364. Wie in der physischen, so auch in der psychischen Welt ist

die zweite Art der wirklich vor sich gehenden Veränderung ein

Formwechsel. Wie der feste Körper in flüssigen und luftförmigen,

so kann das Bewusstseinsgebilde aus dem lockeren Zustand blosser

Complication in den inniger Verschmelzung homogener Elemente

übergehen. Wie der chemische Körper in Folge der Anziehung

wahlverwandter Elemente Bestandtheile abgibt und andere an

sich zieht, so wird durch die Verschmelzung identischer und die

Ausstossung sich unter einander ausschliessender Bestandtheile

einer-, durch die Verbindung bis dahin unverbundener Bestandtheile

andererseits die Form der Bewusstseinsgebilde verändert, werden im

ersteren Fall aus sinnlichen Vorstellungen durch Abstraction der

gemeinsamen Bestandtheile Gemeinbilder (Begriffe), im letzteren

Fall durch Combination bisher getrennter, obgleich mit einander

verträglicher Bestandtheile durch die Erfahrung gegebener sinnlicher

Vorstellungen neue durch die Erfahrung nicht gegebene sinnliche Bilder

(Phantasievorstellungen) hervorgebracht. Wie endlich die Formen der

Organismen durch organische Transmutation der Arten und Gattungen im

Pflanzen- wie im Thierreich in einander übergehen, so werden aus den

ursprünglich auf Grund von Anschauungen entstandenen Begriffen durch

fortgesetzte Abstraction höchste und allgemeinste Begriffe (Kategorien)

und wird durch fortgesetzte Combinationen sinnlicher Erfahrungselemente

eine neue erfundene Welt voll sinnlich anschaulicher Lebendigkeit

(Phantasiewelt) gewonnen. Während aber in der physischen Welt die

Erfahrung den Beweis für den Uebergang der unorganischen in die

organische und dieser in die bewusste Form bisher schuldig geblieben

ist, tritt im Bewusstseinsleben die Abhängigkeit der beiden scheinbar

fundamental verschiedenen Classen von Bewusstseinsphänomenen, der

Gefühle und der Bestrebungen, von jener der Vorstellungen offen an

den Tag, indem sowol die Gefühle wie die Strebungen sich nicht als

gattungsmässig verschiedene Vorgänge, sondern als blosse Zustände

der Vorstellungen herausgestellt haben.

