angetroffen werden, die also auch nicht durch
die letzteren oder deren Bilder sichtbar gemacht werden können, so
bleibt nur übrig, entweder jene Begriffe durch sinnliche Vorstellungen
(Symbole) zu ersetzen und sodann diese durch ihre Gegenstände oder
deren Bilder sichtbar zu machen, oder zu deren Bezeichnung hörbare
Zeichen zu wählen (Lautsprache). Letztere selbst werden entweder so
gewählt, dass sie mit dem Gegenstand der zu bezeichnenden Vorstellung
eine Aehnlichkeit haben oder doch an diesen erinnern (Onomatopöïen,
natürliche Lautsprache) oder, wenn dies nicht der Fall ist, willkürlich
festgesetzt (conventionelle Lautsprache). Die Sprache des Gefühls
verwendet sowol hörbare als sichtbare Zeichen; unter jenen nehmen die
Freuden- und Schmerzenslaute (Interjectionen), so wie die Anwendung
gewisser Rede- und Begrüssungsformeln, um bestimmte Gefühle (Ehrfurcht
oder Verachtung, Liebe oder Hass etc.) auszudrücken, unter diesen
Lachen und Weinen als Zeichen der Freude und der Trauer, aber auch
Geberden und Stellungen, welche bestimmt sind, gewisse Gefühle (der
Anbetung, der Unterwerfung, der Freundschaft oder deren Gegentheile)
zu veranschaulichen, ihre Stelle ein. Auch diese zerfallen, je nachdem
dieselben ohne Erklärung jedermann verständlich, oder nur innerhalb
eines bestimmten Kreises üblich sind, in natürliche (Natursprache des
Gefühls) und künstliche (conventionelle Gefühlssprache). Die Sprache
des Willens endlich, die Handlung bedient sich als Materials ihrer
Aeusserungen des eigenen Leibes und der Organe desselben, entweder des
tönenden (Stimmorgan), um sich hörbar (Befehl), oder der Gliedmassen,
um sich sichtbar (Armschwenkung als Commandozeichen), oder dessen
physischer Kraft, um sich tastbar (Schub, Stoss, Schlag) vernehmlich zu
machen, wobei auch diese Zeichen in natürliche (Erhebung der Stimme,
des Stockes) und künstliche (Handschlag als Einwilligungszeichen,
Anstecken des Ringes als Vermählungszeichen etc.) sich sondern.
370. Mittheilbarkeit und Verständlichkeit der Zeichen würden
nicht ausreichen, wenn die räumlichen und zeitlichen Verhältnisse
nicht derart beschaffen wären, dass deren Gebrauch zu gegenseitiger
Verständigung sein Ziel zu erreichen vermag. Zu diesem Zweck dürfen
diejenigen, durch deren Verständigung unter einander ein allen
gemeinsames Bewusstsein zu Stande kommen soll, weder räumlich noch
zeitlich so durchgreifend von einander geschieden, noch so weit von
einander entfernt sein, dass die Mittheilung durch (hörbare, sichtbare,
tastbare) Zeichen unmöglich wird. Dieselben dürfen daher weder
durchaus verschiedenen Welten (z. B. die einen der erfahrungsmässigen
dreidimensionalen, die andern einer vorgeblichen vierdimensionalen
Raumwelt) angehören, noch innerhalb derselben Welt räumlich und
zeitlich so weit aus einander liegen, dass eine, sei es räumliche
Berührung, sei es zeitliche Ueberlieferung, wo nicht aufgehoben,
doch in äusserstem Grade erschwert und dadurch ihrem Gehalte nach
bis zum Unmerklichen herabgeschwächt wird. In ersterer Hinsicht wird
die Entstehung eines Vielen gemeinsamen Bewusstseins erleichtert
durch deren Anwesenheit innerhalb eines Allen gemeinsamen Raumes und
vermittelt durch ein Generationen überdauerndes und von Geschlecht
zu Geschlecht sich fortpflanzendes, sei es mündlich (Tradition), sei
es schriftlich (Literatur) aufbewahrtes Gedankencapital. Wie durch
die Gemeinsamkeit des Bodens, auf dem die Vereinigung Mehrerer zur
Einheit erwächst (z. B. der gemeinsamen Heimat) die Genesis eines
gemeinsamen Bewusstseinsinhalts durch den Umstand begünstigt wird,
dass die Umgebung für alle dieselbe, also auch der aus dieser stammende
Anschauungskreis, welcher die Grundlage aller spätern Vorstellungs-
und Begriffsbildung ausmacht, bei allen der nämliche ist, so wird
den Nachkommen durch stillschweigendes Herkommen und unwillkürliche
Gewöhnung ein von Geschlecht zu Geschlecht sich ansammelnder Vorrath
von Begriffen, Gebräuchen und Gesetzen von den Eltern her gleichsam
angeerbt und von ihnen ihrerseits den Enkeln hinterlassen. Folge
davon ist, dass sich der Besonderheit der räumlichen und zeitlichen
Verhältnisse, so wie der Verständigungsmittel, unter welchen das
Mehreren gemeinsame Bewusstsein sich entwickelt, entsprechend,
letzteres selbst und damit die Vereinigung Mehrerer, innerhalb welcher
es heimisch ist, eine besondere, nur dieser Vereinigung von Individuen
eigenthümliche Färbung annimmt, und dadurch nicht nur selbst, mit
dem Allgemeinbewusstsein einer andern "Gesellschaft" verglichen,
einen individuellen Charakter trägt, sondern auch der Gesellschaft
selbst, deren Eigenthum es ist, das Gepräge einer (gesellschaftlichen)
Individualität verleiht.