365. Die dritte Art des wirklichen Geschehens ist der

Stoffwechsel. Derselbe bildet den Abschluss der physischen Welt,

indem der Reiz (der extensive physische) sich in Empfindung (den

intensiven psychischen Zustand) umsetzt d. h. der reale sich in einen

Bewusstseinsvorgang verwandelt. Derselbe bildet den Abschluss der

psychischen Welt, indem der intensive psychische (Vorstellung, Gefühl,

Wollen) sich in einen extensiven physischen Zustand (Lautsprache,

Geberdensprache, Handlung) umsetzt und so der Bewusstseinsvorgang

in einen realen Vorgang sich verwandelt. Wie dort die Bewegung

der Moleculartheilchen des Nervensystems als Empfindung in das

Bewusstsein, so wird hier der Gedanke durch den tönenden Laut

des Worts, das Gefühl durch den sichtbaren Ausdruck der Miene, der

Wille durch die von ihm veranlasste Bewegung des eigenen und dadurch

mittelbar eines oder mehrerer fremder Körper wieder in die materielle

d. i. in die Körperwelt aufgenommen, indem die durch das Stimmorgan

schallend bewegte atmosphärische Luft als Verkörperung des Gedankens,

die unwillkürlich veränderte oder (im Affect) verzogene Physiognomie

als Verleiblichung des Gemüths, die durch Muskelbewegung der eigenen

Leibesglieder bewegte Verschiebung der anstossenden Nachbarkörper

als sich bethätigende Aeusserung des eigenen Willens erscheint. Die

erste als hörbares Zeichen für die Vorstellung liefert das Werkzeug

für die Bewahrung und Mittheilung der Gedankenwelt und als solche die

Grundlage der Sprache. Die zweite als sichtbares Zeichen für das im

Innern lebendige Gefühl liefert das Material zur Veranschaulichung des

Anderen (Höheren, Niederen oder Gleichen) gegenüber vorhandenen oder

doch vorhanden zu sein scheinenden Gefühls und bildet als solches die

Grundlage der Sitte. Die dritte als physischer Ausdruck des entweder

wirklich oder doch dem Anschein nach vorhandenen Wollens liefert

den greifbaren Stoff zur Beurtheilung des gegen Andere beobachteten

streitsüchtigen oder friedlichen Verhaltens und bildet als solcher die

Grundlage des Rechts. Indem das individuelle Ich auf diese Weise sein

Inneres nach aussen kehrt, die Vorgänge seines Bewusstseins in Reden,

Geberden und Thaten umsetzt und dadurch für andere seinesgleichen

hörbar, sichtbar und greifbar macht, wird dasselbe aus einem

vereinzelten zum sociabeln d. i. des geselligen Zusammenseins mit

Anderen fähigen und dadurch in Vereinigung mit diesen zur Grundlage

eines Mehreren gemeinsamen d. i. des Social-Ichs.

366. Wie die Gesammtheit der Weltkörper und ihrer "Parasiten" den

physischen Kosmos, so macht die Gesammtheit der im individuellen

Bewusstsein während der gesammten Fortdauer desselben vertheilten

Bewusstseinsgebilde (Empfindungen, Anschauungen, Begriffe, Gefühle,

Begehrungen und Willensacte), soweit dieselben der innern Erfahrung

zugänglich sind, in ihren gegenseitigen Beziehungen zu und ihrer

relativen Abhängigkeit von einander, von den primitiven, namenlosen

Bewusstseinsacten, deren jedem ein ebenso anonymer Nervenreiz oder eine

unmerkliche Transversalschwingung des Weltäthers entspricht, bis zu

den höchsten und ausgearbeiteten des abstracten Allgemeinbegriffs,

des verfeinerten Geschmacksurtheils und des der empfindlichsten

Gewissensstimme willig gehorchenden Willensentschlusses herauf

die Seelenwelt des Individuums aus. Wie dort die Totalität

des physischen Geschehens die Naturgeschichte des Weltalls, so

stellt hier der Inbegriff des im individuellen Bewusstsein nach

unveränderlichen Naturgesetzen sich vollziehenden Geschehens, von

der Wechselwirkung zwischen den primitiven Bewusstseinsacten bis zu

der logischen Verbindung von Anschauungen zu Begriffen, Begriffen zu

Urtheilen, Urtheilen zu Schlüssen, Schlüssen zu Gedankensystemen und

dieser, wenn ihr Inhalt es gestattet, zu einem sie alle umfassenden

Universalsystem einer-, von den leisesten Regungen der Lust und Unlust

bis zu Entzücken und Jammer und den verheerenden Stürmen affectvoller

Gemüthserschütterung, von sinnlichen Gelüsten und kindischen Wünschen

bis zu sittlichen Entschliessungen und männlichen Thaten andererseits

herauf, soweit dasselbe der innern Erfahrung zugänglich ist, den

Entwickelungsprocess des Bewusstseins, die Naturgeschichte der

Seele dar.

DRITTES CAPITEL.

DAS SOCIAL-ICH.

367. Wie mit der Einkehr des anziehend oder abstossend nach aussen

gewandten einfachen Wirklichen in sich selbst die Möglichkeit des

individuellen, so ist mit der Auskehr des Innern in Rede, Geberde

und Handlung die Möglichkeit eines Mehreren gemeinsamen Bewusstseins

gegeben. Letzteres kann nicht bedeuten, dass in Mehreren dasselbe,

sondern nur dass in Mehreren ein gleiches Bewusstsein oder, was

dasselbe ist, dass der Inhalt des jeweiligen individuellen Bewusstseins

Mehrerer das gleiche, dieses Bewusstsein selbst aber nichts desto

weniger bei jedem das eigene sei. Identität des Bewusstseins

in dem Sinne, dass dasselbe Bewusstsein in Allen sei, würde die

Individualität der Einzelnen in den blossen Schein einer solchen

verwandeln, das Bewusstsein des Einzelnen in einen Bewusstseinsact

des in Allen identischen Allgemeinbewusstseins auflösen. Letzteres

darf daher nicht als Substanz, zu welcher die Einzelbewusstsein wie

vorübergehende modi sich verhalten, sondern muss als Summe der in

Mehreren gleichen d. i. dem Inhalt, nicht der Zahl nach eins seienden

Bewusstseinsacte gedacht werden. Die Einzelbewusstsein, welche

zusammengenommen die Voraussetzung eines ihnen allen gemeinsamen

Bewusstseins ausmachen, sind ihrer realen Basis nach so wenig eins,

dass derselbe Bewusstseinsinhalt in dem einen mit grösserer, in dem

andern mit geringerer Lebhaftigkeit, dort mit völliger Klarheit, hier

im ungewissen Dunkel vorhanden sein kann, ohne dass derselbe aufhört,

jenem mit diesem gemein und dadurch ein integrirender Bestandtheil

des gemeinsamen Bewusstseins, der "Volksseele" zu sein.

368. Niemals darf die letztgenannte als eine von den "Seelen" der

Angehörigen des Volks real unterschiedene, gleichsam als eine Seele

vor, neben oder über den ihrigen gedacht werden. Dieselbe stellt nichts

weiter als den mit einem Namen bezeichneten Inbegriff dessen dar,

worin alle Volksangehörigen als vorstellende, fühlende und strebende

Wesen mit einander dauernd übereinstimmen d. h. was abgesehen von

den Privat- und individuellen Meinungen, Geschmäcken und Gelüsten

jedes Einzelnen den bleibenden und Allen gemeinsamen Bestandtheil

ihres Fürwahrhaltens, Werthhaltens und Anstrebens ausmacht.

369. Weil nun jeder Versuch, über die Gemeinsamkeit des Inhaltes

individuell verschiedener Einzelbewusstsein ein Urtheil zu fällen,

nicht nur voraussetzt, dass dieser Inhalt selbst äusserlich

wahrnehmbar, sondern auch dass er Anderen verständlich sei, so

folgt, dass die Entstehung einer auf das Bewusstsein gemeinsamen

Bewusstseinsinhaltes gegründeten Vereinigung Mehrerer zur Einheit

die Möglichkeit gegenseitig verständlicher Mittheilung durch Allen

gemeinsame äussere Zeichen der inneren Vorgänge bedingt. Letztere

werden, insofern sie bestimmt sind, das Innere Anderen sinnlich

wahrnehmbar zu machen, je nach der Verschiedenheit der Sinne

verschiedenartige (hörbare, sichtbare, tastbare etc.) sein können,

da die Gemüthsvorgänge, zu deren Versinnlichung für Andere sie dienen

sollen, verschiedene (Empfindungen, Anschauungen, Begriffe, aber

auch Gefühle und Willensacte) sind, je nach der Art dieser letzteren

andere sein müssen. Jener Umstand erzeugt die Laut- und Tonsprache,

die zur Bezeichnung hörbare, die Schrift- und Geberdensprache, die

zur Bezeichnung sichtbare, die monumentale oder Gedenksprache, die

zur Bezeichnung tastbare Zeichen verwendet. Von diesem Gesichtspunkt

aus lässt sich die Sprache des Gedankens von jener des Gefühls und

des Willens unterscheiden. Von den drei letztgenannten verwendet

die Sprache der Vorstellung meist hörbare, als (chinesische und

mexikanische) Bilderschrift aber auch sichtbare Zeichen, wobei auf die

Beschaffenheit der zu verkörpernden Vorstellungen Rücksicht genommen

wird. Sind dieselben z. B. Empfindungen (Farben- oder Tonempfindungen),

so können dieselben nur dadurch Anderen mitgetheilt werden, dass man

die ihnen entsprechenden Sinnesreize erzeugt d. h. durch Töne (Musik)