371. Was die physikalischen Atome für die physischen, die primitiven
Bewusstseinsacte für die psychischen, das sind die "sociabeln"
Individuen für die socialen Gebilde. Wie jene zusammengenommen
den Stoff aller körperlichen, die primitiven Empfindungen das
Material aller Bewusstseinsphänomene, so machen die mit Bewusstsein
ausgerüsteten Individuen die Basis aller gesellschaftlichen
Vereinigungen aus. Als solche werden dieselben dem Gesichtspunkt der
quantitativen Atomistik entsprechend als unter einander ursprünglich
eben so gleichartig gedacht wie die Atome in der Physik, die primitiven
Empfindungen in der Psychologie. So wenig die beiden letztgenannten
selbst ein Gegenstand weder der äussern noch der innern Erfahrung sind,
sondern auf Grund der letztern durch einen Sprung über dieselbe hinaus
als deren unentbehrliche Grundlage vorausgesetzt werden, eben so wenig
werden bewusste Individuen vollkommen gleicher Beschaffenheit in der
(geschichtlichen) Erfahrung angetroffen, sondern wie jene als Annahme
der thatsächlich vorhandenen Ungleichheit der Individuen hypothetisch
untergelegt. Letztere macht es möglich, wie es die Physik mit den
Körpern, die Psychologie mit den Gebilden des Bewusstseins thut,
auch die verschiedenen "Gesellschaftskörper" (Corporationen) aus dem
Gesichtspunkt ihrer Zusammensetzung aus primitiven Elementen ("Atomen
der Gesellschaft") zu betrachten und je nach der Beschaffenheit
des dieselben mehr oder minder innig, mehr oder minder dauerhaft
zusammenhaltenden Bandes als eben so viele verschiedene Ordnungen
socialen Zusammenseins anzusehen.
372. Die erste und unterste derselben ist diejenige, bei welcher
die qualitative Gleichheit oder Verschiedenheit der zu einem Ganzen
verbundenen Individuen gleichgiltig, das sie verknüpfende Band von
derselben unabhängig ist, der Grund der Vereinigung daher eben so
gut innerhalb der allen gemeinsamen Beschaffenheit ihrer Natur, wie
gänzlich ausserhalb der Natur derselben in einem dieser zufälligen
Umstände gelegen sein kann. Ersterer Art sind alle aus der allen
Menschen ohne Unterschied eigenen physischen und psychischen
Beschaffenheit (z. B. dem Bedürfniss nach Nahrung, nach Schutz,
nach geselliger Unterhaltung etc.) entspringenden Anlässe zur
Vereinigung, um deren willen schon Aristoteles den Menschen als "das
gesellige Thier" bezeichnet, und aus welchen Hugo Grotius den von
ihm sogenannten "Geselligkeitstrieb", so wie Hobbes das im "Kriege
Aller gegen Alle" erwachende Schutzbedürfniss der Schwächern als Motiv
gesellschaftlicher Vereinigung besonders hervorgehoben hat. Letzterer
Art ist das absichtslos, ja selbst wider die Absicht herbeigeführte
Zusammensein Mehrerer an demselben Orte und zu derselben Zeit
(z. B. Schiffbrüchiger auf einer einsamen Insel, welche sie nöthigt,
oder ihnen Gelegenheit gibt, sei es wider, sei es mit ihrem Willen
unter einander in gesellige Verbindung zu treten). Verbindungen der
Art, welche entweder, wie die letztgenannten zufälligen, kein oder,
wie überall dort, wo es sich um die blos vorübergehende Befriedigung
eines (wenngleich in der allgemeinen Menschennatur gegründeten,
also in anderer Form stets wiederkehrenden) Bedürfnisses handelt, ein
gleichfalls nur augenblickliches Interesse der Einzelnen zur Ursache
haben, sind dieser ihrer Natur nach die häufigsten, weil sie immer
wieder von neuem durch Zufall oder durch die Wiederkehr desselben
Bedürfnisses entstehen, aber eben so zufällig wie nach eingetretener
Befriedigung sofort wieder vergehen können und werden. Das zunächst
liegende Beispiel liefern die sogenannten geselligen Zusammenkünfte,
deren Beweggrund lediglich in dem augenblicklichen Bedürfniss
des Zeitvertreibs, oder die ebenso zahlreichen als mannigfaltigen
Associationen, deren Ziel auf gemeinsam durchzusetzende Zwecke der