und Farben (Colorit). Sind dieselben sinnliche Vorstellungen, deren

Objecte in der Erfahrung gegeben sind, so können dieselben Anderen

mitgetheilt werden, entweder indem jene Objecte ihnen selbst vor Augen

geführt (demonstrirt) oder statt der Gegenstände selbst deren Bild zur

Anschauung gebracht wird (Bilderschrift, Anschauungsunterricht). Sind

sie dagegen Begriffe, also solche Vorstellungen, deren Objecte in

der Erfahrung nicht angetroffen werden, die also auch nicht durch

die letzteren oder deren Bilder sichtbar gemacht werden können, so

bleibt nur übrig, entweder jene Begriffe durch sinnliche Vorstellungen

(Symbole) zu ersetzen und sodann diese durch ihre Gegenstände oder

deren Bilder sichtbar zu machen, oder zu deren Bezeichnung hörbare

Zeichen zu wählen (Lautsprache). Letztere selbst werden entweder so

gewählt, dass sie mit dem Gegenstand der zu bezeichnenden Vorstellung

eine Aehnlichkeit haben oder doch an diesen erinnern (Onomatopöïen,

natürliche Lautsprache) oder, wenn dies nicht der Fall ist, willkürlich

festgesetzt (conventionelle Lautsprache). Die Sprache des Gefühls

verwendet sowol hörbare als sichtbare Zeichen; unter jenen nehmen die

Freuden- und Schmerzenslaute (Interjectionen), so wie die Anwendung

gewisser Rede- und Begrüssungsformeln, um bestimmte Gefühle (Ehrfurcht

oder Verachtung, Liebe oder Hass etc.) auszudrücken, unter diesen

Lachen und Weinen als Zeichen der Freude und der Trauer, aber auch

Geberden und Stellungen, welche bestimmt sind, gewisse Gefühle (der

Anbetung, der Unterwerfung, der Freundschaft oder deren Gegentheile)

zu veranschaulichen, ihre Stelle ein. Auch diese zerfallen, je nachdem

dieselben ohne Erklärung jedermann verständlich, oder nur innerhalb

eines bestimmten Kreises üblich sind, in natürliche (Natursprache des

Gefühls) und künstliche (conventionelle Gefühlssprache). Die Sprache

des Willens endlich, die Handlung bedient sich als Materials ihrer

Aeusserungen des eigenen Leibes und der Organe desselben, entweder des

tönenden (Stimmorgan), um sich hörbar (Befehl), oder der Gliedmassen,

um sich sichtbar (Armschwenkung als Commandozeichen), oder dessen

physischer Kraft, um sich tastbar (Schub, Stoss, Schlag) vernehmlich zu

machen, wobei auch diese Zeichen in natürliche (Erhebung der Stimme,

des Stockes) und künstliche (Handschlag als Einwilligungszeichen,

Anstecken des Ringes als Vermählungszeichen etc.) sich sondern.

370. Mittheilbarkeit und Verständlichkeit der Zeichen würden

nicht ausreichen, wenn die räumlichen und zeitlichen Verhältnisse

nicht derart beschaffen wären, dass deren Gebrauch zu gegenseitiger

Verständigung sein Ziel zu erreichen vermag. Zu diesem Zweck dürfen

diejenigen, durch deren Verständigung unter einander ein allen

gemeinsames Bewusstsein zu Stande kommen soll, weder räumlich noch

zeitlich so durchgreifend von einander geschieden, noch so weit von

einander entfernt sein, dass die Mittheilung durch (hörbare, sichtbare,

tastbare) Zeichen unmöglich wird. Dieselben dürfen daher weder

durchaus verschiedenen Welten (z. B. die einen der erfahrungsmässigen

dreidimensionalen, die andern einer vorgeblichen vierdimensionalen

Raumwelt) angehören, noch innerhalb derselben Welt räumlich und

zeitlich so weit aus einander liegen, dass eine, sei es räumliche

Berührung, sei es zeitliche Ueberlieferung, wo nicht aufgehoben,

doch in äusserstem Grade erschwert und dadurch ihrem Gehalte nach

bis zum Unmerklichen herabgeschwächt wird. In ersterer Hinsicht wird

die Entstehung eines Vielen gemeinsamen Bewusstseins erleichtert

durch deren Anwesenheit innerhalb eines Allen gemeinsamen Raumes und

vermittelt durch ein Generationen überdauerndes und von Geschlecht

zu Geschlecht sich fortpflanzendes, sei es mündlich (Tradition), sei

es schriftlich (Literatur) aufbewahrtes Gedankencapital. Wie durch

die Gemeinsamkeit des Bodens, auf dem die Vereinigung Mehrerer zur

Einheit erwächst (z. B. der gemeinsamen Heimat) die Genesis eines

gemeinsamen Bewusstseinsinhalts durch den Umstand begünstigt wird,

dass die Umgebung für alle dieselbe, also auch der aus dieser stammende

Anschauungskreis, welcher die Grundlage aller spätern Vorstellungs-

und Begriffsbildung ausmacht, bei allen der nämliche ist, so wird

den Nachkommen durch stillschweigendes Herkommen und unwillkürliche

Gewöhnung ein von Geschlecht zu Geschlecht sich ansammelnder Vorrath

von Begriffen, Gebräuchen und Gesetzen von den Eltern her gleichsam

angeerbt und von ihnen ihrerseits den Enkeln hinterlassen. Folge

davon ist, dass sich der Besonderheit der räumlichen und zeitlichen

Verhältnisse, so wie der Verständigungsmittel, unter welchen das

Mehreren gemeinsame Bewusstsein sich entwickelt, entsprechend,

letzteres selbst und damit die Vereinigung Mehrerer, innerhalb welcher

es heimisch ist, eine besondere, nur dieser Vereinigung von Individuen

eigenthümliche Färbung annimmt, und dadurch nicht nur selbst, mit

dem Allgemeinbewusstsein einer andern "Gesellschaft" verglichen,

einen individuellen Charakter trägt, sondern auch der Gesellschaft

selbst, deren Eigenthum es ist, das Gepräge einer (gesellschaftlichen)

Individualität verleiht.

371. Was die physikalischen Atome für die physischen, die primitiven

Bewusstseinsacte für die psychischen, das sind die "sociabeln"