Ersparung, des Erwerbes, des Gewinns, der Sicherung und Versicherung
des Lebens und Eigenthums u. s. w. gerichtet ist. Insofern dieselben
nichts weiter sind als vorübergehende, durch das Band eines äusseren
Zwecks, aber auch nur durch dieses zusammengehaltene Aggregate
einander im übrigen persönlich durchaus gleichgiltiger Individuen,
lassen sie sich mit nur mechanisch zusammengesetzten Körpern
vergleichen, deren zeitweiliger Cohäsionszustand von der geringeren
oder grösseren Anziehung zwischen den Atomen und deren Dauer von
jener des sie zusammenhaltenden äusseren Druckes bedingt ist. Wie
die letztern desto schwerer beweglich sind, je ungleichartiger,
dagegen desto leichter, je gleichartiger ihre Bestandtheile sind,
so erscheinen gesellige Vereinigungen "schwerflüssig", wenn sie aus
ungleichartigen Individuen zusammengewürfelt, dagegen "leicht in Fluss
zu bringen", wenn ihre Mitglieder der Stimmung, dem Stande und dem
Streben nach gleichgeartet sind. Sogenannte Actiengesellschaften,
deren Theilnehmerschaft weder an persönliche Mitwirkung, noch an
ein Andere übertreffendes Mass der Betheiligung, sondern lediglich
an den Besitz einer mit jeder andern gleichwerthigen, gleichgiltig
von Hand zu Hand wandernden Actie geknüpft ist, stellen die loseste,
gleichsam "luft- oder gasförmige" Form der Gesellschaft zur Schau,
deren Mitglieder einander eben so fremd und fern wie die in weiten
Distanzen von einander befindlichen, in steter Abstossung gegen
einander begriffenen ruhelos beweglichen Molecüle eines Gases stehen.
373. Wird die qualitative Beschaffenheit der Gesellschaftsatome
berücksichtigt, so entsteht jene zweite Ordnung geselliger
Corporationen, die man dem chemisch zusammengesetzten Körper
vergleichen kann. Wie durch die Verschmelzung homogener Atome der
chemisch einfache, durch die Complication qualitativ verschiedener
Stoffe der chemisch zusammengesetzte Körper, so entstehen auf
Grund der Beschaffenheit der Gesellschaftselemente zwei Arten von
Corporationen, deren eine Verbindungen qualitativ gleichartiger,
die andere ungleichartiger Individuen umfasst. Zu jenen gehört, wenn
dieselbe blos gesellige Zwecke verfolgt, die sogenannte "Männer-"
oder "Frauen-", zu diesen die "gemischte Gesellschaft", ferner,
wenn jene aus Personen desselben Alters, Berufs, Standes besteht,
die Alters-, Berufs-, Zunft- und Standesgenossenschaft: zu diesen,
wenn sie aus Personen verschiedener Berufe und Stände gemengt ist,
die sogenannte bürgerliche Gesellschaft, wenn sie auf dem Grunde der
geschlechtlichen Beschaffenheit beruht, die Freundschaft zwischen
Personen desselben (männlichen oder weiblichen), die Liebe zwischen
Personen entgegengesetzten Geschlechts. Findet dieselbe ihren Halt
im Bewusstsein gegenseitiger Bluts- oder Gesinnungsgemeinschaft, so
bildet sich diejenige Gruppe gesellschaftlicher Zusammengehörigkeit,
welche als physische (Bluts-) Einheit, da sie im Gegensatz zur
Familie aus einander dem Grade nach gleichstehenden Gliedern
besteht, Verwandtschaft (Sippe), als psychische (Geistes-) Einheit
im Gegensatz zur Schule, da sie einander dem geistigen Range nach
gleich hoch stehende Mitglieder begreift, Jüngerschaft (Wissens-
oder Glaubensgemeinde) heisst. Da der Grund der Vereinigung in den
genannten Fällen nicht in einem vorübergehenden Zweck, sondern in der
bleibenden, sei es leiblichen, sei es geistigen Beschaffenheit der
Gesellschaftsglieder gelegen ist, so kann nicht nur, sondern muss
dieselbe (Ausnahmsfälle abgerechnet) so lange bestehen, als jene
Beschaffenheit unverändert bleibt, also z. B. die geschlechtliche
Basis der Liebe sich nicht durch Naturvorgänge in eine geschlechtlose
verkehrt oder das geistige Band des Jüngerthums durch den Abfall vom
Glauben zerschnitten wird.