Individuen für die socialen Gebilde. Wie jene zusammengenommen

den Stoff aller körperlichen, die primitiven Empfindungen das

Material aller Bewusstseinsphänomene, so machen die mit Bewusstsein

ausgerüsteten Individuen die Basis aller gesellschaftlichen

Vereinigungen aus. Als solche werden dieselben dem Gesichtspunkt der

quantitativen Atomistik entsprechend als unter einander ursprünglich

eben so gleichartig gedacht wie die Atome in der Physik, die primitiven

Empfindungen in der Psychologie. So wenig die beiden letztgenannten

selbst ein Gegenstand weder der äussern noch der innern Erfahrung sind,

sondern auf Grund der letztern durch einen Sprung über dieselbe hinaus

als deren unentbehrliche Grundlage vorausgesetzt werden, eben so wenig

werden bewusste Individuen vollkommen gleicher Beschaffenheit in der

(geschichtlichen) Erfahrung angetroffen, sondern wie jene als Annahme

der thatsächlich vorhandenen Ungleichheit der Individuen hypothetisch

untergelegt. Letztere macht es möglich, wie es die Physik mit den

Körpern, die Psychologie mit den Gebilden des Bewusstseins thut,

auch die verschiedenen "Gesellschaftskörper" (Corporationen) aus dem

Gesichtspunkt ihrer Zusammensetzung aus primitiven Elementen ("Atomen

der Gesellschaft") zu betrachten und je nach der Beschaffenheit

des dieselben mehr oder minder innig, mehr oder minder dauerhaft

zusammenhaltenden Bandes als eben so viele verschiedene Ordnungen

socialen Zusammenseins anzusehen.

372. Die erste und unterste derselben ist diejenige, bei welcher

die qualitative Gleichheit oder Verschiedenheit der zu einem Ganzen

verbundenen Individuen gleichgiltig, das sie verknüpfende Band von

derselben unabhängig ist, der Grund der Vereinigung daher eben so

gut innerhalb der allen gemeinsamen Beschaffenheit ihrer Natur, wie

gänzlich ausserhalb der Natur derselben in einem dieser zufälligen

Umstände gelegen sein kann. Ersterer Art sind alle aus der allen

Menschen ohne Unterschied eigenen physischen und psychischen

Beschaffenheit (z. B. dem Bedürfniss nach Nahrung, nach Schutz,

nach geselliger Unterhaltung etc.) entspringenden Anlässe zur

Vereinigung, um deren willen schon Aristoteles den Menschen als "das

gesellige Thier" bezeichnet, und aus welchen Hugo Grotius den von

ihm sogenannten "Geselligkeitstrieb", so wie Hobbes das im "Kriege

Aller gegen Alle" erwachende Schutzbedürfniss der Schwächern als Motiv

gesellschaftlicher Vereinigung besonders hervorgehoben hat. Letzterer

Art ist das absichtslos, ja selbst wider die Absicht herbeigeführte

Zusammensein Mehrerer an demselben Orte und zu derselben Zeit

(z. B. Schiffbrüchiger auf einer einsamen Insel, welche sie nöthigt,

oder ihnen Gelegenheit gibt, sei es wider, sei es mit ihrem Willen

unter einander in gesellige Verbindung zu treten). Verbindungen der

Art, welche entweder, wie die letztgenannten zufälligen, kein oder,

wie überall dort, wo es sich um die blos vorübergehende Befriedigung

eines (wenngleich in der allgemeinen Menschennatur gegründeten,

also in anderer Form stets wiederkehrenden) Bedürfnisses handelt, ein

gleichfalls nur augenblickliches Interesse der Einzelnen zur Ursache

haben, sind dieser ihrer Natur nach die häufigsten, weil sie immer

wieder von neuem durch Zufall oder durch die Wiederkehr desselben

Bedürfnisses entstehen, aber eben so zufällig wie nach eingetretener

Befriedigung sofort wieder vergehen können und werden. Das zunächst

liegende Beispiel liefern die sogenannten geselligen Zusammenkünfte,

deren Beweggrund lediglich in dem augenblicklichen Bedürfniss

des Zeitvertreibs, oder die ebenso zahlreichen als mannigfaltigen

Associationen, deren Ziel auf gemeinsam durchzusetzende Zwecke der

Ersparung, des Erwerbes, des Gewinns, der Sicherung und Versicherung

des Lebens und Eigenthums u. s. w. gerichtet ist. Insofern dieselben

nichts weiter sind als vorübergehende, durch das Band eines äusseren

Zwecks, aber auch nur durch dieses zusammengehaltene Aggregate

einander im übrigen persönlich durchaus gleichgiltiger Individuen,

lassen sie sich mit nur mechanisch zusammengesetzten Körpern

vergleichen, deren zeitweiliger Cohäsionszustand von der geringeren

oder grösseren Anziehung zwischen den Atomen und deren Dauer von

jener des sie zusammenhaltenden äusseren Druckes bedingt ist. Wie

die letztern desto schwerer beweglich sind, je ungleichartiger,

dagegen desto leichter, je gleichartiger ihre Bestandtheile sind,

so erscheinen gesellige Vereinigungen "schwerflüssig", wenn sie aus

ungleichartigen Individuen zusammengewürfelt, dagegen "leicht in Fluss

zu bringen", wenn ihre Mitglieder der Stimmung, dem Stande und dem

Streben nach gleichgeartet sind. Sogenannte Actiengesellschaften,

deren Theilnehmerschaft weder an persönliche Mitwirkung, noch an

ein Andere übertreffendes Mass der Betheiligung, sondern lediglich

an den Besitz einer mit jeder andern gleichwerthigen, gleichgiltig

von Hand zu Hand wandernden Actie geknüpft ist, stellen die loseste,

gleichsam "luft- oder gasförmige" Form der Gesellschaft zur Schau,

deren Mitglieder einander eben so fremd und fern wie die in weiten

Distanzen von einander befindlichen, in steter Abstossung gegen

einander begriffenen ruhelos beweglichen Molecüle eines Gases stehen.

373. Wird die qualitative Beschaffenheit der Gesellschaftsatome

berücksichtigt, so entsteht jene zweite Ordnung geselliger

Corporationen, die man dem chemisch zusammengesetzten Körper

vergleichen kann. Wie durch die Verschmelzung homogener Atome der

chemisch einfache, durch die Complication qualitativ verschiedener

Stoffe der chemisch zusammengesetzte Körper, so entstehen auf

Grund der Beschaffenheit der Gesellschaftselemente zwei Arten von

Corporationen, deren eine Verbindungen qualitativ gleichartiger,

die andere ungleichartiger Individuen umfasst. Zu jenen gehört, wenn

dieselbe blos gesellige Zwecke verfolgt, die sogenannte "Männer-"

oder "Frauen-", zu diesen die "gemischte Gesellschaft", ferner,

wenn jene aus Personen desselben Alters, Berufs, Standes besteht,

die Alters-, Berufs-, Zunft- und Standesgenossenschaft: zu diesen,

wenn sie aus Personen verschiedener Berufe und Stände gemengt ist,

die sogenannte bürgerliche Gesellschaft, wenn sie auf dem Grunde der

geschlechtlichen Beschaffenheit beruht, die Freundschaft zwischen

Personen desselben (männlichen oder weiblichen), die Liebe zwischen

Personen entgegengesetzten Geschlechts. Findet dieselbe ihren Halt

im Bewusstsein gegenseitiger Bluts- oder Gesinnungsgemeinschaft, so

bildet sich diejenige Gruppe gesellschaftlicher Zusammengehörigkeit,

welche als physische (Bluts-) Einheit, da sie im Gegensatz zur

Familie aus einander dem Grade nach gleichstehenden Gliedern

besteht, Verwandtschaft (Sippe), als psychische (Geistes-) Einheit

im Gegensatz zur Schule, da sie einander dem geistigen Range nach

gleich hoch stehende Mitglieder begreift, Jüngerschaft (Wissens-

oder Glaubensgemeinde) heisst. Da der Grund der Vereinigung in den

genannten Fällen nicht in einem vorübergehenden Zweck, sondern in der

bleibenden, sei es leiblichen, sei es geistigen Beschaffenheit der

Gesellschaftsglieder gelegen ist, so kann nicht nur, sondern muss

dieselbe (Ausnahmsfälle abgerechnet) so lange bestehen, als jene

Beschaffenheit unverändert bleibt, also z. B. die geschlechtliche

Basis der Liebe sich nicht durch Naturvorgänge in eine geschlechtlose

verkehrt oder das geistige Band des Jüngerthums durch den Abfall vom

Glauben zerschnitten wird.

Anthroposophie im Umriss Entwurf eines Systems idealer Weltansicht auf realistischer Grundlage · 第 26 / 31 段